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Kurzgeschichten mit Links

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Ein zweideutiges Oxymoron

Von Julka84 am 31. Juli 2010 veröffentlicht
Thema: Sonstiges

Nun sitze ich hier, es ist 14.00 Uhr, und ich führe das erste Gespräch des Tages. Im Moment verkaufe ich Handyverträge an Leute, die das Pech hatten, an einem Gewinnspiel teilgenommen und damit ihre Adresse auf immer und ewig in Umlauf gebracht zu haben. Die Menschen sind erwartungsgemäß nur mäßig an einem Gespräch mit mir interessiert und meine Laune sinkt. Ich kann sie ja verstehen, diese Gewinnspielteilnehmer. Da schlägt man eine Zeitschrift auf und liest, dass man eine Reise gewinnen kann, die man sich sonst niemals leisten könnte. Das Rätsel dazu ist denkbar einfach und also macht man eben mal mit. Man hat ja schließlich nichts zu verlieren. Und das Kleingedruckte liest man sich selbstverständlich auch nicht durch. Geschätzte zwei Wochen später weiß man, dass man mal wieder rein gar nichts gewonnen hat, bekommt aber einen Anruf von einem netten Call Center Agenten, der leider so schlecht informiert ist, dass er nicht einmal weiß, welches Gewinnspiel es war, bei dem man seine persönlichen Daten verspielt hat, und einem beim Kauf von fünf Hackebeilen verspricht eines gratis dazu zu bekommen. Der Kunde A, der von all dem nichts wissen will, reagiert unter Umständen erzürnt, weil er doch mit dem Hackebeilunternehmen überhaupt nichts zu tun hat, sich verständlicherweise fragt, wie dieses an seine Nummer gekommen ist und verlangt, eben jene aus der Kundendatenbank zu entfernen. Was Kunde A eventuell nicht weiß, ist, dass er gar nicht mit einem Mitarbeiter des Hackebeilunternehmens gesprochen hat, sondern mit einer unterbezahlten Halbzeitkraft, die vor einem farbschwachen Monitor sitzt und die outgesourcte Aufgabe der Kundengewinnung übernehmen muss. Sie kennt weder AGB’s noch Geschäftssitz der Hackebeilfirma und muss nun unter den fünf ihr vorgegebenen Ablehnungsgründen den auswählen, der am meisten auf die Aussage des Kunden A passt. Wir erinnern uns: er wollte, dass seine Nummer aus der Firmendatenbank entfernt werde. Die unterbezahlte Halbtagskraft entscheidet sich für den Punkt „Kunde nicht gesprächsbereit“, verabschiedet sich höflich und wartet auf das nächste Gespräch. Die Nummer des Kunden A bleibt derweil selbstverständlich unangetastet und wird lediglich mit dem Vermerk versehen, sie nicht sofort im nächsten Turnus (was also heißen kann: in der nächsten Woche, im nächsten Monat, im nächsten Quartal etc.), sondern erst im darauf folgenden wieder zu verwenden. Nun hat Kunde A also für mindestens einen Turnus (eine Woche, einen Monat, ein Quartal) seine Ruhe, möchte man meinen. Aber nein, gemeinerweise hat oben erwähntes Gewinnspielmagazin seine Adresse nicht nur an das Hackebeilunternehmen verhökert, sondern auch an den Putzlappenfabrikanten, den Beate-Uhse-Versand und an das Marktforschungsinstitut „Bild dir deine Meinung“. Und damit hat Kunde A noch Glück. Denn er kann froh sein, dass jene vier laut herum posaunen, dass seine Daten bei ihnen in jedem Fall geschützt seien und nicht an dritte (haha) weiter gegeben werden. Kunde A wird also gepflegt- er ist Teil eines Programms namens Kundenpflege. Und wenn man seine Haustiere gut pflegt und striegelt, nun ja, dann geben sie auch Milch und legen Eier. So einfach ist das.

Während ich also dasitze und mir derlei Gedanken mache, führt Petra neben mir schon das dritte Gespräch und verkauft einen Handyvertrag. Unglaublich. Petra überzeugt nicht mit dem Produkt, Petra überzeugt mit Angst. Wirklich, wenn ich sie so telefonieren höre, dann habe selbst ich Angst, ihr irgendetwas abzuschlagen. Man befürchtet unwillkürlich, dass sie sich gleich in einen Werwolf verwandelt und einen auffrisst. Petra ist ca. 1,50 hoch und damit keine besonders furchteinflößende Gestalt, aber ich bin davon überzeugt, dass sie allein mit ihrer Stimme töten kann. Petra jedenfalls brüllt ihren Kunden an, ihr gefälligst die Bankdaten langsam und verständlich durchzugeben, hat damit den Auftrag im Sack und beendet das Gespräch mit zuckersüßer Stimme. Nachdem sie aufgelegt hat, schaut sie mich an und sagt: „Läuft nicht so gut heute, wa?“ Du spinnst doch, Petra, möchte ich erwidern, sage aber stattdessen: „Stimmt. Aber, naja, heut ist Freitag, da sind die Leute immer so gestresst.“ Nach diesem tiefgreifenden Wortwechsel wendet sich jeder wieder seinem Monitor zu und fährt fort, die Leute, die man eigentlich immer schon Kunden nennt, auch wirklich zu Kunden zu machen. Nun habe ich auch endlich mal jemanden dran. Vormittags ist es ja mit der Erreichbarkeit immer so eine Sache. Es ist eine Frau, etwa in meinem Alter, die tatsächlich so höflich ist, sich mein Anliegen bis zum Ende anzuhören. Fragen hat sie nicht mehr, Interesse aber auch nicht. Sie ist sehr freundlich und es macht mir Spaß, mit ihr noch ein wenig übers Wetter zu plaudern. Schließlich gibt sie zu, auch einmal in einem Call Center gearbeitet zu haben. Wusste ich es doch! Menschen, die einem a)zuhören, b)ablehnen können ohne unhöflich zu werden und c)es schaffen, sich auch noch freundlich zu verabschieden, kommen entweder selbst aus der Branche oder haben in irgendeiner Form mit Dienstleistung zu tun. Die nette Dame ist es sogar, die mir am Ende ein schönes Wochenende wünscht und nicht andersherum. Ich bin zufrieden. Verkauft habe ich zwar nichts, aber meine Laune ist wieder besser. Links neben mir sitzt Arnold. Das heißt er sitzt eigentlich nicht, sondern liegt in seinem Bürostuhl und singt vor sich hin. Arnold ist Doktor der Philosophie, man darf ihn aber nicht darauf ansprechen, sonst wird er sentimental und erzählt einem zum 500. Mal seine leidensreiche Lebensgeschichte. Er ist unglaublich gebildet und verwendet ein Vokabular, das ihm den Verkauf sichtlich erschwert. Ständig muss er gecoacht werden. In einem Schulungsmeeting hat er wohl einmal das Wort empathisch verwendet. Seitdem halten ihn viele für geistig verwirrt, weil sei denken, er hätte eigentlich sympathisch sagen wollen. Ich sehe aus dem Fenster. Draußen am Gebäude vorbei führt eine vielbefahrene Straße. Wir haben Herbst, es regnet, und ich finde die Stadt gerade alles andere als schön. Auch die Kunden sind gereizt, wenn die Sonne nicht scheint, und kaufunwilliger. Die Ironie ist, dass ich alles, was ich hier verkaufe, selbst nicht kaufen würde, und selbst wenn ich wollte, nicht könnte. Ich preise an und mache schmackhaft, was billig und geschmacklos ist und damit verdiene ich mein Geld. Zugegeben, es gab schon Dinge, die mich auch interessiert haben, die ich sogar selbst gekauft hätte, aber mich ruft einfach keiner an! Manchmal frage ich mich, ob irgendeine konspirative Briefkastenfirma den Auftrag erhalten hat, die Adressen von Telefonisten auf irgendeine rote Liste zu setzen. Ständig erzählen mir die Kunden, dass sie 10, 20 Mal am Tag belästigt werden, obwohl sie doch schon auf der Robinsonliste stünden. Ich kann mich an exakt zwei kommerzielle Anrufe erinnern, und der eine kam von meinem eigenen Internetprovider. Gegen diese Verschwörungstheorie spricht natürlich, dass wir hier zwangsläufig nur Menschen anrufen, die irgendwann einmal ihre Adresse verspielt haben und die cleveren, die AGB-Leser und Häkchen-in-Datennutzungshinweiskästchen-Entferner kriegen wir gar nicht an den Apparat. Jetzt spreche ich mit einer Dame um die fünfzig, Hausfrau, die mir von ihrem ruhelosen Gatten erzählt. Er habe schon wieder verreisen müssen und auch sonst sei er frühestens ab 10 Uhr abends zu erreichen. Sie selbst kenne sich mit den ganzen Sachen nicht aus, da sei ihr Mann zuständig und ob sie ihm denn etwas ausrichten könne. Nein, auch am Wochenende sei er nie zu Hause, da verlangt schon der Kegelclub nach ihm und ich dürfe zwar noch einmal anrufen, aber sie würde ohnehin jetzt schon sagen können, dass ihr Mann an derlei Gesprächen kein Interesse habe. Eine Frage stelle ich noch, um herauszufinden, ob die gute Dame überhaupt weiß, was für ein Gespräch ich mit ihrem Mann gern führen würde. Sie weiß es nicht, ist sich aber umso sicherer, dass das ihren Mann, der ja allein zuständig ist, nicht interessieren würde. Resigniert beende ich das Telefonat und klicke auf „Kunde nicht gesprächsbereit“.Wenn ich einmal annehme, dass die Kundin die Wahrheit gesprochen hat und das nicht alles nur gesagt hat, um mich abzuwimmeln, was natürlich sehr wahrscheinlich ist, dann werfen sich einige Fragen auf: Was für ein furchtbares Eheleben muss das sein, in dem man den eigenen Gatten, wenn überhaupt, immer nur ab 10 Uhr abends sieht? Welchem Stress muss dieser arme Mann haben, der erst einmal bis spät in die Nacht arbeiten muss und danach noch alle Fragen des täglichen Lebens beantworten muss, weil seine Frau ja nicht zuständig ist? Wie langweilig hingegen muss das Leben der Frau sein, die anscheinend keiner Arbeit nachgeht und sich noch nicht einmal um die häuslichen Angelegenheiten kümmert?? Sicherlich hat sie mich einfach nur loswerden wollen, aber wenn nur ein Fünkchen von ihren Schilderungen tatsächlich zutrifft, dann habe ich Mitleid mit ihr. Mit beiden. Vielleicht halten sie meine Interpretation für übertrieben, Sie kennen ja jetzt auch nur ein Gespräch. Aber wenn sie wüssten, wie viele untätige, gelangweilte und vor allem so gar nicht entscheidungsbefugte Ehefrauen ich in meinem Leben schon gesprochen habe, dann würden Sie mich verstehen. Als nächstes spreche ich mit einem empörten Rentner, dessen Frau im Hintergrund immer wieder „Anwalt! Anwalt!“ schreit, ihm schließlich den Hörer entreißt, um ihre Drohung noch einmal direkt in den Hörer zu brüllen. Kunde nicht gesprächsbereit. Relativ frustriert bearbeite ich hiernach eine Wiedervorlage von Petra, natürlich gibt mir die Kundin ihre Kontodaten, sie wurde ja zuvor tüchtig eingeschüchtert. Es folgen weitere erzürnte Drohungen, freundliche Ablehnungen, genervte Aufleger. Also ein Tag wie jeder andere. Endlich habe ich die erste Stunde geschafft. Arnold und Petra springen bereits auf gen Raucherraum und ich folge ihnen auf dem Fuße. Das ist doch seit der Schule die Angst eines jeden: In der Pause allein rauchen zu müssen. Ich komme trotz aller Eile ein wenig zu spät, das Gespräch ist bereits in vollem Gange. Zu meinen beiden Nachbarn haben sich noch Michael, der verkappte Jurist, und Jens, ein ehemaliger Soap-Darsteller gesellt. Sie unterhalten sich wie jeden Tag darüber, wie schlecht die Adressen seien, dass das Produkt vollkommen überholt  und natürlich auch das schlechte Wetter an der schlechten Laune der Kunden schuld sei. Da dieses Thema überraschenderweise nach zwei Minuten vollkommen ausgelutscht ist, schweigen wir erst einmal für einige Sekunden und pusten uns vorgeblich gedankenverloren dicken Qualm um die Ohren. Das könnte die Chance sein mich einzuklinken, doch Jens kommt mir zuvor. „Habt ihr gestern das Supertalent gesehen?“ fragt er in die Runde und erntet begeisterte Resonanz. Man ist sich schnell einig, dass „diese Jasmin oder Jessica oder so ähnlich“ definitiv die Beste gewesen sei und jeder erzählt, was er im Fernsehen alles gesehen hat. Natürlich ist das bei jedem das gleiche, trotz allem werden sie nicht müde, sich gegenseitig ergänzend zu unterbrechen und zu korrigieren. Noch immer stehe ich stumm daneben, ich habe kein Privatfernsehen, und bemerke peinlich berührt, dass ich schon fast am Filter angelangt bin, obwohl ich doch erst später als die anderen meine Zigarette angezündet habe. Das liegt wohl an meinem allzu geringen Redeanteil. Vielleicht sollte es im wahren Leben ähnliche Regelungen geben wie im Fernsehen: Jedem sollte die gleiche Redezeit zur Verfügung stehen. Es gibt ja immer wieder Menschen, die sich sonst gar nicht einbringen können, weil sie permanent übertönt werden. Und auch bei meinen geschätzten Kollegen muss ich leider kritisieren, dass nicht der interessanteste, sondern der lauteste Beitrag die meiste Beachtung bekommt. Ich bin dann wohl einfach zu leise. Und hätte ganz nebenbei auch nichts zu sagen. Das Supertalent- ist das nicht so etwas wie „Deutschland sucht den Superstar“? Ich nehme mir vor, einmal eine dieser Sendungen zu schauen, damit ich irgendwann auch einmal mitreden kann. Ich verbrenne mir meine Finger an dem mittlerweile ziemlich verkohlten Filter, drücke die Kippe aus und verabschiede mich mit einem knappen „bis gleich“ um an meinen Arbeitsplatz zurück zu kehren. Niemand reagiert, aber das erwarte ich eigentlich auch nicht.

Angekommen auf dem „Floor“, wie wir ihn liebevoll nennen, spricht mich mein Teamleiter Torsten an und teilt mir mit, dass ich in Raum soundso gehen solle von wegen Produktschulung. Das ist doch mal eine willkommene Abwechslung! Rumsitzen und zuhören, sich die ein oder andere Notiz machen, das Meeting durch dumme Fragen künstlich verlängern- und das alles bezahlt. Beflissentlich eile ich in den angegebenen Raum. Dieser ist noch völlig leer, abgesehen von Frau Kretschmar, der Marketingdame unseres Auftraggebers, die sich sichtlich bemüht, ihren Laptop an den Beamer anzuschließen. Offensichtlich ist es ihr peinlich, dass sie das nicht schafft und ich bin ihr auch keine große Hilfe. Außerdem ist es mir nur Recht, wenn die Schulung durch diverse technische Ungereimtheiten noch ein wenig verzögert wird. Ich nehme mir einen Kaffee und warte. Nach und nach trudeln die anderen Teilnehmer ein (Ja, Herr Goldt, auch Teilnehmer können „eintrudeln“!). Petra und Jens sind auch dabei. Sie haben das Thema Supertalent offenbar abgeschlossen und debattieren nun lautstark über die Abwrackprämie. Dass Jens sich sofort der überforderten Frau Kretschmar zuwendet und ihr auf seine schmierige Art seine Hilfe anbietet, irritiert Petra in keinster Weise. Sie verlagert ihr Aufmerksamkeit auf das nächstbeste Publikum und das bin ich diesem Fall ich. Leider kann ich auch zu dieser Thematik nicht besonders viel beitragen und Petra gibt sich kollegial und holt noch mehr Kaffee. Da der Beamer auch mit Jens’ Hilfe immer noch störrisch ist, nutzt Petra die gewonnene Redezeit und erklärt mir, dass man Kaffeemaschinen am besten reinigt, indem man einfach ein Päckchen Backpulver in das Wasser schüttet und es dann ein paar Mal durchlaufen lässt. Ohne Kaffeepulver, versteht sich. Für Blumenvasen, Thermoskannen und sogar die Toilette verwendet sie einfach Coregatabs- aber die billigen. Scheuermilch sei das schlechteste überhaupt, behauptet sie, die würde die Oberflächen angreifen und damit dem Schmutz erst recht ermöglichen, sich festzusetzen. Ich bin tatsächlich erleichtert, als der Beamer endlich läuft und wir anfangen können. Für alle die, die sie noch nicht kennen, stellt sich Frau Kretschmar erst einmal vor. Danach bedankt sich sie überschwenglich bei uns für unsere überdurchschnittlichen Erfolge und verspricht in einem Nebensatz, dass wir auch bestimmt unter gewissen Umständen einmal vom Erfolg ihrer Firma profitieren könnten. Als kleinen Vorgeschmack bekommen wir ein bisschen Merchandise: einen Block und einen Kuli mit Firmenlogo drauf. Na toll. Dann erklärt sie uns lang und breit, was wir denn als nächstes telefonieren sollen. Dafür hat sie eigens eine PowerPoint Präsentation angefertigt, ist allerdings nicht in der Lage, vom Berarbeitungs- auf den Präsentationsmodus umzuschalten und so klickt sie verzweifelt auf den Folien herum, bis Jens sich endlich wieder einschaltet. Torsten, der mitterweile auch dazu gekommen ist murmelt irgendwas mit Frauen und Technik und Frau Kretschmar fährt fort. Wir sollen Bestandskunden anrufen und sie fragen, ob wir sie weiterhin anrufen dürfen. Dass das fast schon zynisch ist, scheint niemanden zu irritieren. Wir werden darauf hingewiesen, dass dies ein äußerst wichtiges Projekt sei und man sich voll und ganz auf uns verlasse. Jetzt ist die Präsentation zu Ende und Frau Kretschmann verteilt Handouts. Ich stelle die Frage, wie wir denn telefonisch um Erlaubnis fragen sollen, wenn wir doch gar keine Erlaubnis haben, uns telefonisch zu melden. Das weiß Frau Kretschmar auch nicht so genau und faselt irgendetwas von geänderten rechtlichen Grundlagen und fehlenden Angaben der Kunden. Torsten schaut mich böse an. Zweifel mag er nicht. Dafür haben die anderen auch noch ganz viele Fragen, allen voran Petra. Es passiert das, was immer passiert, wenn man Arbeitszeit herausschinden will: Alle fragen das gleiche, immer und immer wieder, und machen sich nicht einmal die Mühe, eine andere Formulierung zu verwenden. Danach kommt die „Ich-Phase“. Petra macht wieder einmal den Anfang: „Also ich hatte letztens einen Kunden dran, der wollte, dass…“ Torsten weist zum wiederholten Male darauf hin, dass man konkrete Probleme besser unter vier Augen besprechen sollte. Doch die „Ich-Phase“ kann er nicht mehr aufhalten. Jetzt will jeder von diesem einen Kunden berichten, der irgendwas wollte oder irgendwas gesagt hat. Frau Kretschmar lächelt milde. Im Grund wird von ihr auch nichts mehr erwartet, es geht nur noch darum, Dampf abzulassen. Als nächstes wird das Produkt verrissen. Dass wir dieses in Zukunft gar nicht mehr verkaufen sollen, scheint nicht mehr relevant. Auch Frau Kretschmars Einwände in dieser Hinsicht gehen unter. Auch sie ist einfach nicht laut genug. In Erwartung einer Diskussion, die sich noch etwas hinziehen könnte, hole ich mir noch einen Kaffee. Verstohlen schaue ich auf die Uhr auf meinem Handy. Wenn das hier so weiter geht, dann muss ich heute nicht mehr telefonieren. Also werfe ich meine Zurückhaltung über Bord und führe die Gruppe mit einer netten Anekdote zurück zu „Ich-Phase“. Ich erzähle von meiner letzten Kundin und deren viel beschäftigten Mann und beende meinen Redebeitrag mit der Frage, ob uns denn auch die Ehefrau meine Ansprechpartnerin sein dürfe. Irgendwie hatte ich Mitleid mit Frau Kretschmann und wollte sie auf diese Weise wieder in die Diskussion einbeziehen. Sie schaut unentschlossen in die Runde und entschuldigt sich, darüber keine Kenntnis zu haben. Sie will aber schnellstmöglich Rücksprache halten und uns sofort informieren. So lange sollten wir ausschließlich mit dem im Datensatz vermerkten Ansprechpartner sprechen. Dass dieses „so lange“ quasi eine endgültige Ansage ist, ist uns allen klar. Nur sehr selten machen sich die Auftraggeber die Mühe, sich noch über die Produktschulung hinaus mit den Fragen der Telefonisten auseinander zu setzen. Zumindest dann, wenn die Zahlen stimmen. Die Zahlen, immer wieder die Zahlen. Darüber definiert sich die ganze Branche. Die Zahlen stimmen heißt, dass das man schwarze Zahlen schreibt. Für uns heißt das, unser Soll und mehr zu erfüllen. Dafür gibt es sogenannte Zielvereinbarungen, die mit jedem einzelnen vereinbart werden und grundsätzlich über den bisherigen liegen. Wie man das macht, ist relativ nebensächlich. Parameter, die es zu beachten gilt, sind neben der absoluten Menge der Aufträge auch die Anzahlt der Gespräche, die ich führe und der Wins, die ich pro Stunde erreiche. Und so kann es einem durchaus passieren, dass man zwar eine unheimlich gute Quote an Aufträgen hat, aber Wind von vorn bekommt, weil man zu wenig Gespräche geführt hat. Oder andersherum. Der große Anspruch dahinter bleibt aber selbstverständlich immer, dass man „sauber“ telefoniert. Da sind die Grenzen aber recht schwammig. Nicht nur einmal habe ich es erlebt, dass man bewusst etwas verschweigen sollte, wenn der Kunde nicht explizit danach fragt. Also, liebe Kunden, fragt! Petra sagt immer, ich sei zu nett zu den Kunden. Und dass sie doch selbst Schuld hätten, wenn sie diesen Schund auch noch kaufen. Und im großen und ganzen stimmen da alle anderen in der Firma mit ihr überein. Dabei nennt sich das, was wir hier machen, doch Dialogmarketing. Den Dialog gibt es allerdings kaum, denn sobald man den Kunden zu Wort kommen lässt, beginnt er nachzudenken. Nachdenken ist das Ende des Direktverkaufs. Plötzlich klopfen meine Kollegen auf die Tische. Das Meeting scheint endlich vorbei zu sein. Wir können noch schnell eine rauchen gehen, meint Torsten gönnerhaft. Und selbstverständlich strömen wir alle geschlossen aus dem Raum und kramen bereits unsere Rauchwaren aus den Taschen. Im Pausenraum wird dann die neue Kampagne ausgiebig besprochen. Petra ist mal wieder am lautesten. Alle stimmen ihr zu, als sie Frau Kretschmar als graues Mauerblümchen bezeichnet. In diesem Moment erst betritt Jens den Raum, er hatte oben wohl noch beim Abkabeln des Beamers geholfen, und ist augenscheinlich nicht Petras Meinung. Er murmelt etwas von Objektivität, aber auch er ist zu leise. Vielleicht ist das der Grund, weshalb er sich so gut mit Frau Kretschmar verstanden hat. Ich sage einmal wieder gar nichts. Und kann doch irgendwie jeden hier verstehen. Wahrscheinlich muss Petra einfach laut sein, weil das ihre einzige Chance war, weiter zu leben. Vielleicht benötigt sie diese Dominanz, um sich selbst noch im Spiegel betrachten zu können. Sie weiß, dass sie nicht schön, groß und gebildet ist. Sie ist sich durchaus darüber im klaren, dass sie auf dem Pärchenmarkt keine Chance mehr hat. Und deswegen tut sie das einzige, was sie noch tun kann: Sie ist lauter als andere. Und ich muss zugeben, das kann sie wirklich gut. Jens scheint immer noch über Petras Äußerung verstimmt und zieht sich schweigend einen Kaffee aus dem Automaten. Ich wende mich ihm zu, weil ich das Gefühl habe, dass wir auf einer ähnlichen Wellenlänge sind, was die Lautstärke betrifft. Jens schaut mich dankbar an. Jetzt muss er nicht mehr allein rauchen. Er erzählt mir von einem Buch, dass ihn offenbar sehr berührt hat und wird mit jedem Wort leiser. Er blickt an mir vorbei aus dem Fenster, während er spricht. Die Sonne geht langsam unter, aber davon sehen wir nichts, es ist zu wolkig. Jens trinkt einen Schluck Kaffee und verbrennt sich die Zunge. Ich erschrecke mich und verschlucke nun meinerseits den gerade inhalierten Zigarettenrauch, denn plötzlich wird Jens laut! Er flucht und spuckt und verwendet Fäkalbegriffe und hat nun die Aufmerksamkeit der gesammelten Anwesenden. Petra haut ihm mütterlich auf den Rücken und die anderen geben schlaue Tips wie: „Du musst ganz ruhig atmen, Jens!“ Als er nicht mehr hustet und prustet, erzählt er allen von seinem Buch. Seine Stimme überschlägt sich mehrmals und klingt seltsam unnatürlich. Vermutlich erreicht er bei weitem nicht Petras Stimmvolumen. Mir kommt es vor, als würde er schreien. Jens will wohl auch einmal laut sein. Obwohl ich nun fast Feierabend habe, gehe ich alibimäßig noch einmal zu meinem Platz und tue arbeitsam. Aber Torsten schickt mich nach Hause und verspricht mir zwinkernd, mir die fehlenden zehn Minuten als Mitarbeiterbesprechung anzurechen. Es muss ja alles seine Ordnung haben hier. Jede Minute wird registriert. Eine Lücke in der Zeitabrechnung wird nicht bezahlt. Ich weiß jetzt schon, dass Torsten vergessen wird, mir die zehn Minuten anzurechnen, aber das ist mir egal. Die anderen lassen sich noch Zeit und rauchen mit Sicherheit noch eine zweite Zigarette bis es endlich 20.00 Uhr ist.

Sie haben nicht mehr den Anspruch so zu tun, als seinen sie besonders betriebsam. Während ich meine Sachen zusammen suche, frage ich mich, warum ich denn jetzt unbedingt noch einmal die Fleißige spielen musste. Im Grunde ist das hier doch alles völlig nichtig. Wir sind alle egal, ein Rad im Getriebe, eine Nummer auf der Gehaltsliste. Es ist wahr: Diese Branche genießt einen derartig schlechten Leumund, dass es mich wundert, dass sie überhaupt noch existiert. Und ich kann mich selbst noch nicht einmal ausnehmen. Verachte ich diese Menschen nicht auch? Ja, denn ehrenvoller ist es doch in jedem Fall, bei fremden Leuten putzen zu gehen, als gutgläubige Bürger über den Tisch zu ziehen. Oder wie finden Sie das? Nun bin ich einer von denen, die Sie tagtäglich nerven, belästigen, stören, Ihnen die Zeit stehlen und was weiß ich nicht noch alles. Ich bin so tief gesunken, dass ich deswegen nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen habe. Petras grelle Stimme lässt mich aufschrecken. „Mädels, wir gehen jetzt alle zusammen einen trinken“ brüllt sie in einem Ton, der keinen Widerspruch zulässt. Und es kommen auch alle mit. Ich fahre bei Arnold mit, der hat das größte Auto, einen alten Saab. Hinter mir auf der Rückbank sitzen Jens, Karim und Jaqueline. Die beiden tingeln seit Jahren durch diverse Call Center und nehmen nur Jobs an, bei denen sie gemeinsam arbeiten können. Ich weiß so gut wie nichts über sei, außer dass Jaqueline zum Islam konvertiert ist und seitdem behauptet, dass das Kopftragen unheimlich gut für die Haare sei, weil man ja die ganzen schädlichen Umwelteinflüsse nicht mehr ausgesetzt seien. Dass niemand ihre schönen Haare zu Gesicht bekommen darf, scheint ihr egal zu sein. Im Auto schweigen wir alle. Was wir während der Schicht so gut können, nämlich reden, fällt uns in dieser doch recht privaten Situation sichtlich schwer. Arnold schaltet das Autoradio an und sagt: „Das ist Mozart.“ Keiner reagiert und Arnold runzelt die Stirn. Endlich parkt den Wagen und wir gehen geschlossen in den „kleinen Mann“, wie bezeichnend. Das ist so ähnlich wie allein rauchen müssen: als erster die Kneipe betreten. Selten wird einem als Frau so oft der Vortritt gelassen, wie am Eingang einer gastronomischen Einrichtung. Petra sitzt mit der anderen Hälfte bereits an einem schweren Holztisch und bestellt Bier für alle. Es ist ihr egal, das Karim und Jaqueline die Köpfe schütteln. Die erste Runde ginge auf sie, verkündet sie geräuschvoll und platziert uns Neuankömmlinge nach einer imaginären Sitzordnung. Danach erklärt sie, dass Pärchen bei großen Runden nie nebeneinander sitzen sollten, das zerstöre die Gesprächsatmosphäre. Ich muss mich neben Jaqueline und Marten setzen. Marten hat schon mindestens ein Bier hinter sich und ich frage mich, wie er das so schnell hat schaffen können. Er wird sofort sehr zutraulich, obwohl wir bisher maximal fünf Wörter miteinander gewechselt haben und fragt mich auf seine direkte, aber durchaus aufdringliche Art, ob ich einen Freund hätte. Ich verneine wahrheitsgemäß und bereue schon in diesem Moment, nicht gelogen zu haben. Marten ist geschätze 20 Jahre älter als ich, war bestimmt mal nicht hässlich, aber man sieht ihm an, dass er in seinem Leben sicherlich nicht nur Bier getrunken hat. Irgendwann hatte er wohl mal ein eigenes Restaurant, das pleite gegangen ist und seitdem ist er bei uns. Nun berichtet er, dass seine Frau ihn vor Urzeiten verlassen habe, die Kinder habe sie mitgenommen und ihn würde sie nun ohne Skrupel finanziell ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Ein Umgangsverbot habe sie erwirkt. Ich habe keine Lust nachzufragen, warum er seine Kinder nicht mehr sehen darf. Dafür frage ich mich, warum er mir das alles erzählt. Manchmal trifft man einen Menschen und kommt gar nicht mehr zu Wort, dafür kennt man nach 15 Minuten seine ganze Lebensgeschichte. Was soll ich denn anstellen mit diesen Informationen? Möchte er jetzt Mitleid haben oder irgendwelche Ratschläge? Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass Ratschläge und Lösungsansätze nicht besonders gut ankommen. Fürs zuhören war ich dann gut genug, aber um eine Meinung dazu zu haben, fehlte mir offenbar die Qualifikation. Ich unterstelle, dass sich solche Menschen einfach gern selbst reden hören. Aber vielleicht fehlt mir da der Einblick. Nun hat Petra die Aufmerksamkeit wieder komplett an sich gerissen. Sie ist wohl ein bisschen sentimental geworden und steht auf, als die Kellnerin das Bier bringt. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass alle ihr Glas aufgenommen haben, hält sie eine kleine Rede. Sie freue sich, dass wir es endlich geschafft hätten, so gemütlich auch einmal privat beisammen zu sein und so weiter. So schafft sie es, nicht nur uns, sondern den ganze Laden in ihren Bann zu ziehen. Es würde mich nicht wundern, wenn gleich 30 Leute Beifall klatschten. Aber so gefesselt sind sie dann wohl doch nicht. Wir stoßen an und verteilen damit zirka anderthalb Liter Bier auf dem Tisch. Wohl an, denn. Jaqueline nippt an ihrem Bier und erntet dafür einen bitterbösen Blick von Karim. Der hat sein Glas von sich geschoben und ist nun beleidigt. Ich eile ihr zu Hilfe und nehme ihr das Getränk ab. Nach Petras Steilvorlage hab ich Angst, auch an die Reihe zu kommen und eine ganze Runde bestellen zu müssen, möchte aber vorher noch so viel trinken, dass mir das Geld egal wird. Also exe ich mein Bier und kümmere ich als nächstes um Jacquelines. „Respekt“, bekundet Marten. Es ist erstaunlich, dass man Männer so leicht beeindrucken kann. Wenn man als Frau viel verträgt, ein bisschen von Technik versteht und dann vielleicht auch noch ganz gut aussieht, hat man sie schon im Sack. Marten nimmt mein Trinkverhalten zum Anlass, mir von seinem eigenen Versuch, Bier zu brauen zu berichten. Ich bin nun doch dankbar, dass er neben mir sitzt. Ich hätte mich sonst mit Jaqueline unterhalten müssen, die sich immer noch einen Augenduell mit ihrem Gatten gibt. Also Bier brauen. Ich wusste nach 10 Minuten, dass Kölsch untergärig und Pils obergärig ist. Wieviel Hopfen kosten und dass Malz ja nur gebrannte Gerste ist. Dass man aber auch andere Getreidesorten zu Bier verarbeiten können und dass deswegen das Weizenbier Weizenbier heißt. Marten betont, wie wichtig es sei, dass es ein Reinheitsgebot gibt und dass er gar nicht wissen wolle, was die Holländer und Belgier so alles zusammen panschen.

Die nächste Runde bestellt er. Er ist so umsichtig, Jaqueline und Karim vorher zu fragen, was sie denn trinken wollten. Karim erachtet diese Frage als Affront, springt auf und stößt dabei seinen Stuhl nach hinten um. Ich muss an eine typische Saloonszene denken und warte gespannt, wer schneller schießt, Marten oder Karim. Aber es schießt keiner. Es ist Petra, die sie Situation entspannt. Sie sagt einfach nur: „Jeder kann trinken, was er will.“ und damit ist die Sache gegessen. Nur die Kellnerin hat das Nachsehen. Sie muss sich jetzt nicht mehr einfach nur sieben Bier, sondern zwei Pils, zwei Kölsch, einen Latte Macchiato, einen trockenen Rotwein, ein Wasser und einen Sex on the Beach merken. Den Cocktail bestellt Mariam, die mit Petra gekommen ist und bisher noch nicht viel gesagt hat. Sie wurde zwischen Michael und Karim platziert. Ihre Bestellung sorgt für helle Aufregung bei Marten. Offenbar findet er eine Frau, die das Wort Sex in den Mund nimmt, noch beeindruckender als eine, die viel Bier trinken kann. Der achte in der Runde ist Frank. Über Frank weiß ich nichts. Aber er scheint auch einer von der leisen Sorte zu sein, deshalb spreche ich ihn quer über den Tisch an und stelle die unter Call Center meistgestellte Frage: „Wie hat es dich denn zu uns verschlagen?“ Diese Frage drängt sich deswegen so auf, weil es wohl niemandes konkreter Wunsch ist, einmal als Telefonist arbeiten zu dürfen. Wir alle hatte irgendwann einmal so etwas wie einen richtigen Beruf. Oder wenigstens einen Berufswunsch. Und dass wir hier alle in dieser Kombination zusammen sitzen, ist das Resultat unserer schicksalsreichen Lebensläufe. Wir sitzen hier miteinander, weil wir nicht wissen, wo und mit wem wir sonst sitzen sollten. Frank zuckt mit den Schultern. Er scheint es selbst nicht zu wissen. Dann schüttelt er einfach den Kopf und lächelt resigniert. „Und du?“ fragt er. Jetzt ist es an mir, mit den Schultern zu zucken und den Kopf zu schütteln. Ich schäme mich für meine Geschichte. Hilflos schaue ich Frank an, er prostet mir zu, wir trinken. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, warum wir hier sind. Vielleicht ist es nur wichtig, dass wir hier sind. Ich schaue mir die Runde noch einmal genau an. Links neben mir unterhalten sich Jaqueline, Michael, Marium und Karim angeregt über irgendetwas religiöses. Was für eine Kombination: Der Philosoph, der Moslem und die Konvertitin. Mir gegenüber gibt Michael Petra gerade rechtlichen Beistand wegen irgendeiner Mietsache und zu meiner rechten hat Marten in Frank einen geduldigen Zuhörer in Sachen Brauerei gefunden. Und plötzliche bemerke ich, dass ich mittendrin bin. Dass ich vom stillen Beobachter zu einem Teil der Gruppe geworden bin. Fast automatisch fliegen mir die Worte aus dem Mund und ich höre mich selbst fragen, was der Unterschied zwischen hellem Bier und Schwarzbier sei. Marten gibt mir willig Auskunft und ich fange an, das, was er sagt sogar interessant zu finden. Er freut sich sichtlich über das rege Interesse und redet sich langsam warm. Ich stelle fest, dass er eine wunderbare Stimme hat und eine Art zu erzählen, die einen in ihren Bann zieht, obwohl es nur um ein so banales Thema geht. Er blüht auf, ist ganz in seinem Element. Seine Wangen glühen rot wie die eines Kindes, das mit seinem Lieblingsspielzeug spielt. Sein Eifer und seine Freude sind einfach ansteckend, so dass sich bald die ganze Gruppe ihm zuwendet und sich in der Geschichte des Bieres unterweisen lässt. Selbst Petra schweigt still und lächelt selig vor sich hin. Marten beendet seinen Monolog mit den Worten: „Jetzt habe ich so viel darüber gesprochen, da muss ich erst mal einen trinken.“ Alles lacht. Man ist gelöst. Und es entspinnen sich zwanglos weitere Gespräche, neue Themen kommen ins Spiel, jeder ist einmal an der Reihe. Sogar der stille Arnold lässt sich dazu herab, einen Witz zu erzählen. Irgendwann sind wir müde. Die Redepausen werden etwas länger, doch das Schweigen fühlt sich genauso gut an wie vorher die angeregten Diskussionen. Jaqueline und Karim verabschieden sich als erste. Sie haben den weitesten Weg und müssen die letzte Bahn kriegen. Dass sie eigentlich noch bleiben wollen, sieht man aus 20 Metern Entfernung. Doch was soll’s. Morgen sehen wir uns ja wieder, versichern sie schwermütig und verlassen dann schweren Herzens Hand in Hand den „Kleinen Mann“. Arnold, Mariam und Michael schließen sich alsbald an. Die Männer nehmen Mariam in die Mitte und versprechen uns hoch und heilig, die Dame bis zur Haustür zu begleiten. Wir übrigen vier bleiben noch ein Weilchen, auf ein Bier, eine Zigarette, und Petra erzählt von ihren Töchtern. Sie sagt, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihnen habe und nicht mehr wisse, wie sie jemals wieder gut machen könne, was sie in jungen Jahren versäumt habe. Sie spricht leise. Es ist nicht mehr nötig, laut zu werden. Wir hören ihr auch so zu. Schließlich beschließen wir, auch aufzubrechen. An einer Kreuzung biegt Petra als einzige links ab, Marten, Frank und ich müssen noch ein Stück geradeaus. Sie umarmt jeden von uns lang und fest. Ich habe den Eindruck, dass ihre Augen feucht werden, als sie sagt: „So einen schönen Abend hatte ich lang nicht mehr“. Dann dreht sie sich um läuft, rennt eigentlich fast, davon. Am nächsten Tag ist Petra nicht mehr da. Es ist 14.00 Uhr, ich führe das erste Gespräch des Tages und Torsten legt mir einen Zettel auf den Tisch: „Neben Dir sitzt jetzt Susanne, kümmer Dich ein bisschen um sie.“