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der Kutscher

Von Poesie am 25. November 2009 veröffentlicht

Unter den Gestaltern und Erzählern findet sich ein unscheinbarer Mann mit italienischem Akzent und einer exzentrischen Mütze auf seinem nachdenklichen Haupt. In einem Irrgarten der Plauderei mit den anderen Gästen, deren Eitelkeit und oberflächliche Gedanken er nichts abgewinnen kann, sieht der unscheinbare Mann wohl einem von den Wellen der Unbedeutsamkeit in Seenot geratenem ähnlich. Als rettendes Ufer wäre eine ruhige Ecke oder die frische leise Luft vor dem Gebäude schon ausreichend. Das tät so gut. Aber man hat ihm ja einen Preis verliehen, da kann er ja nicht einfach vor die Türe gehen, mitten in diesem vom Wein des Lobes maskierten Gesprächs in das er unfreiwillig geriet “Sein Schiff sei jedem Ufers Schmuck, wo immer es auch anlegen mag. Sein Schwimmendes Schloss, konstruiert von einem Meister wohl…“ wie kann er da nicht zufrieden lächeln, ein Gläschen nehmen und sich die Zeit stehlen lassen wie es sich geziemt, die ihm wohl fehlen wird beim Bau des neuen unbekannten Werks. Ein Dom? Ein Luftschiff? Jeder hier ahnt, dass es etwas Großes sein wird.  Niemand, absolut niemand in diesem Raum, hat eine flüsternde Ahnung was und wie es sein wird. Das Murmeln und Kichern findet einen akustischen Kontrast nur noch durch lautere Stimmen, die um den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit kämpfen. All diese Leute machen sein Wehren müde und lassen das Rettungsufer des Spazierengehens in der ersehnten frischen Luft, von einer höheren Flutwelle aus Oberflächlichkeiten versinken. Ihm wird es mit der Zeit leiser, das überhebliche Reden und die Selbstdarstellung der Herren mit Zylinder sowie das höfliche Grinsen der Damen von wohlerzogener Art. Man kann gegenseitiges Verletzen, Schreien und Weinen unter den MakeUp-Wänden falscher Fröhlichkeit vermuten, und man wisse in trauriger Erkenntnis dabei recht zu haben. Die Musik scheint auch nur flott und heiter zu sein, weil ein deutscher Chemiker, aus Blättern vom fernen Südamerika, eine neue Dimension der Ablenkung isoliert hatte. Ein Leistungsmittel das schon zügellosen Missbrauch in die Gesellschaft brachte. Ein betrunkener älterer Kavalier mit rotem verwirrt lachendem Gesicht, torkelt mit zwei Damen im Arm an dem unscheinbaren Mann vorbei. Ihm scheint als würden die zarten Gestalten unter dem Gewicht des Betrunkenen noch vor dem Erreichen des Ausgangs zusammenbrechen. „Aber sie haben mir einen Preis verliehen, verdammt wie könnt ich undankbar sein“. Diese Schuldigkeiten der Gäste untereinander, dieses Borgen und Verborgen von Großzügigkeit, ist den ganzen Abend schon zu verspüren. Ebenso intensiv und aufdringlich wie der zu süße Geruch, wie frische Rosenblüten mit Rohölgestank,…ach ja, der neue Duft, wie heiß er schnell? War ja in der Zeitung abgebildet.

Da hinten, hinter dem weißbärtigen Mann mit Weinglas, ist doch…was ist das?
Ein Schiffmodell wird ihm offenbar, nicht unähnlich dem welches er selbst konstruiert hatte und bauen ließ, doch mit einem bedeutenden Unterschied. „Mein werter Herr, setzen Sie sich doch zu unserem Tisch“ lenkt plötzlich ein Mann mit Brille und schwarzem Hut, von der inneren Frage ab. „Ja, ich wollte mich nur noch kurz frisch machen, wo sitzen Sie denn?“ Der Mann mit Hut und Brille höflich wie ein Butler „Bitte lassen Sie sich Zeit, wir heißen Sie auch später an unserem Tisch willkommen.“ 

Eine Kutsche rollt auf der Strasse neben dem Gebäude vorbei, es ist schon kühler geworden und leichte Tropfen spürt man in der Luft, die wohl in ein baldiges Schütten übergehen. Von Außen wird kein Licht gesehen, das aus dem alten Bauwerk lächelt. Die Fenster sind leer und tot. Der Kutscher weiß auch, wie Alle hier, dass das Schloss an der Kurve, mit dem grauen schlichten Baustil und der dick überwachsenen Mauer, seit je her unbewohnt ist.
Die Kutsche rollt routiniert die Straße weiter, Wald wechselt mit nachtdunklem Felsen, noch ist der Hafen weit. Das Schiff jedoch wird warten bevor es mit dem, was der Kutscher mit sich führt, in das weite Eis aufbrechen wird. So weit, dass sogar die letzten Leuchttürme im gnadenlosen Schwarz versunken sind. Bis an dem Tag, an dem jenes Paket, geöffnet werden soll.
„Mein Herr, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis wir den Hafen erreicht haben. Wünschen Sie Einkehr? Ich kenne einen, der Speise und Schlafplatz bietet, nicht weit von hier, liegt am Weg“
rät der Kutscher mit einer freundlichen weisen Stimme.
„Einkehr? Müde bin ich noch nicht, aber warme Brühe und schaumiges Bier, täte mir jetzt schon gut.“ antwortet der Fahrgast, mit italienischem Akzent.  „Denn ich habe etwas zu bauen, mit den Werkzeugen in dem mitgeführten Packet, weit in den ewig weißen Tiefen des Eises. Wo mich mein Schiff, jawohl mein Schiff, hinbringen wird. Der Regen wird schwerer und die Kutschen verkleinert sich in weite Ferne, auf dem Weg zu Gaststätte.

Die Gaststätte

Ein Steinbogen, vorn beschienen mit Fackellicht, ins Innere dunkler werdend, bringt die Kutsche zum stehen. Sehr einladend sieht das ja noch nicht aus für den Fahrgast, Alfredo den Schiffskonstrukteur. „Ist das die Gaststätte von der Sie erzählt haben?“ fragt er den Kutscher verwundert. „Verzeihen Sie mein Herr, aber mich wundert selbst, dass wir kein weiteres Licht vorfinden, als die Fackel an der Außenmauer, vielleicht wird heute in tieferen Räumen serviert.“ entgegnet der Kutscher. Nach einer kurzen Überlegung wird in den dunklen Innenhof hinter dem Steinbogen hinein gefahren und neben einem Springbrunnen dem Klang nach, denn man kann ihn nur hören, geparkt. Alles hier ist schwarz. Irgendwie aber sehr stimmungsvoll und eine neugierige Aufregung legt sich in die Situation. „Woher kennen Sie diesen Gastgeber?“ fragt Alfredo. „Er war auch Kutscher, wie ich, aber er erbte diese Mauern hier, und einst trank man gutes schaumiges Bier dahinter. Fragen Sie mich nicht warum er heute nicht anwesend ist, was war…“ der Kutscher hält inne. „Was ist los?“
“…da war was weiter in hinten im Garten.“ Der Mondschein erlaubt die Richtung zu erkennen, nach der sich die beiden richten müssen, wenn sie in die Tiefen diesen dunklen langen Heckenpfad ins Ungewisse folgen wollen. Vorher gilt es diesen Schatten, wo man nichts sehen kann, zu verlassen und aufzupassen nicht in den Springbrunnen zu fallen. „Was ist das?“ fragt nun Alfredo, etwas Eigenartiges schimmert in einer Heckenkreuzung. Es fühlt sich beim Näherkommen an, als würde die Ichempfindung beider stark betroffen werden. Panisch und verwirrt vernehmen Alfredo und der Kutscher einen Zustand der Verschmelzung. Sieht der Kutscher Alfredo, oder Alfredo den Kutscher. „Wer von beiden bin ich? Wo ist das Fest an dem ich mich nicht amüsierte, jetzt aber nirgends anderswo sein möchte. Warum war es mir, als ob das Festgebäude, seit je her unbewohnt war? Was ist hier los? Und welches Packet trage ich da mit mir herum?“ Plötzlich nimmt er, wer auch immer dies sein mag, eine zunehmende Kälte war. Zurück zur Kutsche laufend, von ständigen Fallen auf dem bereits eisig gewordenen Boden aufgehalten, nähert er sich dem unbeheizten Gefährt. Es mögen Wolldecken drinnen liegen und die Pferde könnten schnell den Weg fortsetzen in das nächste Dorf, sofern so etwas existiert.

Zu selben Zeit

Ein Kerl um die Dreißig mit grauen Pullover und einem Mobiltelefon neben sich, murrt über private Umstände vor sich hin. Sein Laptopbildschirm flimmert vor ihm. Zur selben Zeit? Wie kann das sein? Alfredo, der Schiffskonstrukteur kennt das Pferd und die Kutsche als das schnellste Mittel nach vorn zu kommen. Dieser eben beschriebene Mann jedoch scheint in jüngeren Zeiten zu leben. Er murrt und Alfredo friert. Dem Autor ist als sei er missverstanden und unangehört stehen gelassen worden, wohingegen Alfredos Welt von Verwirrung geprägt ist. Ja, es ist zur selben Zeit, es handelt sich hier um den Autor.

Zurück in die Welt

Ach ist das gut, diese warme Decke. Die Kutsche rast die Straße entlang. „Hab ich geschlafen?“ fragt Alfredo. „Schon möglich mein Herr, aber bald können Sie etwas ruhiger und gemütlicher schlafen. Die Gaststätte ist nur noch ein paar kurze Plaudereien entfernt.“ merkt der Kutscher an.
Alfredo lacht: „Oh, ich verstehe, haha… Ach warum können wir nicht einfach direkt zum Hafen fahren?“ „Aber mein Herr, einen Tag und einen halben müsste man durchfahren um diesen zu erreichen.“ erwidert der Kutscher, sichtlich besorgt, er könnte es ernst meinen. „Ach nein vergessen Sie es, verzeihen Sie, fahren wir hin wo man uns Unterkunft gewährt, ich vertraue Ihnen schon“
Da hört man sich schon fröhlicher Gesänge nähern und ein warmes Licht scheint aus zufriedenen Festern des Häuschens vor ihnen. Alfredo könnte den Kutscher umarmen und auch auf viele Schaumbiere möge er ihn einladen, hat er doch offensichtlich diesen schönen Ort gemeint.

Zur selben Zeit

Der Autor freut sich schon auf die warme duftende Badewanne. Was sich klären sollt wird sich klären,
ich habe ja wirklich nichts falsch gemacht. Sollt mir niemand dies einreden. Ja, sollte niemand mir etwas anderes einreden, ich schreibe. Hat dies nicht eine wundervolle Frau zu mir gesagt? Es dürfte der Heizkörper im Hintergrund sein, der neben dem Tippen einzig zu hören ist, in dieser nächtlichen Zeit, hier in diesem Raum.  

Fassen wir zusammen
Was ist hier los? Die Welt des Leuchtturmwärters und die des Herrn Alfredo mit dem italienischen Akzent, scheinen in einer Wechselwirkung zu stehen, mit der Welt des Autors. Doch wie sieht diese genau aus?
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