Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Archiv der Kategorie ‘Romantik’

Winterzauber in den Bergen

Von Valle Gran Rey am 19. Dezember 2011 veröffentlicht

Wie jedes Jahr zur Weihnachtszeit steht bei Familie Salvenmoser, der lang erwartete Winterurlaub an. Auch dieses Jahr soll es wieder nach Österreich zum Skigebiet Wilder Kaiser gehen. Dort befindet sich ein kleines, aber feines Bergdorf, das sich Ellmau nennt und schon seit Jahren das Haupturlaubsziel der Familie Salvenmoser ist.

Einen Tag vor Heilig Abend soll es nun soweit sein. Lilli, die Tochter der Salvenmosers ist mittlerweile sechzehn Jahre alt und hatte eigentlich besseres vor, als mit ihren Eltern gemeinsam in den Skiurlaub zu fahren. Viel lieber wäre sie mit Freundin Sarah nach New York geflogen, um dort mit einer riesigen Party ins neue Jahr zu feiern. Dabei hat sie allerdings nicht mit ihrem Vater gerechnet. Für Martin Salvenmoser ist es unverzichtbar, dass die ganze Familie an Weihnachten zusammen ist.

Völlig unmotiviert und mit schlechter Laune packt Lilli ihren Koffer ins Auto. Die gesamte Fahrt redet sie kein Wort mit ihrem Vater. Auch auf ihre Mutter Elisabeth ist sie nicht gut zu sprechen. Wenigstens von ihr hätte sie sich mehr Unterstützung erhofft, aber auch Elisabeth Salvenmoser hat es nicht geschafft ihren Mann umzustimmen.

In Ellmau angekommen wurden erst einmal die Hotelzimmer bezogen. Zum Glück hatte Lilli ein Einzelzimmer und konnte zumindest in der Nacht ihre Privatsphäre genießen. Gleich in der ersten Nacht, nahm sie ihr Handy zur Hand und rief Freundin Sarah an und klagte ihr ihr Leid. Lilli hatte keinen blassen Schimmer, wie sie diese verflixten zehn Tage in diesem Dorf überstehen sollte….

Der erste Tag war angebrochen und Lilli saß gemeinsam mit ihren Eltern am Frühstückstisch. Draußen schneite es und Ellmau verwandelte sich nach und nach in das reinste Winterparadies. Ganz leise schneite es vor sich hin und Lilli wollte am liebsten den Tag auf ihrem Zimmer verbringen. Martin Salvenmoser dagegen hatte etwas Besseres vor und schlug vor, mit der Familie eine Winterwanderung zu unternehmen. Elisabeth Salvenmoser fand das eine super Idee und so musste eben auch Lilli mit.

Wohl oder übel fügte sich Lilli, zog ihre Schneehose, ihre Moonboots, Schal, Mütze und Handschuhe an und los konnte es gehen. Der Weg ging um den Hintersteiner See. Martin Salvenmoser war der Meinung, dass sich der Rundgang um maximal eine Stunde handeln sollte. Für Lilli dauerte es allerdings schon geschätzte drei Stunden und ein Ende war noch lange nicht in Sicht. Im Gegenteil: Es schneite immer heftiger und man sah beinahe die Hand vor seinen Augen nicht mehr. Noch dazu fegte mittlerweile ein eisiger Wind, der Lilli die Schneeflocken nur so ins Gesicht blies. Das schlimmste war jedoch, das weit und breit kein Mensch außer ihrem Vater und ihrer Mutter zu sehen war.

Es sollte noch schlimmer kommen, als Lilli auf der Wandertour plötzlich ihren menschlichen Bedürfnissen nachgehen musste. Da keine Toilette zu sehen war, blieb ihr nichts anderes übrig, als in den Wald zu gehen. Langsam und vorsichtig tastete sie sich von Baum zu Baum und fand irgendwann das passende Plätzchen. Als sie das so saß, entdeckte sie hinter einem Baum einen kleinen Hundewelpen, der vor lauter Kälte zitterte. Sie nahm ihn zu sich, unter ihre Daunenjacke, um ihn zu wärmen und suchte links und recht nach seinem Herrchen ab. Jedoch konnte Lilli niemanden finden. Auch ihre Rufe wurden nicht erwidert. Also entschied sie sich, den kleinen Welpen erst einmal mitzunehmen. Hätte sie das nicht getan, wäre er sicherlich innerhalb kürzester Zeit im Wald erfroren.

Lillis Vater war über ihr Mitbringsel nicht begeistert. Er fragte sie, wie sie sich das vorstellen würde. Im Hotel seien keine Hunde erlaubt und ihn einfach einzuschmuggeln erlaubte er auch nicht. Martin Salvenmoser schlug vor, den Hund auf dem nächsten Bauernhof abzugeben. Lilli schossen die Tränen in die Augen, denn sie konnte nicht verstehen, dass ihr Vater so herzlos gegenüber diesem kleinen Welpen sein konnte. Auch Elisabeth Salvenmoser konnte sich das nicht länger mit ansehen. Sie erlaubte Lilli, den Welpen vorerst, auch ohne Einwilligung des Hotels, mit auf ihr Zimmer zu nehmen. Lilli strahlte über beide Ohren, während ihre Eltern einen heftigen Streit wegen dieser Sache hatten.

Von diesem Tag an, war für Lilli der Urlaub gerettet. Täglich ging sie mehrmals mit dem Kleinen raus, damit er sein Geschäft erledigen konnte. Hier in der schönen Umgebung Tirols konnte Sie Ihren Urlaub mit Hund so richtig genießen. Insgeheim hoffte sie, dass niemand den kleinen Mann vermissen würde, denn dann würde sie ihn selbstverständlich mit nach Hause nehmen. Diese Rechnung hatte sie jedoch ohne ihren Vater gemacht. Martin Salvenmoser bestand darauf, dass sie sein Herrchen ausfindig machen sollte oder ihn an jemanden abgeben würde, der gut für ihn sorgen kann. Lilli wurde ein weiteres Mal von ihrem Vater enttäuscht.

Es war Samstagabend, als Lilli ihre Mutter bat, abends auf den Kleinen aufzupassen. Inzwischen waren drei Tage vergangen und niemand hatte sich gemeldet, dass er einen Hundewelpen vermissen würde. An diesem Abend wollte Lilli mit einigen Mädchen, die sie im Hotel kennen lernte, auf eine Party gehen. Die Party fand in einer kleinen, beschaulichen Kneipe statt. Die Kneipe war mit vielen Kerzen, romantisch aufgemacht und Lilli fühlte sich gleich pudelwohl. Es war ein lustiger Abend. Sie unterhielt sich über Gott und die Welt mit ihren Mädels und merkte dabei gar nicht, wie die Stunden vergingen. Immer wieder fiel ihr dabei ein Junge auf, der auch mit ein paar Freunden unterwegs war und eine ziemlich traurige Miene machte.

Lilli ging auf ihn zu und fragte ihn nach seinem Namen und weshalb er denn so traurig sei. Er sagte er hieße Mario und sein Hund sei vor drei Tagen weggelaufen. Des Weiteren glaubte er nicht mehr daran, dass dieser noch leben würde, bei diesem harten Winter. Lilli konnte nicht glauben, was sie da zu hören bekam. Sie erzählte Mario davon, dass sie seinen Hund am See gefunden hatte und er bei ihrer Mutter, im warmen Hotelzimmer lag. Mario war überglücklich und umarmte Lilli.

Von diesem Tag an waren Lilli und Mario unzertrennlich. Sie verbrachten den gesamten Urlaub gemeinsam und verliebten sich unsterblich ineinander. Für Lilli war der kleine Welpe ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass es einen Sinn haben sollte, in diesem Urlaub dabei zu sein. Der Sinn war es, in diesem Bergdorf die ganz große Liebe zu finden.

Eine romantische Geburtstagsfeier

Von stefaniegerste am 19. Dezember 2011 veröffentlicht

Katja wusste nicht so recht, was sie an diesem Abend erwarten würde. Sie hatte Franz schon seit Monaten im Auge, ach, seit Jahren wollte sie nur Eines: Mit ihm zusammen sein. Er hat sie zwar oft angeschaut, aber man hat ja von hier und da gehört, dass er ein sprunghafter Mensch ist.

Jetzt hat er sie angeschrieben… Über das Internet auch noch, wie unromantisch. Naja, besser als gar nicht, denkt sie sich und schlüpft in ihre schicken englischen Pumps. Nun geht es also auf eine Geburtstagsfeier. Robin, ein Freund von Franz. Den kennt sie zwar vom Sehen, aber auch nicht näher und ein richtiges Geschenk ist ihr auch nicht eingefallen…

“Ach, über dieses Bastel-Geldgeschenk wird er sich schon freuen”, redet sich Katja ein. In Wirklichkeit hat sie große Angst davor, auf der Geburtstagsparty schräge Blicke zu ernten und schlecht anzukommen. Sie werden sich ein paar Meter weg von der Wohnung treffen, und zusammen hinlaufen. Sie ist schon ganz entspannt.

Natürlich ist Katja pünktlich am Treffpunkt, es schneit und ihr ist kalt. Als Franz nach gut 10 Minuten immer noch nicht da ist, bekommt sie ein ungutes Gefühl. Hat er mich sitzen lassen? Möchte er nicht mir zu dieser Party? Ist ihm gar etwas übles zugestoßen?

Doch sie hat sich mal wieder unnötig große Sorgen gemacht: Prompt erhält sie eine Kurzmitteilung auf ihr Mobiltelefon, dass Franz in ein paar Minuten am Treffpunkt sein wird. Ihr Herz schlägt immer schneller. Insgeheim wünscht sie sich, er würde sie fragen, ob sie nicht zu zwei essen gehen wollen, statt zur überfüllten Party.

Natürlich kommt es aber anders. Franz begrüßt sie schüchtern und fragt sie, ob sie gleich zur Party gehen wollen. Sie bejaht die Frage sofort, obwohl sie innerlich das Gegenteil fühlt und spürt. Beim Haus des Gastgebers angekommen, staunen beide plötzlich nicht schlecht, als nirgendwo in der Wohnung von Robin Licht brennt. Nur ein Zettel hängt an der Tür: “Ich feier meinen Geburtstag dieses Jahr im warmen Süden mit meiner Ehefrau. Und Katja und Franz: Unternehmt etwas zusammen, ich kann eure beider Sehnsüchte nicht mehr hören!”

Franz grinst Katja wissend an, sie schließt ihre Augen und er küsst sie sanft, aber intensiv. Katja öffnet ihre Augen, lacht, und sagt: “Was für eine gelungene Geburtstagsparty!”.

Von des Teufels List

Von AdrianeFranz am 20. Oktober 2011 veröffentlicht

Der Herr sei gepriese, jubelte es in ihm. Er war extra nach Tirol gefahren, um den berühmten amerikenischen Evangelisten zu hören. Für eine Woche tauchte er ein in den Heiligen Geist, der sein Werk offenbaren wollte in Heilungen und massenhaften, neuen Bekehrungen. Der Evangelist hatte schon tausende weltweit bewegt, in ganzen Gruppen fielen sie beim heftigen Bewegen seiner Arme nach hinten um und fingen an zu weinen, weil Gott ihre Herzen berührte. Und waren nicht Krüppel aus ihren Rollstühlen aufgestanden oder hatten ihre Krücken weggeworfen? Hatten nicht etliche wieder sehen können oder hören?

Der mitgebrachte Chor versetzte die grosse Halle in wohlige Stimmung. Ein grosser Projektor zeigte die einzelnen Strophen an einer grossen, weissen Wand, die alle vorn sehen konnten Unglaublich bewegend auch die Predigt des Evangelisten. Der Teufel brüllt wie ein Löwe, auf dass er etliche verschlinge, und das besonders heute, drang es tief in die Köpfe ein, und lauter Beifall erfüllte die Halle und ein vielstimmiges und buntes Halleluja. Ja, Christus hat den Teufel besiegt durch sein Blut am Kreuz, aber, so der Evangelist, seid auf der Hut, der Böse liege in den letzten Zügen und sei heute besonders aggressiv, hungrig und bösartig.

Voller Freude erfüllt, machte er sich auf, zurüch in sein Hotel. Auf dem Weg nach oben wollte er des Teufels List überprüfen und fand zu seiner Überraschung, dass es die Zimmernummer 13 im Hotel nicht gab. Wusste ich es doch, sprach er zu sich selbst und fuhr auf zum letzten Gang. Und er fing an zu überlegen:

Hm, 265 Zimmer hat das Tirol Hotel, und 85 Busse fahren für bei Wien Städtereisen. 10 Finger sind an meinen Händen und 10 Zehen an meinen Füssen. Und Satan hat 5 Buchstaben. Herr, hilf mir! Alle Zahlen haben mit 5 zu tun! Der Teufel ist hier, der brüllende Löwe hat mich in diese Herberge gelockt!

Und aus lauter Unwohlsein zog er aus am nächsten Tag und erachtete es als Gottes Werk, in einer kleinen Pension unterzukommen und so gerettet zu werden von der List des Teufels. So rettet Jesus offensichtlich auch in letzter Minute, war er überzeugt. Die 5 ist überall zu finden, und er hatte es sehen dürfen! Und erst die schreckliche 13!

Drei Jahre später hat er seinen Verstand wiedergefunden, und der Evangelist war offenbar geworden als Steuerhinterzieher und sexsüchtiger Bordellbesucher. Offensichtlich war des Teufels List so richtig nach hinten losgegangen.

Der Stadtautobus

Von MrVienna am 15. Juni 2011 veröffentlicht

Elena unterdrückte einen Seufzer. Ihre linke Hand verkrampfte sich in der Halteschlinge über ihrem Kopf. Der Stadtautobus war übervoll. Die Fahrgäste standen eng geschlichtet wie die Heringe. Sie rochen nach Rasierwasser, nach Parfum oder nach Zigaretten. Sie schwiegen und durchbohrten sich gegenseitig mit starren Blicken. Möglicherweise war ein Taschendieb darunter. Vielleicht auch mehrere Taschendiebe? In jedem Gedränge treiben sich Taschendiebe herum.

Elena presste mit der Rechten ihre Handtasche fester gegen die Brust. Immer wieder streifte sie bedrohlich ein fremder Körper. Ob diese Berührung unabsichtlich erfolgte? Oder stieß sie jemand absichtlich an, um sie abzulenken? Auf jeden Fall machte es ihr Angst. Und die Angst war ein beengendes, dunkles Etwas. Eine Empfindung, die wie schwerer Rauch in ihre Beine kroch, den Rumpf hochstieg, durch ihre Arme floss und sich schließlich im Kopf breitmachte.

Das Fahrzeug schlingerte und rumpelte. Die schweigende Gruppe der Fahrgäste machte jedem Ruck wellenförmig mit. Ihre starren und unpersönlichen Blicke behielten sie unverändert aufgesetzt. Draußen bewegten sich Männer in blauen Overalls, unter gelben Helmen. Sie wühlten sich, ähnlich Maulwürfen, durch die Straße und versenkten darin schwarze Elektrokabeln. Die ausgebesserte Asphaltdecke der Fahrbahn ließen sie mit kleinen Hügeln zurück, was dem Bus die bewegte Fahrweise aufzwang.

Elena hasste alle öffentlichen Verkehrsmittel. Die engen Fahrgasträume bereiteten ihr Beklemmungen. Sie fühlte den Druck der nahen Wände auf sich und besonders auf ihrer Atmung lasten. Einige Umstehenden hefteten jetzt klebrige Blicke auf ihren Körper. Ein leichtes Frösteln durchzog sie. Sie war eine attraktive Frau, Mitte dreißig, mit einem schlanken, sehr weiblichen Körper. Das ebenmäßige Gesicht benötigte keine kosmetische Hilfe, um ein männliches Gehirn mühelos in einem Meer von Hormonen zu ertränken. Und trotz ihres überdurchschnittlich guten Aussehens lebte sie als Single in einer kleinen Wohnung am Rande der Stadt. In einer ruhigen Gegend, wo noch Bäume vor den Fenstern wachsen und immer dann, wenn sich der Wind durch die Gasse drängt, mit den Blättern rauschen. Und wo ältere Leute mit kleinen Hunden herumgehen, mit denen sie reden, geradeso als führten sie kleine Kinder an der Hand und keine Hunde an der Leine.

Die erste und einzige Ehe von Elena endete vor etwas mehr als einem Jahr. Ihr Exmann konnte dem Alkohol nicht widerstehen, er versank immer tiefer in dieser teuflischen Sucht. Sein anfangs rücksichtsvolles Verhalten zerbröckelte, er wurde streitsüchtig, später auch noch gewalttätig. Das war eine schlimme Zeit für Elena und die unausweichliche Scheidung empfand sie als Erlösung. Als Eintritt in ein freieres, neues Leben. Nach längerer Zeit wurde diese neue Freiheit zur Gewohnheit und füllte ihr Leben nicht mehr aus. Ein Drang regte sich und wuchs in ihr, formte sich zu einem Verlangen nach einem zweiten Menschen. Nach einem Menschen, der zu ihr gehörte, von dem sie Wärme und Geborgenheit erwarten konnte. Sie wurde aktiv und fand über das Internet Kontakt zu einem Mann, mit dem sie einige Monate lang schriftliche Nachrichten austauschte. Und schließlich – für den heutigen Tag – ein erstes persönliches Treffen vereinbarte. Was für sie keine leichte Entscheidung war. Immer wieder drängten sich Bedenken auf, die Begegnung könnte mit einer Enttäuschung enden. Andererseits: Seine Zeilen hatten den Eindruck von Verständnis und Vernunft vermittelt. Deswegen sagte sie sich innerlich vor: Es ist richtig, den Mann nun persönlich zu treffen. Auch wenn sie noch kein Foto von ihm gesehen hatte. Aber er hatte sich mehrmals ganz genau beschrieben. Und er wird sich sicher nicht falsch dargestellt haben. Ganz sicher nicht. Außerdem, man wird es ja sehen.

Der Bus bremste scharf vor der Haltestelle. Im gleichen Moment spürte Elena ein weiches Etwas gegen ihre Beine stoßen. Ein kleines Mädchen war über ihre Schuhe gestolpert, es lag nun quer über ihre Füße. Elena erkannte einen wirren schwarzen Haarschopf, darunter zwei dunkel glänzende Augen, die sie furchtsam von unten her anblickten. Elena löste sich aus dem Haltegriff, legte die Handtasche zu Boden und half dem Mädchen auf die Beine. Das Kind schlenkerte auf einmal unkontrolliert mit den Armen durch die Gegend, zuckte auch mit den Beinen. Epilepsie? Dann aber kam es ruckartig hoch und glitt wendig durch die offene Bustüre ins Freie, wobei es noch einen ängstlichen Blick zurückwarf.

Die Pneumatik presste zischend die Flügel der Falttür zusammen, der Bus schob sich ruckartig nach vorwärts. Elena atmete erleichtert aus und hob ihre Handtasche vom Boden auf. Im nächsten Moment stutzte sie. Die Tasche war weit offen. Die böse Ahnung bestätigte sich augenblicklich: Die Geldbörse war verschwunden. Diese Göre! Sie hätte ihr besser den Hals umdrehen sollen, anstatt ihr aufzuhelfen. Wie kann es nur sein, dass sich das Böse in einem unschuldigen Kind versteckt. Der Bus beschleunigte, kurvte um eine Hausecke. Von dem Kind war nichts mehr zu entdecken.

Der Stadtbus hielt an der Endstelle und damit hatte Elena ihr Fahrziel erreicht. Die schweigende Menschengruppe geriet in Bewegung, zwängte sich aus dem Bus, schob Elena vor sich her. Und Elena fühlte sich – wenngleich ihr der Verlust der Geldbörse noch schwer im Magen lag – erleichtert, als sie den Bus verlassen konnte. Sie betrat den Stephansplatz, das Zentrum von Wien, wo sich auch die Stephanskirche, das Wahrzeichen der Stadt befand. Das gotische Kirchenschiff stach mit seinen spitzen Türmen wehrhaft in den weißblauen Himmel und blickte durch die schmalen Kirchenfenster hoheitsvoll auf das aufgeregte Treiben herunter. Aus den Gemäuern dunstete achthundert Jahre Geschichte.

Touristen zwängten sich durch den linken Seitenflügel in die dunklen, kühlen Hallen des Gotteshauses. Auf der rechten Seite quetschen sich ebenso viele Menschen wieder heraus und mengten sich unter die Stehenden und Schlendernden. Elena durchpflügte die Flut der Urlauber und bog in eine elegante Geschäftsstraße ein. Ihr Blick streifte saubere, gedeckte Tische – von Angestellten der Kaffeehäusern und Speiselokale nach draußen gestellt. Familien aus verschiedenen Ländern besetzten die Stühle, konsumierten Speisen und Getränke. Die meisten der Sitzenden hatten erschöpfte Gesichter. Das Ergebnis einer anstrengenden Stadtbesichtigung. Kellner und Serviererinnen surrten bienenartig zwischen den Sitzenden herum, räumten leere Teller und Gläser weg und nahmen zwischendurch neue Bestellungen auf. Die laue Sommerluft war erfüllt vom Schwirren der vielen fremdländischen Stimmen und dem Geruch nach gegrilltem Fleisch, nach Zwiebeln und Wein.

Elena steuerte den vereinbarten Treffpunkt an: Eine große, teilweise vergoldete Säule, die an eine mittelalterliche Pestepidemie erinnert. Ein Kaiser hatte sie einst als Dank für das Ende der Seuche errichten lassen. Das Denkmal war von einer Gruppe Japanern mit hochgehaltenen Kameras umringt. Es waren ältere, friedlich aussehende Menschen, Seniorenreisende. Elena liebte alte Menschen. Sie mochte die Ruhe und Harmonie, welche alte Menschen oft ausstrahlten.

Sie zerrte jetzt vorsorglich den Kragen ihrer Bluse ein Stück aus der Jacke. Es war vereinbart, der noch Unbekannte sollte sie an der zartrosa Farbe der Bluse erkennen. Von ihm wusste sie, dass er großgewachsen war, braune Haare, graue Augen hat und mit einer braunen Jacke aus feinem Leder bekleidet sein sollte.

Der Blick aus grauen Augen traf sie geradewegs aus dem Meer von Gesichtern. So, als würde Elena durch die Linse einer Kamera blicken, welche auf das Augenpaar fokussiert war. Darunter war auch die braune Jacke erkennbar. Die Haare waren aber nicht braun, sondern schwarz. War er doch nicht der Richtige? Aber der Mann lächelte ihr freundlich zu. Er saß an einem Tisch, an seiner Seite ein kleines Kind. Merkwürdig. Elena zögerte. War es der…

Dann fiel ihr Blick auf das Kind, welches neben dem lächelnden Mann saß und in dem für sie viel zu großen Stuhl fast versank, sodass der Kopf des Kindes nur knapp über der Tischkante zu sehen war. Das Mädchen schien unzufrieden denn es schüttelte heftig mit dem Kopf. Wirre schwarze Locken fielen dabei über ihre Stirne. Die Augen des Kindes waren dunkel und drückten Unglück aus. Es ist doch…, dachte Elena erschrocken. Nein, das kann nicht sein. Und doch, kein Zweifel. Es war das Mädchen, welches ihr die Geldbörse im Bus gestohlen hatte!

Elena schoss das Blut zu Kopf. Die Empörung flimmerte ihr vor den Augen, ließ die vielen Menschen um sie herum im Nebel verschwinden. Die Umgebung war leer. Sie war allein mit der kleinen Diebin und dem Mann neben ihr, der sie jetzt unverfroren angrinste. ‘Wo ist meine Geldbörse’, zischte Elena und packte aufgeregt das Mädchen am Arm. Das Mädchen krümmte sich weg wie ein Wurm, versuchte sich dem Griff zu entwinden. Das Grinsen auf dem Gesicht des Mannes starb dahin, sein Blick gefror zu blankem Eis. ‘Was wollen Sie von uns und wovon reden Sie überhaupt.’ Seine Worte klangen routiniert, als wäre er solche Auseinandersetzungen gewohnt. Sein Gesicht war jetzt eine undurchdringliche Festung.

Elena schluckte. Unerhört, hämmerte es in ihrem Gehirn. ‘Dieses Mädchen hat mir im Bus die Geldbörse entwendet’, presste sie heraus. Sie schwankte zwischen Angst und Empörung. Sie fasste das kleine Mädchen, welches unentwegt versuchte ihrem Griff zu entkommen, auch noch mit der zweiten Hand.

‘Sie brauchen einen Arzt’, schnarrte der Mann mit dem gestorbenen Grinsen. Er machte nun einen zunehmend aggressiven Eindruck. Er erhob sich drohend und riss das kleine Mädchen an sich, so dass es den Händen Elenas entglitt.

‘Vielleicht sollten wir es mit der Polizei versuchen?’ Es war eine ruhige tiefe Männerstimme, welche aus dem Hintergrund die anderen Stimmen übertönte. Elena sah hilflos und verblüfft in die Richtung der Worte und erkannte einen großgewachsen Mann mit braunem Haar, grauen Augen und einer braunen Lederjacke. Sie fühlte, wie sich ihre Erregung weiter steigerte. Das musste er sein. Der Mann, mit dem sie sich treffen wollte. Und er kam genau im richtigen Augenblick.

Der Mann hielt mit kräftigen Händen das Mädchen und den Schwarzhaarigen fest. ‘Setzen Sie sich, die Polizei wird alles aufklären’, sprach er nun fast freundlich.

Ich glaube es nicht, dachte Elena. Ich habe mich mit einem Helden verabredet.

‘Das wird nicht nötig sein’, keuchte der Schwarzhaarige. ‘Es ist alles ein Versehen. Ein bedauerlicher Irrtum. Hier ist ihre Geldbörse. Meine Tochter hat sie im Bus gefunden und für sie aufbewahrt.’ Er griff mit seiner freien Hand in die Innentasche seiner Jacke und legte die Geldbörse auf den Tisch. Elena öffnete ihre Börse. Es war alles noch da. Das Geld die Papiere. Alles. Gott sei Dank.

Der Mann mit dem Elena verabredet war warf ihr einen ernsten, fragenden Blick zu. Elena nickte und machte eine wegwerfende Handbewegung. Der Mann ließ die Beiden los und der Schwarzhaarige mit dem Kind verschmolzen blitzartig mit der Masse der Flanierenden.

‘Paul’, stellte sich der Helfer mit warmer Stimme vor und streckte Elena die Hand hin.

‘Elena’, antwortet sie, obwohl ihr jedes Wort schwer fiel, weil ihr eine freudige Erregung den Hals einschnürte. Sein Händedruck war fest und vertrauenswürdig.

Es waren die grauen Augen? Oder die Stimme? Oder wie er sich bewegte?

Egal. Elena wusste: Heute beginnt das richtige Leben für sie. Sie ist nicht mehr allein auf der Welt.

Eine Reise, Ein Traum

Von Surfcamp-online am 9. November 2010 veröffentlicht

Es waren noch 3 Tage. 3 Tage bis zu ihrer Hochzeit. Anna war 30, arbeitete als Sekretärin und würde in 3 Tagen ihren Freund Marc heiraten. Darauf freute sie sich schon seit Monaten. Aber gerade war sie noch dabei zu packen. Wofür? Anna wollte gleich mit ihren beiden besten Freundinnen nach Gran Canaria fliegen, um dort ihren Junggesellinnen Abschied zu feiern und gleich müssten sie kommen, um sie abzuholen. Und schon klingelte es an der Tür. Die Verabschiedung von ihrem Zukünftigen fiel sehr spärlich aus, sie waren etwas in Zeitnot und mussten sich beeilen. Also drückte Anna ihrem Marc einen dicken Kuss auf die Backe und sagte: „ Bis in 3 Tagen Schatz, ich freue mich schon.“ Marc hatte ein seltsames Gefühl dabei, aber er dachte sich nichts weiter…
Angekommen auf der Insel freuten sich die 3 Freundinnen über den Sonnenschein. Bei ihnen Zuhause waren es gerade einmal 5°C, denn es war schon Ende Oktober. Schnell brachten sie ihr Gepäck auf das Hotelzimmer und dann ging es direkt an den Strand. Als sie dort lagen beobachtete Anna das Meer und dachte sich, wie schön es hier ist… Die Sonne scheint, das Meer rauscht und die Temperatur ist so angenehm, dass man sich fast vorkommt wie im Paradies. Dann fielen ihr die vielen Surfer im Meer auf. Surfen lernen, das wollte sie auch immer. Früher als sie noch zur Schule ging. Doch leider fehlten ihr damals die Möglichkeiten und das Geld. Nun fiel ihr ein Surfer ganz besonders auf. Er stand jede Welle, auch wenn sie noch so hoch war, während alle anderen wie Steine ins Wasser fielen. Er hatte schwarze Haare und einen braungebrannten gut trainierten Körper. Sie starrte ihn eine Weile an, bis ihre Freundinnen sie an stupsten und sie wieder aus ihren Träumereien aufwachte. Am Abend machten sich die drei ganz schick und zogen von Bar zu Bar und später von Club zu Club. Sie tranken jede Menge Alkohol und irgendwann kurz bevor sie wieder zu ihrem Hotel gehen wollten sah Anna einen Mann, der aussah wie der Surfer vom Strand. Sie starrte ihn wieder an und diesmal merkte er es. Er war es und schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln zurück. Dann gingen sie. Am nächsten Tag am Strand sah sie ihn wieder. Sie beobachtete ihn die ganze Zeit und irgendwann hatte sie ein ganz schlechtes Gewissen. Sie würde in 2 Tagen ihren Freund heiraten. Warum beobachtet sie ununterbrochen diesen fremden Mann? Sie versuchte nun ihn zu ignorieren und sich auf das zu konzentrieren wozu sie auf die Insel gekommen waren: Spaß mit ihren Freundinnen haben! Am Abend gingen sie wieder aus. Und wieder tranken sie eine Menge Alkohol. Doch dann kamen sie auf eine fatale Idee. Sie wollten ans Meer und schwimmen gehen. Keine von Ihnen war mehr nüchtern und so taten sie es. Doch in dieser Nacht war das Meer besonders tückisch. Die Wellen kamen mit einer enormen Kraft und waren sehr hoch. Sie schlugen gewaltig auf die groben Steine, die sich im Meer befanden und welche man vom Strand aus nicht sehen konnte. Plötzlich erwischte eine Welle Anna und sie wurde unter Wasser hin und her geschleudert und wusste nicht mehr wo unten und oben ist. Ihre Freundinnen waren schon wieder aus dem Wasser gekommen und alberten herum, bis sie bemerkten, dass Anna gar nicht nachkam. Sie hielten Ausschau nach ihr, konnten sie aber nirgendwo sehen. Aufgeregt rannten sie am Strand herum und suchten nach Hilfe. Zur selben Zeit rannte ein Mann ins Meer, er hatte von der Promenade aus die Frauen beobachtet und gesehen, dass eine von ihnen nicht wieder auftauchte. Also rannte er ins Meer, er schwamm und schwamm und dann fand er Anna. Sie war bewusstlos und so zog er sie sicher an den Strand. Er führte alle erste Hilfe Maßnahmen durch die er gelernt hatte während seiner Ausbildung zum Surflehrer. Nach kurzer Zeit öffnete Anna ihre Augen wieder und da sah sie ihn; den Surfer vom Strand, den Mann aus der Disko. Und sie lächelte. Zusammen machten sie sich auf den Weg zu ihrem Hotel und dabei unterhielten sie sich. Er war aus der Schweiz, konnte deswegen deutsch und war schon mit 13 Jahren mit seiner Mutter nach Gran Canaria gekommen. Er erzählte ihr wie es ist da zu leben wo andere Urlaub machen und sie geriet ins Schwärmen. War das nicht genau das Leben, welches sie sich immer gewünscht hatte, damals mit 18 nach der Schule? Doch damals entschloss sie sich ja für die Ausbildung und danach arbeitete sie fleißig Tag für Tag, von der Welt hatte sie noch nicht viel gesehen. Er erzählte ihr auch, dass die Surfschule für welche er arbeitete, nach einer Mitarbeiterin für die Büroarbeiten suchte. Dann begann sie wieder zu träumen. Sie malte sich aus wie es wohl wäre, wenn sie alles in Deutschland stehen und liegen ließe und auf Gran Canaria ihren Traum verwirklichen würde. Doch dann bekam sie wieder ein schlechtes Gewissen, in weniger als 2 Tagen würde sie schließlich in Deutschland ihren Freund heiraten…
Auf dem Weg zum Hotel trafen die beiden auf Annas Freundinnen, die nun froh waren, dass es Anna gut ging. Dann bedankten sie sich bei dem Fremden und gingen schlafen. Am nächsten Tag mussten sie schon wieder packen, sich auf den Weg zum Flughafen machen. Anna war den ganzen Tag still, sie dachte nach über ihr Leben und alles was ihr gerade in den Kopf kam, auch noch einmal über die freie Stelle in der Surfschule und ganz besonders an den schwarzhaarigen Fremden, den sie letzte Nacht nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte. Angekommen am Flughafen wollten die drei gerade ihr Gepäck aufgeben, als plötzlich hinter ihnen der fremde Mann wieder auftauchte. Anna war sprachlos und die anderen beiden schauten sich verwirrt an. Dann sagte er: „Ich bin hier um dir zu sagen, dass du die schönste Frau bist, die ich in meinem Leben gesehen habe und dass es mir letzte Nacht, als wir uns unterhalten haben, vorkam als würden wir uns schon ewig kennen. Bitte halte mich jetzt nicht für verrückt, aber ich glaube ich habe mich in dich verliebt und deshalb bin ich hier. Bitte fliege nicht! Bitte bleibe hier, ich kann dir diesen Job besorgen, von dem ich dir gestern erzählt habe! Du könntest deinen Traum wahr machen!“ Die anderen beiden Freundinnen lachten ihn aus und warfen ihr Gepäck auf das Band, aber Anna nicht. Anna nahm ihren Koffer, ging zu dem fremden Mann, nahm in an die Hand und sie gingen fort. Sie arbeite in der Surfschule, lernte surfen und verliebte sich unsterblich in den fremden Mann, dessen Name Lucas war, und sie lebte einfach ihren Traum…

Cinderella 2010 (Teil 1)

Von MJ am 29. September 2010 veröffentlicht

“Estelle, bitte komm mal in die Küche”, ruft Sabine Weiland durch die kleine Wohnung am Stadtrand von Berlin. “Ich muss mal mit dir sprechen.” Das dies nichts Gutes zu bedeuten hat, ist Estelle sofort klar. Nur selten sucht ihre Mutter ein klärendes Gespräch, wenn etwa Geldprobleme der Familie zu schaffen machen oder Estelles Vater, der nicht mehr bei der Familie lebt, nicht mit den Unterhaltszahlungen nachkommt. “Ich komme”, ruft Estelle hastig und zieht eilig ihren Lidstrich nach bevor sie sich auf den Weg in die kleine Wohnküche macht. Dort sitzt Ihre Mutter alleine am Tisch. Michel, ihr kleiner Bruder, darf heute bei einem Freund übernachten und daher will die Mutter – das weiß Estelle – die Chance nutzen, um mit ihrer Tochter zu sprechen. “Schatz, dein Vater macht mal wieder Probleme. Er hat für die letzten beiden Monate keinen Unterhalt überwiesen. Ich muss leider ab nächster Woche wieder mehr arbeiten gehen. Das heißt für dich, dass du jetzt zwei Mal in der Woche auf deinen Bruder aufpassen musst.” “Kein Problem”, antwortet Estelle wie aus der Pistole geschossen. “Ich muss aber jetzt los, Cynthia wartet schon.” Sie springt sofort auf, drückt ihrer Mutter einen Schmatzer auf die Stirn und zieht ihre neuen Schuhe, ein Paar Vans, das sie sich mühsam vom Taschengeld angespart hatte, aus dem Schuhschrank. “Ich bin um zwei wieder zuhause” ist das letzte, was die Mutter in der Küche hört. Denn im gleichen Moment verschwindet Estelle ohne auf eine Antwort zu warten in den dunklen Gang des großen Mehrfamilienhauses.

Cynthia, mit der sie gemeinsam die 12. Klasse des Gymnasiums besucht, wartet bereits ungeduldig mit Zigarette in der Hand vor dem Haus auf einer Bank. “Mensch, du brauchst echt immer ewig bis du fertig bist”, sagt sie bei der obligatorischen Umarmung mit leicht vorwurfsvollem Ton. “Ich musste noch mit meiner Mutter sprechen”, versucht Estelle als Erklärung zu erwidern, doch diese will Cynthia wohl nicht hören, denn sie zieht ihre Freundin im gleichen Moment am Arm in Richtung S-Bahnhof. Dort angekommen schaffen die beiden Freundinnen es noch gerade in den letzten Wagen der Bahn zu springen, bevor sich die Türen schließen. Nach rund zwanzig Minuten Fahrt erreichen beide den Stadtteil Friedrichshain. Dort sind sie mit zwei weiteren Freundinnen in einer Bar verabredet. Da heute alle vier Mädchen früher zuhause sein müssen, steht statt Tanzen ein nettes Bargespräch auf dem Programm. Die angesagte Bar in der Nähe der Warschauer Straße ist schon brechend voll. Estelle und Cynthia sehen erst nach einigen Minuten ihre beiden Freundinnen, die einen Tisch in der Ecke ergattern konnten.

Cynthia läuft zielstrebig auf die anderen zu, während Estelle noch in ihrer Tasche nach dem Handy kramt. Als sie wieder aufblickt hat sich die Lücke vor ihr geschlossen. Sie sieht nur ein breites Kreuz eines Mannes, der sie um einen halben Kopf überragt. “Entschuldigung, darf ich mal durch”, ruft sie laut, um gegen die laute Musik anzukommen. Doch vergeblich. Der junge Mann dreht sich nicht um. Erst als sie ihren Finger auf seine Schulter tippt dreht sich der große Dunkelhaarige um und blickt ihr in die Augen. Estelle starrt wie gebannt in die braunen Augen eines hübschen Mannes. So scheint sich wohl Liebe auf den ersten Blick anzufühlen, schießt es ihr durch den Kopf. Auch der junge Mann mit kurzem Haar und lässigem Dreitagebart scheint Gefallen an der Situation zu finden, denn auch er erwidert den Blick mit einem Lächeln. “Sorry, aber ich will durch”, ist das einzige, was Estelle ohne den Blick abzuwenden sagen kann. Der geheimnisvolle und doch auf sie so anziehend wirkende Fremde bewegt sich aber keinen Millimeter und bleibt mit einem unverschämten Lächeln vor ihr stehen. Plötzlich beugt er sich zu ihrem Ohr vor und flüstert mit einem deutlich erkennbaren französischen Akzent ins Ohr: “Bleib noch ein wenig stehen.”

Während der Franzose mit säuselndem Ton eine Annäherung wagt, versucht Estelle, die trotz französisch klingendem Namen weder etwas mit dem Land zu tun hat, noch die Sprache beherrscht, den Fremden zu begutachten. Sie erblickt ein Shirt von Lacoste, eine feine Jeans und edle Markenschuhe. Eigentlich nur Äußerlichkeiten, jedoch wird ihr schnell klar, dass sie es hier nicht mit einem armen Schlucker zu tun hat. “Ich bin Pierre und bin Austauschstudent”, sagt der großgewachsene Franzose ohne dabei sein Lächeln aufzugeben. Estelle fehlen immer noch die Worte. Sie kann lediglich mit dem Kopf nicken und versucht sich an ihrem Gegenüber vorbei zu drängeln. “Bleib doch noch hier”, ruft er hier hinterher. Doch vergeblich: Estelle läuft wortlos zum Tisch ihrer Freundinnen, die sie mit großem Hallo begrüßen. Von dem attraktiven Unbekannten erzählt sie jedoch nichts. Nach einer Stunde muss Cynthia zur Toilette. Auch Estelle nutzt die Gelegenheit und begleitet ihre beste Freundin. Nach fünf Minuten versuchen Sie sich erneut zu ihren Freundinnen durchzudrängen. Diese schauen entgeistert auf einen Zettel. “Mädels, was ist los”, fragt Cynthia. “Die Karte ist für Estelle”, entgegnet ihr Nadine, die noch immer mit großen Augen auf den Zettel starrt. Verwirrt schaut Estelle auf das Stück Papier, das sich als edle Visitenkarte entpuppt, und kann nur mit Mühe einen Schrei vor Glück unterdrücken. Der Zettel stammt von Pierre und neben seiner Telefonnummer steht mit Tinte ein “Bitte ruf mich an!” … Fortsetzung folgt.

Spanischer Traum zwischen Flamenco und Realität

Von bigboy am 16. September 2010 veröffentlicht

Zwischen Kastilien-La Mancha und der Extremadura liegt Andalusien und lockte mich mit den rhythmischen Klängen des Flamenco, in andalusischen Hinterhöfen, charmanten spanischen Gärten und tanzenden Schönheiten, die mit ihrem langen rotschwarzen Kleidern ihre Reize betonen und einem nackten Rücken entzücken. War es einst das Klang der vielen Kulturen, der Flamenco und heute als spanische Musik weltweit bekannt, der sich in Spanien fand und mein Interesse weckte, mündete ich in einem billigen stummen Hotel, einer spartanisch-modernen Mainstream-Ausstattung ohne spanischen Flair. Die Zimmer waren klein, dunkel und stickig. Erwartete ich doch, dass in Sevilla das Klima heiß und trocken ist, drückte das Zimmer doch meine Stimmung. Es fühlte sich an wie Liebeskummer, ein Stechen im Körper wenn die Liebe nicht erwidert wird, wenn Wünsche und Hoffnungen nicht erfüllt werden. Noch am gleichen Abend der Ankunft versuchte ich mich nach dem langen Flug auf dem harten Bett des blaugelben Möbelausstatters zu entspannen und meine Gefühle über die Enttäuschung des ersten Eindrucks einzudämmen, als klappernde Kastagnetten meine Aufmerksamkeit weckten.

Als die akustische Gitarre anfing den Hinterhof des Hotels zu beschallen und eine schöne weibliche Stimme die die Gassen beschallte, zog es mich aus meinem Zimmer. Selbst durch die kleinsten Gänge, alten Treppenhäuser und hölzerne Türen geschmückt mit echten Rosen, schallte der Flamenco mir den Weg zu den Wurzeln des spanischen Lebens. Der Mentalität und des Traums, dem man sich hingibt, wenn spanische Gitarre ihre Töne durch die Luft schwingt und längst nicht nur im Gehör mündet, sondern die Eroberung des Herzen als Ziel halt. Mag es ein romantischer Moment gewesen sein, da ich nicht erwartet hätte dass eine Unterkunft in Sevilla dieser Qualität die historischen Türen mit echten Rosen beschmückt. Wohl war es der Duft der Rosen, der meine Nase erreichte und plötzlich mein Empfinden veränderte. Als die weibliche Stimme in mein Herz schallte, bestürmte mich ein Gefühl, das ich nicht beschreiben konnte. Einen Sangria wollte ich mir erst im Laufe des Abends gönnen, doch die Gitarrenklänge und der schnelle Takt der Kastagnetten lösten ein Gefühl der Euphorie aus, die Stimme der Flamencosängerin ein Gefühl der Verliebtheit und die Rosen eine Stimmung der Sorglosigkeit. Kurz in Gedanken verlaufen, öffnete ich die mit Rosen beschmückte Tür, um die spanischen Musiker auch mit meinen Augen zu sehen und was ich sah, war mein Nachttisch.

Doch das Gefühl der Leidenschaft und Begeisterung war nicht vergangen, so machte ich mich auf aus dem Zimmer in die Gassen Sevillas. Weit müsste ich nicht gehen, lange dürfte es nicht dauern, um eine spanische Flamencogruppe anzutreffen und meinen Traum wahr zu machen.

Der Kapuzenmann

Von Julka84 am 31. Juli 2010 veröffentlicht

Der Kapuzenmann wurde an einem braungrauen Regentag im November geboren. Später hieß es oft er trüge Kapuzen, weil es im November immer regnete. Aber das ist schlicht ein Beleg der menschlichen Hybris. Ständig sind wir darauf bedacht Sinnhaftigkeiten zu konstruieren, Muster zu sehen, Zusammenhänge herzustellen. Das Andere musste in unsere Formen gepresst werden, sonst würden wir es zum Teufel jagen. Eine Erklärung jagt die andere, eine Prämisse wird durch eine weitere legitimiert, beflügelt bis wir in den himmlischen Sphären Gott treffen oder untermauert, bis wir in klammfeuchter Erde dem Tod begegnen. So war es auch mit dem Kapuzenmann. Dass er anders war, sah man auf den ersten Blick.

Als ich ihn das erste Mal sah war er wohl so um die vierzig, ich dreiundzwanzig, in studentischem Traumnebel verhaftet und ob meines Literaturstudiums durchaus nicht mehr romantisch veranlagt. Ich begegnete ihm im Café „Blauer Reiter“ und er nahm mir den Atem. Es wäre falsch zu behaupten es verschlüge mir den Atem. Denn dann hätte ich einer unbestimmten Es-Gewalt eine Macht über mich zugestanden, die den Kapuzenmann reduziert hätte. Das es sich derart verhielt, war mir vom ersten Moment an glasklar. Er setzte sich an einen Fenstertisch, ließ sich einen Tee bringen, saß aufrecht da ohne verkrampft zu wirken und starrte in den feuchten Herbsttag, der den Blätterhaufen vor der Straße einen modrigen Geruch abrang. Er trug Bluejeans und einen marinefarbenen Kapuzenpullover. Von meinem Platz aus konnte ich nur seinen Rücken sehen und mir die Schulterblätter unter seinem Pullover ausmalen. Seine Hände, die die Teetasse nicht anrührten, waren groß, kräftig, ad hoc hielt ich sie für salzig. Gleichsam wirkten sie weich. Ich vermochte es nicht meine Blicke von ihm zu wenden, wie ein Magnet hatte er mich angezogen, nur gab es keinen Gegenpol, mit dessen Hilfe ich mich seiner hätte entziehen können. Gebannt beobachtete ich ihn. Meine Augen wagten es nicht zu blinzeln und wurden trocken.

Nach etwa zehn Minuten erhob er sich, zahlte ohne ein Wort zu sagen, drehte  sich für einen Augenblick zu mir, so dass sich unsere Blicke trafen. Sein Gesicht war schön, selbst im Zwielicht aus Herbstgrau, Neonlicht und dem Schatten, den seine Kapuze über sein Antlitz warf. Mattblonde Haarsträhnen umrahmten sein Gesicht; volle Lippen, eine kleine weiche Nase und Augen, deren blaugraugrün eine Ruhe aussendeten, die sich in mir spiegelte, als würden helle Worte in einer dieser mattschattigen orthodoxen Kirchen Sibiriens den Raum füllen. Seine im Grunde ausdruckslosen Ruheaugen schienen alles Denkbare gesehen zu haben. Indes gereichten sie mir zum Leid. Denn ein solcher Blick, da war ich mir sicher, konnte nur Beliebigkeit bedeuten und zwar die alles negierende Beliebigkeit des Seins. Früher hatte ich mich immer darüber empört, dass das Sein eben „Sein“ hieß und nicht etwa „Ihr“, genauso wie es die Erde und nicht die Siede heißt. Sein Blick tilgte diese Empörung, die Welt war tatsächlich männlich. Er ging.

Ohne zu zögern stand ich auf, zog meinen Ledermantel an, warf mir mein Tuch um den Hals, zahlte hastig und schritt auf die Straße. Er war fort. Die Straße war lang, in so kurzer Zeit hätte  er es unmöglich bis zur nächsten Ecke schaffen können. Ich war verwirrt, ging zurück ins Café. Seine Tasse stand nach wie auf dem Tisch, an dem er gesessen hatte, also konnte ich ihn mir nicht eingebildet haben. Mein Herz schlug allmählich langsamer, ich trat erneut zur Tür hinaus und blickte mich genau um. Von ihm keine Spur, nichts, nada. Ich drehte mir eine Zigarette, zündete sie an, nachdem ich mein Feuerzeug gefunden hatte und sog den Rauch tief in meine Lungen. Ich wusste, ich würde nach Hause gehen und mir einen Joint drehen. Langsam ging ich die Straßen entlang, ich hätte die Straßenbahn nehmen können, konnte mich aber nicht dazu durchringen. Nieselregen setzte ein und plötzlich besann ich mich darauf, dass mir der Kapuzenmann bekannt vorkam. Ich werde ihn schon einmal gesehen haben müssen, dachte ich, nur wo und wann? Ich durchforstete mein Gedächtnis, meine Erinnerungen und die gelegentlichen Tagträume, aber niemand, der mir in den Sinn kam, kam auch nur annähernd in Frage der Kapuzenmann gewesen sein zu können. Ich passierte einen kleinen Park. Im letzten Herbst hatten Johannes und ich uns hier ausgelassen in die Laubhügel geworfen, die die Stadtreinigung hatte auftürmen lassen. Wir haben uns mit klammem Laub beworfen, waren einander ausgewichen um uns zu finden, lachten und küssten einander. Johannes hatte es Laubtaumeltanz genannt, seine Wangen glühten noch, als wir in meiner WG ankamen. In meinem Zimmer war es wie immer kalt gewesen, er wollte mich wärmen, war übermütig glücklich. Mich erschauderte die Lust, mit der er mir über mein Haar strich, mich entkleidete und liebkoste. Wir waren seit Jahren ein Paar und noch immer faszinierten ihn meine Brüste und Achselhöhlen, meine tief liegenden Schlüsselbeinknochen, der Leberfleck in meinem Bauchnabel. Behutsam streichelte er mich, tastete sich entlang imaginärer Fahrrinnen auf meinen Schenkeln. Doch warm wurde mir nicht. Mir wurde schal zumute, trotzdem ließ ich ihn gewähren. Es war nicht das erste Mal, dass mich sein Glück an meinem stummen Körper überfordert hatte. Ich war immer wieder erstaunt und perplex wie einfach es war ihn glücklich zu machen. Es reichte vollkommen aus, dass ich mich nackt auf meine Matratze legte, meinen Mund ganz leicht öffnete und ihm direkt in die Augen blickte. Er sagte er liebe mich, drang langsam in mich ein und genoss unsere Bewegungen. Als er in mir kam, hielt ich ihn fest umschlungen. Ich hielt ihn fest und hielt es aus. Zwei Wochen später trennte ich mich. Er verließ meine Matratze, den Park, die Stadt. Bekannte meinten er unternehme eine Weltreise und dass es ihm in Buenos Aires sehr gut gefalle. Ich wusste, dass er zu empfindsam war um Buenos Aires zu mögen, obwohl ich selber noch nie dort gewesen bin.

Als ich vor meiner Wohnungstür ankam, war es bereits dunkel. Ich schloss die Tür auf, streichelte meinen Kater, gab ihm zu fressen. Außer mir war niemand zuhause. Der Kapuzenmann ging mir nicht aus dem Kopf, sein Rücken, seine Schultern, seine Augen sah ich unbeirrt vor mir, sobald ich meine Augen schloss. Ich setzte mich auf das Küchensofa, baute mir einen Joint und zündete ihn an. Ich war nicht imstande einen klaren Gedanken zu fassen, ging aufs Klo, vermied es mich im Spiegel anzusehen, ging erneut in die Küche zu Kater und Joint. Es half nichts. Ich ging in mein Zimmer und trat ans Fenster. Draußen war es stockduster und regnete. Trotzdem sah ich ihn. Er sah zu mir hoch, ich war mir ganz sicher.

Es schien sogar als lächelte er, ganz und gar unnosographisch. Erneut wurden meine Lungen schwer. Ich konnte für Sekunden nicht atmen. Er schritt indes auf meine Haustür zu, wenig später klingelte es. Benommen ging ich über den Flur zur Tür und öffnete. Da stand er, groß und durchnässt. Er blickte mir in die Augen und ich meinte mein Herz bliebe stehen. Ich konnte weder sprechen noch mich bewegen. Lange schien mir, verharrten wir so. Schließlich wandte er seinen Blick ab, musterte mich, den Joint in meiner linken Hand und den Kater, der sich hinter mir positioniert hatte. Ernst fragte er mich wann ich geboren sei. „Mitte Juli“ stammelte ich. „Also bist du Krebs vom Sternzeichen?“ raunte seine Stimme unter der Kapuze. „Ja“, sagte ich klamm. Er lächelte matt, vollkommen souverän und wendete sich um. „Du bist noch nicht reif“, sagte er schlicht, „mit dir hat es noch keinen Sinn.“ Ich sah ihm nach, wie er die Treppenstufen hinunter ging, dann rannte ich an mein Fenster um ihn auf der Straße zu sehen. Er war fort. Ich sank auf meiner Matratze zusammen, weinte gleichmäßige salzige Tränen.

Zwei Wochen später erhielt ich eine Postkarte aus Buenos Aires. Auf ihr stand: „das Wetter ist wechselhaft.“

Ein neuer Beginn

Von gleichklang am 8. Februar 2010 veröffentlicht

Eigentlich wusste er selbst nicht, warum, als er die Web-Adresse www.Gleichklang.de in den frühen Morgenstunden  in den Browser seines Laptops eintippte.  Seit dem Unfall waren erst 3 Wochen vergangen. Für ihn war es aber, als ob es  erst gestern  geschehen wäre. Oder war es nur ein böser Traum?  Würde Bernd morgen zur Tür hinein kommen? Als ob nie etwas gewesen wäre?

Irgendwie riss ihn der Zettel, den er in Schublade fand,  aus seiner Lethargie: “Partneragentur verspricht Hilfe auch bei schwierigen Fällen – Nur ernsthaft Suchende, keine toten Profile” . Er arbeitete sich durch die Fragen, beantwortete , ob er auch eine platonische Beziehung suche, ob er sich für BDSM interessiere, ob er Vegetarier, alleinerziehend, psychisch oder körperlich behindert sei, ob er sich esoterisch oder spirituell interessiere und unzählige weitere Fragen. Sogar war anzugeben, ob er sich eine Partnerschaft mit einem Intersexuellen oder Transsexuellen vorstellen könne. Nach einem Klick auf die 9,90 EUR Start-Gebühr, hieß es, Partnervorschläge würden über Nacht zugestellt.

Sofort nach dem Aufstehen war er wieder am Rechner und tippte erneut das www.Gleichklang.de ein. “Bernd” und “Ichliebedich” hießen Benutzernamen und Passwort. “Sie haben einen Partnervorschlag”, hieß es und schon flimmerte das Profil der ihm vorgeschlagenen Person auf. 32 jahre alt, also 2 Jahre älter als er, groß und schlank, computerbegeistert und sportlich aktiv, mit Interessen an Kunst und Literatur. “Genau wie Bernd”, dachte er noch, als das Foto auch schon auf dem Bildschirm erschein.  Schwindelig und wie benommen las er den freien Text: ” Ich bin ein lebenslustiger 32 Jahre alter Typ, noch in fester Beziehung, aber zu einem Neustart entschlossen. Bis du bereit? Dann schreib mir ganz schnell! “.  Login-Info: “Das letzte mal eingeloggt vor 21 Tagen”.

Der Isländer

Von twenni am 26. Januar 2010 veröffentlicht

Ich beschloss, diesen Sommer allein in den Urlaub zu fahren. Warum auch nicht, schließlich war ich noch nie allein irgendwo hingefahren. Also wird es Zeit, dachte ich. Island wäre gut, da gibt’s eine Menge Island Pferde. Ich liebe Island Pferde. Ein Pferdehof schien mir genau das richtige zu sein, reiten kann ich ja sowieso und das hatte ich ohnehin lange schon wieder mal vor.

Meine Maschine landete bei bestem isländischen Wetter in Reykjavik.  Es war ein sonniger Tag bei gemäßigtem Wind und den typischen fünfzehn Grad Lufttemperatur. Mir war etwas mulmig zumute, so ganz allein in diesem fremden Land. Hoffentlich komme ich hier klar, ich kenne ja niemanden hier, dachte ich. Doch ich schob die Zweifel beiseite und steuerte auf ein parkendes Taxi zu. Der Fahrer war sehr freundlich und verstand mich zudem auch noch gut. Wir fuhren in Richtung Reiterhof, der etwa 30 Kilometer südlich von Reykjavik gelegen war und wo ich ein Appartment gebucht hatte.
Ich war von der bizarren Natur des Inselstaates beeindruckt. Die Landschaft aus Lavawüsten, Seen, Wasserfällen und zerklüfteten Fjorden muteten abenteuerlich, aber auch romatisch an. Ich versuchte mir gerade vorzustellen,wie es wohl wäre hier zu leben, als wir auf “meinem” Reiterhof ankamen.

Das Gestüt sah fast so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zwei Ställe, ein großes Wohnhaus mit angrenzendem Wirtschaftsbereich und einige kleinere Nebengebäude, alles im skandinavischen Stil und angrenzende, schier endlos wirkende Weideflächen mit saftigem grünen Gras, an dem sich eine Herde Island Pferde labte.
Ein blonder Mann mit freundlichem Lächeln, den ich auf Mitte dreißig schätzte, kam auf mich zu.  “Mein Name ist Brynjar”, stellte er sich in erstaunlich gutem Deutsch vor und drückte meine rechte Hand fest, aber auch nicht zu kräftig. “Ich heiße Anne”, antwortete ich und begann zu überlegen, ob Brynjar nun sein Vorname oder sein Familienname sei. Er sah mich mit seinen stahlblauen Augen durchdringend an. Als würde er Gedanken lesen können, sagte er: “Brynjar ist übrigens mein erster Vornahme, bitte nennen Sie mich so. Aber erstmal herzlich Willkommen auf Island und meinem Hof. Ich zeige ihnen gleich ihr Appartement”. Ich fühlte mich irdendwie ertappt. Brynjar verunsicherte mich und ich vermochte es nur schwer, mich von seinen Augen zu lösen. “…ähh ja” gab ich irretiert zur Antwort. Er nahm mein Gepäck von dem Taxifahrer entgegen und ich zahlte die Fahrt. Während der blonde Isländer mit meinen Taschen in Richtung eines der Nebengebäude ging, viel mir sein schlanker, aber gleichermaßen auch zäh-kräftiger Körperbau auf. Die Adern seiner Unterarme traten unter der Last meines Gepäcks markant empor. Brynjar gefiel mir irgendwie.

In den folgenden zwei Wochen erkundete ich auf meinen Ausritten die Umgebung und beobachtete das Treiben auf dem Hof. Besser gesagt, beobachtete ich bei eigentlich jeder Gelegenheit Brynjar. Ich hatte mich in ihn verliebt. Ich lief ihm schon auffällig oft “zufällig” über den Weg, hoffend auf eine Situation, die mich ihm näher bringen würde. Dann endlich fragte mich Brynjar, ob es mir etwas ausmachen würde, heute Abend im Stall auszuhelfen. Eine Stute stand kurz vor der Geburt eines Fohlens und der Stalljunge, der sonst bei Geburten immer dabei war, lag mit Fieber krank im Bett. Natürlich sagte ich zu, lehnte aber seine vorgeschlagene Bezahlung ab.

Die Geburt des Island- Fohlen verlief ohne Komplikationen. Nachdem sich der Tierarzt verabschiedet hatte, holte Brynjar eine Flasche eines mir unbekannten Schnaps und zwei Gläser. “Lass uns auf das Neugeborene anstoßen, das ist so Brauch bei uns”, schlug er vor und ließ sich in einer Ecke auf einem Strohballen nieder. Er schenkte uns beiden ein und bedankte sich, sichtlich erschöpft, für meine Hilfe. Wir tranken. Brynjar erzählte davon, wieviel Arbeit und Entbehrung ihm das Gestüt abverlangte und dass er stolz war, den elterlichen Pferdehof unter den widrigen isländischen Bedingungen zu einem gefragten Zuchtgestüt und beliebten Urlaubsort für europäische Touristen gemacht zu haben. Ich hörte ihm gespannt zu, sog jedes Wort auf und fühlte mich wie durch eine magische Kraft von ihm angezogen. Nach dem vierten Glas des seltsam schmeckenden Getränks ließ ich meinem Bedürfnis freien Lauf und lehnte mich an seine Schulter.  Ich begann, sanft seine Haare zu kraulen. Er reagierte überhaupt nicht. Nicht abweisend und nicht annähernd. Männer werde ich wohl nie verstehen, dachte ich. Warum küsst er mich nicht, reißt mir nicht die Kleidung vom Körper oder sonst was, fragte ich mich.

Doch just, als ich schon einen Anflug von Liebeskummer zu fühlen begann, erwiderte Brynjar meine Liebkosungen. Ich spürte seine kräftige Hand auf meinem Rücken und er zog mich an sich. “Lass uns in dein Appartment gehen…” murmelte er leise. Wir gingen. Die Nacht war wunderschön.

Die nächsten Tage kamen wir uns noch häufig sehr nahe und ich genoß die letzte Zeit auf dem Hof mit ihm. Dann kam der Tag des Abschieds. “Besuchst du mich mal in Deutschland?”, fragte ich Brynjar. “Ja gerne”, antwortete er. “Aber du solltest wissen, dass meine Frau nächste Woche aus Dänemark zurück kommt”. Dann schwieg er. Ich stieg wortlos in das wartetende Taxi und schaute mich nicht mehr um.