Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Monatsarchiv für Juni, 2010

Das erste Mal

Von Gentledom am 30. Juni 2010 veröffentlicht

 

Mein erstes Mal liegt nun bald neun Jahre zurück, aber wie immer bei intensiven Erlebnissen vergisst man es nie wirklich. Mit 22 war ich als sexueller Spätzünder gerade dabei, alles zu entdecken. Dann trat sie in mein Leben. Erst diese Frau, die es nur kurzzeitig tat und damit verbunden auch das Wissen über meine Neigung. Wir lernten uns in meiner damaligen Lieblingsbar, dem All About Eve in Bielefeld, an einem Sonntagabend kennen. Wie so oft war ich mit meinem damaligen Mitbewohner noch etwas unterwegs. Ich flirte seit jeher recht gerne und sie war eine sehr interessante Frau, humorvoll, schlagfertig, dunkle lange Haare, grüne Augen, schlank, hochgewachsen und mal wieder einige Jahre älter als ich. Sie wurde von einem Mann in ihrem Alter recht vehement angebaggert und wir bauten einen Blickkontakt auf. Von wem die Initiative ausging, kann ich nicht mehr sagen, aber man merkte, dass sie von ihm bereits sehr genervt war. Dieser Typ verschwand kurz zum Zigarettenautomaten und ich dachte mir: Du hast nichts zu verlieren, also sprich sie an. Ganz planlos kam ich zu ihr und meinte nur, nun ich könnte deine Rettung sein, setz dich doch einfach mit zu uns, schlimmer kann es kaum noch werden für dich, sie lachte und meinte nur, dass ich damit wohl recht hätte. Gesagt, getan, saßen wir nun zu dritt an der Bar und mein Mitbewohner war klug genug, sich nach einiger Zeit unter dem Vorwand, er müsse für seine Staatsprüfung lernen, zurückzuziehen.

Es war von Anfang an ein irgendwie besonderer Flirt. Wir verstanden uns gut und tauschten Nummern aus, um uns zwei Tage später wieder zu sehen. Auch das zweite Treffen am Dienstag verlief vielversprechend, wobei ich merkte, es läuft eher auf eine Affäre hinaus. Ich fand und finde eine solche Affäre nicht verwerflich, solange man ehrlich miteinander umgeht. Mich reizten vor allem ihre Schlagfertigkeit und ihr Humor. Da ich wohl auch ihr Interesse geweckt hatte, lud sie mich für den Freitag zu sich nach Hause ein.

Endlich war der Freitag gekommen. Wie man es macht, packte ich das Nötigste, sprich Stadtplan (Navis gabs damals noch nicht), Zahnbürste und Kondome in die Jackentasche und fuhr rechtzeitig los, um ja pünktlich zu sein. Es war eine herzliche Begrüßung und danach erfolgte die obligatorische Wohnungsbesichtigung. Alles sah sehr schön, aber eben ganz „normal“ aus. Bis auf das Schlafzimmer zeigte sie mir alle Räume, danach setzten wir uns ins Wohnzimmer. Wie schon bei den ersten beiden Treffen scherzten wir viel, doch eines fiel mir auf: Ihr Wohnzimmer war komplett aus Glas und Aluminium, sehr stylisch, aber wegen meiner eigenen Erfahrungen war mein zweiter Gedanke, das ist sicher schwer sauber zu halten. Jedoch etwas wollte nicht so recht ins Zimmer passen: Ein riesiger massiver dunkler Eichenschrank. Wie es meine Art ist sprach ich genau dies an und meinte: „Kompliment an deine Wohnung, die ist echt sehr stylisch, aber der Eichenschrank ist ein absoluter Stilbruch, wie kam es denn dazu?“ Sie antwortete ohne mit der Wimper zu zucken, es sei ihr Spielzeugschrank. Neugier ist das, was einen in solchen Momenten antreibt und Spielzeug hörte sich interessant an. Es könnten Gesellschaftsspiele, aber eben auch Sexspielzeuge sein. Also gab ich zu verstehen, dass ich doch neugierig wäre auf dieses „Spielzeug“. Wir standen auf und gingen zum Schrank, ich stand recht mittig davor, sie stand dabei leicht links von mir und öffnete beide Türen.

Ich habe leider kein Bild von meinem Gesichtsausdruck, aber im übertragenen Sinne war mir in diesem Moment wohl die Kinnlade runtergefallen und ich war kurzzeitig sprachlos. Ich kannte zwar schon Vibratoren und ähnliches Sexspielzeug aber nun wurde ich mit Fesseln, Peitschen, Rohrstöcken, Pumpen, Riesendildos, Masken und noch vielem mehr konfrontiert. Ich drehte mich in diesem Moment zu ihr um und fragte direkt: „Machst Du das beruflich?“ Ja ich muss es zugeben, ich hatte damals eine Menge Vorurteile und bei dieser Masse an Spielzeug war ich doch mehr als erschlagen. Sie lachte laut und meinte nein, das sei ihr rein privates Vergnügen. Da ich nicht viel zur Unterhaltung beisteuern konnte, hörte ich erst mal nur zu. Sie erzählte mir von ihrer Neigung und dass sie schon lange als Herrin dieser Lust frönt. Ich hörte neugierig zu wobei, ich mir nicht vorstellen konnte, dass ich mich von ihr mit diesem Wissen fesseln lassen würde. Aber es entwickelte sich alles anders. Sie sprach davon, dass niemand hundertprozentig dominant oder auch devot ist, jeder trage beide Seiten in sich und sie führte weiterhin aus, dass sie auch eine kleine devote Seite hätte und jemanden suchen würde, mit dem sie diese Seite ausleben könnte. Ich war etwas ungläubig. Warum sollte sich eine Frau, die anscheinend viel Erfahrung hat und nach eigenen Worten in der Szene recht aktiv ist, jemanden wie mich suchen? Ich war gut zehn Jahre jünger als sie und hatte von diesem Bereich keinen blassen Schimmer. Nun, bei diesem Thema wurde sie etwas ernster und erzählte mir, dass sie in der Szene nicht als Switcherin gelten wolle und von daher jemanden suche, der mit dieser Szene so gar nichts zu tun hat, aber bei dem sie das Gefühl habe, er würde diese Rolle dennoch gut ausfüllen können. Sie wolle nur jemanden mit dem sie mal wieder dieses Gefühl erleben könnte schwach zu sein, dies hatte sie seit Jahren nicht mehr und es würde sie reizen, es für eine Nacht zu erleben. Sie hatte aber große Angst davor, als Herrin nicht mehr so akzeptiert zu werden, wenn die Leute wüssten, dass sie auch devot sein kann. Ich konnte mit dem Herrin, Switcher und Sklavin nicht viel anfangen, fühlte mich aber sehr geschmeichelt, auch wenn ich skeptisch blieb. Der Gedanke jedoch diese selbstbewusste attraktive Frau zu dominieren reizte mich immer mehr. Wir standen noch länger vor diesem ominösen Schrank, ich fragte sie alles Mögliche, wofür braucht man dieses wofür jenes, und sie erklärte mir alles ganz in Ruhe. Ich schaute mich im Zimmer um und dachte mir sofort, nun diese Möbelstücke sind nicht ganz umsonst hier und einige davon haben wohl eine andere verstecktere Funktion als ich im ersten Moment angenommen hatte, und als ich sie fragte warum Glas und Aluminium, das sei doch so schwer sauber zu halten, lachte sie mal wieder nicht böse, aber schon herzhaft und meinte, sie habe zwei Sklaven, da müsse sie sich nicht drum kümmern. Inzwischen war es schon recht spät geworden und mein Kopfkino war sehr aktiv, jedoch war alles so unerwartet, dass ich erst mal in Ruhe darüber nachdenken wollte. Wir verabredeten uns also für den kommenden Mittwoch am Ort des ersten Kennenlernens. Mittwoch ging alles ganz leicht. Ich war mir sicher es würde mich reizen und sie schien darüber erfreut zu sein, daher sollte nun am kommenden Freitag mein „erstes Mal“ sein. Jedoch erklärte sie mir vorher noch einiges, was ihre Tabus sind, was Mayday in diesem Kontext bedeutet und worauf ich achten sollte bei dem ein oder anderen Gegenstand, eben ein kleiner Kurs in saftey first.

Ich fuhr wie schon am Freitag davor zu ihrer Wohnung, wieder öffnete diese Frau die Tür, aber diesmal war alles anders. Sie trug einen schwarzen Seidenmorgenmantel und bat mich sehr höflich, aber nicht so herzlich wie sonst herein. Der Morgenmantel war nicht sehr lang und auch oben war er nicht eng angelegt, ich sah ihre halterlosen Strümpfe und die Spitzen des roten BHs. Sie hatte alles vorbereitet. Eigentlich hätte es romantisch sein sollen, so viele Kerzen und ein angenehmer Duft, der den Raum erfüllte. Es war anders, jedoch sehr knisternd. Ich fühlte mich etwas unsicher, denn ich hatte sexuell noch nicht so viel Erfahrung und nun wurde von mir eine Rolle erwartet, in der sich der andere bestens auskennt, ich aber so gar nicht, wenn man von der theoretischen Einführung am Freitag und Mittwoch absah. Zum Glück verfügte ich schon seit relativ jungen Jahren über ein sehr selbstsicheres Auftreten, was in diesem Moment sicher einiges von meiner Unsicherheit überspielt hat. Wir waren nun im Wohnzimmer angekommen. Sie schenkte mir einen Sekt ein, für sich selber hatte sie aber kein Glas und nachdem sie dieses getan hatte, kniete sie sich neben den Tisch. Ich bedankte mich und setzte mich innerlich immer noch etwas unsicher auf das Sofa. Neben dem Sektglas lagen ein Halsband und eine Peitsche. Ich trank einen Schluck und betrachtete diese schöne Frau. Sie schaute zu Boden, was ich sehr schade fand, aber in dem Moment wurde mir auch klar, ich will sie und zwar genau so, wie sie gerade ist. Ich nahm das Halsband und stand nun direkt vor ihr. Das Anlegen des Halsbandes hatte zu jenem Zeitpunkt noch keine zentrale Bedeutung für mich, es war damals in meinen Augen ein reines Accessoire. Ohne viel nachzudenken, versuchte ich ihr also das Halsband anzulegen. Dass das Stehen vor und nicht hinter der Frau unglücklich war, merkte ich erst dabei. Sie half mir, indem sie ihre langen dunklen Haare hochhob und ihren Kopf noch etwas weiter nach unten senkte. Als ich ihr endlich das Halsband angelegt hatte drückte sie sich kurz an meinen Körper, was in der Position dazu führte, dass sie meine Erregung gespürt haben muss. Nachdem ich nicht mehr über sie gebeugt war, schaute sie kurz zu mir auf und sagte: „In dieser Nacht gehöre ich Dir“, danach senkte sie wieder ihren Kopf. Zum einen klang es für mich irgendwie klischeehaft, aber auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl, es wäre ein ernsthaftes Versprechen. Ich schaute sie an und es erregte mich zu wissen, dass sie nun „mein“ war. Ich streifte ihren Morgenmantel ab und streichelte ihr über das zarte Gesicht, griff ihr unters Kinn, um ihren Blick zu mir zu richten und küsste sie. Aber was nun? Was ich mit ihr machen könnte, solange sie kniet, war mir damals noch nicht so klar, aber ich kannte ja den Spielzeugschrank und ging also zu ihm – er war von ihr bereits vor meinem Eintreffen geöffnet und mit Seidentüchern umhangen worden – und entnahm einen Rohrstock und eine kleine Peitsche sowie einen Vibrator. Auf dem Weg zurück streifte mein Blick die geöffnete Tür zum Schlafzimmer und ich sah vier Lederfesseln auf dem Bett und in der Mitte eine Rose liegen. Mir war bewusst, dass sie sich wünschte ans Bett gefesselt zu werden, aber nun sagte ich mir, sie ist doch „mein“, also sollte ich zwar ihre Wünsche beachten, jedoch erst mal an meine eigenen Wünsche denken. Daher trat ich vor sie, ließ meine Hose runter, griff ihr in die Haare und führte ihren Kopf zu der Stelle, an der ich eine Frau am liebsten spüre. Sie liebkoste mich sanft, das reichte mir aber nicht, ich wollte sie ganz spüren und drückte ihren Kopf immer mehr an mich heran. Ich spürte die Kontrolle und es erregte mich sehr, sie ohne zu fragen einfach so zu benutzen. Doch ich wollte mehr erleben, also zog ich mich wieder komplett an, griff ihr unter die Arme, damit sie aufstand und führte sie zum Schreibtisch. Dort entblößte ich sie und ließ sie vorne übergebeugt stehen. Die Hände auf dem Schreibtisch, die Beine waren schon leicht gespreizt und sie schien ein leichtes Hohlkreuz zu machen. Ich gab ihr einen Klaps auf den Hintern und schaute mit den Fingern nach, wie erregt sie war. Dort spürte ich, wie sehr es ihrem Körper gefallen musste. Eine Kerze stand in der Nähe. Es bot sich an diese zu nutzen und Wachs auf ihren Körper zu träufeln, sie aber bat mich, das bitte nicht hier zu tun, da das Wachs dabei sicher auf den Boden kommen würde und das besser im Bett zu praktizieren sei, was natürlich einleuchtete. Also holte ich nun die kleine Peitsche und den Rohrstock, um zu sehen wie sie darauf reagierte. Ich fand es interessant, wie sie den nun folgenden Schmerz in Lust umwandelte, ein Vorgang der mich bis heute fasziniert. Ich merkte, wie sie sowohl die Schläge als auch verbale Erniedrigungen immer mehr erregten, aber dieser Effekt war nicht nur bei ihr, sondern auch bei mir vorhanden. Ich befreite mich von meiner Kleidung, dabei zog ich aus irgendeinem Grund den Gürtel schnell aus der Hose. Ich sah dabei wie sie etwas zuckte, wohl wegen diesem Klang und kam auf die Idee, den Gürtel als Schlaginstrument zu testen. Erst ein, zwei Schläge in die eigene Handfläche, um ihre Reaktion zu sehen und dann schlug die Schlaufe des Gürtels, den ich an beiden Enden festhielt, auf ihrem Po auf. Es war ein stumpfer schöner Klang, als er auf ihrem Po auftraf, ganz anders als der Rohrstock oder auch die kleine Peitsche. Ich setzte mich auf den Schreibtischstuhl und befahl ihr, mich nun erst mal zu befriedigen. Sie gab sich große Mühe und ich lehnte mich zurück und genoss ihre Hingabe. Es war das erste Mal, dass ich ohne vorher zu fragen, im Mund einer Frau kam. Es gehörte nicht zu ihren Tabus, also fragte ich nicht und nahm mir dieses Geschenk. Sie legte danach ihren Kopf auf meinen Oberschenkeln ab und ich streichelte ihr übers Haar. Es tat einfach gut, aber da waren ja noch das Bett und die Fesseln. Ich bedankte mich mit einem kurzen, aber ernst gemeintem „Danke“ bei ihr für dieses schöne Verwöhnen. Im gleichen Moment überlegte ich dann, ob es überhaupt richtig war, „Danke“ zu sagen, aber als sie sich noch etwas enger an mich kuschelte, waren diese Gedanken auch schon wieder verflogen. Es fiel mir schwer, die Überleitung zu bekommen, dieses harte Spiel und nun dieses sanfte Anschmiegen. Aber wie nun ins Schlafzimmer kommen, wo eine neue Erfahrung auf mich warten könnte? Ich machte es mir leicht und sagte ihr: „Steh auf und leg dich auf das Bett“, sie stand auf und tat, was ich ihr befohlen hatte, mit Worten zu führen war ein ganz anderes Gefühl in diesem Moment. Nun lag sie auf dem Bett und neben ihr lagen die Fesseln, jedoch fesseln, nein, das Führen mit Worten hatte in diesem Moment einen größeren Reiz. Ich fing an ihr Befehle zu erteilen, erst: „Spreiz die Beine“, dann: „Schließ die Augen“ und im Anschluss: „befriedige Dich selber“. Zu sehen, wie sie das alles tat, gab mir ein Gefühl von Macht, aber auch das Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen. Mir war klar, sie wünschte sich die Fixierung. Ich fixierte langsam erst das eine, dann das andere Bein, dann den linken Arm und nach einer Weile, als ich gerade merkte, die Selbstbefriedigung kam zu einem Höhepunkt, ergriff ich ihre Hand, drückte ihre Finger kurz, aber intensiv in sie hinein, bevor ich die Hand nach oben führte, um auch diese zu fixieren. Einen weiteren Spannungsbogen aufzubauen kam mir damals noch nicht in den Sinn, also legte ich mich auf sie und nahm sie, ich wollte ihre Lust spüren und ihre Lustlaute hören. Sie stöhnte leicht auf, als ich in sie eindrang und flüsterte mir ins Ohr: „Danke mein Herr.“ Dieses mein Herr war sehr ungewohnt für mich und ich konnte es damals nicht wirklich zuordnen. Ihr Stöhnen erregte mich noch mehr. Die Fesseln waren stabil, die Befestigungen am Bett massiv und sie war mir in diesem Moment ganz ausgeliefert, eine Chance, sich zu selbst zu befreien gab es nicht. Ich bewunderte sie, wir kannten uns noch nicht lange und auch nicht gut, aber sie gab sich mir auf eine Art und Weise hin, die sehr viel Vertrauen benötigt. Wir spielten noch die ganze Nacht zusammen. Mir machte es große Freude, ihre Lust zu spüren und meiner nachzugehen, ich fixierte sie auf allen Vieren, da ich so besser mit dem Kerzenwachs spielen konnte, aber auch weil mir diese Stellung mehr Spaß bereitet, und versuchte sie auch ohne Ketten im Zaum zu halten. Mal ließ ich mich verwöhnen, was nicht immer sexueller Natur war, mal versuchte ich neue Spielsachen. Nur einmal wollte sie mich testen und verweigerte sich einem Befehl. Als ich sie dann mit reiner Muskelkraft dazu „gezwungen“ hatte, es doch zu tun, schaute sich mich an und sagte: „Ja ich habe mich in Dir nicht getäuscht“, und lachte so wie sie es immer tat, nur eben in dieser Nacht nicht. Dieses Lachen führte mir eines vor Augen, sie hatte mich durch dieses erste Mal geleitet. Sie gab mir all die Möglichkeiten in die Hand. Auf manch eine Idee brachten mich sicher erst ihre Worte, auf andere ihre Gesten und die von ihr hergerichtete Umgebung trug wohl auch ihr Übriges dazu bei. Wer genau welchen Faden in dieser Nacht in seinen Händen hielt, ist eine gute Frage, aber eigentlich egal, weil wir beide zusammen am gleichen Werk arbeiteten und uns auch zusammen an diesem erfreuten.

Nach dem gemeinsamen Duschen am Morgen wurde alles wieder „normal“. Wir unterhielten uns am Frühstückstisch über die Nacht und warum man so etwas wohl macht, aber auch bei diesem Thema konnten wir es uns beide nicht verkneifen, den ein oder anderen Scherz zu reißen.

Wir spielten zwar nur einmal miteinander, dies bedeutete aber für sie wieder ein paar Jahre diesen Drang nicht mehr zu spüren und für mich, dass mir eine neue Welt erschlossen wurde und ich jemanden gefunden hatte, den ich über lange Zeit immer fragen konnte, wenn es für mich neue Dinge zu entdecken gab. Auf diesem Wege ein kleines Danke an meinen ehemaligen Mitbewohner, der sich zum passenden Zeitpunkt verdrückt hat. Wer weiß, wann ich sonst diese Seite an mir entdeckt hätte. Ich bin froh, sie entdeckt zu haben als ich Single war und nicht während einer Beziehung. Aber vor allem möchte ich mich bei ihr bedanken, bei ihr, die mir diese neue Welt eröffnet hat und die mir lange Zeit mit Ratschlägen zur Seite stand, wann immer ich die ein oder andere Frage hatte.

Die Geschichte wurde zuerst auf der Webseite Gentledom unter dem Link veröffentlicht.

Lenas Traum

Von Halogenlicht am 30. Juni 2010 veröffentlicht

Es war schon ziemlich spät, aber Lena hatte keine Lust schon wieder ins Bett zu gehen und auf den nächsten Tag zu warten, sie war wie so oft, noch gar nicht müde. Stattdessen machte sie es sich in ihrem Zimmer gemütlich und freute sich darauf, ihr spannendes Buch weiter lesen zu können. Sie wusste genau, dass ihre Mutter es gar nicht gerne sah, wenn sie so spät noch ein Buch las, zumindest schien es Lena so, als ob ihre Mutter es nicht gerne sah. Aber die Geschichte war einfach zu spannend, so dass sich Lena jeden Abend auf die Fortsetzung freute. Immer wenn sie las, vergaß sie die Welt um sich herum und alles schien so einfach.

Ob ihre Mutter wusste, dass sie immer heimlich unter der Bettdecke mit Taschenlampe las? Wahrscheinlich wusste sie es, aber tolerierte es, weil sie es in ihren jungen Jahren wohl auch nicht anders gemacht hatte. Lenas Mutter wusste, dass das Lesen vor dem Schlafen gehen die Fantasie für Träume anregen konnte und die Gedanken für den nächsten Tag positiver erscheinen ließ.

Lena machte sich für ihr Bett fertig und wünschte ihren Eltern eine gute Nacht. Ins Bett gekrochen, machte sie die Taschenlampe an und schlug ihr Buch auf. Es handelte von einem Jungen, der etwa in ihrem Alter war. Sie bewunderte diesen Jungen und beneidete ihn um seine Abenteuer die er bestehen durfte. Fast schon empfand sie kleine Schmetterlinge im Bauch, wenn sie von ihm las, er war so mutig und gleichzeitig auch so feinfühlig und intelligent. Er war sehr hübsch, zumindest das was Lena in ihrer Geschichte über den Jungen las, empfand sie als hübsch, die Jungs in ihrer Klasse waren da anders. Vielleicht verstanden sie einfach noch nicht so viel vom Leben wie der Junge in Lenas Buch. Die Jungs aus ihrer Klasse fanden Mädchen zwar spannend, aber hatten andere Dinge im Kopf. Für diese Jungs war es „uncool“, sich mit einem Mädchen zu unterhalten oder etwas zu unternehmen. Insgeheim übten die Mädchen für die Jungs aber schon in diesem Alter eine gewisse Faszination aus, die sie aber noch nicht richtig interpretieren konnten.

Lena hatte schon die Hälfte des Buches gelesen und hoffte, dass es eine Fortsetzung dieses Buches geben würde, sie wollte das Leben diese Jungen weiterverfolgen und diesen Jungen nicht mit dem Buch zur Seite legen.

Lena hörte, dass ihre Mutter die Treppe heraufkam und machte schnell die Taschenlampe aus, weil sie wusste, dass ihre Mutter immer noch einmal ins Zimmer schaute, um zu sehen, ob ihre Tochter schon schlief und erst wieder aus dem Zimmer ging, wenn sie sich sicher war, dass Lena schlief. Auch dieses Mal öffnete ihre Mutter leise die Tür und schaute ins Zimmer hinein, alles schien in Ordnung. Lena schloss unter ihrer Decke die Augen und tat so, als ob sie schlief, bewegungslos lag sie da. Wenn sie gewusst hätte, dass sie in diesem Moment auch eingeschlafen war, wäre das folgende Erlebnis halb so spannend für sie gewesen: Als sie die Augen wieder öffnete, war sie nicht mehr in ihrem Bett, sondern in einem verwilderten Garten, rote und weiße Rosen rankten am verwitterten Gartenzaun und das Gras wuchs in alle Richtungen, der Garten wirkte so als sei er aus einem Märchen entsprungen. Lena hatte den Garten zuvor noch nie gesehen, erinnerte sich aber, dass der Junge in ihrem Buch eine Großmutter hatte, die einen solchen Garten besaß und der Junge sich sehr gerne darin aufhielt. Neugierig ging sie ein paar Schritte und schaute sich um, es war ein großer Garten, sehr geheimnisvoll und unberührt. Lena dachte daran, wie oft der Junge sich in diesem Garten aufhielt und wie oft er dabei das nächste Abenteuer plante. Plötzlich hörte sie es hinter sich rascheln, ruckartig drehte sie sich herum. Sie glaubte ihren Augen kaum, als sie den blonden Jungen aus dem Buch vor sich stehen sah. Sie blickte in seine Augen und war verwirrt, offensichtlich hatte auch er nicht mit ihr gerechnet. Sie wusste so viel über ihn und doch auch wieder nichts. Es war ein komisches Gefühl für Lena zu spüren, wie die beiden Realitäten ineinander verschmolzen und zu einer einzigen Realität wurden. Der Junge war es, der als erster das Wort ergriff und Lena fragte, wer sie sei. Lena antwortete, dass sie sich kennen würden und dass sie wisse, was er für tolle Abenteuer erlebt hatte. Der Junge lächelte. Lena fand den Augenblick bezaubernd und wünschte sich, dass er nie vorübergehen würde. Sie vergaß alles um sich herum, ihre Gedanken kreisten nur um diesen Jungen. Plötzlich erschien alles andere unwichtig. Gerade wollte sie ansetzen zu sprechen, als sie ihren Wecker hörte. Ein komisches Gefühl überkam sie, was hatte der Klang des Weckers in diesem Augenblick und in diesem geheimnisvollen Garten zu suchen? Sie hörte, wie jemand ihren Namen rief, es war eine Stimme die sie kannte, aber in diesem Moment nicht zuordnen konnte. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie geträumt hatte. Enttäuscht öffnete sie die Augen und sah ihre Mutter vor ihrem Bett stehen. „Aufstehen Lena!“ sagte ihre Mutter sanft. Wie schade, dass sie ihren Helden, den blonden Jungen, nicht noch fragen konnte, ob sie ihn einmal bei seinen Abenteuern begleiten durfte. Unwillig stieg Lena aus dem Bett und ging ins Bad und putzte sich die Zähne. Warum wacht man immer auf, wenn es am schönsten ist, fragte sie sich. Auf dem Schulweg dachte sie darüber nach, was wohl der blonde Junge aus dem Buch über sie dachte, fand er sie sympathisch? Genauso sympathisch wie sie ihn fand? Diese und andere Fragen geisterten ihr im Kopf herum, als sie das Klassenzimmer erreichte. Sie hoffte, dass der Tag bald vorübergehen würde und sie in ihrem Buch weiter lesen konnte. Sie war gespannt darauf, ob sie wieder einmal die Möglichkeit bekommen würde, mit dem blonden Jungen zu sprechen, das nächste Mal würde sie sofort nach den wichtigen Dingen fragen.

Leider hatte sie nicht mehr einen solchen Traum, wahrscheinlich weil sie zu sehr hoffte, dass sie den geheimnisvollen Garten noch einmal betreten durfte. Es gibt eben Dinge, die darf man sich nicht wünschen, damit sie in Erfüllung gehen!

Fotos sind keine Heringe

Von shorty am 27. Juni 2010 veröffentlicht

Es ist schon finster draußen und das Museum hat längst geschlossen. Nur im Innern des Ehrensaals strahlen noch die goldenen Kronleuchter. Samtene Vorhänge verdecken die Fenster.  Etwa 300 Menschen sitzen dicht gedrängt im Ehrensaal des Museums und warten auf den Vortrag von Dr. Eisenmann. Unruhig quasseln, plaudern und diskutieren sie, alles unter den weisen Augen längst verstorbener Naturwissenschaftler: Büsten von Wilhelm Conrad Rönthgen, Albert Einstein und Marie Curie zieren die mit Granitpanelen dekorierten Wände.

Thomas schwirrt um die einzigen Personen, die vor dem Podium noch stehen – den Fotoapparat fest in die Hände gekrallt. Und dann klack, klack und das Blitzlicht zuckt hervor, immer wieder, Foto um Foto. Gern macht er diese „Gesellschaftsfotografie“ nicht, aber wenn es sein muss, dann muss es sein. „Das ist immer so gespielt und aufgesetzt“, sagt Thomas. Ganz vorn am Podium fällt er schon rein äußerlich auf: Turnschuhe, Jeans und Joggingjacke neben Anzug und Kostüm des Vortragenden und seiner Begleitung. Nach jedem Foto blickt er hastig auf das Rückteil der Kamera, drückt eilig ein paar Tasten, macht einen Schritt zur Seite und setzt erneut zum Foto an. Ein Auge schaut durch den Sucher der Kamera, das andere ist zugekniffen. Klack, klack  und immer wieder der prüfende Blick auf das Display. Thomas zieht die Augenbrauen hoch.

Stille kehrt im Saal ein, die Beleuchtung wird gedimmt, Dr. Eisenmann steigt auf das Podium und erstrahlt im Spotlicht. Thomas springt ein letztes Mal nach vorn, klack, klack macht die  Kamera – jetzt in der andächtigen Stille ist der Auslöser der Kamera noch deutlicher zu hören. Ein letztes Mal zuckt das Blitzlicht. Der Vortrag beginnt und Thomas verschwindet in der Dunkelheit des Saals. Seine Arbeit als Fotograf im Museum ist für heute getan, wieder sind es Überstunden geworden.

Am nächsten Morgen steht Thomas vor dem Haupteingang des Museums. Er nimmt noch einen Zug von seiner Zigarette. Zeit, um noch einmal inne zu halten. „Damals“, fängt er an zu erzählen, ging er nach der Ausbildung als Fotograf als Portraitfotograf in eine Kleinstadt. Dort hielt er es aber nicht lange aus. „Nach Berlin wollte ich“, sagt er und drückt die Zigarette am Aschenbecher aus. Ihn erfüllte das Portraitieren nicht mehr. Hier im Museum sei er beruflich glücklich geworden, gibt er zu, atmet tief ein und aus und schmunzelt. Die Arbeit als freier Fotograf bei Tageszeitungen kann er sich dagegen überhaupt nicht vorstellen. Es sei ihm ein Graus, Veranstaltungen zu fotografieren. Falten legen sich auf seine Stirn und dann fährt er fort: „Die Leute sind so aufgesetzt“ und das gefällt ihm nicht. Am liebsten nimmt er sich viel Zeit und Ruhe zum Fotografieren. Und die Ausstellungsstücke hier im Museum laufen ja auch nicht weg.

Mit dem Einzug der digitalen Bildtechnik vor ungefähr 9 Jahren hatte Thomas keine Probleme und Angst davor schon gar nicht. Auch wenn er die Digitalisierung nicht begrüßt, so findet er sich mit ihr doch ab. Computer ersetzen das Schwarz/Weiß-Labor, das die Fotografen nur noch selten nutzen. Thomas bricht lieber eine Lanze für die analoge Fotografie mit Film, Dunkelkammer, Chemikalien und Fotopapier. Mit 15 Jahren bekam er seine erste Spiegelreflexkamera. Der Vater war schuld: „er führte mich in die Fotografie ein“, berichtet er stolz und mit leuchtenden Augen. Und dann ist er dabei geblieben. Bis zum Beginn der Digitalisierung reproduzierte das Museum alles noch im Schwarz/Weiß-Labor. Das hat sich geändert: Analog ist heute nur noch der Aufnahmeprozess; das Dia oder Negativ wird eingescannt und nur noch digital weiterverarbeitet. „Heutzutage“, beschwert er sich, lernen die Fotoschüler nur noch die „Maus über den Bildschirm“ zu bewegen. Dabei stiert er auf die zwei vor ihm stehenden Bildschirme und bearbeitet die Fotos des Vortrags am Vorabend nach. Klick, klick, digitale Farbregler hier, Weichzeichner da. Im Labor wäre es nicht so schnell gegangen, gibt er zu, rümpft aber gleichzeitig die Nase. Bevor er Feierabend macht, will er noch alle Fotos fertig haben. Die Bildstelle im Museum bekommt von ihm eine gebrannte CD mit allen Bildern und dazu noch einen Kontaktabzug, der Übersicht wegen. Aber die Gestaltung eines Einlegers für die CD-Hülle lässt er sich nicht nehmen, wenngleich diese nicht gefordert ist. Für ihn ist sie eine Hommage an die alte analoge Zeit, wenn er schon keine echten Fotos weitergeben kann, sondern nur eine gebrannte CD. Denn „Fotos sind keine Heringe. Die wickelt man nicht in Zeitung, die verpackt man richtig“.

Der alte Mann und die Rolltreppe

Von kleineSchwester am 21. Juni 2010 veröffentlicht

Seit ein paar Wochen wohne ich nun dort. Ein ruhiger Stadtteil in einer kleinen Großstadt, in der die Menschen wenig seltsam sind. Vorbei an einem Bettler mit Hund, einem Gemüsestand und einem in einem fort plappernden Fotoautomaten gehe ich jeden Tag zur Arbeit. Der Gegenwind in der Unterführung zur U-Bahn kann  schon mal unangenehm sein, aber nicht seltsam.

Jeden Tag wenn ich auf die Rolltreppe zu gehe, kommt mir ein alter Mann entgegen. Ich habe keine bestimmten Zeiten, zu denen ich zur Arbeit gehe. Er kommt mir immer entgegen.  In Gedanken versunken schlurft er die Treppen hoch, gesenkter Kopf mit schütterem Haar. Aber gleichmäßig ist sein Schritt und bestimmt. Jeden Morgen.

Jeden Morgen steht er auf. Lässt die Beine aus dem Bett baumeln und blinzelt dem feinen Sonnenstrahl entgegen, der durch die Vorhänge fällt. Seine Füße gleiten in die Filzpantoffeln, die er seit Jahren immer an der gleichen Stelle vor seinem Bett abstellt. Dass die rechte Seite seines Doppelbetts leer bleiben wird, ist ihm nicht bewusst. Ein Geräusch reißt ihn aus seinen Gedanken. Ein Schlüssel dreht sich im Schloss und die Haustür öffnet sich. Eine junge Frau kommt herein. Jeden Morgen. Er ist sich nicht ganz sicher, wer sie ist und zögert. Als sie aber bestimmt und selbstverständlich in seine Wohnung tritt, kann er dem nichts entgegen setzen. Ein wenig ängstlich schaut er sie an. Sie erklärt, ihm sie sei doch die Marie und käme jeden Morgen. Sie würden sich doch schon gut kennen.  Er versucht sie zu umarmen, aber sie löst sich sofort aus seiner Umarmung und schiebt ihn ins Schlafzimmer.  Als er auf der Bettkante sitzt, noch etwas irritiert, beginnt sie seinen Schlafanzug aufzuknöpfen. Sie hilft ihm vorsichtig aus dem Oberteil und hält ihn fest, als er mit zittrigen Knien versucht sich die Hose auszuziehen. Hinter den Vorhängen verbirgt sich immer noch der neue Tag. Im Sonnenstrahl, der hindurch fällt tummeln sich die Staubpartikel und glitzern wie kleine Sterne. Als sie fertig sind und er in der feinen Bundfaltenhose und dem guten Hemd sich auf den Weg in die Küche macht, ist sie schon dort und gießt heißes Wasser auf das Kaffeepulver. Ein angenehm er Duft nach Sonntagsfrühstück macht sich breit und lässt in ihm ein wohliges Gefühl aufkommen. Gedanken an seine Frau kommen auf. Wie die Zwei geheiratet haben und in bescheidenen Verhältnissen zusammen mit der Familie und Freunden ein Fest gefeiert. Damals in ihrem Wohnzimmer in der kleinen Wohnung an Ende der Stadt. Es gab Erdbeerkuchen mit den eigenen Erdbeeren aus dem Garten seiner Mutter und seit Tagen hatten sie keinen Kaffee mehr getrunken, um genügend Kaffeepulver für ihre Hochzeitsgäste zu haben.

Sanft streicht die junge Frau ihm über den Arm und fragt ihn, ob er lieber Marmelade oder Käse auf sein Brötchen möchte. Er kann sich nicht entscheiden und möchte einfach nur Butter. Langsam kaut er und schaut die junge Frau immer wieder verwundert aus den Augenwinkeln an. Gut sieht sie aus, aber noch so jung. Könnte seine Enkelin sein. Warum isst sie nur nicht mit? Die jungen Dinger sind aber auch immer auf Diät. Sie greift nach seiner Hand. Warm ist ihre und ganz zart. Sie öffnet seine faltige Hand und lässt drei Pillen hinein fallen. Was das nun wieder soll? Fragend schaut er sie an und sie sagt, die hat der Doktor verschrieben. Warum? Er sei doch nicht krank. Aber fürs Herz und die Durchblutung hat der Doktor gesagt. Jeden Tag führt sie diese Diskussion mit ihm. Mit plötzlicher Kraft schmeißt er die Tabletten zu Boden und schaut sie wütend an. Mit seinem Herzen sei alles in Ordnung. Sie wolle ihn vergiften. Wer sei sie überhaupt, dass sie sich hier so aufführt. Die junge Frau atmet tief durch.  Er benötige diese Medikamente dringend und hier, wenn er wolle, könne er das Rezept von Dr. Clemens sehen. Sie hält ihm eine Liste unter die Nase, auf der für jeden Tag zu sehen ist, welche Medikamente er genommen hat. Mit einem dicken Haken dahinter. Gestern, vorgestern und die Tage davor. Jeden Tag. Sie bückt sich und sammelt geduldig die Tabletten vom Boden auf und reicht sie ihm. Sein Widerstand scheint gebrochen. Gedankenverloren schaut er durch sie hindurch und schluckt die Medizin.

Jetzt würde er gerne seine Runde drehen, sagt er und geht in Richtung Flur, wo seine Schuhe und seine Jacke am Haken hängen. Die junge Frau hilft ihm in die Jacke und bindet ihm die Schuhe. Seine knochigen Finger kommen mit dem Binden der Schleife nicht mehr zu recht. Gemeinsam verlassen sie die Wohnung. Sie fragt, ob er den Schlüssel habe und seinen Geldbeutel mit seinem Ausweis. Dann steigen sie gemeinsam in ihren Kleinwagen. Sie muss sich beeilen. In zehn Minuten muss sie beim nächsten Patienten sein und ihm helfen, seinen Tag zu beginnen. Nach kurzer Fahrt stoppt sie und lässt ihren Beifahrer zur Tür hinaus. „Passen Sie auf sich auf. Ich komme morgen Früh wieder. Wie jeden Tag.“ Er nickt und lässt die Tür zu fallen. Er weiß genau, wo er hin möchte. Er muss gar nicht mehr viel darüber nachdenken. Vorbei am Bettler mit dem Hund, dem Gemüsestand und dem plappernden Fotoautomaten geht er zum U-Bahnstation und direkt zur Rolltreppe. Erfährt sie runter und ihm fällt ein, dass er seine Fahrkarte nicht gestempelt hat. Er geht die Treppe wieder hoch, in diese Richtung gibt es keine Rolltreppe, er muss gehen, aber wie von einer unsichtbaren Hand gezogen, geht er gleichmäßig und mit festem Schritt nach oben. Oben angekommen, wundert er sich, er wollte doch mit der U-Bahn ins Krankenhaus zu seiner Frau fahren. Er fährt wieder abwärts und bemerkt, er hat seinen Fahrschein vergessen zu stempeln. Die U-Bahn fährt ein. Seine Frau wird sich schon wundern, wo er bleibt. Aber es nützt nichts, er muss seinen Fahrschein stempeln. Also geht er wieder hoch. Warum er in die falsche Richtung gegangen ist, kann er sich nicht erklären. Nun aber schnell wieder runter, die nächste U-Bahn kommt gleich.

Nach ein paar Wochen habe ich mich auf die Bank in der U-Bahnstation gesetzt und ihm zu geschaut. Eine Stunde lang ging er auf und ab, ganz regelmäßig, nur unterbrochen von einem kurzen Wundern. Das hat er vergessen. Wie jeden Tag. Auf und Ab. Jeden Tag. Auf und Ab. Diesen Tag vergessen.

Hundeschädel und Dickdarm

Von regaho am 17. Juni 2010 veröffentlicht

Es ist wieder soweit! Ich merke, dass ich mich nicht länger wachhalten kann. Aber ich muss. Es kann nicht mehr so weiter gehen. Ich will nicht schlafen. Bitte nicht, biitte… biii…

Okay verdammt, da bin ich wieder. In einem riesigen Hundeschädel. Fröstelnd sehe ich mich um. Bett, Tisch, Schrank, Stuhl,Teppich. Ich schaue wieder mal dem Hund aus dem Auge – Sternenhimmel.  Sterne wohin ich blicke, beziehungsweise wohin ich mit dem Hund blicke, oder der Hund mit mir – ach ist ja auch egal. Ich reisse mich mit aller Gewalt zusammen und möchte mich an den Tisch setzen. Ich bin hungrig. Da kommt mir der schöne Obstteller genau recht. Ich sitze und schon verliere ich an Boden, meine Füße schweben plötzlich hoch in der Luft. Bevor mir so richtig schwindlig wird, finde ich mich auch schon wieder zusammengekauert in einem Hobbithaus. Nur Glasboden unter den Füßen – darunter 2000m Luft. Aber ich falle nicht. Ich werde mit einem Affenzahn ins Weltall geschossen.

Jetzt wird das ganze noch rasanter. Ich kenne es ja von letzten Träumen. Immer mehr. Immer blöder. Ich hab die Nase voll. Gerade noch in einem Haus, bei dem sämtliche Möbel an der Decke hängen- hinein in eine Kugel, die irgendwo, irgendwie in der Luft schwebt. Eingeschlossen unter Wasser – in einer Köhlerhütte – rein in eine Designerkapsel, wo selbst meine Platzangst noch Angst bekommt. Dann wird es still und schwarz um mich. Vollkommende Stille. Herrlich! Ich taste mich an einer Wand lang und spüre ein Stück Metall in der Höhe meines Bauchnabels. Das könnte ein… eine Türklinke. Vorsichtig drücke ich sie nach unten und es öffnet sich eine Tür. Ich blicke auf eine sattgrüne Wiese. Beim Umdrehen merke ich, dass ich in einem Dickdarm war.

Schweissgebadet wache ich auf und schwöre mir nie wieder  die Site http://www.schau-mal.com anzuschauen und schon gar nicht:

CasAnus – das Dickdarmhotel- 9h Hotel mit Designerkapseln- Kolarbyn das Köhlercamp – die Undersea Lodge – die Free Spirit Spheres – das verrückte Haus – die Virgin Galactic – den Grand canyon Skywalk – der Woodlynn Park – Dinner in the Sky – und den Dog Park mit seinem riesigen Hund.

Und jetzt soll ich mir vielleicht auch noch das ebook zu diesem ganzem Wahnsinn auf www.hotel-ebook.com kaufen – na wirklich nicht.

Düstere Legenden

Von babsi am 16. Juni 2010 veröffentlicht

An einem verregneten Tag im November spätabends fuhr Neyla mit ihrem Auto alleine nach Hause. Sie hatte es an diesem Abend besonders eilig nach Hause zu kommen. Gerade heute hatte ihr Chef verlangt, dass sie Überstunden macht, genau an ihrem 2. Jährigen Jubiläum mit Mark. Und das, wo es eh gerade nicht besonders gut zwischen den beiden lief und Mark ihr bei jeder Gelegenheit die Schuld an ihrer Misere gab. Der Weg nach Hause kam ihr heute auch noch doppelt so lang vor wie sonst…plötzlich fiel ihr der unbeleuchte Schleichweg ein. Ein Weg mit dem sie mindestens 5 Kilometer sparen konnte. Der Feldweg war nicht sonderlich gut beleuchtet aber das was Neyla egal. Um Mark nicht wieder zu verärgern und wenigstens noch ein bis zwei Stunden mit Mark verbringen zu können nahm sie den kürzeren Weg auf sich.

Ein paar Kilometer weiter bog Neyla auch schon in den Feldweg ein. Viele Sterne leuchteten am Himmel und somit war es nicht ganz so finster. Aber rechts und links neben dem Weg sah Neyla nichts. Die Bäume standen im Wald viel zu dicht beieinander. Aber die nächsten paar Meter konnte sie dank ihren Nebelscheinwerfern gut überblicken. Plötzlich wurde Neyla ein wenig mulmig und sie beschloss alle Türen zu verriegeln. Mit geschlossenen Türen fühlte sie sich gleich viel sicherer. Wieso sollte sie auch Angst haben nur weil es dunkel war? Sie ist eine erwachsene und emanzipierte Frau und dank der Abkürzung würde sie Mark schon in spätestens 20 Minuten in die Arme schließen können.

Plötzlich erblickte Leyla einige Meter vor sich einen Baumstamm der quer über dem Weg lag. Die Bäume waren am linken und rechten Wegrand so nah dran, dass sie unmöglich vorbeifahren konnte. Neyla blieb stehen. Plötzlich fand sie ihre Idee die Abkürzung zu nehmen gar nicht mehr so gut. Wieso hatte sie das getan? Sollte sie jetzt wirklich aussteigen und den Stamm wegräumen? Er sah nicht sonderlich schwer aus aber Neyla bekam ein Ungutes Gefühl…

Nach einigen Minuten beschloss Neyla so schnell wie möglich auszusteigen und zum Baumstamm zu rennen in nur soweit beiseite zu schieben, dass sie gerade daran vorbeifahren konnte und dann wieder zurück ins Auto zu rennen und die Türen zu verriegeln. Plötzlich hörte Neyla in der Ferne ein weiteres Fahrzeug. Konnte es wirklich sein, dass jemand zufällig auch heute die Abkürzung nahm? Nein! Noch ein Grund für Neyla schnell den Stamm wegzuschieben. Sie stieg aus dem Wagen und räume den Stamm so schnell sie konnte beiseite. Der andere Wagen kam immer näher. Neyla rannte zurück zum Auto. Auf halbem Wege brach Ihr Absatz ab aber das war ihr egal, Sie zog schnell die Schuhe aus rannte zum Wagen, sprang rein und verriegelte die Türen. Sie erkannte hinter sich die Lichter eines großen Wagens. Der Fahrer begann plötzlich wie wild zu hupen. Wollte es, dass Neyla losfuhr? Da hatte es wohl jemand genauso eilig wie Neyla.

Neyla drückte barfuss aufs Gas und fuhr so schnell sie konnte los. Nur noch wenige Meter und sie würde auf einer helleren und mehr befahreneren Straße ankommen. Doch der Fahrer des Wagens hinter ihr fuhr immer dichter auf. Er hupte immer noch wie wild und blinkte mehrfach auf. Neyla verstand nicht, was er wollte aber ihr wurde wieder unwohl. Plötzlich hörte der Fahrer auf zu hupen aber versuchte nun scheinbar sie zu überholen. Endlich war Neyla auf der etwas mehr befahrenen Straße angekommen. Nur noch 5 km bis zuhause. Wahrscheinlich wollte der Fahrer durch das Überholen Neyla zum Bremsen bringen. Jetzt bekam Neyla Angst. Sie gab Vollgas und ließ nicht zu, dass der Fahrer sie überholt. Aber er folgte ihr immer noch.

Plötzlich sah Neyla das gelbe Ortschild ihrer Stadt. Sie war daheim. Der Spuk war zu Enden. Die erste Straße bog sie rechts ab. Doch der Fahrer folgte ihr immer noch. Neyla bekam Angst, dass er sie wohlmöglich überfallen wollte. Voller Unsicherheit rief Neyla Mark an und bat ihn, unten vor der Haustür aus sie zu warten. Sie wollte nicht aus dem Auto steigen wenn der Wahnsinnige hinter ihr ihrem Wagen immer noch folgte…

Als sie ihr Haus erblickte hielt sie direkt vor Marks Nase den Wagen an und rannte auf ihn zu. Plötzlich hörte sie eine Autotür knallen und wenig später eine weiteres Auto bremsen und noch eine Autotür zuknallen. Der Fahrer des anderen Autos rannte auf Neyla zu. Neyla griff Marks Hand und drückte sie ganz fest.

“Mädchen, wieso haben Sie denn nicht angehalten,” fragte der Unbekannte. “Ich habe gesehen, wie sie auf dem Weg einen Baumstamm weggeräumt haben und in dieser Zeit hat sich jemand durch ihre rechte Hintertür in ihr Auto geschlichen. Haben Sie denn nicht bemerkt, dass jemand auf ihrem Rücksitz lag? Ich wollte sie doch nur warnen…Lassen sie uns am besten gleich die Polizei rufen. Da scheint jemand mit Absicht den Baumstamm platziert zu haben um…”

Die letzten Worte des Mannes hörte Neyla schon gar nicht mehr. Sie sah die offene Hintertür ihres Wagens. Wie in Trance ging sie zu ihrem Auto. Als sie durch die offene Tür auf den Rücksitz sah, erblickte sie dort ein großes silbernes Küchenmesser

So etwas Aufregendes

Von Halogenlicht am 16. Juni 2010 veröffentlicht

Gemütlich saß er daheim und las seine Zeitung. Es war ein kalter Sommerabend, ungewöhnlich für Juli. Aber naja, das Wetter lässt sich eben nicht regulieren. Es war für ihn kein Problem. Er hatte sich mit seiner Situation abgefunden und machte das Beste aus dem trüben Wetter. Beim Umblättern raschelte der Wirtschaftsteil laut, aber nach einem kurzen Kampf mit dem Papier war auch das geschafft. Übung macht eben den Meister.

Es wurde langsam dämmrig und er fing an zu überlegen, ob der anstrengende Gang zum Lichtschalter schon nötig war. Nein… zehn Minuten würde er noch durchhalten. Danach könnte er sich immer noch aufrappeln. Und es gab auch immer noch ein Fünkchen Hoffnung, dass seine Frau schon vorher das Zimmer beträte und sich erbarmte. Also würde er die Entscheidung des Lichts auf später verschieben. Und der Artikel über den neuen Wirtschaftsminister war auch wirklich spannend, den musste er wirklich erst zu Ende lesen.

Völlig vertieft in seinen Artikel bemerkte er gar nicht, dass sein Gehstock – den er äußerst prekär an seinen Ohrensessel gelehnt hatte – langsam in Richtung Boden glitt. Als er gerade die letzten paar Zeilen seines 4-seitigen Artikels las, krachte es plötzlich laut. Erschrocken fuhr er herum und starrte mit großen Augen in den Flur. Ihm war, als wäre es aus dieser Richtung gekommen. Ein Einbrecher etwa? Er hatte erst vorgestern von der alten Frau Hopfner nebenan gehört, dass in den letzten Wochen schon 4 Einbrüche in der Gegend passiert waren. Was sollte er tun? Mit dem Rücken zum Flur sitzend konnte wirklich jeder hinter ihm vorbei geschlichen sein. Oh Gott!

Schwer atmend klammerte er sich mit den Händen in den Stuhllehnen fest. Er merkte, dass er Gefahr lief zu hyperventilieren. Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren. Damit war Niemandem geholfen. Er musste sich zusammenreißen. Er war schließlich kein verängstigtes Kind, sondern hatte 74 Jahre Lebenserfahrung. Frau Hopfner war sowieso eine alte Tratschtante, ihr konnte man eigentlich gar nicht glauben. Und er reagierte beim kleinsten Geräusch wie ein aufgescheuchtes Huhn! Vielleicht war es seine Frau, der in der Küche beim Abspülen ein Topf oder eine Pfanne aus der Hand geglitten war. Ja, so musste es sein. Leise kicherte er in sich hinein, zum Glück hatte ihn in seinem Moment der Panik niemand gesehen. Wie überaus peinlich!

Mit einem leisen Schnaufen wandte er sich wieder seinem Artikel zu, um ihn zu beenden, als er feststellte, dass er wohl so vertieft gewesen war, dass er die zunehmende Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Er fragte sich, wie er noch Minuten zuvor problemlos lesen konnte, wo er doch jetzt das Gefühl hatte rein gar nichts mehr zu sehen. Er seufzte tief: er würde wohl doch aufstehen müssen. Zum zigten Mal in den letzten 15 Jahren verfluchte er die Tatsache, dass seine Frau nichts von Lese- oder Stehlampen hielt, die auf Tischen oder dem Boden neben Sofa und Sesseln stehen können. Sie fand, dass ein helles Deckenlicht einen Raum gleichmäßiger erhellt. Der Weg zum Lichtschalter würde ihm also nicht erspart bleiben.

Routiniert griff er nach seinem Stock…ins Leere. Überrascht blickte er neben sich und stellte fest, dass es der Stock war, der ihn vor wenigen Minuten mit viel Lärm aus seiner Lektüre hoch geschreckt hatte. Das Mistding war doch tatsächlich auf den Boden gefallen. Mühsam bückte er sich und angelte seine Gehhilfe wieder hervor. Beim Aufstehen knackten seine Knochen bedenklich – das war vor 20 Jahren auch noch kein Problem. In seinem Alter musste man sich eben damit abfinden, dass man steif und langsam war. Immerhin, dachte er sich, der Lichtschalter ist nicht weit entfernt. Das würde selbst er schnell schaffen. Mit schlurfenden Schritten ging er zur Tür und schaltete das Licht ein.

Er wollte sich gerade wieder seinem Sessel zuwenden, als er aus dem Augenwinkel etwas Ungewöhnliches sah. Er kannte sein Haus wie seine Westentasche, seit 20 Jahren wohnte er nun schon hier und in all dieser Zeit war die Kellertür nie offen gestanden. Wirklich nie! Was war los? War seine Frau die Kellertreppe hinunter gestürzt? In ihrem Alter konnte so etwas schon mal passieren. Er merkte wie sein Herz immer schneller klopfte. Nein, das durfte nicht sein. Wenn sie nun mit gebrochenem Genick am Fuß der Treppe lag? Nein nein nein, er konnte gar nicht daran denken. Völlig aufgelöst und mit sich überschlagender Stimme rief er laut den Namen seiner Frau. Keine Reaktion! So schnell er konnte eilte er den Flur hinunter in Richtung Treppe und knipste mit zitternden Fingern das Licht an. Nichts. Am Fuß der Treppe sah alles aus wie immer. Erleichtert atmete er einmal tief durch, schaltete das Licht wieder aus und schloss die Kellertür.

Und trotzdem. Irgendetwas war komisch. Warum war die Türe dann offen gewesen? Und warum hatte seine Frau nicht auf sein Rufen geantwortet, wenn sie doch nicht tot am Fuß der Treppe lag? Und langsam beschlich ihn das ungute Gefühl, dass der Krach vorhin doch nicht nur sein Stock gewesen war. Das Haus fühlte sich komisch an. So sehr er es auch zu unterdrücken versuchte, die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Aber er würde nicht wie ein verkalkter Greis die Polizei rufen, wenn überhaupt nichts vorgefallen war. Er war immer stolz darauf gewesen, dass er auch in Krisensituationen noch gut denken konnte. Zuerst musste er sicherstellen, dass wirklich etwas nicht stimmte. Sollte er entdecken, dass wirklich etwas gestohlen worden war, dann könnte er immer noch die Polizei rufen. Der mögliche Dieb war nach seinen hysterischen Schreien vorhin bestimmt sowieso schon über alle Berge.

Von seiner innerlichen Aufmunterungsrede etwas ermutigt, war sein erstes Ziel natürlich die Küche. Wichtiger als alles, was ein Dieb stehlen konnte, war schließlich seine Gattin. Vorsichtig drückte er also die Schwingtür nach innen und lugte ums Eck. Was er dort sah verschlug ihm den Atem. Er bekam das Gefühl nicht mehr alleine stehen zu können und stützte sich schwer gegen die Tür. Die schwang natürlich weiter auf und er fiel schwer zu Boden. Inzwischen zitterte er am ganzen Körper. Er bemerkte gar nicht, dass sein Gesicht schon Tränen überströmt war. Seine über alles geliebte Frau lag reglos am Boden. Sie sah aus wie Dornröschen, friedlich schlafend. Nur leider schlief sie für immer. Und die größer werdende Blutlache unter ihrem Kopf zerstörte das Bild komplett. Dies war kein Märchen, es war sein schlimmster Albtraum! Tot, sie war tot! Er konnte es gar nicht fassen. Was war passiert? So schnell er konnte kroch er in ihre Richtung. Dass er dabei völlig mit ihrem Blut beschmiert wurde, merkte er gar nicht. Und je näher er der klaffenden Wunde an ihrer Schläfe kam, desto deutlicher wurde es, dass dies kein Unfall gewesen war. Mord! Er konnte es nicht fassen.

Verspätet wurde ihm klar, dass der Mörder vielleicht noch im Haus war. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinunter. Minutenlang war er neben seiner leblosen Frau auf dem Boden gesessen. Dabei hätte er doch sofort die Polizei rufen sollen und wenigstens sein eigenes Leben noch retten müssen. Hektisch rappelte er sich auf und fiel bei dem Versuch beinahe wieder zu Boden. Er musste hier raus! So schnell wie möglich! Weg hier!

Am frühen Abend hörte Frau Hopfner seltsame Geräusche aus der benachbarten Doppelhaushälfte. Was war denn bei Messners los? Sofort dachte sie an einen Einbruch, schließlich war das in letzter Zeit in dieser Gegend schon häufig passiert. Sie alarmierte die Polizei und zur Sicherheit auch noch all ihre Freundinnen. So etwas Aufregendes war ihr schon lange nicht mehr passiert. Sie ärgerte sich natürlich auch sehr, als die Polizei ihr Stunden später keinen Zutritt zum Haus gewähren wollte. Warum denn nur? Sie war schließlich eine Zeugin. Aber als sie sah, dass zwei Leichenwägen in die Einfahrt einbogen, da wurde sie blass. So viel Aufregung hatte sie nicht gewollt!

Das erste Mal in New York – Die Ankunft

Von Pudelwohl am 4. Juni 2010 veröffentlicht

Vor zwei Wochen war ich das erste Mal in New York City. Nach einem knapp achtstündigen Flug landeten mein Bruder Kevin und ich auf dem John F. Kennedy International Airport. Wir waren beiden ziemlich aufgeregt, denn es war unsere erste Reise außerhalb Europas. Angekommen in Amerika wollten wir schnell unsere Koffer schnappen und uns ins Abenteuer stürzen. Aber so schnell wollte man uns gar nicht aus dem Flughafen lassen. Nachdem wir die Maschine verlassen hatten und durch kilometerlange Gänge spaziert waren, erreichten wir endlich die Zollabfertigung. Dort warteten bereits hunderte Reisende brav in einer Schlange stehend auf den Einlass in die Vereinigten Staaten. Ich traute meinen Augen nicht und auch Kevin gab ein nüchternes “Oh Mann!” von sich. Der Wunsch schnell in die Stadt zu kommen, war erstmal dahin. Wir stellten uns also genervt hinten an und hofften, dass es rasch vorwärts ging. Unseren Unmut haben wir allerdings nicht laut ausgesprochen, denn in der Abfertigungshalle standen alle paar Meter Sicherheitsbeamte mit großen, automatischen Pistolen. Wir wollten einfach keinen Ärger machen. Die Wartezeit ging schließlich doch schneller um als gedacht. Die Vorfreude auf New York und der spannende Reiseführer heiterten unser Stimmung wieder auf. Vor dem Schalter wurden Kevin und ich getrennt. Jeder musst Grund und Dauer des Aufenthalts angeben. Zudem wurden von uns beiden Fingerabdrücke und Fotos gemacht. So strenge Kontrollen gibt es in Deutschland nicht. Seit dem Anschlag auf das World Trade Center im September 2001 nehmen die Amerikaner Sicherheitsbestimmungen am Flughafen sehr ernst. Nach der Zollkontrolle startete das eigentliche Abenteuer. Wir zogen unsere Koffer vom Band und versuchten uns in dem riesigen Flughafen zu orientieren. Wir liefen kreuz und queer, bis wir irgendwann draußen vor dem Hauptgebäude standen. Kevin schaute mich an und sein Blick verriet mir, dass wir keinen Plan hatten, wie wir vom Flughafen in die Innenstadt kommen sollten. “You wanna drive with Limo?” riß es uns aus der Hilflosigkeit. Eine freundlich lächelnde Frau mittleren Alters stand plötzlich vor uns. Sie hatte eine Uniform an und erklärte uns, dass wir mit einer Limousine für 150 Dollar vom Flughafen zur Innenstadt kommen könnten. “Eine Limousine!”, dachte ich mir. Das hätte doch was. Allerdings waren 150 Dollar viel Geld und Kevin machte mir und der Dame im schwarzen Outfit sofort klar, dass die 150 Dollar anderweitig ausgegeben werden. Wir winkten also ab und schlendeten planlos auf dem Gelände hin und her. Auf einmal erblickte ich ein Schild mit der Aufschrift “Public Busses”. Von da an ging alles sehr schnell. Wir machten die Bushaltestelle aus, stiegen in den nächsten Bus und verließen den Flughafen. Die Außenfassade New Yorks kam in unser Blickfeld. Hochhäuser, die Freiheitsstatue, das Empire State Builduing … ein Tunnel! Die Fahrt unter der Erde wollte gar nicht mehr enden, bis Kevin und ich endlich wieder Tageslicht sahen. Wir schauten vorsichtig nach draußen, um noch vorsichtiger nach oben zu schauen. Beim Anblick der Hochhäuserfronten blieb mir der Atem stocken. So etwas Beeindruckendes sieht man nicht alle Tage. Die Aussicht war überwältigend. Der Bus parkte dann im Port Authority. Das ist ein großer Busbahnhof für Nah- und Fernbusse. Von dort aus fragten wir uns zum Hotel durch. Nach dem wir unser Zimmer bezogen hatten, wollten wir etwas Essen gehen. Da Kevin und ich sehr erschöpft waren, entschieden wir uns im Hotelrestaurant zu speisen. Aber anstatt ins Lokal zu gehen, platzten wir in den Baalsaal des Hotels. Dort fand gerade ein großes Pokerturnier statt. Kevin und ich stolperten zwischen den vielen Tischen umher und blickten uns ratlos um. Ein stämmiger Mann im weißen Anzug fragte uns höflich, ob wir mitspielen wollten. Kevin sagte: “No thanks, we’re just looking for the restaurant.” Der Herr im weißen Samt musste kichern und erwiderte: “Go back to the Lobby, then turn left and you will find “Big Apple” the Hotelrestaurant.” Auf dem Weg fragte ich, ob Kevin Pokern könne. “Poker lernen ist nicht schwer.”, führte er aus. Im Internet und auch im Stadtclub hätte er schon ein paar Erfahrungen gemacht, aber seine Kenntnisse würden ganz sicher nicht für die Pokertische hier im Hotel ausreichen. Wir lachten herzlich und erreichten ohne weitere Schwierigkeiten das Restaurant. Nach Cola, Steak mit Pommes und einem leckeren Eis, fielen wir aufs Bett. “Sollen wir Mutter anrufen?”, fragte ich Kevin? “Was? Die schläft doch jetzt längst! Schau mal auf die Uhr.” Kevin hatte Recht, es war sehr spät geworden. Aber eines hatte er nicht bedacht. “Es ist in New York jetzt Nacht, in Deutschland aber ist es jetzt früh morgens. Sie wird vermutlich schon auf sein, Lena und Henning Frühstück zu machen.”, antworte ich. Mutter freute sich sehr unsere Stimme zu hören. Wie ich es vermutete, war sie eben erst aufgestanden und kochte Kaffee. Wir versprachen ihr, auf uns aufzupassen und der Familie schöne Souvenirs mit zu bringen. Erschöpft, aber glücklich vielen wir ins Bett. In Gedanken an den morgigen Tag und die vielen kommenden Abenteuer in New York schlief ich ein. Im Traum verarbeitete ich noch einmal die Erlebnisse der letzten Stunden. Das Abenteuer New York hatte begonnen und am nächsten Tag sollte es fortgesetzt werden…

Urlaub in Dänemark

Von Chantal Graeber am 4. Juni 2010 veröffentlicht

Letztes Jahr im August war es endlich soweit. Mit mehreren Freunden hatte ich ein großes Ferienhaus in den Dünen des beinahe nördlichsten Strandes von Dänemark gemietet. Zwei ganze Wochen lang sollte der Alltag vergessen werden. Statt dessen wollte ich mich ans Meer legen, von der Sonne bräunen lassen und hin und wieder einen Ausflug ins Innere des Landes machen. Was ich allerdings total vergessen hatte, war mich über die Wetterverhältnisse in Dänemark zu informieren. Oder besser gesagt, bin ich einfach davon ausgegangen, dass die Sonne scheinen würde, denn immerhin war August und damit Hochsommer.

In der Realität sah das Ganze nun aber etwas anders aus, denn bereits bei der ersten Erkundungstour durch die Dünen hinunter an den erstaunlich breiten Strand, den man sogar mit dem Auto befahren konnte, zeigte sich Dänemark von seiner besonders windigen Seite. Mir fiel es sozusagen wie Schuppen von den Augen, dass ich nicht daran gedacht hatte, dass Dänemark fast komplett vom Meer umgeben ist und eben diesem damit stark ausgeliefert ist . Da stand ich nur in Shorts und T-Shirts am Strand un dließ mir den Wind ins Gesicht wehen. Am folgenden Tag stellte sich zudem heraus, dass der Wind nicht nur für kalte Luft sorgt, sondern ununterbrochen Wolken ins Land bläst. Die Chancen auf einen zwar windigen Tag nur mit Sonnenschein stehen offensichtlich nicht besonders gut im Land mit den über 1000 Inseln. Was wiederum nicht bedeutet, dass man sich nicht trotzdem einen Sonnenbrand zuziehen kann, wenn man ohne Sonnen-Creme einen wolkigen Tag zum Strandspaziergang nutzt. So saß ich also bereits am zweiten Urlaubstag in Dänemark in unserem schön geräumigen Ferienhaus, hatte kaum Kleidung dabei, die mich – besonders am Strand – warm genug gehalten hat und hatte einen Sonnenbrand. Das waren keine besonders guten Voraussetzungen für einen entspannten Urlaub und es machte sich ein wenig Frustration in mir breit. Aber zu meiner Ehrenrettung und zu der von Dänemark sei gesagt, dass es doch warme Tage gab. Der Sonnenbrand verzog sich fast so schnell wie er gekommen war und zwei Tage später lagen wir dann doch tatsächlich am Strand und ließen es uns gut gehen. Natürlich blieb uns auch da nichts anderes übrig, als einen Windschutz um uns herum aufzubauen, denn der Wind war wirklich unser ständiger Begleiter.

Der Höhepunkt war denn auch eine Strandwanderung von ungefähr 30 Kilometern zu einem Leuchtturm, der mit der Zeit von den ihn umgebenen Dünen verschluckt wird. Schon mehrere Häuse sind den Sandmassen zum Opfer geworden. Der Tag begann wirklich schön und ich trug eine Jeans, einen Longsleeve Pullover und ein Tuch um den Hals. Zuerst war dieses Outfit auch ausreichend, aber der Wind frischte immer wieder auf und je länger die Wanderung dauerte (dass es am Ende wirklich 30 Kilometer werden würden, hatten wir nicht geahnt), umso unangenehmer wurde der ständige Wind. Schließlich lieh mir meine Schwester das Innenleben ihrer Windjacke, die sie vorrausschauender Weise mit in den Urlaub genommen hatte. Damit war mein Problem zunächst gelöst und ich vermochte mich nun auch besser auf die Umgebung konzentrieren. Wir konnten tatsächlich eine kleine Robbe vom Strand aus beobachten oder kletterten in den Ruinen der noch zuhauf existierenden Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg herum. Als der Hunger zu stark wurde, machten wir einen kleinen Abstecher in eine schöne Stadt und aßen dort zu, wenn auch etwas verspätet, zu Mittag. Beim Weiterwandern flogen Gleitsegler über unsere Köpfen am Steilüfer entlang und die Sonne ließ sich doch nochmal blicken, so dass wir sogar unsere Schuhe ausziehen, die Jeans hochkrempeln und im Wasser laufen konnten.

Je näher wir allerdings dem Ziel unserer Wanderung – dem Leuchtturm – kamen, umso unangenehmer wurde auch wieder der Wind, denn ungefähr zwei Kilometer vor dem Turm mussten wir auf einer Treppe die Steilküste hinaufklettern und oben auf den Dünen weiterwandern. Diese derartige exponierte Stelle, ist natürlich dafür prädestiniert besonders gut vom Wind erreicht zu werden. Da die Dünen zu diesem Zeitpunkt nur noch aus Sand bestanden, war zum Einem das Fortkommen sehr schwer und zum Anderen gab es kaum eine Möglichkeit, sich davor zu schützen, dass der Wind den Sand auch in die letzten Falten des Outfits wehte. Nach endlich vollbrachter Ankunft am Zielort, an dem wir uns abholen ließen, konnten wir es dann gar nicht fassen, dass wir tatsächlich 30 Kilometer zu Fuß hinter uns gebrachtz hatte.

Wieder angekommen im Ferienhaus war eine ausgiebige Dusche fällig, um auch wirklich das letzte bißchen Sand vom Kopf und dem restlichen Körper zu spülen. Den gesamten restlichen Abend lief die Dusche auf Hochtouren, denn insgesamt hatten wir diese Tour zu sechst unternommen und keiner konnte es erwarten, das Gefühl von Schmiergelpapier auf der Haut loszuwerden. Ganz abgesehen davon, dass wir natürlich sofort all unsere Kleider in die Waschmaschine gestopft haben, um den Sand nicht im ganzen Haus zu verteilen. Die Freunde, die nicht mit auf die Wanderung gekommen waren, konnten es gar nicht fassen, dass wir eine derartige Strecke hinter uns gebracht hatten. Wenn ich jetzt im Nachhinein daran denke, kommt es mir auch schon so vor, als ob ich gar nicht dabei gewesen wäre. Aber es gibt Beweisfotos für meine Teilnahme und auch dafür, dass Dänemark zwar ein sehr schönes, aber vor allem sehr windiges Land ist.