Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Monatsarchiv für Januar, 2010

Der Isländer

Von twenni am 26. Januar 2010 veröffentlicht

Ich beschloss, diesen Sommer allein in den Urlaub zu fahren. Warum auch nicht, schließlich war ich noch nie allein irgendwo hingefahren. Also wird es Zeit, dachte ich. Island wäre gut, da gibt’s eine Menge Island Pferde. Ich liebe Island Pferde. Ein Pferdehof schien mir genau das richtige zu sein, reiten kann ich ja sowieso und das hatte ich ohnehin lange schon wieder mal vor.

Meine Maschine landete bei bestem isländischen Wetter in Reykjavik.  Es war ein sonniger Tag bei gemäßigtem Wind und den typischen fünfzehn Grad Lufttemperatur. Mir war etwas mulmig zumute, so ganz allein in diesem fremden Land. Hoffentlich komme ich hier klar, ich kenne ja niemanden hier, dachte ich. Doch ich schob die Zweifel beiseite und steuerte auf ein parkendes Taxi zu. Der Fahrer war sehr freundlich und verstand mich zudem auch noch gut. Wir fuhren in Richtung Reiterhof, der etwa 30 Kilometer südlich von Reykjavik gelegen war und wo ich ein Appartment gebucht hatte.
Ich war von der bizarren Natur des Inselstaates beeindruckt. Die Landschaft aus Lavawüsten, Seen, Wasserfällen und zerklüfteten Fjorden muteten abenteuerlich, aber auch romatisch an. Ich versuchte mir gerade vorzustellen,wie es wohl wäre hier zu leben, als wir auf “meinem” Reiterhof ankamen.

Das Gestüt sah fast so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zwei Ställe, ein großes Wohnhaus mit angrenzendem Wirtschaftsbereich und einige kleinere Nebengebäude, alles im skandinavischen Stil und angrenzende, schier endlos wirkende Weideflächen mit saftigem grünen Gras, an dem sich eine Herde Island Pferde labte.
Ein blonder Mann mit freundlichem Lächeln, den ich auf Mitte dreißig schätzte, kam auf mich zu.  “Mein Name ist Brynjar”, stellte er sich in erstaunlich gutem Deutsch vor und drückte meine rechte Hand fest, aber auch nicht zu kräftig. “Ich heiße Anne”, antwortete ich und begann zu überlegen, ob Brynjar nun sein Vorname oder sein Familienname sei. Er sah mich mit seinen stahlblauen Augen durchdringend an. Als würde er Gedanken lesen können, sagte er: “Brynjar ist übrigens mein erster Vornahme, bitte nennen Sie mich so. Aber erstmal herzlich Willkommen auf Island und meinem Hof. Ich zeige ihnen gleich ihr Appartement”. Ich fühlte mich irdendwie ertappt. Brynjar verunsicherte mich und ich vermochte es nur schwer, mich von seinen Augen zu lösen. “…ähh ja” gab ich irretiert zur Antwort. Er nahm mein Gepäck von dem Taxifahrer entgegen und ich zahlte die Fahrt. Während der blonde Isländer mit meinen Taschen in Richtung eines der Nebengebäude ging, viel mir sein schlanker, aber gleichermaßen auch zäh-kräftiger Körperbau auf. Die Adern seiner Unterarme traten unter der Last meines Gepäcks markant empor. Brynjar gefiel mir irgendwie.

In den folgenden zwei Wochen erkundete ich auf meinen Ausritten die Umgebung und beobachtete das Treiben auf dem Hof. Besser gesagt, beobachtete ich bei eigentlich jeder Gelegenheit Brynjar. Ich hatte mich in ihn verliebt. Ich lief ihm schon auffällig oft “zufällig” über den Weg, hoffend auf eine Situation, die mich ihm näher bringen würde. Dann endlich fragte mich Brynjar, ob es mir etwas ausmachen würde, heute Abend im Stall auszuhelfen. Eine Stute stand kurz vor der Geburt eines Fohlens und der Stalljunge, der sonst bei Geburten immer dabei war, lag mit Fieber krank im Bett. Natürlich sagte ich zu, lehnte aber seine vorgeschlagene Bezahlung ab.

Die Geburt des Island- Fohlen verlief ohne Komplikationen. Nachdem sich der Tierarzt verabschiedet hatte, holte Brynjar eine Flasche eines mir unbekannten Schnaps und zwei Gläser. “Lass uns auf das Neugeborene anstoßen, das ist so Brauch bei uns”, schlug er vor und ließ sich in einer Ecke auf einem Strohballen nieder. Er schenkte uns beiden ein und bedankte sich, sichtlich erschöpft, für meine Hilfe. Wir tranken. Brynjar erzählte davon, wieviel Arbeit und Entbehrung ihm das Gestüt abverlangte und dass er stolz war, den elterlichen Pferdehof unter den widrigen isländischen Bedingungen zu einem gefragten Zuchtgestüt und beliebten Urlaubsort für europäische Touristen gemacht zu haben. Ich hörte ihm gespannt zu, sog jedes Wort auf und fühlte mich wie durch eine magische Kraft von ihm angezogen. Nach dem vierten Glas des seltsam schmeckenden Getränks ließ ich meinem Bedürfnis freien Lauf und lehnte mich an seine Schulter.  Ich begann, sanft seine Haare zu kraulen. Er reagierte überhaupt nicht. Nicht abweisend und nicht annähernd. Männer werde ich wohl nie verstehen, dachte ich. Warum küsst er mich nicht, reißt mir nicht die Kleidung vom Körper oder sonst was, fragte ich mich.

Doch just, als ich schon einen Anflug von Liebeskummer zu fühlen begann, erwiderte Brynjar meine Liebkosungen. Ich spürte seine kräftige Hand auf meinem Rücken und er zog mich an sich. “Lass uns in dein Appartment gehen…” murmelte er leise. Wir gingen. Die Nacht war wunderschön.

Die nächsten Tage kamen wir uns noch häufig sehr nahe und ich genoß die letzte Zeit auf dem Hof mit ihm. Dann kam der Tag des Abschieds. “Besuchst du mich mal in Deutschland?”, fragte ich Brynjar. “Ja gerne”, antwortete er. “Aber du solltest wissen, dass meine Frau nächste Woche aus Dänemark zurück kommt”. Dann schwieg er. Ich stieg wortlos in das wartetende Taxi und schaute mich nicht mehr um.

3 Stunden

Von Andreas am 21. Januar 2010 veröffentlicht

Ein Knall. Ich schrak hoch. Wo war ich? Dunkelheit! Langsam gewöhnten sich meine Augen an das schummrige Licht und ich erkannte Einzelheiten.
Die Augen reibend, versuchte ich mich zu erinnern.

Das Zimmer war mir fremd.

Langsam fiel mir wieder die gestrige Feier ein. Diese war wohl auch der Grund, warum ich mich so schlapp fühlte.

Partys, eine der wenigen Möglichkeiten dem stupiden, monotonen Alltag ein wenig zu entfliehen. Es ist traurig. In dieser heutigen modernen Welt muss man sich um die Sinne trinken, um zu leben. Ich schaute mich weiter um. Die Tapeten waren pink, mit roten Herzen darauf. Weibisch.

Ich erinnerte mich nun auch wieder an die kleine Blonde.
Gut, ich wusste langsam wo ich war, doch was hat den Knall verursacht?

Es lagen zwei Gläser zerbrochen auf dem Boden. Sie standen wohl auf dem kleinen roten Tisch. Der Kater warf sie herunter.
Typisch! Das Tier sprang auf den Tisch, ohne daran zu denken, dass die Gläser herunter fallen könnten.
Was unterscheidet mich von diesem Kater, der nun zufrieden schnurrend in der Ecke lag und sich die Pfote leckte?
Dachte ich über die Konsequenzen meines Handelns nach?
Anscheinend nicht, da ich mich nicht erinnern konnte, ein Kondom benutzt zu haben. Obwohl ich mir nicht einmal sicher war, mit der Kleinen Sex gehabt zu haben.

Aber was mache ich denn sonst hier?

Ich beschloss aufzustehen und suchte meine Klamotten zusammen. Eine Cordhose, ein schwarzes T-Shirt und ein Hemd.

Natürlich trat ich in die Scherben der Gläser und fluchte über den Kater in der Ecke und über den in meinem Kopf.
Ich suchte das Bad und zog gleichgültig die Scherbe heraus und band mir Toilettenpapier um den Fuß.

Wo war die Kleine? Wie alt sie wohl sein mag? Wohnte sie hier allein? Ich wusch mein Gesicht und zog mein Hemd über. In der Küche fand ich schließlich meine gestrige Eroberung. Sie hatte für uns Frühstück gemacht.
„Morgen, na gut geschlafen?“, fragte sie lächelnd.

Schade das ich mich nicht mehr an die Nacht erinnerte, denn sie war echt hübsch.
„Morgen“, entgegnete ich, „ wohnst du hier allein?“
„Nein, meine Eltern sind noch im Urlaub.“

Wie hatte ich sie kennen gelernt? Wie hieß sie eigentlich? Es war mir egal.
Ich trank meinen Kaffee hastig und schnappte mir einige Brötchen.
„Ich muss los“, sagte ich und stand auf.
„Schon? Wollen wir nicht frühstücken?“ fragte sie erstaunt.
„Ich ruf dich an.“, entgegnete ich trocken und wusste genau, dass ich es nicht tun würde.

Sie redete von „im Kontakt bleiben“ und von dem Wunsch nicht nur eine Nummer für eine Nacht sein zu wollen.

Eine Nummer? Anscheinend hatten wir doch etwas. Ich ging, ohne ein Wort zu sagen und fühlte mich wie ein Mann. Eine weitere Eroberung. Unbedeutend, doch für das Ego wichtig.

Es war Sonntag. Ein Blick auf mein Handy: 8:26 Uhr. Noch viel zu früh!
Ich ging durch die Stadt. Dort kam mir ein Mann entgegen. Er schien in Gedanken zu sein und hätte mich fast um gelaufen. Er war wohl auf den Weg in die Kirche.
Damit habe ich nicht viel am Hut. Es passt einfach in mein Leben.

Ich bin zwar nicht gottlos, schließlich bin ich Katholik, aber ich glaube auf meine Weise.

Die Bibel ist für mich ein Märchenbuch. Gute Geschichten und um sie verstehen zu können, darf man sie nicht wörtlich nehmen, sondern muss die Bilder die sie vermitteln deuten und interpretieren. Wie bei Märchen.

Ich kam zu Hause an und ging als erstes duschen.
Anschließend legte ich mich auf mein Sofa und hörte Musik und entspannte mich. Ich lauschte dem Text und spürte die Emotion der Worte, der Gitarre, des Rock
Gerade lief ein Lied, in dem der Sänger metaphorische Vergleiche zwischen seinen Emotionen für das Mädchen und der Natur zog.
Solche klassischen Vorstellungen von Liebe sind nichts für einen Realisten wie mich..
Ich weiß nicht, warum der Gedanke an Liebe mich an meine Freundin erinnerte. Wahrscheinlich weil sie behauptete mich zu lieben.

Wieder einmal habe ich betrogen.

Keine Spur von schlechten Gewissen.

Wir waren nun mehr als zwei Jahren zusammen.

Ich rief sie an.
Wir redeten über unwichtiges Zeug und sie beendete das Gespräch mit dem Satz „Ich liebe Dich.“
Das brachte mich erneut zum Nachdenken.
Für mich ist das nur eine neu interpretierte Floskel des Alltags und wird völlig überbewertet.
Es ist nur eine Standartaussage, ähnlich wie „ mit freundlichen Grüßen“, nur bedeutungsloser.
„Ich dich auch“, sprach ich und legte auf.

Mein Blick fiel auf die Uhr: 11:26 Uhr und anschließend aus dem Fenster.

„Ist das nicht nicht…?“, sprach ich leise in den Raum und schrie laut auf, als es geschah.

Oh mein Gott was habe ich getan?!.

Ich frühstückte. Meine Frau saß vor mir. Sie machte mir mal wieder Vorwürfe.
Am Freitag verlor ich meinen Job. 15 Jahre meines Lebens arbeitete ich für diese Firma. Nichts Besonderes. Ein einfaches Industrieunternehmen.

Die Kündigung kam, nachdem ich einen kleinen Arbeitsunfall verursacht hatte, wirklich nichts Großes, aber für die kalten Kapitalisten ein gefundenes Fressen.

Sie mussten eh rationalisieren.

Während sie mich enttäuscht und wütend anschaute, aß ich meine Brötchen.

„Wie soll das nun weitergehen?“, fragte sie.
„Ich finde schon wieder etwas anderes.“,antwortete ich und hoffte auf ihre Unterstützung

„Das ist nicht das Einzige. wir befinden uns schon seit Jahren in einer emotionalen Sackgasse.
Ich fühle mich schon lange unwohl und dir ist es egal. Ich habe darüber nachgedacht und ich habe jemanden kennen gelernt, bei dem ich mich geborgen fühle. Es tut mir leid.“
Überrascht war ich nicht. Ich hatte so eine Ahnung. Die ständigen Anrufe und „Frauenabende“.
„Es wäre besser, wenn du dir vorerst was anderes zum Wohnen suchst.“, fügte sie hinzu.
Ist sie nicht süß? Wo soll ich denn hin?
Ich verlor meinen Job, nun verliere ich meine Frau?
Rückschläge im Leben gewohnt bin ich gewohnt. Muss ich halt wieder beruflich und in Sachen Liebe neu Anfang. Na und? Ich bin nun 38 Jahre alt und habe meinen Halt im Leben, im Glauben gefunden.

Ich aß noch immer, als sie schon längst fort war und machte mich anschließend auf den Weg zur Kirche.
Ein kurzer Blick auf die Uhr: 8:26 Uhr.

Ich dachte noch mal über alles nach. Ich liebte meine Frau, aber ich schien es ihr nie richtig gezeigt zu haben.

Natürlich war ich innerlich schwer verletzt. aber ich bin ein Mann und habe meinen Stolz. Wieso in Tränen ausbrechen und um Vergebung flehen. Gott wird mir schon meinen Weg zeigen.
Ich versank in Gedanken und wäre fast gegen einen jungen Mann gelaufen.

Hatte er denn keine Augen im Kopf? Ich vergaß ihn schnell wieder, als ich an der Kirche ankam.

Es half mir, mich mit meinen Problemen an Gott zu wenden. Der Glaube allein gab mir wieder neue Kraft.

Um kurz nach zehn machte ich mich wohl zum letzten Mal auf meinen alten Heimweg. Ich wollte kurzfristig bei meinem Bruder wohnen, bis ich was Eigenes gefunden hatte.

Zu Hause angekommen packte ich meine „sieben Sachen“ und setzte mich in mein Auto. Wo meine Frau war, wusste ich nicht. Aber warum sollte mich das denn noch kümmern? Ich fuhr los und schaltete das Radio ein. Wieder verlor ich mich in Gedanken. Wie wird’s nun weiter gehen? Würde ich wieder arbeiten können? Wie teuer wird die Scheidung? War ihr Neuer „besser“ als ich? . Um zwölf Uhr wollte ich bei meinem Bruder sein.

Ein kurzer Blick, es war genau 11:26 Uhr und als ich wieder auf die Straße schaute, war es bereits zu spät.

Ich wachte auf, er war noch da und lag neben mir.

Gestern habe ich ihn endlich angesprochen. Er war mir schon vor einiger Zeit aufgefallen.

Ich arbeite als Zahnarzthelferin.
Jeden morgen gehe ich aus dem Haus, die Straße herunter, durch einen kleinen Park in Richtung Innenstadt. Dort kam er mir des Öfteren entgegen.

Ich fiel ihn ebenfalls auf, jedenfalls glaubte ich das, obwohl das schwer zu sagen war. Er fuhr immer auf seinem Fahrrad in Richtung Uni. Gestern Abend erfuhr ich, dass er Germanistik studiert.

Ich bin keine „Schlampe“. Es ist für mich nicht normal einen Mann, den ich erst gerade kennen gelernt habe, mit zu mir zu nehmen, aber ich bin mir sicher, dass wir zusammen gehören. Wir unterhielten uns. Mir fielen viele Gemeinsamkeiten auf und er war mir auf Anhieb total sympathisch. Er schien auch interessiert zu sein, also lud ich ihn mit zu mir ein, da meine Eltern eh gerade vereist waren.

Ist das so schlimm? Bin ich deswegen eine Schlampe? Wir verbrachten die Nacht zusammen.

Es war herrlich!

Ich stand auf und ging leise in die Küche und backte Brötchen auf und kochte Kaffee. Plötzlich hörte ich einen Knall. Wahrscheinlich hatte mein Kater wieder irgendetwas herunter geworfen.

Endlich kam er in die Küche und ich begrüßte ihn.
„Morgen, na gut geschlafen?“
„Morgen“, entgegnete er, „ wohnst du hier allein?“.
„Nein, meine Eltern sind noch im Urlaub.“
Er trank seinen Kaffee hastig und nahm seine Brötchen.
„Ich muss los“, sagte er und stand auf.
„Schon? Wollen wir nicht frühstücken?“ fragte ich erstaunt.
„Ich ruf dich an.“, entgegnete er trocken und ich wusste genau, dass er es nicht tun würde.
Ich wollte ihm meine Gefühle erklären, aber es gelang mir nicht.

Ich redete nur von „im Kontakt bleiben“ und dass ich nicht nur Nummer sein wollte.

Er war weg, ich schaute auf die Uhr. Es war 8:26 Uhr.
Tränen liefen mir übers Gesicht.

Dieser Schmerz! Ich bin keine Schlampe, doch sicher denkt er das nun!

Solange habe ich gehofft, mich gescheut und endlich hatte ich ihn.

Und nun war er weg!

Warum habe ich kein Glück mit Männern?! Ich fühlte mich auf einmal so schmutzig und ging duschen.

Als ich ins Zimmer kam, sah ich die Scherben auf dem Boden. Es war Blut daran. Ich untersuchte meinen Kater, aber das Blut musste von „ihm“ stammen.

Es war mir egal. Ich machte mein Zimmer sauber und wechselte die Bettwäsche.

Dadurch beruhigte mich ein wenig und beschloss, spazieren zu gehen. Ich ging wieder durch den kleinen Park und war in Gedanken.

Wieso der nicht geglückten Liebe immer wieder nachtrauern? Ich bin selbstständig, jung und hübsch.

Wenn er mich nicht zu schätzen weiß, ist er selbst Schuld.
Ich ging über die Straße und es war für mich klar, dass auch diese Wunde heilen würde.
Plötzlich hörte ich nur noch eine Hupe und Reifen quietschen. Dann wurde es dunkel.
Zeitpunkt des Todes: 11:26Uhr.

Ende

Endlosschleife

Von Andreas am 21. Januar 2010 veröffentlicht

Der spärlich beleuchtete Flur bot ein Bild des Abschieds, das nicht besser zu dieser Nacht hätte passen können.

Ein schlampig abgestelltes Fahrrad und ein Kinderwagen, in dem hoffentlich nie ein Kind würde liegen müssen, standen nur noch zwischen mir und der alten, schwarzen Haustür.

„Willst du wirklich nicht zum Frühstück bleiben?“, rief es/sie hinter mir aus der kleinen, gemütlichen Altbauwohnung.

Mit einem Knall schlug die Tür hinter mir zu und teilte dem halb nackten Mädchen meine Antwort mit.

Natürlich hätte ich auch zum Frühstück bleiben können, natürlich hätte ich bei ihr im Arm liegen können, und natürlich wäre es schön, mal wieder neben einem Mädchen aufzuwachen.

Aber der Preis dafür war mir einfach zu hoch. Nähe aufbauen heißt, auch immer wieder los lassen zu müssen.

Für diese Nacht hatte ich genug menschliche Nähe und ging entspannt – und ich glaube, auch etwas zerzaust – durch den langsam nahenden Sonnenaufgang nach Hause.

Während ich meine Wohnungstür aufschob, wurden im Innern dadurch ein paar leere Flaschen und etwas Pappe beiseite geschoben. Ein weiterer Grund, warum ich grundsätzlich zu den Frauen ging.

Wichtiger jedoch ist es, die Anonymität zu bewahren. Nachdem ich meinen Kaputzenpulli in die Ecke geschmissen, meine Schuhe von den Füßen getreten und meine Hose herunter geschält hatte, ging ich an meinem großen, mit grünen hängenden Blättern behafteten Staubfänger, auch Yucca-Palme genannt, vorbei und fiel erschöpft in mein Bett und starrte zur Decke.

Irgendetwas fehlte dort oben …. nur was?

In diesen Gedanken versunken überkam mich der Schlaf.

Wie immer an der besten Stelle des Traumes klingelte mein Handy und teilte mir mit, dass es Zeit zum Aufstehen sei.

Ein Gutes hatte das abrupte Aufschlagen meiner Augen jedoch. Ich nahm den Edding von der Fensterbank, stellte mich auf das Bett und begann sofort, an einer noch leeren Stelle meiner Decke zu schreiben.

Glück?
Du schaust mich an und weinst,
so frage ich dich, wieso liebst du mich?
Glücklich werd ich nicht, so glaube mir!
Mit mir wärst du es ebenfalls nicht!

Der Weg zum Glück ist steinig,
eine Zweigung fordert eine Entscheidung.
Kopf und Herz sind sich dabei nie einig

Nun mache einen Schritt voran,
lasse dabei ein Stück von dir zurück.
Deine Vergangenheit erinnert dich daran,
dies ist nicht der Weg zum Glück!

Das Gedicht immer wieder lesend wunderte ich mich auch auf dem Weg zur Uni immer noch über diese Worte, deren Bedeutung sich mir zu diesem Zeitpunkt nicht erschließen wollte.

Die Vorlesung war langweilig. Die Statistik und Stochastik. Testverfahren, Verteilung und jede Menge Variablen, Wahrscheinlichkeiten und Varianzen.

Eine 20-seitige Formelsammlung soll uns diese Welt erklären.

Welche Formelsammlung benutze ich für meine Welt?

Gibt es eine Formel, die mir das Gefühl erklärt, wie es ist, eine liebende Mutter zu haben? Aufgewachsen bin ich seit meinem dritten Lebensjahr bei meiner Oma. Eine gütige Frau, doch der Altersunterschied war einfach zu groß und als die Pubertät kam, wurde ich etwas “schwierig”, wie sie es ausgedrückt hatte. Von da an übernahm ein Heim und dadurch hauptsächlich die Straße meine Erziehung. Das Leben lehrte mich einiges über zwischenmenschliche Beziehungen.

Betrogen, verraten, bestohlen, belogen, verlassen und enttäuscht werden wollte ich niemals mehr und beschloss daher, niemanden mehr diese Macht über mich zu geben.

Den Rest der Vorlesung beschäftigte ich mich damit, meine Gedanken in meinem Notizblock zu skizzieren, um ein weiteres Gedicht meiner Zimmerdecke hinzufügen zu können.

Leben nach Maß

Wozu das ständige Lachen

und das ständige Reden?

Wieso kann man nicht einfach sehen,

dass ich allein sein will,

weil ich alleine glücklich bin.

Was bringt es mir, so zu sein wie ihr?

Immer nach dem Normmaß leben,

bloß nicht zu viel von sich geben.

Abstand bringt Sicherheit. Doch

ist dies der Weg zur Einsamkeit?

Struktur im Leben,

wie im klassischen Gedicht?

Das kann ich euch nicht geben.

Nein, das will ich nicht!

Anschließend, nach der Vorlesung, war mein wöchentlicher Männerabend mit meinem besten Kumpel.

„Schreibst du zur Zeit an einer interessanten Geschichte?“, fragte mich Mike in unserer Stammkneipe.

„Mir fehlt zur Zeit die Inspiration.“

„Ich fand deine letzte Story ziemlich spannend.“, versuchte er das Gespräch weiterzuführen, schaute mich aber dann an und fügte besorgt hinzu, „ Es scheint mir, als ob du etwas auf den Herzen hast. Also lass hören.“

„Warum ist das Leben eine einzige Grauzone?“, fragte ich ihn, nachdenklich am Tresen sitzend.

„Ist es das? Ich empfinde es eher als Achterbahnfahrt! Aber es wundert mich nicht, dass es für dich nur grau aussieht.!“, antwortete er mir und leerte sein Glas.

Überrascht setzte ich meine Flasche ab.

„Wieso wundert es dich nicht?“

„Weißt du“; begann er ,“ du siehst alles grau, weil du dem Schwarzen aus dem Weg gehst. Du lässt, seit ich dich kenne, keinen Menschen wirklich nah an dich heran, um nicht verletzt zu werden. Nur um nicht zu scheitern, studierst du etwas, dass dich nicht ausfüllt, anstatt deinem Traum zu folgen.“

Er schaute in sein leeres Glas und erzählte weiter.

„Es gibt ein schönes Zitat, das finde ich ganz passend: Es gibt Risiken, die einzugehen man sich nicht leisten kann- aber auch solche, bei denen man es sich nicht leisten kann, sie nicht einzugehen.“

„Ein weiser Satz“, pflichtete ich ihm bei.

„Es kommt noch besser. Er stammt von Peter Ferdinand Drucker, einem Ökonom.“

Mit seiner einzigartigen Fähigkeit, immer zur richtigen Zeit die passenden Zitate und Sprüche aus seinem Archiv zu kramen, überraschte und begeisterte mich Mike jedes Mal aufs Neue.

„Es fällt mir halt schwer mich zu öffnen.“, entgegnete ich ihm und fügte noch hinzu, dass ich froh war, wenigstens mit ihm über solche Dinge reden zu können.

Nachdem ich noch etwas geflirtet hatte, verließ ich den Ort doch alleine, da ich nicht in Stimmung war.

Etwas in Gedanken ging in ich an diesem kalten Winterabend durch die verlassenen Straßen. Plötzlich konnte ich nicht mehr aufhören, an meine Vergangenheit zu denken. Meine Mutter wurde von einem betrunkenen Alkoholiker in einer zwielichtigen Bar niedergestochen, da war ich gerade drei Jahre alt. Trotzdem trinke ich und treibe mich ebenso in diesen Bars herum, was einerseits kein Problem darstellt. Auf der anderen Seite ist es ein Konflikt, den zu lösen ich nicht in Stande bin, geschweige denn ihn zu definieren.

Manchmal komme ich mir vor wie ein Raucher, dessen rauchender Vater an Lungenkrebs gestorben ist und auf seiner Beerdigung auf seinen Sarg ascht.

Im Augenwinkel nahm ich eine junge attraktive Frau wahr, die mir entgegen kam, dann an mir vorbei ging. Als ich diesen kurzen Moment der Begegnung schon fast wieder vergessen hatte, kam ich zu einer roten Fußgängerampel. Die Straßen waren alle schon längst verlassen und leer.

Als ich gerade hinübergehen wollte, fiel mir die junge Blondine von vorhin wieder auf. Sie stand diesmal direkt neben mir und lächelte mich an. Ihr Lächeln fror meine Bewegungen ein, so dass ich mit dem rechten Bein auf der Straße und mit dem linken noch auf dem Bürgersteig verweilte/stand, und ich lächelte zurück.

Sie passte sich meiner wahrscheinlich etwas seltsam wirkenden Postion an, in dem sie ihr rechtes Bein ebenfalls auf Straße stellte und mich fragte, ob wir es wagen sollten, über die rote Ampel zu gehen.

„Wir wagen es.“ , antwortete ich und löste mich aus meiner Nagetierstarre.

Unsere Wege verliefen lang genug parallel, um ihren Vornamen, ihren Beruf und ihre restabendliche Aktivitäten herauszufinden.

Dass sie nur umgekehrt war, um mich kennen zu lernen, erfuhr ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

An einer Kreuzung trennten sich unsere Wege, und ich lud sie auf einen Kaffee ein.

„Ich kann dir auch genau einen guten Grund nennen, warum du nicht ablehnen solltest.“,versuchte ich, ihr meine Einladung noch schmackhafter zu machen.

„Da bin ich aber mal gespannt…“, meinte sie und schaute mich mit ihren großen blauen Augen erwartungsvoll an.

„Weil es ein witziger und origineller Anfang einer sehr guten Geschichte wäre..“

Am nächsten Abend saß ich wieder am Tresen und schilderte mein Erlebnis.

„Und, hat sie ja gesagt?“, fragte mich Mike, nachdem er die erste Runde bestellt hatte.

„Ja, sie hat ja gesagt. Ich werde mich morgen Abend mit ihr im Café Cult treffen!“, antwortete ich.

„Den Spruch werde ich mir merken…“, wir stießen an, und er fügte die Frage hinzu, ob ich diesmal bei ihr zum Frühstück bleiben würde.

„Ich will dich nicht schockieren, aber diesmal werde ich es anders machen und sie erst kennen lernen.“

„Du willst also sagen, dass unser letzter Dialog über grau und schwarz dir gezeigt hat, dass es auch Vorteile haben kann, einen Menschen näher als nur körperlich kennen zu lernen?“ Einen gewissen sarkastischen Ton konnte Mike sich bei dieser Aussage nicht verkneifen.

„Vielleicht…“

„Hört, hört! Hast du dir denn schon Gedanken gemacht, wie euer erstes Date nach der Tasse Kaffee weiter geht?“

„Nein, aber das ist in Ordnung. Ich bin der Meinung, dass man nicht soviel planen sollte, da sich schöne Momente am besten ohne Rahmen entfalten können.”

Später am Abend kam ich in meine Wohnung. Nachdem ich richtig aufgeräumt und geputzt hatte, setzte ich mich auf mein Sofa und schaute mich um. Mir fiel die goldene Figur des Feuervogels Phoenix auf, die mir Mike zum Geburtstag geschenkt hatte. Er verglich mich gerne immer wieder aufgrund meiner Vergangenheit mit Phoenix aus der Asche, und als er sie bei Ebay fand, musste er sie mir kaufen. Mit warmen Wasser säuberte ich sie und dekorierte anschließend mit ihr eine leere Stelle auf meinem Badezimmerregal.

„Schön hier.“, sprach ich, als ich mein Zimmer wieder betrat, in den leeren Raum, und mein Blick fiel auf meine große Yucca-Palme.

„Durch dich wird mein Zimmer zum Ort der Ruhe und Entspannung“,sagte ich, säuberte mit einem nassen Lappen ihre Blätter und goss sie anschließend.

„Wie war dein Date letzte Woche?“, mit dieser Frage wurde unser wöchentliches Treffen in unserer Stammkneipe von Mike eröffnet.

„Welches meinst du?“, entgegnete ich trocken.

„Wieviel hattest du denn letzte Woche?“

„Vier.“

„Ich dachte, du wolltest dich ändern. Also braucht man sich den Namen Jenny nicht zu merken?“

„Doch natürlich. Wir haben uns letzte Woche viermal gesehen….“ Zufrieden lächelte ich ihn an.

„Glückwunsch! Wird es ein fünftes geben? Ich meine, mehr als vier sind bei dir ja sonst nicht drin gewesen.“

„Morgen Abend koche ich für sie bei mir…“

„Bei dir? Ich dachte du nimmst nie eine Frau mit zu dir. Hat es dich endlich erwischt?“

Schnell mit einem Achselzucken beantwortet brachte mich diese Frage trotzdem zum Nachdenken.

Hatte es mich erwischt?

Am nächsten Abend klingelte es pünktlich an meiner Tür, und etwas nervös öffnete ich.

„Was gibt es denn Leckeres zu Essen?“, fragte mich Jenny und betrat meine Wohnung.

„Laut “Google” das beste Date-Menü. Salat als Vorspeise, Pasta als Hauptgericht und Schockladeneis zum Nachtisch.“

„Klingt, als hättest du dir wirklich Gedanken gemacht ..“

Der Abend verlief harmonisch und romantisch. Nach dem Essen saßen wir noch lange auf dem Sofa, und es kam auch zum dem ersten Kuss.

„Ich denke, ich werde mich langsam auf dem Heimweg machen, es ist schon spät geworden.“

„Ich mache nicht nur ein gutes Abendessen, sondern auch ein sehr gutes Frühstück“, flüsterte ich ihr ins Ohr und küsste ihren Hals.

„Wenn das so ist, werde ich diese wilde Behauptung doch einmal auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen müssen.“

Die nächsten Wochen waren einfach traumhaft. Wir sahen uns regelmäßig und waren beide der Meinung, dass dies der Beginn von etwas Großem war.

„Weißt du“, fing sie an, als sie in meinem Arm lag, „ ich lese gerne deine Gedichte an deiner Zimmerdecke. Ich finde es sehr schön, dass du schreibst, aber dort steht kein einziges positives Gedicht. Auch kein Liebesgedicht. Hast du nie schöne Momente gehabt, worüber es sich zu schreiben lohnt?“

Mir lief es kalt den Rücken herunter. Dem Thema Vergangenheit konnte ich bis jetzt ja immer gut aus dem Weg gehen. Sie sprach selbst nicht viel von ihrem Elternhaus und wir trafen uns grundsätz nie bei ihr. Um keine Gegenfragen zu riskieren, sprach ich dieses Thema selbst nicht an.

„Kannst du mir einen Gefallen tun und in meinem Notizblock auf der letzten beschriebenen Seite nachsehen? Dort steht ein Gedicht, das du mir bitte vorliest..“, sprach ich, nahm den Edding und stellte mich auf das Bett.

Ferdinand und Luise

Die aufgehende Sonne,
das Licht von mir nicht erkannt.
Schleich ich durchs Dunkel,
und reiche dir meine Hand.

Ein Schritt ins Leere,
und der Schmerz wär’ groß.
Angst begleitet mich,
doch ich lasse dich nicht los:

Naiv ist die liebende Seele,
doch nur diese ist in der Lage,
auch größte Gefahren zu überwinden,
um zu dir zu finden.

„Das finde ich schön. Wieso hast du es denn Ferdinand und Luise genannt?“, fragte sie mich und, froh darüber, das Thema von meiner Vergangenheit auf Lyrik gelenkt zu haben, antwortete ich:

„Es ist eine Hommage an Schillers Kabale und Liebe. Die Protagonisten heißen halt so.“

„Sie war schon wieder bei dir? Wie lange seit ihr nun schon zusammen? Vier oder fünf Monate?“, fragte mich mein bester Freund bei unserem nächsten Treffen.

„Fünf. Es (was denn???) hat sich noch nicht wirklich ergeben, zusammenzuziehen (?). Tatsächlich habe ich sie auch neulich darauf angesprochen. Sie meinte, bei mir wäre es leichter, da sie noch bei ihrem Vater wohne und er es nicht gerne sehe, wenn fremde Männer bei ihm im Haus übernachten würden.

„Gut, mag sein, aber warst du denn schon überhaupt bei ihr? Ich meine, auch mal tagsüber?“

„Nein, nicht in der Wonung. Wieso ist das denn so wichtig?“

„Es wird dir nicht gefallen. Aber meiner Meinung nach ist die Vergangenheit eines Menschen ein wichtiger Aspekt für die Entwicklung seiner Persönlichkeit. Du weißt ja nichts von ihr. Wie war ihre Kindheit? Wie sieht ihr Zimmer aus? Ein Buch kaufst du auch nicht, ohne wenigstens den Klappentext gelesen zu haben.“

„So bleibt es spannend.“, erwiderte ich kurz und knapp.

„Offenheit ist der Weg zum Glück. Öffne dich ihr und teile ihr deine Vergangenheit und Gefühle mit, dann wird sie sich auch öffnen. Wie viel hast du ihr denn von dir erzählt?“

Mein Schweigen zeigte ihm meine Antwort und dass eine weitere Diskussion über dieses Thema nicht in meinem Sinne war.

Eines Abend lag ich mit Jenny im Bett und scherzte herum. Ein halbes Jahr lang hatte sie mir nun schon mein Leben veschönert, und es war jetzt der richtige Moment, ihr das auch zu sagen.

„Weißt du“, begann ich „ seit einem halben Jahr hast du mein Leben bereichert. Aus meinen Gefühlen für dich heraus könnte ich nun drei einfache Worte sagen, doch diese werden in dieser Welt so oft zum falschen Zeitpunkt und zu wenig zu den richtigen Personen gesagt, dass sie dem, was ich empfinde, nicht wirklich gerecht werden. Also habe ich versucht, meine Gefühle für dich, in vier Versen auszudrücken“

Zu ihr gebeugt flüsterte ich ihr ins Ohr: „Jede Sekunde ohne dich ist wie eine Woche ohne Sonnenschein. Jeder Atemzug ohne dich ist wie ein Monat ohne Glücklichsein. Jeder Augenblick ohne dich ist wie tausend Hiebe. Ein Leben ohne dich wäre ein Leben ohne Liebe.“

Ich schaute ihr in ihre tränennassen Augen, nahm ihre Hand und sprach weiter:

„Liebe ist Vertrauen.“

Mit ihrer Hand auf meiner Brust erzählte ich ihr von meiner Vergangenheit, dem frühen Verlust meiner Mutter durch einen Betrunkenen., die Jahre bei meiner Oma und auf der Straße. Vom Gefühl, wie es war, keinen Vater zu haben, weil dieser mich aus religiösen Gründen verstieß und vieles mehr beschrieb ich ihr.

Es war eine wunderbare Nacht, und so nah wie ihr hatte ich mich vorher noch keinem Menschen gefühlt.

Am nächsten Abend fand wieder unser kleiner Stammtisch statt.

„Der Verlust meiner Mutter durch einen Betrunkenen schien ihr sehr nah zu gehen“, erklärte ich meinem Freund am gewohnten Ort.

„Natürlich – die Frau ist eben sehr einfühlsam. Ich finde es klasse, dass du diesen Weg gegangen bist. Willkommen in der weißen Lebenszone.“, wir stießen an.

„Schade ist, dass sie mir so wenig erzählt hat. Über ihren Vater zum Beispiel, bei dem sie lebt, hat sie gar nicht gesprochen. Und bei ihr war ich immer noch nicht.“

„Hat sie es dir denn verboten?“, wollte Mike wissen.

„Nein, das nicht. Wir meiden das Thema bloß,“ entgegnete ich ihm.

„Kauf ihr einen Blumenstrauß und überrasche sie. Klingel einfach an ihrer Tür und sage ihr, dass du Sehnsucht hattest.“

„Weißt du was, dass mache ich vielleicht!“, antwortete ich und ignorierte, wie immer, die anderen hübschen Mädchen im Raum.

Tatsächlich befolgte ich seinen Rat und einige Tage später stand ich abends mit einem Blumenstrauß vor Jennys Haustür und klingelte.

Erstaunt schaute sie mich an, war aber erfreut und nach einer stürmischen Begrüßung schauten wir uns in ihrem Zimmer einen Film an.

„Wieso hattest du immer etwas dagegen, dass wir hier Zeit miteinander verbringen?“, fragte ich sie.

Sie schien etwas verunsichert und antwortete: “In Ordnung Marc, ich wollte es dir nicht sagen, aber mein Vater hat Probleme und ich bin das Einzige, was er noch hat…“

Auf einmal riss ein wütender Mann mittleren Alters die Zimmertür auf und schaute mich aus seinen roten, hasserfüllten Augen an.

„ Wer ist denn dieser Bastard?“ schrie er in unsere Richtung und schlug die Zimmertür wieder zu.

„Jennifer, bewege gefälligst deinen Hurenkörper in den Flur, ich muss mit dir reden.“, tönte es von draußen.

„Was ist denn hier los?“, flüsterte ich und war völlig geschockt.

„Ich habe dir doch gesagt, dass mein Vater keinen Männerbesuch duldet. Außerdem ist er ein starker Trinker. Er hat Probleme…“

„Sofort!“, donnerte es erneut aus dem Flur.

Sie stand auf, und meine Versuche, sie davon abzuhalten, waren genauso zwecklos, wie einer rasenden Wildschweinmutter zu erklären, dass man ihren Ferkeln nichts tun würde.

Wie paralysiert liefen Bilder vor meinem inneren Auge ab. Meine Mutter blutüberströmt in dieser Bar. Die Jahre auf der Straße und die wohlhabenden, nach Alkohol stinkenden Männer, die ich dort kennen lernte.

Es gab einen höllischen Lärm, und als Jenny schrie und der Knall einer Ohrfeige noch im Flur verhallte, riss ich die Tür auf und sah, wie sie sich auf dem Boden liegend vor Schmerzen wand.

Ihr Erzeuger schüttelte sich die rechte Hand und blickte mit leeren, vom flüssigen Teufel rot gefärbten Augen in mein wahrscheinlich zu erst geschocktes, dann von vor Wut verzerrtes Gesicht.

Dem unkontrollierten Herumgefuchtel des Betrunken ausweichend streckte ich ihn mit einem Schlag nieder. Ich trat ihm noch zwei Mal in die Seite, und als ich sicher war, dass er erst einmal nicht mehr aufstehen würde, drehte ich mich zu meiner Freundin um.

Sie stand schon wieder aufrecht und schaute an mir vorbei auf den langsam atmeten Männerkörper.

„ Papa!“, schrie sie und kniete sich neben den Mann, der sie ein paar Minuten zuvor noch als Schlampe beschimpft und geschlagen hatte.

„Was hast du getan, Marc? Warum bist du bloß hierher gekommen?“, schrie sie mich an.

Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass ihr Vater nicht ernsthaft verletzt war, warf sie mich mit den Worten, ich sei der schlimmste Fehler, den sie je begangen hätte und sie würde mich nie wieder sehen wollen, aus ihrem Haus.

Alle Erklärungsversuche und Liebesschwüre zerschellten an der kalten Mauer, die binnen Sekunden zwischen uns hoch gezogen worden war.

Mein Kummer führte mich schnurstracks in einen Spirituosengeschäft und anschließend in meine Wohnung.

Ein junger Mann, der mir fremd zu sein schien, schaute mir mit roten Augen und zerzausten Haaren aus dem Badezimmerspiegel entgegen.

„Ich schaudere nicht, den kalten schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll!“, sprach das fremde Spiegelbild.

„Was willst du mir sagen?“, fragte ich. Doch ich wusste schon, worauf er hinaus wollte. Das Werk, aus dem das Zitat stammte, war mir mehr als nur bekannt und es lag aufgeschlagen auf meinem Schreibtisch

„Du reichtest ihn mir und ich zage nicht. All! All! So sind alle die Wünsche und Hoffnungen meines Lebens erfüllt! So kalt, so starr an der Pforte des Todes anzuklopfen.“, zitierte mein Spiegelbild weiter aus Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfang von Goethe

„Dass ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für dich zu sterben! Ich wollte mutig, ich wollte freudig sterben. Wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wieder schaffen könne.“, fuhr ich, etwas nuschelnd durch die halbe Flasche russischen Trosts, fort.

Mein Blick fiel auf den Fön, die Steckdose und die Badewanne. Sollte es nun so enden?

„Aber ach! Das ward nur wenigen Edlen gegeben, ihr Blut für die…“, sprach der Mann aus dem Spiegel weiter und verstummte plötzlich mitten im Satz. Der Feuervogel Phoenix, vom Badezimmerregal, kam mir gerade recht, um mit ihm die Gedanken in tausend Teile zu zerschlagen.

„Sieben Jahre Pech sind mir lieber, als das Ende von Werther zu teilen“, sprach ich, ging in mein Zimmer, warf meine Yucca-Palme um, schnappte mir den Edding und schrieb an meine Wand:

Himmel und Hölle

Schön war die Zeit, der Himmel nah

Heute, groß das Leid!

Langsam wird mir klar,

es wird niemals mehr so sein,

wie es einmal war!

Ich sehe dich,

du siehst mich nich’!

Der Himmel ist fern.

Gute Erfahrungen wünsche ich mir,

doch nur aus schlechten kann man lernen.

Wo ist die Liebe, die uns verband?

Ich erreiche des Wahnsinns Rand!

Die Hölle bricht ein!

Doch ich spüre, ohne das Schwarze

wäre das Weiße nicht so rein

Weitere Versuche, den Kontakt zu Jenny wieder aufzunehmen, blieben erfolglos, und ich lernte mit der Zeit, damit umzugehen. Trotzdem treffe ich mich nun auch wieder mit Mike. Nachdem ich ihm zunächst die Schuld an allem gegeben hatte, wurde mir klar, dass seine Ratschläge nur die Ratschläge eines Freundes waren, und am Abend sahen wir uns wie gewohnt an unserem Erholungsort.

„Du hast dich weiterentwickelt, und sie war noch nicht so weit. Das Wichtigste ist nun, nicht wieder in dein altes Muster zurück zu fallen.“, betonte er.

Zustimmend schaute ich hinüber zu einem sehr hübschen Mädchen am anderen Ende des Tresens.

Der gut beleuchtete Hausflur bot ein Bild des Abschieds, das nicht besser zu dieser Nacht hätte passen können.

Die Mülltonnen warenschlampig abgestellt und versperrten den Weg nach draußen.

„Warum gehst du denn? Ich dachte du wolltest mit mir frühstücken?“, sprach das Mädchen vom Tresenende. „Wir sind fast Nachbarn und ich frühstücke grundsätzlich allein“, antwortete ich. „Echt – wo wohnst du denn?“

Der Knall der zufallenden Tür teilte ihr meine Antwort mit, nur diesmal konnte ich mir, als ich entspannt – und ich glaube, auch etwas zerzaust – durch den Sonnenaufgang nach Hause ging, ein Lächeln nicht verkneifen.

Jo Syntari

Von eftos am 20. Januar 2010 veröffentlicht

Schnell war die Rocktar Dockingplattform für Angestellte des Tunnel Gamma II erreicht. Andra verband Ihren Comm mit der Bordelektronik und blinzelte exakt ein Mal. Als wüsste es Ihr Gefährt, wie auf unsichtbaren Schienen, machte er sich runter nach Syntari, der Hauptstadt des Pak Prime. Henleys Heimathafen.

Gespannt und gewichtig zugleich lugt Svinenysh der Ruba aus seinem Cockpit. Was er weniger wusste war, dass es gut sein kann, dass er der erste seiner Art ist, der je im Indi System seinen Fuß aufgesetzt hat.

Je mehr man darüber sinniert… Ja. Warum sollte einer eine billige Reinigungskraft rüber in die neue Welt mitnehmen? Es sei denn damals bei den deepshot Missionen. Eines ist sicher: Auf jeden Fall ist er der erste Tunnelreisende seiner Spezies, wenngleich höchst inoffiziell.

Andras Rocktar geht in den Gleitflug. Die Dämmerung setzt ein. Glänzend liegt die Metropole zu Ihren Füßen. Das Flugzeug reiht sich in die Kette anderer des Feierabendverkehrs ein. Unter Ihnen prachtvolle Straßen und Flaniermeilen.

Der Rocktar schwenkt nach rechts zur Landung. Ein Haus fällt besonders auf, es ist ziemlich Neon. ‚Linaesu Sports‘ blinkt in allen Farben. Dies also ist der Funsport-Laden von Andras Mann.

Svinenysh hüpft als erster raus und betrachtet das Geschäft mit großen Augen. ‚Hier gibt’s die original Jo’s‘ ist unübersehbar.

Alle vier betreten den Laden. Eine Glocke kündigt dies drinnen an. Doch statt Andras Ehemann rattert ein offensichtlich älterer Bot los: „Herzlich willkommen liebe Kundschaft… was ist denn das für einer?“ Er blickt Richtung Svinenysh, seine CPU-Matrix glüht, er wackelt leicht mit dem Kopf, „bei Linaesu Sports.“

„Alle unsere Produkte sind mit künstlicher DNA gesichert. Schaffen Sie es den Laden unbeschadet zu verlassen so tracen wir Sie bis wir Sie dingfest machen. Uns ist noch keiner ungeschoren davongekommen. In allen anderen Fällen: Willkommen! Ja, nur hier gibt’s die neuesten handsignierten Jumper Pro-x.“

Andra wendet sich an die Kinder: „Anscheinend ist mein lieber Mann wieder mal auf Hausbesuch. Schrecklich diese verwöhnten Racker der Neureichen. Die sind zu dumm sich selbst um Ihre Jumper zu kümmern.“

„Darf ich vorstellen: Unser guter alter Bot der Alpha-Mech-Tec Klasse. Er hält hier die Stellung. Auch wenn er manchmal vergisst sich selbst aufzuladen: Die Vorteile überwiegen. Ach ja, zum Glück gibt’s dich!“ Keine Regung beim Roboter.

Patchara sieht sich um. Neben anderen ausgefallenen Sportartikeln stehen dann tatsächlich auch Sie: Die ominösen Jo-Jumper. Es sind einfache Springstiefel mit einer Feder unten dran. Mit etwas Fantasie sieht diese im Normalmodus wie ein J aus, springt man mit Ihnen so wird daraus mehr oder weniger ein kleines o.

„Diese drei Herrschaften hier, mein lieber Botty“ Andra deutet auf die Kinder „sind unsere neuesten Betatester. Mach mal drei Paar für Sie fertig.“

„Sehr wohl“ rasselt der angesprochene. Henley und Patchara sind schnell versorgt, dann ist Svinenysh an der Reihe. Die Ruba leben auf großem Fuß. Spätestens jetzt ist dies einer Erwähnung wert, denn der arme Bot verzweifelt fast.

Alle Stiefel sind zu klein. Schließlich kramt er von ganz unten, die letzte Packung mit der größten Größe hervor. Mit Mühe ging er über den Fuß und den Knöchel des Alien. Dann aber sitzt er wie angegossen. Es sieht fast so aus als ob sich Svinos Laufapparat flexibel an den Schaft anpasst.

Er schaut sich um: Henley steht sicher da, nun 30cm größer. Patchara wackelt verdächtig, aber auch Sie immerhin bereits aufrecht, ohne sich festzuhalten. Svinenysh ist bereits eins mit seinen neuen Stiefeln. Bereit aufzubrechen.

Botty knattert weiter: „Bei diesen neuen Prototypen handelt es sich um die neueste Federgeometrie. Feinste Nanotechnik ist in Ihr verarbeitet. An der Seite des Springstiefels befinden sich drei Knöpfe. Lauf-, Sport- und Ausdauermodus. Per Default, bei Auslieferung, derzeit stehen sie auf Laufen.“

„Sport schnell gedrückt!“ schrie Svinenysh dazwischen und begann immer schneller und höher zu hüpfen. Bald dotzt er an die Decke. Er verliert rasch die Kontrolle. „Waaah“ brüllt er zwischen jedem Sprung.

Botty ist zur Stelle. Er springt den Ruba an, reißt Ihn von den Füssen und landet zusammen mit Ihm längs auf dem Gang. Rasch drückt er den Lauf-Knopf.

Svinenysh schüttelt und rüttelt sich. Dann rappelt er sich auf. Er stützt sich mit der Hand am nächstbesten Regal ab. „Energie brutal viel zu!“ stammelt er schließlich.

Seinem Publikum war zwischen Lachen und Weinen. Patchara meinte nur: „Und mit diesen Dingern sollen wir drei Kilometer weit hüpfen?“

„Draußen geht’s besser“ antwortet Henley „wirst sehen“. Er ging auf Anda zu und bedankte sich: „Weißt du was, ich kauf die drei! Eure Credits sind morgen auf dem Konto. Vielen Dank für deine Hilfe. Wenn ich dir mal was Gutes tun kann, einfach melden.“

Nur die junge Diplomatentochter denkt noch ein wenig weiter, sie geht auf Andra zu und fragt: „Gibt’s du mir deine Comm-Nummer? Ich hab da so ein Gefühl dass dies mal wichtig werden könnte. Außerdem könnte ich dir dann Rezepte aus dem Land der aufgehenden Sonne rüberschicken.“

Beide Gründe hatten für Andra Hand und Fuß, so war dies geklärt. Außerdem hätte sie den Kindern in jedem Fall geholfen.

Patchara bedankt sich, weiß Sie doch das Sie damit einen Draht in die Heimat geschaffen hat. Eine Verbindung an aller Obrigkeit vorbei. Ein Geheimkanal Andra-Njall-Nef-Mikkel bzw. heim zu den Petch-a-boons.

Svinenysh, den Vorfall eben bereits vergessen, hoppelte als erster raus. Immer höher hüpfte er rum, irgendwo hin. Henley musste eingreifen: „weißt du wo‘s langgeht?“

„Soo, hääh wu?“ machte der angesprochene zwischen jedem Sprung, dann die Erleuchtung: „Aah, richtig, ja. Du erster als!“

Er beruhigte sich, Henley legt langsam los, dann Patchara und zu guter Letzt Svinenysh. Henley sieht sich um. Mit verbissenem Gesicht hinter Ihm seine beste Freundin. Erstaunlich wie schnell Sie das Springen lernt. Keine drei Minuten später hat Sie bereits den Bogen raus.

„Zeit für eine Abkürzung“ rief Henley und bog in einen Hinterhof ein. „Jetzt gibt’s Parcours!“

Zack über Mülltonnen und zwischen parkenden Flycas geht’s über einen Zaun. Svinenysh macht mittlerweile Kunstsprünge, Patchara hält verdächtig gut mit.

„Aufpassen Leute, da hinten ist dieser blöde Kläffer, aber es ist der kürzeste Weg…“ Henley springt ins nächste Grundstück.

„Wau uu arrrhh rrrrowwa!“ Sofort kam der Giftpilz angeschossen. „Oh nein!“ schrie Henley „er hat Verstärkung bekommen.“

Ein zweiter, noch giftiger Geselle stürmte wie besessen aus seiner Hütte hervor. So dumm die Kläffer sind, so sehr picken Sie sich sofort das schwächste Glied heraus!

Beide verfolgen nun Patchara, Immer wenn Sie landet versuchen beide Kampfknäuel Sie zu packen. Knapp ist‘s, in Panik fängt Sie an zu schreien. Schlecht, den das stachelt das verrückte Paar nur noch mehr an.

Doch Svinenysh ist zur Stelle. Vom nächstbesten Baum hat er eine matschige Frucht gepflückt. Zack mitten ins Gesicht eines Angreifers. Das Zitrusgeschoss platzt, jaulend macht sich der getroffene von Dannen. Scheinen viel Säure zu enthalten, manche Früchte hier auf Pak Prime.

Das zweite Vieh ist außer Rand und Band. Er versperrt Patchara den Weg. Planlos hüpft diese auf und ab, einziges Ziel keinen Biss abzubekommen.

Svinenysh beobachtet, dann nimmt er genau Maß und hüpft Ihm von hinten auf seinen Schwanz. Der Angegriffene jault schrecklich, haut geschlagen ab und leckt sich sein Hinterteil in seinem Verschlag in der letzten Ecke.

Endlich kann die junge Diplomatentochter Henley in seine Richtung nachfolgen. Im Nebenhof hüpft dieser bereits so hoch es geht auf und ab und versucht mitzubekommen was drüben los ist. Erleichtert stellt er nun fest dass beide unversehrt nachfolgen.

„War irgendwas?“ fragt er in die Runde. Seine beste Freundin gibt sich keine Blöße, hat die passende Antwort parat: „Nein, was soll denn sein? Auf geht’s, weiter! Oder wohnst du hier, kleiner Prinz?“

So also hoppelt das Trio flott Richtung Regentenallee 1 weiter, Svinenysh ruft mittlerweile zwischen jedem jump „Jo Syntari!“ oder ähnliches.

Die Umgebung öffnet sich. Freie parkähnliche Flächen liegen vor den fliegenden Kindern. In der Ferne ist bereits ein stattliches Gebäude zu erkennen. Henleys Zuhause.

Patchara war beeindruckt, versteckt es aber geschickt. Der Hintereingang ist erreicht. Henley deutet seinen Freunden an auf Laufen umzustellen, nach ein paar Saltos tut dies Svinenysh auch, mit leichtem Murren.

Nur speziell authentifizierte Besucher  haben Zutritt zum noblen Hause derer zu Westerburg. Kein Problem also für Henley.

Die Drei verstauen Ihre Jumper im Rucksack und ziehen Ihr normales Schuhwerk an. Danach hält Henley seinen Comm vors Tor und unsere drei Helden treten ein.

Verlassen

Von Bigmul am 20. Januar 2010 veröffentlicht

Taschentücher habe ich mir gekauft. Gleich eine ganze Familienpackung. Dazu einen Liter Schokoladeneis, die traurigsten Liebesfilme aller Zeiten und eine Flasche des besten französischen Rotweins, den ich je besessen habe.  Eigentlich hatte ich die Flasche für ein besonderes Abendessen mit Mark vorgesehen, aber nun ist alles anders. Mark ist weg, ich sitze allein in unserer Wohnung und das einzige, was von ihm übrig geblieben ist, sind Umzugskartons, die sich im Flur aufeinander stapeln. Jedes Mal, wenn ich in die Küche gehe, um mir Seelennahrung zu holen, muss ich an ihnen vorbei. Jedes Mal könnte ich  bei ihren Anblick zusammenbrechen, mich auf den Boden legen und verzweifeln. Mark bedeutet mir alles. Er war einst meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft. Nun mache ich Planungen, wie ich die Wochenenden ohne Arbeit am besten überstehe und vor allem, wie ich nachts schlafen kann. Die Nächte: Sie sind überhaupt das Schlimmste für jeden, der an Liebeskummer leidet. In unserem gemeinsamen Bett kann ich ohnehin nicht mehr schlafen, denn es ist so leer und kalt ohne ihn. Meistens liege ich auf der Couch und schaue mir alte „Friends“ Folgen im Rotationsmodus an. Oft frage ich mich, wie lange dieser Zustand noch anhält. Wie lange dauert es, bis man den einstigen Traumpartner aus seinem Herzen verbannt hat?  Noch versinke ich in Selbstmitleid und bin mir bewusst, dass ich auf diese Art und Weise keinen Weg aus meinem persönlichen Unheil finden werde. Meine besorgten Freunde raten mir Ablenkung und mein Verstand sagt mir, dass sie Recht haben, aber ich nähre meinen Körper lieber mit dem, was er verlangt: Ruhe, Abgeschiedenheit und Betäubung. Das Selbstmitleid zu überwinden, würde bedeuten, dass eine Veränderung eingetreten wäre. Noch bin ich dazu nicht bereit, noch will ich Mark und mein altes Leben zurück.  Früh genug wird das Erwachen kommen – und die Veränderung.

Die Liebe und die Lyrik

Von Poesie am 6. Januar 2010 veröffentlicht

Es ging die Liebe in die Stadt, nahm einen kleinen Korb mit um Früchte zu kaufen.  Der Weg zur Stadt war nicht sehr weit entfernt, etwa zwei oder drei steinige Meilen. Der Boden wurde auch immer trockener je näher die Liebe den großen Toren kam. Endlich erreicht, marschierte sie geradewegs auf den Hauptplatz zu. Dieser mit Marmor und Glas überwachsen, spiegelte wärmend das Sonnengrell vom weiten Blau des Himmels.

„Wo ist denn die Lyrik, das Warten ist so heiß“ dachte die Liebe, ihren Arm um die Stirn reibend. Schwitzende Stunden vergingen, der Vormittag ging in den späten Nachmittag über,

die Liebe war zornig. „Wie kann mich die Lyrik nur warten lassen ?“  Ungeduldig stieß sie vor in den kühlenden Tempel dessen Wandschmuck aus Mobiltelefonen und Sonderangebote von Urlaubsreisen bestand. „Solchen Durst habe ich, entschuldigen Sie, edler Herr, wo finde ich ein Lokal oder eine Lounge. Ich hätte so gerne einen eisigen Schluck Zitronenlimonade. Hallo…Hallo…Hört mich niemand?“ Die Leute gingen an der Liebe vorbei, kalt und von willkürlichen Einflüssen gesteuert. Wie vom Wind getrieben. Niemand hörte sie rufen und  fragen. Keiner spürte sie auf die Schulter klopfen.

Weinend saß sie auf den Stufen einer Seitengasse, hindurchgegangen und ignoriert. Da endlich klopft ihr jemand auf die Schulter. „Hallo Liebe, es tut mir leid, dass ich dich so lange hab warten lassen.“ „Lyrik! Na endlich. Wo warst du denn?“ Die Lyrik sah nachdenklich zu Boden. „Die Leute habe mich unnutz gebraucht. In sinnlosen leeren Gedichten war ich aufgehalten und eingesperrt.“ Die Liebe und die Lyrik hielten sich in Händen und strahlten.

Der Nachmittag kühlte merklich in den späten Abend über.

„Lass uns Liebesgedichte machen“ flüsterten sie sich gegenseitig zu, mit einem Zwinkern. Sie küssten sich und verließen die Stadt umarmt, etwa zwei bis drei Meilen zu Hütte wo alles seinen Anfang nahm.