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Münsterkäse und Chile

Von Fabio Del Bianco am 11. August 2010 veröffentlicht
Thema: Sonstiges

Wir schreiben das Jahr 1974 n. Chr., die ganze Welt ist vom WM-Fieber infiziert, die ganze Welt…? Ja, sogar das kleine deutsche Dorf…! Sie glauben es nicht? Dann lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen.

Basel/Weil am Rhein(Dreiländereck) 14. Juni 1974

Für gewöhnlich sprach mein Opa nicht, und in Ausnahmefällen schwieg er sogar! Ich, damals zehn Jahre alt, dagegen war das was man einen „Schnurri“ nannte. Als meine Mutter und ich bei meinen Grosseltern ankamen, verschwand mein mittlerweile seliger Opa augenblicklich in sein „Refugium“. Um ihn in die Küche zu locken, wo meine geschwätzigen Tanten bei Kaffee und Kuchen inne hielten, bediente ich mich eines Tricks. Ein stinkendes Etwas mit Namen „Münsterkäse“ musste dafür herhalten. Schlurfende Schritte, ein scharfer Blick, das Käsemesser in Reichweite. Opa nahm den Käse aus meiner Hand lächelte und fragte: „Willst Du auch ein Stück?“ Natürlich wollte ich.
Man sollte wissen, Gefühlsregungen dieser Art waren nahezu inexistent bei ihm.
Seine Handbewegung befahl mir ihm zu folgen. Im Wohnzimmer schaltete er den Fernseher ein.
Fussball-WM; Deutschland gegen Chile.
Opa`s Zeigefinger bewegte sich unendlich langsam zu seiner rissigen Lippe, um mir anzuzeigen dass ich zwar zusehen durfte, aber schweigen sollte. Ehrfürchtig und ohne einen Ton zu sagen, setzte ich mich hin und sah mein allererstes WM-Spiel.
Das Geschehen plätschere so vor sich hin. Selbst für fussballverrückte Schreihälse kein Grund für Emotionen. Die 18. Minute, Paul Breitner der bayrische Querdenker schnappt sich den Ball und zieht aus rund 22 Meter ab. Die Kugel nistet sich im Lattendreieck ein. 1-0 für Deutschland.
Mein Opa springt auf als hätte er sich den Allerwertesten Gotts jämmerlich verbrannt und schreit aus Leibeskräften: „Tor..Tooor..Jaaa..Toor endlich!“ Ich höre ihn heute noch, 36 Jahre später, vor Freude schreien. Mit offenem Mund und schwer verwirrt starre ich meinen Grossvater an. Wer ist diese Person? In diesem Moment verwandelte die Macht des Fussballs diesen stummen alten Mann in ein schreiendes „Ich weiss nicht was“. Dreissig Sekunden später, sass mein Grossvater ruhig und keine Mine verziehend wieder in seinem Sessel.
In jenen Junitagen, wurde ich infiziert vom leidenschaftlichen und unerklärlichen Fussballvirus. Der Überträger war mein Opa, dafür bin ich ihm auf ewig dankbar. Heilung ausgeschlossen.

Fabio Del Bianco

ANNO DOMINI 2010