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Blauer Fisch

Von caspar4000 am 24. Februar 2009 veröffentlicht
Thema: Sonstiges

Blauer Fisch

Ich gehe ja selten aus dem Haus.Höchstens mal für ein paar Besorgungen.Man muß essen und trinken,sicher.Und das ist dann auch für mich ein Grund vor die Türe zugehen.Kalkweißer Himmel,winkende Nußbaumäste vor dem fenster,die mich manchmal locken,aber auf funierte Straßen hinaus und die Reibung an den Schuhsohlen?Das hält mich schon ab.Ameisenmenschen huschen strebsam am Fleckenglas vorbei und drohen mit Fleiß.Sie bauen am Hügel mit und brauchen Unterstützung.Nur ich brauche Einsamkeit.Wenn alles schön schummerig ist,Miles Davis im Radio,die warmen Wollhausschue an den Füßen,das Summen von Evas Leierkasten,auf dem die morgendliche Meditationsmusik heult.Es gibt schon Gründe zur Einsiedelei.

Doch es gibt halt auch Gründe hinaus zu gehen.Nun,ich schlüpfe in die Hosenbeine und hole den Mantel aus dem Schrank und greife zum Stock,ich bin altmodisch.Meine Kleidung gibt mir etwas Sittsames,das wahre Geblüt bleibt versteckt.Man kann doch leicht hinter´s Licht führen…

Draußen dann:jumm,jumm…lat.: von selbst bewegt.Genau,die unendlichen Linien der Großausgaben von Sikku und Matchbox.Autos.Überall liegen sie auf der Lauer oder verfolgen mich,um ihren Hunger zu stillen.Wonach sie gieren ist uneinsichtlich,weil sie kaum die Schnauze ausbekommen.Ich laufe davon und krieche in den nächsten Unterschlupf.Ein nach Tabak duftender laden mit Holzwänden,voller Zeitungspapiergeruch.Ich kaufe eine tageszeitung,nur zum Zeitvertreib und um die Blechkisten auf eine andere Fährte zu locken.Sie sind ja nicht besonders schlau,nachts blind und taub und wenn nicht die vielen Zoowärter das tägliche Mahl bringen würden,sie müßten wohl jämmerlich krepieren.ich klämme die Zeitung unter die Achsel und trete hinaus ins Chaos zurück.So.Ach!…

Schnell noch eine Tasse Kaffee bei Brinkmann an der Ecke und ein weiches Rosinenbrötchen dazu,dann geht es ab nach Hause.An Evas Hintern.

Die Hindenburgstraße ist mit Menschengepflastert und man zieht sich an unsichtbaren Stricken durch ein Nichts.Wenn ich nicht die Glatzenköpfe unten zählen würde,die Muster herausfinden und über grenzen springen könnte,träfe mich jeder Blick wie ein Excaliburstoß ins Herz.Ich wandle mitten unter ihnen,unerkannt und hungrig nach Rosinenbrötchen.

Bei Brinkmann ist ein Tisch am großen Fenster frei.Ich stürme energisch die Treppen hoch und reiße den Vorhang beiseite.Es ist kalt und die Tür wird durch Wollstoff verdeckt.Ich stehe mitten im Raum,alle Augenpaare sind auf mich gerichtete.Man ist ja neu,wird beschaut und gemustert.Erst nachdem ich sitze gehöre ich dazu,man nickt,grüßt auchmit lautlosen Worten,indem man die Lippen bewegt.Da geht erneut die Klingel an der Eingangstür und die Blicke wandern zeitgleich zumTonzeichen dorthin.Wieder ein Neuer.Der gast ist weiblich.Sie trägt einen graugrünen Mantel,einen etwas großen Federhut.Fasan.Mephistoschuhwerk,bequem und für Krampfaderbeine tauglich.Federnden Schrittes kommt sie in mein Revier und schwenkt den Wedel am Hut.Leise,sage ich mir,verscheuch´mir nicht das Wild.Hier auf meinem Hochsitz will ich ungestört bleiben.

“Ist noch ein Plätzchen frei?” fragt sie und zieht schon männerhaft an dr Stuhllehne.

“Nein!”,will ich sagen,”Ja,natürlich!”antworte ich.Man ist immer zu gut zu den Menschen.Die Tierfeder schaut mich mißbilligend an,erkennt wohl meine wahre gesinnung.Ich gehe halt selten hinaus und scheue den Kontakt.Ich ärgere mich über meine Inkonsequenz.Begucke das Tun der weiblichPerson und senke den Blick,um nur ja nicht ein Gespräch zu bekommen.

Sie hängt ihren häßlichen Mantel an dieGarderobe und stolziert zum Stuhl zurück,direkt vor mir.Ich bewege nur die Augäpfel und schaue sie an.Faltig,alt,einsam und irgendwie gehetzt wirkt sie.

“SchöneWetter,nicht wahr?” Sie lächelt und ich grinse zurück,nicke.Ach due liebermeinvater.Nicht das jetzt.Jede Konversation über das Wetter sollte besser gleich aufgegeben werden.Man ödet sich an und hofft auf ein paar nette Worte,aber bleibt traurig mit seinen meteorologischen Kenntnissen allein.Ich sage es ja:Einsiedelei.Eine Insel,Palmen und…Ich nicke also,aus Höflichkeit und mit Abstand.

“Ich komme oft hierher,aber sie traf ich noch nicht.”

Na,mein Glück,denke ich und schiebe den Stuhl nach hinten.Ich strecke die Beine in die Länge und greife zur Tasse.Der Kaffee ist die einzige Genugtuung für diese Zweisamkeit.Ich erniedrige mich und lächle.Jetzt schaue ich genauer auf sie.Was bleibt mir übrig?Zerknautschtes Gesicht,etwa fünfundsechzig Jahre oder älter.Immer dieser Milchblick.Verschlierte Augen und lippenloser Mund.Große Nasenlöcher,die vibrieren,wenn sie atmet.Lianenhals und altersbefleckt.Gehetzt.Sie unterbricht mein Schauen und meint:”

Ich bin ja jetzt Witwe.Mein Mann ist letztes Jahr gestorben,hatte Krebs.Ein Jahr habe ich ihn gepflegt,dann schlief er ein.Naja,er hatte große Schmerzen.Hinter dem Bett fand ich haufenweise Packungen von Schmerztabletten.Der muß sich totgeschluckt haben.”

Ich nicke,suche,bleibe stumm.

“Ach,wissen sie,ich will nicht aufdringlich sein,aber man hat ja niemanden mehr.Ich gehe jeden Tag hierher,um zu reden.Wenn ich sie störe,müssen sie das sagen.”

Ich nicke.Will etwas sagen und mache:jumm,jumm…

“Wir haben uns im Harz kennengelernt.Kennen sie den Harz?”fragte sie mich.Ich schüttele den Kopf,sage:”Ich war an den Sonntagen mit den Eltern dort,Okertalsperre,St.Andresberg und so…ich ging mit meinem Vater in Bächen umher und sammelte Kieselsteine.”

“Eine schöne Gegend,Und ruhig.Man lebt nur in der Natur richtig,stimmt´s?”

“Und in der Einsamkeit!” behapute ich.

“Ich war selten allein.Nun muß ich mich erst daran gewöhnen.”

“Eine Chance vielleicht mit sich ins Reine zu kommen.”

Ich beiße in mein Rosinenbrötchen,um die Antwort hinaus zu zögern,weil ich weiß,dass sie mich nicht versteht.

“Im Harz haben wir viele Monate verbracht.Wir hatten eine Hütte dort,mit kleinem See zum Angeln,für meinen Mann,Rosenbüsche,alles ohne Strom.”

Sie knabberte an ihrem Tortenstück und schlürfte dazu Tee.Ich wippte mit dem Fuß und besah mir die Ruhe meiner Kaffeetasse.Ruhe,die jetzt auch auf die Dame übersprang,sobald sie zu reden anfangen durfte.Alle Nervosität ging dahin wie ein sich lösender Krampf in der Wade.Na schön,sie lernt laufen.

“Es war Sommer und wir lagen in der Sonne,kannten uns mal ein halbes Jahr,da machte er mir den Antrag und ich willigte ein.Und soll ich ihnen was sagen?”Sie wurde unruhiger wieder,Gebissklappernd spie sie kleine Bröckchen aus und redete sich in Wallung.Ich nickt nur.Ich brauchte nichts anderes zu tun,als zuhören.

“Nachdem er mich gefragt hatte,hielten wir uns in den Armen und sahen zum Himmel hinauf.ich stubste ihn leicht an und fragte,ob er auch das sehe,was ich sehe und er nickte.Wir waren fassungslos.Dort oben am Himmel flog ein Blauer Fisch.Der Fisch begleitete uns ein Leben lang.Unsere Ehe stand unter einem guten Stern oder Fisch…” Sie kicherte und verlor fast ihre Zähne.Dann räusperte sie sich und kramte ein Taschtuch hervor,spuckte das lose,gelbe Lungenzeugs hinein und knüddelte das Tuch zusammen,um es in die Tasche zu stopfen.Wahrscheinlich Raucherin oder die Bronchien,dachte ich.

Ich bedankte mich für das Gespräch,was sie sehr erfreute und sie sagte:”Die jungen Leute haben ja keine Zeit mehr.Alle hetzen irgendwo hin.Meine Kinder leben im Ausland und ich sehe sie mal zu Weihnachten.Aber ich halte sie auf,entschuldigen sie!”

Ich machte einen Diener,hatte eine gute Tat hinter mir und rannte eilends nach hause.Das Rudel war mir auf den Fersen,heulte und umkreiste mich,aber heute würden sie mich nicht kriegen.Jumm,jumm…jumm,jumm,machten die Autos und ich flog n ihnen vorbei.

Fliegender,blauer Fisch?

Mit dem Alter lernt man laufen…und zu plappern…