Short Story

Kurzgeschichten mit Links

«  –  »

Lenas Traum

Von Halogenlicht am 30. Juni 2010 veröffentlicht
Thema: Märchen

Es war schon ziemlich spät, aber Lena hatte keine Lust schon wieder ins Bett zu gehen und auf den nächsten Tag zu warten, sie war wie so oft, noch gar nicht müde. Stattdessen machte sie es sich in ihrem Zimmer gemütlich und freute sich darauf, ihr spannendes Buch weiter lesen zu können. Sie wusste genau, dass ihre Mutter es gar nicht gerne sah, wenn sie so spät noch ein Buch las, zumindest schien es Lena so, als ob ihre Mutter es nicht gerne sah. Aber die Geschichte war einfach zu spannend, so dass sich Lena jeden Abend auf die Fortsetzung freute. Immer wenn sie las, vergaß sie die Welt um sich herum und alles schien so einfach.

Ob ihre Mutter wusste, dass sie immer heimlich unter der Bettdecke mit Taschenlampe las? Wahrscheinlich wusste sie es, aber tolerierte es, weil sie es in ihren jungen Jahren wohl auch nicht anders gemacht hatte. Lenas Mutter wusste, dass das Lesen vor dem Schlafen gehen die Fantasie für Träume anregen konnte und die Gedanken für den nächsten Tag positiver erscheinen ließ.

Lena machte sich für ihr Bett fertig und wünschte ihren Eltern eine gute Nacht. Ins Bett gekrochen, machte sie die Taschenlampe an und schlug ihr Buch auf. Es handelte von einem Jungen, der etwa in ihrem Alter war. Sie bewunderte diesen Jungen und beneidete ihn um seine Abenteuer die er bestehen durfte. Fast schon empfand sie kleine Schmetterlinge im Bauch, wenn sie von ihm las, er war so mutig und gleichzeitig auch so feinfühlig und intelligent. Er war sehr hübsch, zumindest das was Lena in ihrer Geschichte über den Jungen las, empfand sie als hübsch, die Jungs in ihrer Klasse waren da anders. Vielleicht verstanden sie einfach noch nicht so viel vom Leben wie der Junge in Lenas Buch. Die Jungs aus ihrer Klasse fanden Mädchen zwar spannend, aber hatten andere Dinge im Kopf. Für diese Jungs war es „uncool“, sich mit einem Mädchen zu unterhalten oder etwas zu unternehmen. Insgeheim übten die Mädchen für die Jungs aber schon in diesem Alter eine gewisse Faszination aus, die sie aber noch nicht richtig interpretieren konnten.

Lena hatte schon die Hälfte des Buches gelesen und hoffte, dass es eine Fortsetzung dieses Buches geben würde, sie wollte das Leben diese Jungen weiterverfolgen und diesen Jungen nicht mit dem Buch zur Seite legen.

Lena hörte, dass ihre Mutter die Treppe heraufkam und machte schnell die Taschenlampe aus, weil sie wusste, dass ihre Mutter immer noch einmal ins Zimmer schaute, um zu sehen, ob ihre Tochter schon schlief und erst wieder aus dem Zimmer ging, wenn sie sich sicher war, dass Lena schlief. Auch dieses Mal öffnete ihre Mutter leise die Tür und schaute ins Zimmer hinein, alles schien in Ordnung. Lena schloss unter ihrer Decke die Augen und tat so, als ob sie schlief, bewegungslos lag sie da. Wenn sie gewusst hätte, dass sie in diesem Moment auch eingeschlafen war, wäre das folgende Erlebnis halb so spannend für sie gewesen: Als sie die Augen wieder öffnete, war sie nicht mehr in ihrem Bett, sondern in einem verwilderten Garten, rote und weiße Rosen rankten am verwitterten Gartenzaun und das Gras wuchs in alle Richtungen, der Garten wirkte so als sei er aus einem Märchen entsprungen. Lena hatte den Garten zuvor noch nie gesehen, erinnerte sich aber, dass der Junge in ihrem Buch eine Großmutter hatte, die einen solchen Garten besaß und der Junge sich sehr gerne darin aufhielt. Neugierig ging sie ein paar Schritte und schaute sich um, es war ein großer Garten, sehr geheimnisvoll und unberührt. Lena dachte daran, wie oft der Junge sich in diesem Garten aufhielt und wie oft er dabei das nächste Abenteuer plante. Plötzlich hörte sie es hinter sich rascheln, ruckartig drehte sie sich herum. Sie glaubte ihren Augen kaum, als sie den blonden Jungen aus dem Buch vor sich stehen sah. Sie blickte in seine Augen und war verwirrt, offensichtlich hatte auch er nicht mit ihr gerechnet. Sie wusste so viel über ihn und doch auch wieder nichts. Es war ein komisches Gefühl für Lena zu spüren, wie die beiden Realitäten ineinander verschmolzen und zu einer einzigen Realität wurden. Der Junge war es, der als erster das Wort ergriff und Lena fragte, wer sie sei. Lena antwortete, dass sie sich kennen würden und dass sie wisse, was er für tolle Abenteuer erlebt hatte. Der Junge lächelte. Lena fand den Augenblick bezaubernd und wünschte sich, dass er nie vorübergehen würde. Sie vergaß alles um sich herum, ihre Gedanken kreisten nur um diesen Jungen. Plötzlich erschien alles andere unwichtig. Gerade wollte sie ansetzen zu sprechen, als sie ihren Wecker hörte. Ein komisches Gefühl überkam sie, was hatte der Klang des Weckers in diesem Augenblick und in diesem geheimnisvollen Garten zu suchen? Sie hörte, wie jemand ihren Namen rief, es war eine Stimme die sie kannte, aber in diesem Moment nicht zuordnen konnte. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie geträumt hatte. Enttäuscht öffnete sie die Augen und sah ihre Mutter vor ihrem Bett stehen. „Aufstehen Lena!“ sagte ihre Mutter sanft. Wie schade, dass sie ihren Helden, den blonden Jungen, nicht noch fragen konnte, ob sie ihn einmal bei seinen Abenteuern begleiten durfte. Unwillig stieg Lena aus dem Bett und ging ins Bad und putzte sich die Zähne. Warum wacht man immer auf, wenn es am schönsten ist, fragte sie sich. Auf dem Schulweg dachte sie darüber nach, was wohl der blonde Junge aus dem Buch über sie dachte, fand er sie sympathisch? Genauso sympathisch wie sie ihn fand? Diese und andere Fragen geisterten ihr im Kopf herum, als sie das Klassenzimmer erreichte. Sie hoffte, dass der Tag bald vorübergehen würde und sie in ihrem Buch weiter lesen konnte. Sie war gespannt darauf, ob sie wieder einmal die Möglichkeit bekommen würde, mit dem blonden Jungen zu sprechen, das nächste Mal würde sie sofort nach den wichtigen Dingen fragen.

Leider hatte sie nicht mehr einen solchen Traum, wahrscheinlich weil sie zu sehr hoffte, dass sie den geheimnisvollen Garten noch einmal betreten durfte. Es gibt eben Dinge, die darf man sich nicht wünschen, damit sie in Erfüllung gehen!