Archiv der Kategorie ‘Sonstiges’
Von Robin_7 am
28. August 2010 veröffentlicht
Es war eine kalte Samstagnacht. Halb 12, die Oper war zu
Ende. Endlich, wenn es nach Jessica Brayden ging. Die 32-jährige, sehr gut
aussehende, blonde Frau ging mit ihrem Begleiter für diesen Abend, John
Christofersen durch eine der unzähligen Seitenstraßen in New York City. Er war
dabei sie nach Hause zu geleiten, nachdem sie ihn nett lächelnd darum gebeten
hatte. Sie lachten miteinander und flirteten, was mindestens gleichermaßen oft
von ihr aus ging, wie von ihm. Dabei war er eigentlich überhaupt nicht ihr Typ.
Ihre Verflossenen bestanden allesamt aus demselben Muster: Meist um die 1,90
Meter hoch, muskulös, dunkelhaarig und mit einem leicht südländischen Touch
versehen. Doch dieses mal war alles anders. John sah zwar ganz nett aus, doch
er wirkte auf Jessica einfach eher wie ein Kumpeltyp. Nicht wie jemand den sie
aufforderte Sie nach Hause zu bringen, um danach mit ihm ins Bett zu steigen.
Er war, wenn überhaupt, großzügige 1,75 Meter groß, käse-weiß, und wirkte des
Weiteren nicht gerade sportlich. Doch er brachte sie heute Nacht nach Hause.
Auf einmal wurden beide aus ihrer kleinen Konversation herausgerissen, als etwa
3 Meter vor ihnen zwei prallgefüllte Mülleimer umkippten. Jessica blickte zu
John herüber und konnte den Schrecken sehen, welcher ihn gerade heimgejagt
hatte. “Alles in Ordnung bei dir? “, fragte sie ihn schließlich. Er
riss sich zusammen und antwortete in einer noch etwas hohen Tonlage:” Ja,
selbstverständlich! ” Seine Erleichterung war für sie deutlich spürbar,
während sie neben ihm stand, als sie sahen, dass eine streunende Katze zwischen den Mülleimern hervorkam. Jessica
dachte sich in diesem Augenblick nur eines, und zwar wie ein so riesiger
Angsthase und ein so großer Depp, wie John einer war nur so viel Geld machen
konnte, wie er es tat.
Sie wollten sich gerade wieder in Bewegung setzen, als es
hinter ihnen plötzlich unüberhörbar „Klick“ machte. Etwas irritiert drehten
sich die beiden um 180 Grad herum und blickten einem gänzlich vermummten Mann in die Augen, der aufgeregt mit einem
Revolver auf sie zielte.
„Oh mein Gott, bitte erschießen Sie mich nicht. Ich schwöre
ihnen ich gebe ihnen alles was sie wollen“, begann John mitleidswürdig zu
stammeln.
„Halt deine scheiß Klappe“ war die bellende Antwort des
Straßendiebes.
„Lass sofort dein Portemonnaie rüber wachsen“.
John reagierte sofort und warf ihm seine immer prallgefüllte
Brieftasche zu.
„Und deine Uhr will ich auch. Na wird’s bald“
Nachdem John all seine Wertsachen überreicht hatte, machte
sich die vermummte Gestalt schnellstmöglich aus dem Staub. Im Gegensatz zu
ihrem Begleiter war Jessica während der gesamten Situation vollkommen ruhig und
gelassen geblieben. Komischerweise hatte der Dieb auch nicht nach ihrer
Brieftasche verlangt. Doch daran konnte der innerlich und emotional völlig
aufgewühlte John in diesem Moment keinen Gedanken verschwenden. Er wollte den
Fall umgehend der Polizei melden, weshalb er sich bei Jessica, immer noch
leicht zitternd entschuldigte und sich auf dem Weg nach Hause machte, da er
seines Handys ebenfalls entledigt worden war. Endlich froh diesen Tollpatsch
los zu sein schlenderte Jessica durch New Yorks Straßen zu ihrer Wohnung
zurück. An ihrem Haus angekommen stieg sie in den Fahrstuhl, um zu ihrer
Wohnung im 16. Stock zu gelangen. Vor ihrer Haustür angekommen hörte sie dass
der Fernseher im Inneren der Wohnung lief und sich dort jemand bewegte. In
völliger Ruhe schloss sie die Tür auf und trat ein. Nachdem sie die Tür hinter
sich geschlossen hatte, sah sie sich dem Mann gegenüber, welcher ihren
Begleiter vor etwa 15 Minuten noch ausgeraubt hatte. Er trug keine Skimaske
mehr um sein Gesicht zu vermummen.
Jessica lächelte ihn an. Der Mann war 1,90 groß, muskulös, hatte dunkle Haare und
einen leicht südländischen Touch…
Von dolphin12 am
11. August 2010 veröffentlicht
Wir schreiben das Jahr 1974 n. Chr., die ganze Welt ist vom WM-Fieber infiziert, die ganze Welt…? Ja, sogar das kleine deutsche Dorf…! Sie glauben es nicht? Dann lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen.
Basel/Weil am Rhein(Dreiländereck) 14. Juni 1974
Für gewöhnlich sprach mein Opa nicht, und in Ausnahmefällen schwieg er sogar! Ich, damals zehn Jahre alt, dagegen war das was man einen „Schnurri“ nannte. Als meine Mutter und ich bei meinen Grosseltern ankamen, verschwand mein mittlerweile seliger Opa augenblicklich in sein „Refugium“. Um ihn in die Küche zu locken, wo meine geschwätzigen Tanten bei Kaffee und Kuchen inne hielten, bediente ich mich eines Tricks. Ein stinkendes Etwas mit Namen „Münsterkäse“ musste dafür herhalten. Schlurfende Schritte, ein scharfer Blick, das Käsemesser in Reichweite. Opa nahm den Käse aus meiner Hand lächelte und fragte: „Willst Du auch ein Stück?“ Natürlich wollte ich.
Man sollte wissen, Gefühlsregungen dieser Art waren nahezu inexistent bei ihm.
Seine Handbewegung befahl mir ihm zu folgen. Im Wohnzimmer schaltete er den Fernseher ein.
Fussball-WM; Deutschland gegen Chile.
Opa`s Zeigefinger bewegte sich unendlich langsam zu seiner rissigen Lippe, um mir anzuzeigen dass ich zwar zusehen durfte, aber schweigen sollte. Ehrfürchtig und ohne einen Ton zu sagen, setzte ich mich hin und sah mein allererstes WM-Spiel.
Das Geschehen plätschere so vor sich hin. Selbst für fussballverrückte Schreihälse kein Grund für Emotionen. Die 18. Minute, Paul Breitner der bayrische Querdenker schnappt sich den Ball und zieht aus rund 22 Meter ab. Die Kugel nistet sich im Lattendreieck ein. 1-0 für Deutschland.
Mein Opa springt auf als hätte er sich den Allerwertesten Gotts jämmerlich verbrannt und schreit aus Leibeskräften: „Tor..Tooor..Jaaa..Toor endlich!“ Ich höre ihn heute noch, 36 Jahre später, vor Freude schreien. Mit offenem Mund und schwer verwirrt starre ich meinen Grossvater an. Wer ist diese Person? In diesem Moment verwandelte die Macht des Fussballs diesen stummen alten Mann in ein schreiendes „Ich weiss nicht was“. Dreissig Sekunden später, sass mein Grossvater ruhig und keine Mine verziehend wieder in seinem Sessel.
In jenen Junitagen, wurde ich infiziert vom leidenschaftlichen und unerklärlichen Fussballvirus. Der Überträger war mein Opa, dafür bin ich ihm auf ewig dankbar. Heilung ausgeschlossen.
Fabio Del Bianco
ANNO DOMINI 2010
Von dolphin12 am
11. August 2010 veröffentlicht
Cup Viertelfinal 1989 Basel vs. Aarau.
In jenen Tagen bewegten wir Basler uns im Elend der Nationalliga B.
Die Tristesse hatte an diesem Tag mal Pause. Erwartungsfrohe Fans bewölkerten das Joggeli. Chris und ich gehörten auch dazu. Um die Spannung gleich mal raus zu nehmen, Basel verlor mit 0-2.
Ein Ex Basler versetzte die Massen in Rage. Adrian Knup wurde an diesem Abend zum unwiderruflichen Judas. Er hatte doch tatsächlich den Magen beide Tore gegen unseren FCB zu schiessen. Dieser Verräter freute sich sogar noch. Die Basler Volksseele kochte.
Vorallem meine tat`s. Was für ein trauriger Mist, wieder nichts mit Freude und feiern. Die Vergangenheit wurde an diesem Abend wieder einmal von der Realität eingeholt. Der Stich in mein Basler-Fussball-Herz war tief und bitter.
Dieser Judas MUSSTE bezahlen, wir wollten ihn alle beim Ausgang abfangen. Wir stampften zu unserem finalen Ziel.
Jetzt begann ich sogar noch zu singen, ich schrie eher. “Aarau muss brennen, Aarau muss brennen”. Mein Freund Chris schaute mit einem belustigten Blick zu mir und schrie mit. In dem Moment wussten wir beide, was für ein hirnlosen Schrott wir da von uns gaben. Aber es gefiel uns so primitiv zu sein. Es befreite uns vom Frust der Niederlage
Die Anderen die mit uns stampften, schauten voller Einvernehmlichkeit zu mir, und schrien noch lauter: “Aaarauuu musss brennnen”!!
Die meinten es wohl Ernst, na ja wohl ernster als ich und Chris.
Als dann Adrian Knup rauskam und zum Mannschaftsbus des FC Aarau lief, er tat dies etwas schneller als gewöhnlich, schrien wir uns die Lunge aus dem Leib. “Judas, Judas” hörte ich mich brüllen.
Im Endeffekt kratzte ihn und den FC Aarau das Gekrätze wenig bis gar nicht. Die Stadt Aarau wurde auch nicht abgefackelt, sie steht unversehrt dort wo sie stehen sollte.
Viel heisse Luft um den unsäglichen Frust zu bewältigen, Chris und ich fanden es lustig. Doch eigentlich war diese Art von Nachspielzeit nicht mein Ding. Es war jedoch interessant mich selbst dabei zu beobachten, wie ich scheinbar die Kontrolle über mich verlor.
Als wir letztendlich von Dannen zogen, sah ich meinen Cousin an einer Hauswand stehen. Arme und Beine gespreitzt und von der Polizei etwas intensiver begutachtet. Ich grüsste ihn, “Andi, alles klar wie geht`s?” “Gut Danke und Dir?”
“Scheiss Spiel” hörte ich mich noch sagen.
Fabio Del Bianco
Von Julka84 am
31. Juli 2010 veröffentlicht
Nun sitze ich hier, es ist 14.00 Uhr, und ich führe das erste Gespräch des Tages. Im Moment verkaufe ich Handyverträge an Leute, die das Pech hatten, an einem Gewinnspiel teilgenommen und damit ihre Adresse auf immer und ewig in Umlauf gebracht zu haben. Die Menschen sind erwartungsgemäß nur mäßig an einem Gespräch mit mir interessiert und meine Laune sinkt. Ich kann sie ja verstehen, diese Gewinnspielteilnehmer. Da schlägt man eine Zeitschrift auf und liest, dass man eine Reise gewinnen kann, die man sich sonst niemals leisten könnte. Das Rätsel dazu ist denkbar einfach und also macht man eben mal mit. Man hat ja schließlich nichts zu verlieren. Und das Kleingedruckte liest man sich selbstverständlich auch nicht durch. Geschätzte zwei Wochen später weiß man, dass man mal wieder rein gar nichts gewonnen hat, bekommt aber einen Anruf von einem netten Call Center Agenten, der leider so schlecht informiert ist, dass er nicht einmal weiß, welches Gewinnspiel es war, bei dem man seine persönlichen Daten verspielt hat, und einem beim Kauf von fünf Hackebeilen verspricht eines gratis dazu zu bekommen. Der Kunde A, der von all dem nichts wissen will, reagiert unter Umständen erzürnt, weil er doch mit dem Hackebeilunternehmen überhaupt nichts zu tun hat, sich verständlicherweise fragt, wie dieses an seine Nummer gekommen ist und verlangt, eben jene aus der Kundendatenbank zu entfernen. Was Kunde A eventuell nicht weiß, ist, dass er gar nicht mit einem Mitarbeiter des Hackebeilunternehmens gesprochen hat, sondern mit einer unterbezahlten Halbzeitkraft, die vor einem farbschwachen Monitor sitzt und die outgesourcte Aufgabe der Kundengewinnung übernehmen muss. Sie kennt weder AGB’s noch Geschäftssitz der Hackebeilfirma und muss nun unter den fünf ihr vorgegebenen Ablehnungsgründen den auswählen, der am meisten auf die Aussage des Kunden A passt. Wir erinnern uns: er wollte, dass seine Nummer aus der Firmendatenbank entfernt werde. Die unterbezahlte Halbtagskraft entscheidet sich für den Punkt „Kunde nicht gesprächsbereit“, verabschiedet sich höflich und wartet auf das nächste Gespräch. Die Nummer des Kunden A bleibt derweil selbstverständlich unangetastet und wird lediglich mit dem Vermerk versehen, sie nicht sofort im nächsten Turnus (was also heißen kann: in der nächsten Woche, im nächsten Monat, im nächsten Quartal etc.), sondern erst im darauf folgenden wieder zu verwenden. Nun hat Kunde A also für mindestens einen Turnus (eine Woche, einen Monat, ein Quartal) seine Ruhe, möchte man meinen. Aber nein, gemeinerweise hat oben erwähntes Gewinnspielmagazin seine Adresse nicht nur an das Hackebeilunternehmen verhökert, sondern auch an den Putzlappenfabrikanten, den Beate-Uhse-Versand und an das Marktforschungsinstitut „Bild dir deine Meinung“. Und damit hat Kunde A noch Glück. Denn er kann froh sein, dass jene vier laut herum posaunen, dass seine Daten bei ihnen in jedem Fall geschützt seien und nicht an dritte (haha) weiter gegeben werden. Kunde A wird also gepflegt- er ist Teil eines Programms namens Kundenpflege. Und wenn man seine Haustiere gut pflegt und striegelt, nun ja, dann geben sie auch Milch und legen Eier. So einfach ist das.
Während ich also dasitze und mir derlei Gedanken mache, führt Petra neben mir schon das dritte Gespräch und verkauft einen Handyvertrag. Unglaublich. Petra überzeugt nicht mit dem Produkt, Petra überzeugt mit Angst. Wirklich, wenn ich sie so telefonieren höre, dann habe selbst ich Angst, ihr irgendetwas abzuschlagen. Man befürchtet unwillkürlich, dass sie sich gleich in einen Werwolf verwandelt und einen auffrisst. Petra ist ca. 1,50 hoch und damit keine besonders furchteinflößende Gestalt, aber ich bin davon überzeugt, dass sie allein mit ihrer Stimme töten kann. Petra jedenfalls brüllt ihren Kunden an, ihr gefälligst die Bankdaten langsam und verständlich durchzugeben, hat damit den Auftrag im Sack und beendet das Gespräch mit zuckersüßer Stimme. Nachdem sie aufgelegt hat, schaut sie mich an und sagt: „Läuft nicht so gut heute, wa?“ Du spinnst doch, Petra, möchte ich erwidern, sage aber stattdessen: „Stimmt. Aber, naja, heut ist Freitag, da sind die Leute immer so gestresst.“ Nach diesem tiefgreifenden Wortwechsel wendet sich jeder wieder seinem Monitor zu und fährt fort, die Leute, die man eigentlich immer schon Kunden nennt, auch wirklich zu Kunden zu machen. Nun habe ich auch endlich mal jemanden dran. Vormittags ist es ja mit der Erreichbarkeit immer so eine Sache. Es ist eine Frau, etwa in meinem Alter, die tatsächlich so höflich ist, sich mein Anliegen bis zum Ende anzuhören. Fragen hat sie nicht mehr, Interesse aber auch nicht. Sie ist sehr freundlich und es macht mir Spaß, mit ihr noch ein wenig übers Wetter zu plaudern. Schließlich gibt sie zu, auch einmal in einem Call Center gearbeitet zu haben. Wusste ich es doch! Menschen, die einem a)zuhören, b)ablehnen können ohne unhöflich zu werden und c)es schaffen, sich auch noch freundlich zu verabschieden, kommen entweder selbst aus der Branche oder haben in irgendeiner Form mit Dienstleistung zu tun. Die nette Dame ist es sogar, die mir am Ende ein schönes Wochenende wünscht und nicht andersherum. Ich bin zufrieden. Verkauft habe ich zwar nichts, aber meine Laune ist wieder besser. Links neben mir sitzt Arnold. Das heißt er sitzt eigentlich nicht, sondern liegt in seinem Bürostuhl und singt vor sich hin. Arnold ist Doktor der Philosophie, man darf ihn aber nicht darauf ansprechen, sonst wird er sentimental und erzählt einem zum 500. Mal seine leidensreiche Lebensgeschichte. Er ist unglaublich gebildet und verwendet ein Vokabular, das ihm den Verkauf sichtlich erschwert. Ständig muss er gecoacht werden. In einem Schulungsmeeting hat er wohl einmal das Wort empathisch verwendet. Seitdem halten ihn viele für geistig verwirrt, weil sei denken, er hätte eigentlich sympathisch sagen wollen. Ich sehe aus dem Fenster. Draußen am Gebäude vorbei führt eine vielbefahrene Straße. Wir haben Herbst, es regnet, und ich finde die Stadt gerade alles andere als schön. Auch die Kunden sind gereizt, wenn die Sonne nicht scheint, und kaufunwilliger. Die Ironie ist, dass ich alles, was ich hier verkaufe, selbst nicht kaufen würde, und selbst wenn ich wollte, nicht könnte. Ich preise an und mache schmackhaft, was billig und geschmacklos ist und damit verdiene ich mein Geld. Zugegeben, es gab schon Dinge, die mich auch interessiert haben, die ich sogar selbst gekauft hätte, aber mich ruft einfach keiner an! Manchmal frage ich mich, ob irgendeine konspirative Briefkastenfirma den Auftrag erhalten hat, die Adressen von Telefonisten auf irgendeine rote Liste zu setzen. Ständig erzählen mir die Kunden, dass sie 10, 20 Mal am Tag belästigt werden, obwohl sie doch schon auf der Robinsonliste stünden. Ich kann mich an exakt zwei kommerzielle Anrufe erinnern, und der eine kam von meinem eigenen Internetprovider. Gegen diese Verschwörungstheorie spricht natürlich, dass wir hier zwangsläufig nur Menschen anrufen, die irgendwann einmal ihre Adresse verspielt haben und die cleveren, die AGB-Leser und Häkchen-in-Datennutzungshinweiskästchen-Entferner kriegen wir gar nicht an den Apparat. Jetzt spreche ich mit einer Dame um die fünfzig, Hausfrau, die mir von ihrem ruhelosen Gatten erzählt. Er habe schon wieder verreisen müssen und auch sonst sei er frühestens ab 10 Uhr abends zu erreichen. Sie selbst kenne sich mit den ganzen Sachen nicht aus, da sei ihr Mann zuständig und ob sie ihm denn etwas ausrichten könne. Nein, auch am Wochenende sei er nie zu Hause, da verlangt schon der Kegelclub nach ihm und ich dürfe zwar noch einmal anrufen, aber sie würde ohnehin jetzt schon sagen können, dass ihr Mann an derlei Gesprächen kein Interesse habe. Eine Frage stelle ich noch, um herauszufinden, ob die gute Dame überhaupt weiß, was für ein Gespräch ich mit ihrem Mann gern führen würde. Sie weiß es nicht, ist sich aber umso sicherer, dass das ihren Mann, der ja allein zuständig ist, nicht interessieren würde. Resigniert beende ich das Telefonat und klicke auf „Kunde nicht gesprächsbereit“.Wenn ich einmal annehme, dass die Kundin die Wahrheit gesprochen hat und das nicht alles nur gesagt hat, um mich abzuwimmeln, was natürlich sehr wahrscheinlich ist, dann werfen sich einige Fragen auf: Was für ein furchtbares Eheleben muss das sein, in dem man den eigenen Gatten, wenn überhaupt, immer nur ab 10 Uhr abends sieht? Welchem Stress muss dieser arme Mann haben, der erst einmal bis spät in die Nacht arbeiten muss und danach noch alle Fragen des täglichen Lebens beantworten muss, weil seine Frau ja nicht zuständig ist? Wie langweilig hingegen muss das Leben der Frau sein, die anscheinend keiner Arbeit nachgeht und sich noch nicht einmal um die häuslichen Angelegenheiten kümmert?? Sicherlich hat sie mich einfach nur loswerden wollen, aber wenn nur ein Fünkchen von ihren Schilderungen tatsächlich zutrifft, dann habe ich Mitleid mit ihr. Mit beiden. Vielleicht halten sie meine Interpretation für übertrieben, Sie kennen ja jetzt auch nur ein Gespräch. Aber wenn sie wüssten, wie viele untätige, gelangweilte und vor allem so gar nicht entscheidungsbefugte Ehefrauen ich in meinem Leben schon gesprochen habe, dann würden Sie mich verstehen. Als nächstes spreche ich mit einem empörten Rentner, dessen Frau im Hintergrund immer wieder „Anwalt! Anwalt!“ schreit, ihm schließlich den Hörer entreißt, um ihre Drohung noch einmal direkt in den Hörer zu brüllen. Kunde nicht gesprächsbereit. Relativ frustriert bearbeite ich hiernach eine Wiedervorlage von Petra, natürlich gibt mir die Kundin ihre Kontodaten, sie wurde ja zuvor tüchtig eingeschüchtert. Es folgen weitere erzürnte Drohungen, freundliche Ablehnungen, genervte Aufleger. Also ein Tag wie jeder andere. Endlich habe ich die erste Stunde geschafft. Arnold und Petra springen bereits auf gen Raucherraum und ich folge ihnen auf dem Fuße. Das ist doch seit der Schule die Angst eines jeden: In der Pause allein rauchen zu müssen. Ich komme trotz aller Eile ein wenig zu spät, das Gespräch ist bereits in vollem Gange. Zu meinen beiden Nachbarn haben sich noch Michael, der verkappte Jurist, und Jens, ein ehemaliger Soap-Darsteller gesellt. Sie unterhalten sich wie jeden Tag darüber, wie schlecht die Adressen seien, dass das Produkt vollkommen überholt und natürlich auch das schlechte Wetter an der schlechten Laune der Kunden schuld sei. Da dieses Thema überraschenderweise nach zwei Minuten vollkommen ausgelutscht ist, schweigen wir erst einmal für einige Sekunden und pusten uns vorgeblich gedankenverloren dicken Qualm um die Ohren. Das könnte die Chance sein mich einzuklinken, doch Jens kommt mir zuvor. „Habt ihr gestern das Supertalent gesehen?“ fragt er in die Runde und erntet begeisterte Resonanz. Man ist sich schnell einig, dass „diese Jasmin oder Jessica oder so ähnlich“ definitiv die Beste gewesen sei und jeder erzählt, was er im Fernsehen alles gesehen hat. Natürlich ist das bei jedem das gleiche, trotz allem werden sie nicht müde, sich gegenseitig ergänzend zu unterbrechen und zu korrigieren. Noch immer stehe ich stumm daneben, ich habe kein Privatfernsehen, und bemerke peinlich berührt, dass ich schon fast am Filter angelangt bin, obwohl ich doch erst später als die anderen meine Zigarette angezündet habe. Das liegt wohl an meinem allzu geringen Redeanteil. Vielleicht sollte es im wahren Leben ähnliche Regelungen geben wie im Fernsehen: Jedem sollte die gleiche Redezeit zur Verfügung stehen. Es gibt ja immer wieder Menschen, die sich sonst gar nicht einbringen können, weil sie permanent übertönt werden. Und auch bei meinen geschätzten Kollegen muss ich leider kritisieren, dass nicht der interessanteste, sondern der lauteste Beitrag die meiste Beachtung bekommt. Ich bin dann wohl einfach zu leise. Und hätte ganz nebenbei auch nichts zu sagen. Das Supertalent- ist das nicht so etwas wie „Deutschland sucht den Superstar“? Ich nehme mir vor, einmal eine dieser Sendungen zu schauen, damit ich irgendwann auch einmal mitreden kann. Ich verbrenne mir meine Finger an dem mittlerweile ziemlich verkohlten Filter, drücke die Kippe aus und verabschiede mich mit einem knappen „bis gleich“ um an meinen Arbeitsplatz zurück zu kehren. Niemand reagiert, aber das erwarte ich eigentlich auch nicht.
Angekommen auf dem „Floor“, wie wir ihn liebevoll nennen, spricht mich mein Teamleiter Torsten an und teilt mir mit, dass ich in Raum soundso gehen solle von wegen Produktschulung. Das ist doch mal eine willkommene Abwechslung! Rumsitzen und zuhören, sich die ein oder andere Notiz machen, das Meeting durch dumme Fragen künstlich verlängern- und das alles bezahlt. Beflissentlich eile ich in den angegebenen Raum. Dieser ist noch völlig leer, abgesehen von Frau Kretschmar, der Marketingdame unseres Auftraggebers, die sich sichtlich bemüht, ihren Laptop an den Beamer anzuschließen. Offensichtlich ist es ihr peinlich, dass sie das nicht schafft und ich bin ihr auch keine große Hilfe. Außerdem ist es mir nur Recht, wenn die Schulung durch diverse technische Ungereimtheiten noch ein wenig verzögert wird. Ich nehme mir einen Kaffee und warte. Nach und nach trudeln die anderen Teilnehmer ein (Ja, Herr Goldt, auch Teilnehmer können „eintrudeln“!). Petra und Jens sind auch dabei. Sie haben das Thema Supertalent offenbar abgeschlossen und debattieren nun lautstark über die Abwrackprämie. Dass Jens sich sofort der überforderten Frau Kretschmar zuwendet und ihr auf seine schmierige Art seine Hilfe anbietet, irritiert Petra in keinster Weise. Sie verlagert ihr Aufmerksamkeit auf das nächstbeste Publikum und das bin ich diesem Fall ich. Leider kann ich auch zu dieser Thematik nicht besonders viel beitragen und Petra gibt sich kollegial und holt noch mehr Kaffee. Da der Beamer auch mit Jens’ Hilfe immer noch störrisch ist, nutzt Petra die gewonnene Redezeit und erklärt mir, dass man Kaffeemaschinen am besten reinigt, indem man einfach ein Päckchen Backpulver in das Wasser schüttet und es dann ein paar Mal durchlaufen lässt. Ohne Kaffeepulver, versteht sich. Für Blumenvasen, Thermoskannen und sogar die Toilette verwendet sie einfach Coregatabs- aber die billigen. Scheuermilch sei das schlechteste überhaupt, behauptet sie, die würde die Oberflächen angreifen und damit dem Schmutz erst recht ermöglichen, sich festzusetzen. Ich bin tatsächlich erleichtert, als der Beamer endlich läuft und wir anfangen können. Für alle die, die sie noch nicht kennen, stellt sich Frau Kretschmar erst einmal vor. Danach bedankt sich sie überschwenglich bei uns für unsere überdurchschnittlichen Erfolge und verspricht in einem Nebensatz, dass wir auch bestimmt unter gewissen Umständen einmal vom Erfolg ihrer Firma profitieren könnten. Als kleinen Vorgeschmack bekommen wir ein bisschen Merchandise: einen Block und einen Kuli mit Firmenlogo drauf. Na toll. Dann erklärt sie uns lang und breit, was wir denn als nächstes telefonieren sollen. Dafür hat sie eigens eine PowerPoint Präsentation angefertigt, ist allerdings nicht in der Lage, vom Berarbeitungs- auf den Präsentationsmodus umzuschalten und so klickt sie verzweifelt auf den Folien herum, bis Jens sich endlich wieder einschaltet. Torsten, der mitterweile auch dazu gekommen ist murmelt irgendwas mit Frauen und Technik und Frau Kretschmar fährt fort. Wir sollen Bestandskunden anrufen und sie fragen, ob wir sie weiterhin anrufen dürfen. Dass das fast schon zynisch ist, scheint niemanden zu irritieren. Wir werden darauf hingewiesen, dass dies ein äußerst wichtiges Projekt sei und man sich voll und ganz auf uns verlasse. Jetzt ist die Präsentation zu Ende und Frau Kretschmann verteilt Handouts. Ich stelle die Frage, wie wir denn telefonisch um Erlaubnis fragen sollen, wenn wir doch gar keine Erlaubnis haben, uns telefonisch zu melden. Das weiß Frau Kretschmar auch nicht so genau und faselt irgendetwas von geänderten rechtlichen Grundlagen und fehlenden Angaben der Kunden. Torsten schaut mich böse an. Zweifel mag er nicht. Dafür haben die anderen auch noch ganz viele Fragen, allen voran Petra. Es passiert das, was immer passiert, wenn man Arbeitszeit herausschinden will: Alle fragen das gleiche, immer und immer wieder, und machen sich nicht einmal die Mühe, eine andere Formulierung zu verwenden. Danach kommt die „Ich-Phase“. Petra macht wieder einmal den Anfang: „Also ich hatte letztens einen Kunden dran, der wollte, dass…“ Torsten weist zum wiederholten Male darauf hin, dass man konkrete Probleme besser unter vier Augen besprechen sollte. Doch die „Ich-Phase“ kann er nicht mehr aufhalten. Jetzt will jeder von diesem einen Kunden berichten, der irgendwas wollte oder irgendwas gesagt hat. Frau Kretschmar lächelt milde. Im Grund wird von ihr auch nichts mehr erwartet, es geht nur noch darum, Dampf abzulassen. Als nächstes wird das Produkt verrissen. Dass wir dieses in Zukunft gar nicht mehr verkaufen sollen, scheint nicht mehr relevant. Auch Frau Kretschmars Einwände in dieser Hinsicht gehen unter. Auch sie ist einfach nicht laut genug. In Erwartung einer Diskussion, die sich noch etwas hinziehen könnte, hole ich mir noch einen Kaffee. Verstohlen schaue ich auf die Uhr auf meinem Handy. Wenn das hier so weiter geht, dann muss ich heute nicht mehr telefonieren. Also werfe ich meine Zurückhaltung über Bord und führe die Gruppe mit einer netten Anekdote zurück zu „Ich-Phase“. Ich erzähle von meiner letzten Kundin und deren viel beschäftigten Mann und beende meinen Redebeitrag mit der Frage, ob uns denn auch die Ehefrau meine Ansprechpartnerin sein dürfe. Irgendwie hatte ich Mitleid mit Frau Kretschmann und wollte sie auf diese Weise wieder in die Diskussion einbeziehen. Sie schaut unentschlossen in die Runde und entschuldigt sich, darüber keine Kenntnis zu haben. Sie will aber schnellstmöglich Rücksprache halten und uns sofort informieren. So lange sollten wir ausschließlich mit dem im Datensatz vermerkten Ansprechpartner sprechen. Dass dieses „so lange“ quasi eine endgültige Ansage ist, ist uns allen klar. Nur sehr selten machen sich die Auftraggeber die Mühe, sich noch über die Produktschulung hinaus mit den Fragen der Telefonisten auseinander zu setzen. Zumindest dann, wenn die Zahlen stimmen. Die Zahlen, immer wieder die Zahlen. Darüber definiert sich die ganze Branche. Die Zahlen stimmen heißt, dass das man schwarze Zahlen schreibt. Für uns heißt das, unser Soll und mehr zu erfüllen. Dafür gibt es sogenannte Zielvereinbarungen, die mit jedem einzelnen vereinbart werden und grundsätzlich über den bisherigen liegen. Wie man das macht, ist relativ nebensächlich. Parameter, die es zu beachten gilt, sind neben der absoluten Menge der Aufträge auch die Anzahlt der Gespräche, die ich führe und der Wins, die ich pro Stunde erreiche. Und so kann es einem durchaus passieren, dass man zwar eine unheimlich gute Quote an Aufträgen hat, aber Wind von vorn bekommt, weil man zu wenig Gespräche geführt hat. Oder andersherum. Der große Anspruch dahinter bleibt aber selbstverständlich immer, dass man „sauber“ telefoniert. Da sind die Grenzen aber recht schwammig. Nicht nur einmal habe ich es erlebt, dass man bewusst etwas verschweigen sollte, wenn der Kunde nicht explizit danach fragt. Also, liebe Kunden, fragt! Petra sagt immer, ich sei zu nett zu den Kunden. Und dass sie doch selbst Schuld hätten, wenn sie diesen Schund auch noch kaufen. Und im großen und ganzen stimmen da alle anderen in der Firma mit ihr überein. Dabei nennt sich das, was wir hier machen, doch Dialogmarketing. Den Dialog gibt es allerdings kaum, denn sobald man den Kunden zu Wort kommen lässt, beginnt er nachzudenken. Nachdenken ist das Ende des Direktverkaufs. Plötzlich klopfen meine Kollegen auf die Tische. Das Meeting scheint endlich vorbei zu sein. Wir können noch schnell eine rauchen gehen, meint Torsten gönnerhaft. Und selbstverständlich strömen wir alle geschlossen aus dem Raum und kramen bereits unsere Rauchwaren aus den Taschen. Im Pausenraum wird dann die neue Kampagne ausgiebig besprochen. Petra ist mal wieder am lautesten. Alle stimmen ihr zu, als sie Frau Kretschmar als graues Mauerblümchen bezeichnet. In diesem Moment erst betritt Jens den Raum, er hatte oben wohl noch beim Abkabeln des Beamers geholfen, und ist augenscheinlich nicht Petras Meinung. Er murmelt etwas von Objektivität, aber auch er ist zu leise. Vielleicht ist das der Grund, weshalb er sich so gut mit Frau Kretschmar verstanden hat. Ich sage einmal wieder gar nichts. Und kann doch irgendwie jeden hier verstehen. Wahrscheinlich muss Petra einfach laut sein, weil das ihre einzige Chance war, weiter zu leben. Vielleicht benötigt sie diese Dominanz, um sich selbst noch im Spiegel betrachten zu können. Sie weiß, dass sie nicht schön, groß und gebildet ist. Sie ist sich durchaus darüber im klaren, dass sie auf dem Pärchenmarkt keine Chance mehr hat. Und deswegen tut sie das einzige, was sie noch tun kann: Sie ist lauter als andere. Und ich muss zugeben, das kann sie wirklich gut. Jens scheint immer noch über Petras Äußerung verstimmt und zieht sich schweigend einen Kaffee aus dem Automaten. Ich wende mich ihm zu, weil ich das Gefühl habe, dass wir auf einer ähnlichen Wellenlänge sind, was die Lautstärke betrifft. Jens schaut mich dankbar an. Jetzt muss er nicht mehr allein rauchen. Er erzählt mir von einem Buch, dass ihn offenbar sehr berührt hat und wird mit jedem Wort leiser. Er blickt an mir vorbei aus dem Fenster, während er spricht. Die Sonne geht langsam unter, aber davon sehen wir nichts, es ist zu wolkig. Jens trinkt einen Schluck Kaffee und verbrennt sich die Zunge. Ich erschrecke mich und verschlucke nun meinerseits den gerade inhalierten Zigarettenrauch, denn plötzlich wird Jens laut! Er flucht und spuckt und verwendet Fäkalbegriffe und hat nun die Aufmerksamkeit der gesammelten Anwesenden. Petra haut ihm mütterlich auf den Rücken und die anderen geben schlaue Tips wie: „Du musst ganz ruhig atmen, Jens!“ Als er nicht mehr hustet und prustet, erzählt er allen von seinem Buch. Seine Stimme überschlägt sich mehrmals und klingt seltsam unnatürlich. Vermutlich erreicht er bei weitem nicht Petras Stimmvolumen. Mir kommt es vor, als würde er schreien. Jens will wohl auch einmal laut sein. Obwohl ich nun fast Feierabend habe, gehe ich alibimäßig noch einmal zu meinem Platz und tue arbeitsam. Aber Torsten schickt mich nach Hause und verspricht mir zwinkernd, mir die fehlenden zehn Minuten als Mitarbeiterbesprechung anzurechen. Es muss ja alles seine Ordnung haben hier. Jede Minute wird registriert. Eine Lücke in der Zeitabrechnung wird nicht bezahlt. Ich weiß jetzt schon, dass Torsten vergessen wird, mir die zehn Minuten anzurechnen, aber das ist mir egal. Die anderen lassen sich noch Zeit und rauchen mit Sicherheit noch eine zweite Zigarette bis es endlich 20.00 Uhr ist.
Sie haben nicht mehr den Anspruch so zu tun, als seinen sie besonders betriebsam. Während ich meine Sachen zusammen suche, frage ich mich, warum ich denn jetzt unbedingt noch einmal die Fleißige spielen musste. Im Grunde ist das hier doch alles völlig nichtig. Wir sind alle egal, ein Rad im Getriebe, eine Nummer auf der Gehaltsliste. Es ist wahr: Diese Branche genießt einen derartig schlechten Leumund, dass es mich wundert, dass sie überhaupt noch existiert. Und ich kann mich selbst noch nicht einmal ausnehmen. Verachte ich diese Menschen nicht auch? Ja, denn ehrenvoller ist es doch in jedem Fall, bei fremden Leuten putzen zu gehen, als gutgläubige Bürger über den Tisch zu ziehen. Oder wie finden Sie das? Nun bin ich einer von denen, die Sie tagtäglich nerven, belästigen, stören, Ihnen die Zeit stehlen und was weiß ich nicht noch alles. Ich bin so tief gesunken, dass ich deswegen nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen habe. Petras grelle Stimme lässt mich aufschrecken. „Mädels, wir gehen jetzt alle zusammen einen trinken“ brüllt sie in einem Ton, der keinen Widerspruch zulässt. Und es kommen auch alle mit. Ich fahre bei Arnold mit, der hat das größte Auto, einen alten Saab. Hinter mir auf der Rückbank sitzen Jens, Karim und Jaqueline. Die beiden tingeln seit Jahren durch diverse Call Center und nehmen nur Jobs an, bei denen sie gemeinsam arbeiten können. Ich weiß so gut wie nichts über sei, außer dass Jaqueline zum Islam konvertiert ist und seitdem behauptet, dass das Kopftragen unheimlich gut für die Haare sei, weil man ja die ganzen schädlichen Umwelteinflüsse nicht mehr ausgesetzt seien. Dass niemand ihre schönen Haare zu Gesicht bekommen darf, scheint ihr egal zu sein. Im Auto schweigen wir alle. Was wir während der Schicht so gut können, nämlich reden, fällt uns in dieser doch recht privaten Situation sichtlich schwer. Arnold schaltet das Autoradio an und sagt: „Das ist Mozart.“ Keiner reagiert und Arnold runzelt die Stirn. Endlich parkt den Wagen und wir gehen geschlossen in den „kleinen Mann“, wie bezeichnend. Das ist so ähnlich wie allein rauchen müssen: als erster die Kneipe betreten. Selten wird einem als Frau so oft der Vortritt gelassen, wie am Eingang einer gastronomischen Einrichtung. Petra sitzt mit der anderen Hälfte bereits an einem schweren Holztisch und bestellt Bier für alle. Es ist ihr egal, das Karim und Jaqueline die Köpfe schütteln. Die erste Runde ginge auf sie, verkündet sie geräuschvoll und platziert uns Neuankömmlinge nach einer imaginären Sitzordnung. Danach erklärt sie, dass Pärchen bei großen Runden nie nebeneinander sitzen sollten, das zerstöre die Gesprächsatmosphäre. Ich muss mich neben Jaqueline und Marten setzen. Marten hat schon mindestens ein Bier hinter sich und ich frage mich, wie er das so schnell hat schaffen können. Er wird sofort sehr zutraulich, obwohl wir bisher maximal fünf Wörter miteinander gewechselt haben und fragt mich auf seine direkte, aber durchaus aufdringliche Art, ob ich einen Freund hätte. Ich verneine wahrheitsgemäß und bereue schon in diesem Moment, nicht gelogen zu haben. Marten ist geschätze 20 Jahre älter als ich, war bestimmt mal nicht hässlich, aber man sieht ihm an, dass er in seinem Leben sicherlich nicht nur Bier getrunken hat. Irgendwann hatte er wohl mal ein eigenes Restaurant, das pleite gegangen ist und seitdem ist er bei uns. Nun berichtet er, dass seine Frau ihn vor Urzeiten verlassen habe, die Kinder habe sie mitgenommen und ihn würde sie nun ohne Skrupel finanziell ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Ein Umgangsverbot habe sie erwirkt. Ich habe keine Lust nachzufragen, warum er seine Kinder nicht mehr sehen darf. Dafür frage ich mich, warum er mir das alles erzählt. Manchmal trifft man einen Menschen und kommt gar nicht mehr zu Wort, dafür kennt man nach 15 Minuten seine ganze Lebensgeschichte. Was soll ich denn anstellen mit diesen Informationen? Möchte er jetzt Mitleid haben oder irgendwelche Ratschläge? Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass Ratschläge und Lösungsansätze nicht besonders gut ankommen. Fürs zuhören war ich dann gut genug, aber um eine Meinung dazu zu haben, fehlte mir offenbar die Qualifikation. Ich unterstelle, dass sich solche Menschen einfach gern selbst reden hören. Aber vielleicht fehlt mir da der Einblick. Nun hat Petra die Aufmerksamkeit wieder komplett an sich gerissen. Sie ist wohl ein bisschen sentimental geworden und steht auf, als die Kellnerin das Bier bringt. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass alle ihr Glas aufgenommen haben, hält sie eine kleine Rede. Sie freue sich, dass wir es endlich geschafft hätten, so gemütlich auch einmal privat beisammen zu sein und so weiter. So schafft sie es, nicht nur uns, sondern den ganze Laden in ihren Bann zu ziehen. Es würde mich nicht wundern, wenn gleich 30 Leute Beifall klatschten. Aber so gefesselt sind sie dann wohl doch nicht. Wir stoßen an und verteilen damit zirka anderthalb Liter Bier auf dem Tisch. Wohl an, denn. Jaqueline nippt an ihrem Bier und erntet dafür einen bitterbösen Blick von Karim. Der hat sein Glas von sich geschoben und ist nun beleidigt. Ich eile ihr zu Hilfe und nehme ihr das Getränk ab. Nach Petras Steilvorlage hab ich Angst, auch an die Reihe zu kommen und eine ganze Runde bestellen zu müssen, möchte aber vorher noch so viel trinken, dass mir das Geld egal wird. Also exe ich mein Bier und kümmere ich als nächstes um Jacquelines. „Respekt“, bekundet Marten. Es ist erstaunlich, dass man Männer so leicht beeindrucken kann. Wenn man als Frau viel verträgt, ein bisschen von Technik versteht und dann vielleicht auch noch ganz gut aussieht, hat man sie schon im Sack. Marten nimmt mein Trinkverhalten zum Anlass, mir von seinem eigenen Versuch, Bier zu brauen zu berichten. Ich bin nun doch dankbar, dass er neben mir sitzt. Ich hätte mich sonst mit Jaqueline unterhalten müssen, die sich immer noch einen Augenduell mit ihrem Gatten gibt. Also Bier brauen. Ich wusste nach 10 Minuten, dass Kölsch untergärig und Pils obergärig ist. Wieviel Hopfen kosten und dass Malz ja nur gebrannte Gerste ist. Dass man aber auch andere Getreidesorten zu Bier verarbeiten können und dass deswegen das Weizenbier Weizenbier heißt. Marten betont, wie wichtig es sei, dass es ein Reinheitsgebot gibt und dass er gar nicht wissen wolle, was die Holländer und Belgier so alles zusammen panschen.
Die nächste Runde bestellt er. Er ist so umsichtig, Jaqueline und Karim vorher zu fragen, was sie denn trinken wollten. Karim erachtet diese Frage als Affront, springt auf und stößt dabei seinen Stuhl nach hinten um. Ich muss an eine typische Saloonszene denken und warte gespannt, wer schneller schießt, Marten oder Karim. Aber es schießt keiner. Es ist Petra, die sie Situation entspannt. Sie sagt einfach nur: „Jeder kann trinken, was er will.“ und damit ist die Sache gegessen. Nur die Kellnerin hat das Nachsehen. Sie muss sich jetzt nicht mehr einfach nur sieben Bier, sondern zwei Pils, zwei Kölsch, einen Latte Macchiato, einen trockenen Rotwein, ein Wasser und einen Sex on the Beach merken. Den Cocktail bestellt Mariam, die mit Petra gekommen ist und bisher noch nicht viel gesagt hat. Sie wurde zwischen Michael und Karim platziert. Ihre Bestellung sorgt für helle Aufregung bei Marten. Offenbar findet er eine Frau, die das Wort Sex in den Mund nimmt, noch beeindruckender als eine, die viel Bier trinken kann. Der achte in der Runde ist Frank. Über Frank weiß ich nichts. Aber er scheint auch einer von der leisen Sorte zu sein, deshalb spreche ich ihn quer über den Tisch an und stelle die unter Call Center meistgestellte Frage: „Wie hat es dich denn zu uns verschlagen?“ Diese Frage drängt sich deswegen so auf, weil es wohl niemandes konkreter Wunsch ist, einmal als Telefonist arbeiten zu dürfen. Wir alle hatte irgendwann einmal so etwas wie einen richtigen Beruf. Oder wenigstens einen Berufswunsch. Und dass wir hier alle in dieser Kombination zusammen sitzen, ist das Resultat unserer schicksalsreichen Lebensläufe. Wir sitzen hier miteinander, weil wir nicht wissen, wo und mit wem wir sonst sitzen sollten. Frank zuckt mit den Schultern. Er scheint es selbst nicht zu wissen. Dann schüttelt er einfach den Kopf und lächelt resigniert. „Und du?“ fragt er. Jetzt ist es an mir, mit den Schultern zu zucken und den Kopf zu schütteln. Ich schäme mich für meine Geschichte. Hilflos schaue ich Frank an, er prostet mir zu, wir trinken. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, warum wir hier sind. Vielleicht ist es nur wichtig, dass wir hier sind. Ich schaue mir die Runde noch einmal genau an. Links neben mir unterhalten sich Jaqueline, Michael, Marium und Karim angeregt über irgendetwas religiöses. Was für eine Kombination: Der Philosoph, der Moslem und die Konvertitin. Mir gegenüber gibt Michael Petra gerade rechtlichen Beistand wegen irgendeiner Mietsache und zu meiner rechten hat Marten in Frank einen geduldigen Zuhörer in Sachen Brauerei gefunden. Und plötzliche bemerke ich, dass ich mittendrin bin. Dass ich vom stillen Beobachter zu einem Teil der Gruppe geworden bin. Fast automatisch fliegen mir die Worte aus dem Mund und ich höre mich selbst fragen, was der Unterschied zwischen hellem Bier und Schwarzbier sei. Marten gibt mir willig Auskunft und ich fange an, das, was er sagt sogar interessant zu finden. Er freut sich sichtlich über das rege Interesse und redet sich langsam warm. Ich stelle fest, dass er eine wunderbare Stimme hat und eine Art zu erzählen, die einen in ihren Bann zieht, obwohl es nur um ein so banales Thema geht. Er blüht auf, ist ganz in seinem Element. Seine Wangen glühen rot wie die eines Kindes, das mit seinem Lieblingsspielzeug spielt. Sein Eifer und seine Freude sind einfach ansteckend, so dass sich bald die ganze Gruppe ihm zuwendet und sich in der Geschichte des Bieres unterweisen lässt. Selbst Petra schweigt still und lächelt selig vor sich hin. Marten beendet seinen Monolog mit den Worten: „Jetzt habe ich so viel darüber gesprochen, da muss ich erst mal einen trinken.“ Alles lacht. Man ist gelöst. Und es entspinnen sich zwanglos weitere Gespräche, neue Themen kommen ins Spiel, jeder ist einmal an der Reihe. Sogar der stille Arnold lässt sich dazu herab, einen Witz zu erzählen. Irgendwann sind wir müde. Die Redepausen werden etwas länger, doch das Schweigen fühlt sich genauso gut an wie vorher die angeregten Diskussionen. Jaqueline und Karim verabschieden sich als erste. Sie haben den weitesten Weg und müssen die letzte Bahn kriegen. Dass sie eigentlich noch bleiben wollen, sieht man aus 20 Metern Entfernung. Doch was soll’s. Morgen sehen wir uns ja wieder, versichern sie schwermütig und verlassen dann schweren Herzens Hand in Hand den „Kleinen Mann“. Arnold, Mariam und Michael schließen sich alsbald an. Die Männer nehmen Mariam in die Mitte und versprechen uns hoch und heilig, die Dame bis zur Haustür zu begleiten. Wir übrigen vier bleiben noch ein Weilchen, auf ein Bier, eine Zigarette, und Petra erzählt von ihren Töchtern. Sie sagt, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihnen habe und nicht mehr wisse, wie sie jemals wieder gut machen könne, was sie in jungen Jahren versäumt habe. Sie spricht leise. Es ist nicht mehr nötig, laut zu werden. Wir hören ihr auch so zu. Schließlich beschließen wir, auch aufzubrechen. An einer Kreuzung biegt Petra als einzige links ab, Marten, Frank und ich müssen noch ein Stück geradeaus. Sie umarmt jeden von uns lang und fest. Ich habe den Eindruck, dass ihre Augen feucht werden, als sie sagt: „So einen schönen Abend hatte ich lang nicht mehr“. Dann dreht sie sich um läuft, rennt eigentlich fast, davon. Am nächsten Tag ist Petra nicht mehr da. Es ist 14.00 Uhr, ich führe das erste Gespräch des Tages und Torsten legt mir einen Zettel auf den Tisch: „Neben Dir sitzt jetzt Susanne, kümmer Dich ein bisschen um sie.“
Von Nebel am
26. Juli 2010 veröffentlicht
Es war später Nachmittag im Studentenwohnheim. Auf den Gängen standen einige Kommilitonen in Grüppchen zusammen. Über die Unterhaltungen hinweg, die sich um die meist typischen Themen wie den Ärger über den Professor oder die Pläne für das kommende Wochenende handelten, war hin und wieder ein Lachen zu hören. Sonst war es relativ ruhig.
Und gerade wegen dieser Ruhe war der Schrei aus einem der hinteren Zimmer des Ganges deutlich zu hören. Der Schrei einer Frau, zu dem sich bald eine männliche Stimme gesellte, die ebenso laut, wenn nicht lauter war.
Die Köpfe der ca. 15 Studenten auf dem Gang ruckten gleichzeitig, einer Choreografie ähnlich, zu der unerwarteten Geräuschquelle herum. Aus welchem Zimmer die Stimmen kamen war schwer auszumachen, und auch, worum es ging, da sich die weibliche Stimme mehrfach überschlug. Auch, ob es sich bei ihr um Rage oder Angst handelte, war nicht auszumachen.
Einige der Kommilitonen tauschten Blicke. Der erste Schreck war schnell der Neugier gewichen, und vielleicht wusste ja der Stehnachbar, worum es ging.
Als diese jedoch in ebenso verwunderte Gesichter blickten, wandten sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Ende des Ganges zu.
Die Neugier wurde ein wenig befriedigt, als eine Tür aufgerissen wurde und eine junge Frau weinend den Gang hinunterrannte. Obwohl sie ihre aufgeknöpfte Bluse mit ihren Händen um sich geschlungen hatte, schenkte sie der kleinen Menge im Gang keine Beachtung. Während sie laut schluchzend auf das Treppenhaus zusteuerte, löste sich Diana, eine der Studentinnen, mit einem Fluch aus der Gruppe, um der Flüchtenden, ihrer Freundin Leonie, zu folgen.
Nun wusste jeder, wem er die lauten Stimmen aus dem Zimmer zuzuordnen hatte.
Drei der Kommilitonen, zwei Männer und eine Frau, liefen an den Ort des Geschehens, dessen Tür noch weit geöffnet war. Die restlichen Studenten blieben ratlos stehen, tauschten jedoch sofort ihre Vermutungen aus.
Felix stand in seinem Zimmer. Ihm war deutlich anzusehen, dass er nicht wusste ob er bleiben oder Leonie folgen sollte. Sein sonst so gutaussehendes Gesicht war von Verwirrung und Schock gezeichnet.
“Alter”, rief Tim, ein jahrelanger und guter Freund Felix`. “was geht`n ab?”
Tims saloppe Ausdrucksweise, war ein Teil seiner Art, das Leben nicht so ernst und auch mit seinen 22 Jahren vieles auf die leichte Schulter zu nehmen. Bei seinen Kommilitonen war er durch seine fast immer währende Fröhlichkeit und Ausgeglichenheit sehr beliebt. Vor allem die Frauen zog er damit fast magisch an, was er nicht bedauerte.
Nun, da sein Freund in offensichtlichen Schwierigkeiten steckte, auch wenn die Tragweite derer noch nicht klar zu erkennen war, zeigte seine Sprechweise, wie sehr sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen war, auch wenn nun Verwirrung in seinen Worten lag.
Julian, der neben Tim stand, wechselte einen schnellen Blick mit Tine, seiner Freundin. Julian und Tine waren ebenfalls Felix`Freunde, wenn auch nicht in einer so engen Beziehung wie es bei Tim der Fall war.
Tine wandte ihren Blick wieder Felix zu, der bis auf eine Boxershort unbekleidet war. Wut lag in ihrer Stimme, während sie in ihre hintere Hosentasche griff und ihr Handy herausholte. “Ich fass es nicht. Ich ruf jetzt die Polizei.” Damit drehte sie sich um, um das Zimmer zu verlassen.
“Hey, bleib doch mal cool”, rief Tim. “Du weißt doch garnicht was passiert ist.”
Felix war nicht in der Lage sich zu verteidigen. Noch immer stand ihm der Schreck, nun aber auch Unsicherheit, ins Gesicht geschrieben.
“Ach nein?” schleuderte Tine zurück und zwängte sich durch die Gruppe Schaulustiger, die sich vor der Zimmertür versammelt hatte. Dann war sie verschwunden.
Julian, der ihr nachgeschaut hatte, bis sie nicht mehr in seinem Blickfeld war, schloss die Tür, um Felix vor der gaffenden Menge zu schützen.
“Okay, okay”, sagte Julian und machte eine beschwichtigende Geste, die signalisieren sollte, sich erstmal zu beruhigen. “Was ist passiert?”, fragte er. Seine ruhige und vertrauenserweckende Art, brachte Felix erstmals dazu, sein bisheriges Schweigen zu brechen.
“Ich weiß nicht… ich weiß es nicht”, sagte Felix aufgebracht und lief ziellos und gehetzt durch sein Zimmer. Als wäre seine Kraft aus ihm gewichen, setzte er sich auf das Bett und legte sein Gesicht in seine Hände. Nun, da Tine das Zimmer verlassen hatte, konnte er sich wenigstens etwas entspannen. Natürlich war ihm klar, welche Schlussfolgerung sich jedem, der die Situation sah, aufdrängen musste. Doch die Tatsache, dass sich seine beiden Freunde die Geschichte in Ruhe anhören und erst dann vorurteilsfrei entscheiden würden was zu tun sei, beruhigte ihn. Er wusste dass Julian und Tim so handeln würden und das gab ihm zum ersten Mal das Gefühl von Sicherheit.
Seit jeher war Felix der Sunnyboy des Studentenheims gewesen. Offenheit, Charme und Humor lagen in seiner Ausstrahlung und durch sein gutes, gepflegtes Aussehen standen die jungen Damen Schlange bei ihm. Fest binden hatte er sich nie wollen, sein primäres Ziel Arzt zu werden, nahm seine Zukunftspläne zu sehr in Anspruch. Und dass der 23jährige sein Ziel erreichen würde, daran zweifelten weder seine Kommilitonen, noch seine Professoren. Die ein oder andere kurzweilige, romantische Liebesbeziehung konnte er jedoch nicht von der Hand weisen, womit er allerdings, im Gegensatz zu der jeweiligen begünstigten Kommilitonin, diskret umging.
Nun war von Felix` herzlicher Art nichts übrig geblieben. Das Gesicht noch immer in seinen Händen vergraben, war ihm der Schock noch immer deutlich anzusehen.
Tim zog sich einen Stuhl heran, auf den er sich verkehrt herum setzte, und ließ seinem Freund Zeit, sich erst einmal zu beruhigen. Auch Julian erkannte, dass er mit Drängen nicht weiterkommen würde und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand und fixierte lediglich seinen Kumpel.
Einige Minuten vergingen, in den nur hin und wieder Felix` aufgebrachtes Atmen zu hören war. Dann hob er seinen Kopf und sah unsicher zwischen Tim und Julian hin und her.
„Ihr glaubt doch nicht, was alle jetzt glauben werden, oder?“, fragte er gedämpft.
„Was sollen wir denn glauben?“, fragte Julian, der, im Gegensatz zu Tim, bereit war, härter mit Felix ins Gericht zu gehen, sollte sich die Vermutung, die er hegte, bestätigen.
„Ich… ich hab` nichts getan… wirklich nicht. Leonie ist mit mir auf`s Zimmer gegangen, wir waren die letzten Wochen viel zusammen. Das weißt du doch Tim“, sagte er und sah seinen Freund bittend an. Tim nickte lediglich, um ihn nicht am Weitersprechen zu hindern.
„Na ja…“, Felix stockte kurz. Nun ins Detail zu gehen war ihm vor seinen Freunden peinlich, doch die Situation forderte ihn dazu auf, sich zu verteidigen. Scham war da Fehl am Platz, Felix wusste das.
„Wir haben bisher noch nichts gehabt, aber es war klar, dass es irgendwann dazu kommen würde. Leonie war in mich verknallt, ein Blinder konnte das sehen. Ich wollt` ihr keine Hoffnungen machen, aber heute kam sie mit zu mir auf`s Zimmer und wollte mehr.“ Wieder flog sein Blick zwischen Tim und Julian hin und her. „Was hättet ihr denn gemacht?“, fragte Felix, um seinen Freunden klar zu machen, dass sich kein Mann ein bisschen Spaß entgehen lassen würden.
Tim konnte ihn gut verstehen. Die 19jährige Philosophiestudentin war eine der hübschesten Frauen des Wohnheims. Dass sie aus gutem Hause kam und eine entsprechende Erziehung genossen hatte, merkten die Menschen in ihrem Umkreis sofort. Stets pünktlich und pflichtbewusst ging sie ihrem Studium nach. Ihr engerer Freundeskreis kannte sie zudem als fröhliche und spontane junge Frau, die auch gern mal mit ihren Freunden eine Nacht durchfeierte. Wo ihre Grenzen lagen wusste sie jedoch, nie hätte man sie in einer unwürdigen, betrunkenen Situation erlebt. Leonie war eine kühle, attraktive Schönheit, die die Männer unbewusst anlockte, bei Avancen derselbigen jedoch schnell abblockte und schon mal mit Arroganz reagierte, wenn das männliche Geschlecht hartnäckig wurde. Mit ihren langen, blonden Haaren, ihrer hellen Haut und ihrer großen, schlanken Figur weckte sie oft Assoziationen zu den unterkühlten Skandinavierinnen, deren Abstammung sie jedoch nicht teilte.
Vor einem halben Jahr war sie in das Wohnheim gezogen und teilte sich das Zimmer fortan mit Diana. Die Chemie hatte von Anfang an gestimmt, und schon bald war eine innige Freundschaft zwischen ihr und Diana, der 20jährigen Mathematikstudentin entstanden. Schnell war ihr Felix ins Auge gefallen. Er war einer der attraktivsten Männer, die sie in ihrem bisherigen Leben gesehen hatte. Von seinem gut gebauten, schlanken Körper, seinen blonden Strähnen die ihm nachlässig ins Gesicht fielen und vor allem von seinem natürlichen Charme fühlte sie sich extrem angezogen. Sie hatte bisher kaum Erfahrungen mit Männern gemacht und war daher umso verwirrter, als der Charmeur sie fortan sogar in ihren intimsten Träumen besuchte.
Durch ihre gute Bekanntschaft ihrer Zimmernachbarn Julian und Tine, die schon ein Paar waren als sie in das Wohnheim gezogen war, hatte sie Felix persönlich kennenlernen dürfen und ärgerte sich nach dem ersten Zusammentreffen umso mehr über sich selbst, da sie unsicher herumgestottert hatte, nachdem Felix sie unverbindlich angesprochen hatte. War sie denn nicht mehr in der Lage, zwei zusammenhängende Sätze zu sprechen, nur weil Felix sie nach ihrem Studium gefragt hatte? Wo war die toughe, selbstbewusste Leo geblieben?
Schon eine Woche später musste Leo sich eingestehen, dass sie sich in den „Aufreißer“, wie sie ihn im Stillen oft nannte, verliebt hatte. Ihr war nicht entgangen, dass er stets von weiblicher Gesellschaft umringt war, deren flüchtigen Körperkontakt er auch auf dem Universitätsgelände nicht scheute. Fortan setzte sie viel daran, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Dass andere Kommilitoninnen ihn umarmten oder sich (wie billig) sogar in aller Öffentlichkeit an ihn schmiegten, gab ihr einen Stich ins Herz, was sie zwar verwirrte, aber auch zu Ehrgeiz anstachelte.
Diana merkte schnell was in ihrer Freundin vorging und riet ihr von Felix ab. „Für eine Nacht bist du dir zu schade“, sagte sie ihr eines Abends, während sie mit einer Tüte Chips auf ihrem Bett saßen. „Du solltest dir einen Mann suchen, der es ernst mit dir meint, das kannst du von Felix nicht erwarten.“ Diana sah in Leos bedrücktes Gesicht und versuchte vorsichtiger fortzufahren: „Ich meine, er is` nicht verkehrt und als Kumpel bestimmt super, aber als dein Freund? Ich mein` wir leben nicht mehr in den Fünfzigern, aber gerade an deiner Stelle würde ich mir jemanden suchen, der an etwas ernstem interessiert ist.“
Diana hatte das in dem Bewusstsein gesagt, dass Leo noch Jungfrau war und auf „den Richtigen“ warten wollte.
Leo hatte nur mit den Schultern gezuckt und geschwiegen. Sie wusste dass ihre Freundin Recht hatte und ihr nur einen guten Ratschlag hatte geben wollen, doch gegen ihre Gefühle war sie machtlos.
Einige Tage später fasste Leo sich ein Herz und sprach ihn im Gang des Wohnheims an, als er gerade von einem Fußballspiel mit seinen Kumpels zurückkam. Der Augenblick war günstig, da er allein war, auf dem Weg in sein Zimmer. Als sie ihn in seinem durchgeschwitzten T-Shirt sah, versuchte sie, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Warum musste der Kerl auch so verdammt gut aussehen?
„Hi“, sagte sie so ungezwungen wie es ihr in diesem Moment möglich war. „Sag mal… hast du Lust morgen was mit mir zu machen? Also, ich mein, so, also nich`… nur so, falls du magst.“ Innerlich schlug sie ihre Hand mehrmals an ihre Stirn, doch sie durfte sich jetzt bloß nichts anmerken lassen. Wie blöd konnte man sein?
Felix grinste sie mit einem verschmitzten Lächeln an, und hätte sie mehr Erfahrung mit Männern gehabt, hätte sie sofort gemerkt, dass er sie durchschaut hatte. Seine Erfahrungen mit Frauen lagen um viele Level höher, und er erkannte ein verliebtes Mädchen, wenn es vor ihm stand. Freundlich sagte er:“ Sicher. Worauf hättest du denn Lust?“
„Keine Ahnung… ich weiß nicht“, erwiderte Leo schüchtern, und wieder klatschte ihre Hand gedanklich gegen ihre Stirn.
„Dann muss ich wohl übernehmen“, erwiderte Felix lächelnd, und ließ somit Leos Knie weich werden.
„Lass uns morgen ins Kino gehen… nur so, falls du magst“, gab er in Leos vorheriger Formulierung zurück.
„Okay“, war alles, was Leo erwidern konnte.
„Dann bis morgen“, sagte Felix, zwinkerte ihr schelmisch zu und verschwand in seinem Zimmer.
Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, und sie nun allein im Gang war, ließ sie ihre Hand tatsächlich gegen ihre Stirn klatschen. „Mein Gott, wie alt bin ich denn!? Bist du nicht in der Lage dich mal zusammenzureißen?“ flüsterte Leo aufgebracht. Doch schon im nächsten Moment gewann die Freude über ihr gelungenes Vorhaben die Oberhand, und sie lief euphorisch in ihr Zimmer, schon mit der Überlegung beschäftigt, was sie morgen anziehen solle.
Obwohl sie am nächsten Tag fremdes Gebiet betrat, war dieser einer der bisher schönsten in ihrem Leben. Im Kino hatte Felix sie in ihren Arm genommen und Leo verbrachte den Film angekuschelt an seiner Seite. Danach waren sie in der Altstadt spazieren gegangen und Leo fragte sich, wie sie nur so nervös hatte sein können. Felix war einer der nettesten Menschen, die sie bisher kennengelernt hatte. Sein natürlicher Humor brachte sie immer wieder zum Lachen, und sein sympathischer Charme lud sie dazu ein sich während des Spaziergangs an ihn zu schmiegen. Sie kamen an diesem Abend spät ins Wohnheim zurück, der Gang war leer. Vor der Tür gab er ihr einen sanften Kuss, den sie nur zu gern erwiderte. Felix hatte schnell gemerkt, dass sie noch unerfahren war, und ging daher sachte vor.
In den folgenden Wochen trafen sich Felix und Leo regelmäßig, und obwohl er keine Äußerungen zu einer Beziehung von sich gab, war Leo überglücklich. Natürlich hätte sie sich eine Beziehung mit ihm gewünscht, doch allein die immer intimer werdende Nähe zu ihm, erfüllte sie mit einem riesigen Glücksgefühl. Diana, sowie Tine und Julian, verfolgten die Situation äußerst skeptisch. Ihnen war klar, dass Felix ihr früher oder später das Herz brechen würde, doch für solche Gespräche war sie fortan nicht mehr zugänglich.
Erst wenige Tage zuvor hatte Tine sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihn mit einer anderen Studentin zusammen gesehen hatte. Sie hatten sich geküsst. Als Leos Freundin sah sie sich verpflichtet ihr das mitzuteilen und ihr somit die Augen zu öffnen. Leo hatte, allen Erwartungen Tines zum Trotz, wütend reagiert und ihr vorgeworfen zu lügen um einen Keil zwischen ihr und ihm zu treiben. Tine erwiderte nichts mehr darauf und schnitt das Thema auch nicht mehr an. Natürlich lag ihr Leos Wohl am Herzen, doch als Lügnerin ließ sie sich nicht betiteln. Sollte sie doch sehen was sie in spätestens zwei Monaten davon hatte!
Doch dass es so kam, das hatte sie nicht gewollt. Nun rannte sie den Gang hinunter und durch das Treppenhaus in die untere Etage, das Handy an ihrem Ohr. Während sie einem Polizisten am anderen Ende der Leitung erklärte was geschehen war, steuerte sie Leos Zimmer an, vor deren verschlossener Tür schon Diana stand und dagegenschlug.
„Leo wollte mit mir schlafen. Das hat sie so gesagt,als wir hier im Zimmer waren“, flüsterte Felix niedergeschlagen, während sein Blick nun auf dem Boden verweilte.
„Und so kam`s dann wie`s kommen musste. Wir haben uns halt hier hingelegt und… hey mann, sie wollte es wirklich“, fuhr Felix auf, nachdem er hochgeschaut und Julians Blick aufgefangen hatte.
„Erzähl einfach ma` weiter“, sagte Julian kühl, seine Arme noch immer verschränkt.
„Sie hat mich ausgezogen. Sie – mich“, wiederholte Felix überdeutlich. „Und als ich dann ihre Bluse aufgeknöpft hab`, is` sie total ausgeflippt und hat mir eine gescheuert. Ich hab` sie gefragt was denn los sei, ich mein` ich hab echt nix mehr kapiert, aber da hat sie mich schon weggestoßen und wollte zur Tür rennen. Ich mein, ich musste sie ja aufhalten, nur im BH konnte ich sie ja schlecht über den Flur laufen lassen, oder? Ich weiß nich` was sie da dachte, als ich sie festgehalten hab, aber sie fing an rumzuschreien und ich musste auch lauter werden um überhaupt zu raffen was los is`. Da wurde sie hysterisch und ich hab sie losgelassen weil ich mir dachte, lieber lass ich sie laufen, als dass du dir wie ein Vergewaltiger vorkommst. Und dann ist sie einfach rausgerannt… den Rest kennt ihr ja.“
Nachdem Felix seine Erklärung beendet hatte, war es einige Zeit still im Zimmer. Felix starrte wieder den Teppich an, als würde der ihm eine Erklärung liefern können, um dann sein Gesicht wieder in den Händen zu vergraben.
„Ich glaube dir“, sagte Tim, die Stille jäh unterbrechend.
Er sah Julian an, seine Reaktion abwartend. Julian nickte. Seine Mimik verriet nichts. Dann ging er abrupt Richtung Ausgang um seiner Freundin zu folgen. Während er die Tür öffnete und sie hinter sich schloß, war deutlich das laute Stimmengewirr auf dem Flur zu hören. Es mussten inzwischen weitaus mehr Kommilitonen auf dem Gang stehen, als es vor wenigen Minuten noch der Fall gewesen war. Der Grund dafür war klar. Das Vorkommnis hatte viele Neugierige und Schaulustige angelockt, die wissen wollten was nun geschah.
Der Tag sollte in einer Katastrophe enden. Nachdem ein Polizist die Tür zu Leos Zimmer aufgebrochen hatte, fand man sie im kleinen, angrenzenden Badezimmer. Das Blut lief bereits unter der geschlossenen Tür hindurch, und der angeforderte Rettungsarzt konnte nur noch Leos Tod feststellen. Während Dianas Schreie über den Gang zu hören waren, wurde Felix von einem Polizisten abgeführt um seine Aussage aufzunehmen. Trotz seiner Beteuerungen nichts getan zu haben, wurde er in Untersuchungshaft genommen.
Monate später, nachdem auch die Medien das Thema ausgeschlachtet und Felix als brutalen Vergewaltiger angeprangert hatten, wurde er von der Staatsanwaltschaft aus Mangel an Beweisen freigesprochen. An Leonies Körper waren durch die Obduktion – bis auf ihren Selbstmord – keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung festgestellt worden.
Felix brach sein Studium nach der Freisprechung ab. Nichts erinnerte mehr an den alten Felix, der er vor wenigen Monaten noch gewesen war. Er war ein Schatten seiner Selbst geworden, gebrochen vor allem durch die feindseligen und blutrünstigen Vorwürfe der Medien. Auch wenn der Richter von seiner Unschuld überzeugt war, die Öffentlichkeit war es nicht. Und so sah er sich gezwungen unterzutauchen, denn die Anprangerung eines Vergewaltigers konnte er nicht ertragen. Schon bald musste er psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, denn dies war definitiv kein lebenswertes Leben mehr für ihn. Sein Studium sollte er nie wieder aufnehmen.
Ein Jahr zuvor
Stöhnend ließ Leo ihren Kopf auf den Tisch sinken. Eben hatte sie ihre Matheklausur zurückbekommen. Die rote 5 prangte gut leserlich unter ihren Formeln, die mehr auf gut Glück als auf Wissen basierten. Mit Mathematik hatte sie schon seit jeher auf Kriegsfuß gestanden, doch nun befand sie sich kurz vor dem Abitur. Wenn sie ihr Ziel, Philosophieautorin zu werden, in die Tat umsetzen wollte, musste sie in diesem Fach gute Noten schreiben, egal ob sie das verhasste Fach später einmal brauchen würde oder nicht.
Tanja, ihre Banknachbarin und Freundin, legte tröstend einen Arm um sie. „Komm, das wird schon. Du bist doch nicht auf den Kopf gefallen. Weiß du was? Wir heuern einen Nachhilfelehrer an, der dir das auch verständlich rüberbringen kann. Kein Wunder, dass du das beim letzten Idioten nicht verstanden hast. Und jetzt gehen wir erst mal zu Starbucks, das hast du dir verdient.“
Leo schüttelte deprimiert den Kopf. „Ist schon okay“, sagte sie. „Geh ruhig schon mal vor, ich will gerade noch mal mit Babbelbacke reden.“
Die Bezeichnung hatte sich zwischen den beiden für ihren Mathelehrer eingebürgert, nachdem der einige Male versucht hatte, sie vor der Tafel durch ihre Unwissenheit lächerlich zu machen.
„Wenn du meinst dass es was bringt. Ich warte dann unten auf dich“, sagte Tanja und verließ mit den anderen Schülern der Klasse den Raum. Nachdem der Letzte die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm sie noch einmal tief Luft und trat zum Lehrerpult vor, hinter dem ihr Lehrer saß und sich Notizen machte. Sie räusperte sich. „Ähm… entschuldigung?“, sagte sie. „Könnte ich kurz mit ihnen sprechen?“
Ihr Mathelehrer, ein untersetzter Mann Ende fünfzig, sah zu ihr auf. Sein glasiger Blick fuhr nur kurz zu ihrem Dekollete hinab, um dann wieder Kontakt zu ihren Augen aufzunehmen. Leo verkniff sich mit Mühe eine bissige Bemerkung und hielt stattdessen ihre Klausur hoch. „Ich verstehe nicht, ich meine… ich finde nicht, dass die Klausur eine fünf rechtfertigt. Ich habe doch wirklich genug…“
„Frau Krämer“, unterbrach der Lehrer sie schroff. „Ich wüsste nicht wozu diese Unterhaltung führen sollte. Ich habe sie mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass sie das Abitur nicht bestehen werden, wenn sie nicht beginnen, sich ernsthaft mit dem Stoff auseinanderzusetzen.“
„Aber…“, begann Leo hilflos vor Wut, während er sich ein Tuch aus seiner Hosentasche zog und sich den Schweiß von seinem Gesicht wischte. Danach steckte er das Tuch weg und legte seine geschwollenen Finger um seinen Wohlstandsbauch, der sein Hemd zu sprengen drohte.
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, der vernehmlich knarrte, und sah sie aufmerksam an.
„Ich weiß einfach nicht was ich tun kann. Ich würde alles… ich meine, ich habe schon einen Nachhilfelehrer gehabt, aber der konnte mir auch nicht weiterhelfen. Es ist ja nicht so,dass ich nicht will.“
Es herrschte einen Augenblick Stille im Raum, in der ihr Lehrer sie eingehend betrachtete.
„Sie wollen studieren. Das ist mir zu Ohren gekommen. Ihnen ist schon klar dass sie einiges tun müssten, um ihre Note in diesem Fach so dramatisch zu verbessern, damit ihnen das gelingt?“ Er hatte den letzten Satz als Frage formuliert.
In ihrem Eifer fuhr Leo fort:“ Ja, ich würde wirklich alles tun. Wenn sie mir irgendwie helfen könnten. Ich könnte Zusatzarbeiten…“
Er winkte ab und schüttelte dabei den Kopf. Er lehnte sich vor und verschränkte seine Arme auf dem Lehrerpult. Der Stuhl quietschte dabei gequält. „Ich meinte vielmehr“, fuhr er fort, „ wenn sie bereit sind alles für eine bessere Note zu tun, um somit studieren zu können“, betonte er, „dann müssten sie eventuell persönlich zu mir kommen. Das würde ihnen sicherlich helfen ihre Note drastisch zu verbessern.“
Leo fühlte sich, als hätte man ihr ins Gesicht geschlagen. Er hatte den Satz absichtlich vieldeutig ausgedrückt um eventuelle Konsequenzen zu vermeiden. Doch ihr war absolut klar, vor welche Wahl er sie gerade gestellt hatte. Fieberhaft überlegte sie, wie sie nun am besten reagieren sollte. Eine zu lange Pause durfte sie sich nicht gestatten.
„Ich… könnten sie mir ihre Adresse geben?“, fragte sie, und konnte selbst nicht glauben, was sie da gerade gesagt hatte. Er nahm einen Stift zur Hand und notierte ihr die nötigen Daten. Mit den Worten: „ Heute um sieben Uhr“, überreichte er ihr den Zettel und begab sich damit wieder zu seinen Notizen. Das Gespräch war für ihn beendet.
Leo steuerte wie betäubt die Tür an und machte sich auf den Weg zum Schulhof. Sie würde niemals zu ihm gehen, sagte sie sich, während sie den Zettel in ihre Hosentasche steckte.
Leo saß über ihrem Hausaufgabenheft, doch mit der Konzentration würde es heute nichts mehr werden. Nachdenklich spielte sie an einem Eselsohr in ihrem Chemiebuch herum.
`Es geht hier um meine Zukunft. Die Uni würde mich mit meinen Noten sofort nehmen, wenn ich dann auch endlich eine gute Mathenote vorzuweisen hätte. Es kann doch nicht so schlimm sein`, versuchte sie sich einzureden.
`Letzten Endes bist du danach praktisch noch immer Jungfrau, mit Sex hat das alles doch nichts zu tun. Mein wirkliches erstes Mal habe ich dann mit dem Mann, den ich liebe.`
Sie konnte es noch immer nicht glauben. Sie kam sich vor wie in einem Traum, es war nicht Wirklich was sie tat. Um kurz nach sieben Uhr abends stand sie vor dem stattlichen Haus ihres Mathelehrers und klingelte an dessen Tür. Die wurde kurz nach ihrem Läuten geöffnet. Als er vor ihr stand wäre sie am liebsten sofort wieder umgekehrt, hielt sich jedoch den Preis für ihr Tun zwanghaft vor Augen. Er reichte ihr seine Hand, sie war feucht und warm, um ihr Kommen für eventuelle Beobachter einen offiziellen Anstrich zu geben. „Es freut mich sie begrüßen zu dürfen“, sagte er und trat einen Schritt zurück um ihr die Tür aufzuhalten.
Sie trat ein und blickte sich im Flur um, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Das wichtigste war ihr die Ablenkung. Sie konnte und wollte nicht in sein Gesicht sehen, dass er sich in diesem Moment wieder mit einem Tuch abwischte und auch über seine fettige Halbglatze fuhr.
„Treten sie ein“, sagte er und ging vor ihr in sein Wohnzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, was sie vor den Blicken der Passanten schützen mochte, jedoch genug Licht einließ, um ihn noch genau zu erkennen. Viel zu genau. Während er sich auf einen Sessel setzte, betrachtete sie das Wohnzimmer, als sei es mit den wertvollsten Antiquitäten bestückt. Sie wollte den Moment, der bald kommen würde, so lange wie möglich hinauszögern, auch wenn ihr bewusst war, dass er letzten Endes unausweichlich war.
„Frau Krämer“, hörte sie ihn hinter sich sagen. Sie drehte sich um, plötzliche Übelkeit überkam sie. `Reiß dich zusammen!`, befahl sie sich eisern, und schaute ihn an. Mit einem widerlich anzüglichen Grinsen öffnete er seinen Reißverschluss und sagte:“ Ich denke, bei ihrer Note kann ich etwas unternehmen. Kommen sie doch näher.“
Leo schloss kurz die Augen, um ihre Übelkeit und den Schwindel, der hinzugekommen war, zu überwinden, und atmete einmal tief durch. Dann machte sie sich innerlich bereit und trat auf ihn zu.
Heute
Helmut, Leos damaliger Mathelehrer, war nun endlich in seiner wohlverdienten Rente. Er hatte sich, zusammen mit seiner Frau, ein Haus an der Ostsee gekauft, was schon lange sein Traum gewesen war. Hier wollte er sein restliches Leben in vollen Zügen genießen. Kürzlich erst hatte er einen großen Bericht in der Zeitung gelesen, der landesweite Schlagzeilen gemacht hatte. Eine junge Studentin, die anonym behandelt wurde, hatte in einem Wohnheim Selbstmord nach einer brutalen Vergewaltigung, wie die Medien schrieben, begangen.
Helmut lehnte sich in seinem Stuhl auf der Veranda zurück und genoss die Abendsonne. Mit solchen Problemen der aufsässigen Schüler musste er sich zum Glück nicht mehr herumschlagen.
ENDE
Von engel am
4. Juli 2010 veröffentlicht
Kurzgeschichte Christliche Partnersuche
Ich war ungefähr 2 Jahre Single und habe mich immer mehr nach einem neuen Partner gesehnt. Ich mich auf christliche Partnersuche begeben, da ich der Meinung bin, dass die Religionszugehörigkeit in einer Beziehung eine große Rolle spielt.
Mit meinem Ex – Partner habe ich schlechte Erfahrungen gemacht, ganze 3 Jahre waren wir zusammen, aber es gab häufig Streit. Ich selbst bin deutsche und christlich erzogen wurden, bereits mit 2 Jahren wurde ich getauft. Später folgte dann der Konfirmandenunterricht u regelmäßige Kirchengänge am Sonntag. Als ich meinen damaligen Freund kennenlernte, verbrachten wir sehr wir Zeit miteinander, sodass ich meine religiösen Pflichten vernachlässigte. Hinzukommt das er türkischer Herkunft war und demnach dem moslemischen Glauben angehörte. Am Anfang haben wir gar keine Probleme damit gehabt, doch umso länger wir zusammen waren, umso mehr standen wir mit den verschiedenen Wertevorstellungen in einem Konflikt. Häufig fingen wir an zu streiten, weil jeder eine andere Vorstellung von den gemeinsamen Lebensweisen und auch von einer Partnerschaft hatte. Es fing schon an mit der Kleidung, seiner Meinung nach kleidete ich mich zu freizügig.
In der Partnerschaft mussten wir viele Kompromisse eingehen, damit jeder auf seine Art wenigstens relativ zufrieden mit dem Anderen ist. Da wir beide vollzeitig berufstätig waren hatten wir nur am Wochenende Zeit für uns. Doch eigentlich nie wirklich ein ganzes Wochenende für uns alleine. Jeden Freitag besuchte er die Moschee und ich am Sonntag die Kirche, der einzige freie Tag, war der Samstag. Die mangelnde Zeit, die uns dann noch blieb, nutzen wir natürlich zum Streiten, meistens über religiöse Themen. Es vorabzusehen nach kurzem folgte die Trennung. Es war eine sehr schmerzhafte Zeit für mich, denn trotz allem liebte ich ihn noch. Doch fest stand, dass wir getrennt bleiben müssen! Die ethnische Herkunft und die damit verbundenen kulturellen Hintergründe waren einfach zu verschieden und sorgten häufig für Probleme.
Nachdem ich die Trennung vorüber war, habe ich mir eine genaue Vorstellung von meinem Partner gemacht. Da es mir sehr wichtig ist, dass wir die gemeinsamen Interessen und Wertevorstellungen teilen, sollte mein neuer Partner Christ sein. Eine christliche Partnerschaft, das ist das was ich wollte. Gemeinsame Feste feiern, in die Kirche gehen und gemeinsam über die Religion sprechen zu können und das alles ohne davor streiten zu müssen, wäre fantastisch! Also begann ich mit meiner christlichen Partnersuche, doch wo ich anfangen sollte, war mit nicht ganz klar. In meiner Gemeinde waren bereits alle vergeben oder sogar verheiratet und eine andere Möglichkeit ist mir nicht eingefallen. Bis zu dem Tag als ich im Fernsehen eine Werbung über eine christliche Partnervermittlung sah. Ich setze mich an den Computer und meldete mich sofort da an. Eine gewisse Skepsis war schon vorhanden, aber nur so lange bis mir ein attraktiver Mann schrieb. Ein christlicher Single aus meiner Nähe und er war einfach etwas Besonderes. Nach einigen Online Dates haben wir ein Treffen vereinbart, ich war total aufgeregt! Schon bei dem ersten Date wusste ich, dass Gott mir ein Engel geschickt hat! Wir trafen uns immer öfter und so entwickelte sich eine liebevolle Partnerschaft. Inzwischen ist das über ein Jahr und ich bin sehr glücklich mit meinem neuen Partner.
Endlich habe ich jemanden gefunden, der mit mir zusammen, nach den christlichen Werten lebt und mit mir die Liebe zur Religion teilt.
Von Chantal Graeber am
4. Juni 2010 veröffentlicht
Letztes Jahr im August war es endlich soweit. Mit mehreren Freunden hatte ich ein großes Ferienhaus in den Dünen des beinahe nördlichsten Strandes von Dänemark gemietet. Zwei ganze Wochen lang sollte der Alltag vergessen werden. Statt dessen wollte ich mich ans Meer legen, von der Sonne bräunen lassen und hin und wieder einen Ausflug ins Innere des Landes machen. Was ich allerdings total vergessen hatte, war mich über die Wetterverhältnisse in Dänemark zu informieren. Oder besser gesagt, bin ich einfach davon ausgegangen, dass die Sonne scheinen würde, denn immerhin war August und damit Hochsommer.
In der Realität sah das Ganze nun aber etwas anders aus, denn bereits bei der ersten Erkundungstour durch die Dünen hinunter an den erstaunlich breiten Strand, den man sogar mit dem Auto befahren konnte, zeigte sich Dänemark von seiner besonders windigen Seite. Mir fiel es sozusagen wie Schuppen von den Augen, dass ich nicht daran gedacht hatte, dass Dänemark fast komplett vom Meer umgeben ist und eben diesem damit stark ausgeliefert ist . Da stand ich nur in Shorts und T-Shirts am Strand un dließ mir den Wind ins Gesicht wehen. Am folgenden Tag stellte sich zudem heraus, dass der Wind nicht nur für kalte Luft sorgt, sondern ununterbrochen Wolken ins Land bläst. Die Chancen auf einen zwar windigen Tag nur mit Sonnenschein stehen offensichtlich nicht besonders gut im Land mit den über 1000 Inseln. Was wiederum nicht bedeutet, dass man sich nicht trotzdem einen Sonnenbrand zuziehen kann, wenn man ohne Sonnen-Creme einen wolkigen Tag zum Strandspaziergang nutzt. So saß ich also bereits am zweiten Urlaubstag in Dänemark in unserem schön geräumigen Ferienhaus, hatte kaum Kleidung dabei, die mich – besonders am Strand – warm genug gehalten hat und hatte einen Sonnenbrand. Das waren keine besonders guten Voraussetzungen für einen entspannten Urlaub und es machte sich ein wenig Frustration in mir breit. Aber zu meiner Ehrenrettung und zu der von Dänemark sei gesagt, dass es doch warme Tage gab. Der Sonnenbrand verzog sich fast so schnell wie er gekommen war und zwei Tage später lagen wir dann doch tatsächlich am Strand und ließen es uns gut gehen. Natürlich blieb uns auch da nichts anderes übrig, als einen Windschutz um uns herum aufzubauen, denn der Wind war wirklich unser ständiger Begleiter.
Der Höhepunkt war denn auch eine Strandwanderung von ungefähr 30 Kilometern zu einem Leuchtturm, der mit der Zeit von den ihn umgebenen Dünen verschluckt wird. Schon mehrere Häuse sind den Sandmassen zum Opfer geworden. Der Tag begann wirklich schön und ich trug eine Jeans, einen Longsleeve Pullover und ein Tuch um den Hals. Zuerst war dieses Outfit auch ausreichend, aber der Wind frischte immer wieder auf und je länger die Wanderung dauerte (dass es am Ende wirklich 30 Kilometer werden würden, hatten wir nicht geahnt), umso unangenehmer wurde der ständige Wind. Schließlich lieh mir meine Schwester das Innenleben ihrer Windjacke, die sie vorrausschauender Weise mit in den Urlaub genommen hatte. Damit war mein Problem zunächst gelöst und ich vermochte mich nun auch besser auf die Umgebung konzentrieren. Wir konnten tatsächlich eine kleine Robbe vom Strand aus beobachten oder kletterten in den Ruinen der noch zuhauf existierenden Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg herum. Als der Hunger zu stark wurde, machten wir einen kleinen Abstecher in eine schöne Stadt und aßen dort zu, wenn auch etwas verspätet, zu Mittag. Beim Weiterwandern flogen Gleitsegler über unsere Köpfen am Steilüfer entlang und die Sonne ließ sich doch nochmal blicken, so dass wir sogar unsere Schuhe ausziehen, die Jeans hochkrempeln und im Wasser laufen konnten.
Je näher wir allerdings dem Ziel unserer Wanderung – dem Leuchtturm – kamen, umso unangenehmer wurde auch wieder der Wind, denn ungefähr zwei Kilometer vor dem Turm mussten wir auf einer Treppe die Steilküste hinaufklettern und oben auf den Dünen weiterwandern. Diese derartige exponierte Stelle, ist natürlich dafür prädestiniert besonders gut vom Wind erreicht zu werden. Da die Dünen zu diesem Zeitpunkt nur noch aus Sand bestanden, war zum Einem das Fortkommen sehr schwer und zum Anderen gab es kaum eine Möglichkeit, sich davor zu schützen, dass der Wind den Sand auch in die letzten Falten des Outfits wehte. Nach endlich vollbrachter Ankunft am Zielort, an dem wir uns abholen ließen, konnten wir es dann gar nicht fassen, dass wir tatsächlich 30 Kilometer zu Fuß hinter uns gebrachtz hatte.
Wieder angekommen im Ferienhaus war eine ausgiebige Dusche fällig, um auch wirklich das letzte bißchen Sand vom Kopf und dem restlichen Körper zu spülen. Den gesamten restlichen Abend lief die Dusche auf Hochtouren, denn insgesamt hatten wir diese Tour zu sechst unternommen und keiner konnte es erwarten, das Gefühl von Schmiergelpapier auf der Haut loszuwerden. Ganz abgesehen davon, dass wir natürlich sofort all unsere Kleider in die Waschmaschine gestopft haben, um den Sand nicht im ganzen Haus zu verteilen. Die Freunde, die nicht mit auf die Wanderung gekommen waren, konnten es gar nicht fassen, dass wir eine derartige Strecke hinter uns gebracht hatten. Wenn ich jetzt im Nachhinein daran denke, kommt es mir auch schon so vor, als ob ich gar nicht dabei gewesen wäre. Aber es gibt Beweisfotos für meine Teilnahme und auch dafür, dass Dänemark zwar ein sehr schönes, aber vor allem sehr windiges Land ist.
Von Lo-Com am
7. Mai 2010 veröffentlicht
Es ist sehr schwer zu beschreiben, weshalb Kenia auf so viele Menschen diese unglaubliche Faszination ausübt.
Die meisten Kenia-Reisenden sagen: Entweder man liebt Kenia und kommt immer wieder oder man hasst es.
Die erste Reise nach Kenia, wir wissen über dieses Land recht wenig. Wilde Tiere wie der Löwe, Gnu’s, Giraffen und Zebra’s kennen wir nur vom Fernsehen.
Beim Landeanflug auf Mombasa sieht man eine grüne Hügellandschaft, einen Fluss und kleinere Dörfer. Es regnet, sanfter Nieselregen. Die Stewardess teilt mit, dass die Außentemperatur am frühen Morgen 28° C beträgt und die Luftfeuchtigkeit sehr hoch ist. Regen und Hitze – kaum vorstellbar – kurz verschlägt es beim Aussteigen aus dem Flugzeug einem den Atem. Die Kleidung beginnt am Körper zu kleben –es riecht sehr intensiv nach nassem Gras, Blüten und Kerosin der Maschinen.
Zollkontrolle – der erste kenianische Stempel im Reisepass.
Die Fahrt zum Hotel führt vorbei an den Hütten der Kenianer durch Mombasa. Dort herrscht bereits geschäftiges Treiben, überall Afrikaner, die zur Arbeit eilen. Dann führt die Fahrt durch ein Villenviertel – traumhaft schöne Häuser in wundervollen Gärten mit Palmen und Bougainville in allen Farben.
Ankunft im Hotel – ein Willkommensdrink wird gereicht – frischer Saft, gekühlt, das Glas mit Blüten verziert. Bezug des Zimmers, Frühstück, Koffer auspacken. Man ist müde, fühlt sich schmutzig und ausgelaugt nach dem langen Flug. Und trotzdem, nach einer Dusche spürt man die Neugier in sich aufsteigen, man geht los, die Umgebung erkunden.
Wunderschön die Grünanlage der Hotels. Der Weg führt über Natursteinplatten hinunter zum Strand – überwältigend der Anblick vom Indischen Ozean. Diese Farben, alle Variationen von Blau und das fast an Schnee grenzende Weiß des feinkörnigen Sandstrandes. Dann das Grün der Palmen, die fast bis ans Meer reichen.
Abends ist man erstaunt, wie schnell es dunkel wird. Es gibt keine richtige Dämmerung, die Sonne versinkt sehr rasch am Horizont. Aber auch der Sonnenuntergang ist ein Traum. Je nach Jahreszeit in den Farben völlig unterschiedlich – von tiefem Rot bis zu sanftem Blau.
Nachts die unbekannten Geräusche – laut zirpende Grillen, es raschelt im Gebüsch, die Palmblätter bewegen sich raschelnd im Wind, Nachtvögel rufen. Die Sterne scheinen näher und vielzähliger zu sein als in der schönsten Sternennacht im europäischen Sommer. Der Vollmond ist größer und nimmt in liegender Lage – umgekehrt als zuhause – zu. Fledermäuse fliegen lautlos umher.
Es entwickelt sich ein neues Bewusstsein für die Umgebung. Man beginnt eher auf die verschiedenen Geräusche zu hören, die Gerüche der Pflanzen, der Luft überhaupt scheint sich zu intensivieren. Die Sonne wird als wohltuender und wärmender empfunden, der Wind scheint sanfter zu wehen. Der Himmel ist blauer und niemals zuvor gesehene riesige, wunderschöne Wolkenformationen türmen sich am Horizont.
Dann die Safari. Wir sehen zum ersten Mal frei in der Natur lebende Löwen, Giraffen, Zebra’s, Gnu’s, Büffel – es scheint irreal und ist doch absolut überwältigend. Auch die grünen Weiten des Buschlandes – als ob dieses einen aufsaugt, man verliert sich – fühlt sich so unendlich frei – und erstaunlicherweise unsagbar geborgen.
Die Kenianer – man ist sich fremd, die andere Hautfarbe scheint eine Barrière aufzubauen. Wir werden anfangs gemustert, beobachtet und irgendwie auf Distanz gehalten. Doch dann kommt man ins Gespräch. Interessante Gespräche über das Leben, Gott und auch aktuelle Politik. Einladungen werden ausgesprochen, wir besuchen die Menschen in ihren Häusern. Sie leben ganz anders als wir, es entsteht der Eindruck ärmlicher. Nein, sie sind zufrieden mit dem, was sie haben – der Herr gibt und nimmt. Ist das nicht das, was sich jeder wünscht – das Leben bewusst zu leben?
Es ist, als ob man in Kenia endlich zur Ruhe kommt – das Eigentliche gefunden hat und dies, obwohl wir mit Laptop im Gepäck reisen um unseren
Online Fachhandel für
Hydraulikzylinder auch vom Urlaub aus weiterführen können, d. h. trotz Arbeit finden wir zu innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. Auch treffen wir oft bekannte Gesichter am Flughafen – alles Menschen, auf die Kenia eine tiefe Faszination ausübt – und die, wie wir, immer wieder dorthin zurück gehen –
in die zweite Heimat, nach Afrika, die Wiege der Menschheit.
All dies übt eben die Faszination Kenias aus.
Von tigerchen am
3. März 2010 veröffentlicht
Mein erstes (und hoffentlich letztes) Praktikum habe ich mir bei einer Werbeagentur ausgesucht. Werbung und Marketing ist immer gut und weil die Agentur gut läuft, wird es nicht nur Kaffeekochen sein. Ich meine, da gibt es halt ganz viele kleine Arbeiten, durch die man sich in den Arbeitsalltag hineinarbeiten kann.
Nun, ganz ehrlich, war auch ein bisschen Glück und noch mehr Geschick dabei: Da ich ganz genau weiß, dass die geisteswissenschaftliche Ecke, aus der ich herkomme, nicht so ein Renner ist und weil ich niemals an Soft-Skills-Gerede richtig geglaubt hatte, habe ich mir auf einer Messe-Exkursion im letzten Semester die ausgefeiltesten Firmenpräsentationen angesehen und dann die Macher im Internet ausgefischt. Und danach meine Bewerbungsanschreiben mit einer konkreten-Impression aufgebohrt. Ich denke, das zählt.
Geantwortet hat gleich eine Werbeagentur, ich habe „nur“ 10 Anschreiben verschickt, die weitere Messeauftritte ihrer Kunden in kommenden Monaten vorbereitet. Da sollte ich wohl mitmachen, nicht schlecht für einen Geisti. Ich werde wohl, abgesehen von den Kaffeepausen …, mir die Projektskizzen mit ansehen dürfen. Ebenso, wenn wir Messestand mieten oder leasen, sowas gibt es auch, wie ich erfahren habe, werde ich meinen Chef begleiten. Und noch viel mehr. Das nennt sich wechselnde Zuständigkeiten.
Nett ist auf jeden Fall eine zwanglose und ungebundene Stimmung in der Agentur, obwohl man mir schon etwas über die Horrorstunden vor den absoluten Deadlines erzählt hatte. Angeblich eine Deadline ist dann nur zur Probe und immer etwas zeitlich vorgeschoben, weil die Verspätungen einprogrammiert sind. Da bin ich schon gespannt.
Von koenig70 am
17. Dezember 2009 veröffentlicht
Viele Eltern machen sich Gedanken wie sie ihren Kindern das Lesen und Schreiben beibringen sollen. Die meisten Kinder beginnen mit fünf oder sechs zu lesen, dies meist kurz vor oder in der ersten Klasse. Experten sind der Meinung, dass sie erst im Alter von 5 die nötigen neuronalen Verbindungen im Gehirn gebildet haben. Erst ab diesem Zeitpunkt ist es ihnen erst möglich Buchstaben zu entschlüsseln und Wörter zusammenzusetzen. Es ist also nicht nötig dem Kind sehr früh das Lesen beizubringen, aber das Interesse an Büchern und am Lesen sollte schon früh geweckt werden. Man kann seinen Kindern Bücher nahe bringen und sie auf die Geschichten neugierig machen und immer vermitteln, dass Bücher wichtig sind und viel Spaß machen. Der beste Weg ist es, wenn man seinem Kind vor liest. Mit sechs Monaten sehen Babys sich schon gerne Bilderbücher an , im Alter von 2 sind Bücher mit Wiederholungen und Reimen geeignet und danach kann man mit einfachen Geschichten anfangen. Später dann eignen sich besonders Detektivgeschichten, da die Kinder in diesen mit rätseln können.
Die meisten sind mit Märchen aufgewachsen die eher für Erwachsene geeignet sind. Es wurde immer gesagt, dass die Weisheiten eines Märchens Kindern helfen soll. Doch die Brutalität, die in diesen Geschichten beschrieben wird ist heutzutage nicht mehr für Kinder geeignet. In Aschenputtel hackt die Stiefmutter ihren Töchtern die Zehen und Fersen ab, damit ihnen der Schuh nicht passt. Doch auch in Rotkäppchen gibt es solche Szenen, in der der Jäger den Wolf aufschneidet und die Großmutter rettet. Alternativ zu solchen Büchern gibt es jetzt auch ein personalisiertes Kinderbuch in den die Eltern eine Geschichte aussuchen können und die Namen des Kindes und auch seiner Freunde in die Geschichte integrieren. Somit sind die Eltern auch sicher, dass die Geschichte geeignet ist.