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Leons Briefe

Von trollbaer am 22. Dezember 2008 veröffentlicht
Thema: Alltag

Leons Briefe

In Liebe, dein Leon.
So stand es fast in jedem seiner Briefe. Leon verstand es, seine Briefe mit bunten Randverzierungen zu versehen, damit sie nicht so trist aussahen. Und er war ein fröhlicher Mann. Daher wollte er, dass auch seine Marie fröhlich werden sollte, wenn sie seine Briefe liest. Seit nunmehr einem halben Jahr waren Marie und Leon voneinander getrennt. Getrennt durch einen Krieg, den niemand wollte und den niemand verstand. Aber Leon hatte keine Wahl.
Eines Tages hielt er den Einberufungsbescheid in den Händen und schon in der darauf folgenden Woche brach er auf, um irgendwo in der Welt irgendeine Grenze zu sichern. “Mach dir keine Sorgen”, sagte er zu Marie und nahm sie dabei liebevoll in den Arm. “Ich schreibe dir jede Woche einen Brief, nein, jeden Tag schreibe ich dir einen. Und ich werde jede Minute an dich denken.
Und so schlimm wird es nicht werden. Du wirst sehen, Weihnachten bin ich wieder bei dir.” Marie liefen die Tränen über ihr hübsches Gesicht. Ihr Make up verwischte und Leon machte noch einen Scherz, indem er ihr sagte, dass sie jetzt aussähe, wie ein kleiner Waschbär. Marie musste lachen, konnte dennoch ihre Tränen nicht verbergen.
Das war jetzt etwa sechs Monate her und Leon hielt sein Versprechen. Jeden zweiten Tag lag ein Brief für Marie im Postkasten. Völlig aufgeregt las sie seine Zeilen immer und immer wieder. Jeden seiner Briefe hob sie sorgfältig auf. Und wenn der Briefträger einmal keine Post für Marie hatte, dann las sie den Brief vom Vortag einfach noch einmal. Leons Briefe waren wunderschön verziert. Er gab sich sehr viel Mühe damit. Und obwohl ihm der Dienst kaum Zeit ließ, schaffte er es doch immer noch, jeden Umschlag mit einem bunten Rahmen zu versehen. Mal malte er rote Rosen, mal waren es bunte Kringel, oder er versuchte sich an komischen Gesichtern. Marie freute sich jedes mal über seine witzigen Zeichnungen. Einmal zeigte eines der Bilder eine Frau, einen Mann und zwei kleine Kinder. Darüber stand: Du, ich und unsere zwei Jungs. “Wieso eigentlich Jungs?”, lachte Marie, “Ich will aber zwei Mädchen. Oder ein Mädchen und einen Jungen. Oder doch zwei Mädchen?” Wieder hatte Leon den Brief liebevoll, mit bunten Farben bemalt.
“Dieser verrückte Kerl”, dachte Marie, “denkt schon an Kinder, obwohl er mich nicht mal gefragt hat, ob ich ihn überhaupt will.” Aber diese Frage stellte sich längst nicht mehr. Ihr Herz gehörte ihm schon lange und sie würde auf ihn warten.
Die Monate vergingen und Marie las noch immer Leons Briefe, die jetzt schon seltener geworden waren. Das Weihnachtsfest stand vor der Tür und Marie zündete die erste Kerze am Adventskranz an. “Weihnachten sehen wir uns wieder, hat er gesagt”, dachte Marie, aber in keinem seiner Briefe erwähnte er etwas davon. “Vielleicht will er mich ja überraschen. Ja, ganz bestimmt will er das.” Marie war etwas enttäuscht, dass Leon nicht mehr so oft schrieb und machte sich Gedanken darüber, ob er vielleicht eine Andere hätte. Aber daran mochte sie nun gar nicht denken. “Wahrscheinlich hat er nur nicht mehr so viel Zeit wie früher. Ja, das wird`s sein”, dachte sie.
Der Postbote klingelte einen Tag vor Weihnachten. Den Brief nahm Marie persönlich entgegen. Ihr Lachen erstarb, denn diesmal hatte der Umschlag einen schwarzen Rand.

Detlev Zesny, im Februar 2008
(Trollbär Lyrik Wabern)