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Im Zwielicht

Von admin am 14. August 2009 veröffentlicht
Thema: Fantasy

Autorin: Elke Meyer
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art

PROLOGSTORY zu MOND DER UNSTERBLICHKEIT

Im ZwielichtAmber drehte gedankenverloren das Amulett zwischen ihren Fingern. Ihr Vater hatte ihr das Schmuckstück aus Schottland mitgebracht. Es bestand aus drei ineinander verschlungenen Kreisen, die von einer Lanze durchbohrt wurden und symbolisierte Avalon. Dem Träger versprach es magische Kräfte und Intuition.
Schottland – was würde sie dort erwarten?
Bei dem Gedanken an den bevorstehenden Umzug dorthin verspürte sie ein ungutes Gefühl. Und das hatte sie noch nie getrogen.
Amber betrachtete durch das geöffnete Fenster die silberne Mondsichel. Draußen herrschte absolute Stille, der Straßenlärm war verklungen, nur ein Hund jaulte in der Ferne. London schlief. Wenn sie doch auch nur die ersehnte Ruhe finden könnte.
Der Anhänger prickelte auf ihrer Haut.
Plötzlich hatte Amber das Gefühl, nicht mehr allein im Zimmer zu sein. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Rücken aus. Sie fuhr herum und sah zur Tür. Aber die war wie immer verschlossen.
Amber schüttelte lächelnd über sich selbst den Kopf.
Nur einen Wimpernschlag später schrak sie erneut zusammen. Hatte sie nicht eben zwei rot funkelnde Augen im Spiegel gesehen? Ausgemachter Blödsinn! Sie reagierte über, ihre Sinne spielten ihr einen Streich.
Dennoch starrte sie zu dem Spiegel hinüber. Auf seiner Oberfläche reflektierte die Mondsichel, rot wie Blut.
Rot wie Blut?
Amber schluckte, denn der Mond am Nachthimmel schimmerte silbrig, im Gegensatz zu seinem Abbild. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie sich dem Spiegel näherte. Vorsichtig streckte sie eine Hand aus, um den roten Mond zu berühren. Das Amulett auf ihrem Dekolleté begann zu vibrieren und löste ein unangenehmes Brennen auf der Haut aus. Die glatte Oberfläche des Glases fühlte sich unter ihren Fingern vertraut an. In dem Moment, wo sie es berührte, zuckte ein Blitz aus dem Amulett, der sich in ihrem Körper entlud. Amber schwindelte, alles um sie herum begann sich zu drehen. Taumelnd kippte sie vornüber – auf den Spiegel zu. Als sie sich an ihm abstützen wollte, griff sie durch das Glas, als wäre es Wasser. Ein starker Sog erfasste sie und zog sie in den Spiegel hinein, bevor sie sich wehren konnte. Ein Strudel riss sie mit sich in tiefe Dunkelheit. Amber glaubte in ein Nichts zu stürzen, aus dem es kein Entrinnen mehr gab. Ihre Schreie blieben stumm. Verzweiflung stieg in ihr auf, sie wollte noch nicht sterben.
Unerwartet endete der Sog. Amber prallte auf harten Boden und schrie auf. Benommen blieb sie liegen. Hinter ihren Schläfen pochte es schmerzhaft. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, was mit ihr geschehen war. Sie lag auf steinigem Boden, der durch wenige Grasbüschel unterbrochen wurde.
Mühsam rappelte sie sich auf. Sie befand sich inmitten eines gewaltigen Steinkreises, meterhohe Pfeiler, die von Decksteinen überbrückt wurden, rahmten sie ein. Das Zentrum des Kreises bildete ein Menhir, in den eine Spirale gemeißelt worden war.
Über diesem Ort wölbte sich samtblauer Nachthimmel mit einem wahren Sternenmeer. Es war ein Ort des Friedens, voller Mystik und Energie.
Amber spürte die Kraft, die von diesem Ort ausging, wie feine Schwingungen auf ihrer Haut. Das Amulett pulsierte, als besäße es ein Herz.
Amber hatte schon von diesem Ort geträumt, vor langer Zeit, als sie noch ein Kind gewesen war. Es war ohne Zweifel der Steinkreis aus ihrem Traum – voller Energie und gleichzeitig bedrohlich.
Sie kniff sich in den Arm, in der Hoffnung, der Traum möge jetzt enden, doch nichts dergleichen geschah.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Amber fuhr herum und fand sich einer Frau gegenüber, die eine Art Tunika und darüber einen samtenen, scharlachroten Umhang trug. Ihr Gesicht war zeitlos schön, ihre Figur grazil. Sie besaß eine starke Aura, deren Schwingungen Amber wie feine Nadelstiche spüren konnte. Die Fremde lächelte freundlich.
„Wo bin ich hier?“, fragte Amber. „Und wie bin ich hierher gekommen? Eben noch habe ich vor dem Spiegel gestanden… das kann nur ein Traum sein.“
„Das ist kein Traum. Nur Auserwählten ist es erlaubt, diesen heiligen Ort zu betreten.“
„Ich bin keine Auserwählte. So was gibt es nicht. Wer sind Sie überhaupt?“
Die Frau legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. Wärme durchflutete Ambers Körper. „Man nennt mich Lady oft the Lake. Und der Ort, an dem du dich befindest, heißt Avalon. Du trägst in dir viele Fragen, aber keine Antworten. Deshalb bist du an diesen Ort gekommen.“
In Ambers Kopf überschlugen sich die Gedanken. Avalon? Was redete diese Frau da? Dieser Ort gehörte zu einer Legende. Den hatte es nie gegeben.
„Welche Fragen? Und welche Antworten? Und wie bin ich hierher gekommen?“
Die Fremde lächelte wissend. „Durch Magie. Wie du deine Chance hier nutzt, liegt bei dir. Es war nur meine Aufgabe, dich zu empfangen.“ Die Fremde drehte sich um und deutete auf den Menhir im Zentrum des Steinkreises. „Dort steht der Kelch des ewigen Wissens. Wenn du aus ihm trinkst, wird das Orakel dir Antworten geben. Nur die Mutigen bieten dem Schicksal die Stirn. Danach kehrst du in deine Welt zurück. Aber die Erinnerungen an diesen heiligen Ort werden gelöscht. Ich muss jetzt gehen.“
„Nein! Halt! Warte! Du kannst mich doch nicht einfach im Stich lassen.“ Amber versuchte den Arm der Fremden zu umfassen, aber sie griff hindurch. Die Erscheinung war ein Geist, was das flaue Gefühl in Ambers Magen verstärkte.
„Vertraue dem Orakel und deinen Kräften!“
„Na, toll. Welche Kräfte denn? Bleib bitte hier. Ich will so schnell wie möglich in meine Welt zurück, und ich bin sicher, das schaffe ich nur durch dich.“
Amber fühlte sich hilflos wie nie zuvor, als sich die Fremde wortlos umdrehte und mit dem Menhir verschmolz.
Bravo, Amber! Superidee! Warum musstest du auch den Spiegel berühren? Jetzt hängst du hier fest.
Mutlos sank sie auf den Boden und lehnte den Rücken an den Menhir. Das konnte doch alles nicht wahr sein, das musste ein Traum sein. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, aber das verflixte Ding war stehen geblieben.
Amber sah zu dem goldenen Kelch, der als stumme Aufforderung auf dem Menhir stand. Grübelnd kaute sie auf ihrer Unterlippe. Ach, sie wollte nichts Schicksalhaftes erfahren, sondern nur zurückkehren.
Doch die Versuchung war zu groß. Nur einen kleinen Schluck wollte sie kosten. Amber stand auf und ergriff den metallenen Kelch. Sie drehte ihn in der Hand. Den Rand zierte das gleiche Symbol wie ihr Amulett. Der Anhänger auf ihrer Brust pulsierte noch stärker.
Die Flüssigkeit in dem Kelch war klar und schimmerte rosa. Amber schnupperte daran, es roch nach nichts. Vorsichtig nippte sie. Es schmeckte wie Wasser. Das beruhigte sie. Sie wurde mutiger und nahm einen großen Schluck.
Den Kelch noch immer in der Hand haltend, wartete sie gespannt darauf, was geschehen würde. Sie hatte etwas Spektakuläres erwartet, doch nichts passierte. Amber war enttäuscht. Als sie das kostbare Gefäß zurückstellen wollte, stutzte sie. Ein süßlicher, metallischer Geruch,der Übelkeit verursachte, stieg ihr in die Nase. Das Wasser hatte sich in Blut verwandelt. Vom Ekel gepackt, warf Amber den Kelch in hohem Bogen von sich.
„Verdammt, ich will aus diesem Traum aufwachen.“, stieß sie hervor. Wohl auch um ihr aufsteigende Angst zu bekämpfen.
Starker Wind kam auf und trieb die Wolken zusammen. Über Amber braute sich ein Unwetter zusammen. Sie suchte unter einem der riesigen Steine Schutz und blickte zum Himmel auf.
„Sei bereit“, säuselten Stimmen im Wind.
Die Wolken gaben die rote Mondsichel wieder frei, deren Licht den Menhir beleuchtete. Aus der Spirale daruf sickerte eine rote Flüssigkeit: Der Menhir blutete.
Zitternd wich Amber zurück.
„Es ist sein Blut“, hörte sie wieder ein Flüstern.
Laute Stimmen schallten von dem Hügel hinter dem Steinkreis zu Amber herüber.
Krieger mit gezückten Schwertern stürmten den Hügel hinunter. Sie wirkten in ihrer knielangen Tunika und dem darüber geschlungenen Brat wie aus einem Kinofilm.
Ihr Anführer war ein blonder Hüne. Neben ihm ritt eine Gestalt in weißer Kutte, deren Gesicht unter einer Kapuze verborgen war. Dem kleinen Heer folgte dicht eine größere Anzahl Krieger mit Eisenhelmen und Kettenhemden. Amber verbarg sich hinter dem Menhir und beobachtete das Kampfgeschehen. Die Eleganz und Kühnheit, mit der der Hüne das Schwert gegen seine Feinde schwang, faszinierte sie. Unerschrocken tötete er jeden, der sich ihm in den Weg stellte. In Aussehen und Geschmeidigkeit verglich Amber ihn mit dem Halbgott Achill, der in der Schlacht um Troja gestritten hatte. Und dieser Krieger hier kämpfte nicht nur wie der Grieche, sondern sah auch aus wie ein Gott. Amber hörte die Schreie der Sterbenden und erschauerte. Fast sah es so aus, als verlöre das Heer des beeindruckenden Anführers. Da hob die Gestalt in der weißen Kutte den Arm.
Das Kreischen, das augenblicklich am Himmel erscholl, ging Amber durch Mark und Bein. Es stammte von einer Armada geflügelter Gestalten, menschliche Körper mit dämonischen Fratzen. Aus deren rotglühenden Augen sprach die pure Mordlust. Die Kreaturen stürzten sich auf die Krieger mit den Eisenhelmen, packten sie im Nacken und gruben ihre langen, spitzen Zähne in deren Kehlen.
Amber wollte den Blick abwenden, die Augen schließen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht.
Der weiße Kuttenträger sprang vom Pferd, beugte sich über einen Sterbenden und versenkte seine Zähne in dessen Fleisch. Gierig saugte er das Blut aus dem schlaffen Leib des Kriegers. Amber konnte den Anblick nicht ertragen. Alles begann sich um sie zu drehen.
Da ritt die Gestalt in Weiß direkt auf sie zu. Ambers Puls begann zu rasen, als sie sich weiter in den Schutz des Menhirs kauerte. Eine plötzliche Kälte hüllte sie ein, wie der Hauch des Todes. In Panik sprang Amber auf, um zu fliehen. Doch die Kuttengestalt versperrte ihr den Weg. Aus der Kapuzenhöhle funkelten rote bösartige Augen. Die Hände der Gestalt gehörten einer Frau und schienen seltsam vertraut.
Das Amulett auf Ambers Brust glühte. Wie gelähmt starrte sie die seltsame Gestalt an, in der Erwartung, dass diese sich auf sie stürzen werde, um auch ihr Blut zu trinken. Stattdessen zog die Frau die Kapuze vom Kopf.
Als Amber das Gesicht erkannte, taumelte sie rückwärts. Sie glaubte in einen Spiegel zu sehen!
„Ich bin dein dunkles Ich, das dich verzehrt“, flüsterte ihr Spiegelbild und grinste hämisch.
„Nein!“, rief Amber aus und hob abwehrend die Hände.
„Die dunkle Seite deiner Seele wird deine lichte Hälfte besiegen, bis deine Seele ihm gehört.“ Sie streckte den Arm aus und deutete auf den Hünen, der ihr jetzt das Bluttrinken gleichtat.
„Niemals!“, rief Amber aus.
„Das ist dein Schicksal.“ Die Fremde warf den Kopf in den Nacken und lachte. Ambers Hand tastete nach dem Amulett, als böte es ihr Schutz. Wenn sie doch nur in Ohnmacht fiele, oder der Alptraum ein Ende nähme!
Ihr Spiegelbild trat auf sie zu, riss ihr die Kette mit dem Amulett vom Hals und schleuderte es fort. Amber fühlte das Blut, das aus ihrer Halsbeuge sickerte, in die sich die Kette geschnitten hatte. Die eisigen Hände der Fremden legten sich auf Ambers brennendes Dekolleté.
Amber spürte, wie sich ihr Herzschlag verlangsamte und die Lebenskraft aus ihr wich. Als ihre Beine einknickten, fühlte sie sich dem Tod nahe. Da riss sie etwas mit aller Kraft zurück, bis sie in tiefer Dunkelheit versank.

Ein Knall schreckte Amber auf. Sie blinzelte und erkannte unzählige Glassplitter, die durch die Luft wirbelten.
Der Spiegel war zersprungen.
Erleichtert atmete sie auf, sie hatte nur geträumt. Ihre Finger tasteten über die brennenden Stellen an ihrem Hals. Amber erschrak, denn die Kette war fort – und als sie ihre Hand zurücknahm klebte Blut an ihren Fingerkuppen.