Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Monatsarchiv für Mai, 2009

Unterwegs mit einem Fremden

Von DieterH am 29. Mai 2009 veröffentlicht

Als ich neulich mit einer guten Freundin unterwegs war, entschieden wir uns kurzfristig doch noch in die nahegelegene Disko zu gehen. Normalerweise war ich dazu freitagabends wenig motiviert, aber es war nun mal meine beste Freundin und sie war seit kurzem wieder Single.

Das war bei ihr übrigens immer so. Hatte sie einen Freund, hörte man wenig bis nichts von ihr. Aber wehe sie war wieder solo – dann klingelte mein Telefon ununterbrochen. Hin und wieder war das bei mir auch so, das muss ich zugeben. Ich ließ mich an diesem Abend überreden und wir tranken in der Disco ein bis zwei Cocktails.

Irgendwann bemerkte ich den netten jungen Mann, der mir immer wieder zulächelte. Wenig später kam er zu mir herüber und lud mich auf einen Drink ein. Ich fand ihn von Anfang an sympathisch, weswegen wir über 2 Stunden lachten und redeten. Als meine Freundin dann gehen wollte, bot er an uns nachhause zu fahren. Nach kurzem Zögern willigte ich ein. Als meine Freundin bereits ausgestiegen war, kamen mir Zweifel.

Was wäre, wenn der nette junge Mann gar nicht so nett war, wie er schien? Ein Schauern lief mir den Rücken herunter. Instinktiv griff ich nach meinem Pfefferspray und hoffte den Moment herbei, wenn ich aus dem Auto aussteigen würde.

Zum Glück waren meine Zweifel unbegründet. Als ich ausgestiegen war, fragte mich meine neue Bekanntschaft artig nach meiner Handynummer die ich ihm nach kurzem Zögern auch gerne gab. Heute sind wir seit über 14 Monaten ein glückliches Paar – und auch meine Freundin ist wieder glücklich vergeben.

Im Zyklus der Zeit

Von admin am 25. Mai 2009 veröffentlicht

Autor: Lothar Nietsch
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Fantasia 210/211 (EDFC)”

imzyklusderzeitWieder saß sie auf den Stufen vor dem Brunnen des mittelalterlichen Marktplatzes. Eine junge Frau, die Fred schon in den vergangenen Tagen dort hatte sitzen sehen. Stets zur gleichen Zeit. Das erste Mal hatte er sich kaum für die Frau interessiert, als er sie vom Hotelzimmer aus bemerkte. Doch die Regelmäßigkeit ihres Erscheinens und nicht zuletzt der Ausdruck tiefer Melancholie in ihrem zarten Gesicht, weckten seine Neugier.
Sie war niemandem des Personals bekannt, als er sich nach ihr erkundigte. Wahrscheinlich eine Touristin, hieß es, der es der Marktplatz angetan hatte.
Trotzdem, die Wehmut ihrer Züge, der traurig-verträumte Blick, die um sie befindlichen Dinge und Menschen kaum wahrnehmend, entsprach für Fred nicht der Art, die ein gewöhnlicher Tourist an den Tag legte. Vielmehr erweckte sie den Anschein, als wäre sie mit diesem Ort auf tragische Weise verbunden und irgendwie fühlte sich Fred zu ihr hingezogen.
Ein kontrollierender Blick in den Spiegel, dann verließ er das Zimmer. Die Frau beschäftigte seine Gedanken mittlerweile viel zu sehr, um sie nicht wenigstens anzusprechen.
Draußen, im Schutze des Vordachs, zögerte er. Aber, als eilte ihm sein Vorhaben durch eine unsichtbare Strömung voraus, sah sie auf, fand ihr Blick den seinen. Fred atmete durch und ging auf sie zu. Ihre Augen blieben dabei auf sein Gesicht geheftet. Unendlich geheimnisvoll erschien ihm ihr Blick, der Fred immer mehr verwirrte, je weiter er sich ihr näherte. Erkennen und Hoffnung lagen darin, desgleichen Trauer und Leid. Plötzlich beschlich Fred die leise, dennoch unbeirrbare Ahnung, diese Frau zu kennen. Trotz der Gewissheit, dass dies nicht sein konnte.
Oben, in seinem Zimmer, hatte er sich eine passende Anrede zurechtgelegt, nun aber waren die Worte wie weggewischt. Nie zuvor erlebte er Ähnliches. Eine schiere Flut gegensätzlicher Gefühle vereinnahmte ihn von einem Augenblick zum nächsten. Er begehrte diese Frau, wie keine zuvor, gleichermaßen empfand er unsägliche Scham. Hilflos versank er in den Tiefen ihrer Augen, deren Grund er niemals würde blicken können. Dies war ihm auf ebenso unerklärliche Weise klar, wie das untrügliche, dennoch irrationale, Wissen, dieser Frau so nahe wie einer Geliebten zu stehen. Dabei war er ihr niemals zuvor begegnet.
„Mathilde?“, hörte er den Namen über seine Lippen kommen. Fassungslos schrie sein Verstand in Panik auf. Hatte er dies wirklich gesagt? Ihm war, als befände sich ein zweites Ich in seinem Geist. Verzweifelt baten seine Blicke um Hilfe, aber ihre Worte trieben ihn vollends an den Rand des Wahnsinns.
„Ja, du bist es – fandest endlich den Weg. Nach all den trostlosen Jahren des Wartens. Ist dir klar, was du nun wirst tun müssen?“
Nein!, schrie es in Fred, ich habe nicht den blassesten Schimmer! Aber als spräche ein Anderer, entgegnete er: „Ja und nein, meine Liebste. Soviel Zeit ist seither vergangen, zuviel Sünde auf meinen Schultern.“
Liebevoll sahen ihre unergründlichen Augen zu ihm auf, füllten sich mit Tränen: „Nichts kann meine Liebe bezwingen. Kein Pakt, keine Macht, denn du bist zurück. Jetzt kann ich mein Gelübde erfüllen.“
Ihre Hand streckte sich Fred entgegen, dem ein Schauder über den Rücken jagte. Doch bevor ihre Fingerspitzen seine Hand erreichten, verblassten sie, lösten sich auf wie Nebelschwaden. Voller Entsetzen, keines klaren Gedanken fähig, stierte Fred auf die Stufe vor seinen Füßen. Das Wasser des Brunnens plätscherte fröhlich in der Abendsonne, als wäre nichts geschehen. Endlich, ihm schien eine halbe Ewigkeit vergangen, kehrte die Gewalt über seine Gliedmaßen zurück. In unregelmäßigen Atemzügen schnappte er nach Luft. Die Knie schlotterten, sein Herzschlag hämmerte. Fred befürchtete, er könne unangenehm auffallen, daher setzte er sich auf jene Stufe vor dem Brunnen.
So saß er da, bemüht das Unfassbare zu verdauen und dabei den Verstand bewahrend. Erst nachdem die Sonne hinter den Dächern verschwunden war, erhob er sich und begab sich schnurstracks auf sein Zimmer.
Auch wenn die Vernunft ihm gebot, dass er sich lediglich etwas einbildete, ja, einbilden musste, so vermochte er nicht das Erlebte zu leugnen. So sehr er sich wünschte, das Ganze als Suggestion abzutun, unbeirrt stand die Gewissheit diese Frau zu kennen dagegen. Wenn er doch nur wüsste, was ihn mit dieser Frau verband. Nur in einem war er sicher: Dieses Gefühl der Liebe entstammte absolut keiner Einbildung. Was war mit ihm? War er der, der er glaubte zu sein? Seine Erinnerungen, seine Geschichte, waren es seine eigenen? Gab es tatsächlich einen Abschnitt seines Lebens, der sich ihm verschloss?
Erschöpft fiel er aufs Bett. Unsinnige Grübelei. Alles was blieb, war, den nächsten Tag abzuwarten, darauf zu hoffen, dass die Frau wieder erschien. „Mathilde“, murmelte er, lauschte dem Klang dieses Namens, der einem Teil von ihm so vertraut vorkam, dann schlief er ein.
Durchs Fenster fallender Sonnenschein weckte Fred. In Sekunden verblassten die Traumsequenzen, die seine Erinnerung aus dem Schlaf mitgenommen hatte. Nur ein Gefühl der Unsicherheit blieb zurück. Sein erster klarer Gedanke galt Mathilde. Sogleich brandete eine Woge der Liebe und des Schmerzes durch sein Innerstes. Ebenso stellte sich dies unheilvolle Wissen ein, dass er einen finsteren Teil seiner Vergangenheit nicht mehr wusste – nicht mehr wissen wollte. Dem zum Trotz brannte er darauf, herauszufinden, was genau dies war. Sich seiner selbst nicht sicher, stand er auf, schlurfte ins Bad.
Gedankenverloren starrte er in den Spiegel. War dies Gesicht tatsächlich seins? Er beschwor Mathildes Züge vor seinem inneren Auge herauf. Doch dies verwirrte ihn noch mehr, stürzte ihn zuletzt in Verzweiflung. Außer seiner unbeschwerten Kindheit, war sein Leben eher langweilig verlaufen. Er würde seinen Werdegang als überaus durchschnittlich beschreiben, dem Bild entsprechend, welches das Klischee eines Versicherungsvertreters zeichnete.
Fred schüttelte den Kopf, so kam er nicht weiter. Er kleidete sich an, stieg die Stufen zum Foyer hinunter und trat auf den Marktplatz hinaus. Ohne Ziel, die Hände in den Hosentaschen, schlenderte er durch die Straßen, nahm jeden Winkel in sich auf. Nach einer Weile stellte sich etwas wie vage Erinnerung ein. Die Gassen schienen ihm auf düstere Art vertraut. Aber die undeutlichen Bilder zeigten diesen Ort völlig anders. Vor seinem geistigen Auge bröckelte der Putz von den Fassaden, sah er mit Stroh gedeckte Dächer, Unrat auf den Strassen. Es roch nach Schmutz, Hunger und Blut. Als wäre er in der Zeit zurück gegangen. Der Gedanke erschreckte Fred, verscheuchte jene unheimlichen Bilder aus längst vergangen Tagen. Bedeutete dies nichts anderes, als schon einmal gelebt zu haben. Bislang tat er dergleichen als Blödsinn ab. Belächelte diejenigen, die behaupteten, sich an frühere Leben zu erinnern. Noch mehr aber belächelte Fred jene Zeitgenossen, die solchen Geschichten Glauben schenkten. Er wollte es nicht wahrhaben, aber diese Ahnung, bereits vor Jahrhunderten durch diese Stadt gewandelt zu sein, widersetzte sich hartnäckig seinem Willen. Sein Weg hatte ihn vor das Rathaus geführt. Erst als er gewahrte, schon länger die Messingtafel anzustarren, erkannte er den Sinn der aufgeprägten Buchstaben. Stadtarchiv, las er. Ohne weiteres Nachdenken, wie mit einer unwiderstehlichen Strömung treibend, ging Fred hinein.
Der alte, griesgrämige Archivar nickte konsterniert, als Fred ihn fragte, ob sich in der Geschichte der Stadt etwas Tragisches am Marktplatz ereignet hatte. „Seltsam, dass Sie so etwas wissen wollen“, sagte er. „Die Mauern dieser Stadt waren tatsächlich Zeuge vieler tragischer Ereignisse, doch interessiert dergleichen die Touristen kaum. Können Sie mir konkreter sagen, welches Ereignis Sie meinen?“
„Nicht genau, ich hörte von einer jungen Frau, der auf dem Marktplatz irgendetwas zugestoßen sein soll.“
Der Alte beäugte Fred mit unverhohlenem Misstrauen, als er entgegnete: „Gehört wollen Sie davon haben? Hören Sie, ich mag vielleicht ein alter Trottel sein, aber für dumm verkaufen können Sie jemand anderen. Nur wenige lasen die Aufzeichnungen und sie hielten’s genauso, wie ihre Ahnen: Sie vergaßen die Geschichte. Erzählen Sie also nicht, Sie hätten zufällig davon gehört. Sagen Sie schon, was Sie wollen, oder lassen Sie mir meine Ruhe.“
Die Worte überrumpelten Fred derart, dass er einige Sekunden benötigte, in denen er um seine Fassung rang. Aber was hatte er schon zu verlieren? Kaum jemand in der Stadt kannte ihn. Sollte der Alte von ihm denken was er wollte. Fred breitete entwaffnend die Hände aus und sagte: „Ich bin Versicherungsvertreter und wegen eines Kunden in der Stadt. Meines Wissens zum ersten Mal. Doch wenn ich Ihnen nun sage, dass täglich eine bildhübsche, aber tieftraurige Frau vor dem Brunnen des Marktplatzes sitzt, die in mir ihren Liebsten zu erkennen glaubt, den sie vor elend langer Zeit verlor und die sich dann anschließend vor meinen Augen wie ein Gespenst in Luft auflöst, werden Sie mich erst recht auffordern, nicht Ihre Zeit mit solchem Blödsinn zu verschwenden. Oder etwa nicht?“
Fred wusste nicht, was er nun zu erwarten hatte, keinesfalls aber rechnete er mit der folgenden Reaktion.
„Teufel noch mal“, entfuhr es dem Alten, Fred mit großen Augen fixierend. „Beschreiben Sie die Frau.“
Fred fragte sich, welchem Zweck dies dienen sollte, dennoch kam er der Aufforderung nach. Der Archivar hing ohne Unterlass an seinen Lippen, nickte ab und an bestätigend und als Fred endete, rief er aus: „Sie ist’s! Genauso wird sie beschrieben.“
Dabei lief er aufgeregt auf und ab, solange bis Fred die Geduld verlor.
„Jetzt sagen Sie schon, wer die Frau ist, wenn Sie glauben, dass sie’s ist und was zum Kuckuck mit ihr geschah!“
„Ah!“ griente der Alte verschmitzt, „Sie gefällt dem jungen Mann.“ Dann, in beinahe traurigem Tonfall: „Machen Sie sich keine Hoffnungen, die Gute verstarb vor über 400 Jahren. Sie sind übrigens nicht der Einzige, dem sie erschien, soviel ich aber sagen kann, der Erste mit dem sie gesprochen hat. Doch kommen Sie, ich zeige Ihnen die alten Aufzeichnungen, die der Prior des Klosters seinerzeit anfertigte. Offenbar vermutete er, dass ihn diese Zeilen Kopf und Kragen kosten würden, denn er hat sie unter einer Bodenplatte der Sakristei versteckt. Renovierungsarbeiten vor acht Jahren förderten sie dann zutage.“
Gespannt folgte Fred dem Alten in den hinteren Teil des Archivs. Die Originaldokumente lagen unter einer Glasvitrine zur Ansicht aus, doch waren sie in lateinisch verfasst.
„Ich nehme an, Sie können mit der Übersetzung hier mehr anfangen“, nahm der Archivar Freds Frage vorweg und reichte ihm eine Mappe. „Sie können sich das Ganze dort in Ruhe durchlesen“, dabei deutete er zu zwei Stühlen, die einen niederen Tisch flankierten und schlurfte ohne ein weiteres Wort nach vorne.
Fred setzte sich, schlug gespannt den Deckel zurück und begann zu lesen. Die Zeilen beschrieben ein Ereignis aus der Zeit des 30jährigen Krieges und wie nach einem endlosen Wachtraum, brandete die Erinnerung plötzlich über Fred hinweg. Mit solcher Heftigkeit, dass er beinahe aufschrie. Unfassbar zu glauben, wer er einst gewesen, aber allzu deutlich traten unzählige Einzelheiten seines damaligen Lebens zu Tage. Die Reinheit seiner Empfindungen in der Jugend, bis hin zum Wandel, den seine Seele mit wachsender Macht vollführte, ihn zum Teufel in Menschengestalt verkommen ließ.
Mathilde, der sein ganzes Herz gehörte, doch sie zu ehelichen, verbot sein Stand. Was ihn jedoch nicht hinderte, sie zu verführen, seiner Fleischeslust zu opfern, zu schwängern und in Schande versinkend zurückzulassen, als ihn seine beginnende Karriere in die Welt hinausführte. Eine Welt des immerwährenden Krieges und die er in den folgenden Jahren beinahe eroberte – geachtet und gefürchtet zugleich. Als Oberbefehlshaber aller Truppen, verfügte er zeitweilig über größere Macht als der Kaiser, schuf in seinem Größenwahn ein eigenes Reich. Mathilde, seine einstige Liebe verleugnete er. Drängte sie sich dennoch in sein Gedächtnis, schämte er sich seiner Liebe, verfluchte das Weib niederer Herkunft.
Schaudernd fuhr Fred empor, unnötig weiterzulesen. Kein Wunder, dass er Geschichten über Wiedergeburt bisher verabscheute. Niemals hätte er wissen mögen, welch ein Scheusal er einst gewesen, wenn auch ein bis in heutiger Zeit sehr berühmtes.
Dennoch, anfangs war er gut gewesen, die Liebe zu Mathilde echt, deutlich spürte er dies. Was war geschehen, dass seine Gefühle in solchen Maßen erkalteten? Düster und beängstigend zogen bruchstückhafte Reminiszenzen herauf. Eine dunkle Messe. Gott im Himmel!, durchfuhr es Freds Gedanken. Mit Hilfe abscheulicher Rituale beschwor er den Fürsten der Finsternis, bot seine Seele. Der Sold für die Macht. Aber warum schmorte er nicht in der Hölle, wandelte stattdessen über die Erde? Wenn auch als belangloser Versicherungsvertreter, so verschloss sich ihm der Sinn des Ganzen. Antworten, dessen war sich Fred nun gewiss, erlangte er nur durch Mathilde.
Mathilde – nach allem was er ihr angetan hatte. Selbst der Tod ereilte sie auf sein Geheiß. Übelkeit stieg in ihm auf. Er wollte seine Gedanken abwenden, aber etwas hinderte ihn, ließ Fred die grausige Tat abermals durchleben.
Lange schon lagerte er mit seinem Heer vor der Stadt, die sich ihm wiedersetzte. Seine Männer bluteten das Land aus, das Volk hungerte. Verbrannte Erde auf Meilen. Da trat sie vor ihn, Mathilde. Sie hatte ihn nicht vergessen, liebte ihn noch immer, obwohl er sie entehrt und im Stich gelassen hatte. Appellierte an sein gütiges Herz, bettelte um Brot für sich und die Kinder, sein eigen Fleisch und Blut. Einem Menschen wären diese Worte ans Herz gegangen, aber längst war er kein Mensch mehr. Die Worte jener Frau, die er einst geliebt, beleidigten ihn. Ihr nach wie vor reizvolles Erscheinen verhöhnte ihn. Trotz des Gebärens der Kinder, der Marter durch die unaufhörlichen Kriege, gafften die Männer diesem niederen Weib noch immer nach. Im Gegensatz zu ihm, der mit schmerzhaften Ekzemen kämpfte und dessen Leib lebendig zu verfaulen drohte. Wie konnte sie sich erdreisten, derart vor ihn hinzutreten? Vor ihn, dem mächtigsten Mann Europas, ihn zu kompromittieren.
Indes, Mathilde schien den Zorn nicht wahrzunehmen, der sich über ihrem Haupt zusammenbraute. Vielleicht, so überlegte Fred, wollte sie dies auch gar nicht.
Unbewegt hatte er sie angehört und nachdem er keine Regung zeigte, wurde sie in ihrer Not zur Verräterin an ihren Leuten. Sie beschrieb einen geheimen Gang, der, nicht weit vom Heereslager gelegen, in die Stadt führte. Wenn er nur dafür sorge, dass sie bis an ihr Lebensende Brot erhielte, werde sie ihm die Stelle zeigen, an der sich der Eingang des Ganges befand.
Innerlich triumphierte er. Es gab nur eine einzig richtige Antwort auf Verrat und die würde er ihr erteilen. Die Bosheit seines Herzens schmerzte Fred selbst jetzt, unzählige Jahre danach, mehr als er ertrug. Eilends suchte er die Toilette, wo er sich erbrach. Aber auch dies hinderte die über ihn hereinbrechende Bilderflut seiner Vergangenheit keineswegs daran, ihn weiter zu peinigen.
Mit einer kaum nachzuvollziehenden Häme, gewährte er seiner einstigen Geliebten den Wunsch. Sowie Mathilde seinen Söldnern den Zugang gezeigt hatte, nahm er sie in Gewahrsam, eroberte die Stadt im Handstreich und nach dem ersten Morgengeläut erhielt Mathilde den Lohn für ihre Dienste. Inmitten des von Schaulustigen überfüllten Marktplatzes ließ er ein Geschütz mit Brot füllen, bis der Kanonier keinen weiteren Krumen ins Rohr brachte. Dann stellten seine Schergen Mathilde an Händen und Füßen gefesselt vor die Mündung. Mit den Worten, hier hast du Brot bis an dein Lebensende, zog er eigenhändig ab. Nicht ein Funke des Bedauerns regte sich in ihm, beim Anblick ihres Leichnams. Mathilde zählte nichts, war ihm weniger als der Dreck unter seinen Fingernägeln.
Fred fühlte sich wie erschlagen, kauerte zitternd neben der Toilettenschüssel, solange, bis der Archivar die Tür öffnete und mit wunderlichem Blick fragte: „Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ja kreidebleich. Aber ist ja auch kein Wunder, diese Geschichte geht an die Nieren. Dennoch schwer nachzuvollziehen, woher der Prior hat wissen können, dass diese einfache Frau einst die Geliebte des großen Wallenstein war, noch dazu Mutter seiner Kinder.“
Fred nickte gequält: „In der Tat. Aber irgendwas wird wohl dran sein, sonst hätte er diese Zeilen nicht so gut verborgen. Meinen Sie nicht auch?“
Der Archivar stimmte zu. Auf die Frage, ob der Platz ihres Grabes bekannt sei, schüttelte der Alte den Kopf. Auch wenn es die Menschen selbst damals entsetzte, auf welche Weise Wallenstein seine Informanten entlohnte, so war sie ab da für die Bürger nur eine Verräterin. Fred dankte und verließ das Rathaus. Er fühlte sich erbärmlich.
Unbewusst vernahm er das fünf Uhr Läuten der Kirchenglocke, als es ihn jäh durchzuckte: Mathilde!
Stets zu dieser Zeit hatte er sie am Brunnen sitzen sehen. Er rannte, so schnell es seine Beine erlaubten, ignorierte die brennenden Lungen, den galoppierenden Herzschlag. Atemlos erreichte er den Marktplatz. Freudig und beklommen zugleich, sah er sie. Keiner der Passanten nahm Notiz von ihr, als wäre sie überhaupt nicht zugegen. Vielleicht sehe ja nur ich sie, dachte Fred. Wie gestern, schien sie seine Anwesenheit zu spüren und wandte den Kopf in seine Richtung.
„Weißt du nun, was du zu tun hast?“, begrüßte sie ihn.
Ein faustgroßer Klumpen in seinem Hals, hinderte Fred am antworten. Nach einigem Ringen, brachte er schließlich heraus: „Ich fürchte, nichts kann wieder gut machen, was ich dir angetan habe. Selbst mein Tod wäre keine Sühne, denn ich bin ja schon gestorben.“
Seine zauberhafte Mathilde lächelte. Die Stimme voller Zärtlichkeit, entgegnete sie: „Du warst verblendet, deine Seele vergiftet. Deutlich sah ich Seinen Schatten über dir, als du mich getötet hast. Dich Ihm zu entreißen, schwor ich damals, egal wie lange es dauert. Nun ist es fast vollbracht. Dann endlich ist es meiner Seele gestattet zu ruhen und in Liebe auf die deine zu warten.“
Fred vermochte seinen Ohren kaum zu trauen. Wie konnte Mathilda noch Liebe für ihn verspüren? Er fand kaum die passenden Worte. Unsicher stammelte er: „Du bist nicht hier, um dich an mir zu rächen? Nach all dem Leid, welches ich über dich brachte?“
„Du lieber Narr! Denkst du wirklich, ich war so naiv und mir des Standesunterschiedes nicht bewusst? Wir liebten uns, dies allein zählte für mich. Ich wusste von Anfang an, dass es dir unmöglich gewesen wäre, mich zum Weib zu nehmen. Aber gesorgt hättest du für mich und deine Kinder. Doch in der Ferne gerietest du in Seinen Bann, warst ein anderer. Dein Herz starb und ist selbst jetzt noch tot.“
„Nein, du irrst. Gestern, als ich dich ansprach, fühlte ich die Liebe zu dir, obwohl ich da noch nichts wusste.“
Glockenhell erschallte Mathildes Lachen: „Liebe ist ein zweischneidiges Ding. Liebst du mich um deinetwillen oder um meinetwillen?“
Offenen Mundes glotzte Fred in Mathildes lachendes Gesicht, wusste keine Antwort.
„Siehst du!“, sagte sie, dabei ernst werdend. „Seine Macht reicht weit über Tod und Geburt hinaus. Aber der Glaube ist gering geworden unter den Menschen, dies schwächt Gott, ebenso wie Ihn. Komm jetzt, ich zeige es dir.“
Keiner Erwiderung fähig, folgte Fred dem Geist Mathildes, der ihn bis vor die alten Stadtmauern führte. An einer mit Dornenbüschen überwucherten Stelle des Stadtgrabens, verhielt sie. „Hier verscharrten sie meinen Körper.“ Dabei deutete sie zu Boden.
Es bedurfte keiner Worte, Fred war klar, was Mathilde erwartete. So begann er, mit seinen Händen in der harten Erde zu graben. Die Haut löste sich bereits von den Fingern und den Handflächen, als er auf den ersten Knochen stieß – Mathildes Schädel. Schweren Herzens barg er den Kopf, drückte ihn an seine Brust. Jeden einzelnen Knochen wollte er noch in dieser Nacht ausgraben. Geweihter Erde würde er sie übergeben, anschließend sein Leben ändern. Der Lohn seiner Arbeit, sollte fortan nicht länger seinem nutzlosen Luxus, sondern Bedürftigen dienen.
Fred blickte auf, erleichtert sah er in Mathildes Gesicht. Sie lächelte auf eine Art, wie er noch niemals jemand hatte lächeln sehen.
„Jetzt kann dein Herz wieder lieben“, sagte sie. „Halte daran fest und vergiss mich nicht.“
Freds Herz verkrampfte. „Du willst gehen?“
„Können wir tun was wir wollen, oder wollen was wir tun? Solange du an mich denkst, bin ich bei dir, lebe in dir fort. Vergiss unsere Liebe nicht, so werden unsere Seelen eins. Jetzt liegt es bei dir, mein Liebster.“
Mathildes Konturen verblassten. Fred wandte sich ab, zu sehr schmerzte der Anblick. Tränen liefen über seine Wangen. Tränen der Scham und der Erleichterung zugleich. Sein Leben hatte einen Sinn bekommen. Beinahe fröhlich kratzte er mit wunden Fingern weiter in der Erde. Gegen Morgengrauen hatte er Mathildas vollständig erhaltenes Skelett geborgen. Sorgsam in seine Jacke gehüllt, brachte er die kostbare Fracht auf sein Hotelzimmer. Bald sollte sie ein Grab erhalten, welches ihrer würdig war. Er trug nun Mathildes Bild in seinem Herzen und die Gewissheit, dass er sie wiedersehen würde.

Glitzerklösschen

Von admin am 22. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Alisha Bionda
Illustration:
Gaby Hylla
Veröffentlichung: Der Band ist für Juni 2010 in der SEVEN FANCY-Reihe im “Sieben Verlag” geplant.

Glitzerklösschen

Für Bea, die Rubensfrau, die Patin für diese Geschichte stand

„Ich habe Cellulitis!“
Mit solch derben Begrüßungen darf ich Susan nicht kommen. Sie setzt ihre Gouvernantenmiene auf und betritt die Diele meines Hauses. Geht strammen Schrittes in die Küche. Hängt dort akribisch genau ihren Blazer über die Stuhllehne, angelt nach einer Zigarette und setzt sich. Eindeutig alles Verzögerungstaktiken um mich aus der Ruhe zu bringen. Was ihr vortrefflich gelingt.
Ich stoße einen unwilligen Laut aus. „Und mein Busen erliegt immer mehr der Schwerkraft. Was soll ich nur machen? Die Zeit arbeitet eindeutig gegen mich!“
Susan kommentiert mit zwei nüchternen Sätzen meine Klagen. „Jammere nicht ständig herum, sondern ändere es. Geh endlich in ein Fitness-Studio.“ lautet ihr gnadenloser Ratschlag.
Sie hätte wenigstens eine fromme Lüge à la ‘Du-siehst-doch-toll–aus’ loslassen können. Aber dann wäre Susan nicht Susan.
Ich nehme sie und mich am nächsten Tag beim Wort und suche ein Studio. Werde sogar fündig. Schließe dort gleich einen Jahresvertrag ab. Schließlich wird es einige Zeit dauern, bis ich von einer ausladenden Walküre zur zarten Twiggy geschrumpft bin.
Der erste Trainingstag steht an.
Ich betrete nach mehreren Anläufen das Studio. Bekleidet mit Leggings und meinem bonbonfarbenen Lieblings-Shirt.
Glitzerklösschen nennt mich Jojo darin immer.
Aerobic ist angesagt.
Da stehen sie. Die Kursteilnehmerinnen.
Mein entsetzter Blick schweift über die Gertenschlanken. Alles leichtfüßige Gazellen. Und ich? Der einzige Panzer in einem Heer von Streichholzsoldatinnen.
Heftiges Getuschel, das verstummt, als ich näherwalze, begrüßt mich. Abschätzende Blicke der Vorzeigefrauen beäugen jeden meiner Schritte. Mir entgeht das schadenfrohe Glitzern darin nicht.
„Hallo, man nennt mich Glitzerklösschen“, gehe ich betont witzig zum Angriff über. Ich kann es förmlich in den Köpfen arbeiten hören. Was will die denn hier? Bei der ist doch eh Hopfen und Malz verloren. Ich ignoriere die Blicke und gebe mich betont fachmännisch. Prüfe den Sitz meiner Pulswärmer, zupfe an dem Stirnband herum und ziehe das Shirt fast bis in die Kniekehlen. Dabei brabble ich unverständliches Zeug vor mich hin, um meine Unsicherheit herunterzuspielen.
Der Versuch mißlingt. Natürlich.
Rädelsführerin Blondie mit der Kate-Moss-Figur und eine Rotgefärbte lachen sich ins Fäustchen. Sie geben sich nicht einmal die Mühe, ihre Stimmen zu senken.
„Glitzerklösschen, … dass ich nicht lache. Die ist ja eher ein ausgewachsener Kloß.“
Ich spüre selbigen in meinem Hals und leuchtende Tomatenröte vor Empörung auf den Wangen. Sterbe dabei tausend Tode. Bloß nichts anmerken lassen, denke ich und trete an eine Trainingsbank. Nehme zwei Gewichte in die Hand und mime die Sportliche. Nach vier Übungen beginnt mein Tri-oder-Was-weiß-ich-Zeps zu zittern. Ich halte das Gewicht nicht mehr. Mit großem Getöse entgleitet es mir, sucht sich zielsicher und böswillig seinen Weg auf meinen Fuß. Landet dort mit Brachialgewalt.
Ich stoße einen Schrei aus, der selbst die chinesischen Reisbauern erreicht. Kecke Schmerzkobolde tanzen vor meinen Augen. Gefolgt von bunten Sternen-Schleiern. Dann Schwärze, die mich hinab auf den Boden zieht.
Stimmen fließen an mir vorbei:
„Die rührt sich nicht mehr.“
Will ich auch nicht.
„Sie wird doch nicht etwa—?“
Tot sein? Auf keinen Fall!
„Wir müssen einen Arzt holen.“
Das würde ich ihnen auch raten.
Der Arzt ist eine Augenweide. Blondie fallen ihre fast aus den Höhlen. Doch er hat nur Blicke für mich, ähm, meinen Fuß. „Wie heißen Sie?“, fragt seine sonore Stimme, die an mir abtropft wie Honig.
„Glitzerklösschen“, antworte ich schwachsinnigerweise, benebelt vom Schmerz und den Berührungen seiner feingliedrigen Hände.
Sein Lachen läßt die Halle erbeben. „Wie nett“, sagt er allen Ernstes. Es folgen medizinische Daten. Ich höre nur, dass er einen Hausbesuch bei mir machen wird. Da könne man sich auch noch einmal über das Glitzerklösschen unterhalten, bemerkt er noch. Und fügt den beglückenden Nachsatz hinzu: „Die mag ich nämlich!“
Jetzt quellen Blondies Augen endgültig hervor. So wie bei einem aufgeblasenen Frosch. Man könnte sie glatt mit einem Stöckchen abschlagen. So weit stehen sie aus den Höhlen.
Und ich strahle wie ein Honigkuchenpferd.

Amtsschimmel

Von admin am 19. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Alisha Bionda
Illustration:
Gaby Hylla
Veröffentlichung: Der Band ist für Juni 2010 in der SEVEN FANCY-Reihe im “Sieben Verlag” geplant.

amtsschimmelIch habe es immer schon gehaßt, vor einem Wust Papier zu sitzen. Vor unbearbeiteten Aktenbergen. Sie sind Fußfesseln, die mich an einen Schreibtisch binden. Warum ich es dennoch versuchte, hatte nur einen Grund: Ich wollte endlich Geld verdienen. Möglichst viel und bequem.
„Geh in den öffentlichen Dienst. Werde Beamtin. Da überarbeitest du dich nicht“, riet man mir.
Da saß ich nun.
Jahre später.
Frustriert, demoralisiert und fern jedem Schaffensdrang. Eingepfercht in ein Winzigzimmer mit Susan, meinem perfekten Gegensatz. Anfangs beäugten wir uns mißtrauisch. Ich war ihr mit Sicherheit zu schrill. Aber sie war viel zu gut erzogen, um es mich spüren zu lassen. Das handelte ihr die ersten Pluspunkte bei mir ein. Und ich beschloss im Gegenzug, auch unvoreingenommen an sie heranzugehen.
Im Laufe der Jahre wuchsen wir zusammen, vertrauten uns Dinge an, die wir anderen Kollegen nicht einmal unter Folter verraten hätten. Und schon bald war es gerade Susan, die mir das Bürodasein erträglich machte.
Wenn …ja wenn da nicht unser Vorgesetzter gewesen wäre. Seines Zeichens Paragraphenreiter übelster Sorte. Jeder, der nicht zumindest Jura studiert hatte, war für ihn ein geistiger Tiefflieger. Seine stupide Arroganz war unübertrefflich. Dabei war er selbst die Verkörperung des klischeehaften Schreibtischhengstes und Erbsenzählers.
Mehr noch!
Er zählte sie nicht nur, er stapelte sie auch noch. Zudem war er mit einem urdeutschen Namen gesegnet. Herr Schmitz, diese beiden Worte waren der sichere Garant dafür, mir den Tag zu verderben. Die Krönung war unsere gegenseitige Antipathie, die wir – höflich wie wir waren – hegten und pflegten.
Schlimmer noch waren die monatlichen Dienstbesprechungen. Ich konnte seine monotone und zu allem Überfluß auch noch leise Stimme – wie er ohne Höhen und Tiefen – kaum ertragen. Sie war nicht nur einschläfernd, sie war geradezu tödlich. Bei einem dieser schier endlos langen Gespräche, bei dem mir wieder die Augenlider zuzufallen drohten, erinnerte ich mich an den Spruch einer Freundin, sich in bestimmten Situationen das Gegenüber in Unterhose vorzustellen.
Bei Schmitz fiel es mir schwer.
Trug er String-Tanga mit Leopardenmuster?
Nein, Boxer-Shorts mit Bügelfalte – womöglich kariert – waren bei ihm wohl das Äußerste der Gefühle. Ich widerrief gedanklich diese beiden Möglichkeiten. Zu seiner fahlweißen, schwammigen Haut paßte allenfalls heller Feinripp.
Ich zuckte zusammen.
War das etwa ich? Was sollten solche Gedanken?
Mir wurde blitzschnell klar: Es wurde eindeutig Zeit, den Beruf zu wechseln!

Das zu dem Büroalltag, dem ich gottlob entflohen bin. Geblieben ist mir Susan. Und sie ist all die grauenvollen Bürojahre wert.

Doch kommen wir zu Jojo.
Ihn traf ich in einer Mittagspause, in der ich, genervt von all dem verlogenen Kollegengeschwätz, in die Düsseldorfer Altstadt flüchtete. Er rannte mich über den Haufen, war ein typischer Punk und eindeutig nicht meine Altersklasse. Wir knallten zusammen wie die viel beweinte Titanic und der Eisberg. Aber Jojo ging nicht unter. Er grinste mich frech an. Fragte, ob ich Lust auf eine Tasse Kaffee hätte. Erstaunt, dss junge Punks auch Kaffee trinken und nicht nur literweise Bier in sich hineinschütten, rang ich nicht einmal zwei Sekunden mit mir und säuselte: „Die Idee ist gar nicht schlecht.“

Auch Jojo ist mir geblieben – lange – bis er zu einem anderen Ufer aufbrach. In eine bessere Welt?

Doch ich will nicht vorgreifen.
So viel erst einmal zu Susan und Jojo … nur zum besseren Verständnis. Und weil sie diejenigen waren, die ich stets vor unseren Plaudereien fragte: „Weißt du schon das Neuste?“

La Belle et la Bete

Von admin am 15. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Barbara Büchner
Illustration: Pat Hachfeld
Veröffentlicht: Im Buch “Wellensang, Hrsg Alisha Bionda & Michael Borlik, Schreiblust-Verlag”

labelleetlabeteLiebste Adelinde,
nun bin ich also seit sechs Wochen mit dem Scheusal verhei-ratet, und, wie du aus meinem Brief schließen kannst, bislang noch nicht gefressen worden. Wir leben auf seinem Schloss und es geht mir soweit gut. Er hat Geld wie Heu, und es ist gar nicht ungewöhnlich, dass ich ein Diamantring-lein auf meinem Kopfkissen oder ein kleines Collier in der Obstschale finde.
Leider haben die alten Frauen recht behalten, die mich gewarnt haben, dass sich keineswegs alle Monster durch einen Kuss verwandeln. Meiner ist offenbar resistent. Obwohl ich ihn wirklich auf alle erdenkliche Weise und an ganz unbe-schreiblichen Stellen geküsst habe, blieb er ziemlich so, wie er vorher war. Die einzige Wirkung war, dass er nach dem vielen Küssen sehr gut gelaunt war und mit den Zähnen meinen Ärmel packte, um mich ins Bett zu ziehen.
Er ist schrecklich gern im Bett, vor allem, wenn ich ihm vorher die Ohren gerollt habe. Er hat recht hübsche Ohren, mit Haarpinselchen dran wie ein Luchs, und wenn ich sie ihm rolle, schnurrt er immer lauter und will dann sofort ins Bett.
Sicherlich bist du nun außer Atem vor Neugier, wie es in diesen Dingen mit ihm bestellt ist. Es gibt aber nichts Besonderes zu berichten. Er sieht weitgehend so aus wie ein Mann.
Das heißt – soweit ich über Männer Bescheid weiß. Ich muss dir gestehen, ich habe noch nie einen richtig nackten Mann gesehen. Ich lege dir eine Skizze bei, wie es ungefähr aussieht. Kannst du für mich rausfinden, ob das bei anderen Mon-, ich meine Männern auch so beschaffen ist? Übrigens sieht es nicht immer gleich aus, muss ich hinzufü-gen. Für gewöhnlich ist es ziemlich groß und sehr fest und fühlt sich warm an. Aber ein- oder zweimal habe ich bemerkt, dass es kurzfristig ganz klein und schlapp war. Ich war sehr erschro-ken, weil ich befürchtete, ich hätte durch mein ungeschicktes Hantieren irgend etwas daran kaputt gemacht. Aber es wurde bald wieder normal.
Dir kann ich mich ja offenbaren, liebste Adelinde: Diese Dinge verwirren mich sehr. Mein Gatte wollte ja unbedingt eine Jungfrau, aber dass ich so unerfahren bin, hat ihn wohl doch überrascht. Er musste mir richtiggehend erst zeigen, wo bei ihm hinten und vorne ist. (Bei Männern ist das übrigens genau umgekehrt wie bei Hunden: Bei ihnen ist dort, wo der Schwanz ist, vorne). Die ersten Wochen überhäufte er mich mit Lektionen. Ich habe mir die allergrößte Mühe gegeben, ihn zufriedenzu-stellen, aber manchmal war es doch schwierig. Vor allem, weil er ja nicht spricht. Er schnurrt, wenn er zufrieden ist, und wenn er unzufrieden ist, knurrt er und fletscht die Eckzähne, was mich immer aufs heftigste er-schreckt. Wenn er etwas von mir will, legt er mir die Pfote aufs Knie. Dabei hat er mir schon zweimal mit seinen langen Krallen die Strümpfe zerrissen. Er besorgt mir aber immer gleich neue. Finanziell ist er sehr großzügig. Als er mein Spitzenhöschen in Fetzen riss, hat er mir noch am selben Abend ein neues geschenkt.
Ich habe jetzt begonnen, alles in ein kleines silbernes Büchlein einzutragen, was ich von ihm lerne, damit ich es keinesfalls wieder vergesse. Um mir die richtige Körperhal-tung einzuprägen, mache ich Skizzen dazu. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass eheliche Pflichten so kompliziert sind. Irgendwie schwebte mir vor, dass es sich um einen einfachen und kurzfristigen Vorgang handelt. Du siehst, wie naiv ich bin! Von einfach kann keine Rede sein. Es gilt, sehr viele verschiedene Stellungen im Kopf zu behalten, so dass ich ohne meine Notizen völlig verloren wäre! Erst erschrak ich, als mein Gatte mich einmal bei der Arbeit an diesem Büch-lein überraschte, aber er war keineswegs ärgerlich, sondern stupste mich freundlich mit der Nase an und bedeu-tete mir, nur recht fleißig weiterzumachen.
So tue ich also mein Bestes, ihm eine gute Ehefrau zu sein, obwohl mir der Sinn der ehelichen Pflichten nach wie vor völlig rätselhaft ist. In meiner Hochzeitsnacht war ich ganz außer mir vor Angst und Schrecken, weil ich be-fürchtete, das seltsame und aufgeregte Verhalten meines Gatten würde darin gipfeln, dass ich zerrissen und gefressen wurde. Das war jedoch nicht der Fall. Ich befürchtete erst, ich sei ihm vielleicht widerwärtig. Ich hatte nämlich den Eindruck gewonnen, dass er mich an verschiedenen Körperstellen kostete, sich aber nicht entschließen konnte, mich zu fressen.
Mir stiegen bereits die Tränen in die Augen bei dem Gedanken, ungenießbar zu sein, als ich bemerkte, wie er zufrieden schmatzte und sich die Lippen leckte. Welch ein Stein fiel mir vom Herzen, liebste Adelinde! Obwohl ich dir offen sagen muss, dass ich nicht gerne in Stücke gerissen würde, hätte es mich doch sehr gekränkt, so überhaupt kein Wohlgefallen zu finden.
Aber vermutlich habe ich alles ganz falsch verstanden – er kostet nämlich immer wieder, und zwar sehr ausgiebig, beißt aber nie auch nur das kleinste Stückchen ab. Vielleicht ist sein Jagdtrieb schon ein bisschen verkümmert. Oder er ist so überfüttert, dass er keinen Appetit mehr auf Frauenfleisch hat. Ich muss dir jedenfalls sagen, dass mir sein Verhalten bis heute völlig sinnlos erscheint. Ich kann keinen Zweck darin erkennen. Allmählich frage ich mich, ob er das alles am Ende nur der Annehmlich-keit wegen tut.
Ich muss dir ins Ohr flüstern, liebste Freundin: Es ist tatsäch-lich eine Annehmlichkeit. Anfangs habe ich das gar nicht so bemerkt, aber es wird von Mal zu Mal erfreuli-cher. So sehr, dass ich es gestern gewagt habe, ihn mit den Zähnen am Ärmel zu packen und zum Bett zu ziehen. Er war etwas überrascht, verhielt sich aber durchaus wohlwollend. Zuletzt leckte er mir ausgiebig die Nasenspitze ab, was ein Anzeichen für sehr gute Laune ist.
Übrigens darfst du keineswegs annehmen, dass er auf Grund seines ungewöhnlichen Äußeren etwa roh oder herzlos wäre. Weit gefehlt! Er ist überaus empfindsam, zärtlich und liebesbedürftig. Nie werde ich die zarte Geste vergessen, mit der er mir am Morgen nach jener turbulenten Hochzeitsnacht sein Geschenk auf die Bettdecke legte. Zwar muss ich dir gestehen, dass ich seinen Liebesbeweis im ersten Augenblick nicht im vollen Umfang zu schätzen wusste – wie einfältig und zimperlich bin ich doch manchmal! Aber dann hielt ich mir vor Augen, dass er diese Ratte ganz allein für mich erlegt und mir gebracht hatte, ohne auch nur das winzigste Stück-chen davon zu fressen – obwohl es eine ausgesucht fette und leckere Ratte war -, und das rührte mir doch sehr das Herz.
Du siehst also, dass es gar nicht so schlimm ist, mit einem Scheusal verheiratet zu sein. Natürlich macht er viel Arbeit. Ich muss ihn jeden Tag kämmen und bürsten und ihm die Nägel feilen. Da ist er überaus heikel. Ein abgebrochener Nagel ist hier eine Katastrophe! Außerdem muss ich ihn im Bad bürsten, ihm die Mähne waschen, ihn sorgfältig trocken- rubbeln und auf seine Ohren achten, die sehr empfind-lich und für Erkältungen und Ungeziefer anfällig sind.
Trotzdem könnte diese Arbeit rasch erledigt sein, wenn er meine Bemühungen nicht immer wieder zunichte machen würde! Kaum habe ich ihn einigermaßen glatt gebürstet, gerät er in verspielte Stimmung und will ins Bett. Nachher ist er dann so verschwitzt und verfilzt, dass ich mit dem Baden und Bürsten von vorne anfangen muss. Ja, wie sagt man doch: A womans work is never done.
Natürlich wusste ich schon von meinem lieben Herrn Vater, dass alle Männer ihre kleinen Schrullen und Spleens haben, denen man als friedliebende Frau besser nachgibt, und mein Gatte macht da keine Ausnahme. Bei-spielsweise ist er sehr mäkelig beim Essen. Vom Gekoch-ten hält er gar nichts, alles muss recht frisch sein und wird deshalb erst bei Tisch zubereitet. Bei den Fischen – die er sehr gerne mag – kann ich mich noch daran gewöhnen, aber die Hühner! Dieses hysterische Gegacker und Geflatter, und dann die Haufen von blutigen Federn – die übrigens sehr mühsam zum Wegputzen sind, da sie sich überall hinter den Möbelstücken verkriechen.
Da wir gerade von Möbelstücken reden: Unsere Wand-teppiche, Sofas, Diwans, Chaiselongues und gepolsterten Sessel sind zwar ausnahmslos alt und kostbar, aber nach allem, was ich dir über das Wesen meines Gatten erzählt habe, kannst du dir vorstellen, wie sie aussehen!
Nun muss ich aber diesen Brief schließen. Mein Gatte wird bald heimkommen, und heute bin ich an der Reihe, mir eine Seite aus dem silbernen Büchlein aussuchen zu dürfen! Wir machen das jetzt täglich abwechselnd, was ich sehr tolerant und rücksichtsvoll von ihm finde. Ich glaube, ich werde Seite 27 nehmen, deren Inhalt ich dir aber nun wirklich nicht in Einzelheiten beschreiben kann.
Es grüßt und küsst dich,
deine dich liebende Freundin Lucinde

Blutzoll

Von admin am 14. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Alisha Bionda
Illustration: Andrä Martyna
Veröffentlicht: Im Buch “FUTTER FÜR DIE BESTIE

blutzollSie war gefangen. Und verloren. Die Mauern des Drudenhauses konnte selbst sie nicht durchdringen. Und sie war nicht die Einzige hier. Sie hatte die verzweifelten Schreie der Frauen gehört, als man sie in ihre Zelle geführt hatte. Schreie und Flüche. Weinen und Betteln. Verzweiflung und Ohnmacht. Sie waren alle unschuldig. Nicht eine von ihnen hatte dem Fürsten gedient. Bambergs Hexenkommissar, der schon vierhundert Frauen hinrichten ließ, war blutdürstiger und unmenschlicher als all die Frauen, die er der Hexenschaft bezichtigte. Anna Hansen seufzte. Auch sie würde sterben. Das wusste sie. Aber sie würde wiederkommen. Das machte ihr alles leichter. Sie hatten sie gefoltert. Hatten das Geständnis aus ihr herausgepresst. Ihre Achselhöhlen schmerzten unerträglich. Dort, wo man sie gebrandmarkt hatte. Auch ihre Brüste waren nicht von den glühenden Zangen verschont geblieben. Anna schloss die Augen, lehnte sich entkräftet an die kalte Steinwand ihrer Zelle und rutschte haltlos daran hinab. Sie blieb auf dem feuchtkalten Boden sitzen und gab sich dem Schmerz hin. Im Morgengrauen würde man sie auf den Scheiterhaufen führen. Sie den züngelnden Flammen des Feuers übergeben. Aber sie würde wiederkehren. Ihre Seele konnten sie ihr nicht nehmen. Die würde neu geboren werden. In einer anderen Frau. Anna lächelte entrückt. Sie lächelte noch, als sich einige Stunden später die Feuerzungen durch ihr Fleisch fraßen und ihren Geist endgültig auslöschten …

Waleah wurde abrupt in die Wirklichkeit zurückversetzt. Sie erwachte durch ihren Schrei, der wie ein Messer die Stille der Nacht durchschnitt. Benommen setzte sie sich auf und tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe. Doch das Licht, das wenig später aufflackerte, schenkte ihr keinen Schutz. Selbst in einem Kreis durchtrainierter Leibwächter hätte sie sich nicht sicher gefühlt. Schuld daran war der Traum, der sie jede Nacht heimsuchte. Und das seit Wochen.
Sie wusste nicht einmal mehr, wann genau es begonnen hatte. Als dieser regelmäßige Alptraum dann allmählich zur Gewohnheit wurde, hoffte sie, dass er dadurch an Bedrohlichkeit verlor. Aber so war es nicht. Ganz im Gegenteil. Er ängstigte sie immer mehr. Damit nicht genug. Er ließ sie auch nicht los, wenn die Sonne aufging. Schickte ihr verwirrende Tagträume. Und eine Stimme, die nicht hinter ihre Stirn gehörte, die sich aber nicht vertreiben ließ. Die unaufhaltsam auf sie einsäuselte. Nicht wohltuend oder gütig. Nein, fordernd und höhnisch.
Das verunsicherte sie.
Waleah hatte nicht nur einen ungewöhnlichen Namen, sie war auch eine außergewöhnliche Frau. Sie stand mit beiden Beinen im Leben. War durch nichts zu erschüttern. Durch fast nichts. Sie war schon immer wissbegierig gewesen. Wollte schon immer an Grenzen stoßen. Sich und die Welt hinterfragen. Sobald sie lesen konnte, nutzte sie die Welt der Bücher, um ihre blühende Phantasie auf Reisen zu schicken. In fremde Welten, Kulturen oder unbekannte Völker einzutauchen. Sie las seit ihrer frühesten Kindheit. So viel, dass sie den Großteil ihrer Bücher an ihre Freunde weitergab. Die Trudenzeitung war das einzige Dokument, das sie wie ein Heiligtum hütete. Das Nachrichtenblatt des 16. Jahrhunderts, das sie in einer alten Bibliothek erstöbert hatte, dokumentierte die Hexenverfolgung in Bamberg in all ihren blutigen Einzelheiten. Mehr noch; sie verleitete Waleah das erste Mal in ihrem Leben dazu, etwas Unrechtes zu tun. Sie stahl das alte Dokument. Ohne den Hauch von Reue. Als wisse sie, dass die Zeitung nur auf sie gewartet habe. Jeder Satz, jedes Wort, jede Zeichnung saßen in Waleahs Kopf fest. Sie wusste nicht wie oft sie sie gelesen hatte. Aber wenn sie mitgezählt hätte, wäre sie spielend auf eine dreistellige Zahl gekommen. Was sie besonders beschäftigte, war eine – von wem auch immer – angekreuzte Stelle, die besagte, dass man durch Alpträume zu einer Hexe werden konnte. Doch daran wollte sie nicht so recht glauben. Auch wenn sie mit ihren zunehmenden Träumen eine Veränderung in sich verspürte. Sie nahm ihr Umfeld deutlicher wahr. Es trieb sie nachts häufiger aus dem Haus. Hinaus in den angrenzenden Park. Sie, die der Natur nie sonderlich Beachtung geschenkt hatte, liebte es plötzlich, nachts den Wind in ihrem offenen Haar zu spüren. Wenn sie sich unbeobachtet fühlte, legte sie sogar ihre Kleidung ab und überließ sich so der kühlen Nachtluft und dem Mondlicht.
Sie war eine moderne Stadthexe geworden. Ohne ihr Zutun. Zuerst ablehnend, dann immer freudiger. Immer begieriger, ihre neuen Möglichkeiten auskostend. Auch wenn sie nach dem alten Glauben dadurch mehr und mehr eine Verbündete des Dunklen Fürsten wurde. Aber das war ihr nicht bewusst.
Bis zum nächsten Traum.

Der Boden erzitterte. Als galoppiere eine in Panik versetzte Wildpferdeherde auf sie zu. Schnauben erfüllte die Luft. Ohrenbetäubende Flüche hallten in ihren Ohren. Wildes Hundegebell begleitete die Geräuschwand, die sich auf Waleah zu bewegte. Sie erstarrte. Panik machte sich in ihr breit. Sie stand ihm schutzlos ausgeliefert – dem Wilden Heer.
Peitschenknallen kündigte es an – ebenso wie derbes Gelächter. Waleahs angsterfüllter Schrei ging darin unter. Sie wusste, wie blutrünstig sie waren. Die nächtlichen Reiter. Es war die Horde, vor der sich alle fürchteten. Die mit teuflischer Macht Unheil über die Welt brachte. Die aus der Vorhölle entsprungen war. Wo die Reiter auftauchten, blieb ein Ort der Verwüstung zurück. Entwurzelte Bäume und Büsche. Verstümmelte Opfer, die den Hufen der Pferde und Gebissen der Hunde nicht entgangen waren. Schon in den Geschichtsbüchern war festgehalten worden, dass die Horde teuflische Mächte repräsentiert hatte.
Waleah taumelte bei dem Gedanken.
Stimmen wurden laut. Stimmen, die eindeutig heller waren und nicht zu dem Wilden Heer gehörten. Dann waren sie heran. Die Todesreiter. Auf schwarzen Pferden mit stolz gebogenen Hälsen und wallenden Mähnen. Die dunklen Umhänge der Reiter wehten wie Flaggen einer Todesschwadron hinter ihnen her.
Und dann sah Waleah sie.
Die Kinder.
Mit eingefallenen Gesichtern und aufgerissenen Augen, aus dunkel umrandeten Höhlen.

Waleah schrie noch, als sie erwachte.
Es stimmte. Es stimmte alles. Das Wilde Heer und die vor der Taufe verstorbenen Kinder. Es gab sie. Es gab sie wirklich. Alles, worüber sie in der Trudenzeitung gelesen hatte, war wahr. Und sie wusste, was es bedeutete, wenn einem die Todesreiter im Traum erschienen. Mit den ungetauften Kindern.
“Alles Blödsinn”, versuchte sie sich zu beruhigen und stand vom Bett auf, um ins Wohnzimmer zu gehen.
Es klopfte an der Tür.
Wer konnte das zu nachtschlafender Zeit sein?
Waleah öffnete. Niemand stand vor der Tür. Sie wollte sie bereits wieder schließen, als ihr Blick zu Boden glitt. Ihr stockte das Blut in den Adern. Auf der Fußmatte lag ein dunkles Etwas. Ein blutiges, dunkles Etwas. Es war der schwarze Kater ihres Nachbarn. Oder das, was noch von ihm übrig war. Waleah spürte, wie sich ihr Magen hochschraubte, und lief ins Bad. Erbrach sich dort lautstark. Dann setzte sie sich auf die kalten Bodenfliesen und schüttelte den Kopf. War auch das ein Traum?
Ja, so musste es sein. Sie zog sich am Waschbecken hoch, ging zurück an die Tür und öffnete sie zögernd.
Es war kein Traum.
Der kleine Kadaver lag immer noch auf der Matte. Waleah ging in die Hocke und fuhr vorsichtig mit der Hand über das Fell. Es war noch warm. Der Tod konnte noch nicht lange eingetreten sein. Waleah schluckte. Wie oft war ihr der Kater zur Begrüßung um die Beine geschlichen. Etwas Weißes schimmerte zwischen dem Fell. Genaugenommen aus seinem halb geöffneten Maul. Waleah zuckte zusammen, als habe sie eine Faust getroffen. Dann nahm sie all ihre Überwindungskraft zusammen und zog den Zettel vorsichtig zwischen den Zähnen des Tieres hervor. Sie rollte das Papier auseinander und betrachtete die merkwürdigen Schriftzeichen, mit denn sie nichts anfangen konnte, die sie aber kannte.
Nur woher?
Die Trudenzeitung!
Dort lag des Rätsels Lösung. Dort hatte sie die Schriftzeichen gesehen. Waleah schlug nach einem letzten Blick auf den kleinen Kadaver die Tür zu und ging – nein rannte – in ihr Arbeitszimmer. Dort bewahrte sie die Zeitung auf. Hektisch blätterte sie darin, bis sie die gesuchte Stelle gefunden hatte, und las laut: “Um einer anderen Person einen Alptraum zu schicken, schreibe man einen geheimen Spruch mit dem Auszug aus Myrrhe auf eine Tafel. Man schreibe den Text ebenfalls auf Papier und stecke ihn in das Maul einer getöteten schwarzen Katze.”
Waleah verstummte. Ihr wurde schwindelig. Was geschah hier? Was geschah mir ihr? Und vor allem, wer schickte ihr diese Träume und warum?
“Es muss ein Ende haben”, murmelte sie. “Ich muss etwas dagegen unternehmen.”
Sie hatte in einem Buch über Hexen gelesen, dass man sich vor einer Verhexung schützen konnte, indem man einen magischen Kreis als Amulett trug. Und sie war verzweifelt genug, es zu versuchen. Der tote Kater hatte den Alpträumen und der Veränderung, die sie in sich spürte, die Krone aufgesetzt.

Waleah hatte bis zum Morgengrauen gezeichnet. Hatte den magischen Kreis auf Pappe gebannt und ausgeschnitten. Das dilettantische Amulett dann mit einer Lederschnur um den Hals gebunden. Irrwitzigerweise fühlte sie sich besser, als sie die schnöde Pappe auf ihrer Haut unter dem Shirt spürte. Sie fühlte sich so sicher, dass sie wieder ins Bett kroch, um zumindest noch ein wenig Schlaf zu finden.
Maliziöses Kichern erklang, “Du kannst dich noch so wehren, es wird dir nichts nützen. Denn du gehörst jetzt uns. Und du entgehst uns nicht. Versuchst du es dennoch, werden wir dir eine empfindliche Strafe erteilen. Bleibst du aber ein Teil unserer Schwesternschaft, wirst du mächtiger als je eine von uns zuvor.”
Waleah stöhnte im Schlaf. “Nein”, murmelte sie und wälzte sich unruhig in ihrem Bett herum. “Ich will das nicht. Ich will keine von euch sein.”
Das Kichern erklang erneut. “Unwürdige, du weißt, wie du dich und deine kümmerliche Seele retten kannst.” Ja, Waleah wusste es. Sie wollte es jedoch nicht akzeptieren. Doch die Stimme fuhr bereits fort. “Du musst den Blutzoll erbringen. Dann bist du frei. Bring uns Evelinas Kind!”

Bring uns Evelinas Kind … bring uns Evelinas Kind, hallte es noch in Waleahs Ohren, als sie erwachte. Evelina war ihre beste Freundin. Sie hatte vor zwei Wochen ein gesundes Mädchen entbunden. Waleah liebte das Kind. Es den teuflischen Mächten auszuliefern, erschien ihr undenkbar. Dann bist du verloren, kicherte die Stimme in ihr, und dieses kleine Wesen weiß noch nichts von der Welt. Es wird nicht einmal spüren, was mit ihm geschieht, fuhr sie ketzerisch fort.
Waleah stöhnte. Nein, es musste einen anderen Weg geben. Sie konnte und durfte Evelinas Kind nicht gefährden. Nicht opfern um ihrer eigenen Seele willen.
Die Stimme erklang wieder. “Bring uns das Kind. Bring mir das Kind! Und du bist frei!”
Waleah stieß einen zornigen Laut aus. Sie wusste, wer ihr den Befehl ins Hirn gepflanzt hatte. Anna Hansen. Sie hatte über die Frau gelesen. In der Trudenzeitung. Wusste, dass diese, bevor sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt war, Bamberg verflucht und ihre Wiederkehr angekündigt hatte.
Die Stimme in ihr kicherte. “Ja, und dieser Zeitpunkt ist nun gekommen. Du bist die Geeignete für meine Rache.”
“Welche Rache?”, wollte Waleah schreien, aber der Satz formte sich nur hinter ihrer Stirn.
“Du wirst Unheil über diese Stadt bringen”, kicherte es weiter. “Großes Unheil. Über die Stadt und die Nachfahren des Bamberger Hexenbischofs.”
Waleah hielt es nicht mehr in ihrer Wohnung aus. Mit einem erstickten Schrei floh sie aus dem Bett, warf sich einen Mantel über und verließ das Apartmenthaus.

Sie konnte der Stimme nicht entgehen. Weder ihr noch dem Wesen und der Seele, die ihr Ausdruck verlieh. Waleah spürte in den folgenden Tagen immer deutlicher den mentalen Druck. Sie hatte der unbekannten Macht, die von ihr Besitz ergriffen hatte, nichts entgegenzusetzen. Jene Macht, die ihr immer quälendere Alpträume schenkte. Sie keine Nacht schlafen ließ und sie so zermürbte und den letzten Funken ihres Geistes unterwarf. Waleahs Seele, die zu Anfang der Alpträume nur gespalten war, erlosch immer mehr. Zwar flackerte sie hin und wieder auf, war aber chancenlos gegen die uneinschätzbare Größe, die von ihr Besitz ergriffen hatte. In ihr erwuchs eine andere, stärkere Seele heran. Eine, die noch zur Untätigkeit verdammt war, aber darauf brannte, zu neuem Leben erweckt zu werden.
Waleah war dem Druck nicht mehr gewachsen. Ebenso wenig der Stimme hinter ihrer Stirn. Sie wollte sie loswerden. Wollte sie nicht mehr hören. Oft presste sie die Hände gegen Ohren und Stirn und rief: “Hör auf! Hör endlich auf!”
Mitleidige Blicke ihrer Mitmenschen waren die Antwort. Und ein bösartiges Kichern hinter ihrer Stirn. Als Waleah dann eines Nachts die Brandnarben auf ihren Brüsten und unter ihren Achseln entdeckte, hielt sie es nicht mehr aus. Sie fuhr zum Haus ihrer Freundin, öffnete mit ihrem Zweitschlüssel und schlich sich ins Kinderzimmer, um Evelinas schlafende Tochter mit sich zu nehmen.

“Gut so!”, erklang die Stimme. Dieses Mal sehr zufrieden. “Leg das Kind auf den Altar!”
Waleah nickte und bewegte sich wie eine Marionette auf den Steinaltar zu. Legte das Kind, das sie aus blauen Augen anstrahlte, darauf ab. Schatten formierten sich von einer Sekunde auf die andere um den Altar herum. Gestaltlose Hände griffen nach dem kleinen Körper. Alles ging blitzschnell. Waleah sah etwas Silbriges aufblitzen, gefolgt von einem Strahl pulsierender Flüssigkeit. Ihr geknechteter Geist bäumte sich ein letztes Mal auf. Wollte sich auflehnen und zerbrach.
Endgültig.
Es wurde dunkel um sie und in ihr. Sie spürte nicht einmal, wie sie zu Boden sank. Aber sie hörte die Stimme, die sie hasste wie nichts auf der Welt, zufrieden rufen “Endlich!”.

Sie hatte sie betrogen. Diese Frau, die sich Anna nannte. Sie hatte ihr versprochen, sie zu verschonen, wenn sie ihr das Kind brachte. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Sie war nun eine von ihnen. Nein, dachte Waleah, das bin ich nicht. Ich muss nur aufwachen und der Spuk ist vorbei. Ein für alle Mal. Und dann werde ich diese Zeitung verbrennen. Sie wie Anna Hansen dem Feuer übergeben.
Sturm brandete auf.
Und dann hörte sie ihn. Den Hufschlag. Das Herannahen wilder Pferde. Hundegebell. Sie kamen. Sie kamen, um sie zu holen. Waleah schrie. Schrie sich ihre rettungslos verloreneSeele aus dem Leib. Es ist zu spät, hämmerte es triumphierend hinter ihrer Stirn. Sie wollte aufwachen. Endlich aufwachen. Aus diesem Traum. Diesem immer wiederkehrenden Horror. Doch sie wusste längst, dass es zu spät war. Sie hatte den Blutzoll erbracht. Anders, als sie es sich ausgemalt hatte. Sie hatte das Blut des ungetauften Kindes getrunken. Schlimmer noch, zugesehen, als es sein unschuldiges Leben aushauchte.
Dann waren sie heran.
Dieses Mal wurde das Wilde Heer von keinem männlichen Reiter angeführt. Es war eine Frau. Anna Hansen. Waleah wusste es in dem Augenblick, als sie die hochaufgerichtete Gestalt auf dem Pferd erblickte. Sie wehrte sich nicht einmal, als Anna sie mit den Worten “Willkommen, Schwester” auf ihr Pferd zog und im wilden Galopp mit ihr davonstob.