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Archiv der Kategorie ‘Romantik’

Glauben, Meinen und Wissen

Von GabiEP am 22. Mai 2008 veröffentlicht

Ich glaubte, als ich träumte, dachte ich, dass ich ihren schlanken, warmen Körper in mich eingerollt atmen spürte, indem sich Brustkorb sanft ausdehnte und wieder in sich zusammenfiel. Ich tat alles, um nicht doch in betrügerischen Schlaf zu fallen, da ich keine Nanosekunde des Spürens dieses atmenden Fleisches versäumen wollte, dachte ich, als ich glaubte, dass ich träumte. Ich glaubte, als ich träumte, dass ich mich frug, ob es mir gelänge, unseren Herzschlag willentlich zu synchronisieren, indem ich meinen Atem anhielt oder in kürzerer Frequenz kleine Atemstöße einsog und ausspieh.

 

Ich glaubte, als ich träumte, dachte ich, ich hätte sie nicht verdient und man würde mich deshalb strafen, hart bestrafen, weil ich sie geschändet, ihr meine ganze Liebe geschenkt und die ihrige anzunehmen gewagt hatte. Man müsste sie noch weitaus stärker lieben als die stärkste Liebe, dachte ich, als ich glaubte, dass ich träumte. Ich glaubte, als ich träumte, dass ich mich frug, ob Liebe gesättigt sein könne, bis hin zum Überdruss und Ekel. Darüber schlief ich ein, dachte ich, als ich träumte.

 

Als ich aufwachte, dachte ich, ich glaubte, dass jeder Mensch einen anderen Menschen brauche, erst zweisam menscht der Mensch, könnte man meinen, als ich träumte. Nur die Liebe existiert auf allen Bewusstseinsebenen gleichermaßen, gleichzeitig, gleichgültig. Ich glaubte, ich dachte, dass ich aufgewacht war, als ich meine Einsamkeit spürte, zunächst als kalten, immer eisiger werdender Lufthauch, dann als Dekonstruktion der Differenz zwischen Mensch und Tier, als antiintelligible, reine Sorge um sich selbst. Was stellt das Alleinsein mit dir bloß an, fragte ich mich weinerlich selbstbesorgt, als ich dachte, ich glaubte, ich sei aufgewacht. Könnte man doch nur schlafen, seine eigene Einsamkeit verschlafen, forderte ich, bevor ich entschlief.

 

Ich glaubte, als ich träumte, dachte ich, kein Wort, das je über Mann und Frau gesprochen wurde, sei wahr – nicht gelogen, aber auch nicht wahr. Die Liebe ist ganz anders, sie bedarf nicht einmal eines Selbstzweckes, sie ist einfach und begründet damit alles Seiende, spekulierte ich, als ich träumte, dass ich denke.

 

Ich glaubte, als ich träumte, sie läge atmend bei mir, dass ich dachte, es bestünde die Gefahr, sich auszulieben, sich zu überlieben, doch dehnt sich der heterotopische Raum der Liebe umso stärker aus, je tiefer man in ihn eindringt. Als verorteter Nicht-Ort verbleibt die Liebe immer, was sie ist, ohne Selbstzweck, ohne Sinn, ziellos, erfüllt, ganz sich selbst, träumte ich, als ich glaubte, dass ich dachte. Die Liebe eines anderen Menschen ist der einzige Weg für ein holistisches, wahrhaftiges Kennenlernen der Welt, alles andere bleibt Fragment, Rudiment.

 

Während ich träumte, überlegte ich mir, dass ich mich frug, welche eine Kraft das Verlieben eigentlich darstelle, ja, es müsse doch eine Kraft sein oder so etwas, eine Kraft, welche die Welt im Innersten … nein, das wohl doch nicht, dachte ich mir, als ich glaubte, dass ich träumte. Sich ganz an ihr festzulieben, sich in sie hineinzulieben – das müsste das größte Glück sein.

 

Jeder glaubt, wenn er träumt, dass er glaubt, er habe unglaublich viel Liebe zu geben, die nur von irgendjemandem abgerufen werden müsse, quasi wie einen sehr großen Lagerbestand, luxuriös zwar in Zeiten des Just-in-time, doch nicht verringerbar ohne eine feste Partnerschaft, eine Partnerschaft, die jeder erträumt, wenn er glaubt, was er sich wünscht, wenn er denkt.

 

Ich glaubte, als ich träumte, dachte ich, dass kein größeres Glück denkbar sei als einen Menschen zu lieben, so sehr zu lieben, dass man auch den Menschen liebt, den dieser Mensch aus einem selbst gemacht hat durch seine Liebe und dadurch, dass er sich lieben lässt. Die translatorischen Verluste sind erheblich zu hoch, wenn man die Liebe sprachlich zu fassen sucht, da sie ein ganz eigenes Zeichensystem darstellt, das sich gewaltsam gegen jede Entzifferung zu sperren sucht, dachte ich, als ich glaubte, dass ich träumte. Wie eine Krypta, die als solche nur im Verborgenen existiert, wie ein Mythos, der nur in der Vorgeschichte leben kann, wie das Nichts, das niemals Bedeutung erlangen können wird, bleibt die Liebe so sehr rätselhaft, dass man ihr mit keiner Kryptonymie ihr näher kommen kann, verglich ich, als ich träumte, dass ich dachte. Die Liebe ist hermetisch und doch für alle offen, sie überkommt alles und jeden, macht farbloses bunt, verleiht Sinn und Bedeutung zugleich, ist also zugleich Referent und dessen Bezeichnung.

 

Ein Traum hat nicht dieselbe Bedeutung wie die Realität, dachte ich, als ich realisierte, dass ich glaubte, dass ich träume. Wie aber kann Bedeutung hierarchisiert oder sonstwie bewertet werden, wenn die Bewusstseinsebenen gar nicht mehr bewertbar, untrennbar verschmolzen sind, frug ich mich, als ich träumte, dass ich dachte. Das Verlieben ist eine Art Dating mit der Unendlichkeit, mit dem ganz Großen, dessen man niemals gewachsen sein könnte, das man aber dennoch, Sisyphos gleich, unablässig sich einzuverleiben sucht. Der größte Feind der Liebe, träumte ich, als ich glaubte, ich denke, ist keineswegs der Hass. Die Liebe und der Hass sind einfach sehr verschiedene Brüder, die sich nicht mögen aber unabhängig voneinander existieren können: Man kann also sowohl gleichzeitig lieben als auch hassen, Hass und Liebe haben den gemeinsamen Feind, dachte ich, dass ich träumte, dass ich glaubte: die Gleichgültigkeit, nur die Gleichgültigkeit kann die Liebe besiegen und auch den Hass, unmöglich kann man nur die Liebe oder nur den Hass besiegen, nein, man kann nur beides gleichzeitig zerstören, das ist ja das Schlimme, beklagte ich, als ich träumte, dass ich dachte.

 

Und dann plötzlich drehte sich alles: Ich glaubte, dass ich träumte, dass ich dachte, der Traum sei vorbei. Eine Sekunde lang, hoffte ich, dass ich glaubte, ich selbst könne über die Beendigung des Traums bestimmen oder seine Dauer zumindest etwas beeinflussen, nur ein Weilchen noch, bitte, bitte, nur eine Minute. Aber ich war mir gar nicht sicher, ob ich weiterträumen wollte, dachte ich, als ich träumte, dass ich glaubte. Ich meinte, es sei die reine Liebe, welche mich als einzige es vermöchte, mich aus dem Traum zu wecken, aus einem Traum der Einsamkeit und der Kälte, während einem der Alb auf der Brust das Leben allmählich ausdrückt, die Animierte entgleitet, der letzte Hauch schwindet, dachte ich, während ich träumte, dass ich glaubte, dass ich stürbe.

Der schwere Gang

Von Karsten am 30. März 2008 veröffentlicht

Als ich gestern mit meinen Eltern redete, ihnen sagte, dass ich den Studienplatz in der Schweiz bekommen habe, sollte es eigentlich ein Tag der Freude sein. Meine Mutter nahm mich auch gleich in die Arme und freute sich für mich so sehr, dass ihr sogar die Tränen in den Augen standen.

Als sie mir dann ins Gesicht sah, bemerkte sie meine ernsten Gesichtszüge, die zwar auch Freude, aber auch traurige Züge enthielten. Fragend sah sie mich an und mein Vater sagte aus dem Hintergrund, dass ich noch jung sei und mein Freund bald vergessen würde.

Ich dachte aber die ganze Zeit nur daran, dass ich ihn lange nicht mehr sehen würde, vielleicht auch unsere noch junge Liebe vorbei sein könnte, bevor sie überhaupt richtig angefangen hätte. Meine Eltern waren mit den Eltern meines Freundes sehr gut befreundet und sahen es eher als Freundschaft an, was mich mit meinen Freund verband.

Heute wachte ich früh auf, weil ich eher als sonst zur Schule wollte und Frank, so hieß mein Freund abfangen wollte. Ich wollte ihm schonend beibringen, dass sich unsere Wege für eine ganze Weile trennen würden und hatte auch sehr viel Angst vor seiner Reaktion.

Ich duschte schnell und setzte mich an den Frühstückstisch, wo mir unsere Katze um die Beine streichelte. Sie schien mich trösten zu wollen, als wen sie ahnte, welch schwerer Gang zur Schule mir bevor stand. Nach nur einer halben Stunde, in der ich schnell eine Schale Müsli lustlos hinunter würgte und einen Kaffe trank. Kam meine Mutter mit einen etwas seltsamen Gesichtsausdruck in die Küche, die den hinteren Teil unserer Wohnung bildete.

Ich verabschiedete mich kurz und zog meine Jacke an, um kurz darauf die Wohnung zu verlassen und meinen schweren Gang anzutreten.

Um so näher ich der Schule kam, umso langsamer wurden meine Schritte. In Gedanken überlegte ich mir die Worte, die ich Frank sagen wollte. Immer wieder warf ich ganze Sätze um, weil ich ihm das Gefühl geben wollte, mich zu verstehen. Das Studium bedeutete mir sehr viel, weil es ein Wegweiser für meine berufliche Zukunft war.

Schon von weitem sah ich, wie Frank auf der kleinen Bank vor unserer Schule saß und in Gedanken versunken vor sich hin sah. In der Hand hielt er einen Brief, den er scheinbar nur ansah, aber nicht las.

Plötzlich schaute er auf und sah mich kommen. Sein Gesicht blieb aber ernst und er kam auch nicht wie sonst, auf mich zu, sondern wartete sitzend auf mich. Ein Lächeln abringend nahm ich ihn die Arme, weil ich ihn nicht ansehen wollte, wenn ich ihm die schlechte Nachricht unserer Trennung sagte. Mein Blick führte dabei an seinem Rücken nach unten zu seiner Hand, die den Brief hielt, den er vorhin so ernst angeschaut hatte.

Meine tränenden Augen sahen den Brief nur verschwommen und wie aus weiter Ferne hörte ich seine Worte, die keinen Sinn ergaben und nur Worte in bedeutungslosem Zusammenhang waren.

Ich wischte mir über die Augen und las ein Wort im Briefkopf, das ich gestern sehr oft vor mich hin gesprochen hatte, weil es mein Leben verändern sollte.

Nach genauerem hinsehen las ich die Adresse, die oben stand und hatte vor meinem geistigen Auge den gleichen Brief, der zu Hause in meinem Zimmer lag.

Seine Worte wurden für mich nun deutlicher und als das Wort Schweiz fiel, fing ich hemmungslos an zu weinen. Frank nahm diesen Gefühlsausbruch mit Trauer auf, weil er glaubte, ich weinte wegen unserer bevorstehenden Trennung.

Lautstark hörte ich meinen Namen, der aber nicht von Frank gesprochen wurde, sondern von meiner Mutter, die zusammen mit meinem Vater und den Eltern von Frank, die Strasse entlang auf uns zu kamen. Mit unsicherem Blick schaute Frank auf mich und dann auf die uns entgegen kommenden Eltern. Meine Mutter hatte meinen Brief in der Hand und als Frank ihn erkannte, verschlangen wir uns in den Armen und lachten beide vor Glück. Wir würden beide die Reise zusammen antreten.