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Der Kapuzenmann

Von Julka84 am 31. Juli 2010 veröffentlicht
Thema: Romantik

Der Kapuzenmann wurde an einem braungrauen Regentag im November geboren. Später hieß es oft er trüge Kapuzen, weil es im November immer regnete. Aber das ist schlicht ein Beleg der menschlichen Hybris. Ständig sind wir darauf bedacht Sinnhaftigkeiten zu konstruieren, Muster zu sehen, Zusammenhänge herzustellen. Das Andere musste in unsere Formen gepresst werden, sonst würden wir es zum Teufel jagen. Eine Erklärung jagt die andere, eine Prämisse wird durch eine weitere legitimiert, beflügelt bis wir in den himmlischen Sphären Gott treffen oder untermauert, bis wir in klammfeuchter Erde dem Tod begegnen. So war es auch mit dem Kapuzenmann. Dass er anders war, sah man auf den ersten Blick.

Als ich ihn das erste Mal sah war er wohl so um die vierzig, ich dreiundzwanzig, in studentischem Traumnebel verhaftet und ob meines Literaturstudiums durchaus nicht mehr romantisch veranlagt. Ich begegnete ihm im Café „Blauer Reiter“ und er nahm mir den Atem. Es wäre falsch zu behaupten es verschlüge mir den Atem. Denn dann hätte ich einer unbestimmten Es-Gewalt eine Macht über mich zugestanden, die den Kapuzenmann reduziert hätte. Das es sich derart verhielt, war mir vom ersten Moment an glasklar. Er setzte sich an einen Fenstertisch, ließ sich einen Tee bringen, saß aufrecht da ohne verkrampft zu wirken und starrte in den feuchten Herbsttag, der den Blätterhaufen vor der Straße einen modrigen Geruch abrang. Er trug Bluejeans und einen marinefarbenen Kapuzenpullover. Von meinem Platz aus konnte ich nur seinen Rücken sehen und mir die Schulterblätter unter seinem Pullover ausmalen. Seine Hände, die die Teetasse nicht anrührten, waren groß, kräftig, ad hoc hielt ich sie für salzig. Gleichsam wirkten sie weich. Ich vermochte es nicht meine Blicke von ihm zu wenden, wie ein Magnet hatte er mich angezogen, nur gab es keinen Gegenpol, mit dessen Hilfe ich mich seiner hätte entziehen können. Gebannt beobachtete ich ihn. Meine Augen wagten es nicht zu blinzeln und wurden trocken.

Nach etwa zehn Minuten erhob er sich, zahlte ohne ein Wort zu sagen, drehte  sich für einen Augenblick zu mir, so dass sich unsere Blicke trafen. Sein Gesicht war schön, selbst im Zwielicht aus Herbstgrau, Neonlicht und dem Schatten, den seine Kapuze über sein Antlitz warf. Mattblonde Haarsträhnen umrahmten sein Gesicht; volle Lippen, eine kleine weiche Nase und Augen, deren blaugraugrün eine Ruhe aussendeten, die sich in mir spiegelte, als würden helle Worte in einer dieser mattschattigen orthodoxen Kirchen Sibiriens den Raum füllen. Seine im Grunde ausdruckslosen Ruheaugen schienen alles Denkbare gesehen zu haben. Indes gereichten sie mir zum Leid. Denn ein solcher Blick, da war ich mir sicher, konnte nur Beliebigkeit bedeuten und zwar die alles negierende Beliebigkeit des Seins. Früher hatte ich mich immer darüber empört, dass das Sein eben „Sein“ hieß und nicht etwa „Ihr“, genauso wie es die Erde und nicht die Siede heißt. Sein Blick tilgte diese Empörung, die Welt war tatsächlich männlich. Er ging.

Ohne zu zögern stand ich auf, zog meinen Ledermantel an, warf mir mein Tuch um den Hals, zahlte hastig und schritt auf die Straße. Er war fort. Die Straße war lang, in so kurzer Zeit hätte  er es unmöglich bis zur nächsten Ecke schaffen können. Ich war verwirrt, ging zurück ins Café. Seine Tasse stand nach wie auf dem Tisch, an dem er gesessen hatte, also konnte ich ihn mir nicht eingebildet haben. Mein Herz schlug allmählich langsamer, ich trat erneut zur Tür hinaus und blickte mich genau um. Von ihm keine Spur, nichts, nada. Ich drehte mir eine Zigarette, zündete sie an, nachdem ich mein Feuerzeug gefunden hatte und sog den Rauch tief in meine Lungen. Ich wusste, ich würde nach Hause gehen und mir einen Joint drehen. Langsam ging ich die Straßen entlang, ich hätte die Straßenbahn nehmen können, konnte mich aber nicht dazu durchringen. Nieselregen setzte ein und plötzlich besann ich mich darauf, dass mir der Kapuzenmann bekannt vorkam. Ich werde ihn schon einmal gesehen haben müssen, dachte ich, nur wo und wann? Ich durchforstete mein Gedächtnis, meine Erinnerungen und die gelegentlichen Tagträume, aber niemand, der mir in den Sinn kam, kam auch nur annähernd in Frage der Kapuzenmann gewesen sein zu können. Ich passierte einen kleinen Park. Im letzten Herbst hatten Johannes und ich uns hier ausgelassen in die Laubhügel geworfen, die die Stadtreinigung hatte auftürmen lassen. Wir haben uns mit klammem Laub beworfen, waren einander ausgewichen um uns zu finden, lachten und küssten einander. Johannes hatte es Laubtaumeltanz genannt, seine Wangen glühten noch, als wir in meiner WG ankamen. In meinem Zimmer war es wie immer kalt gewesen, er wollte mich wärmen, war übermütig glücklich. Mich erschauderte die Lust, mit der er mir über mein Haar strich, mich entkleidete und liebkoste. Wir waren seit Jahren ein Paar und noch immer faszinierten ihn meine Brüste und Achselhöhlen, meine tief liegenden Schlüsselbeinknochen, der Leberfleck in meinem Bauchnabel. Behutsam streichelte er mich, tastete sich entlang imaginärer Fahrrinnen auf meinen Schenkeln. Doch warm wurde mir nicht. Mir wurde schal zumute, trotzdem ließ ich ihn gewähren. Es war nicht das erste Mal, dass mich sein Glück an meinem stummen Körper überfordert hatte. Ich war immer wieder erstaunt und perplex wie einfach es war ihn glücklich zu machen. Es reichte vollkommen aus, dass ich mich nackt auf meine Matratze legte, meinen Mund ganz leicht öffnete und ihm direkt in die Augen blickte. Er sagte er liebe mich, drang langsam in mich ein und genoss unsere Bewegungen. Als er in mir kam, hielt ich ihn fest umschlungen. Ich hielt ihn fest und hielt es aus. Zwei Wochen später trennte ich mich. Er verließ meine Matratze, den Park, die Stadt. Bekannte meinten er unternehme eine Weltreise und dass es ihm in Buenos Aires sehr gut gefalle. Ich wusste, dass er zu empfindsam war um Buenos Aires zu mögen, obwohl ich selber noch nie dort gewesen bin.

Als ich vor meiner Wohnungstür ankam, war es bereits dunkel. Ich schloss die Tür auf, streichelte meinen Kater, gab ihm zu fressen. Außer mir war niemand zuhause. Der Kapuzenmann ging mir nicht aus dem Kopf, sein Rücken, seine Schultern, seine Augen sah ich unbeirrt vor mir, sobald ich meine Augen schloss. Ich setzte mich auf das Küchensofa, baute mir einen Joint und zündete ihn an. Ich war nicht imstande einen klaren Gedanken zu fassen, ging aufs Klo, vermied es mich im Spiegel anzusehen, ging erneut in die Küche zu Kater und Joint. Es half nichts. Ich ging in mein Zimmer und trat ans Fenster. Draußen war es stockduster und regnete. Trotzdem sah ich ihn. Er sah zu mir hoch, ich war mir ganz sicher.

Es schien sogar als lächelte er, ganz und gar unnosographisch. Erneut wurden meine Lungen schwer. Ich konnte für Sekunden nicht atmen. Er schritt indes auf meine Haustür zu, wenig später klingelte es. Benommen ging ich über den Flur zur Tür und öffnete. Da stand er, groß und durchnässt. Er blickte mir in die Augen und ich meinte mein Herz bliebe stehen. Ich konnte weder sprechen noch mich bewegen. Lange schien mir, verharrten wir so. Schließlich wandte er seinen Blick ab, musterte mich, den Joint in meiner linken Hand und den Kater, der sich hinter mir positioniert hatte. Ernst fragte er mich wann ich geboren sei. „Mitte Juli“ stammelte ich. „Also bist du Krebs vom Sternzeichen?“ raunte seine Stimme unter der Kapuze. „Ja“, sagte ich klamm. Er lächelte matt, vollkommen souverän und wendete sich um. „Du bist noch nicht reif“, sagte er schlicht, „mit dir hat es noch keinen Sinn.“ Ich sah ihm nach, wie er die Treppenstufen hinunter ging, dann rannte ich an mein Fenster um ihn auf der Straße zu sehen. Er war fort. Ich sank auf meiner Matratze zusammen, weinte gleichmäßige salzige Tränen.

Zwei Wochen später erhielt ich eine Postkarte aus Buenos Aires. Auf ihr stand: „das Wetter ist wechselhaft.“