Monatsarchiv für Juli, 2009
Von admin am
25. Juli 2009 veröffentlicht
Autorin: Tanya Carpenter
Illustration: Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Das Herz der Dunkelheit”
Rom, Januar 2001
Es hätte so schön sein können. Endlich einmal Urlaub, weg von allen Verpflichtungen, Querelen, Ordens-Regeln und ständigen Einmischungen in unser Privatleben, von welcher Seite sie auch kommen mochten. Selbst wir Vampire brauchten gelegentlich mal so eine Auszeit. Und mein Geliebter, Armand, und ich hatten diese derzeit bitter nötig.
Mein Vater Franklin, als Leiter des Londoner Mutterhauses auch mein Vorgesetzter im Ashera-Orden, stand unserer Liebe nach wie vor kritisch gegenüber, der Vampirlord Lucien von Memphis versuchte beständig, Zwietracht zwischen uns zu säen, und seit kurzem mischte sich auch Kaliste, die Urmutter der Vampire, in unser Leben ein und hatte mir ausgerechnet die Verantwortung für Dracon, unseren ärgsten Widersacher, übertragen. Alles in allem waren die letzten Wochen nicht gerade einfach für uns gewesen.
Dieser Urlaub sollte uns und unsere Beziehung wieder ins Gleichgewicht bringen. Was passte da besser als Rom, die ewige Stadt. Entspannt durch die nächtlichen Straßen dieser wunderbaren geschichtsträchtigen Metropole wandern, ein bisschen Kultur, ein bisschen Amore …
Wie gesagt, es hätte so schön sein können. Seufzend schloss ich die Email von Franklin wieder.
„Je te l’avais dit. Ich habe dir gleich gesagt, schau erst gar nicht in deine Mails“, meinte Armand mürrisch. Ich konnte ihm seinen Unmut nicht verdenken, brachte es aber auch nicht über mich, meinen Vater vor den Kopf zu stoßen und den Auftrag abzulehnen, wo wir praktisch vor Ort waren.
„N’y aurait-il pas quelqu’un d’autre pour le faire? Warum kann das kein anderer machen?“
„Weil die Vorfälle im Vatikan stattfinden, und der lässt doch freiwillig nie jemanden von der Ashera rein.“
„Wann kommt Franklin hier an?“
Er war wirklich sauer. Versöhnlich hockte ich mich zu ihm aufs Bett und küsste ihn auf den Mund.
„Er wird morgen Nachmittag hier landen. Abends treffen wir uns zur Besprechung der Details und danach reisen wir beide weiter zum Vatikan, während Dad zurück nach London fliegt.“
„Amuse-toi bien avec ta famille. Viel Spaß beim Familientreffen“, spottete Armand. „Ich bleibe hier. Ich habe Urlaub.“
„Bist du allein?“, fragte mein Vater, als er mich in der Hotellobby begrüßte.
„Armand ist etwas eingeschnappt, was ich ihm nicht verdenken kann.“
Der Hauch eines Vorwurfs schwang in meiner Stimme mit, was Dad nicht entging. Aber schließlich war es ja meine Entscheidung gewesen, während meines Urlaubs die Emails des Ordens abzufragen.
„Lass uns auf mein Zimmer gehen. Dort sind wir ungestört“, bat Franklin. Seinem misstrauischen Blick in die Runde, der sonst so gar nicht seine Art war, entnahm ich, dass die Angelegenheit noch viel heikler war, als ich aufgrund seiner Nachricht vermutet hatte.
In seinem Zimmer holte er ein blaues Samtbeutelchen hervor und legte es mir in die Hand. Behutsam öffnete ich die Verschnürung und lugte hinein. Aus dem Inneren strahlten mir drei bunt schillernde Juwelen, entgegen.
„Tränen Luzifers“, sagte mein Vater bedächtig. „Insgesamt spricht man von Eintausend. Kleine Kristalle, die in allen Farben leuchten. Es sollen wirklich die Tränen des gefallenen Engels sein. Als sie vom Himmel fielen wurden sie dort, wo sie die Erde berührten, zu Kristallen. Engelstränen, die für die Menschen vergossen wurden, als sich Gott von ihnen abwandte. Dafür wurde Luzifer aus dem Himmel vertrieben. Für sein Mitleid mit uns Menschen.“
„Glaubst du daran?“, fragte ich und verspürte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Mein letzter Fall hatte ebenfalls mit den Tränen von Engeln zu tun gehabt, und die Menschheit hatte kurz vor der Ewigen Nacht gestanden. In letzter Sekunde hatten wir den Untergang der Sonne verhindern können. Vampire, Menschen und Lykaner mit vereinten Kräften.
Franklin lächelte still und schien nichts von meinen Gedankengängen zu bemerken.
„Alles ist möglich, wie du weißt. Die Macht dieser Tränen ist unleugbar wahr. Wenn also ein Teil der Legende stimmt, warum dann nicht auch der Rest? Doch die ganze Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.“
„Wo sind die restlichen Tränen?“
„Abgesehen von diesen drei sind alle, die sich in unserem Besitz befinden im Mutterhaus in Montreal. In sicherer Verwahrung.“ Die Ashera erforschte und dokumentierte übersinnliche Phänomene nicht nur, wir versuchten auch zwischen Menschen und übernatürlichen Wesen zu vermitteln, nahmen PSI-begabte Menschen bei uns auf und verwahrten okkulte und paranormale Relikte. Bei all diesen Tätigkeiten waren wir stets bemüht, uns so wenig wie möglich einzumischen, was manchmal leider gar nicht so einfach war. Besonders dann nicht, wenn eine akute Bedrohung für die eine oder andere Seite bestand.
„Sicherer Verwahrung? Sind sie so gefährlich?“
„Ihre Macht kann gefährlich sein. Wenn man eine zerspringen lässt, kann man einmal das Schicksal der Welt beeinflussen. Hitler hatte zwei von ihnen in seinem Besitz und hat sie beide benutzt. Du weißt, was dann geschehen ist. Der römische Kaiser Nero hatte eine. Ramses I. soll eine besessen haben. Es ist viel Schaden mit diesen Tränen angerichtet worden. Deshalb sind sie in sicherer Verwahrung. Um ihren Missbrauch zu verhindern.“
„Dann ist der Begriff ‚teuflisch’ für Luzifer wohl wirklich nicht so falsch“, wagte ich einzuwerfen. Engelstränen bedeuteten einfach nichts Gutes. Egal, wer sie weinte.
„Oh Mel, das ist ungerecht. Er hat die Tränen nicht um des Schadens willen vergossen, sondern aus Mitleid. Ihre Macht lautet nur, dass man das Schicksal der Welt mit ihnen beeinflussen kann, zum Guten wie zum Bösen. Es ist die Wahl der Menschen, wie sie wirken, nicht die des gefallenen Engels. Und im Menschen lauert nun mal seit jeher das Böse.“
„Ist auch Gutes damit bewirkt worden?“ Ich musste die Frage einfach stellen.
„Nun, es heißt, der heilige Franz von Assisi hätte eine besessen. Und Mutter Theresa ebenfalls. König Salomon hatte angeblich zehn. Und sicher noch eine Menge anderer Menschen. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille.“
Ich schloss den Beutel und reichte ihn Franklin zurück.
„Gut, lassen wir es mal dahingestellt sein, ob die Tränen gut oder böse sind. Aber was genau haben die mit dem Fall zu tun? Du hast nur etwas von paranormaler Aktivität im Vatikan geschrieben.“
„Der Vatikan hat dreiundfünfzig Tränen in seinen Archiven.“ Mir blieb der Mund offen stehen. Diese heuchlerischen Scheinheiligen.
„Es ist zunächst nur ein Gerücht“, beschwichtigte Franklin, „aber dass der Vatikan so etwas bestätigen würde, kann man kaum erwarten. Eine Menge Hinweise deuten darauf hin, dass es nicht nur ein Gerücht ist. Und dass es Zeiten gab, in denen noch mehr Tränen dort lagerten. Es sind also wohl auch einige schon verwendet worden.“
„Soll ich die Dinger stehlen, damit diese verblendeten Kirchgänger keinen Schaden mehr damit anrichten?“ Vor meinem geistigen Auge zogen von den Kreuzzügen über die Inquisition bis hin zu gewaltsamen Missionierungen heidnischer Völker alle möglichen Schreckensszenarien vorbei, bei denen solch ein Kristall womöglich Einsatz gefunden hatte. Ich würde Pettra anrufen, meine Daywalker-Freundin, auch eine Vampirin, aber von anderer Art, die für Einbrüche prädestiniert war. Schließlich verdiente sie damit ihren Lebensunterhalt.
„Nein!“, sagte Franklin entschieden. „Und ja!“, setzte er etwas leiser hinzu. „Wenn du an sie herankommst, bringst du sie selbstverständlich mit. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass bei dieser Aktion kein Verdacht auf die Ashera fallen darf.“
Ich grinste zynisch. „Warum sonst hättest du ausgerechnet mich um Hilfe gebeten? Das einzige Ashera-Mitglied, das nahezu unsichtbar in den Hochsicherheitsbereich des Vatikan hinein- und wieder hinauskommt.“
Meine Offenheit behagte Franklin nicht. Es war illegal, was wir hier gerade besprachen. Einbruch, Diebstahl. Aber manchmal heiligte der Zweck die Mittel. Mir hätte die Macht der Tränen als Zweck genügt, um sie den Kirchenvätern zu entwenden. Aber mein Vater brauchte noch einen weiteren Grund, um diesen Schritt zu tun.
„Ich hätte so eine Aktion nie in Erwägung gezogen, wenn nicht die aktuellen Vorkommnisse es erforderlich machen würden.“
In seinen Augen las ich nackte Angst, etwas, das ihm nicht ähnlich sah.
„Im Vatikan versucht gerade ein Sapyrion die Tränen zu stehlen.“
Diese Nachricht ließ auch in Armand jeden Widerwillen, den Fall zu übernehmen, verschwinden. Ein Sapyrion. Ein Dämon aus den Tiefen der Unterwelt. So absolut böse und verdorben, dass sich selbst andere Dämonen von ihm fernhielten. Diese Kreaturen waren Ausgestoßene, und dem Himmel sei dank waren die Tore zur Menschenwelt normalerweise für sie verschlossen. Was mich zu der Frage brachte, wie dieser Sapyrion es geschafft hatte, ein Dimensionstor zu durchschreiten. War er einem anderen Dimensionswandler heimlich gefolgt? Unwahrscheinlich, die Hitze dieser Wesen machte es ihnen unmöglich, sich unerkannt einem anderen Wesen zu nähern. Pyro – das Feuer – der Bestandteil ihres Namens war mehr als bezeichnend. Ihre Haut glühte rotschwarz, was sie berührten erlitt Brandspuren – je wütender ein Sapyrion war, desto schlimmer die Verletzungen, die er hervorrief. Außerdem konnten sie Feuerbälle werfen. Nicht gerade tolle Aussichten für Armand und mich. Ausgerechnet Feuer – das Einzige, was uns wirklich schaden konnte. Aber jemand musste dieses Wesen aufhalten, und vor allem verhindern, dass es die Tränen in die Hände bekam, wenn ich auch noch nicht wusste, wie wir das anstellen sollten.
Armand und ich entschieden uns, noch in dieser Nacht die Lage auszukundschaften. Der Sapyrion war schon seit fast einer Woche in den Mauern des Vatikan unterwegs. Möglicherweise war er den Tränen näher, als uns allen lieb sein konnte. Was würde solch eine Kreatur mit dreiundfünfzig Tränen Luzifers anstellen? Die Welt in eine zweite Hölle verwandeln? Lava-Ströme? Feuerwände? Flammen, die ohne Brennmaterial überleben konnten? Alles war möglich mit diesen Kristallen.
Im Zentrum des Vatikan herrschte Hochbetrieb. Die Schweizer Garde schien in Komplettbesetzung Dienst zu tun. So viele rot-gelb-blau gestreifte Uniformen hatte wohl selbst der Papst noch nie auf einem Haufen gesehen. Wir verharrten auf dem Dach des Petersdoms und beobachteten den kleinen bunten Ameisenhaufen unter uns.
„Ich denke, denen ist es lieber, wenn sie dem Dämon nicht begegnen“, meinte Armand und seine Stimme triefte vor Sarkasmus. „Die wissen so gut, wie wir, dass sie weder mit ihren Hellebarden, noch mit ihren Sturmgewehren etwas gegen dieses Ding ausrichten können.“
Ich schwieg, konnte Armand gedanklich aber nur zustimmen. So kampfesmutig sie auch alle taten, es war diesen Männern klar, dass der Gegner, der hier in den Schatten lauerte, nicht von dieser Welt war. Und dass eine Begegnung mit ihm den Tod bringen konnte. Franklin hatte mir berichtet, dass schon sieben Gardisten gestorben waren und etliche weitere mit Brandverletzungen in der Klinik lagen. Dennoch weigerte sich der Vatikan wie immer beharrlich, die restliche Welt in die Vorgänge innerhalb seiner Mauern einzuweihen. Man war schließlich so was wie die Macht Gottes auf Erden. Da würde man doch mit dem Teufel klarkommen. Ich lachte bitter. Mit ihrem Teufel hatte der Sapyrion wenig gemein. Gegen seine Bosheit war der christliche Satan ein Klosterschüler. Neid und Gier und Zerstörungswut waren die Natur des Sapyrion. Die schwarzverkohlten Stellen an einigen Außenwänden und der Brandgeruch, der über dem Vatikanstaat lag, waren ein deutliches Zeugnis für seine Anwesenheit und sein Handeln.
Plötzlich erklang ein ohrenbetäubendes, unmenschliches Kreischen, wie von einem riesigen, wütenden Stier, direkt unter uns.
Der Sapyrion war im Petersdom.
Das Splittern von Holz und Bersten von Gestein kündete von seinem Wirken. Er würde das verdammte Ding auseinandernehmen.
Unter uns stoben die Schweizer Gardisten wie ein aufgescheuchter Fliegenschwarm in die entgegengesetzte Richtung davon. Armand und ich konnten ihren Angstschweiß riechen. Gegen diesen Feind würde keiner von ihnen den Kirchenstaat verteidigen.
„Welch Ironie, dass ausgerechnet eine Hexe als Retterin der katholischen Zentrale fungieren soll“, meinte ich zynisch. Armand antwortete mit einem breiten Grinsen und sprang dann einem Schatten gleich vom Dach in die Tiefe. Ich folgte ihm lautlos.
Schon von Notre Dame kannte ich den Prunk, den die Kirche so gern zur Schau stellte, aber der Petersdom raubte mir wieder einmal den Atem. Trotz der herabgestürzten Fresken und der drei zertrümmerten Sitzreihen. Von dem Sapyrion selbst war nichts zu sehen.
Ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da erzitterte die Erde unter unseren Füßen und wir mussten uns beide an den Kirchbänken festhalten, um nicht zu fallen.
„Er ist unter uns. Bei den Gräbern“, sagte ich.
In Sekundenschnelle durchquerten wir das Kirchenschiff, schritten die Stufen zu den Grabmalen hinab und dort stand er – der Sapyrion. Zwei Meter hoch, mit schwarzen, gezackten Flügeln, die knochig wirkten, nur mit einer lederartigen Haut bespannt. Sein Torso glühte in pulsierendem Rot, Arme und Beine waren ebenfalls lediglich Knochen mit einem flexiblen Gewebe überzogen. In der klauenartigen Hand hielt er eine steinerne Schatulle, deren Deckel halb geöffnet war. Regenbogenfarben leuchteten uns daraus entgegen.
„Verdammter Mist, er hat sie gefunden“, rief ich.
Der Kopf des Sapyrions schoss herum, als er meine Stimme hörte – schwarze Kohlestücke statt Augen und ein Raubtiergebiss hinter verschrumpelten Lippen. Er riss sein Maul weit auf, roter Geifer tropfte von den langen Zähnen und wieder erklang dieser markerschütternde Schrei, den wir schon oben auf dem Dach vernommen hatten. In der nächsten Sekunde flog uns ein Feuerball entgegen. Geistesgegenwärtig stoben Armand und ich auseinander, die Kugel schlug in der Wand hinter uns ein, ließ einen Teil des Mauerwerks zusammenstürzen und verglühte dann. Der Sapyrion stob an uns vorbei nach oben ins Kirchenschiff, heißer Wind verbrannte uns die Gesichter, doch wir folgten ihm sofort. Ein zweiter Feuerball begrüßte uns, als wir den Altarraum wieder betraten. Auch diesem wichen wir gekonnt aus. Ich erhaschte einen genaueren Blick auf den Torso unseres Gegners – unter der Lederhaut des Brustkorbes konnte man das rotglühende Herz schlagen sehen. Ich realisierte, dass dies seine einzige verwundbare Stelle war.
Mein Blick wanderte von dem brüllenden Dämon durch den Innenraum des Doms, der Bronzethron des Hochaltars war durch den Feuerball zerstört, der hölzerne Sitz, der lange Zeit als Bischofsstuhl des Petrus gegolten hatte, zersplittert. Da sah ich plötzlich das Taufbecken mit den beiden Marmorengeln.
‚Geweihtes Wasser!? Wasser und Feuer. Das könnte klappen’, dachte ich und sammelte meine geistigen Kräfte. Armand folgte meinem Blick aus seiner sicheren Deckung heraus. Das Becken hob sich aus seiner Verankerung, Schweißperlen traten mir auf die Stirn, ich war einfach zu ungeübt in diesen Dingen. Da kam mir Armand, der erkannt hatte, was ich plante, zur Hilfe. Gemeinsam schleuderten wir das marmorne Gefäß gegen die Brust des Sapyrions. Ein lautes Zischen, der Dämon kreischte vor Schmerz auf, ließ seine Beute fallen und ging in die Knie, doch noch ehe ich triumphierend jubeln konnte, war er auch schon wieder auf den Füßen. Das war daneben gegangen und hatte ihn nur noch wütender gemacht. Sein Zorn schlug uns in einer Hitzewelle entgegen, gefolgt von weiteren Feuerbällen, denen wir nur durch unsere vampirische Geschwindigkeit entkamen. Wie Eichhörnchen an einem Baumstamm klammerten wir uns an den Wänden fest und sprangen von einer Freske oder Balustrade zur nächsten. Der Sapyrion richtete sein Hauptaugenmerk dabei auf mich.
„Distrais-le. Lenk ihn ab“, rief Armand mir zu.
„Was hast du vor?“
„Lenk ihn einfach nur ab!“
Einfach nur ablenken. Na prima. Sollte ich mich als Brathähnchen anbieten? Armand sprang mit einem riesigen Satz Richtung Hauptportal, sofort riss der Feuerdämon den Kopf herum und schickte sich an, einen Feuerball gegen meinen Liebsten zu werfen. Das konnte ich nicht zulassen.
„Hey, Glühwürmchen“, rief ich ihm entgegen. „Mein Elektroherd wird heißer als du.“
Ich bezweifelte zwar, dass er auch nur ein Wort von dem, was ich sagte, verstand, aber zumindest verlagerte sich seine Aufmerksamkeit wieder von Armand auf mich. Doch statt einen neuen Feuerball zu werfen, ging der Sapyrion diesmal in die Knie und stieß sich kraftvoll ab, um vor mir auf der Empore zu landen. Meine Haare knisterten unter der Hitze, ich spürte, wie sich erste Blasen auf meiner Haut mit Flüssigkeit füllten. Lebendig gegrillt zu werden entsprach nicht grade meiner bevorzugten Todesart. Kurzerhand ließ ich mich einfach fallen und landete vor dem zerstörten Hauptaltar. Ein heftiger Windstoß brachte mich kurzzeitig ins Wanken, er kam vom weit geöffneten Hauptportal. War Armand noch zu retten? Er konnte diesem Biest doch nicht auch noch die Tür aufmachen. Wenn das Vieh erst mal draußen war, würden wir es nie wieder kriegen. Allerdings war es auch äußerst fraglich, ob wir es hier drinnen besiegen könnten, ehe es uns mitsamt dem Dom zu einem Häufchen Asche verbrannte.
Meine Haut spannte sich schmerzhaft, obwohl die Heilung bereits einsetzte, der scharfe Geruch nach meinem eigenen verbrannten Fleisch ließ Übelkeit in mir aufsteigen. Alles in mir schrie nach Flucht. Ich spürte die zunehmende Hitze wie eine Druckwelle, als der Sapyrion wieder nach unten sprang, schaffte es gerade noch rechtzeitig aus der Gefahrenzone, ehe seine klauenbewehrten Füße auf dem Boden aufkamen und zwei tiefe Löcher ins Gestein drückten. Jeder Atemzug schien meine Lunge zu verbrennen. Da wurde es plötzlich merklich kühler. Auch der Sapyrion bemerkte die Veränderung und hielt verwundert inne. Wir blickten beide Richtung Ausgang, wo Armand konzentriert und angespannt stand, über ihm eine riesige dunkelgraue Wolke voller Regenwasser. Woher…? Doch dann wurde es mir schlagartig klar. Der Brunnen auf dem Petersplatz. Armand hatte einfach meine Idee aufgegriffen und sie mit einer riesigen Menge Wasser umgesetzt. Die Wolke näherte sich dem Sapyrion, der mit drohendem Gebrüll langsam zurückwich. Doch seine Beute lag zwischen ihm und der Wolke. Ohne sie wollte er diesen Ort nicht verlassen. Wir hechteten beide auf die Schatulle zu, ich war schneller, erwischte sie mit dem Fuß und brach mir schmerzhaft die Zehen, als ich sie außerhalb seiner Reichweite stieß. Im selben Moment erreichte uns die Regenwolke und öffnete ihre Schleusen. Das Zischen von hundert Dampfkesseln erfüllte den Raum, der anschließend in undurchdringlichem Dunst lag. Die Schmerzensschreie des Sapyrions hallten von den Wänden, seine Haut nahm eine grauweiße Färbung an, er zitterte und brach auf dem Boden vor dem Altar zusammen. Ich reagierte instinktiv, ohne nachzudenken, ignorierte den Schmerz in meinen Händen, als ich den Dämon an den Armen packte, die noch immer heiß waren wie ein aktiver Vulkan, und schleuderte den geschwächten Körper Richtung Altar. Der Sapyrion spreizte seine mächtigen Schwingen genau in dem Moment, in dem sein Torso auf den Überresten des Bronzethrons aufschlug. Ein spitzer Pfahl vom gesplitterten Bischofs-Sitz des Petrus ragte aus seiner Brust, hatte das Herz durchbohrt. Ungläubig starrte der Sapyrion das blutverschmierte Holz an, seine Klauen umfassten das Ende und rissen es heraus. Blut strömte aus der Wunde und floss zischend zu Boden. Noch einmal schlug der Dämon mit seinen Flügeln, kam mit aufgerissenem Maul auf mich zu, und brach dann zusammen. Sein Körper schlug auf dem Steinboden auf, er zuckte noch einmal, dann löste sich die Gestalt in Rauch und Nebel auf. Es folgte eine beängstigende Stille.
Suchend blickte ich mich um, sah die offene Steinschatulle unter der halb zerbrochenen Figur der heiligen Veronika. Einige Kristalle waren aus dem Behältnis gefallen. Ich sammelte sie mechanisch ein. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Armand zu der Stelle ging, wo der Sapyrion zusammengebrochen war. Er kniete sich hin und untersuchte den dunkelroten Fleck, der das Ableben unseres Gegners markierte. All das nahm ich nur verschwommen wahr. Mein Blick war fest auf die schimmernden Kristalle in meiner Handfläche gerichtet. Die Macht, das Schicksal der Welt zu beeinflussen. Meine Hand zitterte, die Tränen schienen zu leben, sie bewegten sich, funkelten in allen Farben, ich konnte sie flüstern hören: „Wage es, wage es, das Schicksal liegt in deiner Hand.“
Ich hatte nicht bemerkt, dass Armand schon wieder zu mir getreten war. Mit seiner linken Hand umfasste er sanft mein Handgelenk. Mit der anderen schloss er meine Finger über den Kristalltränen.
„N´y pense même pas Mel. Denk nicht einmal daran. Leg sie zurück und lass uns die Schatulle zu Franklin bringen, ehe die gestreiften Ameisen hier wieder auftauchen. In den Händen der Ashera werden die Tränen sicherer sein und keinen Schaden mehr anrichten
Von Augur am
22. Juli 2009 veröffentlicht
Es gab einmal ein Land, in dem drei Prinzessinnen lebten. Ihr Alter lag nicht so weit auseinander, sodass alle drei von demselben Lehrer unterrichtet wurden. Dieser war ein sehr weiser Gelehrter, der sich in vielen Dingen auskannte. Gleichzeitig galt er als Hellseher und Prophet. Seine Vorhersagen waren stets gut durchdacht und beruhten selten auf reinem Bauchgefühl. Vielmehr versuche dieser Wahrsager, bei seinen Prophezeiungen stets die Vernunft einzuschalten. Das war auch dringend ratsam. Schließlich baute der König höchstpersönlich auf seine Meinung.
Die Schwestern vertrauten dem Gelehrten, ebenso wie der König. Als die drei Mädchen langsam in das heiratsfähige Alter kamen, wollten sie stets in Erfahrung bringen, wer ihr zukünftiger Gemahl sein könnte.
Der Wahrsager versuchte sein bestes, doch in Liebesdingen ward er nicht bewandert. So sehr er seine Quellen auch bemühte, das Einzige, was er vom zukünftigen Liebesleben seiner drei langsam erwachsen werdenden Prinzessinnen zu sehen bekam, war Dunkelheit. So traf er den Entschluss, allen Schestern das Gleiche zu für die Zukunft zu versprechen, nämlich die Erfüllung aller ihrer Wünsche. Im Zweifelsfall funktionierte das immer. Schließlich hatte er es mit richtigen Prinzessinnen zu tun. Natürlich würden alle ihre Wünsche erfüllt werden. So war das schon immer, in ihrem gesamten Leben.
Die Jüngste wünschte sich einen starken Krieger als Gemahl. Er sollte die Armeen des Landes anführen können und sie bei Gefahr beschützen.
Die Zweitjüngste wünschte sich einen Schönling, der gut reden und tanzen konnte. Sie hoffte, dass ein geselliger Prinz viel mehr Zeit für sie übrig hat.
Die Älteste wünschte sich einen reichen Kaufmann. Der würde ihr täglich Schmuck und andere Geschenke kaufen.
Wie das Schicksal es wollte, bekam jede der Prinzessinnen ihren gewünschten Verehrer. Schließlich wandte sich der König an den Wahrsager. Es sollte prüfen, unter welchem Stern diese sich anbahnenden Romanzen standen. Schließlich ging es um die Zukunft des Königreiches.
Der Gelehrte traute sich nicht, dem König auch nur das zu erzählen, was dieser hören wollte und machte sich auf dem Weg zu einem geheimen Liebesorakel. Dieses war nur wenigen Eingeweihten bekannt und sollte angeblich stets einen passenden Orakelspruch bereithalten.
Doch die Antworten des Liebesorakels waren gar nicht das, was der Wahrsager sich erhoffte. Er erhielt die widersprüchlichsten Prophezeiungen. Nur selten ergab die vorausgesehene Zukunft einen Sinn. Sie rannte regelrecht davon, wenn der Wahrsager sie zu erfassen versuchte.
Schließlich kehrte der Gelehrte heim zu dem König und den drei ungeduldig wartenden Prinzessinnen. Alle wollten sie wissen, was der kluge Hellseher in Erfahrung bringen konnte. Dieser dachte lange nach, bevor er den Prinzessinnen wie auch dem König seinen Segen gab. Und das tat er ohne Bedenken. Er hatte zwar keine Ahnung, wie sich die Ehen der Schestern entwickeln sollten, doch er wusste, dass Liebe im Spiel war. Denn nur diese konnten eine alte Einrichtung wie das Liebesorakel derart zum Rotieren bringen, wie es der Fall war, als der Wahrsager die Partnerschaften der drei Prinzessinnen vorhersehen wollte.
Von yanic am
11. Juli 2009 veröffentlicht
Kap. 1: Oohh … meiin … Gott!
Frage: Aus welcher erfolgreichen, us-amerikanischen TV-Serie, die zum ersten Mal 1994 zu sehen war stammt dieser Running Gag? Sie wissen es nicht? Es ist F.R.I.E.N.D.S. Sechs junge Menschen, die in New York leben und einige lustige, skurrile und manchmal auch schöne Momente erleben.
Ich bin Chandler. Nein, ich heiße nicht so. Mein Name ist Sven, aber ich bin Chandler, Chandler Bing. Mittelmäßig attraktiv, relativ gut gebildet und absolut erfolglos bei Frauen. Wobei … es kommt drauf an, wie man Erfolg definiert. Bestünde das Ziel darin, der beste Freund einer Frau zu werden, wäre ich durchaus erfolgreich. Das könnte allerdings auch der Grund sein, warum man mich für schwul hält. Was ich nicht bin. Nein. Sicher nicht. Definitiv nicht!
Eine Zeit gab es allerdings schon, in der ich selbst nicht so sicher war wie jetzt. So zwischen 14 und 15 muss das gewesen sein. Etwa eine Woche lang. Bis dahin hab ich mich für Mädchen nicht die Bohne interessiert, zumindest nicht aus sexuellen Gründen. Tennis, Freunde und Wrestling im TV gucken waren Beschäftigung genug. Samstag, Ferienbeginn, Geburtstagsfeier meines besten Freundes. Ich durfte das erste Mal auf eine Party. Wir waren alle hackedicht, inklusive der handvoll Mädchen. Irgendwann schlug jemand vor, etwas zu spielen: „Pflicht, Wahl, Wahrheit“. Es dauerte nur eine Runde, bis Sandy ihren Spitznamen unter Beweis stellte. Das Luder hatte kein Problem damit ihren BH schon bei der ersten Pflichtaufgabe auszuziehen.
Mein Problem dabei? Mein Problem war mein Pimmel. Ihm waren die beiden Dinger vollkommen egal. Es waren die ersten, die er zu sehen bekam – bis auf die unserer Nachbarin. Allerdings würde ich aus Respekt vor der Frauenwelt auf die Bezeichnung „Brüste“ in diesem Fall verzichten. Vielmehr waren es Hautfetzen deren Ansätze man auf Höhe der Achselhaare und das Ende wohl unterhalb der aus dem Slip hervorquellenden Schambehaarung vermuten konnte. Allerdings ist auch das nicht sicher und weitere Nachforschungen scheiterten am menschlichen Würgreflex und dem Überlebenswillen zweier dreizehnjähriger.
Eine ganze Woche lang musste ich nachdenken, ob ich nicht vielleicht schwul sein könnte, wenn mich Sandy’s Brüste nicht im Geringsten erregten. Im Nachhinein kann ich dem Alkohol die Schuld geben, der ganzen Flasche Bier. Dieses Ereignis erweckte mein Interesse am weiblichen Geschlecht, denn genau eine Woche später sah ich sie: Nicole. Hübsch, humorvoll, intelligent, …. blablabla. Mit wem red’ ich denn? Sie war rattenscharf. All die anderen hundert Menschen rund um uns waren mir egal. Auch meinem Pimmel. Er stand wie eine Eins.
Ich heiße Sven. Ne, ich bin kein Norddeutscher Junge. Im Gegenteil, ich bin Österreicher. Von Geburt an. Warum Sven? Ich weiß es bis heute nicht. Meine Mutter sagt nur, dass ihr dieser Name damals gefiel – damals. Ich glaube jedoch, dass sie mir diesen Namen gab um meinen leiblichen Vater zu ärgern. Ich kenne ihn nicht aber ich weiß dass sie sich während der ganzen 9 Monate Schwangerschaft gestritten haben. Um der ohnehin schon bewusstlosen Leiche „Beziehung“ auch noch den Pfahl ins Herz zu rammen gab sie ihrem Sohn einen Namen, bei dem ich eigentlich hätte schwul werden müssen. Mein Vater war oder ist wohl etwas homophob. Was hätte sie getan, wenn er eine Abneigung gegen Moslems hätte?
Ein trauriges Kapitel. Zu allem Überfluss heiße ich mit Nachnamen Beer. Sven Beer. Nun, sie dürfen raten, wie ich von meinen Freunden gerufen werde. Nicht etwa Sven, Alter, Kumpel oder Stecher. Nein, ich bin Beerli. „Braunbär“ wär mir lieber gewesen, aber dieser Vorschlag wurde von meinen Freunden nur belächelt.
Kap. 2: Zeit für eine Handlung
Springen wir ins Jahr 2002. Mit der Matura in der Hand geht’s ab ins Berufsleben. Denkste. Zuerst warten acht Monate Bundesheer. Ab in den Dreck. Befehle empfangen von Typen mit Glatze, dem Gesicht eines Neandertalers und dem IQ einer Stehleiter.
„Rekrut Bär!“
„Da bin ich, Herr Mayer! Und mein Name ist Beer, nicht Bär. Beeeer.“
„Und I bin net Herr Mayer, sondern Korporal Mayer! Außerdem net ‚Da bin ich’ sondern ‚HIER’! Und mir is es scheißegal wie’s heißen, ab jetzt sinds da Bär! Auf die Knie, sofort!“
„Hä?“
„LIEGESTÜTZ Sie Vollkoffer! 40, sonst macht das ganze Zimmer mit!“
Ich fühlte, wie sich meine Zimmerkollegen bereits auf Liegestütz einstellten – und mein Körper auf Schmerzen.
„Jawohl Herr Korporal.“
„1 und 2 und 3 und 4 …. und 18 und 19 und 20 und 20 und 19“
„Wenn’s wollen, borg ich ihnen meinen Taschenrechner, Herr Korporal.“
Im Nachhinein betrachtet würde ich einem Vorgesetzten wohl keine Hilfe mehr anbieten. Zwei Monate Grundausbildung vergingen wie im Flug. Okay, wie in einem sehr ermüdenden, anstrengenden Flug mit einem Schulabbrecher als Kapitän und Sonderschülern als Stewards. Für das menschenunwürdige Essen an Board musste man zwar nicht bezahlen, jedoch viel Dummheit ertragen und insbesondere versuchen, möglichst nicht selbst zu verdummen. Das ging am Einfachsten indem man sein Hirn ausschaltete. Die kurzen Befehle wurden von einem ganz kleinen Teil des Gehirns verarbeitet, der die wichtigsten Lebensfunktionen steuert. Gerade genug um zu Überleben.
Danach kamen 6 Monate Schreibtisch. Ich war Schreiber. Mein Traum. In der realen Welt würde man Sekretär dazu sagen aber das klingt wohl etwas zu homosexuell für das österreichische Bundesheer. Ich hatte sogar einen Computer. Kein Internet, kein Netzwerk, kein USB, eine Tastatur mit der Hitler wohl schon geschrieben hat und einem Hamsterrad anstelle des Netzteils aber das Teil funktionierte. Nicht gut. Aber gut genug um hunderte Hardcore-Sex-Movies darauf speichern zu können. Gut getarnt selbstverständlich, im Ordner „Privat, Vzlt Stocker“ gut versteckt am Desktop zwischen „Arbeitsplatz“ und „M$WORD“. Wir würden jeden Krieg verlieren.
Ich war der King meiner Leidgenossen. Endlich konnte ich die Unmengen an Liegestütze der letzten Wochen vergessen machen. Bei der ersten Gelegenheit wurde die Festplatte ausgebaut, daheim an den PC gehängt und jedes der 15-sec-Filmchen auf CD gebrannt. Gegen eine kleine Gebühr von 10 Euro (die meisten hatten keine Ahnung, was CD-Rohlinge kosteten) bekam jeder eine Kopie, der bezahlen konnte.
Ob Sie es nun glauben oder nicht – ich habe mir nicht jede Datei angesehen. Im Nachhinein ein schwerer Fehler, denn eine Datei mit dem Namen „lisl_knie.wmv“ zeigte Frau Vzlt Stocker tatsächlich auf Knien vor Herrn Vzlt Stocker. Ich habe Erfahrung mit aufregenden Amateur-Pornos. Also glauben Sie mir wenn ich sage: Das war nicht sexy! Aus Gründen des guten Geschmacks gehe ich nicht näher ins Detail.
Wie es eben so ist macht so etwas die Runde. Ja, auch Männer sind Tratschtanten! Das Ende der Geschichte kenne ich nicht. Ich weiß nur noch, dass ich die restlichen 3 Monate in die Küche versetzt wurde und nur noch einmal im Monat nach Hause durfte. Auf meinem rechten Ohr höre ich seit dem Anschiss von allen möglichen Vorgesetzten nur noch sehr schlecht. Könnte ich sie deshalb verklagen?
Ich würde es gerne. 2 Millionen Euro Schmerzensgeld. Bei vernünftiger Verzinsung wären das ein paar tausend Euro jedes Monat, ohne auch nur einen Finger bewegen zu müssen. Davon könnten auch meine Kinder und Enkelkinder und deren Enkelkinder noch leben. Sie müssten keinen dämlichen 40-Stunden-800-Euro-Job annehmen um über die Runden zu kommen. Nein, bitte nicht falsch verstehen. Ich liebe meinen Job. Ich arbeite deutlich weniger als 40 Stunden am Tag und verdiene Unmengen mehr als läppische 800 Euro. Einmal, da waren es sogar 823,87 Euro!
Ich habe Matura. Ich habe nicht studiert, aber maturiert. Nicht an einer HTL aber immerhin an einer HAK. Es gibt nicht viele Menschen die das schaffen. Glaube ich. Ich liebe meinen Job. Ich bin Callcenter-Agent. Nein, kein Kollege von Daniel Craig. Früher hätte man „Telefonist“ dazu gesagt. Manche „Kunden“ nennen mich noch ganz andere Sachen. Schon mal „Jungfrau (40), männlich sucht“ gesehen? Der Hauptdarsteller ruft zwecks Date-Vereinbarung bei seiner Angebeteten an, kriegt jedoch kein Wort heraus und gibt sich als Telemarketer (noch eine neuartige Bezeichnung) aus. Die Reaktion der Dame darauf empfand ich durchaus als freundlich. Ich lüge nicht! Mein Tag wäre gerettet würde mir auch nur einer meiner Kunden Selbstmord nahe legen. In der Regel wünscht man mir den Tod auf etwas andere Arten bei denen ich den Grad der Schmerzen nicht selbst bestimmen können würde.
Auch egal. Ich bin glücklich mit meinem Leben. Ich bin in den Zwanzigern, Single, habe einen Job und mein eigenes Reich. Im Haus meiner Eltern. Ein paar Jahre warte ich noch, bis Großmutter stirbt. Wär sie weg hätte ich sogar ein eigenes Haus. Häuschen um ehrlich zu sein. 35 Quadratmeter. Schlafzimmer, Wohn-Esszimmer-Vorraum, Küche und Bad/WC/Abstellraum. Welcher junge Mann stellt sich nicht so sein Singleleben vor? Dann bräuchte ich auch nicht mehr meine Eltern fragen ob Nicole bei mir schlafen darf. Nein, nicht die rattenscharfe Nicole. Diese Nicole ist weniger „scharf“ … dafür mehr Ratte. Aber was soll’s. Sie macht die versauten Sachen im Bett die man sonst nur aus Pornos kennt und theoretisch erlaubt sie mir auch andere Beziehungen. Praktisch hab ich jedoch nichts davon… Wo war ich? Ach ja, bei Großmutter. Wie gesagt, ein paar Jahre noch. Wenn ich Glück habe hilft ohnehin mal mein Stiefvater etwas nach. Dem geht sie schon ziemlich auf den Sack.
Ich werde kündigen. Ich brauche einen besseren Job. Schließlich hab’ ich maturiert! Ich bin klug. Ich sehe mir täglich intellektuelle Sendungen an. Ehrlich! Ich bin wirklich der Meinung, dass die deutschen Dumm-Sender auch uns Österreicher verblöden. Nicht, dass ORF, ATV oder gar Puls4 besser wären… Mein Puls passt sich übrigens stufenweise an Puls4 an! Wirklich. Nach einer Minute bin ich auf 40, nach 2 auf 30 usw und nach 4 Minuten und ein paar Sekunden auf Puls 4. Nach 5 Minuten würd’ ich also tatsächlich sterben. Todesursache: Verblödung. Soweit lässt es mein Körper jedoch nie kommen. Nach 2 Minuten schlafe ich ein und wache erst wieder auf wenn der Timer den Fernseher ausgeschaltet hat.
Kap. 3: Familienfest
Ganz ehrlich: So extrem viel Blödsinn hab ich noch nie geschrieben. Aber sie lesen noch immer. Wobei ich Sie warnen möchte: Meine Deutsch-Lehrerin hat – obwohl sie es hätte besser wissen müssen – meine Aufsätze auch immer vollständig gelesen. Letztens habe ich erfahren, dass sie einen inoperablen Tumor im Gehirn hat. Zusammenhänge dementiere ich aufs Heftigste! Für Anfragen zu diesem Thema verweise ich auf meinen Anwalt.
Anyway, (will nicht immer „Egal“ schreiben und irgendwie muss ich Ihnen ja auch meine Bildung beweisen) zur Abwechslung springen wir wieder in die Vergangenheit. Ostern 1999, Familienfeier im Hause Beer. Übrigens: Ich würde nicht Beer heißen, hätte meine Mutter meinen Vater geheiratet. Ich würde Cziêtzek heißen. Sven Cziêtzek. Auch nicht besser, ich wollte es nur erwähnt haben. Zurück zur Familienfeier. Ostersonntag, etwa 30 eingeladene Verwandte wollen zeitgleich verköstigt werden. Es kostet auch fast nichts so etwas zu veranstalten. 3 Kisten Bier für 5 Männer, 1 Kiste alkoholfreies Bier für meinen offiziell trockenen Onkel Peter der spätestens nach dem Mittagessen seinen Flachmann am Klo sitzend leert und danach an Ort und Stelle einschläft. Natürlich noch etwa 5 Liter diverse Schnäpse, 10 Flaschen an burgenländischen Weinen für Onkel Fritz und seine junge Frau Phuong-Anh und 15 Liter weitere alkoholfreie Getränke. Was kocht man für 30 Personen in einer 7-Quadratmeter-Küche? Nun … immer dasselbe. Als Entree eine Suppe im 50-Liter Topf auf einer Feuerstelle im Garten. Dreißig Personen, fünfzig Liter. Sollte reichen, reicht aber nie. Es hagelt Beschwerden. Nach der zweiten Familienfeier dieser Größe im Jahre 1993 haben wir ein eigenes Beschwerdemanagement eingerichtet das sich übrigens einige Telekom-Konzerne von uns abgeguckt haben:
Schritt 1: Beschwerde entgegen nehmen (inzwischen nur mehr schriftlich).
Schritt 2: Dem Kunden Verständnis signalisieren und eine prompte Erledigung zusichern.
Schritt 3: Beschwerde vernichten.
Schritt 4 (optional): beharrlichen Kunden Mehrwertdienste verrechnen und bei Zahlungsverweigerung den Vertrag kündigen.
Schritt 4 funktioniert leider nicht bei Verwandten. Nicht, das wir es nicht versucht hätten aber unsere Rechnungen in denen wir diverse Dienste in Zusammenhang mit der Feier verrechnet hätten wurden tatsächlich als Scherz aufgefasst. Die dachten nicht einmal daran, sauer zu sein und nie wieder zu kommen.
Wo war ich … Genau, beim Vorspeisen-Beschwerdemanagement. Danach folgt üblicherweise die Hauptspeise – oder Hauptspeisen. Denn es ist unmöglich, 1 Gericht aufzutischen mit dem man alle zufrieden stellen könnte. Nein, wir brauchen 5 verschiedene Speisen und etwa 15 verschiedene Beilagen und Salate. Knödel etwa: Ganz normale Kartoffelknödel? Neeeiiin. Zehn unserer Verwandten würden doch niemals Kartoffelknödel essen, wir sind ja keine armen Leute. Semmelknödel müssen her die wiederum von mindestens zehn anderen strikt verschmäht werden. Und so geht es weiter mit diversen Varianten von Salaten (Gurke, Kartoffel, Karotte, Tomate, Chinakohl, Blattsalat, …). Im Endeffekt tischen wir etwa 300 Kilogramm an Beilagen auf von denen wir mindestens 15 ohnehin vernichten müssen. Als Hauptspeise gibt es meist 5 Hühnchen von denen jedes etwa 4,5 Kilo wiegt, etwa 22 Schnitzel so groß wie Pizzas, einen Schweinebraten bei dem es einfacher wäre gleich das ganze Schwein zu braten und 2 Kilo Chickenwings für die Kinder. Ach ja, und etwa 150 Gramm Pangasiusfilet für Phuong-Anh. Onkel Fritz faselt immer irgendetwas von einer kurzen Leine. Kein Ahnung was er damit meint.
Zuvor geht es natürlich traditionell an die Osternester-Suche. Alle Kinder müssen suchen. Ich nicht, ich war der älteste. Ein junger Mann mit 16 Jahren am Buckel. Nicht in den Augen meiner lieben Großmutter.
„Geh weiter Svenny (SVENNY!!! wieder ein Thema für Schadenersatzzahlungen), musst schon dein Nesterl suchen sonst kriegst nix!“
„Is mir egal“
„Geh weiter, so alt bist auch noch nicht dass dein Nesterl net suchen brauchst. Dein Papa (umgangssprachlich: „Stieftrottel“) hat mit Zwanzig noch gern gesucht.“
„Der hat mit Zwanzig auch noch nach den Antworten für den Führerscheintest gesucht.“
„Was sagst da? Mein Bub is schon mit Achtzehn Auto g’fahren. Und werd ja net schon wieder frech!“
„Etwas zu tun heißt nicht etwas zu dürfen.“
„Des freche Mundwerk werden’s dir beim Bundesheer schon noch austreibn.“
Wiederum aus Gründen des guten Geschmacks und um die Jugendfreigabe hierfür nicht zu gefährden führe ich die Konversation nicht weiter aus. Jedenfalls sah ich von meinem Platz aus mehr Osternesterl als meine etwas einfältigen jüngeren Verwandten trotz intensiver Suche nicht finden konnten. Meine Mutter kochte. In zweierlei Hinsicht. Einerseits in der Küche das Essen für 30 geliebte (*hust*) Menschen mit den Ansprüchen eines Gourmets und den Manieren einer Herde Wildschweine. Und andererseits kochte ihr sonst ruhiges Gemüt.
Essenszeit war immer 12 Uhr. Immer. Nur nicht in diesem Jahr. Cousine Franziska übergab sich wegen eines Zuckerschocks in diesem Jahr das erste Mal bereits um 10:02 Uhr – neuer Rekord, das erste blaue Auge erhielt Marlin (ich weiß!) dagegen erst um 11:34 Uhr von der fetten Franziska (weil er sie so genannt hat) und alle Kinder hatten pünktlich wie geplant um 11:45 Uhr mitteleuropäischer Zeit ihre Nester gefunden. Alle Kinder? Nein, nicht alle Kinder. Johannes (Hansi), 12 Jahre und Wrestling-Fan (Looser!) natürlich nicht. Er war wie jedes Jahr der Letzte. Seine Nester werden meist schon von der von Geburt an blinden Tochter unserer Nachbarn geplündert bevor er sie entdeckt.
„Hansi! Jetzt gehst noch 5 Schritte und dann schaust hinter die Sträucher!“
Meine Tante versuchte von der Terrasse aus so gut wie möglich mitzuhelfen.
„5 Schritte Hansi! Das waren erst zwei! 5 sind so viel wie du Finger hast!“
Schwerer Fehler. Hansi hat 10 Finger und als er nach 7 Schritten gegen einen Baum lief war er etwas beleidigt. Jedenfalls wurde die Suche um 12:54 Uhr erfolglos abgebrochen. Meine Großmutter konnte sich nicht erklären warum das letzte Nest einfach nicht mehr dort war wo sie es versteckt hatte. Ich wusste es schon aber den Spaß behielt ich wiederum aus gesundheitlichen Gründen dann doch besser für mich.
Um 13 Uhr saßen alle an den Tischen. Die Verspätung hat dem Essen jedoch nicht besonders gut getan. Die Suppe war noch genießbar und die Beilagen waren auch kein Problem. Der Rest war jedoch entweder kalt, angebrannt oder von Haus aus ungenießbar. Das Beschwerdemanagement kollabierte ebenso wie meine Mutter. Onkel Peter trank seinen Flachmann derweilen schon bei Tisch, die Kinder verletzten sich gegenseitig mit steinharten Chickenwings und Phuong-Anh musste wegen einer Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus.
Im Nachhinein betrachtet hätte uns das durchaus früher einfallen können. Wir haben keinen der Verwandten jemals wieder gesehen. Selbst Onkel Peter wurde 2001 zweimal beerdigt damit sich die verfeindeten Clans nicht sehen zu müssen. Wie im Paradies.
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Bei entsprechenden Kritiken wird die Geschichte fortgesetzt.
Yanic.
Von coeur42 am
5. Juli 2009 veröffentlicht
1. Juli 2002
Computer sind doof:
Sie tun das, was man Ihnen sagt.
Das ist aber nicht immer das, was man will.
Wenn ich hier jemals wieder rauskomme, dann lasse ich das über meine Eingangstür meißeln. In goldenen Lettern. Beleuchtet. Bei Tag und Nacht.Ich kann mir das leisten. Denn ich bin reich. So richtig reich. Und damit wären mir bei meiner Person. Mein Name ist Joseph T., für den Fall, dass ich nicht mehr zu identifizieren sein sollte, wenn man mich oder zumindest diese Datei findet.
Ich bin also reich. Das war ich nicht immer. Das kam über Nacht, spielt jetzt aber keine Rolle.
Was macht man mit viel Geld? Ich kündigte meinen Job. Ich kaufte ein Haus. Nicht irgendein Haus. Eine alte, große Jugendstilvilla. Ich hatte nie genug Platz gehabt, und jetzt hatte ich das Geld und die Zeit, mir mein Heim einzurichten. Und das tat ich.
Ich hatte immer nur vier Laster: Ich rauchte, mochte guten Wein, gutes Essen… und ich war schon immer ein Technikfreak: Ich hatte schon eine DSL-Standleitung, als diese Technik nur für Firmen zugänglich und so teuer war, dass meine Online-Rechnungen einen guten Teil meines Monatsgehaltes auffraßen. Nur so als Beispiel.
Und jetzt hatte ich das Geld für alles. Mein Kühlschrank, meine Kühltruhe und meine Vorratskammer waren immer gut gefüllt, in allen Räumen standen Dosen mit Zigaretten und Aschenbecher, mein Weinkeller war erlesen zusammengestellt… Und mein Haus war vollcomputerisiert.
Tür und Garage öffneten sich auf Stimmbefehle, aktuelle Nachrichten bekam ich auf Wortkommando in jedem Raum auf 22“-Flatscreens. Terminals im ganzen Haus, an den Wänden statt Bildern TFT-Displays, mit meiner persönlichen, täglich wechselnden Lieblingsauswahl von Bildern, meine Sammlung von inzwischen 2000 CDs war über eine vollautomatische Jukebox jederzeit in jedem Raum durch einfaches Ansagen abrufbar.
Und meine Küche… Wunderbar. Sie arbeitete praktisch vollautomatisch und bereitete alles frisch zu. Besser als der Replikator auf der Enterprise. Lebensmittel wurden automatisch nachgeordert. Gerichte über eine spezielle Speiseaufzugskonstruktion in jeden Raum geliefert. Ebenso Drinks aus meiner Bar. Es war das Schlaraffenland.
Mit Folgen: Ich ging auseinander wie ein Word-Dokument bei aktivierter Schnellspeicherung. Bisher, wenn schon nicht schlank, so doch wenigstens nicht wirklich dick, wuchs ich auf fast 100 Kilo an, bei 175 cm Größe. Ich wurde müde, schlaff, begann, mich krank zu fühlen. Ich hatte schon bei einem Gang vom Schlaf- ins Wohnzimmer Herzrasen. Und das mit vierunddreißig.
Ich ging zu meinem Arzt. Wurde zu diversen Spezialisten, einschließlich eines Neurologen, eines Kardiologen, sowie eines Psychotherapeuten verwiesen. Und bekam das erwartete zu hören: Abnehmen, weniger Rauchen, mehr Bewegung.
Ich schaffte also einige Sport-Geräte an, alle computergesteuert und –kontrolliert, sodass ich meinen täglichen Fitnessstand, meine tägliche Schlaffheit, um die Ohren gehauen bekam.
Und ich speiste das „Fit for Life“-Update in die Haushaltsrechner-Einheit ein. Ein komplettes Diät- und Fitness-Programm. Ein schwerer Fehler, wie ich später feststellen sollte. Denn so fing alles an. Aber davon ahnte ich zu dem Zeitpunkt noch nichts. Im Gegenteil: Es fing an, mir richtig gut zu gehen. In drei Monaten nahm ich 30 Kilo ab, ich schaffte bald auf dem Stair-Master einen Highscore nach dem anderen, ich joggte – nur so zum Spaß, ohne dass es Bestandteil des Trainingsprogramms war. Ich schaffte mir ein Fahrrad an… Und fuhr sogar damit. Manchmal 30 Kilometer am Tag. Früher bin ich sogar fünfhundert Meter zum Tabakhändler mit dem Auto gefahren.
Ach ja: Ich hörte auf, zu rauchen. Ich hatte zwar immer noch Zigaretten im Haus. Aber ich hatte einfach keine Lust mehr darauf. Nach zwanzig Jahren dreißig bis vierzig Zigaretten täglich.
Ich muss völlig high vom Gesundheitsrausch gewesen sein, als ich meinen nächsten Entschluss fasste: Ich ließ mein Haus komplett “fit-for-life”-updaten: Alle schädlichen Materialien wurden entfernt, eine elektronische Analyseeinheit kam dazu: EKG, Blutwerte, zwei mobile Kernspintomografie-Einheiten. Das Sprach- und Sprachverständnisprogramm wurde auf den neuesten Stand gebracht. Jetzt konnte das Programm sogar alltägliche Sätze verstehen und darauf reagieren. Sagte ich beispielsweise: „Brr, ist das kalt hier!“, fuhr das Haus die Heizung hoch.
Und in einem Anfall von Übermut spendierte ich dem System einen freien Internetzugang mit einem Search-Bot für alle wichtigen Gesundheits- und Haussicherheitsinformationen. So war mein Haus immer auf dem neuesten Stand. Es konnte sogar Texte aus dem Netz interpretieren und in geeignete Maßnahmen umsetzen.
So fängt meine Geschichte an.
2. Juli 2002
Ich komme immer noch nicht raus. Na ja, das gibt mir Zeit, meine Geschichte zu Ende zu schreiben. Hier auf meinem Notebook, dem letzten freien Computer im Reich von “Big Mama” (so habe ich mein Haus inzwischen genannt). Ich hoffe, er hält mit mir durch.
Ich sitze übrigens in meinem Weinkeller. Den ich in einem Anfall von Nostalgie und Sehnsucht nach dem Suchen in staubbedeckten Flaschen nicht computerisiert habe. Hier gibt es keine Kamera, und auch keine Spracheingabeeinheit.
Ein Glas habe ich mir mitgenommen. Aber keinen Korkenzieher. Ich habe keinen manuellen Korkenzieher im Haus. In jedem Raum gibt es Weinglaschen-Öffnungseinheiten. Aber keinen einfachen Korkenzieher. Es war nicht ganz einfach, aber jetzt habe ich eine Methode gefunden, eine Flasche zu öffnen, ohne sie zu verderben: Ich habe mein altes Werkzeug hier unten gefunden, und mit einer Schraube aus einem der Regale, einem Schraubendreher und einer Zange kann ich Flaschen öffnen. Jetzt habe ich gerade eine Flasche Shiraz geöffnet. Prost, Big Mama (so habe ich mein Haus inzwischen genannt). Du wirst mir nachher wieder Rollmöpse und Aspirin verordnen – und 12 Kilometer auf dem Laufband.
Wo war ich? Ach ja, mein Haus war in puncto Sicherheit und Gesundheit auf dem allerneuesten Stand. “Fit for Life”. Das hieß, dass ich nach acht Uhr abends nichts mehr zu essen bekam. Der Kühlschrank, die Kühltruhe, die Speisekammer… zu. Aber okay, es ist einfach nicht gut, nach acht Uhr abends etwas zu essen, man schläft schlecht und setzt an. Und der Fit-For-Fun-Speiseplan war in Ordnung. Was tut man nicht alles für seine Gesundheit. Doch, ich war glücklich mit meinem Haus. Auch wenn ich hin und wieder zähe Verhandlungen führen musste: Einen Longdrink gegen drei Kilometer auf dem Laufband. Ihn mir selbst zu mixen war dank der elektronischen Steuerung der Kühlung nicht mehr möglich.
Und dann war da noch die Sache mit dem Elektrosmog: Weiß der Henker, wo Big Mama die Information herhatte, aber es stellte das ganze Haus auf ein Gleichstromnetz um. Soll mir recht sein, und ich habe danach auch wirklich besser geschlafen. Dennoch: Fernseh-, Telefonzeiten und Handybenutzung einzuschränken, war schon ziemlich hart. Das System berechnete immer die Menge an Elektrizität, die auf meinen Körper herabgeprasselt war, und schaltete beim Erreichen des Höchstwertes alle Geräte einfach ab, sodass ich spätestens mittags zur nächsten Telefonzelle joggen musste, um zu telefonieren. Immerhin gelang es mir, Big Mama zu überreden, nicht die Grenzwerte einer radikalen Umweltschützerseite (und denen hatte ich regelmäßig gespendet), sondern die Werte der Ergonomierichtlinien zu verwenden. So konnte ich wenigstens meine wichtigsten Telefonate zu Hause erledigen und pro Tag etwa 90 Minuten fernsehen. Spätestens ab mittags musste ich allerdings zur nächsten Telefonzelle joggen musste, um zu telefonieren. Das war zwar manchmal etwas lästig, hatte aber auch sein Gutes:
Eines Abends musste ich meinen Bruder dringend erreichen. Also zog ich mir meine Laufklamotten an und lief los Richtung Telefonzelle, erledigte mein Telefonat, und joggte nach Hause. Ich entschloss mich, da es einer der wenigen wirklich schönen Sonnenabende in Frankfurt war (entweder regnet es, oder es ist zu heiß, und die Stadt fängt an zu stinken), noch ein wenig zu laufen und bog in eine Parkanlage ein.
Und da traf ich SIE. Groß, langbeinig, kurze blonde Haare, eine Figur… Wir joggten ein Weilchen nebeneinander her, und ich hatte den Mut (und auch die Luft – merke: um beim Joggen zu flirten, muss man ziemlich fit sein.), sie anzusprechen. Sie antwortete. Wir verabredeten uns.
Wenn Ihnen das jetzt nicht sensationell erscheinen sollte, dann sollten Sie wissen, dass der Anteil der Singlehaushalte in Frankfurt auf einem Höchststand von 54 Prozent angekommen ist. Bisher dachte ich, dass alle Singlemänner besser aussehen als ich, und die Singlefrauen… Nun ich schreibe es nicht, es wäre diskrimierend.
Aber ich war ja nun sportlich, braungebrannt (ich gebe zu, es war die Solarbank), schlank, rank… Und außerdem seit vier Jahren Single. – Ich hatte einfach nicht die Zeit. Und auch nicht den Mut. Und Frauen nahmen mich sowieso nicht zur Kenntnis. Doch jetzt… Einmal kurz angesprochen, ein paar nette Sätze, ein bisschen Lästerei über Hundebesitzer, ein kleines Wettrennen (das unentschieden ausging; aber nur, weil ich mich etwas zurückgehalten habe)… Und ich hatte zumindest eine Verabredung zum Essen.
Wir gingen Essen. Japanisch. Sushi. Wir redeten. Wir tranken Wein. Wir redeten. Wir gingen in eine Cocktail-Bar. Wir… Wissen Sie, was ein 100%-Match ist? Diese Frau war meiner. Sie mochte die gleiche Küche, sie lachte sogar über meinen Schildkrötenwitz, sie mochte Technik, sie entwickelte Softwaresysteme für Haus- und Sicherheitstechnik.
Na, lieber Leser? Was habe ich wohl als Nächstes unternommen?
Klar würde sie gerne mein Haus besichtigen. Oh, natürlich heute Abend. Jetzt gleich? Gerne. – Und so fuhren wir zu mir. In einem Taxi. Es war die zweite schöne Nacht in diesem Jahr, wir öffneten die Fenster, nahmen den Umweg des Taxifahrers durch einige kleine Vororte gerne in Kauf…
Big Mama. Die Tür öffnete sich auf mein Kommando. Das Licht, etwas gedämpft, ging an, auf mein Kommando. Die CD-Jukebox spielte leichte Klassik… auf mein Kommando. Alice war… schwer beeindruckt.
„Etwas zu trinken?“
„Gerne!“
„Hausbar, zwei Caipirinhas, bitte.“
Zugriff verweigert. – Die harte Stimme für strenge Anweisungen, meine Programmierung, ich kann also dem Haus nicht die Schuld daran geben, sprach. Sie wissen, eine von diesen Stimmen, mit denen Polizisten in amerikanischen Filmen unschuldig Verdächtigte zum Aussteigen aus dem Auto auffordern, um anschließend deren Kopf auf die Motorhaube zu hämmern.
„Warum?“
Ihr Gehalt…
„Und, lieber Computer, benutze bitte eine andere Stimme. Etwas freundlicher und leiser.“
Ihr Gehalt von Alkohol im Atem, sowohl in Ihrem wie dem eines unangemeldeten Eindringlings, ist über dem zulässigen Grenzwert. Autofahren sollten Sie auch jetzt nicht. – Das klang nicht gut, auch nicht mit dem Klang einer sonoren Frauenstimme (Seven-Of-Nine in sehr guter Laune, wenn Sie verstehen, was ich meine). – Soll ich die Polizei verständigen?
„Warum?“ – Mein Sprachschatz hatte sich etwas reduziert. Gott sei Dank hatte „der unangemeldete Eindringling“ einen Schwips, saß auf meinem Lieblingsledersessel und kicherte vor sich hin.
Zum Entfernen des unangemeldeten Eindringlings.
„Nein, sollst du nicht. Das ist Alice. Und sie ist mein Gast.“
Unangemeldeter Gast, Code Alice. Bitte identifizieren Sie sich durch Nennen Ihres vollen Namens.
Mein Gast nannte ihren vollen Namen.
Eine dritte Stimme (gemeinerweise hatte ich für rasche Informationen den Börsenmoderator eines bekannten Nachrichtensenders gesamplet) ratterte Name, Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummern, Personalausweisnummern herunter.
Sind diese Angaben korrekt?
„Ja.“ – Mein Gast wirkte jetzt schon etwas nüchterner.
Wünschen Sie eine Sicherheitsüberprüfung Ihres Gastes?
„Eine was?“ – Ich wusste bis jetzt nicht einmal, dass Big Mama dazu in der Lage war.
Polizeiliches Führungszeugnis, Schufa-Anfrage, Flensburger Punktekonto, Überprüfen der Fahndungslisten der lokalen Polizei, des LKA Hessen und des BKA?
„Nein, natürlich nicht.“
Wie lange wird Gast, Code Alice, Sicherheitsstatus: Sehr unsicher, da ungeprüft, im Haus bleiben?
„Das weiß ich doch jetzt noch nicht.“
Soll ein Gästezimmer vorbereitet werden?
„Danke, das wird nicht nötig sein, sehr freundlich.“ – Mein Gast hatte sich nach einem kurzen hysterischen Lachanfall, der sie hinter den Sessel befördert hatte, wieder gefasst.
Gast, Code Alice, wird also nicht über Nacht bleiben?
Ich wurde rot, sie auch.
Verweilstatus also ungeklärt. – Wünschen Sie manuelle Abmeldung des Gastes, Code Alice?
„Ja bitte.“
Aufenthaltsgrund des Gastes, Code Alice?
„Wozu willst Du denn das jetzt wissen?“
Routineüberprüfung. Anfrage des Finanzcontrollers.
„Dies ist ein Zusammentreffen für erotische und sexuelle Aktivitäten. Ein sogenanntes Rendezvous.“ – Alice erwies sich als ausgesprochen schlagfertig.
Das Haus schwieg.
„Das dürfte ihm zu denken gegeben haben. Gibt es jetzt was zu trinken? Ich habe vor lauter Lachen einen trockenen Hals.“ – Gott sei Dank, sie wollte noch nicht gehen.
Plötzlich erklang ein leises Klingeln der Hausbar. Die Klappe öffnete sich. Und zwei Drinks erschienen, auf sorgfältig beschrifteten Untersetzern. Big Mama wusste offenbar doch, was sich gehört.
Ich reichte ihr ihren Drink und nahm meinen. Wir stießen an und wollten trinken. Als sich das Licht plötzlich rot färbte und im ganzen Haus eine Aufnahme von „Je t’aime“ zu hören war.
„Computer, was soll das?“
Ich war auf diese Situation nicht vorbereitet und musste einige Recherchen durchführen. Nach einer aktuellen Information soll rotes Licht auf 92,7 Prozent der Bevölkerung anregend wirken. Und die Musik wurde ermittelt nach einer Auswertung von 837 Playlists mit erotischen Titeln.
„Computer, lass…“ – Mein Gast legte mir die Hand auf den Mund und flüsterte mir ins Ohr: „Lass doch, ich bin mal gespannt, was sich ein Computer unter Erotik vorstellt.“
„Computer?“
Ja, Joseph?
„Fahre bitte mit dem Programm fort.“
Es ist mir ein Vergnügen, du scharfer Hengst.
„Ach ja, aber bleibe bitte beim Standard-Sprachprogramm.“
Sehr gerne.
„Und bitte verbale Störungen nur bei Warnungen und Hinweisen von Level 1.“ – Jetzt würde uns das Programm nur noch bei akuten Gefährdungen von Leib, Leben und Eigentum unterbrechen.
Verstanden.
Danke.
Nichts zu danken.
Ruhe, rotes Licht, kitschige Musik… Luft holen, das Beste draus machen. – „Wo waren wir?“
Wir stießen erneut an, wir verschränkten unsere Arme. Wir tranken… Sie trank, ich musste würgen, zuckte von ihr weg (sie hatte sich schon für den anstehenden Kuss vorgebeugt), und spuckte meinen Drink ins Glas zurück.
„Entschuldigung. Computer, was ist das, was ich trinke?“
Ein Caipirinha.
„Nein, das ist es NICHT. Was ist da drin?“
Limetten, Zucker…
„Außer den Standardzutaten?“
Zwei rohe Austern sowie ein Eiweiß, und Elektrolyte. Vor allem Kalium und Kochsalz.
„Was?“
Zwei rohe…
„Ich hatte verstanden. Warum?“
Bei Ihnen steht ein erhöhter Eiweißbedarf zu erwarten. Der sollte vorher ausgeglichen werden, sowie einige körperliche Anstrengung… deswegen die Elektrolyte zur Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit.
„Aha.“ – Das war es, der Abend war gelaufen. Dessen war ich mir jetzt ganz sicher.
„Nur der Neugier halber: Und die Auster?“
Die Auster ist ein sogenanntes erogenes Lebensmittel. Sie wirkt bei Männern sehr stimulierend. Leider hatten wir nur Austern im Haus. Der Bandrilla-Zehntausend-Füßler soll…
„Danke. Es reicht.“
Gern geschehen, du geiler Spritzer.
„Und bleib beim Standard-Sprachprogramm!“
Verzeihung, bei meiner aktuellen Recherche muss dieser Befehl überschrieben worden sein.
„Macht nichts. Und jetzt halt die Klappe. Um mach mir einen Drink mit den Standardzutaten.“
Wünschen Sie vielleicht einen Kompromiss?
„Was?“
In meiner Datenbank sind verschiedene Drinks verzeichnet, denen stimulierende Eigenschaft zugeschrieben wird.
„Computer?“ – Alice sprang für meine Sprachlosigkeit in die Bresche. „Vielen Dank für Deine Bemühungen.“
Nichts zu danken, du steiler Zahn.
„Bleib doch auch bitte bei mir bei der Standardsprache.“
Verstanden.
„Was weißt du über die stimulierende Wirkung von Frauen?“
Der Computer versank in Schweigen, aber nur kurz.
Joseph?
„Ja?“
Sie hetero-, homo- oder bisexuell veranlagt?
„Hetero. Ganz stinknormal hetero.“ – Ich sah eine Katastrophe heraufziehen.
In diesem Fall sind attraktive Frauen ein sehr wirksames Stimulans. – Gast, Code Alice, sind Sie eine attraktive Frau?
Ich wurde rot, dann bleich. Doch Alice war schlagfertiger. Und willens, diesen Kampf zu gewinnen.
„Was denkst du?“
Alle Kameras im Raum gerieten in Bewegung und erfassten sie.
Urteil nur mit 10-prozentiger Genauigkeit anzugeben.
„Wie kann ich die Genauigkeit erhöhen?“
Stehen Sie bitte auf und gehen in die Mitte des Raumes.
Sie tat es, alle Kameras erfassten sie, schließlich auch die beiden mobilen Kern-spin-Einheiten, die aus dem Gymnastikzimmer hereingerollt kamen.
Beurteilung abgeschlossen. 98,7 % Genauigkeit. Möchten Sie die Analyse hören?
„Ich bitte darum.“
Gesicht zu 89 % optimal proportioniert, Größe innerhalb der Norm, Figur zu 95 % optimal proportioniert. Haare nicht optimal. Lange Haare werden in 76,8 % der Fälle bevorzugt.
„Danke für den Hinweis. Und was ist mit meinem Busen?“
Zu 91 Prozent optimal, besondere Vorzüge: Groß und von straffem Bindegewebe gehalten.
„Wie kommst du darauf?“
Sie führen keine stützenden Maßnahmen durch. Weitere Daten?
„Was gibt es denn noch?“
Sind Sie echt blond?
„Ja.“
Scan bestätigt Antwort.
„Und?“
Blonde Menschen haben einen bis zu 135% höheren Ambra-Ausstoß, der als stimulierend empfunden wird.
„Danke.“
Möchten Sie die Abschlussbewertung hören?
„Ja, bitte.“
Sie erreichen auf einer Skala von 2000 Punkten einen Stand von 1801 Punkten. Damit sind sie attraktiver als 89,1523 % Prozent der Vergleichsgruppe.
„Das sollte doch für Joseph reichen, oder?“
Ich kann keine Bewertung vornehmen.
„Ja, es reicht vollkommen.“ – Ich hatte mich so weit gefasst, dass ich wieder sprechen konnte. Ich fiel auf die Knie und sprach in Richtung des Mikrophons.
„Gast, Code Alice, ist meine absolute Traumfrau, sie ist schön, sie ist intelligent, ist sinnlich, wir haben unendlich viele Gemeinsamkeiten. Sie ist für mich mehr als ausreichend stimulierend. Und ich hoffe trotz Deiner Interventionen, dass es umgedreht noch immer so ist und Sie mir nicht ihren Drink über den Kopf gießt und geht, wenn diese Unterhaltung beendet ist.“
Soll ich das Bad anwärmen und eine Haarwäsche vorbereiten?
„Nein, mach mir nur einen Drink. Egal was. Und dann gib Ruhe. Außer in Level 1-Fällen.“
Ich zwang mich, nicht zu weinen. Vermutlich würde dann in zwei Minuten der Sanitärbot mit Taschentüchern vor mir stehen und in zehn Minuten ein Visagist klingeln, der mein Gesicht wieder auf Vordermann bringen sollte.
Alice kippte ihren Drink runter. – „Und Computer, wo du schon dabei bist, mach mir auch einen Drink. Whiskey, Scotch, alt, hohe Qualität, 12 Zentiliter, auf Eis.“
Darf ich darauf hinweisen, dass so viel Alkohol…
„Nein!“ – Alice und ich brüllten im Chor, dass die Scheiben klirrten.
Der Computer schwieg und zwei Minuten später klingelte die Hausbar. „Je t’aime war inzwischen abgelöst durch Siebziger-Jahre-Pornofilm-Easy-Listening. Sie wissen schon, die Shadows schwer bekifft in Zusammenarbeit mit dem Gong-Orchester der Chinesischen Oper. Erschöpft setzten wir uns wieder auf das Sofa. Genauer: Wir wollten uns setzen, aber Big Mama hatte bei allen Polstermöbeln die Rückenlehnen abgesenkt. Alice streifte ihre Schuhe ab und legte sich hin. Wir stießen erneut an, sie mit ihrem Whiskey, ich mit meiner Prärieauster.
„Entschuldige, auf diese Situation war ich wirklich nicht gefasst.“
„Dein Haus auch nicht. Und bisher schlägt es sich doch recht tapfer. 1801 Punkte auf einer Skala von 2000, und das wissenschaftlich fundiert. Das hört frau doch gern. Ach ja, und danke!“
„Wofür?“
„Für den Abend. Ich habe mich selten so amüsiert.“
„Mach dich nicht auch noch lustig. Ein Taxi?“
„Wie kommst du darauf?“
„Ich dachte…“
„Hör auf zu denken, und küss mich.“
Ich küsste sie. Wir küssten uns. Ein Jahrhundertkuss. Und kein dazwischenredender Computer, der vor gefährlichen Zungenverletzungen und der Neigung von 0.02321% der Bevölkerung zu Kannibalismus warnte.
„Lass uns ins Schlafzimmer gehen. Und sag dem Computer, was wir vorhaben. Nicht dass wir vom SEK gestört werden.“
Ich öffnete die Augen. Das hier war kein Traum.
„Computer?“
Ja?
„Ich werde jetzt mit Gast, Code Alice ins Schlafzimmer gehen. Dort werden wir Sexualverkehr haben. Wir benötigen keine weiteren Stimulantien. Nur Ruhe. Bewerte alles Folgende als normales menschliches Verhalten.“
Lachend gingen wir in Richtung Schlafzimmer, vorbei an meiner Bildergalerie, die jetzt pornografische Aufnahmen zeigte, aber wir waren fest entschlossen, uns nicht mehr stören zu lassen.
Vor der Schlafzimmertür küsste ich sie. Ich hob sie auf meinen Arm. Und öffnete mit dem Fuß die Tür. Wollte sie öffnen. Sie war abgeschlossen. Beinahe hätte ich Alice fallen gelassen.
„Computer, was soll das?“
Die Musik hatte aufgehört. Ein dezenter Warnsummer war zu hören.
„Was gibt es? Einbrecher? Ein Feuer?“
Sie planen gefährliche Aktivitäten des Level 1. –Dieser Satz klingt selbst von Seven auf Nine in guter Laune nicht wirklich freundlich.
„Was?“
Ich habe keinen Befund von Gast Code Alice auf sexuell übertragbare Krankheiten, insbesondere keinen HIV-Befund. Sie können nicht fortfahren.
„Schon einmal was von Safer Sex gehört?“
Möchten Sie Safer Sex praktizieren?
„Ja…“ Ich setzte Alice ab.
Praxis nicht möglich.
„Warum?“
Safer Sex sieht die Verwendung von Kondomen vor. Sie befinden sich nicht auf der Inventarliste.
„Ich habe welche in meiner Brieftasche.“
Als Aufbewahrungsort zu warm und mechanisch zu belastet.
Jetzt wurde Alice hysterisch. Sie riss ihre Handtasche auf und beförderte einen nagelneuen 12er-Pack Kondome aus der Tasche.
„Computer, hier, siehst du, ich habe auch welche! Nagelneu! Extra stark! Spermizid beschichtet! Das Sicherste, was es gibt! Elektronisch geprüft!“
Sie hielt die Packung in die Kamera.
Bitte halten Sie den EAN-Code aufrecht in die Kamera.
Sie tat es.
Produktidentität bestätigt. Drehen Sie bitte die Packung und zeigen Sie von allen Seiten.
Sie tat es.
Packung einwandfrei und unbeschädigt.
„Lieber Computer, öffnest du uns nun das Schlafzimmer und lässt uns endlich vögeln? Oder sollen wir die Nummer an die Tür gelehnt schieben?“ – Ich hätte nicht erwartet, dass Alice so ordinär werden konnte.
Aber sicher, du geile Schnecke.
„Computer… Vergiss es. Lass uns rein. Ach ja: Wir wissen, was ‚safer sex‘ ist. Wir benötigen keine Anleitungen oder user manuals.“
Das Schloss klickte, ich überlegte, ob ich sie doch noch über die Schwelle tragen sollte, aber Alice war schneller. Sie riss die Tür auf und zog mich mit sich. Sie schlug die Tür ins Schloss und schob den manuellen Riegel vor.
„Schnell, bevor sich das Haus es anders überlegt.“
Da waren wir also. Im Schlafzimmer. Und plötzlich war ich Big Mama fast dankbar.
„Du schläfst auf schwarzer Seide?“
„Bis heute nicht.“
Das Bett war frisch bezogen, die Bettdecke einladend aufgeschlagen, der Raum frisch gelüftet, ein schönes Parfum versprüht und zwei Kerzen neben dem Bett gaben gedämpftes Licht. Es waren zwar künstliche Kerzen, aber immerhin. Das Stereosystem spielte nur die sanften Klänge eines Venus-Windspiels. Sogar eine Flasche Sekt war kaltgestellt. Dazu zwei Gläser.
„Und jetzt?“ – Ich war etwas ratlos.
„Eine solche Einladung darf man doch nicht ablehnen.“
„Ich dachte nur…“
„Ich habe noch nie so hart dafür gekämpft. Denkst du, ich höre jetzt auf? Gibt es hier Kameras?“
„Nein, nicht mal Bewegungssensoren. Das war ein harter Kampf mit dem Haus, aber ich habe mich durchgesetzt. Wir sind unbeobachtet.“
„Dann komm ins Bett…“
Und das tat ich…</p>
Es war… nun, es wäre übertrieben, zu sagen es wäre unbeschreiblich gewesen. Aber es war gut, besser als sonst beim ersten Mal mit einem neuen Partner. Trotz des Laubfrosch-Effektes (extra starke Kondome neigen dazu, wegzuspringen, wenn man sie zu beherzt überziehen will), und einer gewissen Anspannung am Anfang. Aber die ließ nach, und es war schön. Punkt.
Danach lagen wir in den zerwühlten Seidenlaken unter die Decke gekuschelt. Sie griff nach ihrer Handtasche und holte Zigaretten hervor. Das war die einzige Zigarette, die ich vermisst hatte: Das Zigarettchen danach. Sie gab uns beiden Feuer und nebeneinanderliegend bliesen wir Rauchringe in die Luft.
Die Sprinkleranlage sprang an. Die Feuersirenen. Die verdammten Rauchmelder hatte ich völlig vergessen. Sie waren ja sensitiver eingestellt, seit ich nicht mehr rauchte. In Sekunden waren wir durchnässt bis auf die Knochen.
Okay, es gab genug Schlafzimmer im Haus. Und Alice schien es nichts auszumachen. Sie lief sogar ins Bad und holte Duschgel.
„Cool, eine Dusche direkt nach dem Sex… Es ist ja jetzt ohnehin egal.“
Und so duschten wir mit der Sprinkleranlage, ich konnte sie ja immer noch deaktivieren. Wir waren bereits völlig eingeseift, als die Schafzimmertür mit einer Axt eingeschlagen wurde.
Drei Feuerwehrleute traten ein. Mit Schlauch im Anschlag auf zwei albern auf einem Wasserbett herumturnenden Menschen, die völlig in nach Moschus duftenden Seifenschaum eingehüllt waren.
Es dauerte eine Weile, bis ich die Situation geklärt und zugesichert hatte, den Einsatz zu bezahlen. Alice war unterdessen im Badezimmer verschwunden.
Ich befahl dem Computer, unter gar keinen Umständen noch mal die Feuerwehr zu rufen. Wozu gab es das Telefon? Ich würde es selbst machen. Mittels meiner Override-Codes würgte ich jeden Widerspruch ab. Außerdem bestellte ich die notwendigen Renovierungsmaßnahmen, die nicht VOR ZWÖLF UHR zu beginnen hätten. Auch das schluckte der Computer, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass eine solche Terminierung zusätzliche Kosten verursachen würde.
Das war mir jetzt egal.
Alice und ich gingen in ein Gästezimmer und kuschelten uns ins Bett. Sie trug übrigens einen meiner Pyjamas. Finden Sie Frauen in Männerpyjamas auch so sexy? Artig schluckten wir unser Anti-Kater-Aspirin, das der Computer empfahl. Alice sagte noch: „Würde es dir was ausmachen, wenn wir uns das nächste Mal bei mir treffen?“ – Und dann schliefen wir ein.
Während ich dies schreibe, habe ich die zweite Flasche Wein geleert. Und ich bin ziemlich betrunken. Ich hoffe, irgendwas hiervon ist morgen noch lesbar. Ich werde jetzt meinen gastlichen Weinkeller verlassen und nach oben gehen, mich mit Aspirin, Bullrichsalz und Rollmöpsen füttern lassen. Und wenn ich morgen meine Strafrunden auf dem Laufband hinter mir habe, komme ich wieder.
4. Juli 2002
Ich bin wieder hier unten in meinem Weinkeller, und ich geb‘ zu, ich hab schon etwas vorgelegt. Frankreich diesmal, Beaujolais.
Was soll’s? Mein Haus ist noch immer verbarrikadiert, alle Kommunikationswege tot. Also kann ich auch genauso gut hier sitzen, trinken, und meine Geschichte aufschreiben. So werde ich vermutlich enden. Altersschwach vor meinem Notebook sitzend. Die unendliche Geschichte erzählend. Wenigstens kommen regelmäßig Lebensmittel.
Doch, Big Mama kümmert sich rührend um mich. Es sorgt sich. Ist das nicht nett?
Wo war ich? Ach ja, bei Alice. Möchten Sie hören, wie diese Geschichte einer zart aufkeimenden Liebe weitergeht? Eigentlich ist es mir egal, ob Sie’s wissen wollen, oder nicht. Ich kann Sie eh‘ nicht hören. Ich werde es aufschreiben. Sie müssen’s ja nicht lesen.
Wir wachten auf. Wir frühstückten. Alice begleitete mich auf dem Laufband, während Big Mama (Sie erinnern sich? Das Haus?) uns mit allerlei Nachrichten berieselte, unterlegt von schwerer Heavy Metal Musik. Vermutlich hatte das Haus zu viele Kungfu-Filme gesehen. Es hätte auch schlimmer kommen können. Es hätte uns strafexerzieren und lauthals mitsingen lassen, wie in den amerikanischen Kriegsfilmen. Insgeheim erwartete ich ja, jeden Augenblick beschossen zu werden, um unsere Reflexe zu testen… Clint Eastwood aus den Lautsprechern: „Das ist das AK 35, die bevorzugte Waffe unserer Feinde“.
Nachdem wir also unsere Sünden abgebüßt hatten, Verbrauch von 1080 Kilojoule, „Danke, Haus!“, gab Alice mir ihre Telefonnummer, bat um eine Woche Erholungsurlaub, und ging.
Ob ich sie angerufen habe? Was denken Sie?
Falsch gedacht. Ich habe. Eine Woche später. Genau eine Woche später.
8 Tage = 192 Stunden = 11520 Minuten = 691200 Sekunden.
Genaugenommen wollte ich sie zwei Stunden früher anrufen, aber ich musste das Haus erst überreden, mich telefonieren zu lassen. Irgendwer hatte irgendeiner Behörde eingeredet, dass die Grenzwerte für elektromagnetische Belastung zu hoch seien. Und seitdem durfte ich nur noch in Not- und Ausnahmefällen telefonieren. Und 60 Minuten Fernsehen. In einem speziellen Schutzanzug.
Aber ich würde nicht zur Telefonzelle joggen. Ich war inzwischen bei zwei Flaschen Wein täglich angekommen. Das hieß 24,38 km auf dem Laufband, wahlweise auch in verschiedene Übungen aufgesplittet. In der Woche hatte ich 4 Kilo abgenommen, und war damit endgültig untergewichtig. Aber es stand mir nicht schlecht. Sie wissen, dieser leicht gammelige Brat Pitt-Look: Unrasiert, verwühlte Haare, und alle Muskeln treten deutlich hervor.
Ich erklärte dem Computer, dies sei ein Notfall. Sexuelle Unterversorgung könne zu allen möglichen Schäden führen. Nach einer fast siebzigminütigen Recherche bestätigte das Haus meine Angaben, und das war einer der wenigen Momente, in denen ich mit Big Mama in letzter Zeit einer Meinung war. Das Haus bot mir Cybersex an, ich lehnte dankend ab, und verwies auf mehrere Sites zum Thema „Vereinsamung und gesundheitliche Folgen“. Und nach weiteren vierzig Minuten durfte ich telefonieren.
Sie erinnerte sich noch an mich.
Das ist doch selbstverständlich? DAS ist SELBSTVERSTÄNDLICH?
Wissen Sie, wie viele „Ich bin der von der Betriebsfeier, der Sie noch nach Köln nach Hause gefahren hat. Nein, nicht besonders. Die Sitze sind wieder sauber. Danke, mir geht’s auch gut. Ja, du hast ja meine Nummer, Ciao. <klick> Dumme Gans.“-Telefonate ich in meinem Leben schon geführt habe? Meistens sagte ich allerdings nicht Gans, aber das andere sagt man, schreibt man aber nicht.
Also: SIE erinnerte sich. SIE wollte mich sehen. SIE verabredete sich mit mir. SIE ließ mir gerade noch Zeit zum Duschen… Nein, nicht rasieren, ich bin heute der wilde Mann, Maßanzug und Drei-Tage-Bart. Yeah Baby. Und ich war aus der Haustür.
Dachte ich. Die Haustür öffnete sich nicht auf mein Kommando, und ich lief dagegen. Kopf voran. – Den Tag verfluchend, an dem ich die schöne alte Holztür, die so leicht aus dem Schloss sprang, gegen ein identisch aussehendes Hochsicherheitsmodell aus Titanstahl und Panzerglas mit zusätzlichen Rundum-Riegeln habe ersetzen lassen (Danke, Big Mama. Das war auch Deine Idee.) kippte ich rückwärts und stieß mit dem Hinterkopf auf den wunderschönen, aber nicht sehr bequemen Tropen-Hartholz-Boden. Dann wurde mir schwarz vor Augen.
Gute Nacht.
5. Juli 2002
Es ist jetzt fast ganz dunkel hier unten. Die letzte Glühlampe ist ausgefallen, aber kein einziger Ersatz im ganzen Haus. Und alle anderen Lampen angeschraubt. Das einzige Licht hier unten ist der Bildschirm meines Notebooks. Eine Kerze wäre angenehmer, dann wäre es hier fast romantisch, aber ich habe ja kein „Gefahrengut“ im Haus. Wenigstens habe ich noch eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug gefunden, das noch halbvoll ist. Hier im Keller kann ich ja sündigen, hier gibt es nichts, nicht mal Rauchmelder.
Das ist jetzt der siebte Tag, an dem ich in Big Mama festsitze. Ich bin völlig eingesperrt. Alle Ausgänge sind zu, die Türen reagieren nicht, alle Hochsicherheitsjalousien, die ich in einem Anfall von Paranoia gekauft haben muss, sind unten. Sie lassen sich nicht öffnen. Ich kann also noch nicht einmal Hilfsignale nach draußen geben. Ich bezweifle auch, dass es etwas nützen würde. (‚Guck mal Mama, wie nett der Mann winkt…‘ – ‚Ja, immer schön zurückwinken, gelle?‘)
Ach ja: Warum ich hier festsitze? Irgendwann zwischen Dusche und Weggeh-Versuch hatte Big Mama die Außenbedingungen geprüft, vermutlich nur, um geeignete Kleidung vorzuschlagen und festgestellt, dass Smog- und Ozon-Alarm herrschte. Zu gefährlich für ihren Schützling, so ihre Einschätzung. Also riegelte sie das Haus ab. Und ich sitze hier fest. Fürsorglich, aber ärgerlich. Und ich muss bei dieser Situation natürlich besonders vor Umwelteinflüssen geschont werden und darf weder telefonieren, noch Emails schicken. Wenn ich hier rauskomme, werde ich Alice einige zu erklären haben. Aber erst, nachdem ich das Abrissunternehmen bestellt habe.
Ich habe keine Nachrichten von außen, aber bisher gab es Smogalarm nur für einen Tag, bis maximal 2. Außerdem habe ich Regen gehört. Ich bin ziemlich sicher, das die Luft rein ist, aber laut Big Mama nicht.
Ob sie das selbst ermitteln könne… Nein, sie habe keine Sensoren und die Informationen aus dem Netz seien ausgeblieben.
„Ausgeblieben?“
Der Server, den sie befragt habe, meldet sich nicht mehr. Er scheint vom Netz gegangen zu sein. Außerdem seien zwei andere Server vom Netz, die wichtige Umweltdaten vermittelten. Bis sie wieder Informationen hat, muss die Isolation aufrechterhalten werden. Aus Sicherheitsgründen.
Ich bettelte und becircte Big Mama, bis ich zehn Minuten selber ans Netz durfte. Sie hatte recht, die Server der Gesundheits- und Umweltbehörden waren nicht erreichbar. Und ich fand den Fehler: Sie hatten die interne Adresse gewechselt, und der Name-Server war noch nicht aktualisiert worden.
Leider fand sich die Information auf den Seiten eines Nachrichtenmagazins, die ich irgendwann mal als groben Unfug bezeichnet hatte (sie hatten die viel zu niedrigen Elektrosmog-Werte als Erstes veröffentlicht), entsprechend stufte Big Mama diese Nachricht als „nicht vertrauenswürdig“ ein – und ignorierte sie.
Mittels Override das System einfach abschalten? Habe ich schon versucht. Doch dazu muss ich an den Hauptrechner. Und an den kann ich nicht ran. Laut Big Mama wurde er als potentielle Ozonquelle erkannt und „isoliert“, der Raum, in dem er steht, ist hermetisch abgeriegelt, bis die Gefahr vorüber ist…
Vor Wut habe ich ein paar ihrer Kameras zerschlagen.
Jetzt ist sie im Arbeitszimmer und auf den unteren Fluren blind. Selber schuld. Strafe muss sein.
Und ich sitze jetzt hier in meinem Keller. Schreibe. Hoffe, das Big Mama sich bessert… Trinke Wein.
6. Juli 2002
Ich habe wieder Licht hier unten im Keller. Ich habe mir eine Lampe gebastelt. Aus einer Flasche, mit einem Schnürsenkel als Docht (Schürsenkel werden mir, dank Big Mama, in diesem Jahrzehnt nicht mehr ausgehen) und Öl aus der Küche. Solche Verbrauchsmaterialien stehen dort noch offen herum, auch wenn sonst alles Essbare unter Verschluss ist.
Apropos Lebensmittel: Big Mama hat sie rationiert. Die Vorräte gehen zur Neige. Irgendwo hat sie wohl von Umweltgiften in der Luft gelesen, und weigerte sich nun, Lebensmittel liefern zu lassen, die nicht geprüft und in besondere Boxen (vermutlich bombensicher und strahlengeschützt) verpackt sind. Nach Angaben von Big Mama arbeitet unser Lieferant (ein ökologischer Lebensmittelhändler, der von Big Mamas Paranoia sicher begeistert ist) bereits daran, aber bis dahin wird rationiert.
Ich konnte sie überreden, wenigstens die vorhandenen Lebensmittel aufzubrauchen und nicht zu vernichten, indem ich sie auf dringend notwendige Kalorienzufuhr meinerseits hingewiesen habe, sowie auf verschiedene Internetseiten, auf denen sie über Wohlstandsgesellschaftssünden, Abteilung Lebensmittel-Vernichtung, nachlesen konnte. Dennoch, die Vorräte reichen vielleicht noch eine Woche, oder zwei. Und was dann? Wie soll ich Big Mama beibringen, dass die Gefahr vorüber ist? Das Beste wäre, ich fahre das Haus herunter, ich meine natürlich die Computer, aber dazu muss ich in den Computerraum. Es bleibt nichts anderes übrig, als mir etwas sehr Destruktives einfallen zu lassen.
Aber erst trinke ich noch ein Glas Wein in diesem romantischen Flackerlicht. Wissen Sie eigentlich, wie schön (und gleichzeitig so unbedrohlich) ein gutes Buch ist?
Bis morgen. Vielleicht ist mir dann ja etwas eingefallen.
7. Juli 2002
Nichts. Gar nichts. Mit Werkzeug komme ich durch die Tür nicht durch, wenigstens nicht mit meinem. Meine Isolationshaft unter verschärften Bedingungen geht weiter: Anti-Alkohol-Fitnesstraining mit 1000 Kalorien im Magen ist kein Spaß. Nach meinem Weg auf dem Laufband habe fast den ganzen Tag geschlafen. Die Uhr sagt mir, dass es jetzt kurz vor Mitternacht ist. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmen kann. Nicht ein Hauch von Tageslicht dringt durch die Sicherheitsjalousien, die so fest verankert sind, dass sie vermutlich einen direkten Bombenangriff abschirmen würden.
Mir muss schleunigst etwas einfallen. Wenn ich wenigstens Zigaretten hätte… Ich bin sicher, dass ich für Gäste welche im Haus habe (Gäste? Hah!). Morgen mache ich mich auf die Suche. Nach einer Flasche Rotwein auf nüchternen Magen bin ich jetzt besoffen und müde. Gute Nacht.
9. Juli 2002
Ich habe Zigaretten gefunden. Sie waren in einer Abstellkammer. Und ratet, was ich noch gefunden habe? Einen Plan. Seine Ingredienzien.
In der Kammer fand ich diverse „Schadstoffe“, die wohl vom Entsorgungsbot übersehen wurden. Ich habe: Etwa hundert Zigaretten, eine Flasche billigen Whiskey, den ich wohl mal aus dem Sortiment der Hausbar verbannt hatte, zwei Pfund nicht zuckerfreier Vitaminbonbons, die ich als eiserne Ration gegen akute Unterzuckerung benutzen werde.
Und, ganz wichtig: Chlorbleiche, wozu ich die auch immer hatte (ich glaube, ich wollte mir mal ein paar Jeans entfärben), ein Industrievollwaschmittel, das, wenn ich nicht irre, in die erste, nicht sehr umweltfreundliche Teppichreinigungsmaschine gehörte, eine alte Mikrowelle, sowie fünf Flaschen eines kaliumchlorathaltigen Mundwassers (Wann habe ich das denn gekauft?). Außerdem einen halbvollen Reservekanister Benzin.
Auf jeden Fall dürfte ich jetzt genügend Zutaten für einen ziemlich brisanten Sprengstoff haben. Ich habe zwei alte Jeanshosen mit dem Mundwasser übergossen, weil ich mich erinnerte, dass ich einmal aus Versehen einen Fleck des Mundwassers auf meiner Lieblingsjeans übergebügelt habe. Der kleine Tropfen reichte für einen heftigen Knall, der mir fast das Bügeleisen aus der Hand riss und einem Brandloch von der Größe eines Zwei-Euro-Stücks hinterließ. Sie dürften bald trocken sein.
Dann werde ich sie zusammen mit einem Benzin-Waschmittelgemisch in die Mikrowelle stellen, einen Streifen als Zündstoff benutzen, die Mikrowelle auf Höchststufe stellen, sie vor die Tür zum Computerraum stellen, zwei der schweren Sessel aus dem Wohnzimmer habe ich schon als Explosionsdämpfer und –lenker geholt.
Wenn ich das Ganze zünde, reißt es hoffentlich die Tür aus der Angel, oder verformt sie so, dass ich entweder durchkriechen oder den Schließmechanismus bearbeiten kann.
Ich schreibe das hier, falls der Versuch schief geht. Denn dann werde ich hier vermutlich verhungern. Wenigstens verdurste ich nicht, selbst wenn ich ganz auf Wein umsteigen müsste, mich umgeben immerhin noch über tausend Flaschen. Nobel geht die Welt zugrunde.
Also dann. Morgen früh versuchen wir uns als Terrorist und Sprengmeister. Vielleicht kommt ja das SEK und rettet mich. Meinetwegen dürfen sie dann auch bei allen Treffen von Alice und mir zuschauen, und die Videos auf der nächsten Betriebsfeier zeigen.
Also dann. Pack‘ mer’s. Oder so.
10. Juli 2002
11 Uhr 42. Es ist jetzt so weit. Ich habe alles aufgebaut. Die präparierte Mikro-welle steht auf Position und ist mit den Sesseln abgeschirmt, sodass die Druckwelle gegen die Tür gelenkt wird. Ich trinke mir nur noch etwas Mut an. Dafür ist der Whiskey jetzt gut. Und wenn ich das Glas leer habe, gehe ich hoch und zünde die Zündschnur an. Prost. Bis gleich. Es geht los.
Das Haus brennt. Das ganze Haus. Ich weiß nicht wieso. Die Explosion schlug fehl, die Tür blieb zu, die Sessel brannten, aber die Sprinkleranlage sprang nicht an. Computer meldete: Hard Error im Feuerlöschprogramm. Erschütterung muss Fest-platte beschädigt haben. Kein Feuerlöscher weit und breit. Plötzlich steht der Kaminbot vor mir und sprüht Brandbeschleuniger. Ich befehle „Feuerwehr“, aber mein eigener Overridebefehl hindert Big Mama daran, die Feuerwehr zu rufen, dann brennt der Boden zu meinen Füßen vor dem Sessel. Ich will zur Tür, sie öffnet sich nicht. Das Emergency-Case-Program ist Scheiße. Der Kaminbot zieht immer größere Kreise um die Sesseltrümmer und legt Brandringe, die der Fönbot zu den Sesseln bläst. Das Treppenhaus brennt schon, das Tropenholz brennt wie Zunder. Ich bin durch die Flammen gerannt und in den Keller geflüchtet. Hier habe ich mich verbarrikadiert, mit meiner Kleidung die Tür versiegelt, damit wenigstens die Luft nicht entweicht oder Rauch eindringt. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir hier bleibt, ob rechtzeitig Hilfe kommt. Wenn das Feuer durchkommt, werde ich es mit Wein löschen. Oben dumpfes Gepolter: Mauern, die einstürzen, oder herabfallende Balken. Der Keller ist hoffentlich stabil genug, um das Einstürzen zu verhindern. Wenn die Flammen durchkommen, bin ich geliefert. Und wenn nicht bald Hilfe kommt.
Ich war an der Tür. Sie glüht, aber sie scheint zu halten. Ich schreie, ich meine Stimmen gehört zu haben, vielleicht ist die Feuerwehr schon da, das BKA, wer auch immer, aber ich kann nicht schreien, die Luft bei der Tür ist zu heiß, sie versengt mir die Lungen und hier unten hört mich niemand. Ich hoffe, dass wenigstens diese Datei erhalten bleibt.
Gerade haben mich Putzstückchen getroffen. Ich glaube, die Decke reißt, aber ich kann es nicht sehen. Hier drin ist es so warm, dass ich, obwohl nackt, schweißnass bin. Lange halte ich das nicht mehr aus. Und jetzt schalte ich ab und verstecke den Computer, es gibt eine Nische im Keller, wo er gut aufgehoben sein müsste. Ich hoffe, wenigstens dieser Bericht überlebt. Nicht, dass mich die Menschen für einen völlig durchgeknallten Verrückten halten, der vor lauter Reichtum sein Haus ab-gefackelt hat. Obwohl es ja stimmt.
Epilog:
DR DataRescue-Services GmbH
Zwischenbericht
Betreff: 1. Notebook P IV-1250, Feuerschaden Fall 0173/553147255
2. Hauptrechner XENON 1832, Feuerschaden 0173/553147256
Zu 1.:
Das Gerät wurde eingereicht am 13. Juli 2002: Schwere Hitzeschäden am Gehäuse, Keyboard, Display. Festplatte wurde ausgebaut, äußerlich unbeschädigt, jedoch der Hitze ausgesetzt.
Lesbar: 45% (4293918 Kilobytes) von 9.1 GB.
Inhalt der Festplatte: Vor allem Standard-Software (Betriebssystem, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Datenbanksoftware)
Nicht mehr rettbar waren die Datenbanken, vermutlich vor allem private Adressdaten. Ansonsten fand sich nur ein einziges Nicht-Standard-File (68 Kilobytes) auf der Platte. Der Roottrack war lesbar, sodass zu vermuten ist, dass sich keine weiteren Nicht-Standard-Daten auf der Platte befanden. Ein Printout des Files (s.o.) ist an dieser Nach-richt beigefügt.
Zu 2.:
Leider machen wir wenig Fortschritte. Es sieht so aus, als sei der Rechner neben der Hitze auch noch einer schweren Erschütterung (Explosion o.ä.) ausgesetzt gewesen, während er in Betrieb war. Ist das möglich?
Wenigstens haben wir ein wenig der Datenwüste retten können, wenn auch nicht die wichtigen Protokolldateien, um deren Suche Sie gebeten haben.
Im Internetcache haben wir als zuletzt aufgerufene Seite einen Link zu einem Eintrag der kanadischen Forstbehörde gefunden, der detailliert die Waldbrandbekämpfung mittels des Legens von gezielten Gegenbränden beschreibt.
Es ist doch erstaunlich, welche Inhalte sich im Netz finden, und wer sich damit be-schäftigt.
Ich hoffe, Ihnen bald mehr Informationen liefern zu können. Wir arbeiten mit Hochdruck.
Hans Markert
Technical Supervisor
Datarescue-Services GmbH
Anlage: Printout des Files DIARY.DOC (15 Seiten)
Von darkfantasy am
3. Juli 2009 veröffentlicht
Schattenkönige
von Carola Kickers
Die Zeit gefriert in meinen Adern. Ich kann es fühlen. Und sie – sie schaut mir beim Sterben zu! Das Zimmer ist stockdunkel, und ich kann ihre Umrisse nur schattenhaft erkennen. Ihre Augen reflektieren das wenige Restlicht wie die einer Katze. Aber ich weiß, dass sie mich sehen kann, hilflos auf diesem Bett, wo wir ein paar Stunden zuvor noch soviel Spaß hatten. Ich hätte dieses Biest töten sollen bevor – ich mich in sie verliebte. Aber bei Rebekka bin ich mir nie wirklich sicher gewesen! Bis heute.
Ich erinnere mich noch an die Worte meines Vaters: „Lass dich niemals mit einem von denen ein.“ Dabei habe ich seine Begabung als Jäger geerbt. Ich kann sie riechen, ganz egal ob in einer Großstadt in einem Straßencafé oder in den einsamsten Gegenden dieser Welt. Es ist immer der gleiche Geruch von Tod und kaltem Blut. Nicht, dass mir mein Job Spaß machen würde. Seit dem Tod meines Vaters sind es immer mehr geworden, und Jäger wie mich gibt es nicht mehr viele. Ich verstehe nicht, warum andere Menschen sie nicht erkennen können. Die meisten von denen haben Augen, in denen sich nichts mehr spiegelt als man selbst. Ich bin sicher, dass ihr diesen Typen auch schon begegnet seid. Vielleicht wollt ihr es aber auch nicht sehen.
Ganz anders war das bei ihr. Sie gehört nicht zu diesen kleinen, bissigen Zecken, die nachts ihr Unwesen treiben. Diese „Frischlinge“ sind leicht zu töten. Das Erbstück meines Vaters, ein Kreuz aus reinem Silber mit der dolchartigen Spitze am unteren Ende benutze ich normalerweise zum Pfählen. Dann geht alles sehr schnell. Asche zu Asche…
Rebekka konnte ich nicht töten! Sie muss zu den „großen Alten“ gehören, von denen mein Vater mir mal erzählt hat. In ihren Augen liegt so etwas wie bengalisches Feuer. Wenn du hineinsiehst schleicht sich dieses Feuer in dein Gehirn, beherrscht deine Gedanken. Einer solchen Macht bin ich noch niemals begegnet. Auch ihr Geruch ist ein anderer. Ein Hauch von blumiger Vergänglichkeit umgibt sie, ein Duft wie in einer Grabkapelle. Schauer laufen über meinen Körper. Sind es die Erinnerungen oder…
Ausgerechnet in dem Fitness-Studio, in dem ich immer für meine nächtlichen Auseinandersetzungen trainiere, bin ich dieser Frau begegnet und sie hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert. Langes, kupferrotes Haar, moosgrüne Augen und der Körper einer Göttin. Wer hätte da widerstehen können? Es hat auch einige Zeit gedauert, bis wir uns näher gekommen sind. Für sie muss das ein nettes Spiel gewesen sein. Katz und Maus mit dem Jäger. Ich hab zu spät gemerkt, dass sie zu denen gehört. Sie entsprach einfach nicht meinem Klischee. Dann kam diese Nacht. Nach einem Kinobesuch sind wir bei ihr gelandet, in einer unscheinbaren Altbau-Wohnung in der Innenstadt. Ich weiß nicht mehr, wer von uns angefangen hat. Irgendwann hat sie begonnen, die Führung zu übernehmen. Die Berührungen ihrer zarten, weißen Haut waren kühl, doch sie hinterließen Brandspuren auf meiner Seele. Ich wusste, dass sie Gift für mich war, aber ich wollte immer mehr. Ihr Mund, der mich voll Leidenschaft und Wolllust küsste, versprach mir die Ewigkeit…
Nach ihrem Biss setzte sich Rebekka auf die Bettkante. „Du warst gut“, lobte sie mich, „zur Belohnung werde ich dich nicht zu einem von uns machen. Es sei denn, du möchtest es unbedingt.“ Bei diesen Worten strich sie mit dem langen Nagel ihres Zeigefingers über meine nackte Brust bis zum Bauchnabel. Ich bin zu schwach, um zu antworten. Ein „Nein“ kann ich nur in Gedanken schreien. Ich hätte wetten können, dass sie lächelte. „Dachte ich mir. Eigentlich schade. Deine Welt wird sowieso bald nie wieder so sein, wie sie einmal war“, bemerkt sie mit ihrer weichen aber emotionslosen Stimme. Rebekka scheint genau zu wissen, wie viel Zeit mir noch bleibt! Mit der gleichen Stimme erzählt sie mir jetzt, was da draußen wirklich vorgeht. Die brauchen sich tagsüber längst nicht mehr zu verstecken!
Sie haben die Regierungen infiltriert und machen jetzt Gesetze für uns! Sie selektieren uns bereits über die DNA. Erstmal die Verbrecher, dann sind wir alle dran.
Und dieses neue Gesundheitssystem, das sie ausgetüftelt haben. Auf diesen Karten stehen unsere Krankheiten und unsere Blutgruppen! Ein gefundenes Fressen für sie, im wahrsten Sinne des Wortes! Unsere Unwissenheit ist ihr Vorteil. Jemand, der sich von einer Soap im Fernsehen begeistern lässt, wird sich wohl kaum mit Vampiren beschäftigen oder sie bekämpfen wollen.
Ich liege da mit geschlossenen Augen. Oh Mann, selbst wenn ich das noch jemandem erzählen könnte, würde mir niemand glauben!
Ich fühle noch, wie sich Rebekka zu mir neigt und mir sanft über mein Haar streicht. „Weißt du“, sagt sie so leise, dass nur ich es gerade noch hören kann. „Eure Esoteriker liegen gar nicht mal so falsch wenn sie behaupten, dass sich 2012 die Erde in eine neue Dimension begeben wird und die Menschheit in eine neue Daseinsebene eintritt.“ Dieser Zynismus in ihrer Stimme ist fast schmerzhaft. „Schade, dass du es nicht mehr erleben wirst – die Dimension der Dunkelheit.“
* * *
Von darkfantasy am
3. Juli 2009 veröffentlicht
Mittler zwischen den Welten
Kapitel (4) aus “Lebensadern”, dem ersten Band der Jason Dawn Saga von Carola Kickers
Rita Hold tappte in Pantoffeln und Nachthemd in die Küche. Es war kurz nach ein Uhr morgens, und sie konnte nicht schlafen. Zeit für einen Mitternachtssnack. Ohne das Licht anzumachen nahm sie ein Glas von der Anrichte und öffnete den Kühlschrank. Sekunden später zerbrach das Glas auf den Fliesen. Das Licht des Kühlschrankes hatte für einen kurzen Moment die dunkle Gestalt am Küchentisch beleuchtet. Rita erschrak bis ins Mark und ließ das Glas fallen. Hastig griff sie an den Lichtschalter.
„Jason!“, rief sie erstaunt aus. „Was, zum Teufel, machen Sie mitten in der Nacht in meiner Küche?“ Ärger löste den Schrecken ab.
Der junge Mann in schwarzer Kleidung hob lässig die Hand zu einem Gruß. „Hallo, Rita. Ich nehme nicht an, dass Sie mir etwas zu trinken anbieten wollen?“ In seiner Stimme mischten sich Spott und Überheblichkeit. Dabei grinste er ob der Zweideutigkeit seiner Worte. Die junge Frau wusste schließlich, dass er ein Wesen aus einer anderen Welt war, ein Vampir.
„Was soll das?“, fragte Rita, ohne auf seine Provokation einzugehen. Innerlich machte sie sich Gedanken über ihr Aussehen und knöpfte schnell ihr Nachthemd zu.
Jason Dawn, den sie als ehemaligen Sänger der englischen Rockband „The Damned“ vor einigen Wochen kennen gelernt, und der ihr seine wahre Identität verraten hatte, lächelte sie unverschämt an. Zu der Zeit hatte er nur Englisch mit ihr gesprochen, nun sprach er Deutsch mit einem leichten Akzent.
„Keine Sorge, Sie sehen bezaubernd aus.“
Warum konnten diese Wesen bloß Gedanken lesen? Rita schwankte zwischen Verlegenheit und Ärger, als Jasons nächste Worte sie aufhorchen ließen.
„Ich habe über Ihren Vorschlag von damals nachgedacht“, begann er vorsichtig. „Ich wäre eventuell bereit, Sie in gewisser Weise zu unterstützen, wenn Sie dafür – sagen wir mal – mein Dasein etwas erleichtern würden.“
„Und wie stellen Sie sich das vor? Wollen Sie etwa ein Abo für die Blutbank?“, fragte Rita zynisch.
„Nicht doch, dieses Blut wäre tote Energie. Ich bevorzuge, genau wie Sie, warme Mahlzeiten.“
Jason grinste wieder, als Rita erschauerte.
„Und was würden Sie dafür tun?“, fragte sie misstrauisch.
„Ich verrate Ihnen ein paar kleine Geheimnisse unserer Rasse, die Sie sicher interessieren dürften!“
Der junge Mann mit den schönen dunklen Augen und den sanften Gesichtszügen wusste genau, dass er in der stärkeren Position war und ließ Rita seine Überlegenheit spüren.
„Ich muss erst mit Kommissar Welsch darüber sprechen“, meinte diese nur. Sie hatte ihre Fassung kurz wieder gefunden.
„Natürlich. Ich bin sicher, wir sehen uns bald wieder.“ Mit diesen Worten stand Jason vom Küchentisch auf und ging auf die hübsche Polizeibeamtin zu, die instinktiv zum Türrahmen zurückwich. „Ich weiß nur nicht, was Ihnen lieber wäre, bei Tag oder bei Nacht.“
Diese Frechheit in seinen Worten traf ins Schwarze, denn er wusste, dass Rita eine unerklärliche Zuneigung für ihn empfand.
Mit einem leisen Lachen ging er an der sprachlosen Beamtin vorbei ins Wohnzimmer, öffnete das Fenster und sprang auf das Fenstersims.
„Um Gottes Willen“, rief Rita aus. „Wir sind hier im dritten Stock!“
Jason winkte ihr zu wie ein kleiner Junge, der einen Streich ausheckte.
Mit Schwung stieß er sich von der Fensterbrüstung ab und verschwand als dunkler Schemen in der Nacht, noch bevor Rita das Fenster erreichte.
‚Komisch’, dachte sie dabei nur. ‚Und ich hab immer geglaubt, die würden sich in Fledermäuse verwandeln.’ Dann schloss sie das Fenster wieder und ging ins Bett, wohl wissend, dass sie heute Nacht doch keinen Schlaf mehr bekommen würde.
* * *
In der Piano Bar im Hotel Hafen Hamburg war nicht viel los. Kommissar Welsch, seine Assistentin Rita Hold und Jason Dawn saßen etwas abseits an einem der kleinen, runden Tische.
Jasons Vorschlag stieß bei Harald Welsch zunächst auf Ablehnung, ja Empörung.
„Sie wollen von uns Namen von Verbrechern, die schuldig sind, aber nicht verurteilt werden konnten? Hab ich Sie da richtig verstanden?“ Der Kommissar schüttelte verständnislos den Kopf. „Das ist unmöglich!“
Jason sah ihn mit einem prüfenden Blick an. „Denken Sie? In den Staaten werden verurteilte Mörder und Verbrecher doch auch hingerichtet. Wir würden diese Aufgabe gerne hier übernehmen.“ Da war wieder seine provozierende Arroganz, die im krassen Gegensatz zu seiner so weichen Stimme stand.
„Damit würden wir uns zu Mitschuldigen machen“, warf Rita ein.
Der junge Mann hob die Augenbrauen. „Was ist Ihnen denn lieber? Dass wir Schuldige töten, die selbst getötet haben, oder unschuldige Menschen? Wir müssen schließlich überleben! Und wenn ich andere von uns überzeugen könnte, das Gleiche zu tun, bekäme unser Dasein sogar noch einen Sinn. Und denken Sie mal an den gesellschaftlichen Nutzen.“
Kurze Zeit lang herrschte Schweigen am Tisch.
„Was ist mit Tierblut?“, fragte Welsch unvermittelt.
Jason rümpfte die Nase. „Zur Not…“, meinte er, „aber energetisch lange nicht so gehaltvoll wie menschliches Blut.“
„Und wie oft …“ Welsch ließ diese Frage unausgesprochen.
„Das kommt darauf an. Wir können Wochenlang ohne Nahrung auskommen. Aber ich bevorzuge regelmäßige Mahlzeiten, sagen wir – alle zwei Wochen.“
Rita kam sich vor wie bei einer Verhandlung mit dem Teufel. Nervös spielte sie mit dem Weinglas vor ihr auf dem Tisch.
„Das können wir jetzt und hier nicht entscheiden“, sagte Welsch, und auch er fragte sich, ob er gerade seine Seele verkaufte.
„Gut“, sagte Jason, „aber Sie werden bestimmt noch weitere Fragen haben.“ Er lehnte sich zurück und betrachtete die beiden vor ihm wie ein Professor seine Studenten im ersten Semester.
„Sie können sich also am Tag wie bei Nacht frei bewegen“, stellte Welsch fest.
Jason nickte.
„Und was ist mit all diesen anderen Dingen: Weihwasser, Kreuze, Knoblauch?“, fragte der Kommissar weiter.
Jason lachte laut auf. „Kinderkram! Wir könnten sogar im Vatikan ein- und ausspazieren. Gott hat uns längst vergessen! Wir haben unsere eigenen Regeln und Gesetze.“
Welsch dachte daran, dass er gerade einige graue Haare dazu bekam. „Ich nehme nicht an, dass Sie im Dunkeln leuchten oder dass man Sie sonst wie erkennen kann?“
Wieder verneinte Jason. „Wenn Sie uns erkennen, ist es meist zu spät!“
„Sie können auch Gedanken lesen und den Willen von Menschen manipulieren“, fiel Rita in das Gespräch ein.
„Nur wenn diese es zulassen.“
„Spiegelbilder?“, fragte sie weiter.
„Können moderne Vampire genauso telepathisch hervorrufen wie Fotografien.“ Jason beugte sich näher zu Rita. Irgendetwas irritierte sie. Da war wieder dieser Geruch, den sie schon von früher her an ihm kannte.
„Außerdem können wir genauso empfinden wie normale Menschen, nur viel intensiver. Kinder zeugen können wir allerdings nicht.“
Das brachte die hübsche Ermittlerin wieder in Verlegenheit.
Noch bevor sie etwas darauf antworten konnte, ergriff der Kommissar erneut das Wort. „Dann ist alles, was in der Literatur über euch geschrieben steht, Schwachsinn?“
„Das nicht gerade, es bezieht sich nur auf die klassischen alten Vampire. Aber die sterben langsam aus. Sie können sich nicht genug anpassen an diese schnelllebige und technische Welt. Die findet man fast nur noch in den unterentwickelten Ländern.“
Dabei musste der Kommissar an Südamerika denken. Dahin war seine damalige Partnerin verschwunden, nachdem sie zum Vampir wurde.
Jason hatte den Gedanken aufgefangen und wandte sich dem Kommissar zu. „Ja, sie ist noch da. Dieser Richard, dem sie verfallen ist, entstammt einer der älteren Generationen. Er ist ein Grenzgängervampir.“
Das war ein wirklich denkwürdiger Abend für den Kommissar und seine Partnerin.
„Wie alt sind Sie denn eigentlich?“, fragte Welsch aus reiner Neugier.
„Ich wurde erst 1920 als Vampir geboren“, grinste Jason und wandte sich mit einem Augenzwinkern Rita zu. „Ich hoffe, der kleine Altersunterschied stört Sie nicht!“
* * *
Dieses erste vertrauliche Gespräch mit einem Vampir der Neuzeit warf weitere Fragen auf, aber diese würde Jason erst beantworten, wenn er seinen Handel unter Dach und Fach gebracht hatte, soviel war sicher. Rita und ihr Chef überlegten einige Tage hin und her, bis ihnen die Entscheidung von anderer Seite abgenommen wurde.
Es war nicht der erste anonyme Drohbrief, den der Hauptkommissar erhielt. Aber diesmal schien der Absender es ernst zu meinen. Vom Kollegen Gerhard erfuhr Welsch eines Morgens, dass seine kleine Nichte Anna auf dem Weg von der Schule nach Hause verschwunden war. Die Kleine ging in die Grundschule Bergstedt im Nordosten Hamburgs und brauchte gerade mal zehn Minuten Fußweg nach Hause. Martina Welsch, die Schwester des Kommissars, war allein erziehend und halbtags berufstätig, so dass sie mittags für die Achtjährige kochen konnte. Der Vater war vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Normalerweise begleiteten andere Elternteile die Kinder, doch es kam vor, dass aufgrund des kurzen Weges Anna auch mal alleine gehen musste. An diesem Mittwoch kam Anna nicht nach Hause.
„Wer sollte Lösegeld von einer allein erziehenden Mutter erpressen? Nein, diese Entführung hat einen anderen Hintergrund.“ Gerhard sprach besonders leise, damit die in Tränen aufgelöste Mutter, die gerade im Wohnzimmer von einem Seelsorger betreut wurde, das Gespräch in der Küche nicht mitbekam.
Harald Welsch zeigte dem Kollegen den Drohbrief, den er eine Woche zuvor erhalten hatte.
„Ich gehe davon aus, dass es sich um einen meiner Spezies handelt, den ich mal eingebuchtet habe. Leider habe ich den Brief nicht ernst genommen“, sagte er besorgt.
„Wir gehen der Sache nach, die Fahndung ist bereits in vollem Gange. Mach dir keine Sorgen, wir finden eure Kleine.“ Gerhard klopfte Harald beruhigend auf die Schulter.
‚Aber in welchem Zustand’, dachte dieser nur und beschloss, zusätzlich auf eigene Faust zu ermitteln.
Gemeinsam mit Rita ging er am nächsten Morgen die Liste der schweren Jungs durch, die durch sein Kommissariat hinter Gitter gelandet waren.
„In den letzten vier Monaten entlassen wurden nur zwei“, meinte Rita. „Einer davon hat wenigstens eine Familie, der andere ist in einem Obdachlosenheim gelandet.“
„Wir werden uns beide mal ansehen“, beschloss der Kommissar.
„Chef, ich hab’ mal ’ne Bank überfallen, aber ich werd’ doch kleinen Kindern nix antun“, bestritt Stefan Gregorius heftig bei der Befragung. „Ich hab’ doch selbst zwei Kinder. Nee, sowatt mach ich nich. Ich bin doch froh, dat ich raus bin aus’m Bau. Und ’nen Job hab ich auch ab nächste Woche. Nee, nee.“
Welsch glaubte ihm. Der unrasierte Typ im offenen Hemd vor ihm sah zwar wenig vertrauenerweckend aus, aber eine kaltblütige Kindesentführung traute der Kommissar ihm nicht zu.
Seine Frau und die beiden Kinder saßen dabei verschüchtert auf dem Sofa.
„Kommen Sie“, sagte Welsch zu seiner Assistentin. „Schauen wir uns mal den zweiten Verdächtigen an.“
„Der Klaus is nicht mehr da. Hat sich nur für ’ne Nacht hier eingetragen“, meinte der Hausmeister vom Obdachlosenheim und biss in seine Stulle.
„Hat er eine Adresse hinterlassen oder zu irgendjemandem Kontakt gehabt?“
„Nö, hat nur hier gepennt und is dann auf und davon.“
„Na klasse, ohne berechtigten Verdacht können wir keine Fahndung ausrufen“, meinte Welsch. „Sehen wir uns noch mal seine Akte an“, schlug Rita vor.
Zurück im Büro durchforsteten sie nochmals alle Unterlagen. Klaus Hilfrich hatte bereits eine lange Liste an Vorstrafen, bevor er wegen eines brutalen bewaffneten Raubüberfalls für längere Zeit eingesessen hatte.
„Den Toten hat er auf das Konto seines Komplizen geschoben.“
„Und der ist wiederum von dem Wachmann erschossen worden.“
„Für Mord würde der Typ ja auch heute noch einsitzen. Leider konnte der Staatsanwalt ihm nicht beweisen, dass er geschossen hat. Die Waffe lag in der Hand des Komplizen, und es gab keine anderen Fingerabdrücke, ebenso wenig wie Zeugen.“
„Und außerdem“, Rita klappte die Akte zu, „gilt Hilfrich als cholerisch und gewalttätig. Vielleicht ist er ja auch rachsüchtig! Schließlich hat seine Frau ihn mit dem Kind verlassen, nachdem er verknackt wurde. Und da Sie keine eigenen Kinder haben, Chef, rächt er sich über Ihre Schwester.“ „Reicht aber immer noch nicht als Grund für einen Fahndungserlass.“
„Dann hören wir uns doch mal im Bau um, vielleicht hat er ein paar Kollegen was erzählt!“
Manchmal hatte seine Assistentin echt gute Ideen, gab der Kommissar innerlich zu.
Leider blieben auch die Befragungen in der JVA Fuhlsbüttel ohne wirkliches Ergebnis. Einer der Insassen erzählte wohl noch, dass Klaus Hilfrich früher einmal zur See gefahren war, was die Suche nicht gerade erleichtern würde, falls er anheuern sollte. Den Kommissar beschlich ein ungutes Gefühl bei diesem Gedanken.
* * *
Der rostige Seelenverkäufer aus Honduras dümpelte an den Tauen vor sich hin. Das Schiff wartete auf seine Abwrackung. Unten in die leeren Frachträume drang selbst am helllichten Tag kaum Licht hinein. Auf einem Stuhl saß die kleine Anna, gefesselt und mit einem Taschentuch im Mund.
Die eingerosteten Türen des Frachters standen alle weit offen und viele ließen sich nicht mehr schließen, also hatte Klaus Hilfrich das Kind anbinden müssen. Die kreischenden Geräusche des Metalls, die durch das tote Schiff hallten, machten dem kleinen Mädchen Angst. Außerdem war es kalt hier unten. Seit gestern war der Mann, der sie auf dem Heimweg entführt hatte, nicht mehr aufgetaucht.
Zu dieser Zeit waren die Beamten im Hafen ausgeschwärmt, sie befragten die Mannschaften der im Hafen liegenden Schiffe, vor allem die der ausländischen Frachter. Niemand hatte Klaus Hilfrich gesehen. Welsch und Rita hatten sich schließlich bei ihrer Suche getrennt auf den Weg gemacht.
Es war purer Zufall, dass Rita Hold den alten Kahn an einem abgelegenen Pier entdeckte, gerade als sie die Suche schon abbrechen wollte. Der Name des Schiffes war unleserlich, die Farbe längst abgeblättert. Eine Gangway gab es nicht, um auf das Schiff zu gelangen, stattdessen hing eine Strickleiter an der Bordwand. Und genau das machte Rita stutzig. Ohne zu zögern kletterte sie auf den Frachter und begann, sich vorsichtig umzuschauen.
‚Das Ding besteht ja nur noch aus Rost’, dachte sie. Die Metall-Treppen, die in den Bauch des Schiffes führten, sahen lebensgefährlich aus. Behutsam setzte die Polizeibeamtin einen Schritt vor den anderen, prüfte, ob die nächste Stufe ihr Gewicht aushalten würde. Dabei kam in ihr unweigerlich der Gedanke an eine Diät hoch.
Unten angekommen, fand sie das Schiff schon halb ausgeschlachtet vor. Die Türen zu den einzelnen Kajüten standen weit offen, darin nur die Metallrahmen der Kojen. Die Frachträume ähnelten riesigen, leeren Hallen. Eine fette Ratte lief ihr über die Füße. Rita zuckte zusammen. Die Geräusche hier unten waren ohrenbetäubend, sobald das Metall aneinander rieb. Dadurch wurden ihre Schritte übertönt, aber leider auch alle anderen Geräusche.
Minuten später fand Rita die kleine Anna weinend auf ihren Stuhl gefesselt und eilte zu ihr. Doch noch bevor sie sie losbinden konnte, hörte sie die herrische Stimme von Klaus Hilfrich hinter sich. „Stehen bleiben, junge Frau! Und nehmen Sie die Hände hoch!“
Rita erstarrte und drehte sich dann ganz langsam um. Eine Automatik war auf sie gerichtet. In der anderen Hand hielt der muskulöse Mann mit den ungepflegten, halblangen Haaren einen weiteren Stuhl, den er nun zu Rita hinüber schleuderte.
„Werfen Sie Ihre Waffe weg und setzen Sie sich hin“, forderte Hilfrich sie auf.
Dann fesselte er die Frau mit dünnen Tauen Rücken an Rücken an den Stuhl des Kindes.
„Was soll das? Sie sind doch gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden?“, fragte Rita um einen ruhigen Ton bemüht, um den Verbrecher nicht herauszufordern.
„Klar, und wenn’s nach Ihrem Chef gegangen wär’, säß ich immer noch drin – wegen Mordes!“
„Aber das konnte man Ihnen doch nicht nachweisen!“
„Heißt aber nicht, dass ich’s nicht war!“ Der Typ grinste Rita frech ins Gesicht und stopfte auch ihr ein Taschentuch in den Mund.
„Hier unten findet Sie so leicht keiner. Aber Sie haben ja Gesellschaft beim Verrecken!“ Mit diesen Worten steckte Klaus Hilfrich seine Waffe in den Gürtel und wandte sich zum Gehen.
Rita sah den großen Schatten nur kurz aus den Augenwinkeln, und dann war sie froh, dass das kleine Mädchen hinter ihr die folgende Szene nicht mitbekam: Jason Dawn hatte sich wie ein lautloser Racheengel auf Klaus Hilfrich gestürzt und schlug seine Zähne in die Kehle des Kriminellen.
* * *
„Sie hätten ihn nicht direkt töten müssen“, sagte Rita leise, als Jason sie und das Mädchen losband.
Jason sah sie mit diesem überheblichen Blick an, den sie bereits kannte. „Vielleicht hätten Sie ihn gar nicht erst laufen lassen sollen.“
„Wie haben Sie uns überhaupt gefunden?“, fragte Rita.
Jason lächelte. „Das ist überhaupt kein Problem. Erst recht nicht, seit wir eine so schöne, telepathische Verbindung zu einander haben. Und ich liebe es, sie zu entfesseln!“
Seine arrogante Art konnte sie auf die Palme bringen!
„Trotzdem, danke“, sagte Rita jetzt, und das meinte sie ehrlich. „Wahrscheinlich haben Sie uns beiden das Leben gerettet.“
„Jederzeit zu Diensten!“ Jason verbeugte sich theatralisch vor ihr und verschmolz wieder mit den Schatten im Schiffsrumpf.
Als Rita das kleine Mädchen zurück zu ihrer Mutter brachte, war diese überglücklich. Sie bedankte sich überschwänglich. Kommissar Welsch, der von Rita über Funk informiert worden war, war bereits bei seiner Schwester eingetroffen und dankte seiner Assistentin, indem er sie wortlos an sich drückte.
Soviel Emotion war Rita von ihrem Chef nicht gewohnt. ‚Wahrscheinlich hat er mehr Herz, als er vorgibt’, dachte sie für sich.
„Falls Sie sich morgen mal einen Tag frei nehmen wollen…“, schlug er vor.
„Schon gut, Chef, aber ich denke, wir sollten lieber darüber nachdenken, wie wir den Bericht abfassen – nachdem Jason so drastisch eingegriffen hat.“
Welsch kratzte sich am Kinn. Das tat er immer, wenn er ziemlich ratlos war.
Rita musste lächeln. Beruhigend klopfte sie ihm auf die Schulter. „Uns wird schon was einfallen. Bis morgen dann.“
Wieder saßen der Kommissar und seine Partnerin dem ganz in Schwarz gekleideten jungen Mann gegenüber. Durch seine Kleidung wurde der blasse Teint nur noch mehr betont und die großen, dunklen Augen hervorgehoben. Zwei junge Damen am Nachbartisch warfen ab und zu einen vielsagenden Blick zu Jason hinüber. Rita fand das kindisch.
„Kommen wir also zu Sache“, begann Kommissar Welsch das Gespräch. „Wir können Ihnen natürlich keine Liste mit Namen zur Verfügung stellen.“
„Wie bedauerlich“, warf Jason ein.
„Aber…“, der Kommissar zögerte, „aber wir könnten Ihnen gestatten, uns sozusagen ‚undercover’ bei den Ermittlungen behilflich zu sein. Was Sie dann mit den Informationen anfangen, die Sie von uns erhalten, bleibt ganz Ihnen überlassen.“
Jason nickte zufrieden. „Das klingt akzeptabel.“
„Wie haben Sie eigentlich offiziell meine kleine Intervention erklärt?“, fragte er dann neugierig.
„Rattenbisse!“, erwiderte Rita kurz.
Jason prustete los. „Nicht schlecht. Hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut. Ich hoffe, das war nicht persönlich gemeint.“
„Eine Frage müssen Sie mir noch beantworten“, forderte Rita. „Wieso verwandeln sich Ihre Opfer nicht in weitere Vampire?“
„Diese Art der – sagen wir mal – Vermehrung ist nur wenigen, alten Vampirmeistern vorbehalten. Wir modernen Vampire sind dazu nicht mehr fähig. Wir sind eher so was wie Hybriden.“
Welsch und Rita blickten ihn erstaunt an.
„Es kann nur eine begrenzte Anzahl von uns geben, alles andere wäre selbstzerstörerisch, wie immer in der Natur“, versuchte Jason zu erklären.
„Und wie … ich meine, wie kann man Sie töten?“ Kommissar Welsch versuchte, den Vampir aus der Reserve zu locken.
„Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, dass ich Ihnen diese Frage nicht beantworten werde“, grinste Jason.
„Und ich hoffe, dass Sie Ihr Versprechen halten“, meinte der Kommissar.
Jason legte seine rechte Hand auf seine Herzgegend. „Mein Ehrenwort!“, beteuerte er, nicht ohne einen gewissen Spott in seiner Stimme.
Rita seufzte. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm.
* * *
Wenige Tage später erhielt Rita Hold eine Einladung von Jason. Wie es seine charmant-makabre Art war, lag an diesem Tag eine schwarze Rose mit einer Karte vor ihrer Wohnungstür.
‚Na, wenigstens hält er sich mal an menschliche Gepflogenheiten’, dachte Rita, als sie die Karte öffnete.
„Ich möchte Sie am Samstagabend in meine Welt entführen. Bitte kleiden Sie sich entsprechend. J.D.“, stand dort in kunstvollen Lettern. Das konnte alles Mögliche bedeuten. Trotzdem konnte Rita eine gewisse Vorfreude nicht verbergen.
In der Cathedrale Noir in der Hamburger Prinzenbar bestand Dresscode. Der Club war ein Insidertipp der Gothic Szene. Rita Hold kam sich in ihrem Alter zunächst einmal völlig deplaciert vor. Dabei fiel sie in dem langen, schwarzen Abendkleid aus Samt, das ihre Figur vorteilhaft umspielte, gar nicht auf. Die teilweise extrem geschminkten Gestalten erinnerten sie aber eher an einen Maskenball. Doch Jason schob sie weiter durch die Menge. Auf der Galerie fanden Sie ein halbwegs ruhiges Plätzchen außerhalb des Getümmels.
Der junge Mann verschwand für kurze Zeit und kam mit einer dunkelhaarigen Schönheit zurück.
„Darf ich vorstellen – Laetitia, eine von uns.“
Rita spürte Unbehagen, doch Jason beruhigte sie. „Keine Angst, es wird Ihnen nichts geschehen. Laetitia wird sich in Zukunft auch an die neuen Regeln halten, das verspreche ich Ihnen.“
Laetitia begrüßte Rita und kam ihr dabei näher, doch trotz ihres Lächelns ging eine Bedrohung von ihr aus. Mittlerweile waren Ritas Sinne dafür geschärft. Im diesem Augenblick fühlte sie sich überhaupt nicht mehr wohl.
„Ihr Boss wollte doch wissen, wie man uns erkennen kann“, flüsterte ihr Jason ins Ohr. Und plötzlich fiel es Rita auf. Der Geruch von Laetitia war der Gleiche wie bei Jason. Ein zarter Duft von Moschus…
Im Nachhinein konnte Rita nicht behaupten, dass es ein schöner Abend gewesen war, aber sie berichtete Kommissar Welsch direkt am nächsten Montag von ihrer Erkenntnis.
„Das Problem ist nur“, meinte dieser, „wenn das stimmt, dann ist man bereits in Gefahr, denn einen Geruch nimmt man erst in unmittelbarer Nähe war.“
„Ich denke, genau deshalb hat Jason uns auf diese Art gewarnt.“
„Heißt das, wir sollten dem Knaben trauen?“ Harald Welsch war nach wie vor voller Misstrauen, was diese Geschöpfe anging. Sie passten einfach nicht in sein Weltbild.
Rita zuckte die Achseln. „Wenn er noch weitere seiner Art überzeugen könnte…“, begann sie.
„Dann gibt es in unserem Land bald sehr viel weniger Schwerverbrecher“, fuhr der Kommissar fort. „Irgendwie komme ich mir vor, wie bei einer Verschwörung. Ganz zu schweigen von der notwendigen ‚kreativen Berichtführung’.“ Den Kommissar schauderte bei dem Gedanken, die Taten dieser Wesen decken zu müssen.
„Der Vorteil ist, dass sie Unschuldige in Ruhe lassen werden, wenn es Jason gelingt, sie zu überreden. Das Ganze hat allerdings auch einen Nachteil“, gab seine Assistentin zu bedenken. „Wir sind in gewisser Weise von diesem Jason abhängig. Er ist der Mittler zwischen beiden Welten.“
„Nur, wenn wir ihm trauen können“, sagte Kommissar Welsch zu sich selbst.
Trotzdem hatte Rita es gehört. „Wir haben keine andere Wahl.“
* * *