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Im Zyklus der Zeit

Von admin am 25. Mai 2009 veröffentlicht
Thema: Fantasy

Autor: Lothar Nietsch
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Fantasia 210/211 (EDFC)”

imzyklusderzeitWieder saß sie auf den Stufen vor dem Brunnen des mittelalterlichen Marktplatzes. Eine junge Frau, die Fred schon in den vergangenen Tagen dort hatte sitzen sehen. Stets zur gleichen Zeit. Das erste Mal hatte er sich kaum für die Frau interessiert, als er sie vom Hotelzimmer aus bemerkte. Doch die Regelmäßigkeit ihres Erscheinens und nicht zuletzt der Ausdruck tiefer Melancholie in ihrem zarten Gesicht, weckten seine Neugier.
Sie war niemandem des Personals bekannt, als er sich nach ihr erkundigte. Wahrscheinlich eine Touristin, hieß es, der es der Marktplatz angetan hatte.
Trotzdem, die Wehmut ihrer Züge, der traurig-verträumte Blick, die um sie befindlichen Dinge und Menschen kaum wahrnehmend, entsprach für Fred nicht der Art, die ein gewöhnlicher Tourist an den Tag legte. Vielmehr erweckte sie den Anschein, als wäre sie mit diesem Ort auf tragische Weise verbunden und irgendwie fühlte sich Fred zu ihr hingezogen.
Ein kontrollierender Blick in den Spiegel, dann verließ er das Zimmer. Die Frau beschäftigte seine Gedanken mittlerweile viel zu sehr, um sie nicht wenigstens anzusprechen.
Draußen, im Schutze des Vordachs, zögerte er. Aber, als eilte ihm sein Vorhaben durch eine unsichtbare Strömung voraus, sah sie auf, fand ihr Blick den seinen. Fred atmete durch und ging auf sie zu. Ihre Augen blieben dabei auf sein Gesicht geheftet. Unendlich geheimnisvoll erschien ihm ihr Blick, der Fred immer mehr verwirrte, je weiter er sich ihr näherte. Erkennen und Hoffnung lagen darin, desgleichen Trauer und Leid. Plötzlich beschlich Fred die leise, dennoch unbeirrbare Ahnung, diese Frau zu kennen. Trotz der Gewissheit, dass dies nicht sein konnte.
Oben, in seinem Zimmer, hatte er sich eine passende Anrede zurechtgelegt, nun aber waren die Worte wie weggewischt. Nie zuvor erlebte er Ähnliches. Eine schiere Flut gegensätzlicher Gefühle vereinnahmte ihn von einem Augenblick zum nächsten. Er begehrte diese Frau, wie keine zuvor, gleichermaßen empfand er unsägliche Scham. Hilflos versank er in den Tiefen ihrer Augen, deren Grund er niemals würde blicken können. Dies war ihm auf ebenso unerklärliche Weise klar, wie das untrügliche, dennoch irrationale, Wissen, dieser Frau so nahe wie einer Geliebten zu stehen. Dabei war er ihr niemals zuvor begegnet.
„Mathilde?“, hörte er den Namen über seine Lippen kommen. Fassungslos schrie sein Verstand in Panik auf. Hatte er dies wirklich gesagt? Ihm war, als befände sich ein zweites Ich in seinem Geist. Verzweifelt baten seine Blicke um Hilfe, aber ihre Worte trieben ihn vollends an den Rand des Wahnsinns.
„Ja, du bist es – fandest endlich den Weg. Nach all den trostlosen Jahren des Wartens. Ist dir klar, was du nun wirst tun müssen?“
Nein!, schrie es in Fred, ich habe nicht den blassesten Schimmer! Aber als spräche ein Anderer, entgegnete er: „Ja und nein, meine Liebste. Soviel Zeit ist seither vergangen, zuviel Sünde auf meinen Schultern.“
Liebevoll sahen ihre unergründlichen Augen zu ihm auf, füllten sich mit Tränen: „Nichts kann meine Liebe bezwingen. Kein Pakt, keine Macht, denn du bist zurück. Jetzt kann ich mein Gelübde erfüllen.“
Ihre Hand streckte sich Fred entgegen, dem ein Schauder über den Rücken jagte. Doch bevor ihre Fingerspitzen seine Hand erreichten, verblassten sie, lösten sich auf wie Nebelschwaden. Voller Entsetzen, keines klaren Gedanken fähig, stierte Fred auf die Stufe vor seinen Füßen. Das Wasser des Brunnens plätscherte fröhlich in der Abendsonne, als wäre nichts geschehen. Endlich, ihm schien eine halbe Ewigkeit vergangen, kehrte die Gewalt über seine Gliedmaßen zurück. In unregelmäßigen Atemzügen schnappte er nach Luft. Die Knie schlotterten, sein Herzschlag hämmerte. Fred befürchtete, er könne unangenehm auffallen, daher setzte er sich auf jene Stufe vor dem Brunnen.
So saß er da, bemüht das Unfassbare zu verdauen und dabei den Verstand bewahrend. Erst nachdem die Sonne hinter den Dächern verschwunden war, erhob er sich und begab sich schnurstracks auf sein Zimmer.
Auch wenn die Vernunft ihm gebot, dass er sich lediglich etwas einbildete, ja, einbilden musste, so vermochte er nicht das Erlebte zu leugnen. So sehr er sich wünschte, das Ganze als Suggestion abzutun, unbeirrt stand die Gewissheit diese Frau zu kennen dagegen. Wenn er doch nur wüsste, was ihn mit dieser Frau verband. Nur in einem war er sicher: Dieses Gefühl der Liebe entstammte absolut keiner Einbildung. Was war mit ihm? War er der, der er glaubte zu sein? Seine Erinnerungen, seine Geschichte, waren es seine eigenen? Gab es tatsächlich einen Abschnitt seines Lebens, der sich ihm verschloss?
Erschöpft fiel er aufs Bett. Unsinnige Grübelei. Alles was blieb, war, den nächsten Tag abzuwarten, darauf zu hoffen, dass die Frau wieder erschien. „Mathilde“, murmelte er, lauschte dem Klang dieses Namens, der einem Teil von ihm so vertraut vorkam, dann schlief er ein.
Durchs Fenster fallender Sonnenschein weckte Fred. In Sekunden verblassten die Traumsequenzen, die seine Erinnerung aus dem Schlaf mitgenommen hatte. Nur ein Gefühl der Unsicherheit blieb zurück. Sein erster klarer Gedanke galt Mathilde. Sogleich brandete eine Woge der Liebe und des Schmerzes durch sein Innerstes. Ebenso stellte sich dies unheilvolle Wissen ein, dass er einen finsteren Teil seiner Vergangenheit nicht mehr wusste – nicht mehr wissen wollte. Dem zum Trotz brannte er darauf, herauszufinden, was genau dies war. Sich seiner selbst nicht sicher, stand er auf, schlurfte ins Bad.
Gedankenverloren starrte er in den Spiegel. War dies Gesicht tatsächlich seins? Er beschwor Mathildes Züge vor seinem inneren Auge herauf. Doch dies verwirrte ihn noch mehr, stürzte ihn zuletzt in Verzweiflung. Außer seiner unbeschwerten Kindheit, war sein Leben eher langweilig verlaufen. Er würde seinen Werdegang als überaus durchschnittlich beschreiben, dem Bild entsprechend, welches das Klischee eines Versicherungsvertreters zeichnete.
Fred schüttelte den Kopf, so kam er nicht weiter. Er kleidete sich an, stieg die Stufen zum Foyer hinunter und trat auf den Marktplatz hinaus. Ohne Ziel, die Hände in den Hosentaschen, schlenderte er durch die Straßen, nahm jeden Winkel in sich auf. Nach einer Weile stellte sich etwas wie vage Erinnerung ein. Die Gassen schienen ihm auf düstere Art vertraut. Aber die undeutlichen Bilder zeigten diesen Ort völlig anders. Vor seinem geistigen Auge bröckelte der Putz von den Fassaden, sah er mit Stroh gedeckte Dächer, Unrat auf den Strassen. Es roch nach Schmutz, Hunger und Blut. Als wäre er in der Zeit zurück gegangen. Der Gedanke erschreckte Fred, verscheuchte jene unheimlichen Bilder aus längst vergangen Tagen. Bedeutete dies nichts anderes, als schon einmal gelebt zu haben. Bislang tat er dergleichen als Blödsinn ab. Belächelte diejenigen, die behaupteten, sich an frühere Leben zu erinnern. Noch mehr aber belächelte Fred jene Zeitgenossen, die solchen Geschichten Glauben schenkten. Er wollte es nicht wahrhaben, aber diese Ahnung, bereits vor Jahrhunderten durch diese Stadt gewandelt zu sein, widersetzte sich hartnäckig seinem Willen. Sein Weg hatte ihn vor das Rathaus geführt. Erst als er gewahrte, schon länger die Messingtafel anzustarren, erkannte er den Sinn der aufgeprägten Buchstaben. Stadtarchiv, las er. Ohne weiteres Nachdenken, wie mit einer unwiderstehlichen Strömung treibend, ging Fred hinein.
Der alte, griesgrämige Archivar nickte konsterniert, als Fred ihn fragte, ob sich in der Geschichte der Stadt etwas Tragisches am Marktplatz ereignet hatte. „Seltsam, dass Sie so etwas wissen wollen“, sagte er. „Die Mauern dieser Stadt waren tatsächlich Zeuge vieler tragischer Ereignisse, doch interessiert dergleichen die Touristen kaum. Können Sie mir konkreter sagen, welches Ereignis Sie meinen?“
„Nicht genau, ich hörte von einer jungen Frau, der auf dem Marktplatz irgendetwas zugestoßen sein soll.“
Der Alte beäugte Fred mit unverhohlenem Misstrauen, als er entgegnete: „Gehört wollen Sie davon haben? Hören Sie, ich mag vielleicht ein alter Trottel sein, aber für dumm verkaufen können Sie jemand anderen. Nur wenige lasen die Aufzeichnungen und sie hielten’s genauso, wie ihre Ahnen: Sie vergaßen die Geschichte. Erzählen Sie also nicht, Sie hätten zufällig davon gehört. Sagen Sie schon, was Sie wollen, oder lassen Sie mir meine Ruhe.“
Die Worte überrumpelten Fred derart, dass er einige Sekunden benötigte, in denen er um seine Fassung rang. Aber was hatte er schon zu verlieren? Kaum jemand in der Stadt kannte ihn. Sollte der Alte von ihm denken was er wollte. Fred breitete entwaffnend die Hände aus und sagte: „Ich bin Versicherungsvertreter und wegen eines Kunden in der Stadt. Meines Wissens zum ersten Mal. Doch wenn ich Ihnen nun sage, dass täglich eine bildhübsche, aber tieftraurige Frau vor dem Brunnen des Marktplatzes sitzt, die in mir ihren Liebsten zu erkennen glaubt, den sie vor elend langer Zeit verlor und die sich dann anschließend vor meinen Augen wie ein Gespenst in Luft auflöst, werden Sie mich erst recht auffordern, nicht Ihre Zeit mit solchem Blödsinn zu verschwenden. Oder etwa nicht?“
Fred wusste nicht, was er nun zu erwarten hatte, keinesfalls aber rechnete er mit der folgenden Reaktion.
„Teufel noch mal“, entfuhr es dem Alten, Fred mit großen Augen fixierend. „Beschreiben Sie die Frau.“
Fred fragte sich, welchem Zweck dies dienen sollte, dennoch kam er der Aufforderung nach. Der Archivar hing ohne Unterlass an seinen Lippen, nickte ab und an bestätigend und als Fred endete, rief er aus: „Sie ist’s! Genauso wird sie beschrieben.“
Dabei lief er aufgeregt auf und ab, solange bis Fred die Geduld verlor.
„Jetzt sagen Sie schon, wer die Frau ist, wenn Sie glauben, dass sie’s ist und was zum Kuckuck mit ihr geschah!“
„Ah!“ griente der Alte verschmitzt, „Sie gefällt dem jungen Mann.“ Dann, in beinahe traurigem Tonfall: „Machen Sie sich keine Hoffnungen, die Gute verstarb vor über 400 Jahren. Sie sind übrigens nicht der Einzige, dem sie erschien, soviel ich aber sagen kann, der Erste mit dem sie gesprochen hat. Doch kommen Sie, ich zeige Ihnen die alten Aufzeichnungen, die der Prior des Klosters seinerzeit anfertigte. Offenbar vermutete er, dass ihn diese Zeilen Kopf und Kragen kosten würden, denn er hat sie unter einer Bodenplatte der Sakristei versteckt. Renovierungsarbeiten vor acht Jahren förderten sie dann zutage.“
Gespannt folgte Fred dem Alten in den hinteren Teil des Archivs. Die Originaldokumente lagen unter einer Glasvitrine zur Ansicht aus, doch waren sie in lateinisch verfasst.
„Ich nehme an, Sie können mit der Übersetzung hier mehr anfangen“, nahm der Archivar Freds Frage vorweg und reichte ihm eine Mappe. „Sie können sich das Ganze dort in Ruhe durchlesen“, dabei deutete er zu zwei Stühlen, die einen niederen Tisch flankierten und schlurfte ohne ein weiteres Wort nach vorne.
Fred setzte sich, schlug gespannt den Deckel zurück und begann zu lesen. Die Zeilen beschrieben ein Ereignis aus der Zeit des 30jährigen Krieges und wie nach einem endlosen Wachtraum, brandete die Erinnerung plötzlich über Fred hinweg. Mit solcher Heftigkeit, dass er beinahe aufschrie. Unfassbar zu glauben, wer er einst gewesen, aber allzu deutlich traten unzählige Einzelheiten seines damaligen Lebens zu Tage. Die Reinheit seiner Empfindungen in der Jugend, bis hin zum Wandel, den seine Seele mit wachsender Macht vollführte, ihn zum Teufel in Menschengestalt verkommen ließ.
Mathilde, der sein ganzes Herz gehörte, doch sie zu ehelichen, verbot sein Stand. Was ihn jedoch nicht hinderte, sie zu verführen, seiner Fleischeslust zu opfern, zu schwängern und in Schande versinkend zurückzulassen, als ihn seine beginnende Karriere in die Welt hinausführte. Eine Welt des immerwährenden Krieges und die er in den folgenden Jahren beinahe eroberte – geachtet und gefürchtet zugleich. Als Oberbefehlshaber aller Truppen, verfügte er zeitweilig über größere Macht als der Kaiser, schuf in seinem Größenwahn ein eigenes Reich. Mathilde, seine einstige Liebe verleugnete er. Drängte sie sich dennoch in sein Gedächtnis, schämte er sich seiner Liebe, verfluchte das Weib niederer Herkunft.
Schaudernd fuhr Fred empor, unnötig weiterzulesen. Kein Wunder, dass er Geschichten über Wiedergeburt bisher verabscheute. Niemals hätte er wissen mögen, welch ein Scheusal er einst gewesen, wenn auch ein bis in heutiger Zeit sehr berühmtes.
Dennoch, anfangs war er gut gewesen, die Liebe zu Mathilde echt, deutlich spürte er dies. Was war geschehen, dass seine Gefühle in solchen Maßen erkalteten? Düster und beängstigend zogen bruchstückhafte Reminiszenzen herauf. Eine dunkle Messe. Gott im Himmel!, durchfuhr es Freds Gedanken. Mit Hilfe abscheulicher Rituale beschwor er den Fürsten der Finsternis, bot seine Seele. Der Sold für die Macht. Aber warum schmorte er nicht in der Hölle, wandelte stattdessen über die Erde? Wenn auch als belangloser Versicherungsvertreter, so verschloss sich ihm der Sinn des Ganzen. Antworten, dessen war sich Fred nun gewiss, erlangte er nur durch Mathilde.
Mathilde – nach allem was er ihr angetan hatte. Selbst der Tod ereilte sie auf sein Geheiß. Übelkeit stieg in ihm auf. Er wollte seine Gedanken abwenden, aber etwas hinderte ihn, ließ Fred die grausige Tat abermals durchleben.
Lange schon lagerte er mit seinem Heer vor der Stadt, die sich ihm wiedersetzte. Seine Männer bluteten das Land aus, das Volk hungerte. Verbrannte Erde auf Meilen. Da trat sie vor ihn, Mathilde. Sie hatte ihn nicht vergessen, liebte ihn noch immer, obwohl er sie entehrt und im Stich gelassen hatte. Appellierte an sein gütiges Herz, bettelte um Brot für sich und die Kinder, sein eigen Fleisch und Blut. Einem Menschen wären diese Worte ans Herz gegangen, aber längst war er kein Mensch mehr. Die Worte jener Frau, die er einst geliebt, beleidigten ihn. Ihr nach wie vor reizvolles Erscheinen verhöhnte ihn. Trotz des Gebärens der Kinder, der Marter durch die unaufhörlichen Kriege, gafften die Männer diesem niederen Weib noch immer nach. Im Gegensatz zu ihm, der mit schmerzhaften Ekzemen kämpfte und dessen Leib lebendig zu verfaulen drohte. Wie konnte sie sich erdreisten, derart vor ihn hinzutreten? Vor ihn, dem mächtigsten Mann Europas, ihn zu kompromittieren.
Indes, Mathilde schien den Zorn nicht wahrzunehmen, der sich über ihrem Haupt zusammenbraute. Vielleicht, so überlegte Fred, wollte sie dies auch gar nicht.
Unbewegt hatte er sie angehört und nachdem er keine Regung zeigte, wurde sie in ihrer Not zur Verräterin an ihren Leuten. Sie beschrieb einen geheimen Gang, der, nicht weit vom Heereslager gelegen, in die Stadt führte. Wenn er nur dafür sorge, dass sie bis an ihr Lebensende Brot erhielte, werde sie ihm die Stelle zeigen, an der sich der Eingang des Ganges befand.
Innerlich triumphierte er. Es gab nur eine einzig richtige Antwort auf Verrat und die würde er ihr erteilen. Die Bosheit seines Herzens schmerzte Fred selbst jetzt, unzählige Jahre danach, mehr als er ertrug. Eilends suchte er die Toilette, wo er sich erbrach. Aber auch dies hinderte die über ihn hereinbrechende Bilderflut seiner Vergangenheit keineswegs daran, ihn weiter zu peinigen.
Mit einer kaum nachzuvollziehenden Häme, gewährte er seiner einstigen Geliebten den Wunsch. Sowie Mathilde seinen Söldnern den Zugang gezeigt hatte, nahm er sie in Gewahrsam, eroberte die Stadt im Handstreich und nach dem ersten Morgengeläut erhielt Mathilde den Lohn für ihre Dienste. Inmitten des von Schaulustigen überfüllten Marktplatzes ließ er ein Geschütz mit Brot füllen, bis der Kanonier keinen weiteren Krumen ins Rohr brachte. Dann stellten seine Schergen Mathilde an Händen und Füßen gefesselt vor die Mündung. Mit den Worten, hier hast du Brot bis an dein Lebensende, zog er eigenhändig ab. Nicht ein Funke des Bedauerns regte sich in ihm, beim Anblick ihres Leichnams. Mathilde zählte nichts, war ihm weniger als der Dreck unter seinen Fingernägeln.
Fred fühlte sich wie erschlagen, kauerte zitternd neben der Toilettenschüssel, solange, bis der Archivar die Tür öffnete und mit wunderlichem Blick fragte: „Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ja kreidebleich. Aber ist ja auch kein Wunder, diese Geschichte geht an die Nieren. Dennoch schwer nachzuvollziehen, woher der Prior hat wissen können, dass diese einfache Frau einst die Geliebte des großen Wallenstein war, noch dazu Mutter seiner Kinder.“
Fred nickte gequält: „In der Tat. Aber irgendwas wird wohl dran sein, sonst hätte er diese Zeilen nicht so gut verborgen. Meinen Sie nicht auch?“
Der Archivar stimmte zu. Auf die Frage, ob der Platz ihres Grabes bekannt sei, schüttelte der Alte den Kopf. Auch wenn es die Menschen selbst damals entsetzte, auf welche Weise Wallenstein seine Informanten entlohnte, so war sie ab da für die Bürger nur eine Verräterin. Fred dankte und verließ das Rathaus. Er fühlte sich erbärmlich.
Unbewusst vernahm er das fünf Uhr Läuten der Kirchenglocke, als es ihn jäh durchzuckte: Mathilde!
Stets zu dieser Zeit hatte er sie am Brunnen sitzen sehen. Er rannte, so schnell es seine Beine erlaubten, ignorierte die brennenden Lungen, den galoppierenden Herzschlag. Atemlos erreichte er den Marktplatz. Freudig und beklommen zugleich, sah er sie. Keiner der Passanten nahm Notiz von ihr, als wäre sie überhaupt nicht zugegen. Vielleicht sehe ja nur ich sie, dachte Fred. Wie gestern, schien sie seine Anwesenheit zu spüren und wandte den Kopf in seine Richtung.
„Weißt du nun, was du zu tun hast?“, begrüßte sie ihn.
Ein faustgroßer Klumpen in seinem Hals, hinderte Fred am antworten. Nach einigem Ringen, brachte er schließlich heraus: „Ich fürchte, nichts kann wieder gut machen, was ich dir angetan habe. Selbst mein Tod wäre keine Sühne, denn ich bin ja schon gestorben.“
Seine zauberhafte Mathilde lächelte. Die Stimme voller Zärtlichkeit, entgegnete sie: „Du warst verblendet, deine Seele vergiftet. Deutlich sah ich Seinen Schatten über dir, als du mich getötet hast. Dich Ihm zu entreißen, schwor ich damals, egal wie lange es dauert. Nun ist es fast vollbracht. Dann endlich ist es meiner Seele gestattet zu ruhen und in Liebe auf die deine zu warten.“
Fred vermochte seinen Ohren kaum zu trauen. Wie konnte Mathilda noch Liebe für ihn verspüren? Er fand kaum die passenden Worte. Unsicher stammelte er: „Du bist nicht hier, um dich an mir zu rächen? Nach all dem Leid, welches ich über dich brachte?“
„Du lieber Narr! Denkst du wirklich, ich war so naiv und mir des Standesunterschiedes nicht bewusst? Wir liebten uns, dies allein zählte für mich. Ich wusste von Anfang an, dass es dir unmöglich gewesen wäre, mich zum Weib zu nehmen. Aber gesorgt hättest du für mich und deine Kinder. Doch in der Ferne gerietest du in Seinen Bann, warst ein anderer. Dein Herz starb und ist selbst jetzt noch tot.“
„Nein, du irrst. Gestern, als ich dich ansprach, fühlte ich die Liebe zu dir, obwohl ich da noch nichts wusste.“
Glockenhell erschallte Mathildes Lachen: „Liebe ist ein zweischneidiges Ding. Liebst du mich um deinetwillen oder um meinetwillen?“
Offenen Mundes glotzte Fred in Mathildes lachendes Gesicht, wusste keine Antwort.
„Siehst du!“, sagte sie, dabei ernst werdend. „Seine Macht reicht weit über Tod und Geburt hinaus. Aber der Glaube ist gering geworden unter den Menschen, dies schwächt Gott, ebenso wie Ihn. Komm jetzt, ich zeige es dir.“
Keiner Erwiderung fähig, folgte Fred dem Geist Mathildes, der ihn bis vor die alten Stadtmauern führte. An einer mit Dornenbüschen überwucherten Stelle des Stadtgrabens, verhielt sie. „Hier verscharrten sie meinen Körper.“ Dabei deutete sie zu Boden.
Es bedurfte keiner Worte, Fred war klar, was Mathilde erwartete. So begann er, mit seinen Händen in der harten Erde zu graben. Die Haut löste sich bereits von den Fingern und den Handflächen, als er auf den ersten Knochen stieß – Mathildes Schädel. Schweren Herzens barg er den Kopf, drückte ihn an seine Brust. Jeden einzelnen Knochen wollte er noch in dieser Nacht ausgraben. Geweihter Erde würde er sie übergeben, anschließend sein Leben ändern. Der Lohn seiner Arbeit, sollte fortan nicht länger seinem nutzlosen Luxus, sondern Bedürftigen dienen.
Fred blickte auf, erleichtert sah er in Mathildes Gesicht. Sie lächelte auf eine Art, wie er noch niemals jemand hatte lächeln sehen.
„Jetzt kann dein Herz wieder lieben“, sagte sie. „Halte daran fest und vergiss mich nicht.“
Freds Herz verkrampfte. „Du willst gehen?“
„Können wir tun was wir wollen, oder wollen was wir tun? Solange du an mich denkst, bin ich bei dir, lebe in dir fort. Vergiss unsere Liebe nicht, so werden unsere Seelen eins. Jetzt liegt es bei dir, mein Liebster.“
Mathildes Konturen verblassten. Fred wandte sich ab, zu sehr schmerzte der Anblick. Tränen liefen über seine Wangen. Tränen der Scham und der Erleichterung zugleich. Sein Leben hatte einen Sinn bekommen. Beinahe fröhlich kratzte er mit wunden Fingern weiter in der Erde. Gegen Morgengrauen hatte er Mathildas vollständig erhaltenes Skelett geborgen. Sorgsam in seine Jacke gehüllt, brachte er die kostbare Fracht auf sein Hotelzimmer. Bald sollte sie ein Grab erhalten, welches ihrer würdig war. Er trug nun Mathildes Bild in seinem Herzen und die Gewissheit, dass er sie wiedersehen würde.