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Amtsschimmel

Von admin am 19. Mai 2009 veröffentlicht
Thema: Humor

Autorin: Alisha Bionda
Illustration:
Gaby Hylla
Veröffentlichung: Der Band ist für Juni 2010 in der SEVEN FANCY-Reihe im “Sieben Verlag” geplant.

amtsschimmelIch habe es immer schon gehaßt, vor einem Wust Papier zu sitzen. Vor unbearbeiteten Aktenbergen. Sie sind Fußfesseln, die mich an einen Schreibtisch binden. Warum ich es dennoch versuchte, hatte nur einen Grund: Ich wollte endlich Geld verdienen. Möglichst viel und bequem.
„Geh in den öffentlichen Dienst. Werde Beamtin. Da überarbeitest du dich nicht“, riet man mir.
Da saß ich nun.
Jahre später.
Frustriert, demoralisiert und fern jedem Schaffensdrang. Eingepfercht in ein Winzigzimmer mit Susan, meinem perfekten Gegensatz. Anfangs beäugten wir uns mißtrauisch. Ich war ihr mit Sicherheit zu schrill. Aber sie war viel zu gut erzogen, um es mich spüren zu lassen. Das handelte ihr die ersten Pluspunkte bei mir ein. Und ich beschloss im Gegenzug, auch unvoreingenommen an sie heranzugehen.
Im Laufe der Jahre wuchsen wir zusammen, vertrauten uns Dinge an, die wir anderen Kollegen nicht einmal unter Folter verraten hätten. Und schon bald war es gerade Susan, die mir das Bürodasein erträglich machte.
Wenn …ja wenn da nicht unser Vorgesetzter gewesen wäre. Seines Zeichens Paragraphenreiter übelster Sorte. Jeder, der nicht zumindest Jura studiert hatte, war für ihn ein geistiger Tiefflieger. Seine stupide Arroganz war unübertrefflich. Dabei war er selbst die Verkörperung des klischeehaften Schreibtischhengstes und Erbsenzählers.
Mehr noch!
Er zählte sie nicht nur, er stapelte sie auch noch. Zudem war er mit einem urdeutschen Namen gesegnet. Herr Schmitz, diese beiden Worte waren der sichere Garant dafür, mir den Tag zu verderben. Die Krönung war unsere gegenseitige Antipathie, die wir – höflich wie wir waren – hegten und pflegten.
Schlimmer noch waren die monatlichen Dienstbesprechungen. Ich konnte seine monotone und zu allem Überfluß auch noch leise Stimme – wie er ohne Höhen und Tiefen – kaum ertragen. Sie war nicht nur einschläfernd, sie war geradezu tödlich. Bei einem dieser schier endlos langen Gespräche, bei dem mir wieder die Augenlider zuzufallen drohten, erinnerte ich mich an den Spruch einer Freundin, sich in bestimmten Situationen das Gegenüber in Unterhose vorzustellen.
Bei Schmitz fiel es mir schwer.
Trug er String-Tanga mit Leopardenmuster?
Nein, Boxer-Shorts mit Bügelfalte – womöglich kariert – waren bei ihm wohl das Äußerste der Gefühle. Ich widerrief gedanklich diese beiden Möglichkeiten. Zu seiner fahlweißen, schwammigen Haut paßte allenfalls heller Feinripp.
Ich zuckte zusammen.
War das etwa ich? Was sollten solche Gedanken?
Mir wurde blitzschnell klar: Es wurde eindeutig Zeit, den Beruf zu wechseln!

Das zu dem Büroalltag, dem ich gottlob entflohen bin. Geblieben ist mir Susan. Und sie ist all die grauenvollen Bürojahre wert.

Doch kommen wir zu Jojo.
Ihn traf ich in einer Mittagspause, in der ich, genervt von all dem verlogenen Kollegengeschwätz, in die Düsseldorfer Altstadt flüchtete. Er rannte mich über den Haufen, war ein typischer Punk und eindeutig nicht meine Altersklasse. Wir knallten zusammen wie die viel beweinte Titanic und der Eisberg. Aber Jojo ging nicht unter. Er grinste mich frech an. Fragte, ob ich Lust auf eine Tasse Kaffee hätte. Erstaunt, dss junge Punks auch Kaffee trinken und nicht nur literweise Bier in sich hineinschütten, rang ich nicht einmal zwei Sekunden mit mir und säuselte: „Die Idee ist gar nicht schlecht.“

Auch Jojo ist mir geblieben – lange – bis er zu einem anderen Ufer aufbrach. In eine bessere Welt?

Doch ich will nicht vorgreifen.
So viel erst einmal zu Susan und Jojo … nur zum besseren Verständnis. Und weil sie diejenigen waren, die ich stets vor unseren Plaudereien fragte: „Weißt du schon das Neuste?“