Short Story

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Archiv der Kategorie ‘Krimis’

Aufregende Lateinamerika Reise von Zentralamerika bis Südamerika

Von Tortuguero am 8. Juni 2012 veröffentlicht

Der Absender ist ein sehr guter Freund. Er bat mich in dem Brief um finanzielle Hilfe. Denn die Reise begann für ihn unschuldig und entwickelte sich, nach seinen Beschreibungen, zu einer Verfolgungsjagd, die anscheinend, durch mehrere Länder führte. Der Grund der Reise ist eine wissenschaftliche Arbeit gewesen. Er hatte die Gelegenheit einem gut erarbeiteten Bericht über die Vogelwelt Mittelamerikas in einem Fachmagazin für Vogelkunde veröffentlichen zu lassen. Die Chance wollte er nutzen. Bei der Suche und Buchung der Flugtickets halfen ich ihm. Fündig wurden wir bei Urlaub-Lateinamerika.de. Die sind auf Costa Rica Reisen spezialisiert. Das letzte Mal sahen wir uns auf der Abschiedsparty. Dieser Brief enthielt mehr als langweilige Tagebuchaufzeichnungen. Denn nachdem sein Notebook mit all den Aufzeichnungen und Beschreibungen gestohlen war, beschloss er den Dieb zu stellen. Ein eingebautes GPS-System war als Hilfe zum Wiederfinden, gerade für solche Fälle, eingebaut gewesen. Das Abenteuer, auf das er sich aufmachte, führte ihn von Costa Rica weg, über Nicaragua und Bolivien, nach Brasilien. Die Tat war ein Akt der Verzweiflung, die später anscheinend in Abenteuerlust endete. Mit dem Verlust der Daten wäre die ganze Arbeit der letzten Wochen verschwunden. Die Publikation und eine mögliche Neuanstellung konnte er vergessen. Der Brief beschreibt die Stationen seine Reise, die kreuz und quer verläuft. Es liest sich wie Reiseführer.

Costa Rica, das Juwel Mittelamerikas
Wegen der natürlichen Vielfalt des kleinen mittelamerikanischen Staates Costa Rica, von der die meisten größeren Länder nur träumen können, war dass der Zielort seine Recherche. Millionen von Besucher kommen jährlich ins Land und bestaunen die tropischen Regenwälder, Vulkane, Sümpfe und die schönen Strände. Costa Rica ist ein Paradies für Spaziergänger und Wanderer. Man kann auf dem Weg auf wilde Tiere, wie Affen und Jaguare, stoßen. Die örtlichen Behörden tun alles, um die Natur zu schützen.

Der Nebelwald Monteverde
Dieser wunderschöne Nebelwald ist eines der meist besuchten Attraktionen in Costa Rica. Es gibt beinahe 500 verschiedene Vogelarten zu beobachten, die die Gegend für Vogelkundler interessant macht. Vom Besucherzentrum kann man verschiedene Wanderungen, die zum Teil über spezielle Hängebrücken hoch über die Bäumen führen, unternehmen. Hier erwähnt er zum ersten Mal eine Person, die er kennengelernt hatte. Er bietet ihm seine Dienste als einheimischer Reiseleiter an. Mein Freund nahm anscheinend überrumpelt das Angebot an.

Tortuguero
Der Mann führte ihn zu diesem Stand. In diesem Nationalpark befindet sich das wichtigste Brutgebiet für vom Aussterben bedrohte Schildkrötenarten. Der Park besteht hauptsächlich aus Sümpfen und Flüssen, sodass man es am besten mit einem Boot auf Entdeckungsreise gehen sollte. Er genoss das wahrhaft schöne Land. Am vorletzten Tag seines Aufenthalts wachte er mit einem mulmigen Gefühl auf. Was auffiel war, dass er irgendwie einen starken Kater hatte, und beschrieb diesen mit hämmernden Kopfschmerzen. Sein Raum war durchwühlt worden. Zu seinem Schock bemerkte er das nur sein Laptop, mit den Aufzeichnungen und Berichten, der letzten Wochen, entwendeten worden war. Die lokale Polizei konnte ihm nicht helfen.
Verzweifelt saß er nun in einer Kneipe. Sein Versuch die Geschichte Einheimischen zu erzählen, schlug fehl, da er nur gebrochen Spanisch sprach. Ein Unbekannter gesellte sich der illustren Runde und half ihm. Mein Freund beschrieb ihn als Auswanderer, der vor langer Zeit Deutschland verlassen hatte, um nach Abenteuern zu suchen. Nachdem mein Freund seineSorgen dem Fremden erzählt hatte, bot dieser ihm seine Hilfe an. Schließlich war ein GPS-System im Laptop eingebaut, das war ein Ansatzpunkt. So bildete sich ein Team, das der Spur des Diebes folgte.

  Nicaragua, das Land der Seen und Vulkane
Ihr Weg führte sie nach Nicaragua. Dieses Land hat wegen Bürgerkriegen, der in den 80er Jahren wütete, ein negatives Image. Nur wenige wagen sich hierhin, obwohl es seit 15 Jahren ruhig ist und derzeit zu den sichersten Ländern in Mittelamerika gehört. So kann man bei Nicaragua Rundreisen die unberührte Natur genießen. Naja, man hat einige Mühe zu den schönsten Orten zu gelangen, schrieb er. Vom kolonialen Grenada aus machte er sich zum Vulkan Concepción auf. Dieser Vulkan formt mit einem anderen Vulkan eine Insel im riesigen Nicaraguasee.

Leon
Das einfache Ortungsgerät, das GPS-Systeme erfassen konnte, brachte die beiden nach Leon. Diese Bastion der kolonialen Architektur soll angeblich ein Muss für echte Liebhaber von Kultur sein. Die größte Kathedrale in Zentralamerika und viele Museen befinden sich in diesem Ort. Es weht ein Hauch von echter spanischer Atmosphäre, dass er spürte.

Mein Freund war von der technischen Fertigkeit des fremden Auswanderers erstaunt. Angeblich war er IT Experte bis zu einem Burn-out Vorfall. Er schaffte es, das Signal zu verstärken. Als Bolivien angezeigt wurde, schien die Verzweiflung größer zu werden. Beide rafften sich auf und besorgten sich Flugtickets. Geld hatte er noch. Das Ziel war Bolivien.

Bolivien, das Land der Natur und Architektur
Eine Reise nach Bolivien bietet alles was ein Abenteurer sucht. Schneebedeckte Berge, schroffe Vulkane, die größte Salzwüste der Welt und wunderschöne Dschungel. Dieses Land der Extreme hat eine Bevölkerung, die stolz auf die reiche Geschichte des Landes ist.

La Paz
Hier ist der Regierungssitz des Landes. Die Jagd sollte eine Pause einlegen, denn, das GPS-Signal war, weg. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten. Der eine amüsierte sich köstlich. Bei meinem Freund hingegen stieg der Frust. Er konnte sich alles nicht erklären. Soll er dem Fremden echt vertrauen, denn es ist nicht seine Art. Er will kontrollieren, jetzt fällt ihm auf, dass er seit Langem nicht mehr die Kontrolle hat.

Noel Kempff Mercado Nationalpark
Da ich erwähnte, dass ich Vogelkundler war, wurde mir dieser Park empfohlen. Unter Fachkundigen ist dieser von der Außenwelt isolierte Naturpark ein Paradies. Die Wasserfälle sind in die grünen Bergehänge eingebettet. Die Fülle an Fauna und Flora hat mich selbst überrascht. Verschiedene Arten von Vögeln, Affen und Raubkatzen kann man sehen. Inmitten dieses Dschungels hat man ein mulmiges Gefühl der Abgeschiedenheit. Über die Grenze setzten wir unsere Jagd nach dem Dieb fort. Wir waren in Brasilien angekommen.

Brasilien, das Land der Samba und Fußball
Samba und Fussball kannte ich aus Brasilien. Leidenschaft und das lässige Leben lernte ich kennen. Die Musik, die den Samba begleitet ist allgegenwärtig. Jeder kleine Platz wird von Fußballern besetzt, die hier ihre Künste zeigen. Der berühmte Karneval von Rio de Janeiro ist weltweit bekannt. Der Amazonas ist ein undurchdringlicher Urwald, den an Attraktivität nicht verloren hat.

Rio de Janeiro
Der extravagante Karneval zieht eine Menge Besucher und Schaulustige an. Copacabana und Ipanema sind die weltberühmten Strände der Stadt, die schon von Musikern besungen wurden. Viele Museen, Kirchen, einheimische Märkte und prächtige Parks sind hier zu bestaunen. Mit einer Seilbahn kann man sich an die Spitze des Zuckerhuts tragen lassen. Auf diesem hohen Felsen hat man einen wunderbaren Blick über die Stadt und die Bucht. Mit der Zahnradbahn gelangt man zur weltberühmten Christusstatue. Ein weiteres Wahrzeichen der dieser einmaligen Stadt. Dies war die Endstation. Das Signal war nicht mehr zu orten. Geld hatte er auch nicht mehr. Er war am Ende. Einen Brasilien Urlaub hatte er sich anders vorgestellt. Doch dieser Brief stellt einen Anfang dar.

 

Mord im Nobelrestaurant

Von Mueggi am 27. März 2012 veröffentlicht

Es war ein einfach abscheulicher Tag im winterlichen Berlin. Wieder einmal pendelten sich die Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt ein und anstelle von schönem weißem Schneefall wollte es einfach nicht aufhören wie aus Kübeln zu gießen. Max, der neue Azubi im Restaurant Phönix in der Fasenenstraße war gerade dabei die letzten Arbeiten nach einem anstrengenden Abend mit vielen Gästen abzuschließen. Er räumte das letzte Geschirr aus der Spülmaschine, machte einen letzten Rundgang durch die Küche und wollte sich gerade fertig machen, als er aus dem Büro der Chefin am anderen Ende des Flurs ein verdächtiges Rumpeln hörte. Eigentlich war er davon ausgegangen der letzte zu sein, hatte sich doch Frau Rendner schon vor 30 Minuten sich verabschiedet.

Jetzt lief es Max eiskalt den Rücken herunter. Er wusste, dass im Büro de Tresor mit den Tageseinnahmen stand, die erst am nächsten Tag zur Bank gebracht werden sollten. Einbrecher? Max liebte seinen Job, war froh diese Chance als Schulabbrecher erhalten zu haben, doch war er nicht bereit seine Gesundheit oder mehr aufs Spiel zu setzen. Was sollte er nur machen? Die Polizei rufen? Aber was wenn nur etwas umgefallen ist. Er würde sich zum Gespött seiner Mitarbeiter machen. Der kleine Max, der Angst vor einem runter gefallen Blumentopf hatte.

Er fasste also seinen ganzen Mut zusammen und ging den Flur entlang. Es war wieder ruhig geworden, das ließ seine verkrampften Glieder etwas lockerer werden. Wahrscheinlich war es doch nur ein vollkommen harmloses Geräusch, er würde in 5 Minuten die nasse Kälte der Berliner Nacht entschwinden und nie wieder einen Gedanken an diese Schrecksekunde verschwenden. Zaghaft klopfte er an die Tür. Keine Reaktion. Er lauschte an der Tür, es rauschte. ‚Hat Frau Rendner das Fenster offen gelassen?‘ fragte er sich. Er griff zur Türklinke und wunderte sich, dass die Tür sich öffnete, was war hier los. Ihm strömte kalte Luft entgegen, das Fenster war definitiv offen, also doch Einbrecher?!?

Er betrat das kleine, aber nett eingerichtete Büro. Ihm kamen die Erinnerungen an seinen ersten Besuch hier, es war gerade 4 Monate her, als er zum Vorstellungsgespräch erschien. Doch jetzt war es anders, der freundliche Eindruck der damals herrschte war verschwunden. Durch die Kälte, das ausgeschaltete Licht und den Regen draußen entstand in Max ein beklemmendes Gefühl. Er schaltete das Licht an. Alles ruhig außer dem weit offen stehenden Fenster. Was war hier los? So etwas wäre seiner Chefin nie passiert.

Ansonsten sah alles wie immer aus, abgesehen von dem großen Wasserfleck, den der Regen am Fenster hinterlassen hatte. Frau Rendner würde dies ganz sicher nicht gefallen, doch es war nur Wasser und Max war sich sicher, dass Sie am Ende froh sein würde, dass er diesen Faupax von ihr noch entdeckt hat. Nach einem Einbruch sah es auf den 2. Blick nicht aus, der Tresor in der Ecke schien unberührt und alle Schränke waren verschlossen.

Trotzdem würde er noch schnell seine Chefin anrufen, vielleicht würde sie noch einmal schnell zurück kommen und alles kontrollieren und abschließen. Er war gerade auf dem Weg um den Schreibtisch als er einen schwarzen Pump auf dem Boden liegen sah. Und da war noch was, da steckte ein Fuß in dem Schuh. Max erbleichte, sein Magen drehte sich um. Er rief ‚Frau Render? Geht es ihnen gut? Hallo‘. Er machte einen weiteren Schritt. Es war eindeutig seine Chefin, er erkannte das elegante Kostüm, welches Sie heute trug.

Und dann sah er es, ein Anblick den er sein Leben über nicht mehr aus dem Kopf bekommen würde. Aus dem rechten Auge, oder wem was es einmal war, ragte ein Messergriff, die Klinge musste komplett in den Kopf gerammt worden sein. Seine Knie wurden weich, er musste sich zusammen reißen sich nicht zu übergeben. Dieser Anblick von Frau Renders Kopf in der Blutlache, die sich gebildet hatte, war zu viel für ihn. Er rannte aus dem Büro in die Küche am anderen Ende des langen Gangs. Er kauerte sich in die hinterste Ecke und stammelte unter Schock stehend unzusammenhängende Dinge vor sich hin.

Es dauerte einige Minuten, bis er wieder zu sich kam. Er ging zum Telefon am Eingang der Küche und wählte den Notruf.

Nur wenige Minuten vorher wimmelte es in dem Nobelrestaurant nur so vor Polizei, Kripo und Spurensicherer. Jeder wollte etwas von ihm wissen, es erließ alles über sich ergehen, mehr in Trance als bei klarem Verstand.

Nach 3 Stunden durfte er gehen. Würde man herausfinden wer diese schreckliche Tat begangen hatte? Es war ihm egal, er wusste, er würde nie ins Restaurant zurück kehren, sein Leben hatte sich von einem Moment auf den anderen um 180° gedreht. Egal was nun kommen würde, er wäre nie wieder der gleiche. Mit diesen Gedanken verschwand er im Dauerregen von Berlin.

Gute Geschäfte

Von MrVienna am 3. August 2011 veröffentlicht

Die blonde Kurzhaarfrisur ließ die Frau blutjung erscheinen. Fast wie eine Schülerin. Ihre Bewegungen waren katzenartig und aus ihren grünen Augen blitzten mehrdeutige Versprechungen. Sie saugte an einem Strohhalm, schloss kurz die Augen, um den süßen Dessertcoktail zu genießen, beugte dann ihren wohlgeformten Oberkörper geschmeidig über den Tisch, und ließ ihre Finger spielerisch über den Handrücken des gegenüber sitzenden Mannes gleiten. Taktik? Jagdritual? Vielleicht aber nur kindliche Unbekümmertheit. Manche Frauen klammern sich eben bis zum Lebensende an ihre Kindheit.

Alfons käme auch nicht auf die Idee, sich als Opfer zu fühlen. Vielmehr als Eroberer. Als routinierter Verführer. Denn er wusste, wo es lang ging. Und er wusste, was im Leben zählte, was wirklich wertvoll war. Bekanntlich Geld, Luxus und Frauen. Alles andere war ziemlich sinnlos, eigentlich keinen Gedanken wert. Und jeder, der das nicht kapierte, den konnte man im besten Fall nur bedauern.

Was machst du so“, hauchte das katzenhafte Wesen jetzt, ohne den Strohalm aus ihren Mund zu entlassen. „Übrigens: Silvia“. Die letzten Worte unterstrich sie, indem sie mit ihrem Zeigefinger auf ihre üppige Oberweite einstach.

Und Alfons verstand sofort. Er dachte zwar nicht daran, sich ebenfalls vorzustellen, aber er startet augenblicklich und ohne Anlauf, wie ein Schnellläufer, seinen Bericht. Diesen Bericht musste jede Frau, über sich ergehen lassen, die es zuließ: Nämlich dass er Firmenchef sei, mit einem glänzenden Einkommen. Dass Geld in solchen Mengen auf sein Bankkonto strömt, wie es sich niemand vorstellen kann. Und alles, ohne dass er auch nur einen Finger dafür krumm machen muss. Natürlich kann er einer Frau jeden Wunsch erfüllen. Eigentlich könne sich eine Frau garnicht soviel wünschen, was er imstande wäre, ihr zu geben.

Toll“, flüsterte Silvia. Ihre Augen rundeten sich. So weit, bis ihre Pupillen das Aussehen von grün schimmernden Euromünzen annahmen. Den Dessertcoktail hatte sie inzwischen ausgetrunken, was aber der Aufmerksamkeit Alfons entging. Und dann flüsterte sie noch einmal: „Super.“

Die Dinge entwickelten sich ohne Störung, genauso wie von Alfons geplant. Man kam zu der Einsicht, dass es hier zu laut sei und man einen ruhigeren Ort aufsuchen solle, wo man sich ungestört unterhalten könne. Die Wohnung Alfons lehnte Silvia mit dem Hinweis ab, sie würde sich in ihrer Wohnung sicherer fühlen. Der Absicht Alfons tat dies keinen Abbruch und so verlor er keine Zeit, seine Eroberung aus dem Lokal zu schleusen, der am Straßenrand parkenden und kurz zuvor geleasten Luxuslimousine entgegen, die ihn nun möglichst rasch zu einem amourösen Abenteuer bringen sollte.

 

Die Tür knarrte und der Boden knarrte auch, als sie die Wohnung Silvias betraten. Das Vorzimmer war schlecht beleuchtet, was Alfons nur begrüßen konnte. Silvia ging mit schaukelndem Hinterteil voran und öffnete eine Zimmertür. Und Alfons hing inzwischen mit hungrigen Blicken an ihrem Körper, verfolgte die schlangenartige Bewegung ihres Arms zum Lichtschalter. Seine Sinne summten, als wäre eine Hochspannungsleitung durch seinen Kopf gelegt. Die Spannung vibrierte durch den Körper, endete erst in den Fingerspitzen. Das aufzuckende Licht des Zimmers warf einen trüben Schein über ihn. Es war noch dürftiger, als jenes im Vorzimmer. Umso besser. Alles nach Plan. Besser konnte es gar nicht laufen.

Alfons betrat den düsteren Raum und sogleich entglitt ihm seine schwüle Zuversicht, wie ein loses Handtuch. Die Stube war gähnend leer! Kein Stuhl, kein Tisch und was ihm am meisten ernüchterte: Auch kein Bett. Und dann knallte auch noch die Tür hinter ihm zu, als wäre eine Granate explodiert. Und als er sich umdrehte stand er zwei Muskelmännern gegenüber.

Alfons wechselte seine Gemütsverfassung wie ein Chamäleon die Farbe. Aus dem vorangegangenen Unverständnis formte sich ein glühend heißer Schreck. Seine Augen flatterten, er suchte Silvia. Sie stand beim Fenster und blickte gelangweilt durch verstaubtes Glas zu den Straßenlaternen hinunter. Als wäre außer ihr niemand im Zimmer. Ein Adrenalinausstoß jagte Alfons durch die Unterarme. Er trat zwei Schritte zurück.

Einer der beiden Gorillas wandte sich lässig Silvia zu. „Gut gemacht, Baby. Boris wird es dir danken. Du kannst jetzt abhauen.“

Silvia bewegte sich nicht. „Ich bleibe“, sagte sie dann. Der Klang ihrer Stimme erinnerte an ein scharfes Messer, „ich muss Boris berichten, ob ihr euer Geld auch wert seid.“

Der Gorilla wirkte ungläubig. „Das hat er gesagt?“

Silvia antwortete nicht und Alfons musste eine weitere Schockwelle überstehen. Boris. Ja Boris. Langsam schraubte sich wieder sein Verstand hoch und setzte Stück für Stück eine Erklärung zusammen.

 

Alfons war ursprünglich ein Lastwagenfahrer. Bis zu dem Zeitpunkt, wo er es nicht mehr mit seiner Ehre in Einklang brachte, ständig kostbare Ware zu Kunden zu bringen und nebenbei zuzusehen wie das Geld dafür jemand anderer einsackt. So eine Ungerechtigkeit hatte er nicht verdient. Deswegen beschloss er, sich selbständig zu machen und gründete eine Handelsagentur. Natürlich in einem klimatisierten holzvertäfelten Büro mit teuren Mobiliar aus Eichenholz, echtem Leder und riesigen Fenster, die einen erhabenen Ausblick über die Stadt mit seinen kleingeistigen Bürgern freigaben.

Dafür hatte er seine Ersparnisse investiert und als dann die laufenden Kosten auftauchten, da konnte er nicht anders und erzählte dem Bankdirektor von großen Aufträgen, die sich bereits im Lieferstadium befänden. Damit erreichte er einen Kredit, der ihn eine Weile über Wasser hielt. Als aber der Kreditrahmen überzogen war und immer noch keine Einnahmen eintrafen, drohte die Bank mit Exekution.

Aber da erschien – gerade rechtzeitig und auch glücklicherweise – der rettende Engel. Besser gesagt, ein Schrank von einem Mann, in einen Nadelstreifanzug gezwängt, mit offenen Hemdkragen und einer gestylten Frisur auf seinem breiten Schädel. Dazu hatte er viel Gold um seinem Hals, um seine Handgelenke und auch einzeln an seinen Fingern stecken. Dieser Typ bot Alfons ein tolles Geschäft an, wofür er nichts weiter tun braucht, als bloß den Mund zu halten. Er stellte sich dann als Boris vor und erklärte, dass für dieses Geschäft keine Verträge nötig seien. Bis jetzt hätte sich noch jeder an die Vereinbarung gehalten, zumindest jeder, der noch am Leben ist.

Alfons dämmerte, dass der letzte Satz irgendwie mit diesen beiden Gorillas in einem Zusammenhang steht. Aber damals war ihm klar: Dieses Angebot kann kein vernünftiger Mensch abschlagen. Und das Geschäft lief auch gleich in den nächsten Tagen an. Alfons bekam einen Riesenbetrag auf sein Konto gutgeschrieben. Für einen Auftrag, den er nie ausgeführt hatte. Dann bekam er eine Rechnung über eine Ware, die er ebenfalls nie erhalten hatte. Und wenn er die Rechnung mit dem vorher eingegangenen Geld beglich, so blieb noch eine hübsche Summe übrig, die für ein bequemes Leben reichte. Das ging so eine ziemliche Weile.

Alfons hatte viel Freizeit und dafür benötigt man logischerweise auch genauso viel Geld. Da gab es das elegante Spielkasino. Und viele Bars, wo man schöne Frauen kennenlernen konnte. Und um sich das alles leisten zu können, verzichtete Alfons in der letzten Zeit auf die Bezahlung der eintreffenden Rechnungen. Eigentlich nicht zu Unrecht. Er hatte ja dafür auch keine Ware erhalten. Aber nun stehen diese beiden Riesenaffen vor ihm und machen deswegen Schwierigkeiten.

 

Boris hat gesagt, du schuldest ihm hundertzwanzig tausend “, knurrte einer der beiden Gorillas und riss Alfons von seinen Überlegungen fort. „Und er hat gesagt: Bringt mir die hundertzwanzig Kilo oder bringt mir seinen Kopf“.

Alfons suchte nach einem Halt. Nachdem dafür keine Möbel zur Verfügung standen, musste er bis zur Wand zurückgehen, um sich abzustützen.

Der Gorilla knurrte erneut: “Und? Was jetzt? Kohle, oder du bist dran“.

Wenn es Alfons im Moment auch schwer fiel, einen klaren Gedanken zu fassen, so wusste er eines ganz sicher: Das Geld war weg. Es war im Spielkasino geblieben. Auch in Nobelbars. Weiters hat es sich in Geschenke an schöne Frauen umgewandelt. Er konnte diesen beiden großen Affen beim besten Willen kein Geld anbieten. Also war er dran.

Der Gorilla seufzte. Der zweite, der die ganze Zeit wie eingefroren dagestanden war, zog mit einer Mine, als litte er unter chronischer Bewegungsunlust, eine Pistole aus der Achselhöhle. Dazu ein langes, schwarzglänzendes Metallrohr, welches er sorgsam auf den Lauf der Waffe schraubte.

Alfons dachte an Flucht. Vor der Tür standen die beiden Killer. Vor dem einen Fenster stand Silvia, die immer noch so tat, als ginge sie alles nichts an. Das zweite Fenster wäre frei, aber es war verschlossen, eng und mit einem stabilen Fensterkreuz versehen. Und er befand sich im dritten Stock.

Der Killer hatte den Schallschutz jetzt festgeschraubt und richtete den Lauf der Waffe auf Alfons. Dann nahm er die Schusswaffe nocheinmal zurück und prüfte, ob der Schallschutz auch wirklich fest saß. Als nächstes zielt er blitzschnell auf den Kopf von Alfons.

Alfons schloss die Augen. ‘Schade’, dachte er, ‘schade um die schönen Frauen, um das schöne Leben und schade überhaupt um alles.’

Und dann knallte es und Alfons taumelte an der Wand entlang. Es knallte ein zweites Mal und Alfons rutschte langsam die Wand hinunter.

‘So ist es also’, kroch es durch sein Gehirn. ‘So ist es, wenn man stirbt. Man ist nicht mehr da, aber man kann noch denken. Und fühlen?’

Alfons griff um sich, spürte den weichen Teppichboden, die Tapeten an der Wand. Dann versuchte er vorsichtig seine Augen zu öffnen.

Vor ihm, auf dem Fussboden, lagen – seltsam verrenkt – die beiden Gorillas. Der eine hatte noch seine Finger um die Pistole mit dem Schalldämpfer gekrallt. Beide bewegten sich nicht. Wer war jetzt tot? Ich oder die beiden. Und dann erblickte er Silvia, die einen kleinen Revolver in der Hand hielt und ihm einen geringschätzigen Blick herüberwarf.

In Alfons Gehirn trug sich eine kleine Eruption zu. Die Eruption brachte ihm auch die Erkenntnis, dass er lebte und dieses Engelswesen ihn gerettet hat! Er sprang vom Boden auf, breitete seine Arme aus und schwankte Silvia entgegen.

Halt“, schrie sie und Alfons war, als hätte sie ihn jetzt mit einem Messer in den Bauch gestochen. „Stehen bleiben, umdrehen und Hände auf den Rücken“. Der Revolver vor seinem Gesicht ließ ihn wissen, dass sie es ernst meinte. Und außerdem blinkte aus ihrer zweiten Hand schadenfroh eine Polizeimarke.

Verdattert drehte sich Alfons um und fühlte gleich darauf den kalten Stahl von Handschellen um seine Handgelenke.

‘Was nun’, schlich sich ein Gedanke heran. ‘Getötet, gefangen. Was hat das Leben noch mit mir vor?’

Dann flog mit einem splitternden Krachen die Tür auf und Polizisten in gepanzerten Anzügen und mit Waffen im Anschlag stürmten herein. Ein grauhaariger Zivilist tauchte aus dem Hintergrund auf, untersuchte die beiden liegenden Killer und sah dann zu Silvia auf.

Schöne Bescherung. Die zwei sind mausetot. Wer soll uns jetzt sagen, wo wir Boris finden.“

Alfons hörte Silvia hinter seinem Rücken: „Was sollte ich machen? Vielleicht ruhig einem Mord zusehen? Wo seid ihr denn geblieben? Ihr habt doch alles mitgehört.“

Schon gut“, lenkte der Grauhaarige ein. „Wir hatten Probleme mit dem Funk. Ist das der Geldwäscher?“ Er blickte auf Alfons.

‘Sag nein, du falsche Schlange’, hoffte Alfons vergeblich und spürte augenblicklich an beiden Seiten kräftige Polizistenhände, die ihn resolut zur Tür zerrten. Er warf noch einen Blick zurück. Der Grauhaarige machte ein ernstes Gesicht. Silvia wirkte entspannt, sie lockerte ihre Arme, wie nach einer Turnübung.

Du hast Glück“, rief sie ihm nach. „Wo du jetzt hinkommst, bist du sicher vor Boris. Und vielleicht kriegen wir ihn, noch bevor du wieder rauskommst. Hoffe es mit uns.“

 

 

 

 

Die Stadtvilla

Von miri1990 am 18. Mai 2011 veröffentlicht

Das sonnige Wetter ohne jede Wolke und die angenehmen 25 C° luden ein den Tag im Garten zu verbringen. Dieser Einladung folgten auch Tanja und Philipp. Ihr schnuckeliges Einfamilienhaus am Rande Braunschweigs verfügte über eine Parkähnliche Gartenanlage, welche Tanja täglich pflegte. Beide verzichteten seit Jahren auf Angestellte, die Nähe der fremden Personen gefiel ihnen beiden nicht. Stattdessen bemühte Tanja sich, den Haushalt und die Gartenanlage allein in Schuss zu halten. Philipp hatte mit einem Schulfreund Braunschweigs größte Werbeagentur aufgebaut und konnte sich mittlerweile den Luxus gönnen von zuhause zu arbeiten. Alles schien perfekt und die 5 Kinder gediehen prächtig.

Wie sollte es auch anders sein, wenn etwas so perfekt ist, dann trügt der Schein oder etwas grausames passiert während der nächsten 5 Zeilen. Anderenfalls macht eine solche Geschichte wenig Sinn! Und genauso verhält es sich in diesem Fall.

Eines Morgens erwachte Philipp neben seiner langjährigen Freundin und mittlerweile Ehefrau Tanja. Die Kinder schliefen noch, es war ein angenehmer Sonntagmorgen doch Philipp fand keine Ruhe, er hatte dies ungute Gefühl. Es war wie damals, als sein guter Freund Birger eines Abends ohne jede Vorwarnung vor seiner Tür stand und den Familienhund Bennitack erschoss. (Ann jenem Tag litt Philipp schon seit den frühen Morgenstunden unter diesem schrecklichen Gefühl.) Philipp war fassungslos und schockiert. Tanja weinte und die die Kinder waren traurig. Es dauerte ein paar Tage ehe sich Birger und Philipp wieder vertrugen und Birger einen neuen Familienhund für Tanja und Philipp kaufte. Diesmal war es, wie Birger fand, ein besserer und treuerer Hund als beim letzten Mal. Er sollte Webspace heißen.

Das alles war schon 1,5 Jahre her. Mittlerweile gibt es keinen Familienhund mehr, da der Letze einen Ausflug ins Hochgebirge nicht überlebte. Wie dem auch sei, Philipp hatte dies ungute Gefühl und sollte schon bald erfahren aus welchen Grund.

Tanja konnte, wie immer, sehr gut schlafen, auch das vom stöhnen begleitete herumgewältze von Philipp veranlasste bei ihr keine Regung. So kam es, dass Philipp das gemeinsame Bett verließ und sich ins Bad begab. (Wäre dies ein Fernsehfilm würde an dieser Stelle eine schauderhafte Musik einspielen, das es sich um eine schriftliche Ausgabe handelt, bitte ich die Leser sich diese Musik selber zu denken…) Im Waschbecken lag ein halb aufgegessenes Brot. Wem mochte das gehören? Die Kinder hatten im Westflügel des Hauses doch jedes sein eigenes Bad und Angestellte gab es nicht. Sollte es etwa möglich sein und in diesem Haus gab es Geister? Philipp stockte das Blut in den Adern. Es handelte sich um ein Marmeladenbrot und das konnte nur eins bedeuten. Es gehörte Tanja. Sie war die einzige in der Familie, die Zucker aß. Entgegen aller Verbote von Philipp tat sie dies heimlich. Zu gut wusste sie, dass es ihrer schlanken Figur schadete und schon 3 Kilo eine Scheidung verursachen konnten. Dennoch schaffte sie es nicht, sich von diesem Laster zu trennen.

Was wird nun passieren? Wird Philipp sich vergessen und Tanja bestrafen? Lassen die beiden sich nun scheiden? Und welche Rolle übernimmt Birger weiterhin?

Tanja hatte großes Glück, Philipp nahm noch einmal all seine Kraft zusammen und unterdrückte die Wut, die sich in ihn breit gemacht hatte. Er spülte das zuckerige Brot die Toilette hinunter und tat, als wäre nichts gewesen. Nur dieses eine Mal wollte er noch stark sein, nur dies eine Mal. Aber er schwor bei allem was ihm heilig war, noch ein solcher Vorfall und die Konsequenzen für Tanja wären schwer. So konnte und wollte er nicht weiter leben, die Sucht nach Zucker musste ein Ende haben. Endgültig! Er fragte Birger um Rat und beide fanden schnell eine gute Lösung. Sollte Tanja noch einmal heimlich ein Brot mit Marmelade essen würde sie zur Strafe wieder arbeiten gehen müssen. Tanja war, was die normale Arbeit betraf, äußerst faul muss man wissen. Die Strafe sollte jedoch hart sein und so kam es, dass der Plan geschmiedet und abgemacht wurde. Um Tanja bei ihren heimlichen Fressattacken erwischen zu können versprach Birger aufmerksam zu sein und sie, wann immer er konnte, zu beschatten.

Birger und Philipp waren glücklich, was weiterhin geschehen wird, bleibt vorerst abzuwarten.

Ein krimineller Fall

Von andreas am 9. Mai 2011 veröffentlicht

Wütend schlug Alexander die Tageszeitung zu, warf sie in eine Ecke seiner Zelle. Immer wieder hatte er den Artikel gelesen, jedes Mal brummte er vor sich hin: “Sie haben es nicht begriffen, einfach nicht verstanden! Hier ist doch alles falsch dargestellt!”
Berichtet wurde von Alexanders Fall, dem Unglück, das über ihn hereinbrach.
Ein anderer Häftling, ein sympathischer junger Mann, hatte ihm während des Essens die Zeitung zugeschoben. Alexander hätte sie auch kaufen können, doch fehlte ihm das Geld.
Noch einmal nahm er das Blatt in die Hand, immer noch ungläubig auf die Worte schauend:

Entführung und Kidnapping in K.
In der Kleinstadt K, im Süden des Landes gelegen, wurde gestern Nachmittag eine Straßenbahn entführt. Aussagen der Polizei zufolge wollte der offenbar geistig verwirrte Fahrer der Bahn gegen sein zu niedriges Gehalt protestieren.
Eine Stunde lang wurden einige der Passagiere im Inneren des Fahrzeuges festgehalten, bevor er aufgab und sich der Polizei stellte.
Er wurde in Gewahrsam genommen.

Lange hatte Alexander gebraucht, bis man ihm das Gewünschte zur Verfügung stellte. Es war nicht einfach, den Wärtern glaubhaft zu machen, dass er sich mit den geforderten Utensilien nicht ins Jenseits befördern will.
Lange betrachtete er die vor ihm liegenden Dinge: Papier im DIN-A4 Format – weiß, ohne Linien oder Kästchen und ein Bleistift.
Jetzt würde er seine Geschichte zu Papier bringen, diesen nichts sagenden Zeitungsartikel richtig stellen.

*

Es war Freitag, der dreizehnte Mai. Eigentlich bin ich überhaupt nicht abergläubig, an diesem Tag jedoch schien alles schief zu gehen.
Bevor ich zur Bahn ging, um dort meiner Arbeit nachzugehen, musste ich in unser Büro, um dort meinen Gehaltsnachweis abzuholen.
Katja, die hübsche Sekretärin, gab mir den Zettel und ich versuchte wieder einmal mit ihr zu flirten. Aber sie blieb hart. Dabei wusste ich, dass sie derzeit ungebunden ist. Da wir beide noch keine dreißig Jahre Lenze zählen, hatte ich immer wieder die Hoffnung, sie irgendwann für mich zu begeistern.

Ich übernahm die Linie drei. Es war vierzehn Uhr, als ich startete. Die erste Fahrt an diesem Tag führte mich hinaus zu dem großen Werk am Rande der Stadt. Drei Minuten hatte ich hier Zeit. Während die Arbeiter die Sitzplätze hinter mir füllten, öffnete ich meine Gehaltsabrechnung.
Es wird sicherlich niemanden gefallen, was man da jeden Monat zu lesen bekommt. Aber es gibt bestimmt viele Leute, denen es in diesem Falle so geht wie mir: Fast zwei Jahre lang war ich arbeitslos. Dann entschloss ich mich, nun doch diesen Job anzunehmen, obwohl ich davon nicht leben kann. So muss ich monatlich extra den Staat anpumpen. Das ärgert mich jedes Mal wieder, vor allem, weil ich weiß, die Arbeiter aus dem Werk da drüben arbeiten genauso lange wie ich und bekommen bestimmt das doppelte Gehalt dafür.
Es piepte am Armaturenbrett, ich musste losfahren.
Schnell ratterte ich neben einer Fernverkehrsstraße dahin, in Richtung Innenstadt.
Die Lautsprecher in der Bahn pfiffen die Melodien ortsansässigen Radiosenders. Schließlich lebt das Unternehmen zu einem großen Teil von der Werbung.

*

Irgendetwas kratzte und schepperte an der Zellentür. Es dauerte eine Weile, bis Alexander begriff, es war ein Schlüssel.
Ein unbekannter Mann trat ein. Er trug einen teuren Anzug, makellos sauber und auf Hochglanz polierte Schuhe. Er war groß, blond und blauäugig.
Alexander sah die Erscheinung erstaunt an, konnte ihn aber von diesem Moment an schon nicht leiden.
“Hallo. Mein Name ist Thomas Klug. Ich bin Ihr Pflichtverteidiger.”
Mit diesen Worten hielt ihm der Schnösel die rechte Hand unter die Nase. Alexander griff zögernd zu, überlegte, ob sein Gegenüber tatsächlich noch jünger war als er. Wenn ja, war er wohl frisch von der Universität gekommen.
Wieder musste Alexander seine Geschichte erzählen. Der Anwalt hörte zu, das Notizbuch offen, ein teurer Füllfederhalter in seiner Hand. Er schrieb allerdings keinen einzigen Buchstaben nieder.
Als der Bericht endete, meinte Klug lapidar: “Es ist und bleibt eine Entführung. Nur die Geiselnahme könnten wir mildern, wenn es stimmt, was Sie da sagen.”
“Soll das heißen, Sie glauben mir nicht? Was sind Sie für ein Anwalt!”
Achselzuckend verließ der Herr Alexanders Reich.

*

Plötzlich, in der Nähe des Umsteigeplatzes, alle Bahnen der Stadt treffen sich hier, dröhnten die neuesten Nachrichten aus den Lautsprecherboxen. Ich wurde hellhörig.

… über eine Einführung von Mindestgehältern ist man sich in der Landesspitze noch nicht einig. Während die Befürworter die Menschen vor einer sozialen Armut schützen wollen – es gibt immer mehr Menschen, die trotz Arbeit auf staatliche Hilfe angewiesen sind – befürchten ihre Gegner den Verlust von Arbeitsplätzen und somit eine steigende Arbeitslosenzahl …”

In diesem Moment ging mir vieles durch den Kopf.
So kam ich zu dem Entschluss, es musste ein Zeichen gesetzt werden.

*

Einer der Aufseher trat ein. Er brachte einen Müllsack mit, lief in die Ecke zwischen Bett und Tisch, entleerte den Papierkorb. Dann blieb er stehen, sah Alexander prüfend an.
“Was ist?”, fragte der Häftling.
“Nichts”, entgegnete der Uniformierte zögerlich. Es war, als wollte er etwas sagen, hatte nur nicht den Mut dazu, oder wusste nicht, wo er anfangen sollte. Nach dem kurzen inneren Kampf fragte er Alexander: “Wo wolltest du mit der entführten Straßenbahn eigentlich hin? Ich meine, irgendwo ist die Fahrt im Stadtgebiet zu Ende, dann kommt eine Schleife und es geht zurück.”
Alexander sah den Wärter an, antwortete lakonisch: “Eben!”

*

Irgendwie sah ich von diesem Moment an rot. Das ist doch eine Frechheit! Wissen die Verantwortlichen nicht, dass Mindestlöhne in diesem Land genauso notwendig geworden sind, wie in anderen Staaten auch?
Ich fuhr einfach an den nächsten Haltestellen vorbei, die Passagiere hinter mir protestierten.
Irgendwann klopften sie gegen die Tür zur Fahrerkabine, schimpften und keiften. Es nutzte nichts, ich fuhr stur weiter. Die Zentrale hatte sich per Funk gemeldet, ich antwortete nicht.
An einer der großen Kreuzungen bog ich zu allem Überfluss auch noch in eine falsche Richtung ab. Mittlerweile meldete sich die Polizei über das Funkgerät, ich gab keinen Laut von mir.
Plötzlich, ich ahnte nicht, was kommen würde, schien es, als würde die Straßenbahn immer langsamer rollen. Es war wie ein Traum, wie wenn alles schwerer laufen würde. Erst dann sah ich es: Mein Blick blieb an der Spannungsanzeige hängen; der Strom war abgestellt worden, die Bahn zum Stillstand verdammt.

Immer wieder wurde ich durch die Fahrgäste angesprochen – durch die geschlossene Tür. Es dauerte eine Weile, bis ich mich aufraffte, den Weg zum Fahrgastraum öffnete.
Ich musste nun Rede und Antwort stehen, hatte mit dem Nothebel eine der Türen nach draußen geöffnet, einige der Leute stiegen aus, sie wollten damit nichts zu tun haben.
Plötzlich fuhren Polizeiautos auf. Sie umstellten die Bahn sternförmig, als hätten sie Angst, ich würde ihnen trotz des abgeschalteten Stroms davonfahren.
Es war wie im Kino: Polizisten, die sich hinter ihren Autos verschanzten, im Hintergrund der Rettungsdienst und die Presse. Was war hier los? Die Fahrgäste, die noch nicht gegangen waren, hatten nun Angst, das Fahrzeug zu verlassen.
Es war eine festgefahrene Situation, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein Handy flog herein, landete vor meinen Füßen, als hätten die Polizisten gewusst, mit wem sie sprechen wollten. Fast im selben Moment ließ das Ding eine Filmmelodie hören: `Spiel mir das Lied vom Tod´. Scheinbar gab es unter den Uniformierten einen Witzbold.
Ich schaltete es ein, hielt es ans Ohr.
Mich begrüßte ein Kommissar Ehrlicher. Ich sah aus einem der Fenster. Ganz hinten, hinter den Polizisten, die plötzlich alle Arten von Waffen in den Händen hielten, sah ich ihn. Er winkte.
Das sei, meinte er, damit ich weiß, wer er sei.
Er forderte mich auf, endlich diese Entführung aufzugeben. Ich solle mir doch seine Kollegen rund um die Straßenbahn betrachten, ich hätte sowieso keine Chance davon zu kommen. Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Entführung? Noch bevor ich dazu etwas sagen konnte, sprach er schon weiter. Ich solle ihm mitteilen, wie viele Geiseln ich gefangen genommen hätte.
Ich sah die Reporter in seiner Nähe irgendetwas auf ihre Blöcke kritzeln.
Wie sollte ich das denn richtig stellen? Entführung? Geiselnahme? Ich dachte, ich hörte nicht recht.
Ich erzählte ihm, dass sich die Fahrgäste nicht aus der Bahn trauen würden, bei dem Polizeiaufgebot. Woher sollten die Leute wissen, ob nicht doch geschossen werden wird? Die Antwort lautete: Lass die Geiseln frei!
Es war sinnlos, Kommissar Ehrlicher hörte mir einfach nicht zu. Er erklärte, das Verbrechen stehe unter dem Verdacht, ein terroristischer Anschlag zu sein. Ich solle dies endlich zugeben und den Namen der Vereinigung, zu der ich offensichtlich gehöre, kundtun. Ich erzählte die ganze Geschichte, der Kommissar schien beleidigt.
Kein Anschlag! Trotzdem, Entführung und Geiselnahme sei es und die nächsten dreißig Jahre werde ich keine Sonne mehr sehen.
War der Mann fanatisch? Welchen Ausweg gab es? Die Situation musste entschärft werden, schoss es mir durch den Kopf. Aber wie?
Wie sehen meine Forderungen aus? Will ich Geld, einen Hubschrauber oder etwas anderes? Der Beamte war eindeutig verrückt!
Ich gab ihm keine Antwort, sagte nur, ich gebe auf. Was sollte ich anderes tun?
“Was, jetzt schon?”, fragte Ehrlicher enttäuscht.

Nun sitze ich hier in einer Gefängniszelle und habe mein Abenteuer niedergeschrieben. Ob es jemals gelesen wird, kann ich nicht sagen. Es wurde mir gesagt, heute soll meine Verhandlung stattfinden. Anwalt Klug, er vertritt mich im Gerichtssaal, hatte mich nicht noch einmal besucht. Wie kann er, ohne zu glauben, ohne sich zu informieren, in so einem Prozess auftreten?
Vielleicht wird später in der Zeitung stehen, was nun mit mir geschieht.

*

Die Zellentür klapperte, ein Wärter trat ein. “Es geht los. Ich soll dich zur Verhandlung bringen”.
Alexander suchte seine beschriebenen Zettel zusammen, legte sie ordentlich auf einen Stapel, klemmte sie sich dann unter die Arme. So verließ er den kleinen Raum, in dem er eingesperrt war.
Die schwere Tür schloss sich hinter ihm, nichts erinnerte mehr an ihn in diesem Kerker.

*

Prozess um Entführung und Geiselnahme in K.
Gestern Abend erging nach einem fast fünfstündigen Prozess das Urteil über A. (Name von der Redaktion gekürzt).
Wie wir in einer unserer letzten Ausgaben berichteten, wurde in K. eine Straßenbahn entführt. Der Fahrer wollte damit gegen sein zu niedriges Gehalt protestieren. Die Fahrgäste hielt er über eine Stunde gewaltsam fest.
Die Gerichtsverandlung zu diesem Fall brachte keine neuen Erkenntnisse. A. schwieg zu den Vorwürfen, verwies allerdings auf eine schriftliche Zusammenfassung der Ereignisse.
Es wurde auf Geiselnahme und Entführung plädiert. Das Urteil lautete acht Jahre Freiheitsentzug.

Weitere Kurzgeschichten und Informationen zum Autor finden Sie unter http://andreasschneider.jimdo.com/

Paul segelt gen Himmel

Von Hobby-Autor am 29. April 2011 veröffentlicht

Paul lebte in Hannover in einer bescheidenen Wohnung direkt am Hauptbahnhof. Er hatte wenige bis keine Freunde und war seit ca. drei Jahren ohne Job. Seine Familie hatte ihn schon früher verlassen. Er sah weder seine Frau noch seine beiden Töchter je wieder.

Alles in allem hatte Paul ein ziemlich verkorkstes Leben ohne jegliche Perspektive, die Besserung versprechen könnte. Hinzu kam, dass er dem Alkohol – und gerade dem Wein – nicht abgeneigt war, was sich auch in seiner stattlichen Figur widerspiegelte. Er wog mittlerweile etwa 130 Kg. Trotz aller Widrigkeiten und der scheinbar unüberwindbaren Perspektivlosigkeit dachte Paul keineswegs ans Aufgeben, denn er hatte sich eine Sache, ein Hobby bewahrt, das ihn stets über Wasser halten würde – sein kleines Segelboot, welches am Maschsee direkt in Hannover ankerte. Dort konnte er sich zurückziehen, ungestört einen Wein trinken und vor sich hin treiben. Und da es das letzte war, was ihm blieb, war er nahezu täglich auf dem Wasser. Auch wenn er sonst nichts hatte, seine Segelausrüstung und -bekleidung war stets einwandfrei. So trug er an Deck immer Segelschuhe und bestes Ölzeug zum Schutz vor plötzlich eintretenden Gewittern und Unwettern.

Wenn Paul auf seinem Boot war, war alles perfekt. Anders erging es ihm im übrigen Leben. Es gab eine Miete zu zahlen, Lebensmittel zu kaufen und verschiedene Behördengänge zu erledigen. Bei seinem letzten Besuch bei seiner Sachbearbeiterin im Jobcenter erfasste das, was Frau Schmidt ihm zu sagen hatte, Paul mit einem Schlag. Er müsse sein Segelboot verkaufen, sonst würden sämtliche Zahlungen an ihn Ende des Monats eingestellt. Er nahm diese Information an diesem 25. Juli wortlos zur Kenntnis. Einen Tag später trieb ein Segelboot auf dem Maschsee umher. Die Polizei fand Paul leblos an Deck. Er war bei seinem letzten Segeltörn gestürzt und war mit der Schläfe gegen die Reling geschlagen. Die Polizei befand, dass er sofort tot gewesen sein muss. Außerdem fiel den Ermittlern auf, dass er keine speziellen Segelschuhe, sondern nur gewöhnliche Schlappen trug. Frau Schmidt hörte nie wieder von Paul. Das einzige, was sie Wochen später erreichte, war ein Totenschein, ausgestellt auf den 25.07.2000.

Der Weinkeller

Von Hobby-Autor am 22. Februar 2011 veröffentlicht

Es war ein herrlicher Spätsommertag im August 1967. Mark Deréz war seit über 10 Jahren glücklich mit seiner Frau Marie, dessen Namen er angenommen hatte, verheiratet. Sie hatten zwei kleine Kinder – Emma und Louis – die noch zu jung für die Schule waren und daher stets im herrschaftlichen Landsitz, den Marie von Ihrem Großvater geerbt hatte, herumspielten. Alles schien, nein, alles war perfekt. Mark ging einer ordentlichen Tätigkeit als Weinhändler nach und Marie brauchte ohnehin nicht zu arbeiten, um ihren gewohnt hohen Lebensstil aufrecht erhalten zu können. Sie hatte eine große Familie und in dieser schon mehrfach geerbt.

Doch eines Tages verschwand Marie spurlos. Sie wurde als vermisst gemeldet. Doch wo man auch suchte, welcher Spur man auch nach ging, sie wurde nicht mehr gefunden. Mark war nun also allein. Allein mit seinen beiden Kindern, die alles nicht so recht begreifen wollten. Allein in seinem ohnehin viel zu großen Haus, in dem er sich schon vor Jahren einen privaten Weinkeller eingerichtet hatte. Er war allein, aber keineswegs rat- oder mittellos.
Wenige Jahre nach dem Verschwinden von Marie heiratete er erneut eine Französin – Julie war ihr Name. Sie war ein ebenso großer Weinliebhaber wie Mark und gemeinsam bauten sie ihren Weinkeller weiter und weiter aus. Lagerten die feinsten Weiß- und Rotweine dort unten. Das Lagern und Aufbewahren der edelsten und teuersten Weine der Erde wurde zur Leidenschaft der beiden. Fast schon krankhaft waren sie dabei, ihren Bestand zu erweitern. Schnell wurde der Weinkeller, den Mark errichtet hatte, zu klein und sie beschlossen mehrere Wände einzureißen, um mehr Platz für ihre Fässer und Flaschen zu haben. Sie begannen also mit dem Abtragen der Wände. Doch als das Kindermädchen an diesem Tag die Kinder nach Hause brachte, fand sie weder Mark noch Julie. Nach kurzer Suche stand sie vor dem völlig zerstörten Teil des Hauses, unter dem der Weinkeller lag. Die beiden hatten eine tragende Wand entfernt woraufhin die Stockwerke über ihnen zusammenbrachen und sie begruben.

Rotwein

Grand Cru Rotwein Stilleben fiktiv © Wilm Ihlenfeld

Eine Tragödie! Doch als man die Trümmerteile langsam abtrug, um die Leichen der beiden zu bergen, wurde die Geschichte um die Familie Deréz noch bizarrer. Gefunden wurden nämlich nicht nur zwei Leichen, sondern drei. Eine der weiblichen Leichen war jedoch schon bis zur Unkenntlichkeit verwehst. Später stellte sich heraus, dass es sich um Marie, Marks erste Frau und die Besitzerin des Anwesens handelte. Sie hatte noch lange vor ihrem Mann einen Weinkeller angelegt. Jedoch befand sich dieser, wie die Ermittlungen zeigten, noch ein Stockwerk weiter unten als der ihres Mannes. Ob er sie dort überrascht und umgebracht hat, oder wie sie sonst ums Leben kam, wurde nie geklärt.

So etwas Aufregendes

Von Halogenlicht am 16. Juni 2010 veröffentlicht

Gemütlich saß er daheim und las seine Zeitung. Es war ein kalter Sommerabend, ungewöhnlich für Juli. Aber naja, das Wetter lässt sich eben nicht regulieren. Es war für ihn kein Problem. Er hatte sich mit seiner Situation abgefunden und machte das Beste aus dem trüben Wetter. Beim Umblättern raschelte der Wirtschaftsteil laut, aber nach einem kurzen Kampf mit dem Papier war auch das geschafft. Übung macht eben den Meister.

Es wurde langsam dämmrig und er fing an zu überlegen, ob der anstrengende Gang zum Lichtschalter schon nötig war. Nein… zehn Minuten würde er noch durchhalten. Danach könnte er sich immer noch aufrappeln. Und es gab auch immer noch ein Fünkchen Hoffnung, dass seine Frau schon vorher das Zimmer beträte und sich erbarmte. Also würde er die Entscheidung des Lichts auf später verschieben. Und der Artikel über den neuen Wirtschaftsminister war auch wirklich spannend, den musste er wirklich erst zu Ende lesen.

Völlig vertieft in seinen Artikel bemerkte er gar nicht, dass sein Gehstock – den er äußerst prekär an seinen Ohrensessel gelehnt hatte – langsam in Richtung Boden glitt. Als er gerade die letzten paar Zeilen seines 4-seitigen Artikels las, krachte es plötzlich laut. Erschrocken fuhr er herum und starrte mit großen Augen in den Flur. Ihm war, als wäre es aus dieser Richtung gekommen. Ein Einbrecher etwa? Er hatte erst vorgestern von der alten Frau Hopfner nebenan gehört, dass in den letzten Wochen schon 4 Einbrüche in der Gegend passiert waren. Was sollte er tun? Mit dem Rücken zum Flur sitzend konnte wirklich jeder hinter ihm vorbei geschlichen sein. Oh Gott!

Schwer atmend klammerte er sich mit den Händen in den Stuhllehnen fest. Er merkte, dass er Gefahr lief zu hyperventilieren. Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren. Damit war Niemandem geholfen. Er musste sich zusammenreißen. Er war schließlich kein verängstigtes Kind, sondern hatte 74 Jahre Lebenserfahrung. Frau Hopfner war sowieso eine alte Tratschtante, ihr konnte man eigentlich gar nicht glauben. Und er reagierte beim kleinsten Geräusch wie ein aufgescheuchtes Huhn! Vielleicht war es seine Frau, der in der Küche beim Abspülen ein Topf oder eine Pfanne aus der Hand geglitten war. Ja, so musste es sein. Leise kicherte er in sich hinein, zum Glück hatte ihn in seinem Moment der Panik niemand gesehen. Wie überaus peinlich!

Mit einem leisen Schnaufen wandte er sich wieder seinem Artikel zu, um ihn zu beenden, als er feststellte, dass er wohl so vertieft gewesen war, dass er die zunehmende Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Er fragte sich, wie er noch Minuten zuvor problemlos lesen konnte, wo er doch jetzt das Gefühl hatte rein gar nichts mehr zu sehen. Er seufzte tief: er würde wohl doch aufstehen müssen. Zum zigten Mal in den letzten 15 Jahren verfluchte er die Tatsache, dass seine Frau nichts von Lese- oder Stehlampen hielt, die auf Tischen oder dem Boden neben Sofa und Sesseln stehen können. Sie fand, dass ein helles Deckenlicht einen Raum gleichmäßiger erhellt. Der Weg zum Lichtschalter würde ihm also nicht erspart bleiben.

Routiniert griff er nach seinem Stock…ins Leere. Überrascht blickte er neben sich und stellte fest, dass es der Stock war, der ihn vor wenigen Minuten mit viel Lärm aus seiner Lektüre hoch geschreckt hatte. Das Mistding war doch tatsächlich auf den Boden gefallen. Mühsam bückte er sich und angelte seine Gehhilfe wieder hervor. Beim Aufstehen knackten seine Knochen bedenklich – das war vor 20 Jahren auch noch kein Problem. In seinem Alter musste man sich eben damit abfinden, dass man steif und langsam war. Immerhin, dachte er sich, der Lichtschalter ist nicht weit entfernt. Das würde selbst er schnell schaffen. Mit schlurfenden Schritten ging er zur Tür und schaltete das Licht ein.

Er wollte sich gerade wieder seinem Sessel zuwenden, als er aus dem Augenwinkel etwas Ungewöhnliches sah. Er kannte sein Haus wie seine Westentasche, seit 20 Jahren wohnte er nun schon hier und in all dieser Zeit war die Kellertür nie offen gestanden. Wirklich nie! Was war los? War seine Frau die Kellertreppe hinunter gestürzt? In ihrem Alter konnte so etwas schon mal passieren. Er merkte wie sein Herz immer schneller klopfte. Nein, das durfte nicht sein. Wenn sie nun mit gebrochenem Genick am Fuß der Treppe lag? Nein nein nein, er konnte gar nicht daran denken. Völlig aufgelöst und mit sich überschlagender Stimme rief er laut den Namen seiner Frau. Keine Reaktion! So schnell er konnte eilte er den Flur hinunter in Richtung Treppe und knipste mit zitternden Fingern das Licht an. Nichts. Am Fuß der Treppe sah alles aus wie immer. Erleichtert atmete er einmal tief durch, schaltete das Licht wieder aus und schloss die Kellertür.

Und trotzdem. Irgendetwas war komisch. Warum war die Türe dann offen gewesen? Und warum hatte seine Frau nicht auf sein Rufen geantwortet, wenn sie doch nicht tot am Fuß der Treppe lag? Und langsam beschlich ihn das ungute Gefühl, dass der Krach vorhin doch nicht nur sein Stock gewesen war. Das Haus fühlte sich komisch an. So sehr er es auch zu unterdrücken versuchte, die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Aber er würde nicht wie ein verkalkter Greis die Polizei rufen, wenn überhaupt nichts vorgefallen war. Er war immer stolz darauf gewesen, dass er auch in Krisensituationen noch gut denken konnte. Zuerst musste er sicherstellen, dass wirklich etwas nicht stimmte. Sollte er entdecken, dass wirklich etwas gestohlen worden war, dann könnte er immer noch die Polizei rufen. Der mögliche Dieb war nach seinen hysterischen Schreien vorhin bestimmt sowieso schon über alle Berge.

Von seiner innerlichen Aufmunterungsrede etwas ermutigt, war sein erstes Ziel natürlich die Küche. Wichtiger als alles, was ein Dieb stehlen konnte, war schließlich seine Gattin. Vorsichtig drückte er also die Schwingtür nach innen und lugte ums Eck. Was er dort sah verschlug ihm den Atem. Er bekam das Gefühl nicht mehr alleine stehen zu können und stützte sich schwer gegen die Tür. Die schwang natürlich weiter auf und er fiel schwer zu Boden. Inzwischen zitterte er am ganzen Körper. Er bemerkte gar nicht, dass sein Gesicht schon Tränen überströmt war. Seine über alles geliebte Frau lag reglos am Boden. Sie sah aus wie Dornröschen, friedlich schlafend. Nur leider schlief sie für immer. Und die größer werdende Blutlache unter ihrem Kopf zerstörte das Bild komplett. Dies war kein Märchen, es war sein schlimmster Albtraum! Tot, sie war tot! Er konnte es gar nicht fassen. Was war passiert? So schnell er konnte kroch er in ihre Richtung. Dass er dabei völlig mit ihrem Blut beschmiert wurde, merkte er gar nicht. Und je näher er der klaffenden Wunde an ihrer Schläfe kam, desto deutlicher wurde es, dass dies kein Unfall gewesen war. Mord! Er konnte es nicht fassen.

Verspätet wurde ihm klar, dass der Mörder vielleicht noch im Haus war. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinunter. Minutenlang war er neben seiner leblosen Frau auf dem Boden gesessen. Dabei hätte er doch sofort die Polizei rufen sollen und wenigstens sein eigenes Leben noch retten müssen. Hektisch rappelte er sich auf und fiel bei dem Versuch beinahe wieder zu Boden. Er musste hier raus! So schnell wie möglich! Weg hier!

Am frühen Abend hörte Frau Hopfner seltsame Geräusche aus der benachbarten Doppelhaushälfte. Was war denn bei Messners los? Sofort dachte sie an einen Einbruch, schließlich war das in letzter Zeit in dieser Gegend schon häufig passiert. Sie alarmierte die Polizei und zur Sicherheit auch noch all ihre Freundinnen. So etwas Aufregendes war ihr schon lange nicht mehr passiert. Sie ärgerte sich natürlich auch sehr, als die Polizei ihr Stunden später keinen Zutritt zum Haus gewähren wollte. Warum denn nur? Sie war schließlich eine Zeugin. Aber als sie sah, dass zwei Leichenwägen in die Einfahrt einbogen, da wurde sie blass. So viel Aufregung hatte sie nicht gewollt!

Verdächtige und andere Katastrophen

Von ... am 21. November 2009 veröffentlicht

Exposee: „Verdächtige und andere Katastrophen“
von Susanne Ulrike Maria Albrecht

Der ehrgeizige Hauptkommissar Gregor Brandolf, genannt Kommissar „Eifer“ und sein stressgeschädigter Assistent Paul Maurus tappen im Dunkeln.
Ihr neuester Fall, der Mord an der Klavierlehrerin Rosamunde Stichnote lässt sie auf der Stelle treten. Zuerst ist Kommissar „Eifer“ nur mit einem Hauptverdächtigen konfrontiert, den er in Windeseile der Tat überführen will. Aber es tauchen immer mehr obskure Gestalten auf, die alle mehr als nur ein Motiv für den Mord haben.
Während der laufenden Ermittlungen geraten die beiden immer tiefer in die Spirale des Wahnsinns. Kommissar „Eifer“ steht kurz davor, den Verstand zu verlieren. Daraufhin muss sein neurotischer Gehilfe die Sache selber in die Hand nehmen …

Leseprobe:
„Ich kann nicht gestehen, was ich nicht getan habe!“ Jürgen Stein war verärgert. Er blickte abwertend zu seinem Scharfrichter, der so hässlich war, dass sich abermals sein sensibler Magen regte. Dieses Ekel konnte sich glücklich schätzen, dass er nichts Essbares mehr zu sich genommen hatte. Dann betrachtete er eingehend dessen Helfershelfer, der offenbar genauso irre war wie er selber. Keiner hätte das besser beurteilen können. Nicht umsonst sagte man: Nur ein Irrer erkennt einen Irren. Und der hier schien ihm sogar um einige Ticks voraus zu sein.
„Sehen Sie mal, was ich hier habe! Diese anonymen Drohbriefe habe ich heute bei Ihnen sichergestellt!“ Kommissar „Eifer“ öffnete siegessicher die grüne Mappe und breitete die Briefe auf seinem Schreibtisch aus.
„Was?! Sie waren in meiner Wohnung?“
„Wenn Sie das Dreckloch, in dem Sie hausen, als Wohnung bezeichnen wollen, ja! Übrigens, hier ist der Durchsuchungsbeschluss. Alles ganz legal!“ Er schob ihm das Schriftstück hin. „Außerdem sollten Sie mir dankbar sein, dass ich Ihren Saustall sozusagen einmal gründlich ausgemistet habe. Wo Sie doch  bald in Untersuchungshaft sitzen werden!“ Kommissar „Eifer“ warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
„Sie scheinen sich Ihrer Sache sehr sicher zu sein, Herr Hauptkommissar.“
„Oh, ja! Das bin ich in der Tat. Worauf Sie sich verlassen können. Wie heißt es doch gleich?“ Er wandte sich an seinen Assistenten und schnipste auffordernd mit den Fingern. „Wie heißt es doch so schön, Maurus?“
Der fühlte sich überrumpelt und wusste nichts weiter als „Chef?“ zu erwidern.
„Nun mal raus mit unseren Wahlsprüchen, Maurus!“
Paul konterte zögernd: „Ohne Fleiß kein Preis, Chef?!“
„Bingo, Maurus! Tun Sie sich keinen Zwang an, weiter im Text!“ beharrlich schnalzte er mit den Fingern.
„Chef, Sie meinen bestimmt: Nichts ist wie es scheint. Vertraue niemandem!“
„Unbestreitbar, unsere oberste Prämisse, um die tägliche Arbeit hier bewältigen zu können! Jeder ist eine denkbar kriminelle Kreatur, und in jedem Keller stößt man irgendwann auf eine Leiche …“
„Ich habe keinen Keller!“ entgegnete Jürgen Stein beherzt.
„Gutes Argument, aber leider wenig überzeugend!“ Kommissar „Eifer“ wandte sich an seinen Gehilfen. „Sehen Sie mal, Maurus, wir haben es hier mit einem Komiker zu tun. Und er ist beinahe so witzig wie Sie …“

Rasch fiel ihm Paul ins Wort. „Da wir gerade beim Thema sind, fällt mir ein: Neugier bringt die Katze um, Chef!“
„Volltreffer, Maurus!“ hochmütig wiederholte er das Sprichwort. „Neugier bringt die Katze um, … hält aber den Kriminalisten am Leben! Wie Sie sehen, Herr Stein, habe sogar ich einen gewissen Sinn für Humor. Widmen wir uns also wieder den ernsten Dingen. Dieses halbe Dutzend Drohbriefe wurde mittels Zeitungsbuchstaben erstellt, wie unschwer zu erkennen ist. Genau wie die Botschaft, die wir neben dem Mordopfer gefunden haben. Allerdings sind diese Schreiben hier weniger poetischen Tenors.“

Autorin:

Susanne Ulrike Maria Albrecht

Susanne Ulrike Maria Albrecht
geboren im November 1967 in Zweibrücken, absolvierte eine Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing und eine private Schauspielausbildung. Von ihr erschien bereits der Band „Umkehr ausgeschlossen“ sowie einige weitere Werke in Anthologien und Literaturzeitschriften.
Veröffentlichungen in der Literaturzeitschrift „Veilchen“, „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“, „Holunderground“, „Glarean Magazin – Das Online-Kultur-Magazin“, „LYRIKwelt“, „untergrund-blättle“ …

Auswahl von Veröffentlichungen in Printmedien:

„Die Werbelüge“ in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 4/2005

„Umkehr ausgeschlossen“ Rezension in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 11.Ausgabe/Oktober 2005

„Eine fixe Idee“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 12.Ausgabe/Januar 2006

„Frühlingserwachen“ und „Sonnenaufgang“ als Wettbewerbsbeiträge für Kosmopolitania SaarLorLux in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 1/2006

„Frühlingserwachen“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 13.Ausgabe/April 2006

„Hab eine Blume gefunden“ in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 2/2006

„Kosmopolitania SaarLorLux“ – „Frühlingserwachen“ und „Sonnenaufgang“ Kategorie Prosa: achter Platz und für die Kategorie Poesie: neunter Platz in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 3/2006

„Exposee und Leseprobe“ des Manuskripts „Verdächtige und andere Katastrophen“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 17.Ausgabe/April 2007

„Farben“ in der Literaturzeitschrift „Holunderground“ Ausgabe Frühling 2007

„Nachthimmel“, „Schnee“, „Zeit“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 19.Ausgabe/Oktober 2007

„Wo sind all die Menschen hin?“ und „Weiße Hochzeit“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 20.Ausgabe/Januar 2008

„Hast du schon das Neueste gehört von Hans?“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 21.Ausgabe/April 2008

„Joachim hat schon wieder einen anonymen Drohbrief erhalten“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 22.Ausgabe/Juli 2008

„Aufruhr in Niemandsland“ in der Literaturzeitschrift „BLATT VÖSLAU“ – Die Allianz der Künste – für bewegende statt bewegte Kunst“ (Februar 2009)

„Der Mond“ in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur (151-2/2009) im Mai 2009

„So sieht man sich wieder …“ in der Literaturzeitschrift „WORTSCHAU Ausgabe Nr.7 /Liebesgrüße aus Wortschau“ (Mai 2009)

„Farben“, „Zeit ist nur eine Melodie“ in der Literaturzeitschrift „MONDSTAUB“ 11.Ausgabe/Sommer 2009

„Weiße Hochzeit“ in „COGNAC & BISKOTTEN – Das Tiroler Literaturmagazin/Der literarische Starschnitt/ COGNAC & BISKOTTEN – Ausgabe Nr. 29 (24-seitiges Heft zum Thema „Pop“)“ im Juli 2009

„Aufruhr in Ägypten“ in der Literaturzeitschrift „Das Dosierte Leben“ – Das Avantgarde – Magazin / 14.Jahrgang/60.Ausgabe im August 2009

„Wundersame Weihnacht“ von Susanne Ulrike Maria Albrecht in „Papierfresserchens MTM-Verlag GbR-Die Bücher mit dem Drachen. Von der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft für innovative Ideen im Bereich Kultur und Bildung ausgezeichnet:“ – Titel „Wünsch dich in Wunder-Weihnachtsland-Band 2

„Aufruhr in Niemandsland“ von Susanne Ulrike Maria Albrecht / eBook / „Fantasia“ / Fantasy Magazin/ Fantasia 247e-Phantastische Erzählungen, zu beziehen unter: „Fantasia“ (17.Oktober 2009)

„Die Brücke-Nur das Beste sehen“ von Susanne Ulrike Maria Albrecht
Chaotic Revelry Verlag / Anthologie „Agoraphobia“/ Die besten Einsendungen des Literaturwettbewerb mit dem Thema „Angst“ (19.Oktober 2009)

Neuerscheinungen:

Verdächtige und andere Katastrophen
Nordmann-Verlag
ISBN: 978-3-941105-11-9
11,80 EURO

Weiße Hochzeit
Diskurs-Verlag
Lyrikband, illustriert
ISBN: 978-3-9812590-7-0
EURO 9,90