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Kurzgeschichten mit Links

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Glitzerklösschen

Von admin am 22. Mai 2009 veröffentlicht
Thema: Humor

Autorin: Alisha Bionda
Illustration:
Gaby Hylla
Veröffentlichung: Der Band ist für Juni 2010 in der SEVEN FANCY-Reihe im “Sieben Verlag” geplant.

Glitzerklösschen

Für Bea, die Rubensfrau, die Patin für diese Geschichte stand

„Ich habe Cellulitis!“
Mit solch derben Begrüßungen darf ich Susan nicht kommen. Sie setzt ihre Gouvernantenmiene auf und betritt die Diele meines Hauses. Geht strammen Schrittes in die Küche. Hängt dort akribisch genau ihren Blazer über die Stuhllehne, angelt nach einer Zigarette und setzt sich. Eindeutig alles Verzögerungstaktiken um mich aus der Ruhe zu bringen. Was ihr vortrefflich gelingt.
Ich stoße einen unwilligen Laut aus. „Und mein Busen erliegt immer mehr der Schwerkraft. Was soll ich nur machen? Die Zeit arbeitet eindeutig gegen mich!“
Susan kommentiert mit zwei nüchternen Sätzen meine Klagen. „Jammere nicht ständig herum, sondern ändere es. Geh endlich in ein Fitness-Studio.“ lautet ihr gnadenloser Ratschlag.
Sie hätte wenigstens eine fromme Lüge à la ‘Du-siehst-doch-toll–aus’ loslassen können. Aber dann wäre Susan nicht Susan.
Ich nehme sie und mich am nächsten Tag beim Wort und suche ein Studio. Werde sogar fündig. Schließe dort gleich einen Jahresvertrag ab. Schließlich wird es einige Zeit dauern, bis ich von einer ausladenden Walküre zur zarten Twiggy geschrumpft bin.
Der erste Trainingstag steht an.
Ich betrete nach mehreren Anläufen das Studio. Bekleidet mit Leggings und meinem bonbonfarbenen Lieblings-Shirt.
Glitzerklösschen nennt mich Jojo darin immer.
Aerobic ist angesagt.
Da stehen sie. Die Kursteilnehmerinnen.
Mein entsetzter Blick schweift über die Gertenschlanken. Alles leichtfüßige Gazellen. Und ich? Der einzige Panzer in einem Heer von Streichholzsoldatinnen.
Heftiges Getuschel, das verstummt, als ich näherwalze, begrüßt mich. Abschätzende Blicke der Vorzeigefrauen beäugen jeden meiner Schritte. Mir entgeht das schadenfrohe Glitzern darin nicht.
„Hallo, man nennt mich Glitzerklösschen“, gehe ich betont witzig zum Angriff über. Ich kann es förmlich in den Köpfen arbeiten hören. Was will die denn hier? Bei der ist doch eh Hopfen und Malz verloren. Ich ignoriere die Blicke und gebe mich betont fachmännisch. Prüfe den Sitz meiner Pulswärmer, zupfe an dem Stirnband herum und ziehe das Shirt fast bis in die Kniekehlen. Dabei brabble ich unverständliches Zeug vor mich hin, um meine Unsicherheit herunterzuspielen.
Der Versuch mißlingt. Natürlich.
Rädelsführerin Blondie mit der Kate-Moss-Figur und eine Rotgefärbte lachen sich ins Fäustchen. Sie geben sich nicht einmal die Mühe, ihre Stimmen zu senken.
„Glitzerklösschen, … dass ich nicht lache. Die ist ja eher ein ausgewachsener Kloß.“
Ich spüre selbigen in meinem Hals und leuchtende Tomatenröte vor Empörung auf den Wangen. Sterbe dabei tausend Tode. Bloß nichts anmerken lassen, denke ich und trete an eine Trainingsbank. Nehme zwei Gewichte in die Hand und mime die Sportliche. Nach vier Übungen beginnt mein Tri-oder-Was-weiß-ich-Zeps zu zittern. Ich halte das Gewicht nicht mehr. Mit großem Getöse entgleitet es mir, sucht sich zielsicher und böswillig seinen Weg auf meinen Fuß. Landet dort mit Brachialgewalt.
Ich stoße einen Schrei aus, der selbst die chinesischen Reisbauern erreicht. Kecke Schmerzkobolde tanzen vor meinen Augen. Gefolgt von bunten Sternen-Schleiern. Dann Schwärze, die mich hinab auf den Boden zieht.
Stimmen fließen an mir vorbei:
„Die rührt sich nicht mehr.“
Will ich auch nicht.
„Sie wird doch nicht etwa—?“
Tot sein? Auf keinen Fall!
„Wir müssen einen Arzt holen.“
Das würde ich ihnen auch raten.
Der Arzt ist eine Augenweide. Blondie fallen ihre fast aus den Höhlen. Doch er hat nur Blicke für mich, ähm, meinen Fuß. „Wie heißen Sie?“, fragt seine sonore Stimme, die an mir abtropft wie Honig.
„Glitzerklösschen“, antworte ich schwachsinnigerweise, benebelt vom Schmerz und den Berührungen seiner feingliedrigen Hände.
Sein Lachen läßt die Halle erbeben. „Wie nett“, sagt er allen Ernstes. Es folgen medizinische Daten. Ich höre nur, dass er einen Hausbesuch bei mir machen wird. Da könne man sich auch noch einmal über das Glitzerklösschen unterhalten, bemerkt er noch. Und fügt den beglückenden Nachsatz hinzu: „Die mag ich nämlich!“
Jetzt quellen Blondies Augen endgültig hervor. So wie bei einem aufgeblasenen Frosch. Man könnte sie glatt mit einem Stöckchen abschlagen. So weit stehen sie aus den Höhlen.
Und ich strahle wie ein Honigkuchenpferd.