Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Monatsarchiv für Juni, 2011

„Nur die Schmetterlinge im Bauch haben überlebt“

Von Biggi42 am 15. Juni 2011 veröffentlicht

Peter sagte kürzlich zu mir, dass es ein großer Fehler war, sich wegen mir scheiden zu lassen und somit seine drei Kinder verlassen zu haben. Ich habe es nie von ihm verlangt. Die Zeit als seine Geliebte war die Wunderbarste in meinem Leben.

Ich sehe ihn vor mir, als wir uns das erste Mal begegneten. Ich saß an einem frühsommerlichen Freitagabend in meinem Stammlokal an der Bar und wartete auf meine Freundin Nina. Sie hatte Betriebsausflug und wollte mich danach noch treffen, um ein wenig um die Häuser zu ziehen. Zwei Single-Mamas auf der Pirsch. Man gönnt sich ja sonst nichts. Im Lokal war wenig los. Die Hoffnung, einige Bekannte zu treffen, verlief im Sand. Die Uhr tickte unermüdlich und machte mich deprimiert. Ich hoffte, dass Nina bald kommt, damit ich nicht wie bestellt und nicht abgeholt hier herum hängen musste.

Eigentlich hatte ich nie ein Problem damit, abends allein weg zu gehen. Doch an diesem Tag sah es trist aus, meine kommunikative Ader auszuleben zu können. Es waren keine Bekannten unterwegs, um einen gepflegten Plausch zu führen. Ich schlürfte an meinem Getränk, als plötzlich zwei Männer im Lokal auftauchten und auf mich zusteuerten. Optisch gefielen mir die beiden überhaupt nicht, doch der Blonde hatte wenigstens ein schelmisches Grinsen im Gesicht, welches viel versprechend aussah. Die Auswahl an weiblichen Gästen war ziemlich eingeschränkt und so stand ich als Zielscheibe an der Bar genau richtig. Ich strich mir meine langen blonden Haare aus dem Gesicht, rückte meine Brille zurecht, setzte mein Wochenend-Lächeln auf und wartete auf eine müde Anmache. Doch anstatt banale Sprüche wie „wartest du auf jemanden“ oder „hast du mal Feuer“ ging der Blonde stichgerade auf mich zu und fragte mich auf kumpelhafte Art „Hallo, wie geht’s dir denn so?“ Ich war einigermaßen perplex und durchforstete mein Gehirn, ob ich diesen Typen schon mal begegnet war und in welchem Zustand. Doch ich erkannte ihn auch nach intensivem Nachdenken nicht. Ich antwortete ihm mechanisch, dass es mir gut gehe und ich auf eine Freundin warten würde. Plötzlich machte er meine Handtasche auf und befüllte sie mit dem ganzen Inhalt eines Zuckerl-Glases, das auf der Bar stand. „Für deine Kinder daheim, ich bring auch immer was mit“, meinte er mit einem Lachen. Ich war sehr belustigt über diesen Typen und es entwickelte sich ein amüsantes Gespräch.

Plötzlich trat er auf. Nein, er erschien. 1,90m geballte Manneskraft. Die Haare sehr kurz, braune Augen in einem attraktiven Gesicht, den Mund zu einem umwerfenden Strahler 80er Lächeln geformt. Er stieß als letzter zu seinen Freunden und empfing auch mich sofort mit großem Hallo. Mir war, als fing der Boden zu tanzen an. Sofort fand ich Gefallen an diesem Typen und ernannte ich heimlich zu meinem zukünftigen Ex-Liebhaber.

Ich hatte nie ein Problem damit, Männer kennen zu lernen. Aber im Laufe der Zeit gingen sie mir ziemlich auf die Nerven. Besonders die, die eine richtige Beziehung mit mir wollten. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits seit vier Jahren ohne fixen Partner. Ich genoss diese Zeit, tun und lassen zu können was ich wollte. Und keinen nach seiner Meinung zu fragen. Oder gar zu betteln, einmal allein weg gehen zu dürfen und danach einen Bericht über den vergangenen Abend abzuliefern. Außerdem hatte ich wochentags keine Zeit für einen Mitbewohner. Mein Sohn Stefan und mein Job vereinnahmten mit voll und ganz.

Stefan war gerade 6 Jahre alt und wir genossen den letzten Sommer vor Schulbeginn. Damals arbeitete ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Wiener Museum, wo ich mir meine Zeit sehr gut einteilen konnte, um mich auch auf Stefan konzentrieren zu können. Ich hatte Theaterwissenschaft zu studieren begonnen, nachdem ich meinen Sohn auf die Welt gebracht hatte. Das Studium hatte mir sehr großen Spaß gemacht und ich widmete mich jeder freien Minute der Uni. Das hatte mein damaliger Freund und Erzeuger von Stefan nicht so gerne gesehen. Es war einer der Gründe warum unsere Beziehung zu Ende ging. Als ich dieses private Kapitel hinter mich gebracht hatte, ging es mir wesentlich besser. Ich absolvierte in Rekordzeit mein Studium und knüpfte zugleich Kontakte zum zukünftigen beruflichen Umfeld. So kam ich schlussendlich zu meinem Traumjob. Ich konnte somit meinem Sohn und mir ein unbeschwertes Leben bieten.

Ich brauchte keinen Mann, mein Leben war voll und ganz ausgelastet. Abends war ich froh, wenn mein Kleiner im Bett war und ich es mir vor dem Computer gemütlich machen konnte. Oder ich hüpfte mit meinen Gewichtsmanschetten vor dem Fernseher herum, damit meine Figur männertauglich blieb. Da brauchte ich schon gar keine Zuschauer. Da kam mir ein verheirateter Mann gerade richtig. Der Kontakt beschränkt sich in so einem Fall auf einige Stunden in der Woche, vorzugsweise Freitagabend. Das ließ sich bei mir immer gut einrichten, da Stefan die Wochenenden bei seinem Erzeuger verbrachte. Diese Stunden mit einem Liebhaber waren sehr intensiv und romantisch. Der Alltagstrott blieb vermieden und so konnte ich immer nur auf schöne Zeiten zurück blicken. Die ideale Lebensform für mich!

Und dieser Typ schien prädestiniert dafür, mir meine Freitagabende zu versüßen. Wir kamen sofort ins Gespräch. Seine kokette Bemerkung, für eine Blondine wäre ich ja ziemlich schlagfertig, störte mich nicht im Geringsten. Im Gegenteil, er forderte mich nur dazu heraus, mich zu noch mehr geistigen Höhenflügen hinreißen zu lassen. Endlich ein Mann, der gut aussieht und mich sogar intellektuell herausfordert, dachte ich mir.

Wie es mit mir und Peter weiterging erfährt ihr im nächsten Teil…

Der Stadtautobus

Von MrVienna am 15. Juni 2011 veröffentlicht

Elena unterdrückte einen Seufzer. Ihre linke Hand verkrampfte sich in der Halteschlinge über ihrem Kopf. Der Stadtautobus war übervoll. Die Fahrgäste standen eng geschlichtet wie die Heringe. Sie rochen nach Rasierwasser, nach Parfum oder nach Zigaretten. Sie schwiegen und durchbohrten sich gegenseitig mit starren Blicken. Möglicherweise war ein Taschendieb darunter. Vielleicht auch mehrere Taschendiebe? In jedem Gedränge treiben sich Taschendiebe herum.

Elena presste mit der Rechten ihre Handtasche fester gegen die Brust. Immer wieder streifte sie bedrohlich ein fremder Körper. Ob diese Berührung unabsichtlich erfolgte? Oder stieß sie jemand absichtlich an, um sie abzulenken? Auf jeden Fall machte es ihr Angst. Und die Angst war ein beengendes, dunkles Etwas. Eine Empfindung, die wie schwerer Rauch in ihre Beine kroch, den Rumpf hochstieg, durch ihre Arme floss und sich schließlich im Kopf breitmachte.

Das Fahrzeug schlingerte und rumpelte. Die schweigende Gruppe der Fahrgäste machte jedem Ruck wellenförmig mit. Ihre starren und unpersönlichen Blicke behielten sie unverändert aufgesetzt. Draußen bewegten sich Männer in blauen Overalls, unter gelben Helmen. Sie wühlten sich, ähnlich Maulwürfen, durch die Straße und versenkten darin schwarze Elektrokabeln. Die ausgebesserte Asphaltdecke der Fahrbahn ließen sie mit kleinen Hügeln zurück, was dem Bus die bewegte Fahrweise aufzwang.

Elena hasste alle öffentlichen Verkehrsmittel. Die engen Fahrgasträume bereiteten ihr Beklemmungen. Sie fühlte den Druck der nahen Wände auf sich und besonders auf ihrer Atmung lasten. Einige Umstehenden hefteten jetzt klebrige Blicke auf ihren Körper. Ein leichtes Frösteln durchzog sie. Sie war eine attraktive Frau, Mitte dreißig, mit einem schlanken, sehr weiblichen Körper. Das ebenmäßige Gesicht benötigte keine kosmetische Hilfe, um ein männliches Gehirn mühelos in einem Meer von Hormonen zu ertränken. Und trotz ihres überdurchschnittlich guten Aussehens lebte sie als Single in einer kleinen Wohnung am Rande der Stadt. In einer ruhigen Gegend, wo noch Bäume vor den Fenstern wachsen und immer dann, wenn sich der Wind durch die Gasse drängt, mit den Blättern rauschen. Und wo ältere Leute mit kleinen Hunden herumgehen, mit denen sie reden, geradeso als führten sie kleine Kinder an der Hand und keine Hunde an der Leine.

Die erste und einzige Ehe von Elena endete vor etwas mehr als einem Jahr. Ihr Exmann konnte dem Alkohol nicht widerstehen, er versank immer tiefer in dieser teuflischen Sucht. Sein anfangs rücksichtsvolles Verhalten zerbröckelte, er wurde streitsüchtig, später auch noch gewalttätig. Das war eine schlimme Zeit für Elena und die unausweichliche Scheidung empfand sie als Erlösung. Als Eintritt in ein freieres, neues Leben. Nach längerer Zeit wurde diese neue Freiheit zur Gewohnheit und füllte ihr Leben nicht mehr aus. Ein Drang regte sich und wuchs in ihr, formte sich zu einem Verlangen nach einem zweiten Menschen. Nach einem Menschen, der zu ihr gehörte, von dem sie Wärme und Geborgenheit erwarten konnte. Sie wurde aktiv und fand über das Internet Kontakt zu einem Mann, mit dem sie einige Monate lang schriftliche Nachrichten austauschte. Und schließlich – für den heutigen Tag – ein erstes persönliches Treffen vereinbarte. Was für sie keine leichte Entscheidung war. Immer wieder drängten sich Bedenken auf, die Begegnung könnte mit einer Enttäuschung enden. Andererseits: Seine Zeilen hatten den Eindruck von Verständnis und Vernunft vermittelt. Deswegen sagte sie sich innerlich vor: Es ist richtig, den Mann nun persönlich zu treffen. Auch wenn sie noch kein Foto von ihm gesehen hatte. Aber er hatte sich mehrmals ganz genau beschrieben. Und er wird sich sicher nicht falsch dargestellt haben. Ganz sicher nicht. Außerdem, man wird es ja sehen.

Der Bus bremste scharf vor der Haltestelle. Im gleichen Moment spürte Elena ein weiches Etwas gegen ihre Beine stoßen. Ein kleines Mädchen war über ihre Schuhe gestolpert, es lag nun quer über ihre Füße. Elena erkannte einen wirren schwarzen Haarschopf, darunter zwei dunkel glänzende Augen, die sie furchtsam von unten her anblickten. Elena löste sich aus dem Haltegriff, legte die Handtasche zu Boden und half dem Mädchen auf die Beine. Das Kind schlenkerte auf einmal unkontrolliert mit den Armen durch die Gegend, zuckte auch mit den Beinen. Epilepsie? Dann aber kam es ruckartig hoch und glitt wendig durch die offene Bustüre ins Freie, wobei es noch einen ängstlichen Blick zurückwarf.

Die Pneumatik presste zischend die Flügel der Falttür zusammen, der Bus schob sich ruckartig nach vorwärts. Elena atmete erleichtert aus und hob ihre Handtasche vom Boden auf. Im nächsten Moment stutzte sie. Die Tasche war weit offen. Die böse Ahnung bestätigte sich augenblicklich: Die Geldbörse war verschwunden. Diese Göre! Sie hätte ihr besser den Hals umdrehen sollen, anstatt ihr aufzuhelfen. Wie kann es nur sein, dass sich das Böse in einem unschuldigen Kind versteckt. Der Bus beschleunigte, kurvte um eine Hausecke. Von dem Kind war nichts mehr zu entdecken.

Der Stadtbus hielt an der Endstelle und damit hatte Elena ihr Fahrziel erreicht. Die schweigende Menschengruppe geriet in Bewegung, zwängte sich aus dem Bus, schob Elena vor sich her. Und Elena fühlte sich – wenngleich ihr der Verlust der Geldbörse noch schwer im Magen lag – erleichtert, als sie den Bus verlassen konnte. Sie betrat den Stephansplatz, das Zentrum von Wien, wo sich auch die Stephanskirche, das Wahrzeichen der Stadt befand. Das gotische Kirchenschiff stach mit seinen spitzen Türmen wehrhaft in den weißblauen Himmel und blickte durch die schmalen Kirchenfenster hoheitsvoll auf das aufgeregte Treiben herunter. Aus den Gemäuern dunstete achthundert Jahre Geschichte.

Touristen zwängten sich durch den linken Seitenflügel in die dunklen, kühlen Hallen des Gotteshauses. Auf der rechten Seite quetschen sich ebenso viele Menschen wieder heraus und mengten sich unter die Stehenden und Schlendernden. Elena durchpflügte die Flut der Urlauber und bog in eine elegante Geschäftsstraße ein. Ihr Blick streifte saubere, gedeckte Tische – von Angestellten der Kaffeehäusern und Speiselokale nach draußen gestellt. Familien aus verschiedenen Ländern besetzten die Stühle, konsumierten Speisen und Getränke. Die meisten der Sitzenden hatten erschöpfte Gesichter. Das Ergebnis einer anstrengenden Stadtbesichtigung. Kellner und Serviererinnen surrten bienenartig zwischen den Sitzenden herum, räumten leere Teller und Gläser weg und nahmen zwischendurch neue Bestellungen auf. Die laue Sommerluft war erfüllt vom Schwirren der vielen fremdländischen Stimmen und dem Geruch nach gegrilltem Fleisch, nach Zwiebeln und Wein.

Elena steuerte den vereinbarten Treffpunkt an: Eine große, teilweise vergoldete Säule, die an eine mittelalterliche Pestepidemie erinnert. Ein Kaiser hatte sie einst als Dank für das Ende der Seuche errichten lassen. Das Denkmal war von einer Gruppe Japanern mit hochgehaltenen Kameras umringt. Es waren ältere, friedlich aussehende Menschen, Seniorenreisende. Elena liebte alte Menschen. Sie mochte die Ruhe und Harmonie, welche alte Menschen oft ausstrahlten.

Sie zerrte jetzt vorsorglich den Kragen ihrer Bluse ein Stück aus der Jacke. Es war vereinbart, der noch Unbekannte sollte sie an der zartrosa Farbe der Bluse erkennen. Von ihm wusste sie, dass er großgewachsen war, braune Haare, graue Augen hat und mit einer braunen Jacke aus feinem Leder bekleidet sein sollte.

Der Blick aus grauen Augen traf sie geradewegs aus dem Meer von Gesichtern. So, als würde Elena durch die Linse einer Kamera blicken, welche auf das Augenpaar fokussiert war. Darunter war auch die braune Jacke erkennbar. Die Haare waren aber nicht braun, sondern schwarz. War er doch nicht der Richtige? Aber der Mann lächelte ihr freundlich zu. Er saß an einem Tisch, an seiner Seite ein kleines Kind. Merkwürdig. Elena zögerte. War es der…

Dann fiel ihr Blick auf das Kind, welches neben dem lächelnden Mann saß und in dem für sie viel zu großen Stuhl fast versank, sodass der Kopf des Kindes nur knapp über der Tischkante zu sehen war. Das Mädchen schien unzufrieden denn es schüttelte heftig mit dem Kopf. Wirre schwarze Locken fielen dabei über ihre Stirne. Die Augen des Kindes waren dunkel und drückten Unglück aus. Es ist doch…, dachte Elena erschrocken. Nein, das kann nicht sein. Und doch, kein Zweifel. Es war das Mädchen, welches ihr die Geldbörse im Bus gestohlen hatte!

Elena schoss das Blut zu Kopf. Die Empörung flimmerte ihr vor den Augen, ließ die vielen Menschen um sie herum im Nebel verschwinden. Die Umgebung war leer. Sie war allein mit der kleinen Diebin und dem Mann neben ihr, der sie jetzt unverfroren angrinste. ‘Wo ist meine Geldbörse’, zischte Elena und packte aufgeregt das Mädchen am Arm. Das Mädchen krümmte sich weg wie ein Wurm, versuchte sich dem Griff zu entwinden. Das Grinsen auf dem Gesicht des Mannes starb dahin, sein Blick gefror zu blankem Eis. ‘Was wollen Sie von uns und wovon reden Sie überhaupt.’ Seine Worte klangen routiniert, als wäre er solche Auseinandersetzungen gewohnt. Sein Gesicht war jetzt eine undurchdringliche Festung.

Elena schluckte. Unerhört, hämmerte es in ihrem Gehirn. ‘Dieses Mädchen hat mir im Bus die Geldbörse entwendet’, presste sie heraus. Sie schwankte zwischen Angst und Empörung. Sie fasste das kleine Mädchen, welches unentwegt versuchte ihrem Griff zu entkommen, auch noch mit der zweiten Hand.

‘Sie brauchen einen Arzt’, schnarrte der Mann mit dem gestorbenen Grinsen. Er machte nun einen zunehmend aggressiven Eindruck. Er erhob sich drohend und riss das kleine Mädchen an sich, so dass es den Händen Elenas entglitt.

‘Vielleicht sollten wir es mit der Polizei versuchen?’ Es war eine ruhige tiefe Männerstimme, welche aus dem Hintergrund die anderen Stimmen übertönte. Elena sah hilflos und verblüfft in die Richtung der Worte und erkannte einen großgewachsen Mann mit braunem Haar, grauen Augen und einer braunen Lederjacke. Sie fühlte, wie sich ihre Erregung weiter steigerte. Das musste er sein. Der Mann, mit dem sie sich treffen wollte. Und er kam genau im richtigen Augenblick.

Der Mann hielt mit kräftigen Händen das Mädchen und den Schwarzhaarigen fest. ‘Setzen Sie sich, die Polizei wird alles aufklären’, sprach er nun fast freundlich.

Ich glaube es nicht, dachte Elena. Ich habe mich mit einem Helden verabredet.

‘Das wird nicht nötig sein’, keuchte der Schwarzhaarige. ‘Es ist alles ein Versehen. Ein bedauerlicher Irrtum. Hier ist ihre Geldbörse. Meine Tochter hat sie im Bus gefunden und für sie aufbewahrt.’ Er griff mit seiner freien Hand in die Innentasche seiner Jacke und legte die Geldbörse auf den Tisch. Elena öffnete ihre Börse. Es war alles noch da. Das Geld die Papiere. Alles. Gott sei Dank.

Der Mann mit dem Elena verabredet war warf ihr einen ernsten, fragenden Blick zu. Elena nickte und machte eine wegwerfende Handbewegung. Der Mann ließ die Beiden los und der Schwarzhaarige mit dem Kind verschmolzen blitzartig mit der Masse der Flanierenden.

‘Paul’, stellte sich der Helfer mit warmer Stimme vor und streckte Elena die Hand hin.

‘Elena’, antwortet sie, obwohl ihr jedes Wort schwer fiel, weil ihr eine freudige Erregung den Hals einschnürte. Sein Händedruck war fest und vertrauenswürdig.

Es waren die grauen Augen? Oder die Stimme? Oder wie er sich bewegte?

Egal. Elena wusste: Heute beginnt das richtige Leben für sie. Sie ist nicht mehr allein auf der Welt.

Der neue Mitbewohner meiner Großeltern.

Von Tina Wagner am 1. Juni 2011 veröffentlicht

Neulich habe ich mich mal wieder dazu entschlossen meine Großeltern zu besuchen. Da ich ein Familienmensch bin, telefonieren wir recht häufig miteinander und beim letzten Telefonat haben sie mich mit der Neuigkeit überrascht, dass sie jetzt einen Untermieter haben. Dazu muss man sagen, dass meine Großeltern eigentlich nicht so dafür zu haben sind, Menschen, die sie nicht kennen einfach willkommen zu heißen und erst recht nicht gleich bei sich aufzunehmen. Aus diesem Grunde war ich sehr überrascht und begierig darauf den „Neuen“ kennenzulernen.

Also machte ich mich am Sonntag auf den Weg, um bei einem Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee meine Neugier befriedigen zu lassen. Es stellte sich heraus, dass der Untermieter, sein Name ist David, aus Barcelona stammt und in Deutschland ein Auslandsstudienjahr eingelegt hat. Im Studentenwerk hat von dem Projekt „Wohnen für Hilfe“ gehört, welches Studenten die Möglichkeit gibt, bei älteren Menschen zur Untermiete einzuziehen und die Miete quasi in Arbeitsleistung zu vergelten. Da seine finanziellen Mittel begrenzt sind und er auch die deutsche Sprache noch nicht so gut beherrscht, hatte diese Variante des Wohnens eindeutig seine Reize für ihn.

Soweit so gut, doch was hat meine Großeltern dazu bewegt einen Fremden bei sich wohnen zu lassen? Nun gut, sie sind nicht mehr die Jüngsten und ein großes Haus mit entsprechend großen Grundstück haben sie auch. Dies muss alles gepflegt werden und erfordert von ihnen immer größere Anstrengungen. Auf der Suche nach einer Lösung, ein Verkauf stand dabei nie zur Debatte, sind sie in der Regionalzeitung auf die Anzeige „Wohnen für Hilfe“ gestoßen. Lustigerweise war die Auswahl des passenden Untermieters ähnlich gestrickt wie meine Suche nach einer günstigen Wohngemeinschaft. Nachdem sich alle Interessenten vorgestellt hatten, ist die Wahl auf David gefallen. Er kennt das Leben auf einem Bauernhof sehr gut, da er viel Zeit bei seinen eigenen Großeltern, die ebenfalls eine große Wirtschaft besitzen, verbracht hat und war deswegen prädestiniert als Untermieter.

Dieser Besuch war sehr aufschlussreich und ich werde wohl ab nun öfter dort sein, da ich so auch gut mein Spanisch aufbessern kann.