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Die Rune des Todes

Von runenleger am 21. Juli 2010 veröffentlicht
Thema: Fantasy

Es war vor vielen Hundert Jahren, als ein Krieger auszog, um seinen Stamm zu beschützen. Der Krieger war noch jung, doch in ihm brannte das Feuer des Kampfes schon eine Weile.
Sein gesamtes Leben hat er darauf gewartet, endlich in diese Schlacht ziehen zu dürfen. Es war ein Grollen, das ihn antrieb und das er ab dem Moment empfand, als vor mehr als zehn Jahren die leblosen Körper seines Vaters und seines Bruders von ihren Gefährten zurück ins Dorf gebracht wurden. Sie fielen einem feigen Hinterhalt der Wolfsmenschen zum Opfer.

Rune Eiwaz

Diese Überfälle gab es seit Geburt des jungen Kriegers. Sein Vater dachte einst, er könnte dem ein Ende bereiten. Die Runen hatten ihm diese Möglichkeit eröffnet und so zog das Familienoberhaupt gemeinsam mit anderen Waffengefährten durch die Wildnis, stets auf der Jagd nach kleineren Rudeln Wolfsmenschen. Eine kleine Zahl von ihnen waren für geübte Kämpfer mit richtigen Waffen und Rüstungen keine große Herausforderung. Doch diese klugen Tiere gingen allmählich zu einer neuen Taktik über. Anscheinend hatten sie erkannt, dass sie als Großrudel viel gefährlicher waren.
Es kostete die Nordkrieger viele Männer, bevor sie einsehen mussten, dass sie der Überzahl der Wolfsmenschen vorerst unterlegen waren. Sie zäunten sich ein und zogen sich zurück, verzichteten darauf, große Teile der Felder zu bewirtschaften. Es dauerte einige Jahre, bis sie sich wieder sammeln und ausrüsten konnten und der Nachwuchs ausreichend trainiert hatte, um eine Chance gegen diese Bestien zu haben. Der junge Krieger gehörte zur älteren Riege dieses Nachwuchses.

Sie spähten das Wolfsmenschenrudel seit Tagen aus und legten ihm einen Hinterhalt in einer Schlucht. Trotz ihrer Überzahl und der Unerfahrenheit vieler Nordkrieger gelang es den Wolfsmenschen nicht, sich zur Wehr zu setzen. Sie wurden von den Wurfpfeilen einfach aufgespießt oder von Armbrustbolzen hingerichtet, ohne dass sie ihre Zähne auch nur in einen Gegner reißen konnten. Die gut gezielten Speere und Bolzen schossen von oberhalb der Schlucht auf sie hinunter, was den meisten ein schnelles Ende bereitete. Die Überlebenden bekamen es mit den Äxten eines Trupps zu tun, zu denen auch der junge Krieger gehörte. Halb Mensch halb reißende Bestie, setzten sie sich bis zum Ende erbittert zur Wehr, obwohl sie keine Chance mehr hatten. In ihrem letzten verzweifelten Gejaule gab es weder Hoffnung mehr, noch Aufbegehren gegen das Schicksal. Der Sieg der Nordkrieger schien leicht, doch er war Ergebnis jahrelanger Übung. Disziplin gepaart mit geschulter Waffenkunst kamen bei vielen Kriegern zum ersten Mal zum Einsatz. Die Vorbereitungen waren erfolgreich, wie der Runenpriester es vorhergesagt hatte.

Der junge Krieger freute sich schon auf die Bewunderung seiner Verlobten. Er musste ihr versprechen in ganzen Stücken wieder zurückzukehren, doch mit einem derartigen Sieg kehrte es sich viel leichter Heim, anstatt als unterlegener und zerstreuter Haufen. Sie konnte stolz auf ihn sein. Sein persönliches Orakel, das sich der junge Krieger gerne mit den alten Runen seines Vaters legte, schien sich zu erfüllen. Dieses zeigte die Rune Othala, die Heimkehr, als er nach dem Ausgang der Schlacht fragte.
Hinter der Bergkuppe musste das Dorf erscheinen. Die Krieger vor ihm begannen auf einmal aufzustöhnen und zu laufen. Auf einen Schlag verwandelte sich die Siegesstimmung in Entsetzen. Schuld war das heimatliche Dorf. Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass die Wolfsmenschen die Siedlung überfallen hatten. Die meisten Krieger waren nicht da, sondern stellten dem Feind eine Falle in der Schlucht. Sie wollten als größerer Trupp die nördliche Gegend endlich entscheidend säubern. Nun waren sie es, die in eine Falle dieser Bestien gelaufen sind. Sie haben ihre Siedlung ungeschützt gelassen und geglaubt, die Lage mit ihren Spähern unter Kontrolle zu haben.

Es folgten Tage der Trauer. Der junge Krieger wollte nicht einsehen, warum er Bruder, Vater und nun auch noch seine Verlobte an die Monster verloren haben sollte. Diesmal nicht. Er hatte vor, das Geschehene rückgängig zu machen und fragte den Runenpriester um Rat. Er wollte die Toten zurückholen.

Der Magier baute daraufhin eine Todesrune. Die Rune Eiwaz war darauf abgebildet. Er prophezeite dem Krieger, mit ihrer Hilfe ein Tor zwischen dem Jenseits und dem Diesseits zu reißen, wie einst Odin, der tagelang an dem Weltenbaum hin.
Der Krieger, ebenfalls in der Runenkunst und der Magie ein wenig bewandert, glaubte zu verstehen. Er kannte das Ritual, brauchte nur noch ein paar jener roter Beeren, die auf den Eiben wachsen. Wie das Schicksal es wollte, wurde seine Geliebte unter einer solchen Eibe vor wenigen Stunden begraben.

Unter dem Einfluss der Eibenfrüchte wartete der trauernde Krieger bis Mitternacht. Dann begann er mit dem Höhepunkt des Rituals. Er hatte vor seine Geliebte zurück ins Leben zu holen. Dazu musste er nur noch die Todesrune auf das Grab legen und sein Blut darauf tropfen lassen.
Es dauerte nicht lange, bis sie erschien. Sie stieg regelrecht aus der Eibe heraus. Obwohl gestern noch quicklebendig, schien sie aber blass und ausgezehrt wie ein Geist. Sie schwebte ein paar Handbreit über dem Friedhofsbogen. Der Krieger stand auf und versuchte sie zu umarmen. Vergebens, denn die beiden gehörten anderen Welten an. Sie waren einander nichts als Erscheinungen.
In dem Moment wusste der Krieger, das er mit der Todesrune gar nichts wiederherstellen konnte. Es ging nur darum, einander noch einmal zu sehen. Er wollte ihr seine Liebe und Treue bis in alle Zeit zu schwören, doch sie unterbrach ihn. Sie konnte von ihrem Ort aus in die weltliche Zukunft sehen und sagte ihm ein langes Leben, Liebe und viele Kinder mit einer anderen Frau voraus, die er in den nächsten Jahren kennenlernen sollte. Es war von einem anderen Land die Rede, das sicherer war und in dem die Menschen nicht von bösartigen Kreaturen bedroht wurden. Der Weg sollte innerhalb des nächsten Jahres gefunden werden. Er lag in südlicher Richtung.

Und so konnte die Rune des Todes doch noch ihre Bestimmung finden. Denn ohne diesen Hinweis hätten die Nordkrieger es nicht gewagt, weiter in den Süden zu ziehen. Was sie erwartete waren nicht Drachen und andere Ungeheuer, wie in den Sagen über diese Gegend, sondern ein wunderbares und wirtliches Land, das ihnen und einem anderen Stamm, der ebenfalls auf der Flucht vor den Wolfsbestien war, zu einer neuen Heimat wurde.
Der junge Krieger ging in die Geschichte des Stammes ein und sollte später noch Häuptling werden. Er konnte die Gefallenen, allen voran seine Verlobte, nicht aus dem Totenreich zurückholen, doch dafür die Lebenden zu einem Ort weisen, an dem sie ohne nennenswerte Gefahren gedeihen und sich vermehren konnten.