Von MalerMirco am
25. August 2009 veröffentlicht
Ich lag zu Hause auf dem Sofa und war geschafft, geschafft von der harten Arbeitswoche im Büro. Der Fernseher vor mir flimmerte viele bunte Bilder, die ich aber gar nicht richtig wahrnahm. Ich schaute nur auf das Bild und ließ mich berieseln. Ich wurde erst wieder richtig aufmerksam, als sich ein Pärchen lautstark küsste und es sehr übertrieben durch den Ton dargestellt wurde. In mir staute sich plötzlich wieder dieses Hassgefühl auf, dieses Hassgefühl auf glückliche Paare. Aber was will man erwarten, wenn man bereits jahrelang Single ist und glückliche Pärchen sieht? – Soll man sich darüber freuen? Ich kann es zumindest nicht. Im Gegenteil, mich nervt es ziemlich und es ruft in mir jedesmal wieder starke Bedürfnisse hervor und die Sehnsucht nach Zweisamkeit. Mit der Zeit wurde dies immer schlimmer, es wurde schon fast zu einer Phobie. So werde ich in kürzester Zeit zu einem seelischen Frack. Zum Glück klingelte das Telefon und ich wurde aus diesem zunehmenden Sog entrissen. Selbst schaffe ich es kaum mich davon schnell loszureißen. Aber ich erwartete noch einen Anruf von meinem Chef, der mir noch Termine für die anstehenden Meetings durchgeben wollte. Dieser Anruf kam genau zur richtigen Zeit. Ich ging an das Telefon und meldete mich wie immer sehr höflich und freundlich. Doch es war nicht die Stimme meines Chefs, sondern ein angenehme Frauenstimme. Ich war sehr überrascht und fing komischerweise an zu stottern. Die Frau wollte eine gewisse Frau Niedermeyer sprechen, aber die gab es bei mir leider nicht. Mir wurde sofort klar, dass sich diese Frau an der anderen Leitung verwählt hatte und ich hackte das Gespräch schon ab. Ich wollte schon auflegen und merkte noch an, dass es kein Problem sei sich verwählt zu haben. Doch darauf hin fragte mich die Frau, ob ich denn schon einmal gesagt hätte bekommen, dass ich eine sehr angenehme und beruhigende Stimme hätte. Ich war total perplex. Einerseits habe ich mit so einem Entgegenkommen nicht gerechnet, andererseits hatte das wirklich noch nie jemand zu mir gesagt. Ich wusste wirklich nicht was ich darauf sagen und blieb stumm. Ich bin eigentlich kein schüchterner Mensch, aber dass mir das letzte mal eine Frau ein Kompliment gemacht hatte ist es schon eine lange Zeit her. Deswegen auch diese ewige Leerlaufzeit in mir. Ich wurde erst wieder auf den Boden der Tatsachen geholt als mich die Frau erneut fragte. Ich sagte nein und hielt diese Antwort sehr kurz. Das einzige was ich darauf noch anhängen konnte war, dass sie ebenfalls eine sehr schöne Stimme habe. Sie bedankte sich und stellte sofort die nächste Frage. Ich wusste gar nicht wie mir geschieh. Es war nicht unangenehm für mich, aber so sehr hatte sich eine Frau in den letzten Jahren nie für mich interessiert. So langsam pegelte ich mich wieder ein und bekam Gefallen an dieser Situation. Ohne überhaupt zu fragen was das denn soll oder wer sie denn überhaupt ist ließ ich mich auf dieses Gespräch ein. Sie fragte mich nach meinen Interessen, Hobbys und ob ich denn in einer Beziehung wäre. Ich war ehrlich und schilderte ihr mein langes Single-dasein. Ich dachte es wirkte auf sie abschreckend, da Frauen wohl möglich denken wer lange Single ist ist unattraktiv und bekommt keine ab. Aber sie verstand mich und erzählte dass sie auch schon recht lange Single sei. Der letzte Mann von ihr kam nicht mit ihrem Damenschuh-Tick zurecht, ihrem Schuhtick.. Ich musste sehr darüber lachen, da ich davon auch irgendwie betroffen war. In diesem Moment stellte ich mir bildliche meinen Schuhschrank vor und zählte an den Fingern ab, wie viel Paare Herrenschuhe ich denn beherberge. Durch meinen Job in der Modebranche habe ich beruflich viel mit der Mode von Schuhen zu tun und besitze aus eigenem Interesse auch eine Vielzahl an Schuhpaaren. Ich wirkte auf einmal noch viel interessanter auf sie, da ich wohl einen entscheidenden Nerv von ihr getroffen hatte. Welcher Mann kann auch schon diese Leidenschaft mit einer Frau teilen. Daraufhin zählte sie mir ihre Lieblingspaare auf und fragte mich welcher Kleidungsstil zu Pumps, Mokassins oder Ballerinas passe. Da dies ja wirklich auch unter meine Interessen fällt konnte ich ihr diese Fragen auch beantworten. Es stellte sich auch heraus, dass sie auch mit Schuhen beruflich zu tun habe. Sie arbeitet für einen Online Shop, der Schuhe vertreibt. Wir unterhielten uns mit der Zeit als ob wie uns schon ewig kannten. Ich fühlte mich in so kurzer Zeit noch nie so sehr zu einer Frau hingezogen. Ich möchte nicht sagen, dass ich mich verliebt hatte aber es war schon ziemlich nahe dran und sie merkte auch dass die Chemie zwischen uns sehr gut ist, nahezu perfekt. Denn nach so kurzer Zeit sich jemanden hingezogen zu fühlen ist auch für mich Neuland gewesen. Für sie ebenso. Ich war so verblüfft und wusste, so etwas wird dir nie noch einmal passieren und vielleicht ist das die Frau, die du schon immer gesucht hattest. Ich nahm meinen ganz Mut zusammen und fragte sie, ob sie denn Lust hätte sich mit mir mal zu treffen. Sie sagte sofort ja, als ob sie auf diese Frage schon die ganze Zeit gewartet hätte. Mir kam es so vor, als hätten wir beide Schmetterlinge im Bauch, obwohl wir uns noch nie gesehen hatten. Sie schwärmte regelrecht von mir und ich von ihr. Wir beschlossen uns am Abend zu treffen, da es auch Freitag war und wir somit genügend Zeit hatten. Sie lud mich zu ihr nach Hause ein, um sich dort weiterhin in gemütlicher Atmosphäre kennenzulernen. Sie gab mir ihre Adresse und wir verabschiedeten uns mit einem sehr tollen Gefühl, ein Gefühl auf Wolke Sieben zu schweben. Ein paar Stunden später begab ich mich voller Freude und Spannung auf den Weg zu ihr. Ich nahm ein Taxi und sagte dem Fahrer die Adresse. Er fuhr mich zu der gesagten Adresse und ich stieg aus. Doch dann traute ich meinen Augen nicht, diese Adresse führte mich zu einem halb abgerissenem Gebäude. Hier wohnte keiner. Ich blieb regungslos vor dem heruntergekommenen Gebäude stehen und fühlte mich urplötzlich wieder genauso wie vor dem Anruf auf der Couch.
Von admin am
22. August 2009 veröffentlicht
Autor: Alex Koob
Veröffentlicht: workablogic.de
Diese Kurzgeschichte ist Teil einer Serie:
- Wenn der Postmann 2x klingelt
- Messer, Gabel, Schere, Licht, ist für diese Frisöse nicht
Ich drehe mich um, schlage auf den Wecker und denke wie jeden Morgen: “Jetzt schon aufstehen!?” Doch ich kratze all meine Kraft zusammen die man morgens früh schon um vier Uhr in seinem Körper vorfinden kann und gehe schlaftrunken ins Bad. Ich schaue aus dem Fenster und sehe dass die Autos zugefroren sind. Scheisse… wieder einmal heißt es kratzen, kratzen, kratzen ehe ich mit meinem Auto zur Arbeit fahren kann. So langsam bin ich das kalte Wetter wirklich satt. Das hält nun schon mehrere Wochen an. Dreck!
Nach dem Frühstück steht dann auch wie erwartet 10-minütiges Kratzen an und um 4:27 bin ich unterwegs zur Arbeit. Nach einer halben Stunde Fahrt über größtenteils leere Straßen bin ich im Postamt angekommen. Zuerst gönne ich mir mal einen guten, tiefen Schluck Kaffee und fange an mich um meine Postkörbe zu kümmern.
Als die letzten Briefe und Zeitungen sortiert sind, gehts ab Richtung quitschgelbes Auto wo ich alles brav auf dem Beifahrersitz nach Straßen sortiere und die Fahrt kann beginnen.
Ich kann es Euch sagen, das ewig frühe Aufstehen kann schon schlauchen, aber ich will mich hier keinesfalls beklagen denn ich kann froh sein in der heutigen Zeit überhaupt einen mehr oder minder sicheren Arbeitsplatz zu haben.
Unterwegs kann ich mich natürlich wieder gut über all die Leute aufregen, die vor Ihrem Haus rechts wie links meterweise Platz hätten um Ihr Auto zu parken, aber natürlich müssen diese genau vor dem Briefkasten stehen. Wäre ja auch zu schön und einfach, wenn mal jemand an den Briefträger denken würde, der sonst schön gemütlich bis zum Briefkasten vorfahren, das Fenster runterdrehen und die Post einwerfen könnte. Gerade jetzt wäre es für mich ein richtiger Genuss bei der Kälte im Auto sitzen bleiben zu können und nicht alle 30m immer wieder in die Kälte raus zu müssen. Aber nein, die meisten Menschen denken halt genau so bequem wie ich.
Die Straßen werden voller und das arbeitende Volk verstopft allmählich die Strecken. Nur gut dass ich in rund 2 Stunden wieder im Büro sitze und mal wieder Post sortieren kann – im Warmen!
Sonst ist heute nicht viel passiert, abgesehen von der drallen Blondine die mir abermals mit einem Auge zugezwinkert hat, als sie mit Ihrem kleinen Kläffer an meinem Auto vorbei kam. Geschmeichelt fühle ich mich dabei allerdings nicht. 1. passt die Frau frisurtechnisch besser zu Ihrem Hund als zu mir und 2. kommt sie von Ihrem Kleidungsstil auch eher an den Stil meines quitschgelben Autos heran als an meinen.
Natürlich könnte ich noch einige Geschichten von älteren Damen und Herren vom Stapel reißen aber die sind meist so langweilig, dass ich selbst mit mir kämpfen muss nicht über den Diskussionen mit ihnen einzuschlafen. Es ist ja verständlich dass die Leute froh sind wenn sie mal einen Gesprächspartner finden den sie vollmüllen können, doch muss es denn immer ich sein?!
So ging es nach einigen, sinnlosen Konversationen, unzähligen Posteinwürfen und stundenlangem Sortieren im Laufe des Nachmittags wieder zurück in meine 4 Wände und a propos 4… morgen früh ist es wieder soweit!
Und nächstes Mal bitte dran denken wo man parkt. Danke, Euer Postmann
Von admin am
14. August 2009 veröffentlicht
Autorin: Elke Meyer
Illustration: Crossvalley Studio of Digital Art
PROLOGSTORY zu MOND DER UNSTERBLICHKEIT
Amber drehte gedankenverloren das Amulett zwischen ihren Fingern. Ihr Vater hatte ihr das Schmuckstück aus Schottland mitgebracht. Es bestand aus drei ineinander verschlungenen Kreisen, die von einer Lanze durchbohrt wurden und symbolisierte Avalon. Dem Träger versprach es magische Kräfte und Intuition.
Schottland – was würde sie dort erwarten?
Bei dem Gedanken an den bevorstehenden Umzug dorthin verspürte sie ein ungutes Gefühl. Und das hatte sie noch nie getrogen.
Amber betrachtete durch das geöffnete Fenster die silberne Mondsichel. Draußen herrschte absolute Stille, der Straßenlärm war verklungen, nur ein Hund jaulte in der Ferne. London schlief. Wenn sie doch auch nur die ersehnte Ruhe finden könnte.
Der Anhänger prickelte auf ihrer Haut.
Plötzlich hatte Amber das Gefühl, nicht mehr allein im Zimmer zu sein. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Rücken aus. Sie fuhr herum und sah zur Tür. Aber die war wie immer verschlossen.
Amber schüttelte lächelnd über sich selbst den Kopf.
Nur einen Wimpernschlag später schrak sie erneut zusammen. Hatte sie nicht eben zwei rot funkelnde Augen im Spiegel gesehen? Ausgemachter Blödsinn! Sie reagierte über, ihre Sinne spielten ihr einen Streich.
Dennoch starrte sie zu dem Spiegel hinüber. Auf seiner Oberfläche reflektierte die Mondsichel, rot wie Blut.
Rot wie Blut?
Amber schluckte, denn der Mond am Nachthimmel schimmerte silbrig, im Gegensatz zu seinem Abbild. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie sich dem Spiegel näherte. Vorsichtig streckte sie eine Hand aus, um den roten Mond zu berühren. Das Amulett auf ihrem Dekolleté begann zu vibrieren und löste ein unangenehmes Brennen auf der Haut aus. Die glatte Oberfläche des Glases fühlte sich unter ihren Fingern vertraut an. In dem Moment, wo sie es berührte, zuckte ein Blitz aus dem Amulett, der sich in ihrem Körper entlud. Amber schwindelte, alles um sie herum begann sich zu drehen. Taumelnd kippte sie vornüber – auf den Spiegel zu. Als sie sich an ihm abstützen wollte, griff sie durch das Glas, als wäre es Wasser. Ein starker Sog erfasste sie und zog sie in den Spiegel hinein, bevor sie sich wehren konnte. Ein Strudel riss sie mit sich in tiefe Dunkelheit. Amber glaubte in ein Nichts zu stürzen, aus dem es kein Entrinnen mehr gab. Ihre Schreie blieben stumm. Verzweiflung stieg in ihr auf, sie wollte noch nicht sterben.
Unerwartet endete der Sog. Amber prallte auf harten Boden und schrie auf. Benommen blieb sie liegen. Hinter ihren Schläfen pochte es schmerzhaft. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, was mit ihr geschehen war. Sie lag auf steinigem Boden, der durch wenige Grasbüschel unterbrochen wurde.
Mühsam rappelte sie sich auf. Sie befand sich inmitten eines gewaltigen Steinkreises, meterhohe Pfeiler, die von Decksteinen überbrückt wurden, rahmten sie ein. Das Zentrum des Kreises bildete ein Menhir, in den eine Spirale gemeißelt worden war.
Über diesem Ort wölbte sich samtblauer Nachthimmel mit einem wahren Sternenmeer. Es war ein Ort des Friedens, voller Mystik und Energie.
Amber spürte die Kraft, die von diesem Ort ausging, wie feine Schwingungen auf ihrer Haut. Das Amulett pulsierte, als besäße es ein Herz.
Amber hatte schon von diesem Ort geträumt, vor langer Zeit, als sie noch ein Kind gewesen war. Es war ohne Zweifel der Steinkreis aus ihrem Traum – voller Energie und gleichzeitig bedrohlich.
Sie kniff sich in den Arm, in der Hoffnung, der Traum möge jetzt enden, doch nichts dergleichen geschah.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Amber fuhr herum und fand sich einer Frau gegenüber, die eine Art Tunika und darüber einen samtenen, scharlachroten Umhang trug. Ihr Gesicht war zeitlos schön, ihre Figur grazil. Sie besaß eine starke Aura, deren Schwingungen Amber wie feine Nadelstiche spüren konnte. Die Fremde lächelte freundlich.
„Wo bin ich hier?“, fragte Amber. „Und wie bin ich hierher gekommen? Eben noch habe ich vor dem Spiegel gestanden… das kann nur ein Traum sein.“
„Das ist kein Traum. Nur Auserwählten ist es erlaubt, diesen heiligen Ort zu betreten.“
„Ich bin keine Auserwählte. So was gibt es nicht. Wer sind Sie überhaupt?“
Die Frau legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. Wärme durchflutete Ambers Körper. „Man nennt mich Lady oft the Lake. Und der Ort, an dem du dich befindest, heißt Avalon. Du trägst in dir viele Fragen, aber keine Antworten. Deshalb bist du an diesen Ort gekommen.“
In Ambers Kopf überschlugen sich die Gedanken. Avalon? Was redete diese Frau da? Dieser Ort gehörte zu einer Legende. Den hatte es nie gegeben.
„Welche Fragen? Und welche Antworten? Und wie bin ich hierher gekommen?“
Die Fremde lächelte wissend. „Durch Magie. Wie du deine Chance hier nutzt, liegt bei dir. Es war nur meine Aufgabe, dich zu empfangen.“ Die Fremde drehte sich um und deutete auf den Menhir im Zentrum des Steinkreises. „Dort steht der Kelch des ewigen Wissens. Wenn du aus ihm trinkst, wird das Orakel dir Antworten geben. Nur die Mutigen bieten dem Schicksal die Stirn. Danach kehrst du in deine Welt zurück. Aber die Erinnerungen an diesen heiligen Ort werden gelöscht. Ich muss jetzt gehen.“
„Nein! Halt! Warte! Du kannst mich doch nicht einfach im Stich lassen.“ Amber versuchte den Arm der Fremden zu umfassen, aber sie griff hindurch. Die Erscheinung war ein Geist, was das flaue Gefühl in Ambers Magen verstärkte.
„Vertraue dem Orakel und deinen Kräften!“
„Na, toll. Welche Kräfte denn? Bleib bitte hier. Ich will so schnell wie möglich in meine Welt zurück, und ich bin sicher, das schaffe ich nur durch dich.“
Amber fühlte sich hilflos wie nie zuvor, als sich die Fremde wortlos umdrehte und mit dem Menhir verschmolz.
Bravo, Amber! Superidee! Warum musstest du auch den Spiegel berühren? Jetzt hängst du hier fest.
Mutlos sank sie auf den Boden und lehnte den Rücken an den Menhir. Das konnte doch alles nicht wahr sein, das musste ein Traum sein. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, aber das verflixte Ding war stehen geblieben.
Amber sah zu dem goldenen Kelch, der als stumme Aufforderung auf dem Menhir stand. Grübelnd kaute sie auf ihrer Unterlippe. Ach, sie wollte nichts Schicksalhaftes erfahren, sondern nur zurückkehren.
Doch die Versuchung war zu groß. Nur einen kleinen Schluck wollte sie kosten. Amber stand auf und ergriff den metallenen Kelch. Sie drehte ihn in der Hand. Den Rand zierte das gleiche Symbol wie ihr Amulett. Der Anhänger auf ihrer Brust pulsierte noch stärker.
Die Flüssigkeit in dem Kelch war klar und schimmerte rosa. Amber schnupperte daran, es roch nach nichts. Vorsichtig nippte sie. Es schmeckte wie Wasser. Das beruhigte sie. Sie wurde mutiger und nahm einen großen Schluck.
Den Kelch noch immer in der Hand haltend, wartete sie gespannt darauf, was geschehen würde. Sie hatte etwas Spektakuläres erwartet, doch nichts passierte. Amber war enttäuscht. Als sie das kostbare Gefäß zurückstellen wollte, stutzte sie. Ein süßlicher, metallischer Geruch,der Übelkeit verursachte, stieg ihr in die Nase. Das Wasser hatte sich in Blut verwandelt. Vom Ekel gepackt, warf Amber den Kelch in hohem Bogen von sich.
„Verdammt, ich will aus diesem Traum aufwachen.“, stieß sie hervor. Wohl auch um ihr aufsteigende Angst zu bekämpfen.
Starker Wind kam auf und trieb die Wolken zusammen. Über Amber braute sich ein Unwetter zusammen. Sie suchte unter einem der riesigen Steine Schutz und blickte zum Himmel auf.
„Sei bereit“, säuselten Stimmen im Wind.
Die Wolken gaben die rote Mondsichel wieder frei, deren Licht den Menhir beleuchtete. Aus der Spirale daruf sickerte eine rote Flüssigkeit: Der Menhir blutete.
Zitternd wich Amber zurück.
„Es ist sein Blut“, hörte sie wieder ein Flüstern.
Laute Stimmen schallten von dem Hügel hinter dem Steinkreis zu Amber herüber.
Krieger mit gezückten Schwertern stürmten den Hügel hinunter. Sie wirkten in ihrer knielangen Tunika und dem darüber geschlungenen Brat wie aus einem Kinofilm.
Ihr Anführer war ein blonder Hüne. Neben ihm ritt eine Gestalt in weißer Kutte, deren Gesicht unter einer Kapuze verborgen war. Dem kleinen Heer folgte dicht eine größere Anzahl Krieger mit Eisenhelmen und Kettenhemden. Amber verbarg sich hinter dem Menhir und beobachtete das Kampfgeschehen. Die Eleganz und Kühnheit, mit der der Hüne das Schwert gegen seine Feinde schwang, faszinierte sie. Unerschrocken tötete er jeden, der sich ihm in den Weg stellte. In Aussehen und Geschmeidigkeit verglich Amber ihn mit dem Halbgott Achill, der in der Schlacht um Troja gestritten hatte. Und dieser Krieger hier kämpfte nicht nur wie der Grieche, sondern sah auch aus wie ein Gott. Amber hörte die Schreie der Sterbenden und erschauerte. Fast sah es so aus, als verlöre das Heer des beeindruckenden Anführers. Da hob die Gestalt in der weißen Kutte den Arm.
Das Kreischen, das augenblicklich am Himmel erscholl, ging Amber durch Mark und Bein. Es stammte von einer Armada geflügelter Gestalten, menschliche Körper mit dämonischen Fratzen. Aus deren rotglühenden Augen sprach die pure Mordlust. Die Kreaturen stürzten sich auf die Krieger mit den Eisenhelmen, packten sie im Nacken und gruben ihre langen, spitzen Zähne in deren Kehlen.
Amber wollte den Blick abwenden, die Augen schließen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht.
Der weiße Kuttenträger sprang vom Pferd, beugte sich über einen Sterbenden und versenkte seine Zähne in dessen Fleisch. Gierig saugte er das Blut aus dem schlaffen Leib des Kriegers. Amber konnte den Anblick nicht ertragen. Alles begann sich um sie zu drehen.
Da ritt die Gestalt in Weiß direkt auf sie zu. Ambers Puls begann zu rasen, als sie sich weiter in den Schutz des Menhirs kauerte. Eine plötzliche Kälte hüllte sie ein, wie der Hauch des Todes. In Panik sprang Amber auf, um zu fliehen. Doch die Kuttengestalt versperrte ihr den Weg. Aus der Kapuzenhöhle funkelten rote bösartige Augen. Die Hände der Gestalt gehörten einer Frau und schienen seltsam vertraut.
Das Amulett auf Ambers Brust glühte. Wie gelähmt starrte sie die seltsame Gestalt an, in der Erwartung, dass diese sich auf sie stürzen werde, um auch ihr Blut zu trinken. Stattdessen zog die Frau die Kapuze vom Kopf.
Als Amber das Gesicht erkannte, taumelte sie rückwärts. Sie glaubte in einen Spiegel zu sehen!
„Ich bin dein dunkles Ich, das dich verzehrt“, flüsterte ihr Spiegelbild und grinste hämisch.
„Nein!“, rief Amber aus und hob abwehrend die Hände.
„Die dunkle Seite deiner Seele wird deine lichte Hälfte besiegen, bis deine Seele ihm gehört.“ Sie streckte den Arm aus und deutete auf den Hünen, der ihr jetzt das Bluttrinken gleichtat.
„Niemals!“, rief Amber aus.
„Das ist dein Schicksal.“ Die Fremde warf den Kopf in den Nacken und lachte. Ambers Hand tastete nach dem Amulett, als böte es ihr Schutz. Wenn sie doch nur in Ohnmacht fiele, oder der Alptraum ein Ende nähme!
Ihr Spiegelbild trat auf sie zu, riss ihr die Kette mit dem Amulett vom Hals und schleuderte es fort. Amber fühlte das Blut, das aus ihrer Halsbeuge sickerte, in die sich die Kette geschnitten hatte. Die eisigen Hände der Fremden legten sich auf Ambers brennendes Dekolleté.
Amber spürte, wie sich ihr Herzschlag verlangsamte und die Lebenskraft aus ihr wich. Als ihre Beine einknickten, fühlte sie sich dem Tod nahe. Da riss sie etwas mit aller Kraft zurück, bis sie in tiefer Dunkelheit versank.
Ein Knall schreckte Amber auf. Sie blinzelte und erkannte unzählige Glassplitter, die durch die Luft wirbelten.
Der Spiegel war zersprungen.
Erleichtert atmete sie auf, sie hatte nur geträumt. Ihre Finger tasteten über die brennenden Stellen an ihrem Hals. Amber erschrak, denn die Kette war fort – und als sie ihre Hand zurücknahm klebte Blut an ihren Fingerkuppen.
Von Nismion am
10. August 2009 veröffentlicht
Überweisung
Ich öffnete die Tür. Ging nach links, zum ersten Terminal. Das einzige hier, so wie es aussieht. Ansonsten gab es hier nur noch zwei Automaten zum Geld abheben. Vor einem stand ein Mann. Er guckte gespannt auf den Monitor. Drückte eine Taste. Eine Schweissperle rann ihm die Stirn herunter. Er wischte sie weg. Es war eigentlich nicht zu warm hier. “Vielleicht hatte er nicht genug Geld für diesen Monat? Zwei Wochen waren noch zu überstehen. Er bangte sicher darum, wie er die nächsten Wochen aushalten sollte. Zu Hause wartete bestimmt seine Frau, vielleicht mit zwei Kindern?
Hatte sie ihn hierher geschickt? Wie würde sie reagieren, wenn er ohne Euros oder mit zu wenig zurückkam? Ich konnte mir das Theater, die Vorhaltungen gut vorstellen. Da schien der Geldautomat sein einziger Rettungsanker, das Ziel seiner Hoffnung zu sein.”
Der Automat spuckte die Karte aus. Der Mann nahm sie, verließ den Vorraum und ging zu den Schaltern.
Jetzt bat er um Vorschuss. Ich konnte meine Schadenfreude nicht verbergen. Ich musste böse grinsen.
In meiner Vorstellung war der Mann gefangen in einem Los, aus dem es ihm nicht gelingen konnte, unbeschadet herauszukommen. Außer, die Bankangestellte zeigte Nachsicht. Aber ich wünschte mir, dass dem nicht so sei. Ich hatte ihm ein Schicksal zugespielt, aus dem er nicht mehr herauskommen sollte.
Ich hätte ihn noch gerne weiter beobachtet. Aber deswegen war ich nicht hier. Ich kramte den Überweisungsauftrag aus meiner Tasche, steckte meine Karte ins Terminal.
Ich hatte gut geplant diesen Monat. Es musste dicke reichen. Ende des Monats würde ich mich belohnen. Das hatte ich mir selber versprochen. Ich freute mich drauf. Was es sein sollte, wusste ich noch nicht. Aber was besonderes. So viel war klar.
Ich ging im Menü auf Überweisung, gab die erforderlichen Daten ein.
“Einen Beleg ausdrucken?” “Nein.”
Dann wählte ich Kontostand abfragen.
Und als ich es sah traf mich der Schlag.
Dort stand eine riesige Summe.
Ich hatte geplant, gut sogar, aber vermehren konnte ich es noch nicht.
Ich ging auf Kontobewegungen, guckte da.
Eine riesige Summe war mir überwiesen worden.
5 Millionen Euro.
Ich konnte es nicht glauben. Ich druckte es mir aus. Das musste ich schwarz auf weiss haben. Als ich den Ausdruck betrachtete, war ich in meiner Vorstellung schon reich. In meinem eigenem Haus, ein Flitzer davor, vielleicht ein Porsche?
Und arbeiten müsste ich auch erstmal nicht. Ein unbeschreibliches Gefühl. Alle Träume zum Greifen nah. Aber leider nagte die Wirklichkeit, mein Verstand an mir.
Es klopfte an. Erst noch leiser und dann kam auch noch mein Gewissen dazu. Echt nervig.
Ich versuchte es bei Seite zu schieben, aber es funktionierte nicht. Und so musste ich die Träumerei unterbrechen.
Ich spielte kein Lotto, hatte nichts gewonnen. Leider.
Also konnte es nur ein Fehler sein. Und der würde schnell bereinigt werden. Es würde auffallen, so oder so.
Ich konnte es auch selber tun. Ich konnte mit einem guten Gefühl aus der Sache herauskommen. Ich ging zum Schalter.
Ich hasste meine Ehrlichkeit. Ein Anderer hätte bestimmt versucht, das Geld irgendwie abzuheben. Es überwiesen? An eine andere Kontonummer? Die meiner Schwester?
Sollten die es zurückbuchen, wäre mein Konto 5 Millionen im minus. Wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich sogar, würde es gesperrt werden. Aber vielleicht kam ich vorher an das Geld ran? Und wozu brauchte ich dann ein Konto? Es gäbe bestimmt eine Möglichkeit. Auf irgendeine Weise, vielleicht nicht legal, aber was sollte es. Keiner würde es sehen. Aber ich wusste es. Und bei diesen Gedanken bekam ich schon ein schlechtes Gewissen. Ich war echt zu gut erzogen. Aber ich wusste, dass ich das richtige tat, als ich am Schalter wartete.
Dort stand immer noch der Mann von eben. Er diskutierte mit der Angestellten.
Mitlerweile schwitzte er richtig. Sein Gesicht war von Feuchtigkeit bedeckt. Mit dem Hemdärmel wischte er es weg.
Und langsam bekam ich mit, was ihn beschäftigte.
Die ganze Bank anscheinend auch, denn alle guckten her, als er lauter wurde.
Er hatte wohl einen Auftrag, den er abwickeln musste. In spätestens einer Stunde müsste es gelaufen sein, sonst wären die Vertragspartner weg, wieder auf dem Weg ins Ausland.
Und er konnte das nicht unter Dach und Fach bringen, wenn das Geld nicht kam. Er wartete wohl seit einer Woche da drauf.
Aber es tat sich nichts. Seine Firma hatte das Geld überwiesen und so konnte es nur an der Bank liegen.
Als die Bankangestellte sagte, sie gucke noch einmal im Computer, vielleicht sei ein Fehler unterlaufen, explodierte der Mann.
“Wie zur Hölle können fünf Millionen Euro verschwinden? Ein paar Cent, ein Euro vielleicht, aber keine fünf Millionen. Wie schlampig wird hier gearbeitet? Das kann ich echt nicht glauben, beim besten Willen nicht. Ein Drecksladen ist das.”
Da wusste ich wovon er sprach. Ich ging nach vorne.
“Entschuldigen sie.” “Was,” funkelte er mich an, bereit auch an mir seine Wut rauszulassen.
“Jetzt aber mal ganz ruhig, Tiger. Ich weiss wo ihr Geld ist, denke ich, “ sagte ich und reichte der Angestellten den Ausdruck.
Sie blickte drauf und sah mich danach erleichtert an. Ein junges Ding. Müsste aber mein Alter sein. Sicher etwas überfordert mit der Situation.
“Fehler können passieren, kein Grund so ein Theater zu machen. Und sie kann bestimmt nichts dafür.”
Dankbarkeit blitzte aus ihren Augen zu mir herüber, als sie am Computer arbeitete.
Der Mann sagte nichts, stierte nur die junge Frau an. “Ja, es ist gelaufen,” verkündete sie nach ein paar Minuten. Da beruhigte er sich anscheinend, er gab ihr den Überweisungsbeleg und bekam sogar ein “Danke” zustande.
Ich hätte das Geld nehmen können, sicher. Aber das wäre nicht ich gewesen. Ich hätte es nicht mit mir vereinbaren können. Die Geschichte habe ich später noch oft erzählt. Unzählige Male.
Zu jedem meinem Hochzeitstag kramte ich sie aus. Mitlerweile sind es schon sechs geworden.
Ich hätte damals alles kaufen können. Aber bekommen habe ich ohne es, viel mehr.
Etwas was nicht aufzuwiegen ist, meinen Schatz. Sie ist mittlerweile im dritten Monat schwanger. Und wäre das nicht alles passiert, hätte sie mir nie ihre Nummer gegeben, meine kleine Bankangestellte.
Der Kontoauszug steht eingerahmt bei den Hochzeitsfotos. Oft gucke ich ihn mir an und erinnere mich. Und jedes Mal erwärmt es mein Herz.
Sie kommt aus der Küche, mit ihrem schon dickeren Bauch. “Schatz, bist Du schon zu Hause?” Sie sieht mich vor dem Regal, sieht, was ich angucke und muss lächeln.
“Ich liebe Dich,” sagt sie.
Nismion