Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Monatsarchiv für Dezember, 2008

Sternstunden menschlichen Scheiterns

Von Rainer am 24. Dezember 2008 veröffentlicht

Sternstunden menschlichen Scheiterns

Als ich müde und ausgelaugt von der Arbeit nach Hause kam, die Tür wie ein Gnadenschuss ins Schloss fiel und das Gekeife der alten Bohrmann von gegenüber das einzige menschliche Geräusch war, das mich empfing, stand mein Entschluss fest: Ich wollte nicht länger alleine sein und die hellen wie auch die dunklen Seiten des Lebens mit einem andern Menschen teilen. Naturgemäß reift ein solcher Entschluss nicht über Nacht, und es war letztendlich meinem Freund Kalle zu verdanken, dass mir klar geworden war, wie unglücklich und frustriert ich doch war.

Wenn Sie mich fragen, ist Kalle ein Arsch.

Bitte fragen Sie mich doch endlich!

***

Am Abend zuvor, als wir Bierflaschen schneller geköpft hatten als die Girondisten während der Französischen Revolution ihre politischen Gegner, hatte sich Kalle in den Kopf gesetzt, mir seine Form der Lebenshilfe anzubieten. Mitunter ähnelten seine Ratschläge zwar eher passiver Sterbehilfe, aber wenn man dermaßen verzweifelt und frustriert ist, wie mir Kalle erfolgreich suggerierte, greift man bekanntlich nach jedem Strohhalm.

„Weißt du, was dein Problem ist?“, begann mein neuer Therapeut und setzte eine huldvolle Miene auf.

Ich erwiderte ein geistreiches „Nö“.

Kalle rülpste und stellte die Flasche zielsicher neben dem Bierdeckel ab, sodass die Glasplatte des Tisches ein erschrockenes „Pling!“ von sich gab. „Du bist zu anspruchsvoll.“

Das Wort „anspruchsvoll“ war ein bisschen schwer verständlich genuschelt. Dennoch konnte ich Kalles Ausführungen so klar und deutlich folgen, wie ein besoffenes Schaf dem Bellen eines asthmatischen Schäferhundes mit Minderwertigkeitskomplexen.

An den genauen Inhalt der darauf folgenden, guttural intonierten Worte kann ich mich nicht mehr entsinnen, jedoch an die Erklärungen meines Freundes: „Sagen wir´s doch, wie´s ist. Du bist kein Traumprinz. Aber du glaubst, du würdest eine Traumprinzessin verdienen. Ist doch so, ne?“

Kalle pflegt die meisten seiner Sätze mit einem „ne?“ abzuschließen. Was dem Maler seine Widmung, ist Kalle sein „ne?“.

Ich zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck aus der Flasche. So lange Schimpansen nicht gleichzeitig mit den Schultern zucken und Bier saufen können, sind wir unangefochten die Krone der Schöpfung.

„Schau, was war denn vorige Woche in der Disco?“

Der Hinweis, dass ich mich nach acht Flaschen Bier nicht einmal mehr daran erinnern könne, ob man erst den Reißverschluss öffnen und dann pullern muss, oder umgekehrt, war nicht nötig, denn der alte Pragmatiker Kalle setzte sofort nach: „Die eine Blonde, die dich nett angeguckt hat, hast du nicht mal beachtet. Dafür hast du dich gleich an die Tussi mit dem langen schwarzen Haaren rangemacht. Du meine Fresse! Die war ´ne größere Nummer für dich, als die Turnschuhe von ´nem Basketballer für ein Kind.“

Hm. Ja, doch, da war etwas Vergleichbares irgendwo im Gedächtnis abgespeichert. Während diffuse Bilder von einem peinlichen Korb, den mir besagte Schwarzhaarige gegeben hatte, in rascher Abfolge vor meinem Auge vorbeizogen, nuschelte Kalle der Ordnung halber ein „ne?“

„Da ist schon was dran“, sagte ich unverbindlich und erntete ein Kopfschütteln von meinem Freund.

„Wir kennen uns schon seit dem Gymnasium, Alter. Du bist mein bester Kumpel und ein echt prima Freund, ne? Mehr als ein Freund.“

Einen Moment lang befürchtete ich, dass Kalle mir gestehen würde, er hätte sich in mich verliebt.

„Ein Seelenpartner.“

Uff. Ich atmete auf und zog die nächste Flasche aus dem Bierkasten. Wenn schon ein männlicher Lebensgefährte, dann bitte einer, der wirklich hübsch ist. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen: Kalle hatte Recht – ich war zu anspruchsvoll!

„Und schau, ich würde dir doch keinen Floh ins Ohr setzen, wenn´s nicht wahr wäre“, setzte er ungerührt fort. „Die Wahrheit ist, dass du ziemlich deprimiert bist, seit du dich von Martina getrennt hast.“

Das war nicht ganz die Wahrheit, die mein Freund und Privat-Therapeut ausgesprochen hatte. Martina und ich hatten uns nicht einfach getrennt. Unter „trennen“ stelle ich mir so was vor, wie: „Ich geh jetzt!“

„Ja, ist wohl besser so, ne?“

„Ja. Tschüss. Vergiss nicht, den Müll runterzubringen.“

Sie hatte mich jedoch verlassen, obwohl ich wie ein Schoßhündchen geheult und gewinselt hatte. In meiner völligen Demut ihr gegenüber hätte ich mir sogar ohne Narkose die Eier abschneiden lassen. Die Unterbreitung dieses großzügigen Angebotes hatte sie auch nicht umgestimmt. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht.

„Kann schon sein“, presste ich mühsam hervor. „Aber was soll ich denn deiner Meinung nach tun?“

„Mensch, bist du wirklich so schwer von Begriff?“

Offensichtlich war ich das und signalisierte ihm durch mein Schweigen, dass ich nicht durchstieg.

„Na, such dir eine Freundin, die deine Kragenweite ist. Ne?“

Das Dach über meiner Wohnung verschwand auf ebenso geheimnisvolle Weise wie die Stockwerke drüber, der Himmel öffnete sich und spie tausend Englein mit goldbeschlagenen Trompeten aus, die sphärische Klänge von sich gaben und mich in einer transzendenten Wolke des Verstehens mit sich trugen. Ich war erleuchtet, dank Kalle, 37 Jahre alt, Wertpapierberater bei einer Bank, zwei Mal geschieden, ein Mal am Magen operiert, bei der Bundeswehr dank dubioser Atteste für untauglich erklärt und seit neuestem ein Lebenshilfe-Lexikon auf zwei Beinen, das mit Bier betrieben wurde. Das Leben ist nicht nur wunderbar, es ist auch wunderlich.

„Ach so“, sagte ich ein wenig enttäuscht. Ich hatte mir insgeheim ein paar buddhistische Binsenweisheiten erhofft, die es zwischen dem vierten Toilettengang und dem Brechreiz kurz vor Mitternacht zu lösen galt. Stattdessen bekam ich das Äquivalent zu „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“ um die Ohren gelallt.

Plötzlich beugte sich Kalle vor – möglicherweise hatte er auch bloß Gleichgewichtsstörungen und konnte nicht mehr gerade sitzen – und sagte: „Was glaubst du, wie ich meine letzte Freundin kennen gelernt habe?“

„Margarethe? Ist dir die nicht vom Zoo aus nachgelaufen, weil die Wärter den Käfig nicht richtig verschlossen hatten?“

„Ne, nicht Margarethe. Wie kommst´n auf Margarethe? Ich spreche von Luzia.“

Der Name sagte mir rein gar nichts. Aber ich kann mir auch unmöglich alle Freundinnen von Kalle merken. Niemand kann das. Vielleicht abgesehen von diesen indischen Rechenkünstlern, die zwanzigstellige Zahlen in einer Millisekunde addieren konnten.

„Pass auf – ich habe sie über eine Single-Börse im Internet kennen gelernt.“

Dabei blickte er mich auf eine Weise an, die unmissverständlich machte, dass er eine Antwort erwartete. „Aha.“

„Single-Börse, du verstehst? Das sind so Seiten, wo du- “

„Kalle“, unterbrach ich ihn, „ich verdiene mein Geld mit dem Erstellen von Webseiten. Ich weiß, was Single-Börsen sind.“

„Na, dann ist ja gut! Ich maile dir morgen den Link zu dieser Seite, ne? Haste noch ein Bier?“

***

Der Naseweise aus dem Abendland sprach: Ich weiß, was Single-Börsen sind.

Faktum war: Ich wusste gerade mal, dass es so etwas gab und sich jede Menge Psychopathen auf diesen Seiten tummelten. Diverse Sendungen im Fernsehen verstärkten den Verdacht, dass Kontakt-Börsen Plattformen für frustrierte und gescheiterte Existenzen waren.

Eigentlich war ich noch ziemlich benebelt vom gestrigen Abend und müde von der Arbeit. Neun Stunden lang mit dem Warten von Datenbanken und Beantworten nerviger Fragen von Kunden zu verbringen, stellt nicht gerade den ultimativen Nervenkitzel dar.

Während die Kaffeemaschine keuchend Wasser durch den Filter würgte, klickte ich auf den Link, den mir Kalle wie versprochen per E-Mail geschickt hatte. Anschauen kostet ja bekanntlich nur in der Peep-Show etwas.

„Die seriöse Partneragentur – Liebe auf den ersten Klick!“, versprach der Slogan vor dem romantischen, pinkfarbenen Hintergrund, der ein bisschen wie von Paulchen Panther hingekotzt aussah. Großspurig und aufgedonnert sprang mir „Mehr als eine Million Singles zum Verlieben!“ entgegen. Immerhin, das mochte stimmen: Es wurde ja nicht explizit behauptet, dass eine Million Singles auf dieser Webseite warteten. Irgendwo gab es ganz bestimmt eine Million Singles.

Ich holte mir eine Tasse Kaffee und meldete mich kurz entschlossen an. Eine Million und ein Single zum Verlieben.

Dass man einen Fragebogen ausfüllen musste, um sich quasi vorzustellen, leuchtete mir ein. Ich fühlte mich von der Länge und Ausführlichkeit dieses Fragebogens jedoch ein klein wenig überfordert. Schön: Name, Alter und Wohnort waren keine große Sache und beim Punkt „Geschlecht“ standen die Chancen Fifty-fifty, dass man ins Schwarze traf. Ah, aber dann: Man wollte wissen, welcher Religion ich angehörte, welche Ausbildung ich hinter mir hatte, mein ungefähres Einkommen pro Jahr … Wie bitte? War diese Partner-Börse etwa eine Scheinfirma des Finanzamts?

Nichtsdestotrotz riss ich mich zusammen, wie einer dieser Soldaten in den alten Western. „Durchhalten, Männer! Beißt die Zähne zusammen! Die Verstärkung kommt gleich!“

Ich muss jedoch zugeben, dass der Vergleich hinkt, denn Soldaten, Cowboys und Indianer in klassischen Western-Filmen benötigten keine Partner-Börsen. Die Cowboys wurden von den steilsten Hasen automatisch angemacht, die Soldaten waren immer verheiratet und die Indianer wurden ohnedies erschossen. Oh ja, früher war einfach alles besser und einfacher!

Meine Verzweiflung wuchs von Frage zu Frage und bestärkte mich in Kalles Ansicht, dass ich keine Traumprinzessin verdiente. Scheiße, ich war … Mittelmaß! Ich hatte nicht einmal irgend einen akademischen Titel und meine schulische Laufbahn wirkte angesichts der vorhandenen Antwortmöglichkeiten mickrig.

Mein Einkommen war unterdurchschnittlich und ich fragte mich, ob es wirklich Singles gab, die mit einem Einkommen von „100.000 – 200.000 Euro/Jahr“ auf einer Internet-Plattform ihr Glück suchten und sich nicht einfach eine dieser Katalog-Bräute aus Russland kauften?

Frustriert mogelte ich bei der Körpergröße und schlug dort eine fünf bei den Zentimetern drauf, die ich beim Gewicht in Kilo wieder abzog. Eigentlich war das gar nicht gemogelt, weil es sich ja ausglich.

Nach etwa einer halben Stunde war ich fertig und benötigte nur noch ein Bildchen, das ich online stellen sollte. Hastig blätterte ich mein Fotoalbum durch. Erwartungsgemäß wirkte ich auf sämtlichen Bildern entweder wie ein schwuler Riesenpinguin mit Grinsstarre, der in Schlabber-Jeans steckte, oder wie einer dieser Wahnsinnigen, vor denen man in meiner Jugend Kinder warnte, niemals Bonbons von solchen Typen anzunehmen. In der Praxis erwiesen sich solche Warnungen als klassische Schauermärchen ohne Bezug zur Realität. Obwohl: Das Bonbon von der Bäckerei-Verkäuferin habe ich stets angenommen. Frau Kuttner war ungefähr 50, untersetzt, hatte graue Haare und lächelte schief. Sie war mir völlig unverdächtig erschienen – aber das sagte man ja von allen.

Letzten Endes entschied ich mich für ein älteres Passfoto, dessen Kratzer ich mittels Photoshop-Zauber entfernte. Die etwas unvorteilhafte, wirre Frisur wurde, wie ich annahm, durch die Krawatte mehr als aufgehoben. Zumal das Schlümpfe-Motiv der Krawatte nur bei extremer Bildvergrößerung erkennbar war. Und da in der Muttermilch meiner werten Erzeugerin sich nur intelligenzfördernde Moleküle getummelt hatten, stellte ich das Foto kaum merkbar, dafür um so effektiver unscharf. Selbst der CIA hätte sich daran die Zähne ausgebissen und mir keinen einzigen Schlumpf nachweisen können.

Fertig. Nun, zumindest so gut wie, denn noch fehlte eine aussagekräftige Überschrift für mein Profil. Der Lockvogel gewissermaßen, um Heerscharen an Frauenherzen im Sturm zu erobern. Der Haken an der Sache war nur, dass Kreativität nicht zu meinen Stärken zählt.

„Hallo! Hier bin ich!“

Ja, genau. Extrem originell. Der Nächste, bitte.

“Ich bin ein totaler Kuschelbär!”

Wunderbar! Das klang wie: “Bin impotent und mein Schniedelwutz ist vier Zentimeter lang”

“Ich bin, wie ich bin!”

Und genau das ist mein Problem.

“Ich möchte endlich wieder vertrauen können…”

… und zwar darauf, dass irgend so ein weiblicher Volltrottel tatsächlich auf mich hereinfällt. Hilfe, Gehirn, wo bist du, wenn ich dich mal brauche?

Nach weiteren erfolglosen Versuchen gab ich schließlich auf und zitierte aus „Der kleine Prinz“: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“.

Obgleich künftige Lebenspartnerinnen daraus den Schluss hätten ziehen können, dass man meine Hässlichkeit besser mit augenlosen Organen bestaunte, beließ ich es bei diesem Motto.

Nachdem mein Profil nunmehr angelegt und um einige interessante Übertreibungen modifiziert war, schien es an der Zeit, mich nach Singles umzugucken, die ähnlich verliebenswürdig waren wie ich.

Nach der vierten Tasse Kaffee schlug mein Herz eher aufgrund des darin enthaltenen Koffeins höher, denn wegen der weiblichen Anwärterinnen auf einen kleinen schattigen Platz in meiner Brusthöhle.

Das Profil von Schattenblume30 versprach wenig, hielt diese Versprechen jedoch: „ich darf behaupten eine atraktive frau zu sein“.

Natürlich, schönes Kind, denn wir leben in einer Demokratie und jeder darf behaupten, wonach ihm gerade lustig ist. Wenigstens hätte ich das perfekte Geschenk für sie beim ersten Rendezvous gewusst: Einen Duden.

Bei tausenden Singles zwischen 20 und 30 alleine in meiner Heimatstadt, musste doch ein passender Fisch dabei sein.

„Lizzie111“ machte einen durchaus netten Eindruck, obwohl ich erhebliche Zweifel daran hatte, dass sie, ihrem Foto nach zu urteilen, Liz Hurley ähnlich sah. Anscheinend hatte sie das Bild von irgend einer Website ausgeliehen und hatte es mit einem Bildbearbeitungsprogramm zurechtgestutzt, bis nur noch der Kopf zu sehen war. Erheblich raffinierter wäre es gewesen, die in der oberen Ecke erkennbaren Buchstaben „Liz“ und darunter „Hur“ gleichfalls wegzuschnippeln. Wenngleich ich zugeben musste, dass „Hur“ der männlichen Phantasie freien Lauf ließ.

Der Mann, der mit dem Herzen gut sieht, gab der kleinen Moglerin dennoch eine Chance.

“Was ich mir wünsche: Du solltest tierlieb sein”

Oha! Wimmelte es in ihrer Bude vor Kakerlaken und Silberfischchen?

“Und du solltest verständnisvoll sein”

Wofür sollte ich Verständnis haben? Dass sie ständig ausflippte und ab und zu ihre Partner mit dem Steakmesser ausweidete? Oder doch nur, dass sie Briefmarken sammelte?

„und nicht langweilig sein“

Weil sie das selber war?

„Und natürlich solltest du auch kein Matcho sein, treusein und –“ (blablablabla – dieses Gesülze zog sich länger dahin als ein Schlussplädoyer von Matlock)

Langsam riss mein Geduldsfaden: Wollte sie einen Mann aus der Gegenwart kennenlernen oder wartete sie darauf, dass man einen Neandertaler mit genau diesen Eigenschaften ausgrub?

„Glockenblumes“ Beschreibungen klangen weit weniger anspruchsvoll, wofür ich den Grund rasch herausfand:

“ich habe zwei reizende kinder die einen neuen lieben papi suchen”

Was war bloß mit dem alten Papi geschehen? Hatten sie ihn in den Wahnsinn getrieben? Vielleicht bin ich zynisch, aber Ernährer für ein paar Gören zu spielen, die nicht einmal aus meinem Genpool stammten, kam in meinem persönlichen Wunschkatalog nirgends vor. Beim Lektorat meines Wunschkatalogs bin ich echt pingelig.

Überhaupt schienen Kinder groß in Mode gekommen zu sein. Unter zwei Stück lief bei den meisten Mädels gar nix und vermutlich musste man als Singleaner darauf gefasst sein, dass eine Frau beim ersten Date beiläufig ihre beiden Kinder erwähnte, die sie im Profil verschwiegen hatte; ungefähr so, als würde man ein Auto kaufen und hernach feststellen, dass das Lenkrad, die Sitze und die Reifen im Kaufpreis nicht inkludiert waren.

Ich begann auch, dem Satz „Ich liebe Kinder über alles“ zu misstrauen. Vermutlich wurde man, nach einer verheißungsvollen Einladung in die Wohnung der Herzensdame, von einer lärmenden Horde Kinder empfangen. „Ach übrigens, du magst doch Kinder, oder?“

Nach zwei geschlagenen Stunden des vergeblichen Suchens, stieß ich auf Marijke_2, deren Foto mir auf Anhieb gefiel. Zugegeben, wenn man sie neben Jennifer Lopez stellen und hundert Männer fragen würde, mit welcher der beiden Frauen sie lieber einen Abend verbringen würden, hätte Marijke_2 vermutlich wenig Stress gehabt.

In meinem Kopf hörte ich Kalles keifende Stimme … nein, Moment: Das war doch eher Frau Bohrmanns abendliches Proleten-Gepoltere. Dennoch schämte ich mich für meine fiesen Gedanken, zumal ich selber beileibe kein Brad Pitt bin.

Einige Beschreibungen aus ihrem Profil klangen sogar durchaus sympathisch: “VIele Leute sagen, ich hätte ein extrem interessantes Gesicht“ – gut, objektiv betrachtet war das nicht nur extrem interessant, sondern auch extrem schwammig und nichtssagend. Diese Leute mochten ja plastische Chirurgen sein.

Oder: “Dein Aussehen und dein Alter sind mir nicht so wichtig”

Ach du lieber Himmel! Da konnte man sich ungefähr ausmalen, wie verzweifelt jemand ist, der so etwas schreibt.

Immerhin war sie nur zwei Jahre jünger als ich, hatte sogar einen Job (was darauf hindeutete, dass sie tatsächlich noch keine Kinder hatte), mochte Filme und ein paar jener Bands, die ich auch gut fand.

Der Hinweis, dass sie ein wenig mollig sei, störte mich nicht weiter. Bei einer Größe von 1,70 waren achtzig Kilo kein Beinbruch. Vor allem deshalb nicht, weil ich auch ein paar Pfündchen zu viel angefuttert hatte in letzter Zeit. In letzter Zeit seit der Grundschule, um genau zu sein.

Ahnungslos und treudoof schrieb ich Marijke_2 eine Mail, was mir noch schwerer fiel, als das Anlegen meines Profils. Nach zermürbenden Versuchen, locker-flockig mal eben eine zehnseitige Mail zu verfassen, die originell, witzig und charmant war, musste ich mir eingestehen, dass vielleicht sogar ein Nick Hornby diese Aufgabe nicht innert weniger Minuten bewältigen würde.

Deshalb machte ich es wie vermutlich alle Singleaner: Ein bisschen Schleimen, der zarte Hinweis auf das eigene Profil und die abschließende Hoffnung auf Antwort.

Ende der Leseprobe.

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Leons Briefe

Von trollbaer am 22. Dezember 2008 veröffentlicht

Leons Briefe

In Liebe, dein Leon.
So stand es fast in jedem seiner Briefe. Leon verstand es, seine Briefe mit bunten Randverzierungen zu versehen, damit sie nicht so trist aussahen. Und er war ein fröhlicher Mann. Daher wollte er, dass auch seine Marie fröhlich werden sollte, wenn sie seine Briefe liest. Seit nunmehr einem halben Jahr waren Marie und Leon voneinander getrennt. Getrennt durch einen Krieg, den niemand wollte und den niemand verstand. Aber Leon hatte keine Wahl.
Eines Tages hielt er den Einberufungsbescheid in den Händen und schon in der darauf folgenden Woche brach er auf, um irgendwo in der Welt irgendeine Grenze zu sichern. “Mach dir keine Sorgen”, sagte er zu Marie und nahm sie dabei liebevoll in den Arm. “Ich schreibe dir jede Woche einen Brief, nein, jeden Tag schreibe ich dir einen. Und ich werde jede Minute an dich denken.
Und so schlimm wird es nicht werden. Du wirst sehen, Weihnachten bin ich wieder bei dir.” Marie liefen die Tränen über ihr hübsches Gesicht. Ihr Make up verwischte und Leon machte noch einen Scherz, indem er ihr sagte, dass sie jetzt aussähe, wie ein kleiner Waschbär. Marie musste lachen, konnte dennoch ihre Tränen nicht verbergen.
Das war jetzt etwa sechs Monate her und Leon hielt sein Versprechen. Jeden zweiten Tag lag ein Brief für Marie im Postkasten. Völlig aufgeregt las sie seine Zeilen immer und immer wieder. Jeden seiner Briefe hob sie sorgfältig auf. Und wenn der Briefträger einmal keine Post für Marie hatte, dann las sie den Brief vom Vortag einfach noch einmal. Leons Briefe waren wunderschön verziert. Er gab sich sehr viel Mühe damit. Und obwohl ihm der Dienst kaum Zeit ließ, schaffte er es doch immer noch, jeden Umschlag mit einem bunten Rahmen zu versehen. Mal malte er rote Rosen, mal waren es bunte Kringel, oder er versuchte sich an komischen Gesichtern. Marie freute sich jedes mal über seine witzigen Zeichnungen. Einmal zeigte eines der Bilder eine Frau, einen Mann und zwei kleine Kinder. Darüber stand: Du, ich und unsere zwei Jungs. “Wieso eigentlich Jungs?”, lachte Marie, “Ich will aber zwei Mädchen. Oder ein Mädchen und einen Jungen. Oder doch zwei Mädchen?” Wieder hatte Leon den Brief liebevoll, mit bunten Farben bemalt.
“Dieser verrückte Kerl”, dachte Marie, “denkt schon an Kinder, obwohl er mich nicht mal gefragt hat, ob ich ihn überhaupt will.” Aber diese Frage stellte sich längst nicht mehr. Ihr Herz gehörte ihm schon lange und sie würde auf ihn warten.
Die Monate vergingen und Marie las noch immer Leons Briefe, die jetzt schon seltener geworden waren. Das Weihnachtsfest stand vor der Tür und Marie zündete die erste Kerze am Adventskranz an. “Weihnachten sehen wir uns wieder, hat er gesagt”, dachte Marie, aber in keinem seiner Briefe erwähnte er etwas davon. “Vielleicht will er mich ja überraschen. Ja, ganz bestimmt will er das.” Marie war etwas enttäuscht, dass Leon nicht mehr so oft schrieb und machte sich Gedanken darüber, ob er vielleicht eine Andere hätte. Aber daran mochte sie nun gar nicht denken. “Wahrscheinlich hat er nur nicht mehr so viel Zeit wie früher. Ja, das wird`s sein”, dachte sie.
Der Postbote klingelte einen Tag vor Weihnachten. Den Brief nahm Marie persönlich entgegen. Ihr Lachen erstarb, denn diesmal hatte der Umschlag einen schwarzen Rand.

Detlev Zesny, im Februar 2008
(Trollbär Lyrik Wabern)

Der Leichenbaum

Von Rainer am 14. Dezember 2008 veröffentlicht

Jener Tag, der die kleine, verträumte Stadt Friedburg aus ihrem Dornröschenschlaf riss und in einen nächtlichen Alptraum stürzte, zeichnete sich durch keine außergewöhnlichen Ereignisse aus. Kein böses Omen, kein schlechtes Vorzeichen kündete von dem Unheil, das sich über seine Bewohner mit der Unabwendbarkeit einer biblischen Plage legen sollte.

Entgegen ihrem Namen hatte die Stadt niemals eine Burg beherbergt. Frieden allerdings herrschte in ihr, abgesehen von den üblichen Geplänkeln, familiären Tragödien und Streitigkeiten, seit ehedem.

Die großen Kriege mit ihren Schrecken hatten zu keiner Zeit Einzug in ihr gehalten. Armeen hatten das von den damaligen Großstädten fernab gelegene Städtchen nie behelligt, alliierte Bomber hatten weitaus lohnendere Ziele im Visier gehabt.

Der Grundstein ihres Untergangs war Jahrhunderte zuvor gelegt worden, an einem Platz, den Bürgermeister Ernst Jackosch am frühen Nachmittag des verhängnisvollen Tages eilenden Schrittes aufsuchte. Es war ein schwüler Juli-Beginn und Jackosch hatte der Sinn nach weitaus ruhigeren, weniger schweißtreibenden Aufgaben gestanden.

Er war nicht mehr der Jüngste, und seine Pfunde waren mehr als die Stimmen bei der letzten Wahl, die er nur knapp für sich entscheiden hatte können, gewachsen.

„Ich hätte Sie nicht geholt, wenn die Situation nicht dermaßen brenzlig wäre“, entschuldigte sich Amtsleiter Prödl in jenem unterwürfigen Ton, der Jackosch zuwider war.

Er lockerte seine Krawatte, dachte kurz nach und entschied schließlich, dass er sie gar nicht benötigte, nahm sie ab, rollte sie zusammen und stopfte sie in die Sakko-Tasche. Dann knöpfte er den obersten Knopf seines Hemdes auf.

Eine Sekunde lang durchströmte ihn ein erfrischendes Gefühl. Der Anblick der Aktivitäten auf dem Marktplatz kehrte den Effekt ins Gegenteil um: Mit einem Mal wurde ihm heiß vor Zorn.

Seine Blicke suchten den Feuerwehrkommandanten Kalt. Er sah ihn neben dem Trinkwasserbrunnen stehen, geistig abwesend wirkend, eine Zigarette rauchend.

Hinter ihm, zum Einsatz bereit, der Leiterwagen.

Rund um ihn vier Helfer, die sich die Zeit offenbar mit Scherzen vertrieben. Ihr Lachen hallte über den Platz.

Was seinen Puls beinahe in einen vierstelligen Bereich jagte, war das Kamerateam. Wie Geier nährten sie sich von allem, das nur halbwegs lecker aussah und zerrten an den Knochen von Kadavern, stets auf der Suche nach etwas, das sie verschlingen konnten.

Tatsächlich kam die Bezeichnung Kadaver dem Mittelpunkt des Interesses sehr nahe: Die uralte Eiche war wenig mehr denn ein Gerippe, das seine Wurzeln so tief in das Fleisch des Lebens geschlagen hatte, dass es nicht einmal im Tode umfiel und verrottete.

Jackosch schnaufte verärgert und verlangsamte seine Schritte, als er über die Waschbetonplatten ging. Er wollte Überlegenheit und Souveränität ausstrahlen, was sich mit Hektik nun wirklich nicht sonderlich gut vertrug.

Fürs erste ignorierte er das Fernsehteam und suchte das Gespräch mit Kalt.

Als dieser den Bürgermeister erspähte, sah er auf und lächelte verkniffen. Er nahm noch einen tiefen Zug von der Zigarette, dann schnippte er sie kunstvoll in den Mülleimer.

Mit ironischem Respekt nickte er Jackosch zu und tippte gegen seinen Helm, als wäre er ein viktorianischer Gentleman.

„Wie lange ist sie schon da oben?“

Kalt wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn. Er konnte diesen blasierten Wichtigtuer nicht leiden, achtete jedoch seine Arbeit und sein Durchsetzungsvermögen. Er sah hoch, und der Blick des Bürgermeisters folgte ihm.

Eine junge Frau hatte sich wie ein flugunfähiger Vogel zwischen den knorrigen, dunklen Ästen der alten Eiche eingenistet. Etwa fünf Meter über ihnen thronte sie und hielt das Schild mit der Aufschrift „Baummörder“ wie ein Zepter, während der Staub der verfaulenden Rinde auf ihr Haupt prasselte.

„Etwa zwei Stunden“, erwiderte Kalt. „Wir wollten sie runterholen, aber diese Göre ist clever. Sie hat beim Sender angerufen, bevor sie nach oben gestiegen ist.“

Jackosch brummte etwas, das genauso gut Zustimmung, wie tiefste Verärgerung hätte sein können.

„Sie weiß natürlich, dass vor laufender Kamera niemand einen Finger rühren wird, sie runterzuholen.“

Der Bürgermeister sah in die Runde. Hinter der Absperrung, die verhindern sollte, dass unvorsichtige Passanten beim Abschneiden der morschen Äste verletzt würden, harrten dutzende Schaulustige des Geschehens. Amtsleiter Prödl wuselte wie ein Trabant um ihn herum. Der Kerl machte ihn nervös – merkte der das nicht selbst? Offensichtlich nicht, denn schon lag er ihm mit der Frage im Ohr, wie zu verfahren sei.

Jackosch stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich werde das klären.“

Skeptisch hob Kalt eine Augenbraue. Ehe er noch erfragen konnte, wie er die Angelegenheit zu klären gedachte, war Jackosch bereits auf dem Weg zum Baum.

In stummer Bewunderung verfolgte Kalt, wie der Stadtoberste seine Worte einlöste: Er winkte das Kamerateam herbei.

Der Feuerwehrkommandant zündete sich eine weitere Zigarette an. Ihn hatten die verwunderten Blicke und dummen Sprüche der anderen nie gestört. Solange er seiner Arbeit gewissenhaft nachging, war es schließlich seine Angelegenheit, ob er als rauchender Feuerwehrmann ein Paradoxon darstellte oder nicht.

Fasziniert wurde er Zeuge der Redegewandtheit Jackoschs. Er hörte, wie er die anklagenden Worte der Reporterin mit einer Leichtigkeit abschmetterte, die sie wohl selber zum Staunen brachte.

„Die Naturschutzbehörde selbst hat, basierend auf einem Gutachten zur Verkehrsgefährdung durch diese Eiche, die Fällgenehmigung erteilt“, hatte er ihr entgegengeschleudert und dann jeglichen, zögerlichen Widerstand mit dem Nachsatz „Wir können nicht verantworten, dass jemand durch herabfallende Äste verletzt wird, wie es erst vor wenigen Tagen bei einem Unwetter in Hessen geschehen ist“ zum Erlahmen gebracht.

Später, nachdem die Reporterin aufgegeben und mit dem restlichen Team die Stadt verlassen hatte, war es ihm gelungen, die junge Frau zur Aufgabe zu bewegen. Er hatte sie beständig mit ihrem Vornamen angesprochen und sie anstatt mit einer Schale warmer Milch, wie bei einer Katze, mit einer Mischung aus Drohungen und Verständnis für ihre Sicht der Dinge zur Kapitulation verleitet.

Schweißtreibende vier Stunden später heulte die Motorsäge ein letztes Mal auf. Die letzten morschen Äste wurden auf einen Anhänger verladen.

Nach dreihundert Jahren, in denen sie Unwettern, frostigen Wintern, übermütigen Kindern und allerlei Getier getrotzt hatte, war die Eiche verstümmelt und schließlich zu Fall gebracht worden. Lediglich ihr Wurzelwerk und der Baumstumpf waren von ihr übrig geblieben.

Und auch dieser kläglichen Überbleibsel sollte sie nach dem Willen der Stadtväter verlustig gehen. Am folgenden Tag.

Einem Tag, der für die Stadt und viele derer, die sie bewohnten, nie anbrechen sollte.

In der Stube des Gasthofs „Jahn“ war es ein vergleichsweise ruhiger Abend. An Wochenenden erbebte sie bisweilen im Gleichklang des Temperaments ihrer Besucher. Aber an einem Mittwochabend blieben die meisten zuhause, ruhten sich für den kommenden Arbeitstag aus oder beschäftigten sich mit ihren Kindern.

Kalt saß an der Theke und trank ein Bier. Er hatte sich vorgenommen, es sein erstes und letztes an diesem Tag bleiben zu lassen. Schließlich mussten sie am nächsten Tag die Wurzeln der Eiche ausgraben.

Es war ein seltsames Gefühl, etwas, das so viel älter, größer, berühmter als man selbst war, binnen weniger Stunden ausgelöscht zu haben. Wahrscheinlich würde man an Stelle des Baumes Parkplätze errichten, um die die Geschäftsleitung des Supermarkts in unmittelbarer Nähe händeringend ersucht hatte.

Bekanntlich wusch eine Hand die andere, und in einer Kleinstadt wie Friedburg waren die Menschen besonders reinlich. Gut möglich, dass Jackosch und anderen Mitgliedern des Stadtrats weniger an der Sicherheit der Bürger, denn vielmehr einem Präsent an die Supermarkt-Leitung gelegen hatte.

Und wenn schon, dachte Kalt, nahm einen tiefen Schluck und wischte den Schaum vom Oberlippenbart.

„War ja ein ziemliches Spektakel heute“, vernahm er vom Platz neben sich eine Stimme.

Langsam drehte er den Kopf und blickte in ein müdes Augenpaar. Er kannte den alten Typen nur flüchtig, wusste weder, wie er hieß, noch, wo genau er wohnte.

Kalt war nicht nach Unterhaltung zumute. Er war müde, wollte nur sein Bierchen zischen und dann ab nach Hause. Deshalb nickte er nur stumm.

Der Mann neben ihm grinste und entblößte zwei Zahnreihen, die der Traum jedes Zahnarztes sein mussten. Schwarz. Faulig. Einsturzgefährdet. Wie die Eiche.

„Das war der Leichenbaum“, stieß er geheimnisvoll hervor, und nach fauligen Eiern stinkender Mundgeruch verlieh den Worten die rechte Würze.

Kalt schluckte den Ekel hinunter. „Leichenbaum.“

Der Alte bejahte und trank sein Weinglas auf ex leer. Dann stierte er es ein paar Sekunden lang an, als könnte er es kraft seiner Gedanken wieder befüllen, und bestellte schließlich einen Doppelten.

„Schon mal den Ausdruck ‚Gerichtsbaum’ gehört?“

Amüsiert lächelte Kalt: Ein dozierender Säufer war mal eine Abwechslung, wie er zugeben musste. „Nee. Was soll das sein?“

Hinter ihnen gerieten sich ein paar Skat-Spieler in die Haare und warfen mit wüsten Beleidigungen um sich.

„Ganz einfach“, erklärte der Alte und schien die ihm gewidmete Aufmerksamkeit sowohl zu genießen als auch auszukosten. „Das waren Bäume, unter denen Gericht gehalten wurde. Uralte Bäume, oder solche, denen magische Kräfte nachgesagt wurden. Wenn einer eines schlimmen Verbrechens beschuldigt wurde, konnte man ihn gleich aufhängen.“

Kalt verschluckte sich fast und setzt das Glas so heftig ab, dass ein wenig Bier über seine Finger schwappte.

Der Zank hinter ihren Rücken eskalierte und wuchs zu einem handfesten Streit aus, der einen der Spieler wutschnaubend die Stube verlassen ließ. Die anderen stritten weiter. Worum es ging, wusste er nicht, und es interessierte ihn auch nicht sonderlich.

„Erzählen Sie keine Märchen“, sagte er verärgert.

Trotz seiner hünenhaften Gestalt und seines Alters fühlte er sich bei gruseligen Geschichten unwohl. Selbst dann, wenn sie aus dem stinkenden Mund eines Säufers kamen.

Der andere grinste breit und wirkte in keiner Weise beleidigt. „Stimmt aber. Da hingen sicher hunderte Leute an den Ästen, die ihr heute abgesägt habt.“

„Interessant“, murmelte Kalt, bezahlte und verließ den Gasthof. Unwillkürlich wanderte sein Blick zu jenem Platz, an welchem noch vor wenigen Stunden die Eiche gestanden hatte.

Nicht stolz, nicht schön, aber eine alte Königin, die man erst dann vermisste, wenn sie abgedankt hatte. Leer wirkte es zwischen den Geschäften, und dennoch voll mit etwas, das man nicht sehen konnte, weil es sich den Blicken verbarg.

Hunderte sollten an diesem Platz qualvoll gestorben sein?

Warum nicht? Friedburg war die größte Stadt der näheren Umgebung, und zu jenen archaischen Zeiten, als die meisten Menschen in ein und demselben Haus geboren wurden, aufwuchsen und starben, zog der Markt gewiss so gut wie alle Einwohner in und rund um die Stadt an.

Und mit ihnen die Begehrlichkeiten, die die Waren weckten. Oder hübsche Bauerntöchter. Oder die goldenen Kelche in den Altären …

An Möglichkeiten zur Sünde hatte wohl kaum ein Mangel geherrscht. Und so etwas wie moderne Rechtssprechung, ja, faire Verfahren so weit weg und unbekannt wie die Neue Welt.

Es war gegen zweiundzwanzig Uhr und der Himmel ein dunkles Schlachtfeld satter, schiefergrauer Regenwolken. Ganz schwach konnte er einen Blitz ausmachen. Donner hörte er keinen. Es war nur eine Frage der Zeit, wann das Gewitter die Stadt erreichen würde.

Die Luft hatte sich dramatisch schnell abgekühlt.

Es roch nach Regen, frisch ausgehobener Erde und – Verwesung.

Kalt schüttelte den Kopf, um ihn klar zu bekommen. Das dumme Gerede des Typen im Gasthof hatte also doch gefruchtet und trieb Blüten in Form lächerlicher Gedanken und Ängste. Die Frage war: Was hatte man mit den Erhängten gemacht, wenn sie leblos an ihren Stricken baumelten, die Augen von den Krähen ausgepickt, die Haut von der Sonne verdörrt wie schrumpelige Rosinen? Hatte man sie an Ort und Stelle wie ein schmutziges Geheimnis verbuddelt?

„Schluss jetzt“, befahl er sich. Es war an der Zeit, nach Hause zu gehen und nicht länger über die Möglichkeit nachzugrübeln, am nächsten Tag den einen oder anderen Knochen auszugraben.

Ein Blitz, diesmal näher, zuckte und Donner grollte.

Kalt spürte, wie ihm plötzlich heiß wurde: Hatte er nicht soeben eine Bewegung aus den Augenwinkeln heraus beobachtet? Etwas, das über den Platz gefegt war? Zu rasch, um seine wahre Natur festzustellen, zu langsam, um ihn nicht in ein Gefühl des Unwohlseins zu stoßen?

Er kniff die Augen zusammen und starrte angestrengt zum Platz hinüber.

Nichts zu sehen. Vielleicht hatten ihm seine Augen, diese Verräter, einen Streich gespielt.

Kalt wandte sich ab und ging eilenden Schrittes zu seinem Wagen. Erleichtert atmete er auf, als er hinter dem Lenkrad saß. Die seltsame Erscheinung und das Gerede von dem Saufkopf waren vergessen.

Dies hier war Zivilisation und verhieß Schutz vor dummem Aberglauben! Zufrieden startete er den Motor und fuhr nach Hause.

Jene Bewegung, derer er nicht sicher war, ob er sie überhaupt gesehen hatte, trat aus dem Schutz eines Vordachs hervor und trippelte zurück zu dem Baumstamm.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte sie etwas mit der alten Eiche verbunden: Beide hatten ihre besten Tage längst hinter sich. Der Baum seit vielen Jahrzehnten, der Hund seit wenigen Monaten.

Eines seiner Ohren war nach einem verlorenen Kampf gegen eine Katze vernarbt und eiterte. Auf seinem linken Auge war er schon lange blind und hartnäckiger Schnupfen hatte seinen Geruchssinn lahmgelegt. Zumindest seine Schnelligkeit hatte ihn nicht verlassen und mehr als einmal vor qualmenden Autoreifen oder weitaus größeren, aggressiven Kötern gerettet.

Er legte den Kopf schief und besah sich die Szenerie ein weiteres Mal. Hier hatte ein Baum gestanden – sein Baum. Daran konnte nicht der geringste Zweifel bestehen. Und dennoch war er plötzlich nicht mehr da.

Verwirrt lief er um den Stamm herum. Setzte sich. Starrte. Zog erneut einen Kreis um das, was vom Baum noch übrig geblieben war.

Nichts. Sein Baum blieb verschwunden.

Einem Gefühl folgend, das dem menschlicher Frustration gleich kam, legte sich das Tier hin und wartete ab. Es fiel rasch in einen dösenden Halbschlaf, schreckte aber hoch, als es Geräusche hörte. Ein Wispern war es, das mal dumpf, mal hell klang und ihn restlos verwirrte, wie jede neue Erfahrung, die es machte.

Unruhe durchfloss es und instinktiv begann es zu knurren, obgleich keine Gefahr zu erkennen war. Ein Blitz peitschte durch die Nacht. Doch obwohl es sich vor diesen hellen, dröhnenden Erscheinungen fürchtete, vergaß es seine Angst und starrte auf das, was sich nun vor seinem verbliebenen Auge abspielte. Die Erde rund um den Baumstumpf begann zu brodeln, als krieche etwas herauf. Es machte den Hund schier verrückt, dass er kaum noch etwas zu riechen vermochte! Er stieß ein heiseres Bellen aus und verrenkte sich den Hals, um zu sehen, was da vor sich ging.

Die Stimmen wurden eindringlicher. Es waren Rufe, gemischt mit Gelächter und Schreien. Menschenstimmen. Er hatte gelernt, diesen Stimmen zu misstrauen. Meist gingen sie mit Schmerz einher – Fußtritten oder nach ihm geworfenen Steinen.

Argwöhnisch beäugte er das Geschehen und erschrak, als völlig unvermittelt Hände dem dunklen Mondlicht entgegenstrebten. Blankes, verfaultes Fleisch hing an ihnen, wie er es von den Schlachtabfällen her kannte, an denen er sich manchmal gütlich tat.

An einigen klebten noch Hautstücke, zäh wie Leder, stinkend, feucht von ihrem nassen Grab.

Den Händen folgten Arme, die sich nach oben reckten, als schnupperten sie an der Luft, die sie seit Jahrhunderten nicht mehr gespürt hatten. Dutzende waren es, ein Heer aus Armen, wie die Gliedmaßen eines erwachten Kraken.

Der Hund fühlte instinktiv die Gefahr. Er wusste die Bilder nicht einzuordnen, aber es genügte, zu wissen: Hierin lag Gefahr. Deshalb wandte er sich um und lief. Doch seine langen, dürren Beine hatten kaum einen Schritt zurückgelegt, als seine Hinterläufe fest umklammert wurden. Er heulte auf, mehr vor Schreck als vor Schmerz.

Seine Versuche, sich loszustrampeln, waren vergebens. Unbarmherzig wurde er in die Gegenrichtung geschleift.

Seine Vorderpfoten fanden keinen Halt. Er rutschte und wurde gezogen. Sein Kopf wirbelte herum, doch er konnte keinen Angreifer erkennen.

Einen kurzen, trügerischen Moment lang herrschte Stille. Die Stimmen waren verstummt und einer seiner Hinterläufe rutschte aus der Umklammerung.

Dann legte sich eine dieser verfaulten Hände über sein Maul und seine Angreifer machten sich über ihr Nachtmahl her. Als kein Fleisch mehr an den Knochen war, das sie zerreißen konnten, und kein Blut mehr in dem noch warmen Körper, das sie auflecken konnten, ließen sie von ihrer Beute ab.

Berauscht von dem, was sie seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen, gefühlt, geatmet, gerochen und gehört hatten, strömten sie aus. Sie witterten Beute. Viel mehr Beute. Und sie sollten nicht enttäuscht werden.

Leseprobe der Horrorgeschichte “Der Leichenbaum”.

Die Sammlung mit 6 dunklen Horrorgeschichten der Extraklasse ist überall im Händel erhältlich.

Aber Vorsicht: Der Genuss der Geschichten kann süchtig nach mehr machen …

Sandra

Von Rainer am 8. Dezember 2008 veröffentlicht

Sandra versuchte, die Fee zu ignorieren und sich auf ihren Test zu konzentrieren. Aber natürlich war das vergebens, denn ohne Unterlass brabbelte ihr Kassandra allerlei Scheußlichkeiten und Gemeinheiten ins Ohr, bis Sandra glaubte, ihr Verstand würde zerspringen.

„Lass mich doch endlich in Ruhe!“, zischte sie und wusste im selben Augenblick, dass sie zu laut gesprochen hatte.

Dutzende Köpfe fuhren herum und blickten sie mitleidig, amüsiert oder höhnisch an.

Zu allem Überfluss hatte es auch die Lehrerin gehört. Erschrocken sah Sandra auf, die doch eigentlich nur ihre Ruhe haben wollte und nun für Aufmerksamkeit gesorgt hatte.

„Was ist da los?“, keifte die Erdkundelehrerin, die ohnehin nicht gut auf sie zu sprechen war. „Jeder befasst sich sofort wieder mit seinem eigenen Test! Und du, Sandra, hörst gefälligst auf, die Klasse zu stören!“

Sie spürte, wie sie rot anlief. Dagegen konnte sie einfach nichts machen – wenn sie getadelt wurde, und wann war das nicht der Fall, wechselte ihre Gesichtsfarbe zu einem glühenden Rot, das man wohl selbst im Dunkeln noch leuchten sah.

„Entschuldigung, Frau Karthner“, sagte sie und beugte sich wieder über ihre Arbeit.

„Hauptstadt der Ukraine“ stand auf dem Zettel. Daneben eine feine Linie, auf der sie die Antwort eintragen sollte. Ihr Bleistift setzte auf der Linie an. Sie musste nur noch die Antwort eintragen.

Sie wusste, dass sie es wusste. Es war ein kurzer Städtename. Sandra schloss die Augen und dachte angestrengt nach. Die Lösung war zum Greifen nahe, floss in ihre Finger, sie musste sie nur noch aufschreiben, als die Fee brüllte: „Wem machst du etwas vor? Du bist dumm, dumm, dumm!“

Erschrocken riss sie die Augenlider auf und ließ den Bleistift fallen. Sie fing ihn ein, bevor er vom Tischpult rollen konnte. Der Blödmann neben ihr sah sie mitleidig an und kicherte in seine Faust.

Entweder hatte die Lehrerin keine Lust mehr, mit ihr zu schimpfen, oder sie hatte es tatsächlich nicht gesehen. Wenigstens ließ sie sie in Ruhe.

Allerdings hatte sie die Antwort vergessen. Wie gelähmt saß sie eine Zeit lang da, ehe sie einen neuen Versuch startete. Von den zwanzig Fragen hatte sie gerade mal acht beantwortet, und selbst bei diesen war sie nicht sicher, ob sie richtig waren.

„Nenne zwei Flüsse in Frankreich“, stand unter der Ukraine-Frage. Auch das wusste sie, davon war sie überzeugt.

Aber natürlich fuhr ihr die Fee in die Parade. „Schau, wir wissen doch alle, wie entsetzlich dumm du bist. Bemüh’ dich erst gar nicht mit dem Test. Du machst dich ja nur lächerlich.“

Die weiß gekleidete Gestalt schritt lautlos um das Pult herum.

Als Frau Karthner mit ihrer strengen Stimme verkündete, dass sie noch fünf Minuten Zeit hätten, gab Sandra endgültig auf. Sie stieß einen leisen Seufzer aus und legte den Stift neben den fast leeren Papierbogen. Alfons, der zu ihrer Linken saß, schrieb sich fast die Finger wund. Warum konnte die Fee nicht ihn mal belästigen?

In Situationen wie dieser hasste sie sie! Meistens betrachtete sie die Fee als Freundin, die einzige, die sie hatte, aber sie konnte auch richtig gemein sein. Wie eben jetzt.

Eine echte Freundin hätte ihr geholfen.

Vielleicht war die Fee keine Freundin, dachte sie und erschrak über ihre eigenen Gedanken. Rasch verwarf sie diese wieder und gab wenig später beim Absammeln einen fast leeren Zettel zurück.

 

Nach dem üblichen Spießrutenlauf, der freitags am schlimmsten war, da ihre Mitschüler übermütig vor Wochenendfreude waren und sie neckten, herumstießen oder auf ihrer arg mitgenommenen Schultasche herumsprangen, war sie froh, wenn sie zu Hause war.

So leise wie nur irgend möglich, als würde sie eine Bombe entschärfen, schloss sie die Wohnungstür auf. Ein Vergleich, der so falsch gar nicht war: Mutter konnte förmlich explodieren, wenn sie sie unabsichtlich weckte oder einen Missgriff tat, was leider oft der Fall war. Ein Teller, der am gefliesten Boden zersprang, Saftflecken auf dem Geschirrtuch oder eine leere Toilettenpapierrolle im Spender, die sie nicht gegen eine frische ausgetauscht hatte.

Der Möglichkeiten, Mutter zu erzürnen, gab es reichlich, und manchmal argwöhnte Sandra sogar, dass sie nur nach einem Vorwand suchte, um sie beschimpfen oder gar schlagen zu können.

An diesem frühen Nachmittag begrüßte sie nicht Mutters anklagendes Kreischen, sondern ihr Schnarchen. Vorsichtig lugte Sandra um die Ecke. Im Schlafzimmer lag sie nicht, also musste sie im Wohnzimmer eingeschlafen sein.

Sandra zog die Schuhe aus, stellte die Schultasche ins Eck und schlich auf Zehenspitzen ans andere Ende der Wohnung. Tatsächlich, auf der ausgebleichten Couch mit Blümchenmuster lag ihre Mutter, und ihre Lippen umspülte so etwas wie ein Lächeln.

Sie hatte sie schon lange nicht mehr lächeln gesehen, war natürlich ihre Schuld war. Das war ihr klar, denn weder Mutter noch die Fee ließen eine Gelegenheit aus, ihr dies um die Ohren zu schlagen.

Es war ihre Schuld, dass Mutters Leben aus den Fugen geraten war. Wäre sie nicht zur Welt gekommen …

Sandra seufzte leise. Sie war schuldig, ohne etwas verbrochen zu haben. So einfach war das.

Sie ging in die Küche um zu essen. Mutter hatte ihr wieder kein Geld mitgegeben, damit sie etwas in der Schulkantine kaufen konnte. In der kleinen Küche, von deren Kästen das Holzfurnier absplitterte, stank es fürchterlich. Sandra stürzte zum Fenster und riss es weit auf.

Die Ursache für den üblen Geruch hatte sie rasch ausgemacht: Auf dem Ofen stand eine Pfanne. Zwei grotesk aufgerissene Würstchen schwammen in einer dicken Ölschicht.

„Sie wollte dir ein Essen kochen“, erklärte die Fee nonchalant. „Ist sie nicht eine gute Mutter? Also sei ein braves Kind und iss, was sie mit so viel Mühe zubereitet hat.“

Sandra machte ein entsetztes Gesicht. Sie liebte Würstchen, aber die hier waren von der Hitze aufgesprungen, angekokelt und einfach widerlich anzusehen. Nicht einen Bissen würde sie davon zu sich nehmen. Wenigstens hatte sie nicht vergessen, den Herd auszuschalten, wie ihr das vor ein paar Wochen passiert war.

Sandra schauderte bei der bloßen Vorstellung, was geschehen hätte können! Immer wieder hörte man von Bränden, die durch auf der Herdplatte vergessene Pfannen mit Fett ausgelöst worden waren.

Wortlos kramte sie Alufolie aus der Lade, riss einen großen Bogen ab und wickelte die Würstchen darin ein. Dann erst schmiss sie sie in den Abfalleimer.

„Wieso tust du das?“, fragte die Fee tadelnd und hielt dabei ihren Kopf schief.

„Das kann ich doch nicht essen!“, erklärte Sandra.

Sie spülte ihre fettverschmierten Finger mit heißem Wasser ab. Die Fee schüttelte den Kopf.

„Wie undankbar du doch bist.“

„Hör auf!“, fauchte Sandra sie an, und wie bereits wenige Stunden zuvor in der Schule, stieg die qualvolle Erkenntnis in ihr auf, dass sie geschrien hatte.

Ein Lehrer konnte einem nur einen Eintrag ins Klassenbuch antun – Mutter hingegen …

Noch ehe sie diesen Gedankengang zu Ende geführt hatte, hörte sie sie schlaftrunken hochrappeln und „Wer is’ da?“ rufen, was eine dümmliche Frage war: Wer sollte schon da sein? Sie wohnte mit Mutter seit Jahren allein. Kassandra nicht mitgezählt, die ja nur Sandra selbst sehen konnte, denn sie war ihre ganz persönliche Fee. Und Sandra zweifellos etwas ganz Besonderes, sonst stünde keine Fee an ihrer Seite. Jedenfalls erschien ihr das plausibel und erfüllte sie mit ein wenig Hoffnung und etwas, das sich wie Stolz anfühlte.

Als Mutter die Küche betrat, fühlte sich Sandra aber wieder winzig klein und völlig unbedeutend.

„Ach, du“, sagte ihre Mutter mit trockener Stimme.

Erleichtert stellte Sandra fest, dass sie nichts zu befürchten hatte. Sie konnte in Mutter wie in einem Buch lesen. In diesem Augenblick war sie völlig harmlos. „Wieso bist du schon daheim?“

„Es ist Freitag“, erklärte Sandra. „Da komme ich immer früher nach Hause.“

Kurz wirkte Mutter irritiert. Dann fiel es ihr wieder ein oder sie tat zumindest so. „Stimmt, klar, Freitag. Haben dir die Würstchen geschmeckt?“

Sandra nickte eifrig. „Ja, danke.“

Zufrieden versuchte Mutter ein Lächeln, das kläglich scheiterte und ihre Gesichtszüge grotesk entgleisen ließ. „Sind mir ein wenig angebrannt. War … beschäftigt.“

„Das macht nichts“, erwiderte Sandra rasch und überlegte, ob sie auf die Gefahr hinweisen sollte, die von eingeschalteten und vergessenen Herdplatten drohte. Sie verwarf diesen Gedanken rasch wieder – Mutter schien halbwegs guter Laune zu sein. Es wäre dumm gewesen, sie mit einem Vorwurf zu konfrontieren, der ihre Stimmung kippen lassen würde.

„Ich dachte, vielleicht kann ich heute … ins Kino gehen? Wenn du nichts dagegen hast, natürlich nur.“

Mutter zog ihre Stirn kraus. „Ins Kino? Du willst ins Kino?“

Sandra antwortete nicht. Ihr wurde ihr Fehler bewusst, als Mutter sie aufforderte, sich an den Küchentisch zu setzen. Sie gehorchte und Mutter nahm ihr gegenüber Platz.

„Ja, hast du denn nichts aus alledem gelernt? So fängt es an: Kino, Disco, Party. Einen draufmachen, wo Jungs sind.“

Am liebsten wäre Sandra aufgesprungen und hätte sich die Ohren zugehalten. Tausendmal schon hatte sie diese Geschichte gehört. Nun gut, vielleicht nicht tausendmal, aber oft. Viel zu oft. Sie wollte sie nicht mehr hören. Dann fühlte sie sich gleich noch schuldiger, als sie ohnedies schon war.

„Oh, und dann willst du den Jungs gefallen, denn sie sind ja nett und lustig.“

Sandra hasste es, wenn sie die Du-Form gebrauchte, als erzählte sie Sandras Geschichte, nicht ihre eigene.

„Und du beginnst, dich zu schminken und möglichst kurze Röcke und enge Blusen zu tragen, damit die Jungs deine Titten, ja, so nennen sie sie!, deine Titten sehen können und dir unter deinen Rock greifen können. Und sie hauchen dir Versprechungen ins Ohr und sülzen dich mit diesem ganzen Müll von wegen Liebe und so voll. Bis du es glaubst und sie ranlässt, diese Hunde! Wie läufige Köter hinter einer Hündin. Sie benutzen dich eine Zeit lang und dann lassen sie dich fallen.“

Sie legte eine Pause ein und wirkte gedankenverloren. „Wenn du feststellst, dass du schwanger bist, platzen all die Träume und die Versprechungen sind Hundescheiße auf dem Pflaster, über die ein LKW rollte. Du bist noch keine vierzehn und bist schwanger. Und stellst fest, dass das der Weltuntergang ist.“

Mutter stieß ein heiseres Lachen aus. „Du verheimlichst es, so lange es geht. Aber irgendwann geht es nicht mehr, weil es zu offensichtlich ist, und du brichst unter den Fragen deiner Eltern zusammen.“

Wieder hielt sie kurz inne. Diesmal blickte sie hoch und starrte Sandra direkt in die Augen. „Das Schlimmste ist: Es ist zu spät für eine Abtreibung. Du musst das Kind zur Welt bringen. Und dann ist alles vorbei. Dein Leben ist vorbei. Die Liebe ist vorbei. Einfach alles.“

Sie schwieg. Sandra wartete, ob noch etwas folgen würde. Aber offenbar hatte Mutter alles gesagt.

Zögernd wagte sie einen Einwurf. „Ich möchte mir doch nur einen Film anschauen.“

Sie erntete einen wütenden Blick. „Hast du nicht zugehört? Denkst du, ich lasse zu, dass du auch schwanger wirst?“

„Ich bin doch erst zwölf, und ich habe keinen Freund. Die Jungen schauen mich doch nicht einmal an! Im Gegenteil, die verspotten und –“

„Nein!“, fuhr sie Mutter scharf an. „Du bringst die Küche in Ordnung und dann gehst du auf dein Zimmer und bleibst dort, verstanden?“

„Du tust besser, was sie sagt“, empfahl die Fee, die die ganze Zeit über auf dem Tisch zwischen den beiden gesessen hatte.

„Verstanden“, sagte Sandra resignierend und machte sich daran, den Abwasch zu erledigen und die Herdplatten zu reinigen, während Mutter die Wohnung verließ. Das Backrohr war übersät mit Verkrustungen, die mit dem Email verwachsen zu sein schienen. Hartnäckig widerstanden diese all ihren Versuchen, sie wegzukratzen oder wegzuschaben. Nach einer Viertelstunde gab sie es auf und wusch sich die Hände mit Spülmittel. Sie mochte den Zitronenduft und dieses kalte, dennoch angenehme, ölige Gefühl auf den Handtellern.

Dann ging sie, mit noch feuchten Händen, ans Fenster. Schwer und träge hingen die Wolken wie Wasserschläuche am Horizont und versprachen Regen. Etwa fünfzehn Meter ging es nach unten.

„Pass bloß auf, dass du nicht hinausfällst“, sagte die Fee, in deren Stimme wieder einmal jener Spott lag, den Sandra so sehr verabscheute.

Sie mochte eine Freundin sein, aber keine, die einen unterstützte.

Sandra erwiderte nichts und ging auf ihr Zimmer. Neben ihr marschierte die Fee im Gleichschritt einher.

„Hast du dich denn nie gefragt“, begann Kassandra, „warum dich dein Vater nicht mehr besucht? Warum er dich nie wieder zu sich geholt hat?“

Natürlich hatte sie sich diese Fragen gestellt. Aber die Antworten hatten sie auf eine Weise verstört, die sie zusammenzucken ließ, wenn sie nur darüber nachdachte.

Sandra hockte sich aufs Bett und lehnte ihren Rücken gegen die Wand. Die Fee setzte sich neben sie. „Es ist doch so: Deine Mutter wollte dich nicht, dein Vater genauso wenig. Vielleicht wären sie heute noch zusammen und glücklich, wenn nicht du dich zwischen sie gestellt hättest. Sieh mal: Welche Eltern würden ein Kind wie dich schon wollen? Hässlich bist du, und dumm. Nicht einmal die einfachsten Fragen konntest du beim Test –“

„Sei still!“, schrie Sandra, und in ohnmächtiger Wut holte sie mit dem Arm aus und schlug auf die Gestalt neben ihr ein.

Die kleine Mädchenfaust knallte gegen die Wand. Sandra kreischte vor Schmerz auf und rollte sich wie ein Welpe zusammen.

„Siehst du?“, tadelte die Fee. „Ich sagte doch, du bist dumm.“

Ende der Leseprobe.

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