Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Archiv der Kategorie ‘Alltag’

Unterwegs mit einem Fremden

Von DieterH am 29. Mai 2009 veröffentlicht

Als ich neulich mit einer guten Freundin unterwegs war, entschieden wir uns kurzfristig doch noch in die nahegelegene Disko zu gehen. Normalerweise war ich dazu freitagabends wenig motiviert, aber es war nun mal meine beste Freundin und sie war seit kurzem wieder Single.

Das war bei ihr übrigens immer so. Hatte sie einen Freund, hörte man wenig bis nichts von ihr. Aber wehe sie war wieder solo – dann klingelte mein Telefon ununterbrochen. Hin und wieder war das bei mir auch so, das muss ich zugeben. Ich ließ mich an diesem Abend überreden und wir tranken in der Disco ein bis zwei Cocktails.

Irgendwann bemerkte ich den netten jungen Mann, der mir immer wieder zulächelte. Wenig später kam er zu mir herüber und lud mich auf einen Drink ein. Ich fand ihn von Anfang an sympathisch, weswegen wir über 2 Stunden lachten und redeten. Als meine Freundin dann gehen wollte, bot er an uns nachhause zu fahren. Nach kurzem Zögern willigte ich ein. Als meine Freundin bereits ausgestiegen war, kamen mir Zweifel.

Was wäre, wenn der nette junge Mann gar nicht so nett war, wie er schien? Ein Schauern lief mir den Rücken herunter. Instinktiv griff ich nach meinem Pfefferspray und hoffte den Moment herbei, wenn ich aus dem Auto aussteigen würde.

Zum Glück waren meine Zweifel unbegründet. Als ich ausgestiegen war, fragte mich meine neue Bekanntschaft artig nach meiner Handynummer die ich ihm nach kurzem Zögern auch gerne gab. Heute sind wir seit über 14 Monaten ein glückliches Paar – und auch meine Freundin ist wieder glücklich vergeben.

Juli

Von megaphon am 28. Januar 2009 veröffentlicht

Wenn das schallende Piepsen meines Funkweckers sich in meinen Traum einmischt, träume ich, dass das Piepsen der Traum ist und der Rest die Realität, einer der schönen Träume, die ich immer wieder habe. Tragischerweise ist es jeden Morgen gerade andersrum. Dieser furchtbare Ton und die digitale Anzeige mit der unheilvollen Aufschrift 6:49 reißen mich aus einer viel subtileren und angenehmeren Welt, aus meiner eigenen.

Mitten im Juli in einer deutschen Metropole, die Menschen sind auf der Straße. Die Hitze wird später in jeder Bewegung pulsieren, die ich mache, die Schnelligkeit der Erde wird heruntergedreht, doch so früh ist die Luft angenehm warm und frisch.
Im Sommer finde ich mich schön. Meine blonden Haare sehen sommerblond aus, meine weiße Haut sommerweiß und meine dunklen Augen sind sommerdunkel. Dann lauf ich durch die Straßen, wann immer ich kann, ohne jedes Ziel.

Die Zeit, in der Studieren als gemütliche Lebensphase galt, ist leider vorbei. Als Studentin muss ich nebenher arbeiten, um überhaupt meine Gebühren bezahlen zu können. Ich bin von morgens bis abends unterwegs, hab keine Zeit für mich, das find ich schrecklich.
Nächsten Monat habe ich frei. Ich weiß, wie mein Tagesablauf sein wird. Ich werde am frühen Nachmittag aufstehen, duschen, mich anziehen. Auf die Straße gehen und in irgendeinem Straßencafé einige Freunde zufällig treffen. Mit denen esse ich was und kiff ein bisschen und wir lassen gemeinsam die Zeit an uns vorbeirauschen. Vielleicht sitzen wir da bis spät in die Nacht, vielleicht gehen wir baden im Fluss, vielleicht ziehen wir abends noch los, vielleicht treffe ich einen Typen, vielleicht nicht – scheißegal. Ich gebe alle Kontrolle ab und lasse mein Leben vor sich hinwuchern. Ich lebe meine eigene Welt in der von uns allen. Das ist mein Traum, der von keinem Funkwecker dieser Welt zerhackt werden wird.

Leons Briefe

Von trollbaer am 22. Dezember 2008 veröffentlicht

Leons Briefe

In Liebe, dein Leon.
So stand es fast in jedem seiner Briefe. Leon verstand es, seine Briefe mit bunten Randverzierungen zu versehen, damit sie nicht so trist aussahen. Und er war ein fröhlicher Mann. Daher wollte er, dass auch seine Marie fröhlich werden sollte, wenn sie seine Briefe liest. Seit nunmehr einem halben Jahr waren Marie und Leon voneinander getrennt. Getrennt durch einen Krieg, den niemand wollte und den niemand verstand. Aber Leon hatte keine Wahl.
Eines Tages hielt er den Einberufungsbescheid in den Händen und schon in der darauf folgenden Woche brach er auf, um irgendwo in der Welt irgendeine Grenze zu sichern. “Mach dir keine Sorgen”, sagte er zu Marie und nahm sie dabei liebevoll in den Arm. “Ich schreibe dir jede Woche einen Brief, nein, jeden Tag schreibe ich dir einen. Und ich werde jede Minute an dich denken.
Und so schlimm wird es nicht werden. Du wirst sehen, Weihnachten bin ich wieder bei dir.” Marie liefen die Tränen über ihr hübsches Gesicht. Ihr Make up verwischte und Leon machte noch einen Scherz, indem er ihr sagte, dass sie jetzt aussähe, wie ein kleiner Waschbär. Marie musste lachen, konnte dennoch ihre Tränen nicht verbergen.
Das war jetzt etwa sechs Monate her und Leon hielt sein Versprechen. Jeden zweiten Tag lag ein Brief für Marie im Postkasten. Völlig aufgeregt las sie seine Zeilen immer und immer wieder. Jeden seiner Briefe hob sie sorgfältig auf. Und wenn der Briefträger einmal keine Post für Marie hatte, dann las sie den Brief vom Vortag einfach noch einmal. Leons Briefe waren wunderschön verziert. Er gab sich sehr viel Mühe damit. Und obwohl ihm der Dienst kaum Zeit ließ, schaffte er es doch immer noch, jeden Umschlag mit einem bunten Rahmen zu versehen. Mal malte er rote Rosen, mal waren es bunte Kringel, oder er versuchte sich an komischen Gesichtern. Marie freute sich jedes mal über seine witzigen Zeichnungen. Einmal zeigte eines der Bilder eine Frau, einen Mann und zwei kleine Kinder. Darüber stand: Du, ich und unsere zwei Jungs. “Wieso eigentlich Jungs?”, lachte Marie, “Ich will aber zwei Mädchen. Oder ein Mädchen und einen Jungen. Oder doch zwei Mädchen?” Wieder hatte Leon den Brief liebevoll, mit bunten Farben bemalt.
“Dieser verrückte Kerl”, dachte Marie, “denkt schon an Kinder, obwohl er mich nicht mal gefragt hat, ob ich ihn überhaupt will.” Aber diese Frage stellte sich längst nicht mehr. Ihr Herz gehörte ihm schon lange und sie würde auf ihn warten.
Die Monate vergingen und Marie las noch immer Leons Briefe, die jetzt schon seltener geworden waren. Das Weihnachtsfest stand vor der Tür und Marie zündete die erste Kerze am Adventskranz an. “Weihnachten sehen wir uns wieder, hat er gesagt”, dachte Marie, aber in keinem seiner Briefe erwähnte er etwas davon. “Vielleicht will er mich ja überraschen. Ja, ganz bestimmt will er das.” Marie war etwas enttäuscht, dass Leon nicht mehr so oft schrieb und machte sich Gedanken darüber, ob er vielleicht eine Andere hätte. Aber daran mochte sie nun gar nicht denken. “Wahrscheinlich hat er nur nicht mehr so viel Zeit wie früher. Ja, das wird`s sein”, dachte sie.
Der Postbote klingelte einen Tag vor Weihnachten. Den Brief nahm Marie persönlich entgegen. Ihr Lachen erstarb, denn diesmal hatte der Umschlag einen schwarzen Rand.

Detlev Zesny, im Februar 2008
(Trollbär Lyrik Wabern)

Sandra

Von Rainer am 8. Dezember 2008 veröffentlicht

Sandra versuchte, die Fee zu ignorieren und sich auf ihren Test zu konzentrieren. Aber natürlich war das vergebens, denn ohne Unterlass brabbelte ihr Kassandra allerlei Scheußlichkeiten und Gemeinheiten ins Ohr, bis Sandra glaubte, ihr Verstand würde zerspringen.

„Lass mich doch endlich in Ruhe!“, zischte sie und wusste im selben Augenblick, dass sie zu laut gesprochen hatte.

Dutzende Köpfe fuhren herum und blickten sie mitleidig, amüsiert oder höhnisch an.

Zu allem Überfluss hatte es auch die Lehrerin gehört. Erschrocken sah Sandra auf, die doch eigentlich nur ihre Ruhe haben wollte und nun für Aufmerksamkeit gesorgt hatte.

„Was ist da los?“, keifte die Erdkundelehrerin, die ohnehin nicht gut auf sie zu sprechen war. „Jeder befasst sich sofort wieder mit seinem eigenen Test! Und du, Sandra, hörst gefälligst auf, die Klasse zu stören!“

Sie spürte, wie sie rot anlief. Dagegen konnte sie einfach nichts machen – wenn sie getadelt wurde, und wann war das nicht der Fall, wechselte ihre Gesichtsfarbe zu einem glühenden Rot, das man wohl selbst im Dunkeln noch leuchten sah.

„Entschuldigung, Frau Karthner“, sagte sie und beugte sich wieder über ihre Arbeit.

„Hauptstadt der Ukraine“ stand auf dem Zettel. Daneben eine feine Linie, auf der sie die Antwort eintragen sollte. Ihr Bleistift setzte auf der Linie an. Sie musste nur noch die Antwort eintragen.

Sie wusste, dass sie es wusste. Es war ein kurzer Städtename. Sandra schloss die Augen und dachte angestrengt nach. Die Lösung war zum Greifen nahe, floss in ihre Finger, sie musste sie nur noch aufschreiben, als die Fee brüllte: „Wem machst du etwas vor? Du bist dumm, dumm, dumm!“

Erschrocken riss sie die Augenlider auf und ließ den Bleistift fallen. Sie fing ihn ein, bevor er vom Tischpult rollen konnte. Der Blödmann neben ihr sah sie mitleidig an und kicherte in seine Faust.

Entweder hatte die Lehrerin keine Lust mehr, mit ihr zu schimpfen, oder sie hatte es tatsächlich nicht gesehen. Wenigstens ließ sie sie in Ruhe.

Allerdings hatte sie die Antwort vergessen. Wie gelähmt saß sie eine Zeit lang da, ehe sie einen neuen Versuch startete. Von den zwanzig Fragen hatte sie gerade mal acht beantwortet, und selbst bei diesen war sie nicht sicher, ob sie richtig waren.

„Nenne zwei Flüsse in Frankreich“, stand unter der Ukraine-Frage. Auch das wusste sie, davon war sie überzeugt.

Aber natürlich fuhr ihr die Fee in die Parade. „Schau, wir wissen doch alle, wie entsetzlich dumm du bist. Bemüh’ dich erst gar nicht mit dem Test. Du machst dich ja nur lächerlich.“

Die weiß gekleidete Gestalt schritt lautlos um das Pult herum.

Als Frau Karthner mit ihrer strengen Stimme verkündete, dass sie noch fünf Minuten Zeit hätten, gab Sandra endgültig auf. Sie stieß einen leisen Seufzer aus und legte den Stift neben den fast leeren Papierbogen. Alfons, der zu ihrer Linken saß, schrieb sich fast die Finger wund. Warum konnte die Fee nicht ihn mal belästigen?

In Situationen wie dieser hasste sie sie! Meistens betrachtete sie die Fee als Freundin, die einzige, die sie hatte, aber sie konnte auch richtig gemein sein. Wie eben jetzt.

Eine echte Freundin hätte ihr geholfen.

Vielleicht war die Fee keine Freundin, dachte sie und erschrak über ihre eigenen Gedanken. Rasch verwarf sie diese wieder und gab wenig später beim Absammeln einen fast leeren Zettel zurück.

 

Nach dem üblichen Spießrutenlauf, der freitags am schlimmsten war, da ihre Mitschüler übermütig vor Wochenendfreude waren und sie neckten, herumstießen oder auf ihrer arg mitgenommenen Schultasche herumsprangen, war sie froh, wenn sie zu Hause war.

So leise wie nur irgend möglich, als würde sie eine Bombe entschärfen, schloss sie die Wohnungstür auf. Ein Vergleich, der so falsch gar nicht war: Mutter konnte förmlich explodieren, wenn sie sie unabsichtlich weckte oder einen Missgriff tat, was leider oft der Fall war. Ein Teller, der am gefliesten Boden zersprang, Saftflecken auf dem Geschirrtuch oder eine leere Toilettenpapierrolle im Spender, die sie nicht gegen eine frische ausgetauscht hatte.

Der Möglichkeiten, Mutter zu erzürnen, gab es reichlich, und manchmal argwöhnte Sandra sogar, dass sie nur nach einem Vorwand suchte, um sie beschimpfen oder gar schlagen zu können.

An diesem frühen Nachmittag begrüßte sie nicht Mutters anklagendes Kreischen, sondern ihr Schnarchen. Vorsichtig lugte Sandra um die Ecke. Im Schlafzimmer lag sie nicht, also musste sie im Wohnzimmer eingeschlafen sein.

Sandra zog die Schuhe aus, stellte die Schultasche ins Eck und schlich auf Zehenspitzen ans andere Ende der Wohnung. Tatsächlich, auf der ausgebleichten Couch mit Blümchenmuster lag ihre Mutter, und ihre Lippen umspülte so etwas wie ein Lächeln.

Sie hatte sie schon lange nicht mehr lächeln gesehen, war natürlich ihre Schuld war. Das war ihr klar, denn weder Mutter noch die Fee ließen eine Gelegenheit aus, ihr dies um die Ohren zu schlagen.

Es war ihre Schuld, dass Mutters Leben aus den Fugen geraten war. Wäre sie nicht zur Welt gekommen …

Sandra seufzte leise. Sie war schuldig, ohne etwas verbrochen zu haben. So einfach war das.

Sie ging in die Küche um zu essen. Mutter hatte ihr wieder kein Geld mitgegeben, damit sie etwas in der Schulkantine kaufen konnte. In der kleinen Küche, von deren Kästen das Holzfurnier absplitterte, stank es fürchterlich. Sandra stürzte zum Fenster und riss es weit auf.

Die Ursache für den üblen Geruch hatte sie rasch ausgemacht: Auf dem Ofen stand eine Pfanne. Zwei grotesk aufgerissene Würstchen schwammen in einer dicken Ölschicht.

„Sie wollte dir ein Essen kochen“, erklärte die Fee nonchalant. „Ist sie nicht eine gute Mutter? Also sei ein braves Kind und iss, was sie mit so viel Mühe zubereitet hat.“

Sandra machte ein entsetztes Gesicht. Sie liebte Würstchen, aber die hier waren von der Hitze aufgesprungen, angekokelt und einfach widerlich anzusehen. Nicht einen Bissen würde sie davon zu sich nehmen. Wenigstens hatte sie nicht vergessen, den Herd auszuschalten, wie ihr das vor ein paar Wochen passiert war.

Sandra schauderte bei der bloßen Vorstellung, was geschehen hätte können! Immer wieder hörte man von Bränden, die durch auf der Herdplatte vergessene Pfannen mit Fett ausgelöst worden waren.

Wortlos kramte sie Alufolie aus der Lade, riss einen großen Bogen ab und wickelte die Würstchen darin ein. Dann erst schmiss sie sie in den Abfalleimer.

„Wieso tust du das?“, fragte die Fee tadelnd und hielt dabei ihren Kopf schief.

„Das kann ich doch nicht essen!“, erklärte Sandra.

Sie spülte ihre fettverschmierten Finger mit heißem Wasser ab. Die Fee schüttelte den Kopf.

„Wie undankbar du doch bist.“

„Hör auf!“, fauchte Sandra sie an, und wie bereits wenige Stunden zuvor in der Schule, stieg die qualvolle Erkenntnis in ihr auf, dass sie geschrien hatte.

Ein Lehrer konnte einem nur einen Eintrag ins Klassenbuch antun – Mutter hingegen …

Noch ehe sie diesen Gedankengang zu Ende geführt hatte, hörte sie sie schlaftrunken hochrappeln und „Wer is’ da?“ rufen, was eine dümmliche Frage war: Wer sollte schon da sein? Sie wohnte mit Mutter seit Jahren allein. Kassandra nicht mitgezählt, die ja nur Sandra selbst sehen konnte, denn sie war ihre ganz persönliche Fee. Und Sandra zweifellos etwas ganz Besonderes, sonst stünde keine Fee an ihrer Seite. Jedenfalls erschien ihr das plausibel und erfüllte sie mit ein wenig Hoffnung und etwas, das sich wie Stolz anfühlte.

Als Mutter die Küche betrat, fühlte sich Sandra aber wieder winzig klein und völlig unbedeutend.

„Ach, du“, sagte ihre Mutter mit trockener Stimme.

Erleichtert stellte Sandra fest, dass sie nichts zu befürchten hatte. Sie konnte in Mutter wie in einem Buch lesen. In diesem Augenblick war sie völlig harmlos. „Wieso bist du schon daheim?“

„Es ist Freitag“, erklärte Sandra. „Da komme ich immer früher nach Hause.“

Kurz wirkte Mutter irritiert. Dann fiel es ihr wieder ein oder sie tat zumindest so. „Stimmt, klar, Freitag. Haben dir die Würstchen geschmeckt?“

Sandra nickte eifrig. „Ja, danke.“

Zufrieden versuchte Mutter ein Lächeln, das kläglich scheiterte und ihre Gesichtszüge grotesk entgleisen ließ. „Sind mir ein wenig angebrannt. War … beschäftigt.“

„Das macht nichts“, erwiderte Sandra rasch und überlegte, ob sie auf die Gefahr hinweisen sollte, die von eingeschalteten und vergessenen Herdplatten drohte. Sie verwarf diesen Gedanken rasch wieder – Mutter schien halbwegs guter Laune zu sein. Es wäre dumm gewesen, sie mit einem Vorwurf zu konfrontieren, der ihre Stimmung kippen lassen würde.

„Ich dachte, vielleicht kann ich heute … ins Kino gehen? Wenn du nichts dagegen hast, natürlich nur.“

Mutter zog ihre Stirn kraus. „Ins Kino? Du willst ins Kino?“

Sandra antwortete nicht. Ihr wurde ihr Fehler bewusst, als Mutter sie aufforderte, sich an den Küchentisch zu setzen. Sie gehorchte und Mutter nahm ihr gegenüber Platz.

„Ja, hast du denn nichts aus alledem gelernt? So fängt es an: Kino, Disco, Party. Einen draufmachen, wo Jungs sind.“

Am liebsten wäre Sandra aufgesprungen und hätte sich die Ohren zugehalten. Tausendmal schon hatte sie diese Geschichte gehört. Nun gut, vielleicht nicht tausendmal, aber oft. Viel zu oft. Sie wollte sie nicht mehr hören. Dann fühlte sie sich gleich noch schuldiger, als sie ohnedies schon war.

„Oh, und dann willst du den Jungs gefallen, denn sie sind ja nett und lustig.“

Sandra hasste es, wenn sie die Du-Form gebrauchte, als erzählte sie Sandras Geschichte, nicht ihre eigene.

„Und du beginnst, dich zu schminken und möglichst kurze Röcke und enge Blusen zu tragen, damit die Jungs deine Titten, ja, so nennen sie sie!, deine Titten sehen können und dir unter deinen Rock greifen können. Und sie hauchen dir Versprechungen ins Ohr und sülzen dich mit diesem ganzen Müll von wegen Liebe und so voll. Bis du es glaubst und sie ranlässt, diese Hunde! Wie läufige Köter hinter einer Hündin. Sie benutzen dich eine Zeit lang und dann lassen sie dich fallen.“

Sie legte eine Pause ein und wirkte gedankenverloren. „Wenn du feststellst, dass du schwanger bist, platzen all die Träume und die Versprechungen sind Hundescheiße auf dem Pflaster, über die ein LKW rollte. Du bist noch keine vierzehn und bist schwanger. Und stellst fest, dass das der Weltuntergang ist.“

Mutter stieß ein heiseres Lachen aus. „Du verheimlichst es, so lange es geht. Aber irgendwann geht es nicht mehr, weil es zu offensichtlich ist, und du brichst unter den Fragen deiner Eltern zusammen.“

Wieder hielt sie kurz inne. Diesmal blickte sie hoch und starrte Sandra direkt in die Augen. „Das Schlimmste ist: Es ist zu spät für eine Abtreibung. Du musst das Kind zur Welt bringen. Und dann ist alles vorbei. Dein Leben ist vorbei. Die Liebe ist vorbei. Einfach alles.“

Sie schwieg. Sandra wartete, ob noch etwas folgen würde. Aber offenbar hatte Mutter alles gesagt.

Zögernd wagte sie einen Einwurf. „Ich möchte mir doch nur einen Film anschauen.“

Sie erntete einen wütenden Blick. „Hast du nicht zugehört? Denkst du, ich lasse zu, dass du auch schwanger wirst?“

„Ich bin doch erst zwölf, und ich habe keinen Freund. Die Jungen schauen mich doch nicht einmal an! Im Gegenteil, die verspotten und –“

„Nein!“, fuhr sie Mutter scharf an. „Du bringst die Küche in Ordnung und dann gehst du auf dein Zimmer und bleibst dort, verstanden?“

„Du tust besser, was sie sagt“, empfahl die Fee, die die ganze Zeit über auf dem Tisch zwischen den beiden gesessen hatte.

„Verstanden“, sagte Sandra resignierend und machte sich daran, den Abwasch zu erledigen und die Herdplatten zu reinigen, während Mutter die Wohnung verließ. Das Backrohr war übersät mit Verkrustungen, die mit dem Email verwachsen zu sein schienen. Hartnäckig widerstanden diese all ihren Versuchen, sie wegzukratzen oder wegzuschaben. Nach einer Viertelstunde gab sie es auf und wusch sich die Hände mit Spülmittel. Sie mochte den Zitronenduft und dieses kalte, dennoch angenehme, ölige Gefühl auf den Handtellern.

Dann ging sie, mit noch feuchten Händen, ans Fenster. Schwer und träge hingen die Wolken wie Wasserschläuche am Horizont und versprachen Regen. Etwa fünfzehn Meter ging es nach unten.

„Pass bloß auf, dass du nicht hinausfällst“, sagte die Fee, in deren Stimme wieder einmal jener Spott lag, den Sandra so sehr verabscheute.

Sie mochte eine Freundin sein, aber keine, die einen unterstützte.

Sandra erwiderte nichts und ging auf ihr Zimmer. Neben ihr marschierte die Fee im Gleichschritt einher.

„Hast du dich denn nie gefragt“, begann Kassandra, „warum dich dein Vater nicht mehr besucht? Warum er dich nie wieder zu sich geholt hat?“

Natürlich hatte sie sich diese Fragen gestellt. Aber die Antworten hatten sie auf eine Weise verstört, die sie zusammenzucken ließ, wenn sie nur darüber nachdachte.

Sandra hockte sich aufs Bett und lehnte ihren Rücken gegen die Wand. Die Fee setzte sich neben sie. „Es ist doch so: Deine Mutter wollte dich nicht, dein Vater genauso wenig. Vielleicht wären sie heute noch zusammen und glücklich, wenn nicht du dich zwischen sie gestellt hättest. Sieh mal: Welche Eltern würden ein Kind wie dich schon wollen? Hässlich bist du, und dumm. Nicht einmal die einfachsten Fragen konntest du beim Test –“

„Sei still!“, schrie Sandra, und in ohnmächtiger Wut holte sie mit dem Arm aus und schlug auf die Gestalt neben ihr ein.

Die kleine Mädchenfaust knallte gegen die Wand. Sandra kreischte vor Schmerz auf und rollte sich wie ein Welpe zusammen.

„Siehst du?“, tadelte die Fee. „Ich sagte doch, du bist dumm.“

Ende der Leseprobe.

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Tower-Touch

Von eliterator am 23. Juni 2008 veröffentlicht

Noch bis vor kurzem war ich überzeugt, dass der Fernsehturm allen gehört. Schon seit ich denken kann, grüßt mich der freundliche – von den Berlinern angeblich Telespargel genannte und im Russisch-Unterricht als Telebaschnija verunglimpfte – Riese von der anderen Seite des Alexanderplatzes. Von seiner Kuppel, auf der im Sonnenschein ein blitzendes Kreuz prangt – was übrigens den Architekten beinahe in den DDR-Knast gebracht hätte – konnte das DDR-Kind mit einem lachenden und einem weinenden Auge zum ersten Mal den Westen sehen. Rüber machen konnte der potenzielle kleine Republikflüchtling vom Fernsehturm aus allerdings nicht. Die Scheiben waren zwar durchsichtig aber nicht durchlässig.

Ich weiß natürlich nicht mehr, wie das früher wirklich war – zwar soll damals alles allen gehört haben, aber man durfte den ollen DDR-Chefs ja auch nicht alles glauben – jetzt jedenfalls gehört der Fernsehturm ganz sicher nicht mehr allen, sondern der Deutschen Telekom.

Schon der hässlich rosarotmargentafarben-grauweiß-gekästelte Fußballkopf, den man unserem Fernsehturm im Sommermärchensommer aufgesetzt hatte, hätte mich stutzig machen sollen. Aber ich war damals wohl zu trunken von der schwarz-rot-goldenen Partystimmung, als dass ich mir um diese Verschandelung Gedanken machen konnte. Die Meter hohen Metallzäune, die den Fernsehturmfuß einsperren, hatte ich immer als gegeben hingenommen.

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