Monatsarchiv für Juli, 2010
Von Julka84 am
31. Juli 2010 veröffentlicht
Nun sitze ich hier, es ist 14.00 Uhr, und ich führe das erste Gespräch des Tages. Im Moment verkaufe ich Handyverträge an Leute, die das Pech hatten, an einem Gewinnspiel teilgenommen und damit ihre Adresse auf immer und ewig in Umlauf gebracht zu haben. Die Menschen sind erwartungsgemäß nur mäßig an einem Gespräch mit mir interessiert und meine Laune sinkt. Ich kann sie ja verstehen, diese Gewinnspielteilnehmer. Da schlägt man eine Zeitschrift auf und liest, dass man eine Reise gewinnen kann, die man sich sonst niemals leisten könnte. Das Rätsel dazu ist denkbar einfach und also macht man eben mal mit. Man hat ja schließlich nichts zu verlieren. Und das Kleingedruckte liest man sich selbstverständlich auch nicht durch. Geschätzte zwei Wochen später weiß man, dass man mal wieder rein gar nichts gewonnen hat, bekommt aber einen Anruf von einem netten Call Center Agenten, der leider so schlecht informiert ist, dass er nicht einmal weiß, welches Gewinnspiel es war, bei dem man seine persönlichen Daten verspielt hat, und einem beim Kauf von fünf Hackebeilen verspricht eines gratis dazu zu bekommen. Der Kunde A, der von all dem nichts wissen will, reagiert unter Umständen erzürnt, weil er doch mit dem Hackebeilunternehmen überhaupt nichts zu tun hat, sich verständlicherweise fragt, wie dieses an seine Nummer gekommen ist und verlangt, eben jene aus der Kundendatenbank zu entfernen. Was Kunde A eventuell nicht weiß, ist, dass er gar nicht mit einem Mitarbeiter des Hackebeilunternehmens gesprochen hat, sondern mit einer unterbezahlten Halbzeitkraft, die vor einem farbschwachen Monitor sitzt und die outgesourcte Aufgabe der Kundengewinnung übernehmen muss. Sie kennt weder AGB’s noch Geschäftssitz der Hackebeilfirma und muss nun unter den fünf ihr vorgegebenen Ablehnungsgründen den auswählen, der am meisten auf die Aussage des Kunden A passt. Wir erinnern uns: er wollte, dass seine Nummer aus der Firmendatenbank entfernt werde. Die unterbezahlte Halbtagskraft entscheidet sich für den Punkt „Kunde nicht gesprächsbereit“, verabschiedet sich höflich und wartet auf das nächste Gespräch. Die Nummer des Kunden A bleibt derweil selbstverständlich unangetastet und wird lediglich mit dem Vermerk versehen, sie nicht sofort im nächsten Turnus (was also heißen kann: in der nächsten Woche, im nächsten Monat, im nächsten Quartal etc.), sondern erst im darauf folgenden wieder zu verwenden. Nun hat Kunde A also für mindestens einen Turnus (eine Woche, einen Monat, ein Quartal) seine Ruhe, möchte man meinen. Aber nein, gemeinerweise hat oben erwähntes Gewinnspielmagazin seine Adresse nicht nur an das Hackebeilunternehmen verhökert, sondern auch an den Putzlappenfabrikanten, den Beate-Uhse-Versand und an das Marktforschungsinstitut „Bild dir deine Meinung“. Und damit hat Kunde A noch Glück. Denn er kann froh sein, dass jene vier laut herum posaunen, dass seine Daten bei ihnen in jedem Fall geschützt seien und nicht an dritte (haha) weiter gegeben werden. Kunde A wird also gepflegt- er ist Teil eines Programms namens Kundenpflege. Und wenn man seine Haustiere gut pflegt und striegelt, nun ja, dann geben sie auch Milch und legen Eier. So einfach ist das.
Während ich also dasitze und mir derlei Gedanken mache, führt Petra neben mir schon das dritte Gespräch und verkauft einen Handyvertrag. Unglaublich. Petra überzeugt nicht mit dem Produkt, Petra überzeugt mit Angst. Wirklich, wenn ich sie so telefonieren höre, dann habe selbst ich Angst, ihr irgendetwas abzuschlagen. Man befürchtet unwillkürlich, dass sie sich gleich in einen Werwolf verwandelt und einen auffrisst. Petra ist ca. 1,50 hoch und damit keine besonders furchteinflößende Gestalt, aber ich bin davon überzeugt, dass sie allein mit ihrer Stimme töten kann. Petra jedenfalls brüllt ihren Kunden an, ihr gefälligst die Bankdaten langsam und verständlich durchzugeben, hat damit den Auftrag im Sack und beendet das Gespräch mit zuckersüßer Stimme. Nachdem sie aufgelegt hat, schaut sie mich an und sagt: „Läuft nicht so gut heute, wa?“ Du spinnst doch, Petra, möchte ich erwidern, sage aber stattdessen: „Stimmt. Aber, naja, heut ist Freitag, da sind die Leute immer so gestresst.“ Nach diesem tiefgreifenden Wortwechsel wendet sich jeder wieder seinem Monitor zu und fährt fort, die Leute, die man eigentlich immer schon Kunden nennt, auch wirklich zu Kunden zu machen. Nun habe ich auch endlich mal jemanden dran. Vormittags ist es ja mit der Erreichbarkeit immer so eine Sache. Es ist eine Frau, etwa in meinem Alter, die tatsächlich so höflich ist, sich mein Anliegen bis zum Ende anzuhören. Fragen hat sie nicht mehr, Interesse aber auch nicht. Sie ist sehr freundlich und es macht mir Spaß, mit ihr noch ein wenig übers Wetter zu plaudern. Schließlich gibt sie zu, auch einmal in einem Call Center gearbeitet zu haben. Wusste ich es doch! Menschen, die einem a)zuhören, b)ablehnen können ohne unhöflich zu werden und c)es schaffen, sich auch noch freundlich zu verabschieden, kommen entweder selbst aus der Branche oder haben in irgendeiner Form mit Dienstleistung zu tun. Die nette Dame ist es sogar, die mir am Ende ein schönes Wochenende wünscht und nicht andersherum. Ich bin zufrieden. Verkauft habe ich zwar nichts, aber meine Laune ist wieder besser. Links neben mir sitzt Arnold. Das heißt er sitzt eigentlich nicht, sondern liegt in seinem Bürostuhl und singt vor sich hin. Arnold ist Doktor der Philosophie, man darf ihn aber nicht darauf ansprechen, sonst wird er sentimental und erzählt einem zum 500. Mal seine leidensreiche Lebensgeschichte. Er ist unglaublich gebildet und verwendet ein Vokabular, das ihm den Verkauf sichtlich erschwert. Ständig muss er gecoacht werden. In einem Schulungsmeeting hat er wohl einmal das Wort empathisch verwendet. Seitdem halten ihn viele für geistig verwirrt, weil sei denken, er hätte eigentlich sympathisch sagen wollen. Ich sehe aus dem Fenster. Draußen am Gebäude vorbei führt eine vielbefahrene Straße. Wir haben Herbst, es regnet, und ich finde die Stadt gerade alles andere als schön. Auch die Kunden sind gereizt, wenn die Sonne nicht scheint, und kaufunwilliger. Die Ironie ist, dass ich alles, was ich hier verkaufe, selbst nicht kaufen würde, und selbst wenn ich wollte, nicht könnte. Ich preise an und mache schmackhaft, was billig und geschmacklos ist und damit verdiene ich mein Geld. Zugegeben, es gab schon Dinge, die mich auch interessiert haben, die ich sogar selbst gekauft hätte, aber mich ruft einfach keiner an! Manchmal frage ich mich, ob irgendeine konspirative Briefkastenfirma den Auftrag erhalten hat, die Adressen von Telefonisten auf irgendeine rote Liste zu setzen. Ständig erzählen mir die Kunden, dass sie 10, 20 Mal am Tag belästigt werden, obwohl sie doch schon auf der Robinsonliste stünden. Ich kann mich an exakt zwei kommerzielle Anrufe erinnern, und der eine kam von meinem eigenen Internetprovider. Gegen diese Verschwörungstheorie spricht natürlich, dass wir hier zwangsläufig nur Menschen anrufen, die irgendwann einmal ihre Adresse verspielt haben und die cleveren, die AGB-Leser und Häkchen-in-Datennutzungshinweiskästchen-Entferner kriegen wir gar nicht an den Apparat. Jetzt spreche ich mit einer Dame um die fünfzig, Hausfrau, die mir von ihrem ruhelosen Gatten erzählt. Er habe schon wieder verreisen müssen und auch sonst sei er frühestens ab 10 Uhr abends zu erreichen. Sie selbst kenne sich mit den ganzen Sachen nicht aus, da sei ihr Mann zuständig und ob sie ihm denn etwas ausrichten könne. Nein, auch am Wochenende sei er nie zu Hause, da verlangt schon der Kegelclub nach ihm und ich dürfe zwar noch einmal anrufen, aber sie würde ohnehin jetzt schon sagen können, dass ihr Mann an derlei Gesprächen kein Interesse habe. Eine Frage stelle ich noch, um herauszufinden, ob die gute Dame überhaupt weiß, was für ein Gespräch ich mit ihrem Mann gern führen würde. Sie weiß es nicht, ist sich aber umso sicherer, dass das ihren Mann, der ja allein zuständig ist, nicht interessieren würde. Resigniert beende ich das Telefonat und klicke auf „Kunde nicht gesprächsbereit“.Wenn ich einmal annehme, dass die Kundin die Wahrheit gesprochen hat und das nicht alles nur gesagt hat, um mich abzuwimmeln, was natürlich sehr wahrscheinlich ist, dann werfen sich einige Fragen auf: Was für ein furchtbares Eheleben muss das sein, in dem man den eigenen Gatten, wenn überhaupt, immer nur ab 10 Uhr abends sieht? Welchem Stress muss dieser arme Mann haben, der erst einmal bis spät in die Nacht arbeiten muss und danach noch alle Fragen des täglichen Lebens beantworten muss, weil seine Frau ja nicht zuständig ist? Wie langweilig hingegen muss das Leben der Frau sein, die anscheinend keiner Arbeit nachgeht und sich noch nicht einmal um die häuslichen Angelegenheiten kümmert?? Sicherlich hat sie mich einfach nur loswerden wollen, aber wenn nur ein Fünkchen von ihren Schilderungen tatsächlich zutrifft, dann habe ich Mitleid mit ihr. Mit beiden. Vielleicht halten sie meine Interpretation für übertrieben, Sie kennen ja jetzt auch nur ein Gespräch. Aber wenn sie wüssten, wie viele untätige, gelangweilte und vor allem so gar nicht entscheidungsbefugte Ehefrauen ich in meinem Leben schon gesprochen habe, dann würden Sie mich verstehen. Als nächstes spreche ich mit einem empörten Rentner, dessen Frau im Hintergrund immer wieder „Anwalt! Anwalt!“ schreit, ihm schließlich den Hörer entreißt, um ihre Drohung noch einmal direkt in den Hörer zu brüllen. Kunde nicht gesprächsbereit. Relativ frustriert bearbeite ich hiernach eine Wiedervorlage von Petra, natürlich gibt mir die Kundin ihre Kontodaten, sie wurde ja zuvor tüchtig eingeschüchtert. Es folgen weitere erzürnte Drohungen, freundliche Ablehnungen, genervte Aufleger. Also ein Tag wie jeder andere. Endlich habe ich die erste Stunde geschafft. Arnold und Petra springen bereits auf gen Raucherraum und ich folge ihnen auf dem Fuße. Das ist doch seit der Schule die Angst eines jeden: In der Pause allein rauchen zu müssen. Ich komme trotz aller Eile ein wenig zu spät, das Gespräch ist bereits in vollem Gange. Zu meinen beiden Nachbarn haben sich noch Michael, der verkappte Jurist, und Jens, ein ehemaliger Soap-Darsteller gesellt. Sie unterhalten sich wie jeden Tag darüber, wie schlecht die Adressen seien, dass das Produkt vollkommen überholt und natürlich auch das schlechte Wetter an der schlechten Laune der Kunden schuld sei. Da dieses Thema überraschenderweise nach zwei Minuten vollkommen ausgelutscht ist, schweigen wir erst einmal für einige Sekunden und pusten uns vorgeblich gedankenverloren dicken Qualm um die Ohren. Das könnte die Chance sein mich einzuklinken, doch Jens kommt mir zuvor. „Habt ihr gestern das Supertalent gesehen?“ fragt er in die Runde und erntet begeisterte Resonanz. Man ist sich schnell einig, dass „diese Jasmin oder Jessica oder so ähnlich“ definitiv die Beste gewesen sei und jeder erzählt, was er im Fernsehen alles gesehen hat. Natürlich ist das bei jedem das gleiche, trotz allem werden sie nicht müde, sich gegenseitig ergänzend zu unterbrechen und zu korrigieren. Noch immer stehe ich stumm daneben, ich habe kein Privatfernsehen, und bemerke peinlich berührt, dass ich schon fast am Filter angelangt bin, obwohl ich doch erst später als die anderen meine Zigarette angezündet habe. Das liegt wohl an meinem allzu geringen Redeanteil. Vielleicht sollte es im wahren Leben ähnliche Regelungen geben wie im Fernsehen: Jedem sollte die gleiche Redezeit zur Verfügung stehen. Es gibt ja immer wieder Menschen, die sich sonst gar nicht einbringen können, weil sie permanent übertönt werden. Und auch bei meinen geschätzten Kollegen muss ich leider kritisieren, dass nicht der interessanteste, sondern der lauteste Beitrag die meiste Beachtung bekommt. Ich bin dann wohl einfach zu leise. Und hätte ganz nebenbei auch nichts zu sagen. Das Supertalent- ist das nicht so etwas wie „Deutschland sucht den Superstar“? Ich nehme mir vor, einmal eine dieser Sendungen zu schauen, damit ich irgendwann auch einmal mitreden kann. Ich verbrenne mir meine Finger an dem mittlerweile ziemlich verkohlten Filter, drücke die Kippe aus und verabschiede mich mit einem knappen „bis gleich“ um an meinen Arbeitsplatz zurück zu kehren. Niemand reagiert, aber das erwarte ich eigentlich auch nicht.
Angekommen auf dem „Floor“, wie wir ihn liebevoll nennen, spricht mich mein Teamleiter Torsten an und teilt mir mit, dass ich in Raum soundso gehen solle von wegen Produktschulung. Das ist doch mal eine willkommene Abwechslung! Rumsitzen und zuhören, sich die ein oder andere Notiz machen, das Meeting durch dumme Fragen künstlich verlängern- und das alles bezahlt. Beflissentlich eile ich in den angegebenen Raum. Dieser ist noch völlig leer, abgesehen von Frau Kretschmar, der Marketingdame unseres Auftraggebers, die sich sichtlich bemüht, ihren Laptop an den Beamer anzuschließen. Offensichtlich ist es ihr peinlich, dass sie das nicht schafft und ich bin ihr auch keine große Hilfe. Außerdem ist es mir nur Recht, wenn die Schulung durch diverse technische Ungereimtheiten noch ein wenig verzögert wird. Ich nehme mir einen Kaffee und warte. Nach und nach trudeln die anderen Teilnehmer ein (Ja, Herr Goldt, auch Teilnehmer können „eintrudeln“!). Petra und Jens sind auch dabei. Sie haben das Thema Supertalent offenbar abgeschlossen und debattieren nun lautstark über die Abwrackprämie. Dass Jens sich sofort der überforderten Frau Kretschmar zuwendet und ihr auf seine schmierige Art seine Hilfe anbietet, irritiert Petra in keinster Weise. Sie verlagert ihr Aufmerksamkeit auf das nächstbeste Publikum und das bin ich diesem Fall ich. Leider kann ich auch zu dieser Thematik nicht besonders viel beitragen und Petra gibt sich kollegial und holt noch mehr Kaffee. Da der Beamer auch mit Jens’ Hilfe immer noch störrisch ist, nutzt Petra die gewonnene Redezeit und erklärt mir, dass man Kaffeemaschinen am besten reinigt, indem man einfach ein Päckchen Backpulver in das Wasser schüttet und es dann ein paar Mal durchlaufen lässt. Ohne Kaffeepulver, versteht sich. Für Blumenvasen, Thermoskannen und sogar die Toilette verwendet sie einfach Coregatabs- aber die billigen. Scheuermilch sei das schlechteste überhaupt, behauptet sie, die würde die Oberflächen angreifen und damit dem Schmutz erst recht ermöglichen, sich festzusetzen. Ich bin tatsächlich erleichtert, als der Beamer endlich läuft und wir anfangen können. Für alle die, die sie noch nicht kennen, stellt sich Frau Kretschmar erst einmal vor. Danach bedankt sich sie überschwenglich bei uns für unsere überdurchschnittlichen Erfolge und verspricht in einem Nebensatz, dass wir auch bestimmt unter gewissen Umständen einmal vom Erfolg ihrer Firma profitieren könnten. Als kleinen Vorgeschmack bekommen wir ein bisschen Merchandise: einen Block und einen Kuli mit Firmenlogo drauf. Na toll. Dann erklärt sie uns lang und breit, was wir denn als nächstes telefonieren sollen. Dafür hat sie eigens eine PowerPoint Präsentation angefertigt, ist allerdings nicht in der Lage, vom Berarbeitungs- auf den Präsentationsmodus umzuschalten und so klickt sie verzweifelt auf den Folien herum, bis Jens sich endlich wieder einschaltet. Torsten, der mitterweile auch dazu gekommen ist murmelt irgendwas mit Frauen und Technik und Frau Kretschmar fährt fort. Wir sollen Bestandskunden anrufen und sie fragen, ob wir sie weiterhin anrufen dürfen. Dass das fast schon zynisch ist, scheint niemanden zu irritieren. Wir werden darauf hingewiesen, dass dies ein äußerst wichtiges Projekt sei und man sich voll und ganz auf uns verlasse. Jetzt ist die Präsentation zu Ende und Frau Kretschmann verteilt Handouts. Ich stelle die Frage, wie wir denn telefonisch um Erlaubnis fragen sollen, wenn wir doch gar keine Erlaubnis haben, uns telefonisch zu melden. Das weiß Frau Kretschmar auch nicht so genau und faselt irgendetwas von geänderten rechtlichen Grundlagen und fehlenden Angaben der Kunden. Torsten schaut mich böse an. Zweifel mag er nicht. Dafür haben die anderen auch noch ganz viele Fragen, allen voran Petra. Es passiert das, was immer passiert, wenn man Arbeitszeit herausschinden will: Alle fragen das gleiche, immer und immer wieder, und machen sich nicht einmal die Mühe, eine andere Formulierung zu verwenden. Danach kommt die „Ich-Phase“. Petra macht wieder einmal den Anfang: „Also ich hatte letztens einen Kunden dran, der wollte, dass…“ Torsten weist zum wiederholten Male darauf hin, dass man konkrete Probleme besser unter vier Augen besprechen sollte. Doch die „Ich-Phase“ kann er nicht mehr aufhalten. Jetzt will jeder von diesem einen Kunden berichten, der irgendwas wollte oder irgendwas gesagt hat. Frau Kretschmar lächelt milde. Im Grund wird von ihr auch nichts mehr erwartet, es geht nur noch darum, Dampf abzulassen. Als nächstes wird das Produkt verrissen. Dass wir dieses in Zukunft gar nicht mehr verkaufen sollen, scheint nicht mehr relevant. Auch Frau Kretschmars Einwände in dieser Hinsicht gehen unter. Auch sie ist einfach nicht laut genug. In Erwartung einer Diskussion, die sich noch etwas hinziehen könnte, hole ich mir noch einen Kaffee. Verstohlen schaue ich auf die Uhr auf meinem Handy. Wenn das hier so weiter geht, dann muss ich heute nicht mehr telefonieren. Also werfe ich meine Zurückhaltung über Bord und führe die Gruppe mit einer netten Anekdote zurück zu „Ich-Phase“. Ich erzähle von meiner letzten Kundin und deren viel beschäftigten Mann und beende meinen Redebeitrag mit der Frage, ob uns denn auch die Ehefrau meine Ansprechpartnerin sein dürfe. Irgendwie hatte ich Mitleid mit Frau Kretschmann und wollte sie auf diese Weise wieder in die Diskussion einbeziehen. Sie schaut unentschlossen in die Runde und entschuldigt sich, darüber keine Kenntnis zu haben. Sie will aber schnellstmöglich Rücksprache halten und uns sofort informieren. So lange sollten wir ausschließlich mit dem im Datensatz vermerkten Ansprechpartner sprechen. Dass dieses „so lange“ quasi eine endgültige Ansage ist, ist uns allen klar. Nur sehr selten machen sich die Auftraggeber die Mühe, sich noch über die Produktschulung hinaus mit den Fragen der Telefonisten auseinander zu setzen. Zumindest dann, wenn die Zahlen stimmen. Die Zahlen, immer wieder die Zahlen. Darüber definiert sich die ganze Branche. Die Zahlen stimmen heißt, dass das man schwarze Zahlen schreibt. Für uns heißt das, unser Soll und mehr zu erfüllen. Dafür gibt es sogenannte Zielvereinbarungen, die mit jedem einzelnen vereinbart werden und grundsätzlich über den bisherigen liegen. Wie man das macht, ist relativ nebensächlich. Parameter, die es zu beachten gilt, sind neben der absoluten Menge der Aufträge auch die Anzahlt der Gespräche, die ich führe und der Wins, die ich pro Stunde erreiche. Und so kann es einem durchaus passieren, dass man zwar eine unheimlich gute Quote an Aufträgen hat, aber Wind von vorn bekommt, weil man zu wenig Gespräche geführt hat. Oder andersherum. Der große Anspruch dahinter bleibt aber selbstverständlich immer, dass man „sauber“ telefoniert. Da sind die Grenzen aber recht schwammig. Nicht nur einmal habe ich es erlebt, dass man bewusst etwas verschweigen sollte, wenn der Kunde nicht explizit danach fragt. Also, liebe Kunden, fragt! Petra sagt immer, ich sei zu nett zu den Kunden. Und dass sie doch selbst Schuld hätten, wenn sie diesen Schund auch noch kaufen. Und im großen und ganzen stimmen da alle anderen in der Firma mit ihr überein. Dabei nennt sich das, was wir hier machen, doch Dialogmarketing. Den Dialog gibt es allerdings kaum, denn sobald man den Kunden zu Wort kommen lässt, beginnt er nachzudenken. Nachdenken ist das Ende des Direktverkaufs. Plötzlich klopfen meine Kollegen auf die Tische. Das Meeting scheint endlich vorbei zu sein. Wir können noch schnell eine rauchen gehen, meint Torsten gönnerhaft. Und selbstverständlich strömen wir alle geschlossen aus dem Raum und kramen bereits unsere Rauchwaren aus den Taschen. Im Pausenraum wird dann die neue Kampagne ausgiebig besprochen. Petra ist mal wieder am lautesten. Alle stimmen ihr zu, als sie Frau Kretschmar als graues Mauerblümchen bezeichnet. In diesem Moment erst betritt Jens den Raum, er hatte oben wohl noch beim Abkabeln des Beamers geholfen, und ist augenscheinlich nicht Petras Meinung. Er murmelt etwas von Objektivität, aber auch er ist zu leise. Vielleicht ist das der Grund, weshalb er sich so gut mit Frau Kretschmar verstanden hat. Ich sage einmal wieder gar nichts. Und kann doch irgendwie jeden hier verstehen. Wahrscheinlich muss Petra einfach laut sein, weil das ihre einzige Chance war, weiter zu leben. Vielleicht benötigt sie diese Dominanz, um sich selbst noch im Spiegel betrachten zu können. Sie weiß, dass sie nicht schön, groß und gebildet ist. Sie ist sich durchaus darüber im klaren, dass sie auf dem Pärchenmarkt keine Chance mehr hat. Und deswegen tut sie das einzige, was sie noch tun kann: Sie ist lauter als andere. Und ich muss zugeben, das kann sie wirklich gut. Jens scheint immer noch über Petras Äußerung verstimmt und zieht sich schweigend einen Kaffee aus dem Automaten. Ich wende mich ihm zu, weil ich das Gefühl habe, dass wir auf einer ähnlichen Wellenlänge sind, was die Lautstärke betrifft. Jens schaut mich dankbar an. Jetzt muss er nicht mehr allein rauchen. Er erzählt mir von einem Buch, dass ihn offenbar sehr berührt hat und wird mit jedem Wort leiser. Er blickt an mir vorbei aus dem Fenster, während er spricht. Die Sonne geht langsam unter, aber davon sehen wir nichts, es ist zu wolkig. Jens trinkt einen Schluck Kaffee und verbrennt sich die Zunge. Ich erschrecke mich und verschlucke nun meinerseits den gerade inhalierten Zigarettenrauch, denn plötzlich wird Jens laut! Er flucht und spuckt und verwendet Fäkalbegriffe und hat nun die Aufmerksamkeit der gesammelten Anwesenden. Petra haut ihm mütterlich auf den Rücken und die anderen geben schlaue Tips wie: „Du musst ganz ruhig atmen, Jens!“ Als er nicht mehr hustet und prustet, erzählt er allen von seinem Buch. Seine Stimme überschlägt sich mehrmals und klingt seltsam unnatürlich. Vermutlich erreicht er bei weitem nicht Petras Stimmvolumen. Mir kommt es vor, als würde er schreien. Jens will wohl auch einmal laut sein. Obwohl ich nun fast Feierabend habe, gehe ich alibimäßig noch einmal zu meinem Platz und tue arbeitsam. Aber Torsten schickt mich nach Hause und verspricht mir zwinkernd, mir die fehlenden zehn Minuten als Mitarbeiterbesprechung anzurechen. Es muss ja alles seine Ordnung haben hier. Jede Minute wird registriert. Eine Lücke in der Zeitabrechnung wird nicht bezahlt. Ich weiß jetzt schon, dass Torsten vergessen wird, mir die zehn Minuten anzurechnen, aber das ist mir egal. Die anderen lassen sich noch Zeit und rauchen mit Sicherheit noch eine zweite Zigarette bis es endlich 20.00 Uhr ist.
Sie haben nicht mehr den Anspruch so zu tun, als seinen sie besonders betriebsam. Während ich meine Sachen zusammen suche, frage ich mich, warum ich denn jetzt unbedingt noch einmal die Fleißige spielen musste. Im Grunde ist das hier doch alles völlig nichtig. Wir sind alle egal, ein Rad im Getriebe, eine Nummer auf der Gehaltsliste. Es ist wahr: Diese Branche genießt einen derartig schlechten Leumund, dass es mich wundert, dass sie überhaupt noch existiert. Und ich kann mich selbst noch nicht einmal ausnehmen. Verachte ich diese Menschen nicht auch? Ja, denn ehrenvoller ist es doch in jedem Fall, bei fremden Leuten putzen zu gehen, als gutgläubige Bürger über den Tisch zu ziehen. Oder wie finden Sie das? Nun bin ich einer von denen, die Sie tagtäglich nerven, belästigen, stören, Ihnen die Zeit stehlen und was weiß ich nicht noch alles. Ich bin so tief gesunken, dass ich deswegen nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen habe. Petras grelle Stimme lässt mich aufschrecken. „Mädels, wir gehen jetzt alle zusammen einen trinken“ brüllt sie in einem Ton, der keinen Widerspruch zulässt. Und es kommen auch alle mit. Ich fahre bei Arnold mit, der hat das größte Auto, einen alten Saab. Hinter mir auf der Rückbank sitzen Jens, Karim und Jaqueline. Die beiden tingeln seit Jahren durch diverse Call Center und nehmen nur Jobs an, bei denen sie gemeinsam arbeiten können. Ich weiß so gut wie nichts über sei, außer dass Jaqueline zum Islam konvertiert ist und seitdem behauptet, dass das Kopftragen unheimlich gut für die Haare sei, weil man ja die ganzen schädlichen Umwelteinflüsse nicht mehr ausgesetzt seien. Dass niemand ihre schönen Haare zu Gesicht bekommen darf, scheint ihr egal zu sein. Im Auto schweigen wir alle. Was wir während der Schicht so gut können, nämlich reden, fällt uns in dieser doch recht privaten Situation sichtlich schwer. Arnold schaltet das Autoradio an und sagt: „Das ist Mozart.“ Keiner reagiert und Arnold runzelt die Stirn. Endlich parkt den Wagen und wir gehen geschlossen in den „kleinen Mann“, wie bezeichnend. Das ist so ähnlich wie allein rauchen müssen: als erster die Kneipe betreten. Selten wird einem als Frau so oft der Vortritt gelassen, wie am Eingang einer gastronomischen Einrichtung. Petra sitzt mit der anderen Hälfte bereits an einem schweren Holztisch und bestellt Bier für alle. Es ist ihr egal, das Karim und Jaqueline die Köpfe schütteln. Die erste Runde ginge auf sie, verkündet sie geräuschvoll und platziert uns Neuankömmlinge nach einer imaginären Sitzordnung. Danach erklärt sie, dass Pärchen bei großen Runden nie nebeneinander sitzen sollten, das zerstöre die Gesprächsatmosphäre. Ich muss mich neben Jaqueline und Marten setzen. Marten hat schon mindestens ein Bier hinter sich und ich frage mich, wie er das so schnell hat schaffen können. Er wird sofort sehr zutraulich, obwohl wir bisher maximal fünf Wörter miteinander gewechselt haben und fragt mich auf seine direkte, aber durchaus aufdringliche Art, ob ich einen Freund hätte. Ich verneine wahrheitsgemäß und bereue schon in diesem Moment, nicht gelogen zu haben. Marten ist geschätze 20 Jahre älter als ich, war bestimmt mal nicht hässlich, aber man sieht ihm an, dass er in seinem Leben sicherlich nicht nur Bier getrunken hat. Irgendwann hatte er wohl mal ein eigenes Restaurant, das pleite gegangen ist und seitdem ist er bei uns. Nun berichtet er, dass seine Frau ihn vor Urzeiten verlassen habe, die Kinder habe sie mitgenommen und ihn würde sie nun ohne Skrupel finanziell ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Ein Umgangsverbot habe sie erwirkt. Ich habe keine Lust nachzufragen, warum er seine Kinder nicht mehr sehen darf. Dafür frage ich mich, warum er mir das alles erzählt. Manchmal trifft man einen Menschen und kommt gar nicht mehr zu Wort, dafür kennt man nach 15 Minuten seine ganze Lebensgeschichte. Was soll ich denn anstellen mit diesen Informationen? Möchte er jetzt Mitleid haben oder irgendwelche Ratschläge? Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass Ratschläge und Lösungsansätze nicht besonders gut ankommen. Fürs zuhören war ich dann gut genug, aber um eine Meinung dazu zu haben, fehlte mir offenbar die Qualifikation. Ich unterstelle, dass sich solche Menschen einfach gern selbst reden hören. Aber vielleicht fehlt mir da der Einblick. Nun hat Petra die Aufmerksamkeit wieder komplett an sich gerissen. Sie ist wohl ein bisschen sentimental geworden und steht auf, als die Kellnerin das Bier bringt. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass alle ihr Glas aufgenommen haben, hält sie eine kleine Rede. Sie freue sich, dass wir es endlich geschafft hätten, so gemütlich auch einmal privat beisammen zu sein und so weiter. So schafft sie es, nicht nur uns, sondern den ganze Laden in ihren Bann zu ziehen. Es würde mich nicht wundern, wenn gleich 30 Leute Beifall klatschten. Aber so gefesselt sind sie dann wohl doch nicht. Wir stoßen an und verteilen damit zirka anderthalb Liter Bier auf dem Tisch. Wohl an, denn. Jaqueline nippt an ihrem Bier und erntet dafür einen bitterbösen Blick von Karim. Der hat sein Glas von sich geschoben und ist nun beleidigt. Ich eile ihr zu Hilfe und nehme ihr das Getränk ab. Nach Petras Steilvorlage hab ich Angst, auch an die Reihe zu kommen und eine ganze Runde bestellen zu müssen, möchte aber vorher noch so viel trinken, dass mir das Geld egal wird. Also exe ich mein Bier und kümmere ich als nächstes um Jacquelines. „Respekt“, bekundet Marten. Es ist erstaunlich, dass man Männer so leicht beeindrucken kann. Wenn man als Frau viel verträgt, ein bisschen von Technik versteht und dann vielleicht auch noch ganz gut aussieht, hat man sie schon im Sack. Marten nimmt mein Trinkverhalten zum Anlass, mir von seinem eigenen Versuch, Bier zu brauen zu berichten. Ich bin nun doch dankbar, dass er neben mir sitzt. Ich hätte mich sonst mit Jaqueline unterhalten müssen, die sich immer noch einen Augenduell mit ihrem Gatten gibt. Also Bier brauen. Ich wusste nach 10 Minuten, dass Kölsch untergärig und Pils obergärig ist. Wieviel Hopfen kosten und dass Malz ja nur gebrannte Gerste ist. Dass man aber auch andere Getreidesorten zu Bier verarbeiten können und dass deswegen das Weizenbier Weizenbier heißt. Marten betont, wie wichtig es sei, dass es ein Reinheitsgebot gibt und dass er gar nicht wissen wolle, was die Holländer und Belgier so alles zusammen panschen.
Die nächste Runde bestellt er. Er ist so umsichtig, Jaqueline und Karim vorher zu fragen, was sie denn trinken wollten. Karim erachtet diese Frage als Affront, springt auf und stößt dabei seinen Stuhl nach hinten um. Ich muss an eine typische Saloonszene denken und warte gespannt, wer schneller schießt, Marten oder Karim. Aber es schießt keiner. Es ist Petra, die sie Situation entspannt. Sie sagt einfach nur: „Jeder kann trinken, was er will.“ und damit ist die Sache gegessen. Nur die Kellnerin hat das Nachsehen. Sie muss sich jetzt nicht mehr einfach nur sieben Bier, sondern zwei Pils, zwei Kölsch, einen Latte Macchiato, einen trockenen Rotwein, ein Wasser und einen Sex on the Beach merken. Den Cocktail bestellt Mariam, die mit Petra gekommen ist und bisher noch nicht viel gesagt hat. Sie wurde zwischen Michael und Karim platziert. Ihre Bestellung sorgt für helle Aufregung bei Marten. Offenbar findet er eine Frau, die das Wort Sex in den Mund nimmt, noch beeindruckender als eine, die viel Bier trinken kann. Der achte in der Runde ist Frank. Über Frank weiß ich nichts. Aber er scheint auch einer von der leisen Sorte zu sein, deshalb spreche ich ihn quer über den Tisch an und stelle die unter Call Center meistgestellte Frage: „Wie hat es dich denn zu uns verschlagen?“ Diese Frage drängt sich deswegen so auf, weil es wohl niemandes konkreter Wunsch ist, einmal als Telefonist arbeiten zu dürfen. Wir alle hatte irgendwann einmal so etwas wie einen richtigen Beruf. Oder wenigstens einen Berufswunsch. Und dass wir hier alle in dieser Kombination zusammen sitzen, ist das Resultat unserer schicksalsreichen Lebensläufe. Wir sitzen hier miteinander, weil wir nicht wissen, wo und mit wem wir sonst sitzen sollten. Frank zuckt mit den Schultern. Er scheint es selbst nicht zu wissen. Dann schüttelt er einfach den Kopf und lächelt resigniert. „Und du?“ fragt er. Jetzt ist es an mir, mit den Schultern zu zucken und den Kopf zu schütteln. Ich schäme mich für meine Geschichte. Hilflos schaue ich Frank an, er prostet mir zu, wir trinken. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, warum wir hier sind. Vielleicht ist es nur wichtig, dass wir hier sind. Ich schaue mir die Runde noch einmal genau an. Links neben mir unterhalten sich Jaqueline, Michael, Marium und Karim angeregt über irgendetwas religiöses. Was für eine Kombination: Der Philosoph, der Moslem und die Konvertitin. Mir gegenüber gibt Michael Petra gerade rechtlichen Beistand wegen irgendeiner Mietsache und zu meiner rechten hat Marten in Frank einen geduldigen Zuhörer in Sachen Brauerei gefunden. Und plötzliche bemerke ich, dass ich mittendrin bin. Dass ich vom stillen Beobachter zu einem Teil der Gruppe geworden bin. Fast automatisch fliegen mir die Worte aus dem Mund und ich höre mich selbst fragen, was der Unterschied zwischen hellem Bier und Schwarzbier sei. Marten gibt mir willig Auskunft und ich fange an, das, was er sagt sogar interessant zu finden. Er freut sich sichtlich über das rege Interesse und redet sich langsam warm. Ich stelle fest, dass er eine wunderbare Stimme hat und eine Art zu erzählen, die einen in ihren Bann zieht, obwohl es nur um ein so banales Thema geht. Er blüht auf, ist ganz in seinem Element. Seine Wangen glühen rot wie die eines Kindes, das mit seinem Lieblingsspielzeug spielt. Sein Eifer und seine Freude sind einfach ansteckend, so dass sich bald die ganze Gruppe ihm zuwendet und sich in der Geschichte des Bieres unterweisen lässt. Selbst Petra schweigt still und lächelt selig vor sich hin. Marten beendet seinen Monolog mit den Worten: „Jetzt habe ich so viel darüber gesprochen, da muss ich erst mal einen trinken.“ Alles lacht. Man ist gelöst. Und es entspinnen sich zwanglos weitere Gespräche, neue Themen kommen ins Spiel, jeder ist einmal an der Reihe. Sogar der stille Arnold lässt sich dazu herab, einen Witz zu erzählen. Irgendwann sind wir müde. Die Redepausen werden etwas länger, doch das Schweigen fühlt sich genauso gut an wie vorher die angeregten Diskussionen. Jaqueline und Karim verabschieden sich als erste. Sie haben den weitesten Weg und müssen die letzte Bahn kriegen. Dass sie eigentlich noch bleiben wollen, sieht man aus 20 Metern Entfernung. Doch was soll’s. Morgen sehen wir uns ja wieder, versichern sie schwermütig und verlassen dann schweren Herzens Hand in Hand den „Kleinen Mann“. Arnold, Mariam und Michael schließen sich alsbald an. Die Männer nehmen Mariam in die Mitte und versprechen uns hoch und heilig, die Dame bis zur Haustür zu begleiten. Wir übrigen vier bleiben noch ein Weilchen, auf ein Bier, eine Zigarette, und Petra erzählt von ihren Töchtern. Sie sagt, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihnen habe und nicht mehr wisse, wie sie jemals wieder gut machen könne, was sie in jungen Jahren versäumt habe. Sie spricht leise. Es ist nicht mehr nötig, laut zu werden. Wir hören ihr auch so zu. Schließlich beschließen wir, auch aufzubrechen. An einer Kreuzung biegt Petra als einzige links ab, Marten, Frank und ich müssen noch ein Stück geradeaus. Sie umarmt jeden von uns lang und fest. Ich habe den Eindruck, dass ihre Augen feucht werden, als sie sagt: „So einen schönen Abend hatte ich lang nicht mehr“. Dann dreht sie sich um läuft, rennt eigentlich fast, davon. Am nächsten Tag ist Petra nicht mehr da. Es ist 14.00 Uhr, ich führe das erste Gespräch des Tages und Torsten legt mir einen Zettel auf den Tisch: „Neben Dir sitzt jetzt Susanne, kümmer Dich ein bisschen um sie.“
Von Julka84 am
31. Juli 2010 veröffentlicht
Der Kapuzenmann wurde an einem braungrauen Regentag im November geboren. Später hieß es oft er trüge Kapuzen, weil es im November immer regnete. Aber das ist schlicht ein Beleg der menschlichen Hybris. Ständig sind wir darauf bedacht Sinnhaftigkeiten zu konstruieren, Muster zu sehen, Zusammenhänge herzustellen. Das Andere musste in unsere Formen gepresst werden, sonst würden wir es zum Teufel jagen. Eine Erklärung jagt die andere, eine Prämisse wird durch eine weitere legitimiert, beflügelt bis wir in den himmlischen Sphären Gott treffen oder untermauert, bis wir in klammfeuchter Erde dem Tod begegnen. So war es auch mit dem Kapuzenmann. Dass er anders war, sah man auf den ersten Blick.
Als ich ihn das erste Mal sah war er wohl so um die vierzig, ich dreiundzwanzig, in studentischem Traumnebel verhaftet und ob meines Literaturstudiums durchaus nicht mehr romantisch veranlagt. Ich begegnete ihm im Café „Blauer Reiter“ und er nahm mir den Atem. Es wäre falsch zu behaupten es verschlüge mir den Atem. Denn dann hätte ich einer unbestimmten Es-Gewalt eine Macht über mich zugestanden, die den Kapuzenmann reduziert hätte. Das es sich derart verhielt, war mir vom ersten Moment an glasklar. Er setzte sich an einen Fenstertisch, ließ sich einen Tee bringen, saß aufrecht da ohne verkrampft zu wirken und starrte in den feuchten Herbsttag, der den Blätterhaufen vor der Straße einen modrigen Geruch abrang. Er trug Bluejeans und einen marinefarbenen Kapuzenpullover. Von meinem Platz aus konnte ich nur seinen Rücken sehen und mir die Schulterblätter unter seinem Pullover ausmalen. Seine Hände, die die Teetasse nicht anrührten, waren groß, kräftig, ad hoc hielt ich sie für salzig. Gleichsam wirkten sie weich. Ich vermochte es nicht meine Blicke von ihm zu wenden, wie ein Magnet hatte er mich angezogen, nur gab es keinen Gegenpol, mit dessen Hilfe ich mich seiner hätte entziehen können. Gebannt beobachtete ich ihn. Meine Augen wagten es nicht zu blinzeln und wurden trocken.
Nach etwa zehn Minuten erhob er sich, zahlte ohne ein Wort zu sagen, drehte sich für einen Augenblick zu mir, so dass sich unsere Blicke trafen. Sein Gesicht war schön, selbst im Zwielicht aus Herbstgrau, Neonlicht und dem Schatten, den seine Kapuze über sein Antlitz warf. Mattblonde Haarsträhnen umrahmten sein Gesicht; volle Lippen, eine kleine weiche Nase und Augen, deren blaugraugrün eine Ruhe aussendeten, die sich in mir spiegelte, als würden helle Worte in einer dieser mattschattigen orthodoxen Kirchen Sibiriens den Raum füllen. Seine im Grunde ausdruckslosen Ruheaugen schienen alles Denkbare gesehen zu haben. Indes gereichten sie mir zum Leid. Denn ein solcher Blick, da war ich mir sicher, konnte nur Beliebigkeit bedeuten und zwar die alles negierende Beliebigkeit des Seins. Früher hatte ich mich immer darüber empört, dass das Sein eben „Sein“ hieß und nicht etwa „Ihr“, genauso wie es die Erde und nicht die Siede heißt. Sein Blick tilgte diese Empörung, die Welt war tatsächlich männlich. Er ging.
Ohne zu zögern stand ich auf, zog meinen Ledermantel an, warf mir mein Tuch um den Hals, zahlte hastig und schritt auf die Straße. Er war fort. Die Straße war lang, in so kurzer Zeit hätte er es unmöglich bis zur nächsten Ecke schaffen können. Ich war verwirrt, ging zurück ins Café. Seine Tasse stand nach wie auf dem Tisch, an dem er gesessen hatte, also konnte ich ihn mir nicht eingebildet haben. Mein Herz schlug allmählich langsamer, ich trat erneut zur Tür hinaus und blickte mich genau um. Von ihm keine Spur, nichts, nada. Ich drehte mir eine Zigarette, zündete sie an, nachdem ich mein Feuerzeug gefunden hatte und sog den Rauch tief in meine Lungen. Ich wusste, ich würde nach Hause gehen und mir einen Joint drehen. Langsam ging ich die Straßen entlang, ich hätte die Straßenbahn nehmen können, konnte mich aber nicht dazu durchringen. Nieselregen setzte ein und plötzlich besann ich mich darauf, dass mir der Kapuzenmann bekannt vorkam. Ich werde ihn schon einmal gesehen haben müssen, dachte ich, nur wo und wann? Ich durchforstete mein Gedächtnis, meine Erinnerungen und die gelegentlichen Tagträume, aber niemand, der mir in den Sinn kam, kam auch nur annähernd in Frage der Kapuzenmann gewesen sein zu können. Ich passierte einen kleinen Park. Im letzten Herbst hatten Johannes und ich uns hier ausgelassen in die Laubhügel geworfen, die die Stadtreinigung hatte auftürmen lassen. Wir haben uns mit klammem Laub beworfen, waren einander ausgewichen um uns zu finden, lachten und küssten einander. Johannes hatte es Laubtaumeltanz genannt, seine Wangen glühten noch, als wir in meiner WG ankamen. In meinem Zimmer war es wie immer kalt gewesen, er wollte mich wärmen, war übermütig glücklich. Mich erschauderte die Lust, mit der er mir über mein Haar strich, mich entkleidete und liebkoste. Wir waren seit Jahren ein Paar und noch immer faszinierten ihn meine Brüste und Achselhöhlen, meine tief liegenden Schlüsselbeinknochen, der Leberfleck in meinem Bauchnabel. Behutsam streichelte er mich, tastete sich entlang imaginärer Fahrrinnen auf meinen Schenkeln. Doch warm wurde mir nicht. Mir wurde schal zumute, trotzdem ließ ich ihn gewähren. Es war nicht das erste Mal, dass mich sein Glück an meinem stummen Körper überfordert hatte. Ich war immer wieder erstaunt und perplex wie einfach es war ihn glücklich zu machen. Es reichte vollkommen aus, dass ich mich nackt auf meine Matratze legte, meinen Mund ganz leicht öffnete und ihm direkt in die Augen blickte. Er sagte er liebe mich, drang langsam in mich ein und genoss unsere Bewegungen. Als er in mir kam, hielt ich ihn fest umschlungen. Ich hielt ihn fest und hielt es aus. Zwei Wochen später trennte ich mich. Er verließ meine Matratze, den Park, die Stadt. Bekannte meinten er unternehme eine Weltreise und dass es ihm in Buenos Aires sehr gut gefalle. Ich wusste, dass er zu empfindsam war um Buenos Aires zu mögen, obwohl ich selber noch nie dort gewesen bin.
Als ich vor meiner Wohnungstür ankam, war es bereits dunkel. Ich schloss die Tür auf, streichelte meinen Kater, gab ihm zu fressen. Außer mir war niemand zuhause. Der Kapuzenmann ging mir nicht aus dem Kopf, sein Rücken, seine Schultern, seine Augen sah ich unbeirrt vor mir, sobald ich meine Augen schloss. Ich setzte mich auf das Küchensofa, baute mir einen Joint und zündete ihn an. Ich war nicht imstande einen klaren Gedanken zu fassen, ging aufs Klo, vermied es mich im Spiegel anzusehen, ging erneut in die Küche zu Kater und Joint. Es half nichts. Ich ging in mein Zimmer und trat ans Fenster. Draußen war es stockduster und regnete. Trotzdem sah ich ihn. Er sah zu mir hoch, ich war mir ganz sicher.
Es schien sogar als lächelte er, ganz und gar unnosographisch. Erneut wurden meine Lungen schwer. Ich konnte für Sekunden nicht atmen. Er schritt indes auf meine Haustür zu, wenig später klingelte es. Benommen ging ich über den Flur zur Tür und öffnete. Da stand er, groß und durchnässt. Er blickte mir in die Augen und ich meinte mein Herz bliebe stehen. Ich konnte weder sprechen noch mich bewegen. Lange schien mir, verharrten wir so. Schließlich wandte er seinen Blick ab, musterte mich, den Joint in meiner linken Hand und den Kater, der sich hinter mir positioniert hatte. Ernst fragte er mich wann ich geboren sei. „Mitte Juli“ stammelte ich. „Also bist du Krebs vom Sternzeichen?“ raunte seine Stimme unter der Kapuze. „Ja“, sagte ich klamm. Er lächelte matt, vollkommen souverän und wendete sich um. „Du bist noch nicht reif“, sagte er schlicht, „mit dir hat es noch keinen Sinn.“ Ich sah ihm nach, wie er die Treppenstufen hinunter ging, dann rannte ich an mein Fenster um ihn auf der Straße zu sehen. Er war fort. Ich sank auf meiner Matratze zusammen, weinte gleichmäßige salzige Tränen.
Zwei Wochen später erhielt ich eine Postkarte aus Buenos Aires. Auf ihr stand: „das Wetter ist wechselhaft.“
Von Nebel am
26. Juli 2010 veröffentlicht
Es war später Nachmittag im Studentenwohnheim. Auf den Gängen standen einige Kommilitonen in Grüppchen zusammen. Über die Unterhaltungen hinweg, die sich um die meist typischen Themen wie den Ärger über den Professor oder die Pläne für das kommende Wochenende handelten, war hin und wieder ein Lachen zu hören. Sonst war es relativ ruhig.
Und gerade wegen dieser Ruhe war der Schrei aus einem der hinteren Zimmer des Ganges deutlich zu hören. Der Schrei einer Frau, zu dem sich bald eine männliche Stimme gesellte, die ebenso laut, wenn nicht lauter war.
Die Köpfe der ca. 15 Studenten auf dem Gang ruckten gleichzeitig, einer Choreografie ähnlich, zu der unerwarteten Geräuschquelle herum. Aus welchem Zimmer die Stimmen kamen war schwer auszumachen, und auch, worum es ging, da sich die weibliche Stimme mehrfach überschlug. Auch, ob es sich bei ihr um Rage oder Angst handelte, war nicht auszumachen.
Einige der Kommilitonen tauschten Blicke. Der erste Schreck war schnell der Neugier gewichen, und vielleicht wusste ja der Stehnachbar, worum es ging.
Als diese jedoch in ebenso verwunderte Gesichter blickten, wandten sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Ende des Ganges zu.
Die Neugier wurde ein wenig befriedigt, als eine Tür aufgerissen wurde und eine junge Frau weinend den Gang hinunterrannte. Obwohl sie ihre aufgeknöpfte Bluse mit ihren Händen um sich geschlungen hatte, schenkte sie der kleinen Menge im Gang keine Beachtung. Während sie laut schluchzend auf das Treppenhaus zusteuerte, löste sich Diana, eine der Studentinnen, mit einem Fluch aus der Gruppe, um der Flüchtenden, ihrer Freundin Leonie, zu folgen.
Nun wusste jeder, wem er die lauten Stimmen aus dem Zimmer zuzuordnen hatte.
Drei der Kommilitonen, zwei Männer und eine Frau, liefen an den Ort des Geschehens, dessen Tür noch weit geöffnet war. Die restlichen Studenten blieben ratlos stehen, tauschten jedoch sofort ihre Vermutungen aus.
Felix stand in seinem Zimmer. Ihm war deutlich anzusehen, dass er nicht wusste ob er bleiben oder Leonie folgen sollte. Sein sonst so gutaussehendes Gesicht war von Verwirrung und Schock gezeichnet.
“Alter”, rief Tim, ein jahrelanger und guter Freund Felix`. “was geht`n ab?”
Tims saloppe Ausdrucksweise, war ein Teil seiner Art, das Leben nicht so ernst und auch mit seinen 22 Jahren vieles auf die leichte Schulter zu nehmen. Bei seinen Kommilitonen war er durch seine fast immer währende Fröhlichkeit und Ausgeglichenheit sehr beliebt. Vor allem die Frauen zog er damit fast magisch an, was er nicht bedauerte.
Nun, da sein Freund in offensichtlichen Schwierigkeiten steckte, auch wenn die Tragweite derer noch nicht klar zu erkennen war, zeigte seine Sprechweise, wie sehr sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen war, auch wenn nun Verwirrung in seinen Worten lag.
Julian, der neben Tim stand, wechselte einen schnellen Blick mit Tine, seiner Freundin. Julian und Tine waren ebenfalls Felix`Freunde, wenn auch nicht in einer so engen Beziehung wie es bei Tim der Fall war.
Tine wandte ihren Blick wieder Felix zu, der bis auf eine Boxershort unbekleidet war. Wut lag in ihrer Stimme, während sie in ihre hintere Hosentasche griff und ihr Handy herausholte. “Ich fass es nicht. Ich ruf jetzt die Polizei.” Damit drehte sie sich um, um das Zimmer zu verlassen.
“Hey, bleib doch mal cool”, rief Tim. “Du weißt doch garnicht was passiert ist.”
Felix war nicht in der Lage sich zu verteidigen. Noch immer stand ihm der Schreck, nun aber auch Unsicherheit, ins Gesicht geschrieben.
“Ach nein?” schleuderte Tine zurück und zwängte sich durch die Gruppe Schaulustiger, die sich vor der Zimmertür versammelt hatte. Dann war sie verschwunden.
Julian, der ihr nachgeschaut hatte, bis sie nicht mehr in seinem Blickfeld war, schloss die Tür, um Felix vor der gaffenden Menge zu schützen.
“Okay, okay”, sagte Julian und machte eine beschwichtigende Geste, die signalisieren sollte, sich erstmal zu beruhigen. “Was ist passiert?”, fragte er. Seine ruhige und vertrauenserweckende Art, brachte Felix erstmals dazu, sein bisheriges Schweigen zu brechen.
“Ich weiß nicht… ich weiß es nicht”, sagte Felix aufgebracht und lief ziellos und gehetzt durch sein Zimmer. Als wäre seine Kraft aus ihm gewichen, setzte er sich auf das Bett und legte sein Gesicht in seine Hände. Nun, da Tine das Zimmer verlassen hatte, konnte er sich wenigstens etwas entspannen. Natürlich war ihm klar, welche Schlussfolgerung sich jedem, der die Situation sah, aufdrängen musste. Doch die Tatsache, dass sich seine beiden Freunde die Geschichte in Ruhe anhören und erst dann vorurteilsfrei entscheiden würden was zu tun sei, beruhigte ihn. Er wusste dass Julian und Tim so handeln würden und das gab ihm zum ersten Mal das Gefühl von Sicherheit.
Seit jeher war Felix der Sunnyboy des Studentenheims gewesen. Offenheit, Charme und Humor lagen in seiner Ausstrahlung und durch sein gutes, gepflegtes Aussehen standen die jungen Damen Schlange bei ihm. Fest binden hatte er sich nie wollen, sein primäres Ziel Arzt zu werden, nahm seine Zukunftspläne zu sehr in Anspruch. Und dass der 23jährige sein Ziel erreichen würde, daran zweifelten weder seine Kommilitonen, noch seine Professoren. Die ein oder andere kurzweilige, romantische Liebesbeziehung konnte er jedoch nicht von der Hand weisen, womit er allerdings, im Gegensatz zu der jeweiligen begünstigten Kommilitonin, diskret umging.
Nun war von Felix` herzlicher Art nichts übrig geblieben. Das Gesicht noch immer in seinen Händen vergraben, war ihm der Schock noch immer deutlich anzusehen.
Tim zog sich einen Stuhl heran, auf den er sich verkehrt herum setzte, und ließ seinem Freund Zeit, sich erst einmal zu beruhigen. Auch Julian erkannte, dass er mit Drängen nicht weiterkommen würde und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand und fixierte lediglich seinen Kumpel.
Einige Minuten vergingen, in den nur hin und wieder Felix` aufgebrachtes Atmen zu hören war. Dann hob er seinen Kopf und sah unsicher zwischen Tim und Julian hin und her.
„Ihr glaubt doch nicht, was alle jetzt glauben werden, oder?“, fragte er gedämpft.
„Was sollen wir denn glauben?“, fragte Julian, der, im Gegensatz zu Tim, bereit war, härter mit Felix ins Gericht zu gehen, sollte sich die Vermutung, die er hegte, bestätigen.
„Ich… ich hab` nichts getan… wirklich nicht. Leonie ist mit mir auf`s Zimmer gegangen, wir waren die letzten Wochen viel zusammen. Das weißt du doch Tim“, sagte er und sah seinen Freund bittend an. Tim nickte lediglich, um ihn nicht am Weitersprechen zu hindern.
„Na ja…“, Felix stockte kurz. Nun ins Detail zu gehen war ihm vor seinen Freunden peinlich, doch die Situation forderte ihn dazu auf, sich zu verteidigen. Scham war da Fehl am Platz, Felix wusste das.
„Wir haben bisher noch nichts gehabt, aber es war klar, dass es irgendwann dazu kommen würde. Leonie war in mich verknallt, ein Blinder konnte das sehen. Ich wollt` ihr keine Hoffnungen machen, aber heute kam sie mit zu mir auf`s Zimmer und wollte mehr.“ Wieder flog sein Blick zwischen Tim und Julian hin und her. „Was hättet ihr denn gemacht?“, fragte Felix, um seinen Freunden klar zu machen, dass sich kein Mann ein bisschen Spaß entgehen lassen würden.
Tim konnte ihn gut verstehen. Die 19jährige Philosophiestudentin war eine der hübschesten Frauen des Wohnheims. Dass sie aus gutem Hause kam und eine entsprechende Erziehung genossen hatte, merkten die Menschen in ihrem Umkreis sofort. Stets pünktlich und pflichtbewusst ging sie ihrem Studium nach. Ihr engerer Freundeskreis kannte sie zudem als fröhliche und spontane junge Frau, die auch gern mal mit ihren Freunden eine Nacht durchfeierte. Wo ihre Grenzen lagen wusste sie jedoch, nie hätte man sie in einer unwürdigen, betrunkenen Situation erlebt. Leonie war eine kühle, attraktive Schönheit, die die Männer unbewusst anlockte, bei Avancen derselbigen jedoch schnell abblockte und schon mal mit Arroganz reagierte, wenn das männliche Geschlecht hartnäckig wurde. Mit ihren langen, blonden Haaren, ihrer hellen Haut und ihrer großen, schlanken Figur weckte sie oft Assoziationen zu den unterkühlten Skandinavierinnen, deren Abstammung sie jedoch nicht teilte.
Vor einem halben Jahr war sie in das Wohnheim gezogen und teilte sich das Zimmer fortan mit Diana. Die Chemie hatte von Anfang an gestimmt, und schon bald war eine innige Freundschaft zwischen ihr und Diana, der 20jährigen Mathematikstudentin entstanden. Schnell war ihr Felix ins Auge gefallen. Er war einer der attraktivsten Männer, die sie in ihrem bisherigen Leben gesehen hatte. Von seinem gut gebauten, schlanken Körper, seinen blonden Strähnen die ihm nachlässig ins Gesicht fielen und vor allem von seinem natürlichen Charme fühlte sie sich extrem angezogen. Sie hatte bisher kaum Erfahrungen mit Männern gemacht und war daher umso verwirrter, als der Charmeur sie fortan sogar in ihren intimsten Träumen besuchte.
Durch ihre gute Bekanntschaft ihrer Zimmernachbarn Julian und Tine, die schon ein Paar waren als sie in das Wohnheim gezogen war, hatte sie Felix persönlich kennenlernen dürfen und ärgerte sich nach dem ersten Zusammentreffen umso mehr über sich selbst, da sie unsicher herumgestottert hatte, nachdem Felix sie unverbindlich angesprochen hatte. War sie denn nicht mehr in der Lage, zwei zusammenhängende Sätze zu sprechen, nur weil Felix sie nach ihrem Studium gefragt hatte? Wo war die toughe, selbstbewusste Leo geblieben?
Schon eine Woche später musste Leo sich eingestehen, dass sie sich in den „Aufreißer“, wie sie ihn im Stillen oft nannte, verliebt hatte. Ihr war nicht entgangen, dass er stets von weiblicher Gesellschaft umringt war, deren flüchtigen Körperkontakt er auch auf dem Universitätsgelände nicht scheute. Fortan setzte sie viel daran, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Dass andere Kommilitoninnen ihn umarmten oder sich (wie billig) sogar in aller Öffentlichkeit an ihn schmiegten, gab ihr einen Stich ins Herz, was sie zwar verwirrte, aber auch zu Ehrgeiz anstachelte.
Diana merkte schnell was in ihrer Freundin vorging und riet ihr von Felix ab. „Für eine Nacht bist du dir zu schade“, sagte sie ihr eines Abends, während sie mit einer Tüte Chips auf ihrem Bett saßen. „Du solltest dir einen Mann suchen, der es ernst mit dir meint, das kannst du von Felix nicht erwarten.“ Diana sah in Leos bedrücktes Gesicht und versuchte vorsichtiger fortzufahren: „Ich meine, er is` nicht verkehrt und als Kumpel bestimmt super, aber als dein Freund? Ich mein` wir leben nicht mehr in den Fünfzigern, aber gerade an deiner Stelle würde ich mir jemanden suchen, der an etwas ernstem interessiert ist.“
Diana hatte das in dem Bewusstsein gesagt, dass Leo noch Jungfrau war und auf „den Richtigen“ warten wollte.
Leo hatte nur mit den Schultern gezuckt und geschwiegen. Sie wusste dass ihre Freundin Recht hatte und ihr nur einen guten Ratschlag hatte geben wollen, doch gegen ihre Gefühle war sie machtlos.
Einige Tage später fasste Leo sich ein Herz und sprach ihn im Gang des Wohnheims an, als er gerade von einem Fußballspiel mit seinen Kumpels zurückkam. Der Augenblick war günstig, da er allein war, auf dem Weg in sein Zimmer. Als sie ihn in seinem durchgeschwitzten T-Shirt sah, versuchte sie, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Warum musste der Kerl auch so verdammt gut aussehen?
„Hi“, sagte sie so ungezwungen wie es ihr in diesem Moment möglich war. „Sag mal… hast du Lust morgen was mit mir zu machen? Also, ich mein, so, also nich`… nur so, falls du magst.“ Innerlich schlug sie ihre Hand mehrmals an ihre Stirn, doch sie durfte sich jetzt bloß nichts anmerken lassen. Wie blöd konnte man sein?
Felix grinste sie mit einem verschmitzten Lächeln an, und hätte sie mehr Erfahrung mit Männern gehabt, hätte sie sofort gemerkt, dass er sie durchschaut hatte. Seine Erfahrungen mit Frauen lagen um viele Level höher, und er erkannte ein verliebtes Mädchen, wenn es vor ihm stand. Freundlich sagte er:“ Sicher. Worauf hättest du denn Lust?“
„Keine Ahnung… ich weiß nicht“, erwiderte Leo schüchtern, und wieder klatschte ihre Hand gedanklich gegen ihre Stirn.
„Dann muss ich wohl übernehmen“, erwiderte Felix lächelnd, und ließ somit Leos Knie weich werden.
„Lass uns morgen ins Kino gehen… nur so, falls du magst“, gab er in Leos vorheriger Formulierung zurück.
„Okay“, war alles, was Leo erwidern konnte.
„Dann bis morgen“, sagte Felix, zwinkerte ihr schelmisch zu und verschwand in seinem Zimmer.
Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, und sie nun allein im Gang war, ließ sie ihre Hand tatsächlich gegen ihre Stirn klatschen. „Mein Gott, wie alt bin ich denn!? Bist du nicht in der Lage dich mal zusammenzureißen?“ flüsterte Leo aufgebracht. Doch schon im nächsten Moment gewann die Freude über ihr gelungenes Vorhaben die Oberhand, und sie lief euphorisch in ihr Zimmer, schon mit der Überlegung beschäftigt, was sie morgen anziehen solle.
Obwohl sie am nächsten Tag fremdes Gebiet betrat, war dieser einer der bisher schönsten in ihrem Leben. Im Kino hatte Felix sie in ihren Arm genommen und Leo verbrachte den Film angekuschelt an seiner Seite. Danach waren sie in der Altstadt spazieren gegangen und Leo fragte sich, wie sie nur so nervös hatte sein können. Felix war einer der nettesten Menschen, die sie bisher kennengelernt hatte. Sein natürlicher Humor brachte sie immer wieder zum Lachen, und sein sympathischer Charme lud sie dazu ein sich während des Spaziergangs an ihn zu schmiegen. Sie kamen an diesem Abend spät ins Wohnheim zurück, der Gang war leer. Vor der Tür gab er ihr einen sanften Kuss, den sie nur zu gern erwiderte. Felix hatte schnell gemerkt, dass sie noch unerfahren war, und ging daher sachte vor.
In den folgenden Wochen trafen sich Felix und Leo regelmäßig, und obwohl er keine Äußerungen zu einer Beziehung von sich gab, war Leo überglücklich. Natürlich hätte sie sich eine Beziehung mit ihm gewünscht, doch allein die immer intimer werdende Nähe zu ihm, erfüllte sie mit einem riesigen Glücksgefühl. Diana, sowie Tine und Julian, verfolgten die Situation äußerst skeptisch. Ihnen war klar, dass Felix ihr früher oder später das Herz brechen würde, doch für solche Gespräche war sie fortan nicht mehr zugänglich.
Erst wenige Tage zuvor hatte Tine sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihn mit einer anderen Studentin zusammen gesehen hatte. Sie hatten sich geküsst. Als Leos Freundin sah sie sich verpflichtet ihr das mitzuteilen und ihr somit die Augen zu öffnen. Leo hatte, allen Erwartungen Tines zum Trotz, wütend reagiert und ihr vorgeworfen zu lügen um einen Keil zwischen ihr und ihm zu treiben. Tine erwiderte nichts mehr darauf und schnitt das Thema auch nicht mehr an. Natürlich lag ihr Leos Wohl am Herzen, doch als Lügnerin ließ sie sich nicht betiteln. Sollte sie doch sehen was sie in spätestens zwei Monaten davon hatte!
Doch dass es so kam, das hatte sie nicht gewollt. Nun rannte sie den Gang hinunter und durch das Treppenhaus in die untere Etage, das Handy an ihrem Ohr. Während sie einem Polizisten am anderen Ende der Leitung erklärte was geschehen war, steuerte sie Leos Zimmer an, vor deren verschlossener Tür schon Diana stand und dagegenschlug.
„Leo wollte mit mir schlafen. Das hat sie so gesagt,als wir hier im Zimmer waren“, flüsterte Felix niedergeschlagen, während sein Blick nun auf dem Boden verweilte.
„Und so kam`s dann wie`s kommen musste. Wir haben uns halt hier hingelegt und… hey mann, sie wollte es wirklich“, fuhr Felix auf, nachdem er hochgeschaut und Julians Blick aufgefangen hatte.
„Erzähl einfach ma` weiter“, sagte Julian kühl, seine Arme noch immer verschränkt.
„Sie hat mich ausgezogen. Sie – mich“, wiederholte Felix überdeutlich. „Und als ich dann ihre Bluse aufgeknöpft hab`, is` sie total ausgeflippt und hat mir eine gescheuert. Ich hab` sie gefragt was denn los sei, ich mein` ich hab echt nix mehr kapiert, aber da hat sie mich schon weggestoßen und wollte zur Tür rennen. Ich mein, ich musste sie ja aufhalten, nur im BH konnte ich sie ja schlecht über den Flur laufen lassen, oder? Ich weiß nich` was sie da dachte, als ich sie festgehalten hab, aber sie fing an rumzuschreien und ich musste auch lauter werden um überhaupt zu raffen was los is`. Da wurde sie hysterisch und ich hab sie losgelassen weil ich mir dachte, lieber lass ich sie laufen, als dass du dir wie ein Vergewaltiger vorkommst. Und dann ist sie einfach rausgerannt… den Rest kennt ihr ja.“
Nachdem Felix seine Erklärung beendet hatte, war es einige Zeit still im Zimmer. Felix starrte wieder den Teppich an, als würde der ihm eine Erklärung liefern können, um dann sein Gesicht wieder in den Händen zu vergraben.
„Ich glaube dir“, sagte Tim, die Stille jäh unterbrechend.
Er sah Julian an, seine Reaktion abwartend. Julian nickte. Seine Mimik verriet nichts. Dann ging er abrupt Richtung Ausgang um seiner Freundin zu folgen. Während er die Tür öffnete und sie hinter sich schloß, war deutlich das laute Stimmengewirr auf dem Flur zu hören. Es mussten inzwischen weitaus mehr Kommilitonen auf dem Gang stehen, als es vor wenigen Minuten noch der Fall gewesen war. Der Grund dafür war klar. Das Vorkommnis hatte viele Neugierige und Schaulustige angelockt, die wissen wollten was nun geschah.
Der Tag sollte in einer Katastrophe enden. Nachdem ein Polizist die Tür zu Leos Zimmer aufgebrochen hatte, fand man sie im kleinen, angrenzenden Badezimmer. Das Blut lief bereits unter der geschlossenen Tür hindurch, und der angeforderte Rettungsarzt konnte nur noch Leos Tod feststellen. Während Dianas Schreie über den Gang zu hören waren, wurde Felix von einem Polizisten abgeführt um seine Aussage aufzunehmen. Trotz seiner Beteuerungen nichts getan zu haben, wurde er in Untersuchungshaft genommen.
Monate später, nachdem auch die Medien das Thema ausgeschlachtet und Felix als brutalen Vergewaltiger angeprangert hatten, wurde er von der Staatsanwaltschaft aus Mangel an Beweisen freigesprochen. An Leonies Körper waren durch die Obduktion – bis auf ihren Selbstmord – keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung festgestellt worden.
Felix brach sein Studium nach der Freisprechung ab. Nichts erinnerte mehr an den alten Felix, der er vor wenigen Monaten noch gewesen war. Er war ein Schatten seiner Selbst geworden, gebrochen vor allem durch die feindseligen und blutrünstigen Vorwürfe der Medien. Auch wenn der Richter von seiner Unschuld überzeugt war, die Öffentlichkeit war es nicht. Und so sah er sich gezwungen unterzutauchen, denn die Anprangerung eines Vergewaltigers konnte er nicht ertragen. Schon bald musste er psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, denn dies war definitiv kein lebenswertes Leben mehr für ihn. Sein Studium sollte er nie wieder aufnehmen.
Ein Jahr zuvor
Stöhnend ließ Leo ihren Kopf auf den Tisch sinken. Eben hatte sie ihre Matheklausur zurückbekommen. Die rote 5 prangte gut leserlich unter ihren Formeln, die mehr auf gut Glück als auf Wissen basierten. Mit Mathematik hatte sie schon seit jeher auf Kriegsfuß gestanden, doch nun befand sie sich kurz vor dem Abitur. Wenn sie ihr Ziel, Philosophieautorin zu werden, in die Tat umsetzen wollte, musste sie in diesem Fach gute Noten schreiben, egal ob sie das verhasste Fach später einmal brauchen würde oder nicht.
Tanja, ihre Banknachbarin und Freundin, legte tröstend einen Arm um sie. „Komm, das wird schon. Du bist doch nicht auf den Kopf gefallen. Weiß du was? Wir heuern einen Nachhilfelehrer an, der dir das auch verständlich rüberbringen kann. Kein Wunder, dass du das beim letzten Idioten nicht verstanden hast. Und jetzt gehen wir erst mal zu Starbucks, das hast du dir verdient.“
Leo schüttelte deprimiert den Kopf. „Ist schon okay“, sagte sie. „Geh ruhig schon mal vor, ich will gerade noch mal mit Babbelbacke reden.“
Die Bezeichnung hatte sich zwischen den beiden für ihren Mathelehrer eingebürgert, nachdem der einige Male versucht hatte, sie vor der Tafel durch ihre Unwissenheit lächerlich zu machen.
„Wenn du meinst dass es was bringt. Ich warte dann unten auf dich“, sagte Tanja und verließ mit den anderen Schülern der Klasse den Raum. Nachdem der Letzte die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm sie noch einmal tief Luft und trat zum Lehrerpult vor, hinter dem ihr Lehrer saß und sich Notizen machte. Sie räusperte sich. „Ähm… entschuldigung?“, sagte sie. „Könnte ich kurz mit ihnen sprechen?“
Ihr Mathelehrer, ein untersetzter Mann Ende fünfzig, sah zu ihr auf. Sein glasiger Blick fuhr nur kurz zu ihrem Dekollete hinab, um dann wieder Kontakt zu ihren Augen aufzunehmen. Leo verkniff sich mit Mühe eine bissige Bemerkung und hielt stattdessen ihre Klausur hoch. „Ich verstehe nicht, ich meine… ich finde nicht, dass die Klausur eine fünf rechtfertigt. Ich habe doch wirklich genug…“
„Frau Krämer“, unterbrach der Lehrer sie schroff. „Ich wüsste nicht wozu diese Unterhaltung führen sollte. Ich habe sie mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass sie das Abitur nicht bestehen werden, wenn sie nicht beginnen, sich ernsthaft mit dem Stoff auseinanderzusetzen.“
„Aber…“, begann Leo hilflos vor Wut, während er sich ein Tuch aus seiner Hosentasche zog und sich den Schweiß von seinem Gesicht wischte. Danach steckte er das Tuch weg und legte seine geschwollenen Finger um seinen Wohlstandsbauch, der sein Hemd zu sprengen drohte.
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, der vernehmlich knarrte, und sah sie aufmerksam an.
„Ich weiß einfach nicht was ich tun kann. Ich würde alles… ich meine, ich habe schon einen Nachhilfelehrer gehabt, aber der konnte mir auch nicht weiterhelfen. Es ist ja nicht so,dass ich nicht will.“
Es herrschte einen Augenblick Stille im Raum, in der ihr Lehrer sie eingehend betrachtete.
„Sie wollen studieren. Das ist mir zu Ohren gekommen. Ihnen ist schon klar dass sie einiges tun müssten, um ihre Note in diesem Fach so dramatisch zu verbessern, damit ihnen das gelingt?“ Er hatte den letzten Satz als Frage formuliert.
In ihrem Eifer fuhr Leo fort:“ Ja, ich würde wirklich alles tun. Wenn sie mir irgendwie helfen könnten. Ich könnte Zusatzarbeiten…“
Er winkte ab und schüttelte dabei den Kopf. Er lehnte sich vor und verschränkte seine Arme auf dem Lehrerpult. Der Stuhl quietschte dabei gequält. „Ich meinte vielmehr“, fuhr er fort, „ wenn sie bereit sind alles für eine bessere Note zu tun, um somit studieren zu können“, betonte er, „dann müssten sie eventuell persönlich zu mir kommen. Das würde ihnen sicherlich helfen ihre Note drastisch zu verbessern.“
Leo fühlte sich, als hätte man ihr ins Gesicht geschlagen. Er hatte den Satz absichtlich vieldeutig ausgedrückt um eventuelle Konsequenzen zu vermeiden. Doch ihr war absolut klar, vor welche Wahl er sie gerade gestellt hatte. Fieberhaft überlegte sie, wie sie nun am besten reagieren sollte. Eine zu lange Pause durfte sie sich nicht gestatten.
„Ich… könnten sie mir ihre Adresse geben?“, fragte sie, und konnte selbst nicht glauben, was sie da gerade gesagt hatte. Er nahm einen Stift zur Hand und notierte ihr die nötigen Daten. Mit den Worten: „ Heute um sieben Uhr“, überreichte er ihr den Zettel und begab sich damit wieder zu seinen Notizen. Das Gespräch war für ihn beendet.
Leo steuerte wie betäubt die Tür an und machte sich auf den Weg zum Schulhof. Sie würde niemals zu ihm gehen, sagte sie sich, während sie den Zettel in ihre Hosentasche steckte.
Leo saß über ihrem Hausaufgabenheft, doch mit der Konzentration würde es heute nichts mehr werden. Nachdenklich spielte sie an einem Eselsohr in ihrem Chemiebuch herum.
`Es geht hier um meine Zukunft. Die Uni würde mich mit meinen Noten sofort nehmen, wenn ich dann auch endlich eine gute Mathenote vorzuweisen hätte. Es kann doch nicht so schlimm sein`, versuchte sie sich einzureden.
`Letzten Endes bist du danach praktisch noch immer Jungfrau, mit Sex hat das alles doch nichts zu tun. Mein wirkliches erstes Mal habe ich dann mit dem Mann, den ich liebe.`
Sie konnte es noch immer nicht glauben. Sie kam sich vor wie in einem Traum, es war nicht Wirklich was sie tat. Um kurz nach sieben Uhr abends stand sie vor dem stattlichen Haus ihres Mathelehrers und klingelte an dessen Tür. Die wurde kurz nach ihrem Läuten geöffnet. Als er vor ihr stand wäre sie am liebsten sofort wieder umgekehrt, hielt sich jedoch den Preis für ihr Tun zwanghaft vor Augen. Er reichte ihr seine Hand, sie war feucht und warm, um ihr Kommen für eventuelle Beobachter einen offiziellen Anstrich zu geben. „Es freut mich sie begrüßen zu dürfen“, sagte er und trat einen Schritt zurück um ihr die Tür aufzuhalten.
Sie trat ein und blickte sich im Flur um, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Das wichtigste war ihr die Ablenkung. Sie konnte und wollte nicht in sein Gesicht sehen, dass er sich in diesem Moment wieder mit einem Tuch abwischte und auch über seine fettige Halbglatze fuhr.
„Treten sie ein“, sagte er und ging vor ihr in sein Wohnzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, was sie vor den Blicken der Passanten schützen mochte, jedoch genug Licht einließ, um ihn noch genau zu erkennen. Viel zu genau. Während er sich auf einen Sessel setzte, betrachtete sie das Wohnzimmer, als sei es mit den wertvollsten Antiquitäten bestückt. Sie wollte den Moment, der bald kommen würde, so lange wie möglich hinauszögern, auch wenn ihr bewusst war, dass er letzten Endes unausweichlich war.
„Frau Krämer“, hörte sie ihn hinter sich sagen. Sie drehte sich um, plötzliche Übelkeit überkam sie. `Reiß dich zusammen!`, befahl sie sich eisern, und schaute ihn an. Mit einem widerlich anzüglichen Grinsen öffnete er seinen Reißverschluss und sagte:“ Ich denke, bei ihrer Note kann ich etwas unternehmen. Kommen sie doch näher.“
Leo schloss kurz die Augen, um ihre Übelkeit und den Schwindel, der hinzugekommen war, zu überwinden, und atmete einmal tief durch. Dann machte sie sich innerlich bereit und trat auf ihn zu.
Heute
Helmut, Leos damaliger Mathelehrer, war nun endlich in seiner wohlverdienten Rente. Er hatte sich, zusammen mit seiner Frau, ein Haus an der Ostsee gekauft, was schon lange sein Traum gewesen war. Hier wollte er sein restliches Leben in vollen Zügen genießen. Kürzlich erst hatte er einen großen Bericht in der Zeitung gelesen, der landesweite Schlagzeilen gemacht hatte. Eine junge Studentin, die anonym behandelt wurde, hatte in einem Wohnheim Selbstmord nach einer brutalen Vergewaltigung, wie die Medien schrieben, begangen.
Helmut lehnte sich in seinem Stuhl auf der Veranda zurück und genoss die Abendsonne. Mit solchen Problemen der aufsässigen Schüler musste er sich zum Glück nicht mehr herumschlagen.
ENDE
Von runenleger am
21. Juli 2010 veröffentlicht
Es war vor vielen Hundert Jahren, als ein Krieger auszog, um seinen Stamm zu beschützen. Der Krieger war noch jung, doch in ihm brannte das Feuer des Kampfes schon eine Weile.
Sein gesamtes Leben hat er darauf gewartet, endlich in diese Schlacht ziehen zu dürfen. Es war ein Grollen, das ihn antrieb und das er ab dem Moment empfand, als vor mehr als zehn Jahren die leblosen Körper seines Vaters und seines Bruders von ihren Gefährten zurück ins Dorf gebracht wurden. Sie fielen einem feigen Hinterhalt der Wolfsmenschen zum Opfer.

Diese Überfälle gab es seit Geburt des jungen Kriegers. Sein Vater dachte einst, er könnte dem ein Ende bereiten. Die Runen hatten ihm diese Möglichkeit eröffnet und so zog das Familienoberhaupt gemeinsam mit anderen Waffengefährten durch die Wildnis, stets auf der Jagd nach kleineren Rudeln Wolfsmenschen. Eine kleine Zahl von ihnen waren für geübte Kämpfer mit richtigen Waffen und Rüstungen keine große Herausforderung. Doch diese klugen Tiere gingen allmählich zu einer neuen Taktik über. Anscheinend hatten sie erkannt, dass sie als Großrudel viel gefährlicher waren.
Es kostete die Nordkrieger viele Männer, bevor sie einsehen mussten, dass sie der Überzahl der Wolfsmenschen vorerst unterlegen waren. Sie zäunten sich ein und zogen sich zurück, verzichteten darauf, große Teile der Felder zu bewirtschaften. Es dauerte einige Jahre, bis sie sich wieder sammeln und ausrüsten konnten und der Nachwuchs ausreichend trainiert hatte, um eine Chance gegen diese Bestien zu haben. Der junge Krieger gehörte zur älteren Riege dieses Nachwuchses.
Sie spähten das Wolfsmenschenrudel seit Tagen aus und legten ihm einen Hinterhalt in einer Schlucht. Trotz ihrer Überzahl und der Unerfahrenheit vieler Nordkrieger gelang es den Wolfsmenschen nicht, sich zur Wehr zu setzen. Sie wurden von den Wurfpfeilen einfach aufgespießt oder von Armbrustbolzen hingerichtet, ohne dass sie ihre Zähne auch nur in einen Gegner reißen konnten. Die gut gezielten Speere und Bolzen schossen von oberhalb der Schlucht auf sie hinunter, was den meisten ein schnelles Ende bereitete. Die Überlebenden bekamen es mit den Äxten eines Trupps zu tun, zu denen auch der junge Krieger gehörte. Halb Mensch halb reißende Bestie, setzten sie sich bis zum Ende erbittert zur Wehr, obwohl sie keine Chance mehr hatten. In ihrem letzten verzweifelten Gejaule gab es weder Hoffnung mehr, noch Aufbegehren gegen das Schicksal. Der Sieg der Nordkrieger schien leicht, doch er war Ergebnis jahrelanger Übung. Disziplin gepaart mit geschulter Waffenkunst kamen bei vielen Kriegern zum ersten Mal zum Einsatz. Die Vorbereitungen waren erfolgreich, wie der Runenpriester es vorhergesagt hatte.
Der junge Krieger freute sich schon auf die Bewunderung seiner Verlobten. Er musste ihr versprechen in ganzen Stücken wieder zurückzukehren, doch mit einem derartigen Sieg kehrte es sich viel leichter Heim, anstatt als unterlegener und zerstreuter Haufen. Sie konnte stolz auf ihn sein. Sein persönliches Orakel, das sich der junge Krieger gerne mit den alten Runen seines Vaters legte, schien sich zu erfüllen. Dieses zeigte die Rune Othala, die Heimkehr, als er nach dem Ausgang der Schlacht fragte.
Hinter der Bergkuppe musste das Dorf erscheinen. Die Krieger vor ihm begannen auf einmal aufzustöhnen und zu laufen. Auf einen Schlag verwandelte sich die Siegesstimmung in Entsetzen. Schuld war das heimatliche Dorf. Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass die Wolfsmenschen die Siedlung überfallen hatten. Die meisten Krieger waren nicht da, sondern stellten dem Feind eine Falle in der Schlucht. Sie wollten als größerer Trupp die nördliche Gegend endlich entscheidend säubern. Nun waren sie es, die in eine Falle dieser Bestien gelaufen sind. Sie haben ihre Siedlung ungeschützt gelassen und geglaubt, die Lage mit ihren Spähern unter Kontrolle zu haben.
Es folgten Tage der Trauer. Der junge Krieger wollte nicht einsehen, warum er Bruder, Vater und nun auch noch seine Verlobte an die Monster verloren haben sollte. Diesmal nicht. Er hatte vor, das Geschehene rückgängig zu machen und fragte den Runenpriester um Rat. Er wollte die Toten zurückholen.
Der Magier baute daraufhin eine Todesrune. Die Rune Eiwaz war darauf abgebildet. Er prophezeite dem Krieger, mit ihrer Hilfe ein Tor zwischen dem Jenseits und dem Diesseits zu reißen, wie einst Odin, der tagelang an dem Weltenbaum hin.
Der Krieger, ebenfalls in der Runenkunst und der Magie ein wenig bewandert, glaubte zu verstehen. Er kannte das Ritual, brauchte nur noch ein paar jener roter Beeren, die auf den Eiben wachsen. Wie das Schicksal es wollte, wurde seine Geliebte unter einer solchen Eibe vor wenigen Stunden begraben.
Unter dem Einfluss der Eibenfrüchte wartete der trauernde Krieger bis Mitternacht. Dann begann er mit dem Höhepunkt des Rituals. Er hatte vor seine Geliebte zurück ins Leben zu holen. Dazu musste er nur noch die Todesrune auf das Grab legen und sein Blut darauf tropfen lassen.
Es dauerte nicht lange, bis sie erschien. Sie stieg regelrecht aus der Eibe heraus. Obwohl gestern noch quicklebendig, schien sie aber blass und ausgezehrt wie ein Geist. Sie schwebte ein paar Handbreit über dem Friedhofsbogen. Der Krieger stand auf und versuchte sie zu umarmen. Vergebens, denn die beiden gehörten anderen Welten an. Sie waren einander nichts als Erscheinungen.
In dem Moment wusste der Krieger, das er mit der Todesrune gar nichts wiederherstellen konnte. Es ging nur darum, einander noch einmal zu sehen. Er wollte ihr seine Liebe und Treue bis in alle Zeit zu schwören, doch sie unterbrach ihn. Sie konnte von ihrem Ort aus in die weltliche Zukunft sehen und sagte ihm ein langes Leben, Liebe und viele Kinder mit einer anderen Frau voraus, die er in den nächsten Jahren kennenlernen sollte. Es war von einem anderen Land die Rede, das sicherer war und in dem die Menschen nicht von bösartigen Kreaturen bedroht wurden. Der Weg sollte innerhalb des nächsten Jahres gefunden werden. Er lag in südlicher Richtung.
Und so konnte die Rune des Todes doch noch ihre Bestimmung finden. Denn ohne diesen Hinweis hätten die Nordkrieger es nicht gewagt, weiter in den Süden zu ziehen. Was sie erwartete waren nicht Drachen und andere Ungeheuer, wie in den Sagen über diese Gegend, sondern ein wunderbares und wirtliches Land, das ihnen und einem anderen Stamm, der ebenfalls auf der Flucht vor den Wolfsbestien war, zu einer neuen Heimat wurde.
Der junge Krieger ging in die Geschichte des Stammes ein und sollte später noch Häuptling werden. Er konnte die Gefallenen, allen voran seine Verlobte, nicht aus dem Totenreich zurückholen, doch dafür die Lebenden zu einem Ort weisen, an dem sie ohne nennenswerte Gefahren gedeihen und sich vermehren konnten.
Von engel am
4. Juli 2010 veröffentlicht
Kurzgeschichte Christliche Partnersuche
Ich war ungefähr 2 Jahre Single und habe mich immer mehr nach einem neuen Partner gesehnt. Ich mich auf christliche Partnersuche begeben, da ich der Meinung bin, dass die Religionszugehörigkeit in einer Beziehung eine große Rolle spielt.
Mit meinem Ex – Partner habe ich schlechte Erfahrungen gemacht, ganze 3 Jahre waren wir zusammen, aber es gab häufig Streit. Ich selbst bin deutsche und christlich erzogen wurden, bereits mit 2 Jahren wurde ich getauft. Später folgte dann der Konfirmandenunterricht u regelmäßige Kirchengänge am Sonntag. Als ich meinen damaligen Freund kennenlernte, verbrachten wir sehr wir Zeit miteinander, sodass ich meine religiösen Pflichten vernachlässigte. Hinzukommt das er türkischer Herkunft war und demnach dem moslemischen Glauben angehörte. Am Anfang haben wir gar keine Probleme damit gehabt, doch umso länger wir zusammen waren, umso mehr standen wir mit den verschiedenen Wertevorstellungen in einem Konflikt. Häufig fingen wir an zu streiten, weil jeder eine andere Vorstellung von den gemeinsamen Lebensweisen und auch von einer Partnerschaft hatte. Es fing schon an mit der Kleidung, seiner Meinung nach kleidete ich mich zu freizügig.
In der Partnerschaft mussten wir viele Kompromisse eingehen, damit jeder auf seine Art wenigstens relativ zufrieden mit dem Anderen ist. Da wir beide vollzeitig berufstätig waren hatten wir nur am Wochenende Zeit für uns. Doch eigentlich nie wirklich ein ganzes Wochenende für uns alleine. Jeden Freitag besuchte er die Moschee und ich am Sonntag die Kirche, der einzige freie Tag, war der Samstag. Die mangelnde Zeit, die uns dann noch blieb, nutzen wir natürlich zum Streiten, meistens über religiöse Themen. Es vorabzusehen nach kurzem folgte die Trennung. Es war eine sehr schmerzhafte Zeit für mich, denn trotz allem liebte ich ihn noch. Doch fest stand, dass wir getrennt bleiben müssen! Die ethnische Herkunft und die damit verbundenen kulturellen Hintergründe waren einfach zu verschieden und sorgten häufig für Probleme.
Nachdem ich die Trennung vorüber war, habe ich mir eine genaue Vorstellung von meinem Partner gemacht. Da es mir sehr wichtig ist, dass wir die gemeinsamen Interessen und Wertevorstellungen teilen, sollte mein neuer Partner Christ sein. Eine christliche Partnerschaft, das ist das was ich wollte. Gemeinsame Feste feiern, in die Kirche gehen und gemeinsam über die Religion sprechen zu können und das alles ohne davor streiten zu müssen, wäre fantastisch! Also begann ich mit meiner christlichen Partnersuche, doch wo ich anfangen sollte, war mit nicht ganz klar. In meiner Gemeinde waren bereits alle vergeben oder sogar verheiratet und eine andere Möglichkeit ist mir nicht eingefallen. Bis zu dem Tag als ich im Fernsehen eine Werbung über eine christliche Partnervermittlung sah. Ich setze mich an den Computer und meldete mich sofort da an. Eine gewisse Skepsis war schon vorhanden, aber nur so lange bis mir ein attraktiver Mann schrieb. Ein christlicher Single aus meiner Nähe und er war einfach etwas Besonderes. Nach einigen Online Dates haben wir ein Treffen vereinbart, ich war total aufgeregt! Schon bei dem ersten Date wusste ich, dass Gott mir ein Engel geschickt hat! Wir trafen uns immer öfter und so entwickelte sich eine liebevolle Partnerschaft. Inzwischen ist das über ein Jahr und ich bin sehr glücklich mit meinem neuen Partner.
Endlich habe ich jemanden gefunden, der mit mir zusammen, nach den christlichen Werten lebt und mit mir die Liebe zur Religion teilt.