Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Archiv der Kategorie ‘Fantasy’

Die Rune des Todes

Von runenleger am 21. Juli 2010 veröffentlicht

Es war vor vielen Hundert Jahren, als ein Krieger auszog, um seinen Stamm zu beschützen. Der Krieger war noch jung, doch in ihm brannte das Feuer des Kampfes schon eine Weile.
Sein gesamtes Leben hat er darauf gewartet, endlich in diese Schlacht ziehen zu dürfen. Es war ein Grollen, das ihn antrieb und das er ab dem Moment empfand, als vor mehr als zehn Jahren die leblosen Körper seines Vaters und seines Bruders von ihren Gefährten zurück ins Dorf gebracht wurden. Sie fielen einem feigen Hinterhalt der Wolfsmenschen zum Opfer.

Rune Eiwaz

Diese Überfälle gab es seit Geburt des jungen Kriegers. Sein Vater dachte einst, er könnte dem ein Ende bereiten. Die Runen hatten ihm diese Möglichkeit eröffnet und so zog das Familienoberhaupt gemeinsam mit anderen Waffengefährten durch die Wildnis, stets auf der Jagd nach kleineren Rudeln Wolfsmenschen. Eine kleine Zahl von ihnen waren für geübte Kämpfer mit richtigen Waffen und Rüstungen keine große Herausforderung. Doch diese klugen Tiere gingen allmählich zu einer neuen Taktik über. Anscheinend hatten sie erkannt, dass sie als Großrudel viel gefährlicher waren.
Es kostete die Nordkrieger viele Männer, bevor sie einsehen mussten, dass sie der Überzahl der Wolfsmenschen vorerst unterlegen waren. Sie zäunten sich ein und zogen sich zurück, verzichteten darauf, große Teile der Felder zu bewirtschaften. Es dauerte einige Jahre, bis sie sich wieder sammeln und ausrüsten konnten und der Nachwuchs ausreichend trainiert hatte, um eine Chance gegen diese Bestien zu haben. Der junge Krieger gehörte zur älteren Riege dieses Nachwuchses.

Sie spähten das Wolfsmenschenrudel seit Tagen aus und legten ihm einen Hinterhalt in einer Schlucht. Trotz ihrer Überzahl und der Unerfahrenheit vieler Nordkrieger gelang es den Wolfsmenschen nicht, sich zur Wehr zu setzen. Sie wurden von den Wurfpfeilen einfach aufgespießt oder von Armbrustbolzen hingerichtet, ohne dass sie ihre Zähne auch nur in einen Gegner reißen konnten. Die gut gezielten Speere und Bolzen schossen von oberhalb der Schlucht auf sie hinunter, was den meisten ein schnelles Ende bereitete. Die Überlebenden bekamen es mit den Äxten eines Trupps zu tun, zu denen auch der junge Krieger gehörte. Halb Mensch halb reißende Bestie, setzten sie sich bis zum Ende erbittert zur Wehr, obwohl sie keine Chance mehr hatten. In ihrem letzten verzweifelten Gejaule gab es weder Hoffnung mehr, noch Aufbegehren gegen das Schicksal. Der Sieg der Nordkrieger schien leicht, doch er war Ergebnis jahrelanger Übung. Disziplin gepaart mit geschulter Waffenkunst kamen bei vielen Kriegern zum ersten Mal zum Einsatz. Die Vorbereitungen waren erfolgreich, wie der Runenpriester es vorhergesagt hatte.

Der junge Krieger freute sich schon auf die Bewunderung seiner Verlobten. Er musste ihr versprechen in ganzen Stücken wieder zurückzukehren, doch mit einem derartigen Sieg kehrte es sich viel leichter Heim, anstatt als unterlegener und zerstreuter Haufen. Sie konnte stolz auf ihn sein. Sein persönliches Orakel, das sich der junge Krieger gerne mit den alten Runen seines Vaters legte, schien sich zu erfüllen. Dieses zeigte die Rune Othala, die Heimkehr, als er nach dem Ausgang der Schlacht fragte.
Hinter der Bergkuppe musste das Dorf erscheinen. Die Krieger vor ihm begannen auf einmal aufzustöhnen und zu laufen. Auf einen Schlag verwandelte sich die Siegesstimmung in Entsetzen. Schuld war das heimatliche Dorf. Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass die Wolfsmenschen die Siedlung überfallen hatten. Die meisten Krieger waren nicht da, sondern stellten dem Feind eine Falle in der Schlucht. Sie wollten als größerer Trupp die nördliche Gegend endlich entscheidend säubern. Nun waren sie es, die in eine Falle dieser Bestien gelaufen sind. Sie haben ihre Siedlung ungeschützt gelassen und geglaubt, die Lage mit ihren Spähern unter Kontrolle zu haben.

Es folgten Tage der Trauer. Der junge Krieger wollte nicht einsehen, warum er Bruder, Vater und nun auch noch seine Verlobte an die Monster verloren haben sollte. Diesmal nicht. Er hatte vor, das Geschehene rückgängig zu machen und fragte den Runenpriester um Rat. Er wollte die Toten zurückholen.

Der Magier baute daraufhin eine Todesrune. Die Rune Eiwaz war darauf abgebildet. Er prophezeite dem Krieger, mit ihrer Hilfe ein Tor zwischen dem Jenseits und dem Diesseits zu reißen, wie einst Odin, der tagelang an dem Weltenbaum hin.
Der Krieger, ebenfalls in der Runenkunst und der Magie ein wenig bewandert, glaubte zu verstehen. Er kannte das Ritual, brauchte nur noch ein paar jener roter Beeren, die auf den Eiben wachsen. Wie das Schicksal es wollte, wurde seine Geliebte unter einer solchen Eibe vor wenigen Stunden begraben.

Unter dem Einfluss der Eibenfrüchte wartete der trauernde Krieger bis Mitternacht. Dann begann er mit dem Höhepunkt des Rituals. Er hatte vor seine Geliebte zurück ins Leben zu holen. Dazu musste er nur noch die Todesrune auf das Grab legen und sein Blut darauf tropfen lassen.
Es dauerte nicht lange, bis sie erschien. Sie stieg regelrecht aus der Eibe heraus. Obwohl gestern noch quicklebendig, schien sie aber blass und ausgezehrt wie ein Geist. Sie schwebte ein paar Handbreit über dem Friedhofsbogen. Der Krieger stand auf und versuchte sie zu umarmen. Vergebens, denn die beiden gehörten anderen Welten an. Sie waren einander nichts als Erscheinungen.
In dem Moment wusste der Krieger, das er mit der Todesrune gar nichts wiederherstellen konnte. Es ging nur darum, einander noch einmal zu sehen. Er wollte ihr seine Liebe und Treue bis in alle Zeit zu schwören, doch sie unterbrach ihn. Sie konnte von ihrem Ort aus in die weltliche Zukunft sehen und sagte ihm ein langes Leben, Liebe und viele Kinder mit einer anderen Frau voraus, die er in den nächsten Jahren kennenlernen sollte. Es war von einem anderen Land die Rede, das sicherer war und in dem die Menschen nicht von bösartigen Kreaturen bedroht wurden. Der Weg sollte innerhalb des nächsten Jahres gefunden werden. Er lag in südlicher Richtung.

Und so konnte die Rune des Todes doch noch ihre Bestimmung finden. Denn ohne diesen Hinweis hätten die Nordkrieger es nicht gewagt, weiter in den Süden zu ziehen. Was sie erwartete waren nicht Drachen und andere Ungeheuer, wie in den Sagen über diese Gegend, sondern ein wunderbares und wirtliches Land, das ihnen und einem anderen Stamm, der ebenfalls auf der Flucht vor den Wolfsbestien war, zu einer neuen Heimat wurde.
Der junge Krieger ging in die Geschichte des Stammes ein und sollte später noch Häuptling werden. Er konnte die Gefallenen, allen voran seine Verlobte, nicht aus dem Totenreich zurückholen, doch dafür die Lebenden zu einem Ort weisen, an dem sie ohne nennenswerte Gefahren gedeihen und sich vermehren konnten.

Im Zwielicht

Von admin am 14. August 2009 veröffentlicht

Autorin: Elke Meyer
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art

PROLOGSTORY zu MOND DER UNSTERBLICHKEIT

Im ZwielichtAmber drehte gedankenverloren das Amulett zwischen ihren Fingern. Ihr Vater hatte ihr das Schmuckstück aus Schottland mitgebracht. Es bestand aus drei ineinander verschlungenen Kreisen, die von einer Lanze durchbohrt wurden und symbolisierte Avalon. Dem Träger versprach es magische Kräfte und Intuition.
Schottland – was würde sie dort erwarten?
Bei dem Gedanken an den bevorstehenden Umzug dorthin verspürte sie ein ungutes Gefühl. Und das hatte sie noch nie getrogen.
Amber betrachtete durch das geöffnete Fenster die silberne Mondsichel. Draußen herrschte absolute Stille, der Straßenlärm war verklungen, nur ein Hund jaulte in der Ferne. London schlief. Wenn sie doch auch nur die ersehnte Ruhe finden könnte.
Der Anhänger prickelte auf ihrer Haut.
Plötzlich hatte Amber das Gefühl, nicht mehr allein im Zimmer zu sein. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Rücken aus. Sie fuhr herum und sah zur Tür. Aber die war wie immer verschlossen.
Amber schüttelte lächelnd über sich selbst den Kopf.
Nur einen Wimpernschlag später schrak sie erneut zusammen. Hatte sie nicht eben zwei rot funkelnde Augen im Spiegel gesehen? Ausgemachter Blödsinn! Sie reagierte über, ihre Sinne spielten ihr einen Streich.
Dennoch starrte sie zu dem Spiegel hinüber. Auf seiner Oberfläche reflektierte die Mondsichel, rot wie Blut.
Rot wie Blut?
Amber schluckte, denn der Mond am Nachthimmel schimmerte silbrig, im Gegensatz zu seinem Abbild. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie sich dem Spiegel näherte. Vorsichtig streckte sie eine Hand aus, um den roten Mond zu berühren. Das Amulett auf ihrem Dekolleté begann zu vibrieren und löste ein unangenehmes Brennen auf der Haut aus. Die glatte Oberfläche des Glases fühlte sich unter ihren Fingern vertraut an. In dem Moment, wo sie es berührte, zuckte ein Blitz aus dem Amulett, der sich in ihrem Körper entlud. Amber schwindelte, alles um sie herum begann sich zu drehen. Taumelnd kippte sie vornüber – auf den Spiegel zu. Als sie sich an ihm abstützen wollte, griff sie durch das Glas, als wäre es Wasser. Ein starker Sog erfasste sie und zog sie in den Spiegel hinein, bevor sie sich wehren konnte. Ein Strudel riss sie mit sich in tiefe Dunkelheit. Amber glaubte in ein Nichts zu stürzen, aus dem es kein Entrinnen mehr gab. Ihre Schreie blieben stumm. Verzweiflung stieg in ihr auf, sie wollte noch nicht sterben.
Unerwartet endete der Sog. Amber prallte auf harten Boden und schrie auf. Benommen blieb sie liegen. Hinter ihren Schläfen pochte es schmerzhaft. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, was mit ihr geschehen war. Sie lag auf steinigem Boden, der durch wenige Grasbüschel unterbrochen wurde.
Mühsam rappelte sie sich auf. Sie befand sich inmitten eines gewaltigen Steinkreises, meterhohe Pfeiler, die von Decksteinen überbrückt wurden, rahmten sie ein. Das Zentrum des Kreises bildete ein Menhir, in den eine Spirale gemeißelt worden war.
Über diesem Ort wölbte sich samtblauer Nachthimmel mit einem wahren Sternenmeer. Es war ein Ort des Friedens, voller Mystik und Energie.
Amber spürte die Kraft, die von diesem Ort ausging, wie feine Schwingungen auf ihrer Haut. Das Amulett pulsierte, als besäße es ein Herz.
Amber hatte schon von diesem Ort geträumt, vor langer Zeit, als sie noch ein Kind gewesen war. Es war ohne Zweifel der Steinkreis aus ihrem Traum – voller Energie und gleichzeitig bedrohlich.
Sie kniff sich in den Arm, in der Hoffnung, der Traum möge jetzt enden, doch nichts dergleichen geschah.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Amber fuhr herum und fand sich einer Frau gegenüber, die eine Art Tunika und darüber einen samtenen, scharlachroten Umhang trug. Ihr Gesicht war zeitlos schön, ihre Figur grazil. Sie besaß eine starke Aura, deren Schwingungen Amber wie feine Nadelstiche spüren konnte. Die Fremde lächelte freundlich.
„Wo bin ich hier?“, fragte Amber. „Und wie bin ich hierher gekommen? Eben noch habe ich vor dem Spiegel gestanden… das kann nur ein Traum sein.“
„Das ist kein Traum. Nur Auserwählten ist es erlaubt, diesen heiligen Ort zu betreten.“
„Ich bin keine Auserwählte. So was gibt es nicht. Wer sind Sie überhaupt?“
Die Frau legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. Wärme durchflutete Ambers Körper. „Man nennt mich Lady oft the Lake. Und der Ort, an dem du dich befindest, heißt Avalon. Du trägst in dir viele Fragen, aber keine Antworten. Deshalb bist du an diesen Ort gekommen.“
In Ambers Kopf überschlugen sich die Gedanken. Avalon? Was redete diese Frau da? Dieser Ort gehörte zu einer Legende. Den hatte es nie gegeben.
„Welche Fragen? Und welche Antworten? Und wie bin ich hierher gekommen?“
Die Fremde lächelte wissend. „Durch Magie. Wie du deine Chance hier nutzt, liegt bei dir. Es war nur meine Aufgabe, dich zu empfangen.“ Die Fremde drehte sich um und deutete auf den Menhir im Zentrum des Steinkreises. „Dort steht der Kelch des ewigen Wissens. Wenn du aus ihm trinkst, wird das Orakel dir Antworten geben. Nur die Mutigen bieten dem Schicksal die Stirn. Danach kehrst du in deine Welt zurück. Aber die Erinnerungen an diesen heiligen Ort werden gelöscht. Ich muss jetzt gehen.“
„Nein! Halt! Warte! Du kannst mich doch nicht einfach im Stich lassen.“ Amber versuchte den Arm der Fremden zu umfassen, aber sie griff hindurch. Die Erscheinung war ein Geist, was das flaue Gefühl in Ambers Magen verstärkte.
„Vertraue dem Orakel und deinen Kräften!“
„Na, toll. Welche Kräfte denn? Bleib bitte hier. Ich will so schnell wie möglich in meine Welt zurück, und ich bin sicher, das schaffe ich nur durch dich.“
Amber fühlte sich hilflos wie nie zuvor, als sich die Fremde wortlos umdrehte und mit dem Menhir verschmolz.
Bravo, Amber! Superidee! Warum musstest du auch den Spiegel berühren? Jetzt hängst du hier fest.
Mutlos sank sie auf den Boden und lehnte den Rücken an den Menhir. Das konnte doch alles nicht wahr sein, das musste ein Traum sein. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, aber das verflixte Ding war stehen geblieben.
Amber sah zu dem goldenen Kelch, der als stumme Aufforderung auf dem Menhir stand. Grübelnd kaute sie auf ihrer Unterlippe. Ach, sie wollte nichts Schicksalhaftes erfahren, sondern nur zurückkehren.
Doch die Versuchung war zu groß. Nur einen kleinen Schluck wollte sie kosten. Amber stand auf und ergriff den metallenen Kelch. Sie drehte ihn in der Hand. Den Rand zierte das gleiche Symbol wie ihr Amulett. Der Anhänger auf ihrer Brust pulsierte noch stärker.
Die Flüssigkeit in dem Kelch war klar und schimmerte rosa. Amber schnupperte daran, es roch nach nichts. Vorsichtig nippte sie. Es schmeckte wie Wasser. Das beruhigte sie. Sie wurde mutiger und nahm einen großen Schluck.
Den Kelch noch immer in der Hand haltend, wartete sie gespannt darauf, was geschehen würde. Sie hatte etwas Spektakuläres erwartet, doch nichts passierte. Amber war enttäuscht. Als sie das kostbare Gefäß zurückstellen wollte, stutzte sie. Ein süßlicher, metallischer Geruch,der Übelkeit verursachte, stieg ihr in die Nase. Das Wasser hatte sich in Blut verwandelt. Vom Ekel gepackt, warf Amber den Kelch in hohem Bogen von sich.
„Verdammt, ich will aus diesem Traum aufwachen.“, stieß sie hervor. Wohl auch um ihr aufsteigende Angst zu bekämpfen.
Starker Wind kam auf und trieb die Wolken zusammen. Über Amber braute sich ein Unwetter zusammen. Sie suchte unter einem der riesigen Steine Schutz und blickte zum Himmel auf.
„Sei bereit“, säuselten Stimmen im Wind.
Die Wolken gaben die rote Mondsichel wieder frei, deren Licht den Menhir beleuchtete. Aus der Spirale daruf sickerte eine rote Flüssigkeit: Der Menhir blutete.
Zitternd wich Amber zurück.
„Es ist sein Blut“, hörte sie wieder ein Flüstern.
Laute Stimmen schallten von dem Hügel hinter dem Steinkreis zu Amber herüber.
Krieger mit gezückten Schwertern stürmten den Hügel hinunter. Sie wirkten in ihrer knielangen Tunika und dem darüber geschlungenen Brat wie aus einem Kinofilm.
Ihr Anführer war ein blonder Hüne. Neben ihm ritt eine Gestalt in weißer Kutte, deren Gesicht unter einer Kapuze verborgen war. Dem kleinen Heer folgte dicht eine größere Anzahl Krieger mit Eisenhelmen und Kettenhemden. Amber verbarg sich hinter dem Menhir und beobachtete das Kampfgeschehen. Die Eleganz und Kühnheit, mit der der Hüne das Schwert gegen seine Feinde schwang, faszinierte sie. Unerschrocken tötete er jeden, der sich ihm in den Weg stellte. In Aussehen und Geschmeidigkeit verglich Amber ihn mit dem Halbgott Achill, der in der Schlacht um Troja gestritten hatte. Und dieser Krieger hier kämpfte nicht nur wie der Grieche, sondern sah auch aus wie ein Gott. Amber hörte die Schreie der Sterbenden und erschauerte. Fast sah es so aus, als verlöre das Heer des beeindruckenden Anführers. Da hob die Gestalt in der weißen Kutte den Arm.
Das Kreischen, das augenblicklich am Himmel erscholl, ging Amber durch Mark und Bein. Es stammte von einer Armada geflügelter Gestalten, menschliche Körper mit dämonischen Fratzen. Aus deren rotglühenden Augen sprach die pure Mordlust. Die Kreaturen stürzten sich auf die Krieger mit den Eisenhelmen, packten sie im Nacken und gruben ihre langen, spitzen Zähne in deren Kehlen.
Amber wollte den Blick abwenden, die Augen schließen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht.
Der weiße Kuttenträger sprang vom Pferd, beugte sich über einen Sterbenden und versenkte seine Zähne in dessen Fleisch. Gierig saugte er das Blut aus dem schlaffen Leib des Kriegers. Amber konnte den Anblick nicht ertragen. Alles begann sich um sie zu drehen.
Da ritt die Gestalt in Weiß direkt auf sie zu. Ambers Puls begann zu rasen, als sie sich weiter in den Schutz des Menhirs kauerte. Eine plötzliche Kälte hüllte sie ein, wie der Hauch des Todes. In Panik sprang Amber auf, um zu fliehen. Doch die Kuttengestalt versperrte ihr den Weg. Aus der Kapuzenhöhle funkelten rote bösartige Augen. Die Hände der Gestalt gehörten einer Frau und schienen seltsam vertraut.
Das Amulett auf Ambers Brust glühte. Wie gelähmt starrte sie die seltsame Gestalt an, in der Erwartung, dass diese sich auf sie stürzen werde, um auch ihr Blut zu trinken. Stattdessen zog die Frau die Kapuze vom Kopf.
Als Amber das Gesicht erkannte, taumelte sie rückwärts. Sie glaubte in einen Spiegel zu sehen!
„Ich bin dein dunkles Ich, das dich verzehrt“, flüsterte ihr Spiegelbild und grinste hämisch.
„Nein!“, rief Amber aus und hob abwehrend die Hände.
„Die dunkle Seite deiner Seele wird deine lichte Hälfte besiegen, bis deine Seele ihm gehört.“ Sie streckte den Arm aus und deutete auf den Hünen, der ihr jetzt das Bluttrinken gleichtat.
„Niemals!“, rief Amber aus.
„Das ist dein Schicksal.“ Die Fremde warf den Kopf in den Nacken und lachte. Ambers Hand tastete nach dem Amulett, als böte es ihr Schutz. Wenn sie doch nur in Ohnmacht fiele, oder der Alptraum ein Ende nähme!
Ihr Spiegelbild trat auf sie zu, riss ihr die Kette mit dem Amulett vom Hals und schleuderte es fort. Amber fühlte das Blut, das aus ihrer Halsbeuge sickerte, in die sich die Kette geschnitten hatte. Die eisigen Hände der Fremden legten sich auf Ambers brennendes Dekolleté.
Amber spürte, wie sich ihr Herzschlag verlangsamte und die Lebenskraft aus ihr wich. Als ihre Beine einknickten, fühlte sie sich dem Tod nahe. Da riss sie etwas mit aller Kraft zurück, bis sie in tiefer Dunkelheit versank.

Ein Knall schreckte Amber auf. Sie blinzelte und erkannte unzählige Glassplitter, die durch die Luft wirbelten.
Der Spiegel war zersprungen.
Erleichtert atmete sie auf, sie hatte nur geträumt. Ihre Finger tasteten über die brennenden Stellen an ihrem Hals. Amber erschrak, denn die Kette war fort – und als sie ihre Hand zurücknahm klebte Blut an ihren Fingerkuppen.

Büroalltag

Von admin am 29. Juni 2009 veröffentlicht

Autor: Mark Staats
Illustration:
Gaby Hylla

bueroalltagDer Wecker piept gnadenlos. Ich erwache. Dabei sind es doch nur drei Stunden Schlaf gewesen. Hatte ja genug zu tun gehabt Diese kleinen Scheißer. Wollten die Kinder mit ihren Drogen vergiften. Ich war ihnen gefolgt. Bis zu ihrem Treffpunkt. Als sie mich sahen, lachten sie. 1,62 und schlank sieht auch nicht gerade gefährlich aus. Ich warnte sie noch. Doch sie lachten weiter. Ich knurrte. Verwandelte mich. Dann lachten sie nicht mehr. Sondern zitterten. Nun liegen sie sicher verscharrt im Wald. Mit ihrem Gift. Und ich muss neue Klamotten kaufen. Ich bin eine Heldin. Eine Superheldin. Pah. Was bringt es mir? Ringe unter den Augen. Daraus resultierend zu wenig Sex. Erhöhten Koffeinbedarf. Daraus resultierend vermutlich frühzeitigen Herzinfarkt. Überproportionaler Bedarf an textilem Nachschub. Daraus resultierend frühzeitige Armut, wegen ausgiebigen Shoppingtouren. Okay, das ist nicht wirklich schlimm. Gut, das mit dem Sex schon.
Mühsam öffne ich die Augen. Wildgeruch steigt mir in die Nase. Da hab ich wohl noch einen kleinen Snack von draußen mit ins Bett genommen. Während andere nachts noch mal schnell zum McDrive fahren, gehe ich in den Wald. Das blutige Kaninchen liegt neben mir auf dem weißen Laken. Nur halb gegessen. So groß war der Hunger nicht. Ich würge. Das muss dann doch nicht sein. Hätte es nicht ein gutaussehender Mann sein können? Der noch lebt. Mich liebvoll wach küsst.
Ist heute Dienstag? Shit, in zwei Stunden kommt die Putzfrau. Ich muss zur Arbeit. Gehetzt springe ich aus dem Bett. Laufe durch die Wohnung. Überall Pfotenabdrücke. Ich besitze aber keinen Hund. Unangenehme Fragen von der Putze will ich nicht beantworten. Gut, die Dusche muss warten. Erst den Snack entsorgen. Aber wohin? Nachbars Schäferhund bellt. Mein einziger Verehrer. Ich ziehe mir den Bademantel über. Laufe mit dem Snack in der Hand in den Garten. Dort steht er, auf Nachbars Grundstück. Er hechelt. Sein Penis erigiert, als er mich sieht. Er riecht die Wölfin in mir. Ich seine Geilheit. Es ist widerlich. Ich werfe den Kadaver über den Zaun. Er schnappt danach und läuft davon. So leicht sind Männer von einer Alternative zu überzeugen. Ich zurück ins Haus. Ziehe das Bett ab. Werfe das Laken in die Waschmaschine. Wische die Bodenfließen. Wozu hab ich eigentlich ne Putze, wenn ich doch selbst ran muss? Ich werde ihr den Lohn kürzen. Nein, werde ich nicht. Puh, geschafft. Noch schnell duschen und mich stylen.
Um 09:00 Uhr sitze ich an meinem Schreibtisch bei Zappel Landmaschinen GmbH. Der erste Kaffee fließt durch meine Blutbahn. Ich starre auf den Bildschirm. 65 ungelesene Mails. Der Chef, Kunden, Andrea, die mich zu einer Singleparty für Samstag einlädt. Im Kuhstall, der Dorfdisco. Ich sage zu. Vielleicht kommen ja ein paar Jungs aus der Stadt. Wäre mal wieder Zeit für mich, mit jemandem Sex zu haben. Der letzte Kerl vor zehn Tagen war ein Schlappschwanz. Hat nur zwei Stunden durchgehalten. Meine Werwolfskraft verlangt nach mehr. Vielleicht sollte ich eine Anzeige aufgeben? Suche Mann der drei Stunden und mehr durchhält. Ein sinnloser Traum. Der deutsche Durchschnitt liegt bei 2,5 min. Da ist vermutlich sogar der Schäferhund noch besser.
„Frau Müller, ich brauche in zehn Minuten eine Präsentation für die Sitzung“, ruft mein Chef aus seinem Büro. Reißt mich damit aus meinen Gedanken. Zehn Minuten? Hat der einen Schaden? Die Sitzung wurde vor vier Wochen geplant. Da hätte er genug Zeit gehabt. Ich brodele. Knurre. Meine Kolleginnen schauen mich verständnislos an. „’tschuldigung“, sage ich. Verdammt. Ich muss besser aufpassen. Kann der Chef nicht mal was stehlen? Das Problem hätte ich dann schnell gelöst. Auf meine Art. Ich grinse. Schaue auf den Bildschirm. Lasse meine Finger über die Tasten fliegen. Zwei Minuten später hält er das Verlangte in der Hand. „Hier, Chef“, meine ich zuckersüß.
„Das hätte aber besser werden können.“ Er wirft einen Blick auf die Folie.
Meine Kaffeetasse in der Hand zerplatzt. Mein Chef erschrickt. „Der Ton war alt“, lüge ich. Schaue auf meine weißen Knöchel. Und du gleich kalt. Aber das sage ich nicht. Ich bin wütend. Ein Vulkan ist nichts gegen mich. Nehme mir vor, ein Auge auf ihn zu werfen. Der hat bestimmt eine Leiche im Keller.
Mittagspause. Heute gibt es Kaninchen. Ich verzichte. Trinke nur einen weiteren Kaffee. Den zwanzigsten. Mein Herz hämmert.
„Päckchen“, ruft ein Bote durchs Büro. Ich sehe ihn an. Er ist neu. Hab ihn noch nie gesehen. Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch. Spüre mein Blut pulsieren. Oder ist es doch der Kaffee? Südländer, Muskelberge, schwarze Haare, dunkle Augen, schöne Hände. Genau mein Typ. Die sollen ja länger können. Den krall ich mir. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich fahre mir durchs rote Haar. Nehme die Brille ab. Öffne zwei Knöpfe meiner Bluse. Lächle. Versuche, Eindruck zu schinden. Gott sei dank hab ich einen kurzen Rock gewählt. Ich stelle mich in Pose. Aber nicht zu aufdringlich. „Ja, hierher“, sage ich. Winke ihn zu mir. Ich komme mir vor wie ein Flittchen. Egal. Ich brauche einen Mann. Er riecht so herrlich. Manchmal ist es toll, eine Werwölfin zu sein. Wir kommen ins Gespräch. Flirteten ein wenig. Ich rieche seine Bereitschaft. Mein Lächeln wird immer breiter. Heute Nacht hab ich einen Mann. Er versaut es.
„Ist das ein Flohhalsband, was Sie tragen?“
Ich schaue ihn schief an. „Pariser Chic.“ Meine Stimme läßt die Luft gefrieren. Dann werfe ich ihn aus dem Büro. Mist, wieder nichts.
Der Rest des Tages zieht träge dahin.
17:00 Uhr. Endlich Feierabend. Raus aus der Firma. Was für ein Tag? Ich gehe zu meinem Auto. Steige ein. Fahre nach Hause. Er wartet schon. Wie macht er das bloß? Rocky wedelt mit dem Schwanz. Rocky ist der Schäferhund des Nachbarn.
Ich tätschle seinen Kopf. Ihm geht einer ab. Doch schlechter als der deutsche männliche Durchschnitt. Mist. Naja, heute Nacht werde ich mir den Neuen im Ort mal ansehen. Ein irischer Wolfshund. Iren sollen ja ganz gut sein. Ich schließe die Tür auf. Ziehe die Stiefelletten aus. Mache mir einen Kaffee. Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel „Kindchen, geh zum Arzt. Soviel Blutverlust ist ungesund“, steht drauf. Er ist von meiner Putzfrau. Mist, ich hab vergessen, die Waschmaschine anzustellen. Drei Stunden hab ich noch. Genug Zeit. Erst ausruhen, dann die Nägel lackieren. Ich schaue in die Fernsehzeitung. Es gibt Teen Wolf. Ich brülle laut los. Ein Werwolf der auf der Highschool akzeptiert wird. Freunde hat. Sogar eine Freundin. Den jeder mag, und der so niedlich aussieht. So was kann nur Hollywood machen. Die Realität sieht anders aus. Kein Mann im Bett. Ein Flohhalsband als Kette. Um 23 Uhr springe ich durchs offene Fenster. Meine Taschentücher im Maul. Die Krallen scharf und grün. Bei Metzger Tönjes sind zum wiederholten Male Schweinehälften geklaut worden. Es wird bestimmt wieder eine lange Nacht. Zum Glück hab ich für später genug Kaffee im Haus.

Der Umzug

Von admin am 19. Juni 2009 veröffentlicht

Autor: Oliver Kern
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Das Herz der Dunkelheit”

DerUmzug„Warum haben Sie sich … materialisiert?“
„Es war ein Unfall.“
„Und jetzt …“
„… ist es zu spät“, vollende ich den Satz und blicke dabei in seine müden Augen. Der alte Mann in seinem ausgebeulten, dunkelblauen Anzug kennt meine Akte, aber trotz allem musste er diese Frage stellen. Das tun sie alle, es ist wie ein Zwang.
„Wissen Sie, warum sie mich geschickt haben?“
Ich nicke. Ja, ich weiß es. Ich kann ihn riechen, den Krebs, der in seinem Körper wuchert. Faulig, eitrig, unaufhaltsam. Er muss von mir nicht hören, dass er sterben wird. Wer zu mir kommt, tut dies zwangsläufig. „Wie lange gibt man Ihnen noch?“, frage ich, weil ich glaube, dass er es erwartet.
„Sechs Wochen.“
„Und jetzt wollen Sie es früher hinter sich bringen, weil Sie Angst vor den Schmerzen haben. Oder vor dem Dahinsiechen in einem Hospiz. Weil Sie lieber aufrecht für ihr Vaterland in den Tod gehen, als bettlägerig und mit vollgeschissenen Windeln.“
Seine Schultern sacken eine Spur weiter nach unten, aber er fühlt sich nicht provoziert. „Hören wir auf, über mich zu sprechen“, sagt er und ich kann nicht unterscheiden, ob es eine Bitte oder ein Befehl ist. Uns trennt fünf Zentimeter dickes Panzerglas und trotzdem spüre ich wie er leidet. Egal was sie ihm gesagt haben, er ahnte nicht, dass es so schlimm ist. Dass der Zerfall so augenblicklich und unumstößlich einsetzt. Und ganz sicher wird er nicht ohne Schmerzen sterben, aber das behalte ich vorerst für mich. Noch hat er zu viel Adrenalin im Blut, um ihm damit Furcht zu machen.
„Sie werden verlegt“, unterbreitet er mir endlich den Grund für seinen Besuch.
Er ist der erste Mensch, den ich seit über zwei Jahren zu Gesicht bekomme. Ein alter, kranker Mann, dessen letzte Aufgabe es sein wird, mich in eine andere Zelle zu stecken.
„Wann?“, will ich wissen. Nicht, dass ich viel zu packen hätte, aber ich brenne darauf, den Himmel zu sehen.
„In zwei Tagen“, antwortet er.
„Wo geht’s hin?“
Er zögert. Als er vor fünf Minuten aus dem Lift trat und bevor er sich auf dem Besucherstuhl niederließ, hielt er seine Marke gegen die Scheibe. Eine unsinnige Geste hier unten, aber ich denke, er tat es aus Gewohnheit. Ich habe mir nicht mal die Behörde gemerkt, ganz zu schweigen von seinem Namen. „Wie heißen Sie?“
„Lindsay, Carl Lindsay.“
„Gut, Carl! Wo werden sie mich hinbringen? Oder wollen Sie mich überraschen?“
„So was schwebt mir vor.“
Ich kann nicht anders als lauthals loszulachen. Mein hyänengleiches Geheul erschreckt ihn und er rutscht instinktiv ein paar Zentimeter von der Glasscheibe weg. Als hätte er Angst, dass sie zerspringt. Carl Lindsay, ein abgebrühter, erfahrener Bundesbeamter, der in seiner vierzigjährigen Dienstzeit schon einige Grausamkeit sah, so manches Schreckenszenario hinter sich brachte und den der Krebs auffrisst, hat Schiss vor meinem Gelächter. Ein aufrechter Amerikaner, ein Patriot, ein toter Mann, dem die Furcht in den Pupillen hängt, weil er nie etwas Vergleichbares wie mich gesehen hat. Sie hatten nicht lange genug Zeit, um ihn auf diese Begegnung vorzubereiten. Ein Umstand, an dem ich Gefallen finde.
Ich stehe auf und gehe zu meiner Pritsche, die gegenüber der Glaswand in den blanken Stein gemeißelt ist. „Haben Sie Familie, Carl?“
„Drüben in Atlantic City. Eine Frau, zwei erwachsene Söhne“, antwortet er mechanisch.
„Atlantic City. Eine Spielerstadt. Sie sehen nicht aus wie ein Spieler, Carl.“ Er schüttelt den Kopf. Nicht wegen der Andeutung über das Glückspiel, sondern weil er sich dazu hinreißen ließ, mir eine private Frage zu beantworten. Damit hat er gegen die oberste Regel verstoßen, doch nun ist es zu spät. Trotz der achtzehn Grad hier unten, steht ihm der Schweiß auf der Stirn. „Sie werden Ihre Familie nicht wieder sehen, Carl. Hat Ihre Frau geweint, als Sie gingen?“
Er presst demonstrativ die Lippen aufeinander, um mir zu zeigen, dass er nicht die Absicht hat, weitere Details aus seinem Privatleben preiszugeben und steht auf. Die Geste soll mir verdeutlichen, dass er vorerst genug gesagt hat. Ein kaum wahrnehmbares, nervöses Zucken seines rechten Mundwinkels verrät seinen innigsten Wunsch, diesen Ort so rasch es geht zu verlassen. Jedes Molekül in seinem metastaseverseuchten Leib will zurück an die Oberfläche. Nur weg von dem Monster, das ihn verstrahlt wie der durchgebrannte Reaktor von Block IV in Tschernobyl. Doch ich bin noch nicht bereit, ihn ziehen zu lassen.
„Kommen Sie Carl, plaudern Sie mit mir. Ich kriege so selten Besuch“, bettle ich und trete ganz nah an die Scheibe. Mein Atem kondensiert an dem kühlen Panzerglas. Lindsay behält seinen Abstand von einem Meter bei und stützt sich auf die Stuhllehne. Mit dem Zeigefinger male ich ein Herz in die angelaufene Stelle. „Haben Sie Ihre Alte noch mal gefickt, bevor Sie für immer die Tür hinter sich zuzogen?“, murmele ich, wohl wissend, dass die Mikrofone auch das leiseste Raunen nach außen tragen. Für ein paar Sekunden verhilft ihm seine Wut dazu, dass er meinem Blick standhalten kann, dann sieht er zu Boden.
„Haben Sie gebeichtet, bevor Sie mich besuchten?“, frage ich. Der Bundesbeamte schweigt. „Hat man Ihnen nahe gelegt, dass Sie mit mir nicht über Religion reden sollen? Kommen Sie, Carl! Mussten Sie etwas unterschreiben, bevor man Sie hier runtergelassen hat? Keine Gespräche über Gott, damit Ihre Frau die vollen Pensionsansprüche erhält?“
„Nein! Nichts dergleichen. Die Unterredung ist für heute beendet!“, erklärt er mit Nachdruck und wendet sich zum Gehen.
„Die waren verdammt froh, dass sie überhaupt jemanden für diesen Job gefunden haben. Sie sind ihr Held, Carl. Bilden Sie sich ruhig was darauf ein!“, rufe ich ihm hinterher.
Er reagiert nicht, strebt auf den Lift zu. Seine letzten Schritte sind eher ein Torkeln. Die direkte Konfrontation mit mir hat ihn benommen gemacht. Nach nur zehn Minuten ist er körperlich am Ende. Doch wie steht es um seine Psyche?
„Wie viele Freiwillig konnten Sie finden, Carl? Wie viele gehen mit Ihnen in den Tod?“
Er hält inne. Sein Finger liegt auf der Taste, um die Fahrstuhltür zu öffnen. Die Hand zittert leicht und ich spüre wie er sich darauf konzentriert, die Kontrolle zu behalten. „Acht“, antwortet er, ohne sich nach mir umzudrehen.
„Acht! Verflucht! Wird wohl aufwändiger, als beim letzten Mal.“
„Entschieden aufwändiger“, bestätigt er, wobei er weiter gegen die matt glänzende Aluminiumtür spricht. „Ich komme Sie in 48 Stunden holen. Halten Sie sich bereit!“
„Tun Sie mir einen Gefallen, Carl! Bleiben Sie bis dahin am Leben!“, brülle ich ihm hinterher, als er in den Aufzug steigt.

Vor meiner Zelle geht das Licht aus und mein Spiegelbild erscheint in der Glasfront. Immer noch steht mir ein dreckiges Grinsen im Gesicht. Sie verlegen mich. Das heißt, mein Gefängnis ist nicht mehr sicher genug. Der Bunker, in den sie mich vor zwei Jahren sperrten, liegt sechs Kilometer unter der Erdoberfläche, mitten in der Mojave-Wüste. Im Umkreis von 350 Meilen gibt es nichts außer Sand und Steine. Einzelhaft in seiner reinsten Form. Ich bin der teuerste Häftling dieses Planeten, meine exklusive Unterbringung verschlingt jährlich ein Budget von sieben Millionen Dollar. Alles hier läuft automatisch. Roboter versorgen mich, reinigen meine Zelle, liefern mir drei Mahlzeiten am Tag, waschen meine Overalls. Nur den Arsch muss ich mir selber abwischen.
Ich bin isoliert, so weit weg von der Zivilisation, wie man nur sein kann. Es gibt nur einen Zugang zu meiner Zelle. Die Röhre, durch die Lindsay gerade nach oben fährt. Sollte ich mich dem Lift nähern, erfassen mich Sensoren und lösen Sprengungen aus, die den Fahrstuhlschacht mit Millionen Tonnen Gestein füllt. Zudem steht auf der Edwards Air Force Base rund um die Uhr ein Abfangjäger bereit, der eine Atombombe über mir abwirft, käme ich auf die Idee, meine Zelle zu verlassen. Wohin wollen sie mich noch bringen, wenn diese Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr ausreichen, um die Menschheit vor mir zu schützen? Wenn sie das Risiko auf sich nehmen, mich noch tiefer zu vergraben, dann muss ihnen der Arsch mächtig auf Grundeis gehen.
Auf meinem Bildschirm beobachte ich wie ein heißer Ostwind Sandkörner gegen die Linse der Außenkamera weht. Vage ist in der flimmernden Luft die Umzäunung des Geländes zu erkennen. Der anthrazitfarbene Buick meines Besuchers steht verlassen auf dem großen Parkplatz in der prallen Sonne. Carl Lindsay verlässt soeben das Zugangsgebäude und begibt sich mit trägen Schritten zu seinem Wagen. Mit einem gemusterten Taschentuch wischt er sich über die Stirn, bevor er einsteigt. Er hat sein Leben heute um drei Wochen verkürzt. Was mag jetzt in seinem Kopf vorgehen?
Ich verbanne den alten Mann aus meinen Gedanken. Was haben sie mit mir vor? Kann man mich tatsächlich noch mehr isolieren? Mich noch weiter von der Menschheit entfernen, als sie es an diesem Ort ohnehin schon tun? Verbannen sie mich in die Innere Mongolei, die Wüste Gobi, auf eine verlassene Pazifikinsel, in die Arktis? Wohin stecken sie mich diesmal? Welche Orte sie in all den Jahren auch für mich wählten, immer wieder mussten sie schmerzlich erkennen, dass der Radius, der mich von ihnen trennte, nicht ausreicht. Das meine fatale Wirkung selbst die mächtigsten Wände durchdringt. Meter dicker Stahlbeton, Meilen von Gestein, Bleiummantelungen, künst-liche Polymere, nichts hält mich auf. Sie sind nicht sicher vor mir, egal was sie bislang versucht haben. Und nun ist auch dieser Bunker nicht mehr gut genug. Meine Existenz tötet Menschen. Das ist meine Bestimmung.
Als ich in ihre Welt kam und erkannte, welche Folgen meine Anwesenheit auf sie hatte, stellte ich mich freiwillig. Eine Geste, die selbstlos und teuflisch zugleich war, denn damit legte ich meine Bürde in ihre Verantwortung. Ein genialer Schachzug, der sie zudem davon abhielt, mich zu eliminieren. Jemand, der sich aus eigenem Willen wegschließen lässt, verdient es nicht zu sterben, selbst wenn er unzählige auf dem Gewissen hat. Hätte die damalige Regierung geahnt, was sie sich aufhalsen, wäre sicher anders entschieden worden. Seitdem bin ich die Geisel dieses Staats. Ich bin Watergate, Area 51 und 9/11 in einem. Ich tötete mehr von ihnen als der Vietkong und ich bin geheimer als die Akte über den Kennedy-Mord oder die Wahrheit über die Mondlandung. Nur allerhöchste Regierungsstellen wissen, dass die USA den Tod beherbergen. Und alle, die mich bislang von Angesicht zu Angesicht getroffen haben, sind danach gestorben. Niemand will sich mit mir beschäftigen und doch überfordere ich sie jede einzelne Minute ihrer beschissenen Existenz. Egal, was sie auch versuchten, sie waren mir bislang nicht gewachsen. Wohin also werden sie mich bringen, damit ich keine Bedrohung mehr darstelle?

Carl Lindsay ist pünktlich. Der Anzug ist derselbe, das Hemd sieht frisch aus. Es ist das letzte, das er sich selber zugeknöpft hat, sinniere ich und ein hämisches Grinsen umspielt meine Lippen. Diesmal trägt er einen Knopf im Ohr.
„Sind Sie bereit?“
„Bereit, wenn Sie es sind, Mister Lector“, zitiere ich aus einem der Filme, die sie mich gelegentlich sehen lassen. Der Bundesbeamte versteht den Witz nicht. Er sieht schlecht aus. Seit vorgestern hat er mindesten drei Kilo verloren. Sein Gesicht ist teigig und grau, die Augen liegen tief in den Höhlen. Dafür ist sein Blick wacher. Er hat aus unserer ersten Begegnung gelernt.
„Wie werde ich deklariert?“, frage ich mokant, während er sich mit dem Steuerpult vertraut macht, das die in die Glaswand eingelassene Zellentür öffnet. „Doch nicht schon wieder Strahlenmüll, wie beim letzten Transport?“ Ich erhalte keine Antwort. Wahrscheinlich ist er immer noch beleidigt, wegen meiner Äußerung über seine Frau. „Darf ich vorne sitzen?“, frage ich und mime ein aufgeregtes Kind. Er sieht mich an, behält sich aber vor zu Schweigen.
„Wo sind die anderen? Traut sich außer Ihnen niemand in die Hölle?“
„Sie warten oben. Bei Ihrer letzten Verlegung gab es zu viele Opfer. Das wird diesmal nicht passieren“, verspricht er mit wenig Überzeugung.
„Genau darum hat man Sie geschickt, nicht wahr Carl? Sie sind der Bruce Willis unter den Krebspatienten in Regierungsdiensten. Ein Kämpfer, der Richtige für diese Mission. Jetzt weiß ich auch, was Ihnen der Präsident mit auf den Weg gegeben hat, als Sie sich für diesen heiklen Auftrag meldeten … Stirb langsam, Carl!“ Ich kriege einen Lachanfall und möchte wetten, dass die Jungs in der Überwachungszentrale in Edwards sich ebenfalls auf die Schenkel klopfen. Wieder beunruhigt ihn mein Gekicher. Die Gelassenheit, die er beim Verlassen des Aufzugs an den Tag legte, ist dahin. „Vergessen Sie nicht den Alarm auszuschalten, sonst sind Sie auf ewig mit mir hier unten begraben. Wäre doch schade, wenn Ihre Frau einen leeren Sarg beerdigen müsste.“
In einer raschen Bewegung dreht er sich zu mir und streckt mir seinen Zeigefinger entgegen.
„Verschwenden Sie keine Worte, Carl! Das kostet alles unnötig Kraft“, empfehle ich ihm, ehe er etwas sagen kann. Er wirft mir einen enttäuschten Blick zu und ich muss grinsen. „Was haben Sie erwartet? Ich bin ein Scheißkerl und muss mein Image pflegen.“
Er geht zur Glasscheibe und begegnet mir auf Augenhöhe. „Sie haben sich damals gestellt, obwohl unsere Ermittler niemals darauf gekommen wären, dass Sie all diese Toten zu verantworten haben. Ja, ich habe einen Mann mit Rückgrat erwartet“, murmelt er.
Theatralisch lege ich meine Stirn gegen das Glas. „Keine Tageszeitung, keine Nachrichten, kein Internet. Was ich hier unten bekomme, sind ein paar beschissene Filme, die obendrein zensiert sind und noch schlechtere Bücher, in denen manchmal ganze Seiten fehlen. Damit verbringe ich meinen Tag. Sie wollen nicht, dass ich erfahre wie es um euch da oben steht. Sie verschweigen mir, was ich anrichte unter ihresgleichen, Carl. Finden Sie das nicht auch zermürbend? Also ge-statten Sie mir ein wenig Zynismus.“
„Ihre Existenz tötet Menschen. Aus meiner Sicht bekommen Sie mehr, als Ihnen zusteht“, bricht es aus ihm heraus, wobei er aufgebracht, aber unabsichtlich gegen die Scheibe spuckt.
Ich spiele den Betroffenen, taumle rückwärts bis zu meiner Pritsche und setze mich. Dann vergrabe ich das Gesicht in meinen Händen und verharre dreißig Sekunden in dieser Stellung. Die Reaktion verunsichert ihn. Ohne nach ihm zu sehen, weiß ich, dass er immer noch vor der Zelle steht und mich anstarrt. Als ich hoch blicke, zuckt wieder sein rechter Mundwinkel.
„Carl, Carl! Mit dieser Äußerung haben Sie sich womöglich gerade einen Eintrag in ihre Akte eingehandelt. Musste das sein, so kurz vor Ihrem Ausscheiden? Wäre man sich über Ihre wahren Ansichten im Klaren gewesen, hätte die Regierung wohl jemand anderen geschickt. Sind Sie ein verdammter Rassist, Carl? Haben Sie früher Neger verprügelt oder ihre sadistische Ader an philippinischen Nutten ausgelassen? Wie konnte ich mich nur so in Ihnen täuschen?“, heuchle ich mit weinerlicher Stimme.
Ehe er etwas erwidern kann knackt es in seinem Headset. Er hält sich den Finger ans Ohr und nickt mechanisch. Die Wut, die ihm eben noch ins Gesicht geschrieben stand, verfliegt. Es passt ihm nicht, was er zu hören bekommt. Zweimal sieht er mir direkt in die Augen, dann dreht er sich weg und zieht sich den Stuhl heran.
„Schlechte Nachrichten?“
„Nur eine Verzögerung.“
„Wohin, Carl?“
Keine Antwort. Er setzt sich und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Darf ich mir was aussuchen? Eine Zelle mit Aussicht? Kommen Sie, seien Sie kein Spielverderber.“
Lindsay sackt in sich zusammen, die Schwerkraft nagelt ihn an den Stuhl. Ich rieche die fauligen Ausdünstungen, die ihm aus den Poren dringen. Er ekelt mich an. Ein Gedanke von mir und er stirbt sofort. Aber ich halte mich zurück. Lass ihn leiden!
„Die Aussicht, die Sie erwartet, wird Ihnen bald zu den Ohren rauskommen und Sie werden nicht in der Lage sein, wegzusehen“, kommt es plötzlich aus seiner Ecke.
„Verflucht, Carl! Sie machen es spannend. Jetzt haben Sie mich aber erwischt. Nun lassen Sie schon die Verlegungspapiere rüberwachsen, sonst koche ich noch über vor Neugier!“
Er macht keine Anstalten sich zu erheben. Sein aufgedunsener Kopf liegt auf seiner Brust, die Lider sind geschlossen. Er hat die Krawatte gelockert und den oberen Knopf seines Hemds geöffnet. Für eine Sekunde glaube ich, er ist eingeschlafen.
„Den Papierkram ersparen wir uns diesmal“, flüstert er. „Sie haben kein Mitbestimmungsrecht, was Ihren Umzug angeht.“ Ich gehe dicht an die Glasfront und lächele. Er müht sich auf die Beine. Diesmal wagt er sich bis auf wenige Zentimeter an die Scheibe. „Und wenn wir schon dabei sind, ich glaube Ihnen nicht, dass Sie all diese Menschen unabsichtlich töten. Vielmehr vermute ich, dass Sie Ihre zerstörerische Aura durchaus unter Kontrolle haben und Ihre tödliche Wirkung auf uns beeinflussen können.“
„Sie machen mir Angst, Carl. So schlecht denken Sie über mich“, antworte ich beleidigt. „Wenn ich vorgestern und heute zusammenzähle, kennen Sie mich nicht einmal dreißig Minuten und wagen es, so ein vernichtendes Urteil über mich zu fällen“, jammere ich. Er ist jetzt ganz nahe. Ich kann die geplatzten Äderchen in seinen gelblich verfärbten Augäpfeln sehen. „Armer, kranker Mann“, hauche ich ihm entgegen. Dann nehme ich die Verbitterung aus meiner Stimme und ersetze sie durch Schärfe: „Was, wenn Ihre Theorie stimmt? Was, wenn ich es tatsächlich steuern könnte? Entspreche ich dann dem Scheusal, das Sie in mir sehen?“
„Ich kenne Ihre Akte und ich habe mir ein Bild gemacht. Sie sind ein Monster“, urteilt er.
Ich schlage mit der Faust gegen die Scheibe und er schreckt zurück. Die Glaswand vibriert und kurz flammt Entsetzen in seinen Augen auf. Ein Todgeweihter, der die Angst vor dem Sterben immer noch nicht überwunden hat. Der Gedanke gefällt mir und weil es Spaß macht, dresche ich noch einmal dagegen, was die Schwingung der Konstruktion verstärkt.
Erste Sensoren reagieren und ein Warnsignal ertönt. Eine Computerstimme befiehlt mir, von der Glasfront zurückzutreten. Wölfisch grinse ich ihm ins Gesicht.
„Haben Sie die Sprengladungen schon entschärft, Carl?“
Noch ist er nicht in Panik, aber er kann seine Unruhe nicht mehr verbergen. Provozierend hebe ich die Faust. Die Stimme aus dem Lautsprecher fordert mich zum dritten Mal auf, in den hinteren Teil der Zelle zu gehen. Ich schlage erneut. Zu dem akustischen Signal gesellt sich jetzt ein Blinklicht. Carl hebt beschwichtigend die Hände. Unverkennbar bekommt er Anweisungen über seinen Kopfhörer, dass er mich beruhigen soll.
„Die wollen uns hier unten nicht begraben, Carl. Womöglich haben Ihre Vorgesetzten eine höhere Meinung von mir? Riskieren Sie Ihrer Frau zuliebe nicht Ihre Pension“, souffliere ich ihm zu. „Entschuldigen Sie sich und wir sind wieder Freunde!“
„Fick dich!“
Ich lache, senke die Faust, drehe mich um und setze mich auf die Pritsche. Der Alarm verstummt, das orange Flackern hört auf. Lindsay keucht hinter der Scheibe wie ein asthmakranker Ackergaul. Speichel hängt an seiner Unterlippe.
„Nehmen Sie doch Platz, bevor Sie mir aus den Latschen kippen. Wer soll mich denn Ihren Kumpels oben vorstellen, wenn Sie jetzt den Löffel abgeben?“
Er schleppt sich zum Stuhl. Uringestank dringt mir in die Nase und ich kann es nicht fassen, dass er sich vollgepisst hat, selbst wenn es nur ein paar Tröpfchen sind. Von einem Schaudern befallen, wende ich mich angewidert ab. Minutenlang schweigen wir uns an. Erst als ich höre, dass sein Puls runter ist, richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn. Wie ein angeschlagener Boxer kauert er auf dem Besucherstuhl, aber es ist niemand da, der ihm Luft zufächelt.
Er fängt meinen durchdringenden Blick auf. Plötzlich grinst er, als wäre ihm eingefallen, mit welchem Argument er mich frühzeitig aus dem Spiel nehmen kann.
„Sie bekommen ein ausrangiertes Modul der ISS ganz für sich allein. Sobald wir Sie drin verstaut haben, wird es von der Raumstation abgekoppelt und Sie werden zukünftig in einer geostationären Umlaufbahn um unseren hübschen Planeten kreisen.“
Ich werfe meine Beine von der Pritsche und trete an die Scheibe. Seine Worte hallen in meinem Kopf. „Jetzt verstehe ich Ihre Anspielung mit der Aussicht, Carl“, flüstere ich und versuche keinerlei Emotion in meiner Stimme mitschwingen zu lassen. „Verraten Sie mir auch, wie Sie mich da oben mit Nahrung und Wasser versorgen wollen? Kann mir nicht vorstellen, dass die NASA ihre Shuttles demnächst als Pizzataxis einsetzt.“
„Sie klingen beunruhigt“, kontert er. „Gefällt Ihnen nicht der Gedanke, im Weltraum allein mit nichts außer ein paar Satelliten? Mit einem Mal kommen Sie mir ziemlich kleinlaut vor.“ Lindsay steht auf und kommt zu mir. In seinen Augen suche ich nach der Wahrheit. Er weist nicht die erhöhte Herzfrequenz eines Lügners auf. Trotzdem kann ich nicht glauben, was er sagt.
„Guter Versuch, Carl, aber damit kriegen Sie mich nicht dran. Es ist technisch und finanziell nicht möglich, mich in einem Modul der Raumstation am Leben zu erhalten, das nicht mehr an die ISS angedockt ist.“
„Deshalb frieren wir Sie vorher auch ein. Sie bekommen einen schicken Kryotank mit Sichtfenster, damit Sie auch keinen einzigen Erdumlauf verpassen. Wir konservieren Ihr dreckiges Grinsen für die Ewigkeit in flüssigem Stickstoff. Das Team steht schon bereit. Und danach werden Sie der erste und einzige Häftling sein, dem die Vereinigten Staaten einen Shuttleflug spendieren.“
Er äfft mein kreischendes Lachen nach. In meinem Hirn knistern die Neuronen. Wagen sie das wirklich? Wollen sie mich auf diese Weise entsorgen? Carls körperliche Parameter zeigen keinerlei Anzeichen dafür, dass er mich verscheißert.
Unbändige Wut kocht in mir hoch. Mein Zorn lässt sich nicht mehr verbergen, ich spüre wie das Blut in meinen Schläfen pocht. Vorsichtshalber macht er einen Schritt zurück. Ich hebe meinen Zeigefinger und fixiere ihn mit zusammengekniffenen Augen.
„Sie schießen mich nicht in einer Blechbüchse in den Weltraum“, zische ich und diesmal bin ich es, der die Glasfront mit Speichel besprenkelt. Der alte Mann bleibt unbeeindruckt, was mich noch mehr in Rage bringt. Es wäre an der Zeit, ihn auszulöschen, aber in letzter Sekunde gewinne ich meine Beherrschung zurück und wende mich ab. Er hat keine Ahnung wie Nahe er dem Tod ist und ich will ihn noch ein wenig in dieser Unwissenheit wiegen. Zuerst werde ich ihm vor Augen führen, dass ich nicht alles mit mir machen lassen.
„Sie glauben wirklich, Sie haben gewonnen“, säusle ich gegen den schwarzen Felsen, der die Rückwand meiner Zelle bildet. Ich kann spüren, wie sein Blick sich in meinen Nacken bohrt. Im Moment fühlt er sich mir überlegen. Er glaubt, er hat mich in den Seilen und dieser Triumph lässt ihn sogar über seinen Krebs lächeln. Es ist an der Zeit, ihm vor Augen zu führen wie nichtig seine Existenz ist. „Sie haben Recht, Carl“, flüstere ich gerade laut genug, um sicher zu gehen, dass er jede Silbe versteht. „Ich kann es kontrollieren. Dem nicht genug, kann ich es obendrein gezielt einsetzen. Was halten Sie davon, wenn ich jetzt ganz fest an Ihre Frau und Ihre Bälger denke? Vielleicht kriegen wir auf diese Weise ein nettes Familienbegräbnis hin.“ Dann breite ich meine Arme aus, werfe den Kopf in den Nacken und heule gegen die Höhlendecke. „Und es wird schmerzvoll werden, Carl. Kommen Sie, fühlen Sie mit mir wie sie sich winden in ihrer Pein. Wie sie sich die Eingeweide aus dem Leib kotzen, wegen der unerträglichen Qualen, die ich ihnen bereite.“
„Hören Sie auf!“, brüllt Lindsay in meinem Rücken. Bittere Verzweiflung liegt in seinem Flehen. „Hören Sie auf, damit!“
„Sie spüren es, nicht war? Drüben in Atlantic City winseln sie um Erlösung. Sollen wir sie erlösen, Carl? Sollen wir es tun?“
Weitere zwanzig Sekunden Gewimmer, dann kippt die Hoffnungslosigkeit und unbändige Wut mischt sich in seinen Tonfall. „Verdammter Dreckskerl, hör auf!“, kreischt er hysterisch, während ich virtuos mit meinen Händen die Sinfonie des Grauens dirigiere. Seine Stimme überschlägt sich, als er schreit, so lange, bis nur noch ein Krächzen ertönt.
Etwas donnert gegen die Glasfront und ich wirble herum. Carl Lindsay holt mit dem Stuhl aus und hämmerte ihn aufs Neue gegen meine Zellenwand. Die Scheibe gerät wieder in Schwingung. Unverzüglich setzt der Alarm ein. Ohne darauf zu achten, schlägt der Alte ein drittes Mal gegen das Panzerglas. Die Signalleuchten flackern. Die Computerstimme bittet vehement darum, von der Glaswand zurückzutreten. Beschwichtigend hebe ich die Hand als Lindsay erneut ausholt.
„Hey, Carl, sie wird nicht kaputt gehen. Wenn Sie mir in die Fresse hauen wollen, dann öffnen Sie die Scheißtür, aber hören Sie mit der Randale auf!“
Der alte Mann ist wie im Wahn. Mit Anlauf rammt er den Besucherstuhl gegen das Glas, taumelt zurück und stürzt wieder heran. Ein ungutes Gefühl kommt in mir hoch.
„Sie werden die verfickte Sprengung auslösen“, fauche ich ihn an.
Die digitale Stimme aus dem Lautsprecher befiehlt die Attacken augenblicklich zu stoppen, aber der Mann von der Ostküste reagiert nicht. Er ist am Ende. Sein Puls rast, irgendwo in seinen Gedärmen ist ein Geschwür aufgebrochen und ich kann die Einblutung riechen. Doch unermüdlich drischt er den Stuhl gegen die Scheibe.
„Carl, bitte!“, höre ich mich winseln und hasse mich dafür.
Die Sirene dröhnt in meinen Ohren. Die Einsicht, dass ich Lindsay augenblicklich töten muss, kommt gleichzeitig mit der ersten Explosion. Tief aus dem Berg grollt ein Donner heran, die Erde beginnt zu beben und ich stolpere gegen die Glasfront. Breitbeinig steht mein Besucher vor mir und schwingt den deformierten Stuhl über seiner Schulter. Sand rieselt von der Decke und erste Gesteinsbrocken lösen sich aus den Wänden ringsum. Weitere Entladungen erschüttern das Felsmassiv. Staub durchsetzt die gefilterte Luft. Die Deckenbeleuchtung erlischt, nur noch die Signallampen kreiseln. Orangefarbene Lichtkaskaden schwappen rhythmisch über uns hinweg, als züngle das Höllenfeuer über die Felswände. Aus den Rissen an der Zellendecke ergießen sich Sturzbäche aus Sickerwasser und binden den Sand zu einer zähen Dreckmasse, die über meine nackten Füße schwappt.
Ich bin am Arsch!
Eine Detonation reißt die Fahrstuhlkabine aus dem Schacht und lässt sie wie einen Güterzug auf uns zu rasen. Im Moment des Einschlags sieht Carl mir direkt in die Augen und grinst. Bevor das Panzerglas explodiert, kann ich noch hören was er sagt:
„Jippiaje Schweinebacke!“

Pandoras letzter Wille

Von admin am 12. Juni 2009 veröffentlicht

Autorin: Uschi Zietsch
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art

PandorasletzterWilleAn jenem Morgen wusste Herr Harbinger, dass etwas nicht stimmte.
Es hatte sich in ihn hineingeschlichen wie ein Übel, dieses zunächst unbestimmbare Gefühl, das seine Gedanken trübte und einen Schatten auf sein Herz warf. Herr Harbinger wusste nicht, wann er zum ersten Mal so empfunden hatte. Er wusste auch nicht, wie er es bezeichnen sollte.
Aber Herr Harbinger wusste, dass es nicht gut war. Und das war eigentlich undenkbar.
»Was ist mit dir?«, fragte Judith, Herrn Harbingers Frau, als er sich an den Frühstückstisch setzte.
»Wovon sprichst du?«, gab Herr Harbinger zurück.
»Nun«, antwortete seine Frau, »du hast dich hingesetzt, ohne mir einen guten Morgen zu wünschen. Du hast dir ein Brot genommen und eine Scheibe Schinken darauf gelegt. Und jetzt willst du ganz offensichtlich hineinbeißen.«
Herr Harbinger hielt inne und runzelte die Stirn. »Was findest du daran merkwürdig?«
»Alles«, sagte Judith prompt. »Dein Tag beginnt anders. Den ersten Punkt habe ich dir schon genannt. Zweitens: Zuerst gießt du dir eine Tasse Tee ein und nimmst einen Löffel Zucker. Beim Umrühren schüttest du Tee über den Rand und greifst hastig nach deiner Serviette, damit kein Tropfen in den Unterteller läuft. Drittens: Du schlägst das Ei auf und tunkst eine Ecke Brot ins flüssige Eigelb. Und viertens: Du magst keinen Schinken. Hast du noch nie angerührt, in den zwanzig Jahren seit unserer Hochzeit nicht. Nur ich esse Schinken.«
Herr Harbinger lehnte sich zurück und saß wie erschlagen da, mit fahlem Gesicht und ängstlichen Augen. »Das weißt du so genau?«
Seine Frau lächelte ohne Freude. »Wenn ein Lebenspartner über so viele Jahre hinweg jeden Tag stets dasselbe tut, erfordert das nicht viel Beobachtungsgabe. Offen gestanden, es ist mir nicht bewusst gewesen. Ich habe vorher nie darüber nachgedacht.«
»Bis zu diesem Moment, da sich etwas änderte.«
»Ja. Du hast mich erschreckt. Es könnte … der Anfang sein.«
Herr Harbinger fuhr sich mit zitternder Hand über die kalte Stirn und verwischte die Spuren der feinen Schweißperlen, die sich darauf gebildet hatten. »Der Anfang … wovon?«, flüsterte er, ohne die Frage direkt an seine Frau zu richten.
»Sag du es mir.« Judith Harbinger legte die Serviette auf ihren Teller und stand auf. »Ich weiß nur, dass ich Angst habe. Seit Tagen, ein unbestimmtes Gefühl, das ich nicht erklären kann.« Sie deutete auf den Videoschirm, der gerade zur Morgenandacht den idyllischen kanadischen »Indian Summer« zeigte. »Es fing damit an, als unser Großer Vater Pan Theus diese … Gabenreiche öffentlich zur Frau nahm. Niemand wusste, woher sie kam.«
»Sie ist wunderschön …«, murmelte Herr Harbinger.
»Sie scheint alles zu besitzen«, zischte Judith, plötzlich grün vor Neid – eine Regung, die Herr Harbinger von seiner Frau nicht kannte, und die ihn mehr als alles andere ängstigte.
»Aber wir doch auch«, wagte er einen schüchternen Einwand. »Seit sich Unser Großer Vater Pan Theus zum Diktator auf Lebenszeit wählen ließ, leiden wir keine Not. Wir haben Arbeit, die uns gefällt, ein schönes Heim, zwei reizende Kinder, und keine Mühe, uns Luxus zu gönnen, wenn wir ein bisschen sparen.«
»Luxus.« Judith spuckte das Wort wie einen wurmstichigen Apfel aus. »Wir haben keine Wahl
»Ich kenne dich nicht mehr«, wisperte Herr Harbinger und blickte flehentlich zur Videowand, wartend auf die erlösenden Worte aus der Andacht, dass alle Sünden vergeben würden, solange man Unseren Großen Vater Pan Theus (gesegnet sei Er für alle Zeit und die hundertodermehrjährige Regentschaft, in Gesetzes Namen, Amen) in Ehren hielt. Und dass es keine Not und kein Leid mehr geben würde, solange der Diktator auf Lebenszeit seine schützende Hand über das Volk hielt.
So war es doch auch: Herr Harbinger war zeitlebens glücklich gewesen, solange er zurückdenken konnte. Liebevolle Eltern, eine unbeschwerte Kindheit, fürsorgliche Lehrer, kameradschaftliche Mitschüler. Eine gute Ausbildung, ein schöner Beruf. Herr Harbinger war ein angesehener Mann im Palast. Man nannte ihn spaßeshalber auch »den Herrn der Zahlen«. Jeder begegnete ihm mit Respekt, auch wenn Herr Harbinger das in seiner Schüchternheit nie bemerkte. (Wenn Judith ihn nicht angesprochen hätte, wäre er heute noch ein einsamer Junggeselle.)
Gewiss, es war eine Diktatur. Man hatte in Wirklichkeit keine freie Wahl. In der Politik änderte sich niemals etwas, die Posten blieben stets gleich besetzt und wurden nur durch Alter abgelöst, und Neuerungen gab es keine.
Aber es war eine sehr sanfte Diktatur. Abgesehen von den Automatischen Augen gab es keine unmittelbare polizeiliche Präsenz, weil es keine Verbrechen mehr gab. Niemand hatte einen Grund, einen anderen zu bestehlen, weil er selbst alles hatte. Gewalttaten waren nur noch eine Legende, denn jeder war zufrieden und glücklich und konnte sich kein besseres Dasein vorstellen. Unser Großer Vater Pan Theus hatte das Paradies auf Erden geschaffen, wo selbst Ökologie und Ökonomie vereinbar waren.
Warum war es auf einmal anders? Herr Harbinger dachte angestrengt nach, während er Judith half, den Tisch abzuräumen. Wieso änderte er seine Gewohnheiten – vor allem, ohne es zu merken? Weshalb war Judith, die immer so sanft und freundlich war, plötzlich so … böse?
Sie schob es auf diese Frau, die so unvermutet an der Seite Unseres Großen Vaters Pan Theus aufgetaucht war und nun das Leben mit ihm teilte. Mit ihm, dem Großen, Einzigen, der unerreichbar und erhaben über alles Weltliche schien!
Judiths Verdacht fiel nun auf keimenden Boden.
Und Herr Harbinger hatte auf einmal noch eine ganz andere Eingebung.
In derselben Sekunde ließ er das Tablett mit dem Geschirr fallen, das klirrend auf dem Boden zerschellte, und rief: »Ich muss ins Büro – etwas nachsehen! Bete, dass ich mich irre!« Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er aus dem Haus. Er nahm nicht einmal seinen Hut mit, obwohl es draußen ziemlich windig war.

War dies genau das, was niemals geschehen durfte? Ein Un-Gleichgewicht, ein Miss-Ton in der Harmonie?
Unser Großer Vater Pan Theus hatte es Herrn Harbinger erklärt, als er vor zweiundzwanzig Jahren seinen Dienst hier im Palast als »Herr der Zahlen« angetreten hatte. Wahrhaftig: Der Allmächtige persönlich hatte mit ihm gesprochen! Nun ja, gesehen hatte Herr Harbinger ihn nicht. Aber seine unvergleichliche warme, väterliche, tief rollende Stimme gehört, während der Teleschirm ein Muster aus bezaubernden Formen und Farben zeigte, das beruhigend wirkte und Herrn Harbinger das Gefühl unerschütterlichen Vertrauens und Loyalität schenkte.
»Die Bilanz«, hatte Unser Großer Vater Pan Theus dem aufgeregten, andächtig lauschenden jungen Mann erklärt, »die Bilanz ist der Anfang und das Ende von allem. Sie muss immer stimmen. Sie muss stets ausgeglichen sein. Denn nur das Gleichgewicht bewahrt unsere Welt vor Chaos und Anarchie. Eine gesunde Bilanz ist die Basis für Wohlstand, ein einiges Volk und ein Vaterland, auf das man stolz sein kann. Die Bilanz schafft Sicherheit. Daraus resultiert Zufriedenheit. All das schenke ich meinem Volk. Nenne es Glück oder Schicksal, es spielt keine Rolle. Am Ende steht nur die Bilanz: ein- und dasselbe, ausgeglichen, ausgewogen.«
»Und es wird meine Aufgabe sein, darüber zu wachen?«, fragte der junge Herr Harbinger und konnte sein Glück kaum fassen.
»So ist es dir bestimmt«, antwortete der Allmächtige. »Dies ist deine ehrenvolle Pflicht. Leiste deinen Teil zum Gleichgewicht, und das Vaterland wird es dir danken. Das ganze Volk wird es dir danken. Und allen voran ich. Mehr verlange ich nicht von dir. Dafür erhältst du von mir alles, was du dir nur wünschst.«
»Im Rahmen der Gesetze, Amen«, fügte der junge Herr Harbinger automatisch hinzu und machte sich dann an seinem funkelnagelneuen Computertisch an die Arbeit.
An dem der zweiundzwanzig Jahre ältere Herr Harbinger, mit lichtem Haar und Schmerbauch, nun wieder saß und mit zitternder Hand vor der Tastatur verharrte, es nicht wagte, den Befehl zu geben.
Und es doch tat, weil er Gewissheit haben musste. Das Land, das Volk, der Allmächtige selbst war in Gefahr, wenn das Gleichgewicht ins Schwanken geriet. Das vielleicht genau durch diese Frau aus dem Nirgendwo, der Gabensreichen, in den Grundfesten erschüttert wurde. Wie sonst ließ sich der Zusammenhang erklären, dass zwei solche unerhörten Ereignisse stattfanden?
Die nächsten Minuten vergingen, ohne dass sie Herrn Harbinger bewusst wurden. Er saß wie erstarrt. Sein Gesicht war aschfahl geworden, alles Blut schien aus seinem Körper gewichen zu sein. Angstschweiß glitzerte auf seiner wächsernen Stirn.
Seine geübten Augen hatten es sofort gesehen.
1000110000000111110101010101111000010101001111101000100001
1000110000000111110101010101111000010101001111101000100001
1000110000000111110101010101111000010101001111101000100001
1000110000000111110101010001111000010101001111101000100001
1000110000000111110101010101111000010101001111101000100001
Schließlich kam Herr Harbinger wie aus einer tiefen Ohnmacht wieder zu sich. Mit mechanischen Bewegungen, wie eine Aufziehpuppe, machte er einen Ausdruck des Beweises. Er wagte es nicht, das Ergebnis elektronisch zu verschicken. Er musste es Unserem Großen Vater Pan Theus persönlich vorlegen, bevor irgendein anderer es entdeckte. Vielleicht konnte dann noch alles gut werden.
Herr Harbinger dachte in diesem Moment nicht daran, ob es sein Fehler gewesen war. Jetzt ging es nicht darum, den Schuldigen zu finden, sondern die Katastrophe zu verhindern. Wenn dies gelungen war, würde Herr Harbinger mit Freuden alles opfern, auch sein Leben, wenn es verlangt würde. Aber in diesem Moment lag das Schicksal des ganzen Volkes in seinen Händen, und er durfte nicht zögern. Es lag allein an ihm, dem einfachen, kleinen Menschen.
Herr Harbinger wusste nicht, ob der Allmächtige ein Büro besaß – und wenn ja, wo es sich befinden mochte. Stundenlang irrte er durch den Palast und merkte kaum, dass er völlig allein war. Niemand, der von einer Konferenz zur nächsten eilte. Alles war still und verlassen.
Schließlich kam Herr Harbinger in einen Bereich, den er noch nie betreten hatte. Wie er hierher gefunden hatte, wusste er nicht mehr. Warum der Zugang nicht codegesichert war, konnte er sich nicht erklären. Er war irgendwie zufällig hereingestolpert – und alles war anders.
Es war, als hätte er eine magische Grenze überschritten, denn plötzlich war alles viel größer, düsterer, und … älter. Riesige Marmorsäulen stützten eine kathedralenartige Decke, in die dicken Steinmauern waren farbige Fenster mit phantastischen Motiven eingepasst. Nicht das übliche kirchliche Zeugs, sondern mehr Mythologisches … das er nicht verstand. Aber das war auch unwichtig jetzt. Herr Harbinger verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt, als er sein Schuhabsätze auf dem kalten, glatten Marmorboden klappern hörte. Auf Zehenspitzen schlich er weiter, die Augen groß und staunend wie ein Kind. In schwindelnden Höhen sah er Galerien, die mit Holzstiegen oder Wandelwegen verbunden waren. Kunstvolle Schnitzereien an Holzverzierungen, prunkvoll gearbeitete, goldene Abschlüsse an den Säulen. Und viele Wunder mehr, die Herr Harbingers verwirrter Verstand so schnell nicht erfassen konnte.
Immerhin erinnerte er sich dadurch endlich wieder an sein Vorhaben und hastete mit schlechtem Gewissen weiter. Er musste auf dem richtigen Weg sein, denn – wo anders als in einer Kathedrale konnte der Allmächtige residieren? Auch, wenn Herr Harbinger jetzt den schlimmsten aller Frevel beging: Jede Minute, die nutzlos verstrich, konnte den Untergang herbeiführen!
Herr Harbinger irrte durch eine Vielzahl von Gängen und Hallen, ohne sich den Weg merken zu können, bald erinnerte er sich kaum mehr an das, was er vor wenigen Minuten gesehen hatte. Fest das belastende Papier umklammernd, eilte er weiter, durch immer ältere Teile des Palastes, Marmor wich allmählich schlichtem Stein, Prunk verlor sich in ungeschliffener Schmucklosigkeit. Ein eisiger Wind pfiff durch schmale Lichtöffnungen in den Mauern.
Da war eine Tür. Sie war nicht pompös, wie Herr Harbinger sie erwartet hätte, um zu Unserem Großen Vater Pan Theus zu gelangen. Hoch war sie, das allerdings, gut vier Meter oder mehr, und etwa drei Meter breit, aus schwerem, dickem, schnörkellosem Holz. Ohne Riegel, aber mit einem metallischen Ring als Türklopfer.
Herr Harbinger reichte kaum an den Türklopfer heran, er musste sich dazu auf die äußersten Zehenspitzen stellen. Mit zitternden Fingern klopfte er zaghaft an und fuhr erschrocken zusammen, als es laut und hohl dröhnte, durch den ganzen Palast, so schien es.

Das Tor schwang auf. Herr Harbinger betrat keinen Raum, sondern einen großen Balkon, von dem aus er einen Überblick hatte über … Erschrocken wandte der kleine Mann sofort den Blick ab, bevor er nachhaltiges Entsetzen empfinden konnte, und erlitt sogleich den nächsten Schock, als er ein Wesen entdeckte, das wenige Meter von ihm entfernt blutüberströmt auf dem Boden lag. Ein Mann. Aber größer als jeder Mensch, den Herr Harbinger je gekannt hatte.
Einer der Titanen, fuhr es ihm durch den Kopf, als er sich, von furchtsamer Neugier gepackt und zugleich Hilfsbereitschaft durchdrungen, näher heranwagte. Lange, dunkle Locken fielen über ein edles Gesicht, das Herr Harbinger schon auf unzähligen Marmorstatuen abgebildet gesehen hatte. Außer einem Lendenschurz trug der Mann nichts am Leib, der anmutig und perfekt war, passend zu dem Gesicht.
Der Mann stöhnte. Aus einer Wunde an der Seite pochte Blut. Mitleid überwog nun Herrn Harbingers Angst, und er kniete bei dem verwundeten Riesen nieder, versuchte vorsichtig den schweren Kopf anzuheben und in seinem Schoß zu betten. »Was ist geschehen?«, flüsterte er. »War das meine Schuld?«
Der Mann öffnete die Augen, so grau und klar wie der Himmel der Abenddämmerung, kurz bevor die Nacht ihre Decke ausbreitete. »Natürlich nicht, du unschuldiges Kind«, flüsterte der Sterbende mit einer Stimme, die Herrn Harbinger schrecklich vertraut vorkam.
»Bist … sind …«, stammelte er ehrfüchtig.
»Nein …«, hauchte der Titan. »Ich bin der Feuerbringer, Bruder desjenigen, den du suchst. Er ist nun fort, für immer. Und ich … ich opferte mich einst für die Menschen und wurde dafür verflucht. Ein Mensch rettete mich, und so erklärte ich mich nach Äonen ein zweites Mal zur Hilfe bereit, als mein verzweifelter Bruder mich darum bat. Er versprach, seinen Fehler wieder gut zu machen und alles zu tun, damit die Menschen diesmal glückselig werden. Also nahm ich alles in mir auf und verschloss, versiegelte es, sicherer als in dem Gefäß. Aber … es ist nicht das, was ihr braucht … sie wusste es. Sie kehrte zurück. Sie sagte, dass sie den Menschen das wieder geben würde, was ihnen fehlte: Freiheit. Leidenschaft. Eigene Entscheidung. Selbst, wenn es bedeutete, erneut den hohen Preis dafür zu bezahlen. Sie sagte, es würde auch diesmal etwas zurückbleiben, das sie wohl behüten würde, besser als das letzte Mal, und das der Antrieb für die Menschen sei, seit Anbeginn. Sie sagte, das Gleichgewicht wäre nur Langeweile, die Menschen würden dahinsiechen und langsam sterben … ohne … ohne …«
»… Hoffnung?«, vollendete Herr Harbinger mit brüchiger Stimme.
Der Titan nickte, aus seinem Mundwinkel rann Blut. »Sie verletzte mich. Sie allein konnte mich … das neue Gefäß … öffnen. Du hast es sofort erkannt, als es begann, tapferer kleiner Bewahrer. Doch es ist zu spät, du kannst nichts mehr tun. Ich merke, wie es aus mir drängt, so wie das Leben mich verlässt … nach so langer Zeit … doch es ist gut.«
Ein Schatten tauchte auf. Eine Frau, erkannte Herr Harbinger, als sie ins Licht trat, überirdisch schön, aber voller Trauer. »Es ist Zeit«, sagte sie. »Geh, Mensch. Deine Aufgabe ist beendet. Nun bleibt mir nur noch eines zu tun – das Gefäß zu schließen, bevor alles entfleucht, denn eines muss zurückbleiben. Dies ist nicht mehr für deine Augen bestimmt, also geh.« Das letzte Wort sprach sie so mit Nachdruck und göttlicher Gewalt, dass Herr Harbinger auf seine Füße sprang und floh, so schnell er nur konnte.
Auf einmal verspürte er einen entsetzlichen Stich in seinem Herzen, der ihn fast straucheln ließ, als der Titan starb und das Leid wieder über die Welt kam, und Herr Harbinger hörte und sah, wie der Palast um ihn herum erschüttert wurde, der so lange getragen worden war von einem Willen, der nun nicht mehr existierte. Die Wände bekamen Risse, erste Kiesel bröckelten heraus, und der Verfall setzte sich rasch fort.
Herr Harbinger rannte schluchzend um sein Leben, das Herz wollte ihm schier bersten in seiner Brust, und doch lief und lief er, gab sich nicht dem Schmerz hin, denn er war sicher, er würde es schaffen, er glaubte ganz fest daran, klammerte sich daran, als wäre es das letzte auf der Welt, was er noch hatte, tief in sich verborgen, das Einzige, das nicht mehr fliehen konnte, nachdem das Gefäß geleert war.

Im Zyklus der Zeit

Von admin am 25. Mai 2009 veröffentlicht

Autor: Lothar Nietsch
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Fantasia 210/211 (EDFC)”

imzyklusderzeitWieder saß sie auf den Stufen vor dem Brunnen des mittelalterlichen Marktplatzes. Eine junge Frau, die Fred schon in den vergangenen Tagen dort hatte sitzen sehen. Stets zur gleichen Zeit. Das erste Mal hatte er sich kaum für die Frau interessiert, als er sie vom Hotelzimmer aus bemerkte. Doch die Regelmäßigkeit ihres Erscheinens und nicht zuletzt der Ausdruck tiefer Melancholie in ihrem zarten Gesicht, weckten seine Neugier.
Sie war niemandem des Personals bekannt, als er sich nach ihr erkundigte. Wahrscheinlich eine Touristin, hieß es, der es der Marktplatz angetan hatte.
Trotzdem, die Wehmut ihrer Züge, der traurig-verträumte Blick, die um sie befindlichen Dinge und Menschen kaum wahrnehmend, entsprach für Fred nicht der Art, die ein gewöhnlicher Tourist an den Tag legte. Vielmehr erweckte sie den Anschein, als wäre sie mit diesem Ort auf tragische Weise verbunden und irgendwie fühlte sich Fred zu ihr hingezogen.
Ein kontrollierender Blick in den Spiegel, dann verließ er das Zimmer. Die Frau beschäftigte seine Gedanken mittlerweile viel zu sehr, um sie nicht wenigstens anzusprechen.
Draußen, im Schutze des Vordachs, zögerte er. Aber, als eilte ihm sein Vorhaben durch eine unsichtbare Strömung voraus, sah sie auf, fand ihr Blick den seinen. Fred atmete durch und ging auf sie zu. Ihre Augen blieben dabei auf sein Gesicht geheftet. Unendlich geheimnisvoll erschien ihm ihr Blick, der Fred immer mehr verwirrte, je weiter er sich ihr näherte. Erkennen und Hoffnung lagen darin, desgleichen Trauer und Leid. Plötzlich beschlich Fred die leise, dennoch unbeirrbare Ahnung, diese Frau zu kennen. Trotz der Gewissheit, dass dies nicht sein konnte.
Oben, in seinem Zimmer, hatte er sich eine passende Anrede zurechtgelegt, nun aber waren die Worte wie weggewischt. Nie zuvor erlebte er Ähnliches. Eine schiere Flut gegensätzlicher Gefühle vereinnahmte ihn von einem Augenblick zum nächsten. Er begehrte diese Frau, wie keine zuvor, gleichermaßen empfand er unsägliche Scham. Hilflos versank er in den Tiefen ihrer Augen, deren Grund er niemals würde blicken können. Dies war ihm auf ebenso unerklärliche Weise klar, wie das untrügliche, dennoch irrationale, Wissen, dieser Frau so nahe wie einer Geliebten zu stehen. Dabei war er ihr niemals zuvor begegnet.
„Mathilde?“, hörte er den Namen über seine Lippen kommen. Fassungslos schrie sein Verstand in Panik auf. Hatte er dies wirklich gesagt? Ihm war, als befände sich ein zweites Ich in seinem Geist. Verzweifelt baten seine Blicke um Hilfe, aber ihre Worte trieben ihn vollends an den Rand des Wahnsinns.
„Ja, du bist es – fandest endlich den Weg. Nach all den trostlosen Jahren des Wartens. Ist dir klar, was du nun wirst tun müssen?“
Nein!, schrie es in Fred, ich habe nicht den blassesten Schimmer! Aber als spräche ein Anderer, entgegnete er: „Ja und nein, meine Liebste. Soviel Zeit ist seither vergangen, zuviel Sünde auf meinen Schultern.“
Liebevoll sahen ihre unergründlichen Augen zu ihm auf, füllten sich mit Tränen: „Nichts kann meine Liebe bezwingen. Kein Pakt, keine Macht, denn du bist zurück. Jetzt kann ich mein Gelübde erfüllen.“
Ihre Hand streckte sich Fred entgegen, dem ein Schauder über den Rücken jagte. Doch bevor ihre Fingerspitzen seine Hand erreichten, verblassten sie, lösten sich auf wie Nebelschwaden. Voller Entsetzen, keines klaren Gedanken fähig, stierte Fred auf die Stufe vor seinen Füßen. Das Wasser des Brunnens plätscherte fröhlich in der Abendsonne, als wäre nichts geschehen. Endlich, ihm schien eine halbe Ewigkeit vergangen, kehrte die Gewalt über seine Gliedmaßen zurück. In unregelmäßigen Atemzügen schnappte er nach Luft. Die Knie schlotterten, sein Herzschlag hämmerte. Fred befürchtete, er könne unangenehm auffallen, daher setzte er sich auf jene Stufe vor dem Brunnen.
So saß er da, bemüht das Unfassbare zu verdauen und dabei den Verstand bewahrend. Erst nachdem die Sonne hinter den Dächern verschwunden war, erhob er sich und begab sich schnurstracks auf sein Zimmer.
Auch wenn die Vernunft ihm gebot, dass er sich lediglich etwas einbildete, ja, einbilden musste, so vermochte er nicht das Erlebte zu leugnen. So sehr er sich wünschte, das Ganze als Suggestion abzutun, unbeirrt stand die Gewissheit diese Frau zu kennen dagegen. Wenn er doch nur wüsste, was ihn mit dieser Frau verband. Nur in einem war er sicher: Dieses Gefühl der Liebe entstammte absolut keiner Einbildung. Was war mit ihm? War er der, der er glaubte zu sein? Seine Erinnerungen, seine Geschichte, waren es seine eigenen? Gab es tatsächlich einen Abschnitt seines Lebens, der sich ihm verschloss?
Erschöpft fiel er aufs Bett. Unsinnige Grübelei. Alles was blieb, war, den nächsten Tag abzuwarten, darauf zu hoffen, dass die Frau wieder erschien. „Mathilde“, murmelte er, lauschte dem Klang dieses Namens, der einem Teil von ihm so vertraut vorkam, dann schlief er ein.
Durchs Fenster fallender Sonnenschein weckte Fred. In Sekunden verblassten die Traumsequenzen, die seine Erinnerung aus dem Schlaf mitgenommen hatte. Nur ein Gefühl der Unsicherheit blieb zurück. Sein erster klarer Gedanke galt Mathilde. Sogleich brandete eine Woge der Liebe und des Schmerzes durch sein Innerstes. Ebenso stellte sich dies unheilvolle Wissen ein, dass er einen finsteren Teil seiner Vergangenheit nicht mehr wusste – nicht mehr wissen wollte. Dem zum Trotz brannte er darauf, herauszufinden, was genau dies war. Sich seiner selbst nicht sicher, stand er auf, schlurfte ins Bad.
Gedankenverloren starrte er in den Spiegel. War dies Gesicht tatsächlich seins? Er beschwor Mathildes Züge vor seinem inneren Auge herauf. Doch dies verwirrte ihn noch mehr, stürzte ihn zuletzt in Verzweiflung. Außer seiner unbeschwerten Kindheit, war sein Leben eher langweilig verlaufen. Er würde seinen Werdegang als überaus durchschnittlich beschreiben, dem Bild entsprechend, welches das Klischee eines Versicherungsvertreters zeichnete.
Fred schüttelte den Kopf, so kam er nicht weiter. Er kleidete sich an, stieg die Stufen zum Foyer hinunter und trat auf den Marktplatz hinaus. Ohne Ziel, die Hände in den Hosentaschen, schlenderte er durch die Straßen, nahm jeden Winkel in sich auf. Nach einer Weile stellte sich etwas wie vage Erinnerung ein. Die Gassen schienen ihm auf düstere Art vertraut. Aber die undeutlichen Bilder zeigten diesen Ort völlig anders. Vor seinem geistigen Auge bröckelte der Putz von den Fassaden, sah er mit Stroh gedeckte Dächer, Unrat auf den Strassen. Es roch nach Schmutz, Hunger und Blut. Als wäre er in der Zeit zurück gegangen. Der Gedanke erschreckte Fred, verscheuchte jene unheimlichen Bilder aus längst vergangen Tagen. Bedeutete dies nichts anderes, als schon einmal gelebt zu haben. Bislang tat er dergleichen als Blödsinn ab. Belächelte diejenigen, die behaupteten, sich an frühere Leben zu erinnern. Noch mehr aber belächelte Fred jene Zeitgenossen, die solchen Geschichten Glauben schenkten. Er wollte es nicht wahrhaben, aber diese Ahnung, bereits vor Jahrhunderten durch diese Stadt gewandelt zu sein, widersetzte sich hartnäckig seinem Willen. Sein Weg hatte ihn vor das Rathaus geführt. Erst als er gewahrte, schon länger die Messingtafel anzustarren, erkannte er den Sinn der aufgeprägten Buchstaben. Stadtarchiv, las er. Ohne weiteres Nachdenken, wie mit einer unwiderstehlichen Strömung treibend, ging Fred hinein.
Der alte, griesgrämige Archivar nickte konsterniert, als Fred ihn fragte, ob sich in der Geschichte der Stadt etwas Tragisches am Marktplatz ereignet hatte. „Seltsam, dass Sie so etwas wissen wollen“, sagte er. „Die Mauern dieser Stadt waren tatsächlich Zeuge vieler tragischer Ereignisse, doch interessiert dergleichen die Touristen kaum. Können Sie mir konkreter sagen, welches Ereignis Sie meinen?“
„Nicht genau, ich hörte von einer jungen Frau, der auf dem Marktplatz irgendetwas zugestoßen sein soll.“
Der Alte beäugte Fred mit unverhohlenem Misstrauen, als er entgegnete: „Gehört wollen Sie davon haben? Hören Sie, ich mag vielleicht ein alter Trottel sein, aber für dumm verkaufen können Sie jemand anderen. Nur wenige lasen die Aufzeichnungen und sie hielten’s genauso, wie ihre Ahnen: Sie vergaßen die Geschichte. Erzählen Sie also nicht, Sie hätten zufällig davon gehört. Sagen Sie schon, was Sie wollen, oder lassen Sie mir meine Ruhe.“
Die Worte überrumpelten Fred derart, dass er einige Sekunden benötigte, in denen er um seine Fassung rang. Aber was hatte er schon zu verlieren? Kaum jemand in der Stadt kannte ihn. Sollte der Alte von ihm denken was er wollte. Fred breitete entwaffnend die Hände aus und sagte: „Ich bin Versicherungsvertreter und wegen eines Kunden in der Stadt. Meines Wissens zum ersten Mal. Doch wenn ich Ihnen nun sage, dass täglich eine bildhübsche, aber tieftraurige Frau vor dem Brunnen des Marktplatzes sitzt, die in mir ihren Liebsten zu erkennen glaubt, den sie vor elend langer Zeit verlor und die sich dann anschließend vor meinen Augen wie ein Gespenst in Luft auflöst, werden Sie mich erst recht auffordern, nicht Ihre Zeit mit solchem Blödsinn zu verschwenden. Oder etwa nicht?“
Fred wusste nicht, was er nun zu erwarten hatte, keinesfalls aber rechnete er mit der folgenden Reaktion.
„Teufel noch mal“, entfuhr es dem Alten, Fred mit großen Augen fixierend. „Beschreiben Sie die Frau.“
Fred fragte sich, welchem Zweck dies dienen sollte, dennoch kam er der Aufforderung nach. Der Archivar hing ohne Unterlass an seinen Lippen, nickte ab und an bestätigend und als Fred endete, rief er aus: „Sie ist’s! Genauso wird sie beschrieben.“
Dabei lief er aufgeregt auf und ab, solange bis Fred die Geduld verlor.
„Jetzt sagen Sie schon, wer die Frau ist, wenn Sie glauben, dass sie’s ist und was zum Kuckuck mit ihr geschah!“
„Ah!“ griente der Alte verschmitzt, „Sie gefällt dem jungen Mann.“ Dann, in beinahe traurigem Tonfall: „Machen Sie sich keine Hoffnungen, die Gute verstarb vor über 400 Jahren. Sie sind übrigens nicht der Einzige, dem sie erschien, soviel ich aber sagen kann, der Erste mit dem sie gesprochen hat. Doch kommen Sie, ich zeige Ihnen die alten Aufzeichnungen, die der Prior des Klosters seinerzeit anfertigte. Offenbar vermutete er, dass ihn diese Zeilen Kopf und Kragen kosten würden, denn er hat sie unter einer Bodenplatte der Sakristei versteckt. Renovierungsarbeiten vor acht Jahren förderten sie dann zutage.“
Gespannt folgte Fred dem Alten in den hinteren Teil des Archivs. Die Originaldokumente lagen unter einer Glasvitrine zur Ansicht aus, doch waren sie in lateinisch verfasst.
„Ich nehme an, Sie können mit der Übersetzung hier mehr anfangen“, nahm der Archivar Freds Frage vorweg und reichte ihm eine Mappe. „Sie können sich das Ganze dort in Ruhe durchlesen“, dabei deutete er zu zwei Stühlen, die einen niederen Tisch flankierten und schlurfte ohne ein weiteres Wort nach vorne.
Fred setzte sich, schlug gespannt den Deckel zurück und begann zu lesen. Die Zeilen beschrieben ein Ereignis aus der Zeit des 30jährigen Krieges und wie nach einem endlosen Wachtraum, brandete die Erinnerung plötzlich über Fred hinweg. Mit solcher Heftigkeit, dass er beinahe aufschrie. Unfassbar zu glauben, wer er einst gewesen, aber allzu deutlich traten unzählige Einzelheiten seines damaligen Lebens zu Tage. Die Reinheit seiner Empfindungen in der Jugend, bis hin zum Wandel, den seine Seele mit wachsender Macht vollführte, ihn zum Teufel in Menschengestalt verkommen ließ.
Mathilde, der sein ganzes Herz gehörte, doch sie zu ehelichen, verbot sein Stand. Was ihn jedoch nicht hinderte, sie zu verführen, seiner Fleischeslust zu opfern, zu schwängern und in Schande versinkend zurückzulassen, als ihn seine beginnende Karriere in die Welt hinausführte. Eine Welt des immerwährenden Krieges und die er in den folgenden Jahren beinahe eroberte – geachtet und gefürchtet zugleich. Als Oberbefehlshaber aller Truppen, verfügte er zeitweilig über größere Macht als der Kaiser, schuf in seinem Größenwahn ein eigenes Reich. Mathilde, seine einstige Liebe verleugnete er. Drängte sie sich dennoch in sein Gedächtnis, schämte er sich seiner Liebe, verfluchte das Weib niederer Herkunft.
Schaudernd fuhr Fred empor, unnötig weiterzulesen. Kein Wunder, dass er Geschichten über Wiedergeburt bisher verabscheute. Niemals hätte er wissen mögen, welch ein Scheusal er einst gewesen, wenn auch ein bis in heutiger Zeit sehr berühmtes.
Dennoch, anfangs war er gut gewesen, die Liebe zu Mathilde echt, deutlich spürte er dies. Was war geschehen, dass seine Gefühle in solchen Maßen erkalteten? Düster und beängstigend zogen bruchstückhafte Reminiszenzen herauf. Eine dunkle Messe. Gott im Himmel!, durchfuhr es Freds Gedanken. Mit Hilfe abscheulicher Rituale beschwor er den Fürsten der Finsternis, bot seine Seele. Der Sold für die Macht. Aber warum schmorte er nicht in der Hölle, wandelte stattdessen über die Erde? Wenn auch als belangloser Versicherungsvertreter, so verschloss sich ihm der Sinn des Ganzen. Antworten, dessen war sich Fred nun gewiss, erlangte er nur durch Mathilde.
Mathilde – nach allem was er ihr angetan hatte. Selbst der Tod ereilte sie auf sein Geheiß. Übelkeit stieg in ihm auf. Er wollte seine Gedanken abwenden, aber etwas hinderte ihn, ließ Fred die grausige Tat abermals durchleben.
Lange schon lagerte er mit seinem Heer vor der Stadt, die sich ihm wiedersetzte. Seine Männer bluteten das Land aus, das Volk hungerte. Verbrannte Erde auf Meilen. Da trat sie vor ihn, Mathilde. Sie hatte ihn nicht vergessen, liebte ihn noch immer, obwohl er sie entehrt und im Stich gelassen hatte. Appellierte an sein gütiges Herz, bettelte um Brot für sich und die Kinder, sein eigen Fleisch und Blut. Einem Menschen wären diese Worte ans Herz gegangen, aber längst war er kein Mensch mehr. Die Worte jener Frau, die er einst geliebt, beleidigten ihn. Ihr nach wie vor reizvolles Erscheinen verhöhnte ihn. Trotz des Gebärens der Kinder, der Marter durch die unaufhörlichen Kriege, gafften die Männer diesem niederen Weib noch immer nach. Im Gegensatz zu ihm, der mit schmerzhaften Ekzemen kämpfte und dessen Leib lebendig zu verfaulen drohte. Wie konnte sie sich erdreisten, derart vor ihn hinzutreten? Vor ihn, dem mächtigsten Mann Europas, ihn zu kompromittieren.
Indes, Mathilde schien den Zorn nicht wahrzunehmen, der sich über ihrem Haupt zusammenbraute. Vielleicht, so überlegte Fred, wollte sie dies auch gar nicht.
Unbewegt hatte er sie angehört und nachdem er keine Regung zeigte, wurde sie in ihrer Not zur Verräterin an ihren Leuten. Sie beschrieb einen geheimen Gang, der, nicht weit vom Heereslager gelegen, in die Stadt führte. Wenn er nur dafür sorge, dass sie bis an ihr Lebensende Brot erhielte, werde sie ihm die Stelle zeigen, an der sich der Eingang des Ganges befand.
Innerlich triumphierte er. Es gab nur eine einzig richtige Antwort auf Verrat und die würde er ihr erteilen. Die Bosheit seines Herzens schmerzte Fred selbst jetzt, unzählige Jahre danach, mehr als er ertrug. Eilends suchte er die Toilette, wo er sich erbrach. Aber auch dies hinderte die über ihn hereinbrechende Bilderflut seiner Vergangenheit keineswegs daran, ihn weiter zu peinigen.
Mit einer kaum nachzuvollziehenden Häme, gewährte er seiner einstigen Geliebten den Wunsch. Sowie Mathilde seinen Söldnern den Zugang gezeigt hatte, nahm er sie in Gewahrsam, eroberte die Stadt im Handstreich und nach dem ersten Morgengeläut erhielt Mathilde den Lohn für ihre Dienste. Inmitten des von Schaulustigen überfüllten Marktplatzes ließ er ein Geschütz mit Brot füllen, bis der Kanonier keinen weiteren Krumen ins Rohr brachte. Dann stellten seine Schergen Mathilde an Händen und Füßen gefesselt vor die Mündung. Mit den Worten, hier hast du Brot bis an dein Lebensende, zog er eigenhändig ab. Nicht ein Funke des Bedauerns regte sich in ihm, beim Anblick ihres Leichnams. Mathilde zählte nichts, war ihm weniger als der Dreck unter seinen Fingernägeln.
Fred fühlte sich wie erschlagen, kauerte zitternd neben der Toilettenschüssel, solange, bis der Archivar die Tür öffnete und mit wunderlichem Blick fragte: „Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ja kreidebleich. Aber ist ja auch kein Wunder, diese Geschichte geht an die Nieren. Dennoch schwer nachzuvollziehen, woher der Prior hat wissen können, dass diese einfache Frau einst die Geliebte des großen Wallenstein war, noch dazu Mutter seiner Kinder.“
Fred nickte gequält: „In der Tat. Aber irgendwas wird wohl dran sein, sonst hätte er diese Zeilen nicht so gut verborgen. Meinen Sie nicht auch?“
Der Archivar stimmte zu. Auf die Frage, ob der Platz ihres Grabes bekannt sei, schüttelte der Alte den Kopf. Auch wenn es die Menschen selbst damals entsetzte, auf welche Weise Wallenstein seine Informanten entlohnte, so war sie ab da für die Bürger nur eine Verräterin. Fred dankte und verließ das Rathaus. Er fühlte sich erbärmlich.
Unbewusst vernahm er das fünf Uhr Läuten der Kirchenglocke, als es ihn jäh durchzuckte: Mathilde!
Stets zu dieser Zeit hatte er sie am Brunnen sitzen sehen. Er rannte, so schnell es seine Beine erlaubten, ignorierte die brennenden Lungen, den galoppierenden Herzschlag. Atemlos erreichte er den Marktplatz. Freudig und beklommen zugleich, sah er sie. Keiner der Passanten nahm Notiz von ihr, als wäre sie überhaupt nicht zugegen. Vielleicht sehe ja nur ich sie, dachte Fred. Wie gestern, schien sie seine Anwesenheit zu spüren und wandte den Kopf in seine Richtung.
„Weißt du nun, was du zu tun hast?“, begrüßte sie ihn.
Ein faustgroßer Klumpen in seinem Hals, hinderte Fred am antworten. Nach einigem Ringen, brachte er schließlich heraus: „Ich fürchte, nichts kann wieder gut machen, was ich dir angetan habe. Selbst mein Tod wäre keine Sühne, denn ich bin ja schon gestorben.“
Seine zauberhafte Mathilde lächelte. Die Stimme voller Zärtlichkeit, entgegnete sie: „Du warst verblendet, deine Seele vergiftet. Deutlich sah ich Seinen Schatten über dir, als du mich getötet hast. Dich Ihm zu entreißen, schwor ich damals, egal wie lange es dauert. Nun ist es fast vollbracht. Dann endlich ist es meiner Seele gestattet zu ruhen und in Liebe auf die deine zu warten.“
Fred vermochte seinen Ohren kaum zu trauen. Wie konnte Mathilda noch Liebe für ihn verspüren? Er fand kaum die passenden Worte. Unsicher stammelte er: „Du bist nicht hier, um dich an mir zu rächen? Nach all dem Leid, welches ich über dich brachte?“
„Du lieber Narr! Denkst du wirklich, ich war so naiv und mir des Standesunterschiedes nicht bewusst? Wir liebten uns, dies allein zählte für mich. Ich wusste von Anfang an, dass es dir unmöglich gewesen wäre, mich zum Weib zu nehmen. Aber gesorgt hättest du für mich und deine Kinder. Doch in der Ferne gerietest du in Seinen Bann, warst ein anderer. Dein Herz starb und ist selbst jetzt noch tot.“
„Nein, du irrst. Gestern, als ich dich ansprach, fühlte ich die Liebe zu dir, obwohl ich da noch nichts wusste.“
Glockenhell erschallte Mathildes Lachen: „Liebe ist ein zweischneidiges Ding. Liebst du mich um deinetwillen oder um meinetwillen?“
Offenen Mundes glotzte Fred in Mathildes lachendes Gesicht, wusste keine Antwort.
„Siehst du!“, sagte sie, dabei ernst werdend. „Seine Macht reicht weit über Tod und Geburt hinaus. Aber der Glaube ist gering geworden unter den Menschen, dies schwächt Gott, ebenso wie Ihn. Komm jetzt, ich zeige es dir.“
Keiner Erwiderung fähig, folgte Fred dem Geist Mathildes, der ihn bis vor die alten Stadtmauern führte. An einer mit Dornenbüschen überwucherten Stelle des Stadtgrabens, verhielt sie. „Hier verscharrten sie meinen Körper.“ Dabei deutete sie zu Boden.
Es bedurfte keiner Worte, Fred war klar, was Mathilde erwartete. So begann er, mit seinen Händen in der harten Erde zu graben. Die Haut löste sich bereits von den Fingern und den Handflächen, als er auf den ersten Knochen stieß – Mathildes Schädel. Schweren Herzens barg er den Kopf, drückte ihn an seine Brust. Jeden einzelnen Knochen wollte er noch in dieser Nacht ausgraben. Geweihter Erde würde er sie übergeben, anschließend sein Leben ändern. Der Lohn seiner Arbeit, sollte fortan nicht länger seinem nutzlosen Luxus, sondern Bedürftigen dienen.
Fred blickte auf, erleichtert sah er in Mathildes Gesicht. Sie lächelte auf eine Art, wie er noch niemals jemand hatte lächeln sehen.
„Jetzt kann dein Herz wieder lieben“, sagte sie. „Halte daran fest und vergiss mich nicht.“
Freds Herz verkrampfte. „Du willst gehen?“
„Können wir tun was wir wollen, oder wollen was wir tun? Solange du an mich denkst, bin ich bei dir, lebe in dir fort. Vergiss unsere Liebe nicht, so werden unsere Seelen eins. Jetzt liegt es bei dir, mein Liebster.“
Mathildes Konturen verblassten. Fred wandte sich ab, zu sehr schmerzte der Anblick. Tränen liefen über seine Wangen. Tränen der Scham und der Erleichterung zugleich. Sein Leben hatte einen Sinn bekommen. Beinahe fröhlich kratzte er mit wunden Fingern weiter in der Erde. Gegen Morgengrauen hatte er Mathildas vollständig erhaltenes Skelett geborgen. Sorgsam in seine Jacke gehüllt, brachte er die kostbare Fracht auf sein Hotelzimmer. Bald sollte sie ein Grab erhalten, welches ihrer würdig war. Er trug nun Mathildes Bild in seinem Herzen und die Gewissheit, dass er sie wiedersehen würde.

La Belle et la Bete

Von admin am 15. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Barbara Büchner
Illustration: Pat Hachfeld
Veröffentlicht: Im Buch “Wellensang, Hrsg Alisha Bionda & Michael Borlik, Schreiblust-Verlag”

labelleetlabeteLiebste Adelinde,
nun bin ich also seit sechs Wochen mit dem Scheusal verhei-ratet, und, wie du aus meinem Brief schließen kannst, bislang noch nicht gefressen worden. Wir leben auf seinem Schloss und es geht mir soweit gut. Er hat Geld wie Heu, und es ist gar nicht ungewöhnlich, dass ich ein Diamantring-lein auf meinem Kopfkissen oder ein kleines Collier in der Obstschale finde.
Leider haben die alten Frauen recht behalten, die mich gewarnt haben, dass sich keineswegs alle Monster durch einen Kuss verwandeln. Meiner ist offenbar resistent. Obwohl ich ihn wirklich auf alle erdenkliche Weise und an ganz unbe-schreiblichen Stellen geküsst habe, blieb er ziemlich so, wie er vorher war. Die einzige Wirkung war, dass er nach dem vielen Küssen sehr gut gelaunt war und mit den Zähnen meinen Ärmel packte, um mich ins Bett zu ziehen.
Er ist schrecklich gern im Bett, vor allem, wenn ich ihm vorher die Ohren gerollt habe. Er hat recht hübsche Ohren, mit Haarpinselchen dran wie ein Luchs, und wenn ich sie ihm rolle, schnurrt er immer lauter und will dann sofort ins Bett.
Sicherlich bist du nun außer Atem vor Neugier, wie es in diesen Dingen mit ihm bestellt ist. Es gibt aber nichts Besonderes zu berichten. Er sieht weitgehend so aus wie ein Mann.
Das heißt – soweit ich über Männer Bescheid weiß. Ich muss dir gestehen, ich habe noch nie einen richtig nackten Mann gesehen. Ich lege dir eine Skizze bei, wie es ungefähr aussieht. Kannst du für mich rausfinden, ob das bei anderen Mon-, ich meine Männern auch so beschaffen ist? Übrigens sieht es nicht immer gleich aus, muss ich hinzufü-gen. Für gewöhnlich ist es ziemlich groß und sehr fest und fühlt sich warm an. Aber ein- oder zweimal habe ich bemerkt, dass es kurzfristig ganz klein und schlapp war. Ich war sehr erschro-ken, weil ich befürchtete, ich hätte durch mein ungeschicktes Hantieren irgend etwas daran kaputt gemacht. Aber es wurde bald wieder normal.
Dir kann ich mich ja offenbaren, liebste Adelinde: Diese Dinge verwirren mich sehr. Mein Gatte wollte ja unbedingt eine Jungfrau, aber dass ich so unerfahren bin, hat ihn wohl doch überrascht. Er musste mir richtiggehend erst zeigen, wo bei ihm hinten und vorne ist. (Bei Männern ist das übrigens genau umgekehrt wie bei Hunden: Bei ihnen ist dort, wo der Schwanz ist, vorne). Die ersten Wochen überhäufte er mich mit Lektionen. Ich habe mir die allergrößte Mühe gegeben, ihn zufriedenzu-stellen, aber manchmal war es doch schwierig. Vor allem, weil er ja nicht spricht. Er schnurrt, wenn er zufrieden ist, und wenn er unzufrieden ist, knurrt er und fletscht die Eckzähne, was mich immer aufs heftigste er-schreckt. Wenn er etwas von mir will, legt er mir die Pfote aufs Knie. Dabei hat er mir schon zweimal mit seinen langen Krallen die Strümpfe zerrissen. Er besorgt mir aber immer gleich neue. Finanziell ist er sehr großzügig. Als er mein Spitzenhöschen in Fetzen riss, hat er mir noch am selben Abend ein neues geschenkt.
Ich habe jetzt begonnen, alles in ein kleines silbernes Büchlein einzutragen, was ich von ihm lerne, damit ich es keinesfalls wieder vergesse. Um mir die richtige Körperhal-tung einzuprägen, mache ich Skizzen dazu. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass eheliche Pflichten so kompliziert sind. Irgendwie schwebte mir vor, dass es sich um einen einfachen und kurzfristigen Vorgang handelt. Du siehst, wie naiv ich bin! Von einfach kann keine Rede sein. Es gilt, sehr viele verschiedene Stellungen im Kopf zu behalten, so dass ich ohne meine Notizen völlig verloren wäre! Erst erschrak ich, als mein Gatte mich einmal bei der Arbeit an diesem Büch-lein überraschte, aber er war keineswegs ärgerlich, sondern stupste mich freundlich mit der Nase an und bedeu-tete mir, nur recht fleißig weiterzumachen.
So tue ich also mein Bestes, ihm eine gute Ehefrau zu sein, obwohl mir der Sinn der ehelichen Pflichten nach wie vor völlig rätselhaft ist. In meiner Hochzeitsnacht war ich ganz außer mir vor Angst und Schrecken, weil ich be-fürchtete, das seltsame und aufgeregte Verhalten meines Gatten würde darin gipfeln, dass ich zerrissen und gefressen wurde. Das war jedoch nicht der Fall. Ich befürchtete erst, ich sei ihm vielleicht widerwärtig. Ich hatte nämlich den Eindruck gewonnen, dass er mich an verschiedenen Körperstellen kostete, sich aber nicht entschließen konnte, mich zu fressen.
Mir stiegen bereits die Tränen in die Augen bei dem Gedanken, ungenießbar zu sein, als ich bemerkte, wie er zufrieden schmatzte und sich die Lippen leckte. Welch ein Stein fiel mir vom Herzen, liebste Adelinde! Obwohl ich dir offen sagen muss, dass ich nicht gerne in Stücke gerissen würde, hätte es mich doch sehr gekränkt, so überhaupt kein Wohlgefallen zu finden.
Aber vermutlich habe ich alles ganz falsch verstanden – er kostet nämlich immer wieder, und zwar sehr ausgiebig, beißt aber nie auch nur das kleinste Stückchen ab. Vielleicht ist sein Jagdtrieb schon ein bisschen verkümmert. Oder er ist so überfüttert, dass er keinen Appetit mehr auf Frauenfleisch hat. Ich muss dir jedenfalls sagen, dass mir sein Verhalten bis heute völlig sinnlos erscheint. Ich kann keinen Zweck darin erkennen. Allmählich frage ich mich, ob er das alles am Ende nur der Annehmlich-keit wegen tut.
Ich muss dir ins Ohr flüstern, liebste Freundin: Es ist tatsäch-lich eine Annehmlichkeit. Anfangs habe ich das gar nicht so bemerkt, aber es wird von Mal zu Mal erfreuli-cher. So sehr, dass ich es gestern gewagt habe, ihn mit den Zähnen am Ärmel zu packen und zum Bett zu ziehen. Er war etwas überrascht, verhielt sich aber durchaus wohlwollend. Zuletzt leckte er mir ausgiebig die Nasenspitze ab, was ein Anzeichen für sehr gute Laune ist.
Übrigens darfst du keineswegs annehmen, dass er auf Grund seines ungewöhnlichen Äußeren etwa roh oder herzlos wäre. Weit gefehlt! Er ist überaus empfindsam, zärtlich und liebesbedürftig. Nie werde ich die zarte Geste vergessen, mit der er mir am Morgen nach jener turbulenten Hochzeitsnacht sein Geschenk auf die Bettdecke legte. Zwar muss ich dir gestehen, dass ich seinen Liebesbeweis im ersten Augenblick nicht im vollen Umfang zu schätzen wusste – wie einfältig und zimperlich bin ich doch manchmal! Aber dann hielt ich mir vor Augen, dass er diese Ratte ganz allein für mich erlegt und mir gebracht hatte, ohne auch nur das winzigste Stück-chen davon zu fressen – obwohl es eine ausgesucht fette und leckere Ratte war -, und das rührte mir doch sehr das Herz.
Du siehst also, dass es gar nicht so schlimm ist, mit einem Scheusal verheiratet zu sein. Natürlich macht er viel Arbeit. Ich muss ihn jeden Tag kämmen und bürsten und ihm die Nägel feilen. Da ist er überaus heikel. Ein abgebrochener Nagel ist hier eine Katastrophe! Außerdem muss ich ihn im Bad bürsten, ihm die Mähne waschen, ihn sorgfältig trocken- rubbeln und auf seine Ohren achten, die sehr empfind-lich und für Erkältungen und Ungeziefer anfällig sind.
Trotzdem könnte diese Arbeit rasch erledigt sein, wenn er meine Bemühungen nicht immer wieder zunichte machen würde! Kaum habe ich ihn einigermaßen glatt gebürstet, gerät er in verspielte Stimmung und will ins Bett. Nachher ist er dann so verschwitzt und verfilzt, dass ich mit dem Baden und Bürsten von vorne anfangen muss. Ja, wie sagt man doch: A womans work is never done.
Natürlich wusste ich schon von meinem lieben Herrn Vater, dass alle Männer ihre kleinen Schrullen und Spleens haben, denen man als friedliebende Frau besser nachgibt, und mein Gatte macht da keine Ausnahme. Bei-spielsweise ist er sehr mäkelig beim Essen. Vom Gekoch-ten hält er gar nichts, alles muss recht frisch sein und wird deshalb erst bei Tisch zubereitet. Bei den Fischen – die er sehr gerne mag – kann ich mich noch daran gewöhnen, aber die Hühner! Dieses hysterische Gegacker und Geflatter, und dann die Haufen von blutigen Federn – die übrigens sehr mühsam zum Wegputzen sind, da sie sich überall hinter den Möbelstücken verkriechen.
Da wir gerade von Möbelstücken reden: Unsere Wand-teppiche, Sofas, Diwans, Chaiselongues und gepolsterten Sessel sind zwar ausnahmslos alt und kostbar, aber nach allem, was ich dir über das Wesen meines Gatten erzählt habe, kannst du dir vorstellen, wie sie aussehen!
Nun muss ich aber diesen Brief schließen. Mein Gatte wird bald heimkommen, und heute bin ich an der Reihe, mir eine Seite aus dem silbernen Büchlein aussuchen zu dürfen! Wir machen das jetzt täglich abwechselnd, was ich sehr tolerant und rücksichtsvoll von ihm finde. Ich glaube, ich werde Seite 27 nehmen, deren Inhalt ich dir aber nun wirklich nicht in Einzelheiten beschreiben kann.
Es grüßt und küsst dich,
deine dich liebende Freundin Lucinde

Der große Wettkampf

Von Teufel100 am 13. Mai 2008 veröffentlicht

Es war eigentlich ein ganz normaler Tag. Ich putzte mir am Morgen die Zähne, wie jeden Morgen. Ich Duschte mich und zog mich an, aß etwas zum Frühstück und machte mich dann auf den Weg zur Arbeit, so wie jeden Morgen, außer Samstags und Sonntags natürlich, da muss ich nämlich nicht arbeiten gehen. Aber es war kein Samstag und es war auch kein Sonntag und darum musste ich auch zur Arbeit.

Als ich in meinen Klassenzimmer ankam war dieses leer, so wie jeden Morgen wenn ich in mein Klassenzimmer komme, denn ich bin immer früher da als meine Schüler, um mich auf diesen Schultag vorzubereiten, wo ich hoffentlich den Jungen und den Mädels wieder eines beibringen konnte, was sie später im Leben brauchen könnten.
Ich glaube ich vergaß zu erwähnen, dass ich Lehrer bin? Dies sei hiermit getan! Und zwar bin ich Lehrer an einer Gesamtschule, ich mache das nun schon einige Jahre und habe, was schon an ein Wunder grenzt, immer noch Spaß daran. Meine Kollegen fragen mich immer und immer wieder wie ich das mache, wie ich es schaffe nach so langer Zeit (fünf Jahre, sind ja eine so lange Zeit) immer noch mit solch einer Motivation in den Klassenraum zu gehen um den Schülern etwas beizubringen? Aber ich weiß keine Antwort darauf, ich glaube es liegt einfach nur an meiner Einstellung zu diesem Beruf und daran, dass ich Lehrer aus Überzeugung bin.

Nun wie oben schon erwähnt ging ich also wie jeden Tag in mein Klassenzimmer, welcher, dass muss ich wohl zugeben, wenn ich jetzt im nach hinein darüber nachdenke, schon verändert war, leider viel mir das damals nicht auf, denn dann hätte ich vielleicht bemerkt welche seltsamen Gestalten sich mir da näherten.

Mir fällt gerade auf das ich mich auch noch gar nicht vorgestellt habe. Also will ich das jetzt mal schnell nachholen. Ich bin der Joachim. Ja ich weiß, Joachim ein passender Name für einen Lehrer. Meine Eltern wussten das wahrscheinlich früher schon und haben sich darum überlegt, wie man einen angehenden Lehrer wohl nennen könnte und sie kamen zu dem Entschluss mich Joachim zu nennen, später auch noch auf diesen Namen taufen zu lassen und sie brachten mir sogar bei, auf diesen Namen zu hören. Aber das spielt hier keine Rolle, da es ja um das geht was mir in den letzten Wochen so passiert ist.

Wie oben nun schon erwähnt, war ich wie jeden Tag, außer Samstags und Sonntags, in meinen Klassenzimmer als mich plötzlich etwas Stach. Das war nichts ungewöhnliches, war es doch draußen ein wundervoller Sommertag und stand unsere Schule doch in der Nähe eines kleinen Baches, so dass wir hier öfter mal von einer Mücke gestochen werden. Was ich noch nicht ahnen konnte ist, dass es sich hierbei gar nicht um eine Mücke gehandelt hat, sondern um einen kleinen Pfeil welcher mit einem Schlafmittel versehen war. Da ich das nicht wusste, wusste ich natürlich auch nicht, dass es ohne Schmerzen für mich verlaufen würde, wenn ich mich auf meinen Stuhl setze. Ich ging also weiter durch meine Klassenzimmer, bis ich dann kurz vor dem Klassenzimmerbecken den halt verlor und mit dem Hinterkopf gegen den Klassenzimmerbecken-Unterschrank knallte.

Das nächste an was ich mich erinnern kann war, dass ich irgendwo aufwachte, und dieses irgendwo war garantiert nicht mein Klassenzimmer. Es war auch nicht das Krankenzimmer unserer Schule und auch kein anderer Raum den ich irgendwoher kannte. Plötzlich vernahm ich eine Stimme die ich nicht wirklich einordnen konnte. Die Stimme kam immer näher auf mich zu, bis ich dann auch die Gestalt sah, von welcher diese Stimme abgegeben wurde. Eine Gestalt die mir sehr bekannt vor kam, welche ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nirgendwo einordnen konnte.

Als die Figur merkte, dass ich wach war, stellte sie sich zu mir, gab mir etwas zu trinken, ich gehe davon aus das es Wasser war und fragte mich, wie es mir ginge? Nun, soweit ich fühlen konnte ging es mir eigentlich sehr gut, bis auf die Kopfschmerzen die ich hatte, von meinen feindlichen Kontakt mit dem sonst immer so netten Klassenzimmerbecken- Unterschrank.
Nun war es aber für mich an der Zeit einige Fragen zu stellen, denn wenn ich eines nicht abstreiten kann, dann ist es meine Neugier. Ich wollte natürlich wissen wo und warum ich hier bin. Wie ich wieder nach Hause komme und vor allen, wieso ich nicht mehr in meinen Klassenraum war?

Die Gestalt, ich wusste immer noch nicht wo ich sie einordnen sollte, schaute mich an und sagte, dass sie (die Gestalt) mir doch gerne alles erklärt. Die Geschichte die mir hier erzählt wurde war alles andere als Glaubhaft und ich dachte schon, dass mir meine Schüler einen Streich spielen wollten, aber ihr dürft das gerne selber beurteilen. Hier nun also die Geschichte bzw. der Grund, warum ich nicht in meinen Klassenzimmer bin bzw. war.

Als erstes muss ich wohl erwähnen das ich nicht in meiner, mir bekannten Welt war, sondern in einen Parallel Universum. Ihr denkt nun wahrscheinlich das selbe was ich denke, dass gab es doch nun schon Hundertmal, mindestens. Aber es gibt hier einen kleinen Unterschied, diese Hundertmal gab es nur im Fernsehen, diesmal bin ich allerdings Live dabei oder wie sie im DSF damals zu sagen pflegten, Mittendrin statt nur dabei. Und es geht auch nicht um irgendwelche Aliens die die Welt erobern wollen, oder um Diamanten die notwendig sind um das Gleichgewicht der beiden Welten zu garantieren, also unserer und ihrer Welt. Nein ich war einzig und allein darum hier in dieser Welt gelandet um sie, diese Gestalten, (nein er war nicht allein) auf einen Quizwettkampf vorzubereiten. Ich sollte ihnen dabei helfen zu lernen wie man Lernt. Warum gerade ich das tun sollte konnten sie mir auch schnell erklären. Sie haben schon lange verschiedene Lehrer beobachtet um den richtigen zu finden und mich haben sie ausgewählt, weil ich die besten und ausgefallensten Ideen hatte wie man das Lernen interessant gestalten könne. Auch ist ihnen meine unglaubliche Motivation und meine Freude aufgefallen, die ich beim vermitteln von Lehrstoff habe. Es gab natürlich auch ein paar Haken an der ganzen Sache, denn der Wettkampf im allgemeinen Wissen wurde darum abgehalten, damit diese Gestalten aus ihrer Gefangenschaft befreit werden konnten. Denn wenn sie es schaffen zu gewinnen, dann werden sie von ihren Herrschern freigelassen.

Dass diese Wesen nun allerdings kaum eine Vorbildung hatten, konnte ich nun wirklich nicht ahnen, aber ich habe mich bisher noch vor keinen Herausforderungen gedrückt. Als erstes musste ich nun allerdings erst mal damit beginnen mir selber einen Überblick zu verschaffen über das Wissen, welches es hier gab und welches es zu vermitteln galt. Ich wurde von dem Wesen in einen großen Saal geführt wo das ganze Wissen von diesem Volk gelagert war. Wie man sich sicher vorstellen kann, war das nicht gerade wenig! Darum bat ich die Wesen mir doch eine Liste zu geben auf welcher sie die wichtigsten Punkte festhalten, die sie lernen müssten. Auch wollte ich gerne den Zeitrahmen erfahren, den ich hatte um ihnen das alles beizubringen. Die Liste konnten sie mir ziemlich schnell anfertigen und die Antwort auf die Frage wie viel Zeit ich hätte, schockierte mich nicht, nun gut, vielleicht ein klein wenig, aber das kann man getrost vernachlässigen, vielleicht war es auch ein wenig mehr, eventuell auch schon soviel das man es nicht mehr vernachlässigen konnte, aber eine Wahl hatte ich sowieso nicht. Denn das war ein weiterer Haken an dieser Sache, bevor der Wettkampf stattgefunden hat, würden sie mich nicht gehen lassen, bzw. würden sie mich nicht wieder in meine Welt bringen und ob ich nach dem Wettkampf nach Hause komme hing auch ein wenig vom Ausgang ab. Wenn sie Gewinnen würden, würden sie mich sofort wieder nach Hause schicken, wenn nicht, käme es auf die Herrscher an, ob ich wieder nach Hause darf oder nicht. Für mich also schon Anreiz genug ihnen soviel beizubringen, dass sie nur noch gewinnen können.

Ich studierte nun also die Liste und suchte mir die passenden Bücher dazu raus, die, was mich doch immer wieder überrascht, natürlich in meiner Sprache verfasst waren und welche ich ohne Probleme lesen konnte, so wie es halt in jeder guten Fantasy-Geschichte ist. Ich brauchte einige Tage um den gesamten Lernstoff aufzuarbeiten und auch um einen Lernplan zu erstellen, damit ich in der knappen Zeit die mir zur Verfügung stand, auch den gesamten Lehrstoff vermitteln konnte. Über die Methoden, welche ich zur Vermittlung verwenden konnte, machte ich mir noch keine weiteren Gedanken, da ich dazu erst meine Schüler besser kennen lernen musste.
Diese lernte ich am nächsten Tag kennen. Ich wurde von dem Wesen, von dem ich immer noch nicht den Namen kannte, in einen kleinen Raum geführt, wo sieben weitere Wesen auf mich warteten. Das Wesen, welches mich hierher geführt hatte, erklärte mir das diese sieben meine Schüler währen. Sie wurden ausgewählt, da sie die schlausten ihrer Art waren und da eh nur sieben von ihnen am Wettkampf teilnehmen durften.

Ich machte mich also daran sie kennen zu lernen. Es waren vier weibliche und drei männliche Wesen, alle noch ziemlich Jung, aber mit sehr vertrauten Namen. Sie hießen Anne, Maria, Jenny, Jasmin, Paul, Mario und Ernesto. Alles Namen die auch in unserer Welt verwendet wurden und die man auch aussprechen konnte. Ich musste mir also keine seltsamen Namen einprägen, wie man sie aus verschiedenen anderen Büchern oder Filmen her kannte.

Es gab auch keine wirklichen Überraschungen! Alle konnten lesen und schreiben und auch das Rechnen viel ihnen nicht schwer. Was ihnen fehlte war das allgemeine Wissen, denn sie konnten nicht wirklich viel Lesen, da sie nur sehr wenig Freizeit hatten. Die meiste Zeit mussten sie für ihre Herrscher arbeiten und sie waren schon Glücklich das sie für diesen Wettkampf freigestellt wurden sind. Wir verschwendeten auch nicht viel Zeit, von der wir eh viel zu wenig hatten, und begannen gleich damit die Lehrpläne durch zu sprechen und zu schauen, wie wir am besten an ihren, bzw. an unseren Ziel arbeiten konnten um dieses zu erreichen. Ich fand heraus das drei von ihnen besonders gut visuell lernen konnten der Rest durch hören und schreiben. So setzte ich mich hin, um für alle eine passende Methode zum lernen zu finden. So vergingen einige Wochen, es gab viele kleine Rückschläge, aber sehr viel mehr große Erfolge und der Wettkampf kam immer näher.

Als nun der Tag des Wettkampfes gekommen war, ging es meinen sieben Schülern gar nicht so gut. Zu viel konnte verloren werden und der Druck der auf ihren Schultern lastete, wenn sie denn welche hatten, war enorm. Ich zwang sie regelrecht ein anständiges Frühstück zu sich zu nehmen und sorgte auch für genügend Flüssigkeit, damit nachher niemand unter Konzentrationsschwäche litt. Langsam aber sicher gingen wir dann zusammen in die Arena, wo ich das erste mal den Gegnern begegnete. Sie waren von genau derselben Art wie die Wesen die ich Unterrichtet habe, nur sehr viel Nobler gekleidet. Auch schienen sie nicht wirklich viel zu arbeiten, was mich nicht verwunderte, da dieses ja ihre Untertanen für sie erledigten. Man begrüßte sich kurz und schon ging der Wettkampf los.

Nun wissen wir ja alle aus Filmen und auch aus Büchern das am Ende immer das gute Gewinnt und man sich eigentlich keine Sorgen machen muss. Genau darauf habe ich mich auch eingestellt. Es musste einfach funktionieren, haben meine Schüler doch wirklich viel gelernt und große Fortschritte gemacht. Natürlich wissen wir auch alle, dass am Anfang immer die schlechten die Punkte machen und die Guten erst im zweiten Teil des Spiels aufholen, aber diesmal war dies nicht der Fall. Beide Seiten waren gut und es war wirklich knapp, jeder Punkt war umkämpft.

Als es nun zur letzten und somit alles entscheidenden Frage kam waren alle so ziemlich gespannt was wohl passieren würde, wer wohl als allererstes die Richtige Antwort geben und somit das Spiel entscheiden würde. Als Frage kam ein Rätsel das ich auch schon lange kannte und auf welches ich auch die Antwort wusste. Aber da wir hier nicht in meiner Welt waren, war es für beide ein ziemlich schwere Aufgabe. Und zwar war es die Frage: „Was läuft am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf drei Beinen und am Abend auf zwei Beinen?“ Die Antwort darauf war natürlich „Der Mensch“. Dieser krabbelt nach der Geburt auf vier Beinen (Arme und Beine), geht wenn er dann Erwachsen, bzw. alt genug ist auf zwei Beinen und am Ende, wenn er dann schon alt ist, läuft er mit einen Geh-Stock, also auf drei Beinen.

Zur Überraschung aller, wusste keiner die Antwort darauf und so kam es zu einen Unentschieden. Niemand wusste jetzt, wie es weitergehen soll, denn es gab keinen Gewinner. Man entschied sich aber dennoch den Wesen die Freiheit zu schenken, da sie bewiesen haben, dass sie nicht nur für die Arbeit zu gebrauchen sind, sondern durchaus auch in der Lage sind, geistige Aufgaben zu bewältigen. Also doch wieder ein Happy End, so wie wir es aus allen Geschichten kennen.

Ich wurde wieder zurück in meine Welt gebracht, wo ich nun meinerseits erklären musste, wo ich die ganze Zeit war, und warum ich nicht auf Arbeit erschienen bin. Dies habe ich nun wohl mit diesen Bericht ausreichend gemacht und ich hoffe doch sehr, dass ich meine Anstellung als Lehrer behalten darf, auch wenn die Geschichte wohl nicht so Glaubwürdig ist, wie ich es mir gewünscht hätte.

Inzwischen ist mir übrigens auch eingefallen woher ich die Wesen kannte. Als kleiner Junge und als Jugendlicher habe ich sehr gerne Comics gemalt und in einen dieser Comics ging es um genau diese Wesen. Darum war es wohl auch nur Gerecht, dass ich ihnen helfen musste die Freiheit zu erlangen, da ich sie ja auch erschaffen habe.

© Sven Buchien