Der Isländer
Von twenni am 26. Januar 2010 veröffentlichtIch beschloss, diesen Sommer allein in den Urlaub zu fahren. Warum auch nicht, schließlich war ich noch nie allein irgendwo hingefahren. Also wird es Zeit, dachte ich. Island wäre gut, da gibt’s eine Menge Island Pferde. Ich liebe Island Pferde. Ein Pferdehof schien mir genau das richtige zu sein, reiten kann ich ja sowieso und das hatte ich ohnehin lange schon wieder mal vor.
Meine Maschine landete bei bestem isländischen Wetter in Reykjavik. Es war ein sonniger Tag bei gemäßigtem Wind und den typischen fünfzehn Grad Lufttemperatur. Mir war etwas mulmig zumute, so ganz allein in diesem fremden Land. Hoffentlich komme ich hier klar, ich kenne ja niemanden hier, dachte ich. Doch ich schob die Zweifel beiseite und steuerte auf ein parkendes Taxi zu. Der Fahrer war sehr freundlich und verstand mich zudem auch noch gut. Wir fuhren in Richtung Reiterhof, der etwa 30 Kilometer südlich von Reykjavik gelegen war und wo ich ein Appartment gebucht hatte.
Ich war von der bizarren Natur des Inselstaates beeindruckt. Die Landschaft aus Lavawüsten, Seen, Wasserfällen und zerklüfteten Fjorden muteten abenteuerlich, aber auch romatisch an. Ich versuchte mir gerade vorzustellen,wie es wohl wäre hier zu leben, als wir auf “meinem” Reiterhof ankamen.
Das Gestüt sah fast so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zwei Ställe, ein großes Wohnhaus mit angrenzendem Wirtschaftsbereich und einige kleinere Nebengebäude, alles im skandinavischen Stil und angrenzende, schier endlos wirkende Weideflächen mit saftigem grünen Gras, an dem sich eine Herde Island Pferde labte.
Ein blonder Mann mit freundlichem Lächeln, den ich auf Mitte dreißig schätzte, kam auf mich zu. “Mein Name ist Brynjar”, stellte er sich in erstaunlich gutem Deutsch vor und drückte meine rechte Hand fest, aber auch nicht zu kräftig. “Ich heiße Anne”, antwortete ich und begann zu überlegen, ob Brynjar nun sein Vorname oder sein Familienname sei. Er sah mich mit seinen stahlblauen Augen durchdringend an. Als würde er Gedanken lesen können, sagte er: “Brynjar ist übrigens mein erster Vornahme, bitte nennen Sie mich so. Aber erstmal herzlich Willkommen auf Island und meinem Hof. Ich zeige ihnen gleich ihr Appartement”. Ich fühlte mich irdendwie ertappt. Brynjar verunsicherte mich und ich vermochte es nur schwer, mich von seinen Augen zu lösen. “…ähh ja” gab ich irretiert zur Antwort. Er nahm mein Gepäck von dem Taxifahrer entgegen und ich zahlte die Fahrt. Während der blonde Isländer mit meinen Taschen in Richtung eines der Nebengebäude ging, viel mir sein schlanker, aber gleichermaßen auch zäh-kräftiger Körperbau auf. Die Adern seiner Unterarme traten unter der Last meines Gepäcks markant empor. Brynjar gefiel mir irgendwie.
In den folgenden zwei Wochen erkundete ich auf meinen Ausritten die Umgebung und beobachtete das Treiben auf dem Hof. Besser gesagt, beobachtete ich bei eigentlich jeder Gelegenheit Brynjar. Ich hatte mich in ihn verliebt. Ich lief ihm schon auffällig oft “zufällig” über den Weg, hoffend auf eine Situation, die mich ihm näher bringen würde. Dann endlich fragte mich Brynjar, ob es mir etwas ausmachen würde, heute Abend im Stall auszuhelfen. Eine Stute stand kurz vor der Geburt eines Fohlens und der Stalljunge, der sonst bei Geburten immer dabei war, lag mit Fieber krank im Bett. Natürlich sagte ich zu, lehnte aber seine vorgeschlagene Bezahlung ab.
Die Geburt des Island- Fohlen verlief ohne Komplikationen. Nachdem sich der Tierarzt verabschiedet hatte, holte Brynjar eine Flasche eines mir unbekannten Schnaps und zwei Gläser. “Lass uns auf das Neugeborene anstoßen, das ist so Brauch bei uns”, schlug er vor und ließ sich in einer Ecke auf einem Strohballen nieder. Er schenkte uns beiden ein und bedankte sich, sichtlich erschöpft, für meine Hilfe. Wir tranken. Brynjar erzählte davon, wieviel Arbeit und Entbehrung ihm das Gestüt abverlangte und dass er stolz war, den elterlichen Pferdehof unter den widrigen isländischen Bedingungen zu einem gefragten Zuchtgestüt und beliebten Urlaubsort für europäische Touristen gemacht zu haben. Ich hörte ihm gespannt zu, sog jedes Wort auf und fühlte mich wie durch eine magische Kraft von ihm angezogen. Nach dem vierten Glas des seltsam schmeckenden Getränks ließ ich meinem Bedürfnis freien Lauf und lehnte mich an seine Schulter. Ich begann, sanft seine Haare zu kraulen. Er reagierte überhaupt nicht. Nicht abweisend und nicht annähernd. Männer werde ich wohl nie verstehen, dachte ich. Warum küsst er mich nicht, reißt mir nicht die Kleidung vom Körper oder sonst was, fragte ich mich.
Doch just, als ich schon einen Anflug von Liebeskummer zu fühlen begann, erwiderte Brynjar meine Liebkosungen. Ich spürte seine kräftige Hand auf meinem Rücken und er zog mich an sich. “Lass uns in dein Appartment gehen…” murmelte er leise. Wir gingen. Die Nacht war wunderschön.
Die nächsten Tage kamen wir uns noch häufig sehr nahe und ich genoß die letzte Zeit auf dem Hof mit ihm. Dann kam der Tag des Abschieds. “Besuchst du mich mal in Deutschland?”, fragte ich Brynjar. “Ja gerne”, antwortete er. “Aber du solltest wissen, dass meine Frau nächste Woche aus Dänemark zurück kommt”. Dann schwieg er. Ich stieg wortlos in das wartetende Taxi und schaute mich nicht mehr um.









