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My Home is My Castle – eine computergestützte Kurzgeschichte

Von coeur42 am 5. Juli 2009 veröffentlicht

1. Juli 2002

Computer sind doof:
Sie tun das, was man Ihnen sagt.
Das ist aber nicht immer das, was man will.
Wenn ich hier jemals wieder rauskomme, dann lasse ich das über meine Eingangstür meißeln. In goldenen Lettern. Beleuchtet. Bei Tag und Nacht.Ich kann mir das leisten. Denn ich bin reich. So richtig reich. Und damit wären mir bei meiner Person. Mein Name ist Joseph T., für den Fall, dass ich nicht mehr zu identifizieren sein sollte, wenn man mich oder zumindest diese Datei findet.

Ich bin also reich. Das war ich nicht immer. Das kam über Nacht, spielt jetzt aber keine Rolle.

Was macht man mit viel Geld? Ich kündigte meinen Job. Ich kaufte ein Haus. Nicht irgendein Haus. Eine alte, große Jugendstilvilla. Ich hatte nie genug Platz gehabt, und jetzt hatte ich das Geld und die Zeit, mir mein Heim einzurichten. Und das tat ich.

Ich hatte immer nur vier Laster: Ich rauchte, mochte guten Wein, gutes Essen… und ich war schon immer ein Technikfreak: Ich hatte schon eine DSL-Standleitung, als diese Technik nur für Firmen zugänglich und so teuer war, dass meine Online-Rechnungen einen guten Teil meines Monatsgehaltes auffraßen. Nur so als Beispiel.

Und jetzt hatte ich das Geld für alles. Mein Kühlschrank, meine Kühltruhe und meine Vorratskammer waren immer gut gefüllt, in allen Räumen standen Dosen mit Zigaretten und Aschenbecher, mein Weinkeller war erlesen zusammengestellt… Und mein Haus war vollcomputerisiert.

Tür und Garage öffneten sich auf Stimmbefehle, aktuelle Nachrichten bekam ich auf Wortkommando in jedem Raum auf 22“-Flatscreens. Terminals im ganzen Haus, an den Wänden statt Bildern TFT-Displays, mit meiner persönlichen, täglich wechselnden Lieblingsauswahl von Bildern, meine Sammlung von inzwischen 2000 CDs war über eine vollautomatische Jukebox jederzeit in jedem Raum durch einfaches Ansagen abrufbar.

Und meine Küche… Wunderbar. Sie arbeitete praktisch vollautomatisch und bereitete alles frisch zu. Besser als der Replikator auf der Enterprise. Lebensmittel wurden automatisch nachgeordert. Gerichte über eine spezielle Speiseaufzugskonstruktion in jeden Raum geliefert. Ebenso Drinks aus meiner Bar. Es war das Schlaraffenland.

Mit Folgen: Ich ging auseinander wie ein Word-Dokument bei aktivierter Schnellspeicherung. Bisher, wenn schon nicht schlank, so doch wenigstens nicht wirklich dick, wuchs ich auf fast 100 Kilo an, bei 175 cm Größe. Ich wurde müde, schlaff, begann, mich krank zu fühlen. Ich hatte schon bei einem Gang vom Schlaf- ins Wohnzimmer Herzrasen. Und das mit vierunddreißig.

Ich ging zu meinem Arzt. Wurde zu diversen Spezialisten, einschließlich eines Neurologen, eines Kardiologen, sowie eines Psychotherapeuten verwiesen. Und bekam das erwartete zu hören: Abnehmen, weniger Rauchen, mehr Bewegung.

Ich schaffte also einige Sport-Geräte an, alle computergesteuert und –kontrolliert, sodass ich meinen täglichen Fitnessstand, meine tägliche Schlaffheit, um die Ohren gehauen bekam.

Und ich speiste das „Fit for Life“-Update in die Haushaltsrechner-Einheit ein. Ein komplettes Diät- und Fitness-Programm. Ein schwerer Fehler, wie ich später feststellen sollte. Denn so fing alles an. Aber davon ahnte ich zu dem Zeitpunkt noch nichts. Im Gegenteil: Es fing an, mir richtig gut zu gehen. In drei Monaten nahm ich 30 Kilo ab, ich schaffte bald auf dem Stair-Master einen Highscore nach dem anderen, ich joggte – nur so zum Spaß, ohne dass es Bestandteil des Trainingsprogramms war. Ich schaffte mir ein Fahrrad an… Und fuhr sogar damit. Manchmal 30 Kilometer am Tag. Früher bin ich sogar fünfhundert Meter zum Tabakhändler mit dem Auto gefahren.

Ach ja: Ich hörte auf, zu rauchen. Ich hatte zwar immer noch Zigaretten im Haus. Aber ich hatte einfach keine Lust mehr darauf. Nach zwanzig Jahren dreißig bis vierzig Zigaretten täglich.

Ich muss völlig high vom Gesundheitsrausch gewesen sein, als ich meinen nächsten Entschluss fasste: Ich ließ mein Haus komplett “fit-for-life”-updaten: Alle schädlichen Materialien wurden entfernt, eine elektronische Analyseeinheit kam dazu: EKG, Blutwerte, zwei mobile Kernspintomografie-Einheiten. Das Sprach- und Sprachverständnisprogramm wurde auf den neuesten Stand gebracht. Jetzt konnte das Programm sogar alltägliche Sätze verstehen und darauf reagieren. Sagte ich beispielsweise: „Brr, ist das kalt hier!“, fuhr das Haus die Heizung hoch.

Und in einem Anfall von Übermut spendierte ich dem System einen freien Internetzugang mit einem Search-Bot für alle wichtigen Gesundheits- und Haussicherheitsinformationen. So war mein Haus immer auf dem neuesten Stand. Es konnte sogar Texte aus dem Netz interpretieren und in geeignete Maßnahmen umsetzen.

So fängt meine Geschichte an.

2. Juli 2002

Ich komme immer noch nicht raus. Na ja, das gibt mir Zeit, meine Geschichte zu Ende zu schreiben. Hier auf meinem Notebook, dem letzten freien Computer im Reich von “Big Mama” (so habe ich mein Haus inzwischen genannt). Ich hoffe, er hält mit mir durch.

Ich sitze übrigens in meinem Weinkeller. Den ich in einem Anfall von Nostalgie und Sehnsucht nach dem Suchen in staubbedeckten Flaschen nicht computerisiert habe. Hier gibt es keine Kamera, und auch keine Spracheingabeeinheit.

Ein Glas habe ich mir mitgenommen. Aber keinen Korkenzieher. Ich habe keinen manuellen Korkenzieher im Haus. In jedem Raum gibt es Weinglaschen-Öffnungseinheiten. Aber keinen einfachen Korkenzieher. Es war nicht ganz einfach, aber jetzt habe ich eine Methode gefunden, eine Flasche zu öffnen, ohne sie zu verderben: Ich habe mein altes Werkzeug hier unten gefunden, und mit einer Schraube aus einem der Regale, einem Schraubendreher und einer Zange kann ich Flaschen öffnen. Jetzt habe ich gerade eine Flasche Shiraz geöffnet. Prost, Big Mama (so habe ich mein Haus inzwischen genannt). Du wirst mir nachher wieder Rollmöpse und Aspirin verordnen – und 12 Kilometer auf dem Laufband.

Wo war ich? Ach ja, mein Haus war in puncto Sicherheit und Gesundheit auf dem allerneuesten Stand. “Fit for Life”. Das hieß, dass ich nach acht Uhr abends nichts mehr zu essen bekam. Der Kühlschrank, die Kühltruhe, die Speisekammer… zu. Aber okay, es ist einfach nicht gut, nach acht Uhr abends etwas zu essen, man schläft schlecht und setzt an. Und der Fit-For-Fun-Speiseplan war in Ordnung. Was tut man nicht alles für seine Gesundheit. Doch, ich war glücklich mit meinem Haus. Auch wenn ich hin und wieder zähe Verhandlungen führen musste: Einen Longdrink gegen drei Kilometer auf dem Laufband. Ihn mir selbst zu mixen war dank der elektronischen Steuerung der Kühlung nicht mehr möglich.

Und dann war da noch die Sache mit dem Elektrosmog: Weiß der Henker, wo Big Mama die Information herhatte, aber es stellte das ganze Haus auf ein Gleichstromnetz um. Soll mir recht sein, und ich habe danach auch wirklich besser geschlafen. Dennoch: Fernseh-, Telefonzeiten und Handybenutzung einzuschränken, war schon ziemlich hart. Das System berechnete immer die Menge an Elektrizität, die auf meinen Körper herabgeprasselt war, und schaltete beim Erreichen des Höchstwertes alle Geräte einfach ab, sodass ich spätestens mittags zur nächsten Telefonzelle joggen musste, um zu telefonieren. Immerhin gelang es mir, Big Mama zu überreden, nicht die Grenzwerte einer radikalen Umweltschützerseite (und denen hatte ich regelmäßig gespendet), sondern die Werte der Ergonomierichtlinien zu verwenden. So konnte ich wenigstens meine wichtigsten Telefonate zu Hause erledigen und pro Tag etwa 90 Minuten fernsehen. Spätestens ab mittags musste ich allerdings zur nächsten Telefonzelle joggen musste, um zu telefonieren. Das war zwar manchmal etwas lästig, hatte aber auch sein Gutes:

Eines Abends musste ich meinen Bruder dringend erreichen. Also zog ich mir meine Laufklamotten an und lief los Richtung Telefonzelle, erledigte mein Telefonat, und joggte nach Hause. Ich entschloss mich, da es einer der wenigen wirklich schönen Sonnenabende in Frankfurt war (entweder regnet es, oder es ist zu heiß, und die Stadt fängt an zu stinken), noch ein wenig zu laufen und bog in eine Parkanlage ein.

Und da traf ich SIE. Groß, langbeinig, kurze blonde Haare, eine Figur… Wir joggten ein Weilchen nebeneinander her, und ich hatte den Mut (und auch die Luft – merke: um beim Joggen zu flirten, muss man ziemlich fit sein.), sie anzusprechen. Sie antwortete. Wir verabredeten uns.

Wenn Ihnen das jetzt nicht sensationell erscheinen sollte, dann sollten Sie wissen, dass der Anteil der Singlehaushalte in Frankfurt auf einem Höchststand von 54 Prozent angekommen ist. Bisher dachte ich, dass alle Singlemänner besser aussehen als ich, und die Singlefrauen… Nun ich schreibe es nicht, es wäre diskrimierend.

Aber ich war ja nun sportlich, braungebrannt (ich gebe zu, es war die Solarbank), schlank, rank… Und außerdem seit vier Jahren Single. – Ich hatte einfach nicht die Zeit. Und auch nicht den Mut. Und Frauen nahmen mich sowieso nicht zur Kenntnis. Doch jetzt… Einmal kurz angesprochen, ein paar nette Sätze, ein bisschen Lästerei über Hundebesitzer, ein kleines Wettrennen (das unentschieden ausging; aber nur, weil ich mich etwas zurückgehalten habe)… Und ich hatte zumindest eine Verabredung zum Essen.

Wir gingen Essen. Japanisch. Sushi. Wir redeten. Wir tranken Wein. Wir redeten. Wir gingen in eine Cocktail-Bar. Wir… Wissen Sie, was ein 100%-Match ist? Diese Frau war meiner. Sie mochte die gleiche Küche, sie lachte sogar über meinen Schildkrötenwitz, sie mochte Technik, sie entwickelte Softwaresysteme für Haus- und Sicherheitstechnik.

Na, lieber Leser? Was habe ich wohl als Nächstes unternommen?

Klar würde sie gerne mein Haus besichtigen. Oh, natürlich heute Abend. Jetzt gleich? Gerne. – Und so fuhren wir zu mir. In einem Taxi. Es war die zweite schöne Nacht in diesem Jahr, wir öffneten die Fenster, nahmen den Umweg des Taxifahrers durch einige kleine Vororte gerne in Kauf…

Big Mama. Die Tür öffnete sich auf mein Kommando. Das Licht, etwas gedämpft, ging an, auf mein Kommando. Die CD-Jukebox spielte leichte Klassik… auf mein Kommando. Alice war… schwer beeindruckt.

„Etwas zu trinken?“

„Gerne!“

„Hausbar, zwei Caipirinhas, bitte.“

Zugriff verweigert. – Die harte Stimme für strenge Anweisungen, meine Programmierung, ich kann also dem Haus nicht die Schuld daran geben, sprach. Sie wissen, eine von diesen Stimmen, mit denen Polizisten in amerikanischen Filmen unschuldig Verdächtigte zum Aussteigen aus dem Auto auffordern, um anschließend deren Kopf auf die Motorhaube zu hämmern.

„Warum?“

Ihr Gehalt…

„Und, lieber Computer, benutze bitte eine andere Stimme. Etwas freundlicher und leiser.“

Ihr Gehalt von Alkohol im Atem, sowohl in Ihrem wie dem eines unangemeldeten Eindringlings, ist über dem zulässigen Grenzwert. Autofahren sollten Sie auch jetzt nicht. – Das klang nicht gut, auch nicht mit dem Klang einer sonoren Frauenstimme (Seven-Of-Nine in sehr guter Laune, wenn Sie verstehen, was ich meine). – Soll ich die Polizei verständigen?

„Warum?“ – Mein Sprachschatz hatte sich etwas reduziert. Gott sei Dank hatte „der unangemeldete Eindringling“ einen Schwips, saß auf meinem Lieblingsledersessel und kicherte vor sich hin.

Zum Entfernen des unangemeldeten Eindringlings.

„Nein, sollst du nicht. Das ist Alice. Und sie ist mein Gast.“

Unangemeldeter Gast, Code Alice. Bitte identifizieren Sie sich durch Nennen Ihres vollen Namens.

Mein Gast nannte ihren vollen Namen.

Eine dritte Stimme (gemeinerweise hatte ich für rasche Informationen den Börsenmoderator eines bekannten Nachrichtensenders gesamplet) ratterte Name, Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummern, Personalausweisnummern herunter.

Sind diese Angaben korrekt?

„Ja.“ – Mein Gast wirkte jetzt schon etwas nüchterner.

Wünschen Sie eine Sicherheitsüberprüfung Ihres Gastes?

„Eine was?“ – Ich wusste bis jetzt nicht einmal, dass Big Mama dazu in der Lage war.

Polizeiliches Führungszeugnis, Schufa-Anfrage, Flensburger Punktekonto, Überprüfen der Fahndungslisten der lokalen Polizei, des LKA Hessen und des BKA?

„Nein, natürlich nicht.“

Wie lange wird Gast, Code Alice, Sicherheitsstatus: Sehr unsicher, da ungeprüft, im Haus bleiben?

„Das weiß ich doch jetzt noch nicht.“

Soll ein Gästezimmer vorbereitet werden?

„Danke, das wird nicht nötig sein, sehr freundlich.“ – Mein Gast hatte sich nach einem kurzen hysterischen Lachanfall, der sie hinter den Sessel befördert hatte, wieder gefasst.

Gast, Code Alice, wird also nicht über Nacht bleiben?

Ich wurde rot, sie auch.

Verweilstatus also ungeklärt. – Wünschen Sie manuelle Abmeldung des Gastes, Code Alice?

„Ja bitte.“

Aufenthaltsgrund des Gastes, Code Alice?

„Wozu willst Du denn das jetzt wissen?“

Routineüberprüfung. Anfrage des Finanzcontrollers.

„Dies ist ein Zusammentreffen für erotische und sexuelle Aktivitäten. Ein sogenanntes Rendezvous.“ – Alice erwies sich als ausgesprochen schlagfertig.

Das Haus schwieg.

„Das dürfte ihm zu denken gegeben haben. Gibt es jetzt was zu trinken? Ich habe vor lauter Lachen einen trockenen Hals.“ – Gott sei Dank, sie wollte noch nicht gehen.

Plötzlich erklang ein leises Klingeln der Hausbar. Die Klappe öffnete sich. Und zwei Drinks erschienen, auf sorgfältig beschrifteten Untersetzern. Big Mama wusste offenbar doch, was sich gehört.

Ich reichte ihr ihren Drink und nahm meinen. Wir stießen an und wollten trinken. Als sich das Licht plötzlich rot färbte und im ganzen Haus eine Aufnahme von „Je t’aime“ zu hören war.

„Computer, was soll das?“

Ich war auf diese Situation nicht vorbereitet und musste einige Recherchen durchführen. Nach einer aktuellen Information soll rotes Licht auf 92,7 Prozent der Bevölkerung anregend wirken. Und die Musik wurde ermittelt nach einer Auswertung von 837 Playlists mit erotischen Titeln.

„Computer, lass…“ – Mein Gast legte mir die Hand auf den Mund und flüsterte mir ins Ohr: „Lass doch, ich bin mal gespannt, was sich ein Computer unter Erotik vorstellt.“

„Computer?“

Ja, Joseph?

„Fahre bitte mit dem Programm fort.“

Es ist mir ein Vergnügen, du scharfer Hengst.

„Ach ja, aber bleibe bitte beim Standard-Sprachprogramm.“

Sehr gerne.

„Und bitte verbale Störungen nur bei Warnungen und Hinweisen von Level 1.“ – Jetzt würde uns das Programm nur noch bei akuten Gefährdungen von Leib, Leben und Eigentum unterbrechen.

Verstanden.

Danke.

Nichts zu danken.

Ruhe, rotes Licht, kitschige Musik… Luft holen, das Beste draus machen. – „Wo waren wir?“

Wir stießen erneut an, wir verschränkten unsere Arme. Wir tranken… Sie trank, ich musste würgen, zuckte von ihr weg (sie hatte sich schon für den anstehenden Kuss vorgebeugt), und spuckte meinen Drink ins Glas zurück.

„Entschuldigung. Computer, was ist das, was ich trinke?“

Ein Caipirinha.

„Nein, das ist es NICHT. Was ist da drin?“

Limetten, Zucker…

„Außer den Standardzutaten?“

Zwei rohe Austern sowie ein Eiweiß, und Elektrolyte. Vor allem Kalium und Kochsalz.

„Was?“

Zwei rohe…

„Ich hatte verstanden. Warum?“

Bei Ihnen steht ein erhöhter Eiweißbedarf zu erwarten. Der sollte vorher ausgeglichen werden, sowie einige körperliche Anstrengung… deswegen die Elektrolyte zur Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit.

„Aha.“ – Das war es, der Abend war gelaufen. Dessen war ich mir jetzt ganz sicher.

„Nur der Neugier halber: Und die Auster?“

Die Auster ist ein sogenanntes erogenes Lebensmittel. Sie wirkt bei Männern sehr stimulierend. Leider hatten wir nur Austern im Haus. Der Bandrilla-Zehntausend-Füßler soll…

„Danke. Es reicht.“

Gern geschehen, du geiler Spritzer.

„Und bleib beim Standard-Sprachprogramm!“

Verzeihung, bei meiner aktuellen Recherche muss dieser Befehl überschrieben worden sein.

„Macht nichts. Und jetzt halt die Klappe. Um mach mir einen Drink mit den Standardzutaten.“

Wünschen Sie vielleicht einen Kompromiss?

„Was?“

In meiner Datenbank sind verschiedene Drinks verzeichnet, denen stimulierende Eigenschaft zugeschrieben wird.

„Computer?“ – Alice sprang für meine Sprachlosigkeit in die Bresche. „Vielen Dank für Deine Bemühungen.“

Nichts zu danken, du steiler Zahn.

„Bleib doch auch bitte bei mir bei der Standardsprache.“

Verstanden.

„Was weißt du über die stimulierende Wirkung von Frauen?“

Der Computer versank in Schweigen, aber nur kurz.

Joseph?

„Ja?“

Sie hetero-, homo- oder bisexuell veranlagt?

„Hetero. Ganz stinknormal hetero.“ – Ich sah eine Katastrophe heraufziehen.

In diesem Fall sind attraktive Frauen ein sehr wirksames Stimulans. – Gast, Code Alice, sind Sie eine attraktive Frau?

Ich wurde rot, dann bleich. Doch Alice war schlagfertiger. Und willens, diesen Kampf zu gewinnen.

„Was denkst du?“

Alle Kameras im Raum gerieten in Bewegung und erfassten sie.

Urteil nur mit 10-prozentiger Genauigkeit anzugeben.

„Wie kann ich die Genauigkeit erhöhen?“

Stehen Sie bitte auf und gehen in die Mitte des Raumes.

Sie tat es, alle Kameras erfassten sie, schließlich auch die beiden mobilen Kern-spin-Einheiten, die aus dem Gymnastikzimmer hereingerollt kamen.

Beurteilung abgeschlossen. 98,7 % Genauigkeit. Möchten Sie die Analyse hören?

„Ich bitte darum.“

Gesicht zu 89 % optimal proportioniert, Größe innerhalb der Norm, Figur zu 95 % optimal proportioniert. Haare nicht optimal. Lange Haare werden in 76,8 % der Fälle bevorzugt.

„Danke für den Hinweis. Und was ist mit meinem Busen?“

Zu 91 Prozent optimal, besondere Vorzüge: Groß und von straffem Bindegewebe gehalten.

„Wie kommst du darauf?“

Sie führen keine stützenden Maßnahmen durch. Weitere Daten?

„Was gibt es denn noch?“

Sind Sie echt blond?

„Ja.“

Scan bestätigt Antwort.

„Und?“

Blonde Menschen haben einen bis zu 135% höheren Ambra-Ausstoß, der als stimulierend empfunden wird.

„Danke.“

Möchten Sie die Abschlussbewertung hören?

„Ja, bitte.“

Sie erreichen auf einer Skala von 2000 Punkten einen Stand von 1801 Punkten. Damit sind sie attraktiver als 89,1523 % Prozent der Vergleichsgruppe.

„Das sollte doch für Joseph reichen, oder?“

Ich kann keine Bewertung vornehmen.

„Ja, es reicht vollkommen.“ – Ich hatte mich so weit gefasst, dass ich wieder sprechen konnte. Ich fiel auf die Knie und sprach in Richtung des Mikrophons.

„Gast, Code Alice, ist meine absolute Traumfrau, sie ist schön, sie ist intelligent, ist sinnlich, wir haben unendlich viele Gemeinsamkeiten. Sie ist für mich mehr als ausreichend stimulierend. Und ich hoffe trotz Deiner Interventionen, dass es umgedreht noch immer so ist und Sie mir nicht ihren Drink über den Kopf gießt und geht, wenn diese Unterhaltung beendet ist.“

Soll ich das Bad anwärmen und eine Haarwäsche vorbereiten?

„Nein, mach mir nur einen Drink. Egal was. Und dann gib Ruhe. Außer in Level 1-Fällen.“

Ich zwang mich, nicht zu weinen. Vermutlich würde dann in zwei Minuten der Sanitärbot mit Taschentüchern vor mir stehen und in zehn Minuten ein Visagist klingeln, der mein Gesicht wieder auf Vordermann bringen sollte.

Alice kippte ihren Drink runter. – „Und Computer, wo du schon dabei bist, mach mir auch einen Drink. Whiskey, Scotch, alt, hohe Qualität, 12 Zentiliter, auf Eis.“

Darf ich darauf hinweisen, dass so viel Alkohol…

„Nein!“ – Alice und ich brüllten im Chor, dass die Scheiben klirrten.

Der Computer schwieg und zwei Minuten später klingelte die Hausbar. „Je t’aime war inzwischen abgelöst durch Siebziger-Jahre-Pornofilm-Easy-Listening. Sie wissen schon, die Shadows schwer bekifft in Zusammenarbeit mit dem Gong-Orchester der Chinesischen Oper. Erschöpft setzten wir uns wieder auf das Sofa. Genauer: Wir wollten uns setzen, aber Big Mama hatte bei allen Polstermöbeln die Rückenlehnen abgesenkt. Alice streifte ihre Schuhe ab und legte sich hin. Wir stießen erneut an, sie mit ihrem Whiskey, ich mit meiner Prärieauster.

„Entschuldige, auf diese Situation war ich wirklich nicht gefasst.“

„Dein Haus auch nicht. Und bisher schlägt es sich doch recht tapfer. 1801 Punkte auf einer Skala von 2000, und das wissenschaftlich fundiert. Das hört frau doch gern. Ach ja, und danke!“

„Wofür?“

„Für den Abend. Ich habe mich selten so amüsiert.“

„Mach dich nicht auch noch lustig. Ein Taxi?“

„Wie kommst du darauf?“

„Ich dachte…“

„Hör auf zu denken, und küss mich.“

Ich küsste sie. Wir küssten uns. Ein Jahrhundertkuss. Und kein dazwischenredender Computer, der vor gefährlichen Zungenverletzungen und der Neigung von 0.02321% der Bevölkerung zu Kannibalismus warnte.

„Lass uns ins Schlafzimmer gehen. Und sag dem Computer, was wir vorhaben. Nicht dass wir vom SEK gestört werden.“

Ich öffnete die Augen. Das hier war kein Traum.

„Computer?“

Ja?

„Ich werde jetzt mit Gast, Code Alice ins Schlafzimmer gehen. Dort werden wir Sexualverkehr haben. Wir benötigen keine weiteren Stimulantien. Nur Ruhe. Bewerte alles Folgende als normales menschliches Verhalten.“

Lachend gingen wir in Richtung Schlafzimmer, vorbei an meiner Bildergalerie, die jetzt pornografische Aufnahmen zeigte, aber wir waren fest entschlossen, uns nicht mehr stören zu lassen.

Vor der Schlafzimmertür küsste ich sie. Ich hob sie auf meinen Arm. Und öffnete mit dem Fuß die Tür. Wollte sie öffnen. Sie war abgeschlossen. Beinahe hätte ich Alice fallen gelassen.

„Computer, was soll das?“

Die Musik hatte aufgehört. Ein dezenter Warnsummer war zu hören.

„Was gibt es? Einbrecher? Ein Feuer?“

Sie planen gefährliche Aktivitäten des Level 1. –Dieser Satz klingt selbst von Seven auf Nine in guter Laune nicht wirklich freundlich.

„Was?“

Ich habe keinen Befund von Gast Code Alice auf sexuell übertragbare Krankheiten, insbesondere keinen HIV-Befund. Sie können nicht fortfahren.

„Schon einmal was von Safer Sex gehört?“

Möchten Sie Safer Sex praktizieren?

„Ja…“ Ich setzte Alice ab.

Praxis nicht möglich.

„Warum?“

Safer Sex sieht die Verwendung von Kondomen vor. Sie befinden sich nicht auf der Inventarliste.

„Ich habe welche in meiner Brieftasche.“

Als Aufbewahrungsort zu warm und mechanisch zu belastet.

Jetzt wurde Alice hysterisch. Sie riss ihre Handtasche auf und beförderte einen nagelneuen 12er-Pack Kondome aus der Tasche.

„Computer, hier, siehst du, ich habe auch welche! Nagelneu! Extra stark! Spermizid beschichtet! Das Sicherste, was es gibt! Elektronisch geprüft!“

Sie hielt die Packung in die Kamera.

Bitte halten Sie den EAN-Code aufrecht in die Kamera.

Sie tat es.

Produktidentität bestätigt. Drehen Sie bitte die Packung und zeigen Sie von allen Seiten.

Sie tat es.

Packung einwandfrei und unbeschädigt.

„Lieber Computer, öffnest du uns nun das Schlafzimmer und lässt uns endlich vögeln? Oder sollen wir die Nummer an die Tür gelehnt schieben?“ – Ich hätte nicht erwartet, dass Alice so ordinär werden konnte.

Aber sicher, du geile Schnecke.

„Computer… Vergiss es. Lass uns rein. Ach ja: Wir wissen, was ‚safer sex‘ ist. Wir benötigen keine Anleitungen oder user manuals.“

Das Schloss klickte, ich überlegte, ob ich sie doch noch über die Schwelle tragen sollte, aber Alice war schneller. Sie riss die Tür auf und zog mich mit sich. Sie schlug die Tür ins Schloss und schob den manuellen Riegel vor.

„Schnell, bevor sich das Haus es anders überlegt.“

Da waren wir also. Im Schlafzimmer. Und plötzlich war ich Big Mama fast dankbar.

„Du schläfst auf schwarzer Seide?“

„Bis heute nicht.“

Das Bett war frisch bezogen, die Bettdecke einladend aufgeschlagen, der Raum frisch gelüftet, ein schönes Parfum versprüht und zwei Kerzen neben dem Bett gaben gedämpftes Licht. Es waren zwar künstliche Kerzen, aber immerhin. Das Stereosystem spielte nur die sanften Klänge eines Venus-Windspiels. Sogar eine Flasche Sekt war kaltgestellt. Dazu zwei Gläser.

„Und jetzt?“ – Ich war etwas ratlos.

„Eine solche Einladung darf man doch nicht ablehnen.“

„Ich dachte nur…“

„Ich habe noch nie so hart dafür gekämpft. Denkst du, ich höre jetzt auf? Gibt es hier Kameras?“

„Nein, nicht mal Bewegungssensoren. Das war ein harter Kampf mit dem Haus, aber ich habe mich durchgesetzt. Wir sind unbeobachtet.“

„Dann komm ins Bett…“

Und das tat ich…</p>

Es war… nun, es wäre übertrieben, zu sagen es wäre unbeschreiblich gewesen. Aber es war gut, besser als sonst beim ersten Mal mit einem neuen Partner. Trotz des Laubfrosch-Effektes (extra starke Kondome neigen dazu, wegzuspringen, wenn man sie zu beherzt überziehen will), und einer gewissen Anspannung am Anfang. Aber die ließ nach, und es war schön. Punkt.
Danach lagen wir in den zerwühlten Seidenlaken unter die Decke gekuschelt. Sie griff nach ihrer Handtasche und holte Zigaretten hervor. Das war die einzige Zigarette, die ich vermisst hatte: Das Zigarettchen danach. Sie gab uns beiden Feuer und nebeneinanderliegend bliesen wir Rauchringe in die Luft.

Die Sprinkleranlage sprang an. Die Feuersirenen. Die verdammten Rauchmelder hatte ich völlig vergessen. Sie waren ja sensitiver eingestellt, seit ich nicht mehr rauchte. In Sekunden waren wir durchnässt bis auf die Knochen.

Okay, es gab genug Schlafzimmer im Haus. Und Alice schien es nichts auszumachen. Sie lief sogar ins Bad und holte Duschgel.

„Cool, eine Dusche direkt nach dem Sex… Es ist ja jetzt ohnehin egal.“

Und so duschten wir mit der Sprinkleranlage, ich konnte sie ja immer noch deaktivieren. Wir waren bereits völlig eingeseift, als die Schafzimmertür mit einer Axt eingeschlagen wurde.

Drei Feuerwehrleute traten ein. Mit Schlauch im Anschlag auf zwei albern auf einem Wasserbett herumturnenden Menschen, die völlig in nach Moschus duftenden Seifenschaum eingehüllt waren.

Es dauerte eine Weile, bis ich die Situation geklärt und zugesichert hatte, den Einsatz zu bezahlen. Alice war unterdessen im Badezimmer verschwunden.

Ich befahl dem Computer, unter gar keinen Umständen noch mal die Feuerwehr zu rufen. Wozu gab es das Telefon? Ich würde es selbst machen. Mittels meiner Override-Codes würgte ich jeden Widerspruch ab. Außerdem bestellte ich die notwendigen Renovierungsmaßnahmen, die nicht VOR ZWÖLF UHR zu beginnen hätten. Auch das schluckte der Computer, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass eine solche Terminierung zusätzliche Kosten verursachen würde.

Das war mir jetzt egal.

Alice und ich gingen in ein Gästezimmer und kuschelten uns ins Bett. Sie trug übrigens einen meiner Pyjamas. Finden Sie Frauen in Männerpyjamas auch so sexy? Artig schluckten wir unser Anti-Kater-Aspirin, das der Computer empfahl. Alice sagte noch: „Würde es dir was ausmachen, wenn wir uns das nächste Mal bei mir treffen?“ – Und dann schliefen wir ein.

Während ich dies schreibe, habe ich die zweite Flasche Wein geleert. Und ich bin ziemlich betrunken. Ich hoffe, irgendwas hiervon ist morgen noch lesbar. Ich werde jetzt meinen gastlichen Weinkeller verlassen und nach oben gehen, mich mit Aspirin, Bullrichsalz und Rollmöpsen füttern lassen. Und wenn ich morgen meine Strafrunden auf dem Laufband hinter mir habe, komme ich wieder.

4. Juli 2002

Ich bin wieder hier unten in meinem Weinkeller, und ich geb‘ zu, ich hab schon etwas vorgelegt. Frankreich diesmal, Beaujolais.

Was soll’s? Mein Haus ist noch immer verbarrikadiert, alle Kommunikationswege tot. Also kann ich auch genauso gut hier sitzen, trinken, und meine Geschichte aufschreiben. So werde ich vermutlich enden. Altersschwach vor meinem Notebook sitzend. Die unendliche Geschichte erzählend. Wenigstens kommen regelmäßig Lebensmittel.

Doch, Big Mama kümmert sich rührend um mich. Es sorgt sich. Ist das nicht nett?

Wo war ich? Ach ja, bei Alice. Möchten Sie hören, wie diese Geschichte einer zart aufkeimenden Liebe weitergeht? Eigentlich ist es mir egal, ob Sie’s wissen wollen, oder nicht. Ich kann Sie eh‘ nicht hören. Ich werde es aufschreiben. Sie müssen’s ja nicht lesen.

Wir wachten auf. Wir frühstückten. Alice begleitete mich auf dem Laufband, während Big Mama (Sie erinnern sich? Das Haus?) uns mit allerlei Nachrichten berieselte, unterlegt von schwerer Heavy Metal Musik. Vermutlich hatte das Haus zu viele Kungfu-Filme gesehen. Es hätte auch schlimmer kommen können. Es hätte uns strafexerzieren und lauthals mitsingen lassen, wie in den amerikanischen Kriegsfilmen. Insgeheim erwartete ich ja, jeden Augenblick beschossen zu werden, um unsere Reflexe zu testen… Clint Eastwood aus den Lautsprechern: „Das ist das AK 35, die bevorzugte Waffe unserer Feinde“.

Nachdem wir also unsere Sünden abgebüßt hatten, Verbrauch von 1080 Kilojoule, „Danke, Haus!“, gab Alice mir ihre Telefonnummer, bat um eine Woche Erholungsurlaub, und ging.

Ob ich sie angerufen habe? Was denken Sie?

Falsch gedacht. Ich habe. Eine Woche später. Genau eine Woche später.

8 Tage = 192 Stunden = 11520 Minuten = 691200 Sekunden.

Genaugenommen wollte ich sie zwei Stunden früher anrufen, aber ich musste das Haus erst überreden, mich telefonieren zu lassen. Irgendwer hatte irgendeiner Behörde eingeredet, dass die Grenzwerte für elektromagnetische Belastung zu hoch seien. Und seitdem durfte ich nur noch in Not- und Ausnahmefällen telefonieren. Und 60 Minuten Fernsehen. In einem speziellen Schutzanzug.

Aber ich würde nicht zur Telefonzelle joggen. Ich war inzwischen bei zwei Flaschen Wein täglich angekommen. Das hieß 24,38 km auf dem Laufband, wahlweise auch in verschiedene Übungen aufgesplittet. In der Woche hatte ich 4 Kilo abgenommen, und war damit endgültig untergewichtig. Aber es stand mir nicht schlecht. Sie wissen, dieser leicht gammelige Brat Pitt-Look: Unrasiert, verwühlte Haare, und alle Muskeln treten deutlich hervor.

Ich erklärte dem Computer, dies sei ein Notfall. Sexuelle Unterversorgung könne zu allen möglichen Schäden führen. Nach einer fast siebzigminütigen Recherche bestätigte das Haus meine Angaben, und das war einer der wenigen Momente, in denen ich mit Big Mama in letzter Zeit einer Meinung war. Das Haus bot mir Cybersex an, ich lehnte dankend ab, und verwies auf mehrere Sites zum Thema „Vereinsamung und gesundheitliche Folgen“. Und nach weiteren vierzig Minuten durfte ich telefonieren.

Sie erinnerte sich noch an mich.

Das ist doch selbstverständlich? DAS ist SELBSTVERSTÄNDLICH?

Wissen Sie, wie viele „Ich bin der von der Betriebsfeier, der Sie noch nach Köln nach Hause gefahren hat. Nein, nicht besonders. Die Sitze sind wieder sauber. Danke, mir geht’s auch gut. Ja, du hast ja meine Nummer, Ciao. <klick> Dumme Gans.“-Telefonate ich in meinem Leben schon geführt habe? Meistens sagte ich allerdings nicht Gans, aber das andere sagt man, schreibt man aber nicht.

Also: SIE erinnerte sich. SIE wollte mich sehen. SIE verabredete sich mit mir. SIE ließ mir gerade noch Zeit zum Duschen… Nein, nicht rasieren, ich bin heute der wilde Mann, Maßanzug und Drei-Tage-Bart. Yeah Baby. Und ich war aus der Haustür.
Dachte ich. Die Haustür öffnete sich nicht auf mein Kommando, und ich lief dagegen. Kopf voran. – Den Tag verfluchend, an dem ich die schöne alte Holztür, die so leicht aus dem Schloss sprang, gegen ein identisch aussehendes Hochsicherheitsmodell aus Titanstahl und Panzerglas mit zusätzlichen Rundum-Riegeln habe ersetzen lassen (Danke, Big Mama. Das war auch Deine Idee.) kippte ich rückwärts und stieß mit dem Hinterkopf auf den wunderschönen, aber nicht sehr bequemen Tropen-Hartholz-Boden. Dann wurde mir schwarz vor Augen.

Gute Nacht.

5. Juli 2002

Es ist jetzt fast ganz dunkel hier unten. Die letzte Glühlampe ist ausgefallen, aber kein einziger Ersatz im ganzen Haus. Und alle anderen Lampen angeschraubt. Das einzige Licht hier unten ist der Bildschirm meines Notebooks. Eine Kerze wäre angenehmer, dann wäre es hier fast romantisch, aber ich habe ja kein „Gefahrengut“ im Haus. Wenigstens habe ich noch eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug gefunden, das noch halbvoll ist. Hier im Keller kann ich ja sündigen, hier gibt es nichts, nicht mal Rauchmelder.

Das ist jetzt der siebte Tag, an dem ich in Big Mama festsitze. Ich bin völlig eingesperrt. Alle Ausgänge sind zu, die Türen reagieren nicht, alle Hochsicherheitsjalousien, die ich in einem Anfall von Paranoia gekauft haben muss, sind unten. Sie lassen sich nicht öffnen. Ich kann also noch nicht einmal Hilfsignale nach draußen geben. Ich bezweifle auch, dass es etwas nützen würde. (‚Guck mal Mama, wie nett der Mann winkt…‘ – ‚Ja, immer schön zurückwinken, gelle?‘)

Ach ja: Warum ich hier festsitze? Irgendwann zwischen Dusche und Weggeh-Versuch hatte Big Mama die Außenbedingungen geprüft, vermutlich nur, um geeignete Kleidung vorzuschlagen und festgestellt, dass Smog- und Ozon-Alarm herrschte. Zu gefährlich für ihren Schützling, so ihre Einschätzung. Also riegelte sie das Haus ab. Und ich sitze hier fest. Fürsorglich, aber ärgerlich. Und ich muss bei dieser Situation natürlich besonders vor Umwelteinflüssen geschont werden und darf weder telefonieren, noch Emails schicken. Wenn ich hier rauskomme, werde ich Alice einige zu erklären haben. Aber erst, nachdem ich das Abrissunternehmen bestellt habe.

Ich habe keine Nachrichten von außen, aber bisher gab es Smogalarm nur für einen Tag, bis maximal 2. Außerdem habe ich Regen gehört. Ich bin ziemlich sicher, das die Luft rein ist, aber laut Big Mama nicht.

Ob sie das selbst ermitteln könne… Nein, sie habe keine Sensoren und die Informationen aus dem Netz seien ausgeblieben.

„Ausgeblieben?“

Der Server, den sie befragt habe, meldet sich nicht mehr. Er scheint vom Netz gegangen zu sein. Außerdem seien zwei andere Server vom Netz, die wichtige Umweltdaten vermittelten. Bis sie wieder Informationen hat, muss die Isolation aufrechterhalten werden. Aus Sicherheitsgründen.

Ich bettelte und becircte Big Mama, bis ich zehn Minuten selber ans Netz durfte. Sie hatte recht, die Server der Gesundheits- und Umweltbehörden waren nicht erreichbar. Und ich fand den Fehler: Sie hatten die interne Adresse gewechselt, und der Name-Server war noch nicht aktualisiert worden.

Leider fand sich die Information auf den Seiten eines Nachrichtenmagazins, die ich irgendwann mal als groben Unfug bezeichnet hatte (sie hatten die viel zu niedrigen Elektrosmog-Werte als Erstes veröffentlicht), entsprechend stufte Big Mama diese Nachricht als „nicht vertrauenswürdig“ ein – und ignorierte sie.

Mittels Override das System einfach abschalten? Habe ich schon versucht. Doch dazu muss ich an den Hauptrechner. Und an den kann ich nicht ran. Laut Big Mama wurde er als potentielle Ozonquelle erkannt und „isoliert“, der Raum, in dem er steht, ist hermetisch abgeriegelt, bis die Gefahr vorüber ist…

Vor Wut habe ich ein paar ihrer Kameras zerschlagen.

Jetzt ist sie im Arbeitszimmer und auf den unteren Fluren blind. Selber schuld. Strafe muss sein.

Und ich sitze jetzt hier in meinem Keller. Schreibe. Hoffe, das Big Mama sich bessert… Trinke Wein.

6. Juli 2002

Ich habe wieder Licht hier unten im Keller. Ich habe mir eine Lampe gebastelt. Aus einer Flasche, mit einem Schnürsenkel als Docht (Schürsenkel werden mir, dank Big Mama, in diesem Jahrzehnt nicht mehr ausgehen) und Öl aus der Küche. Solche Verbrauchsmaterialien stehen dort noch offen herum, auch wenn sonst alles Essbare unter Verschluss ist.

Apropos Lebensmittel: Big Mama hat sie rationiert. Die Vorräte gehen zur Neige. Irgendwo hat sie wohl von Umweltgiften in der Luft gelesen, und weigerte sich nun, Lebensmittel liefern zu lassen, die nicht geprüft und in besondere Boxen (vermutlich bombensicher und strahlengeschützt) verpackt sind. Nach Angaben von Big Mama arbeitet unser Lieferant (ein ökologischer Lebensmittelhändler, der von Big Mamas Paranoia sicher begeistert ist) bereits daran, aber bis dahin wird rationiert.

Ich konnte sie überreden, wenigstens die vorhandenen Lebensmittel aufzubrauchen und nicht zu vernichten, indem ich sie auf dringend notwendige Kalorienzufuhr meinerseits hingewiesen habe, sowie auf verschiedene Internetseiten, auf denen sie über Wohlstandsgesellschaftssünden, Abteilung Lebensmittel-Vernichtung, nachlesen konnte. Dennoch, die Vorräte reichen vielleicht noch eine Woche, oder zwei. Und was dann? Wie soll ich Big Mama beibringen, dass die Gefahr vorüber ist? Das Beste wäre, ich fahre das Haus herunter, ich meine natürlich die Computer, aber dazu muss ich in den Computerraum. Es bleibt nichts anderes übrig, als mir etwas sehr Destruktives einfallen zu lassen.

Aber erst trinke ich noch ein Glas Wein in diesem romantischen Flackerlicht. Wissen Sie eigentlich, wie schön (und gleichzeitig so unbedrohlich) ein gutes Buch ist?

Bis morgen. Vielleicht ist mir dann ja etwas eingefallen.

7. Juli 2002

Nichts. Gar nichts. Mit Werkzeug komme ich durch die Tür nicht durch, wenigstens nicht mit meinem. Meine Isolationshaft unter verschärften Bedingungen geht weiter: Anti-Alkohol-Fitnesstraining mit 1000 Kalorien im Magen ist kein Spaß. Nach meinem Weg auf dem Laufband habe fast den ganzen Tag geschlafen. Die Uhr sagt mir, dass es jetzt kurz vor Mitternacht ist. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmen kann. Nicht ein Hauch von Tageslicht dringt durch die Sicherheitsjalousien, die so fest verankert sind, dass sie vermutlich einen direkten Bombenangriff abschirmen würden.

Mir muss schleunigst etwas einfallen. Wenn ich wenigstens Zigaretten hätte… Ich bin sicher, dass ich für Gäste welche im Haus habe (Gäste? Hah!). Morgen mache ich mich auf die Suche. Nach einer Flasche Rotwein auf nüchternen Magen bin ich jetzt besoffen und müde. Gute Nacht.

9. Juli 2002

Ich habe Zigaretten gefunden. Sie waren in einer Abstellkammer. Und ratet, was ich noch gefunden habe? Einen Plan. Seine Ingredienzien.

In der Kammer fand ich diverse „Schadstoffe“, die wohl vom Entsorgungsbot übersehen wurden. Ich habe: Etwa hundert Zigaretten, eine Flasche billigen Whiskey, den ich wohl mal aus dem Sortiment der Hausbar verbannt hatte, zwei Pfund nicht zuckerfreier Vitaminbonbons, die ich als eiserne Ration gegen akute Unterzuckerung benutzen werde.

Und, ganz wichtig: Chlorbleiche, wozu ich die auch immer hatte (ich glaube, ich wollte mir mal ein paar Jeans entfärben), ein Industrievollwaschmittel, das, wenn ich nicht irre, in die erste, nicht sehr umweltfreundliche Teppichreinigungsmaschine gehörte, eine alte Mikrowelle, sowie fünf Flaschen eines kaliumchlorathaltigen Mundwassers (Wann habe ich das denn gekauft?). Außerdem einen halbvollen Reservekanister Benzin.

Auf jeden Fall dürfte ich jetzt genügend Zutaten für einen ziemlich brisanten Sprengstoff haben. Ich habe zwei alte Jeanshosen mit dem Mundwasser übergossen, weil ich mich erinnerte, dass ich einmal aus Versehen einen Fleck des Mundwassers auf meiner Lieblingsjeans übergebügelt habe. Der kleine Tropfen reichte für einen heftigen Knall, der mir fast das Bügeleisen aus der Hand riss und einem Brandloch von der Größe eines Zwei-Euro-Stücks hinterließ. Sie dürften bald trocken sein.

Dann werde ich sie zusammen mit einem Benzin-Waschmittelgemisch in die Mikrowelle stellen, einen Streifen als Zündstoff benutzen, die Mikrowelle auf Höchststufe stellen, sie vor die Tür zum Computerraum stellen, zwei der schweren Sessel aus dem Wohnzimmer habe ich schon als Explosionsdämpfer und –lenker geholt.

Wenn ich das Ganze zünde, reißt es hoffentlich die Tür aus der Angel, oder verformt sie so, dass ich entweder durchkriechen oder den Schließmechanismus bearbeiten kann.

Ich schreibe das hier, falls der Versuch schief geht. Denn dann werde ich hier vermutlich verhungern. Wenigstens verdurste ich nicht, selbst wenn ich ganz auf Wein umsteigen müsste, mich umgeben immerhin noch über tausend Flaschen. Nobel geht die Welt zugrunde.

Also dann. Morgen früh versuchen wir uns als Terrorist und Sprengmeister. Vielleicht kommt ja das SEK und rettet mich. Meinetwegen dürfen sie dann auch bei allen Treffen von Alice und mir zuschauen, und die Videos auf der nächsten Betriebsfeier zeigen.

Also dann. Pack‘ mer’s. Oder so.

10. Juli 2002

11 Uhr 42. Es ist jetzt so weit. Ich habe alles aufgebaut. Die präparierte Mikro-welle steht auf Position und ist mit den Sesseln abgeschirmt, sodass die Druckwelle gegen die Tür gelenkt wird. Ich trinke mir nur noch etwas Mut an. Dafür ist der Whiskey jetzt gut. Und wenn ich das Glas leer habe, gehe ich hoch und zünde die Zündschnur an. Prost. Bis gleich. Es geht los.

Das Haus brennt. Das ganze Haus. Ich weiß nicht wieso. Die Explosion schlug fehl, die Tür blieb zu, die Sessel brannten, aber die Sprinkleranlage sprang nicht an. Computer meldete: Hard Error im Feuerlöschprogramm. Erschütterung muss Fest-platte beschädigt haben. Kein Feuerlöscher weit und breit. Plötzlich steht der Kaminbot vor mir und sprüht Brandbeschleuniger. Ich befehle „Feuerwehr“, aber mein eigener Overridebefehl hindert Big Mama daran, die Feuerwehr zu rufen, dann brennt der Boden zu meinen Füßen vor dem Sessel. Ich will zur Tür, sie öffnet sich nicht. Das Emergency-Case-Program ist Scheiße. Der Kaminbot zieht immer größere Kreise um die Sesseltrümmer und legt Brandringe, die der Fönbot zu den Sesseln bläst. Das Treppenhaus brennt schon, das Tropenholz brennt wie Zunder. Ich bin durch die Flammen gerannt und in den Keller geflüchtet. Hier habe ich mich verbarrikadiert, mit meiner Kleidung die Tür versiegelt, damit wenigstens die Luft nicht entweicht oder Rauch eindringt. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir hier bleibt, ob rechtzeitig Hilfe kommt. Wenn das Feuer durchkommt, werde ich es mit Wein löschen. Oben dumpfes Gepolter: Mauern, die einstürzen, oder herabfallende Balken. Der Keller ist hoffentlich stabil genug, um das Einstürzen zu verhindern. Wenn die Flammen durchkommen, bin ich geliefert. Und wenn nicht bald Hilfe kommt.
Ich war an der Tür. Sie glüht, aber sie scheint zu halten. Ich schreie, ich meine Stimmen gehört zu haben, vielleicht ist die Feuerwehr schon da, das BKA, wer auch immer, aber ich kann nicht schreien, die Luft bei der Tür ist zu heiß, sie versengt mir die Lungen und hier unten hört mich niemand. Ich hoffe, dass wenigstens diese Datei erhalten bleibt.
Gerade haben mich Putzstückchen getroffen. Ich glaube, die Decke reißt, aber ich kann es nicht sehen. Hier drin ist es so warm, dass ich, obwohl nackt, schweißnass bin. Lange halte ich das nicht mehr aus. Und jetzt schalte ich ab und verstecke den Computer, es gibt eine Nische im Keller, wo er gut aufgehoben sein müsste. Ich hoffe, wenigstens dieser Bericht überlebt. Nicht, dass mich die Menschen für einen völlig durchgeknallten Verrückten halten, der vor lauter Reichtum sein Haus ab-gefackelt hat. Obwohl es ja stimmt.

Epilog:

DR DataRescue-Services GmbH
Zwischenbericht

Betreff: 1. Notebook P IV-1250, Feuerschaden Fall 0173/553147255
2. Hauptrechner XENON 1832, Feuerschaden 0173/553147256

Zu 1.:
Das Gerät wurde eingereicht am 13. Juli 2002: Schwere Hitzeschäden am Gehäuse, Keyboard, Display. Festplatte wurde ausgebaut, äußerlich unbeschädigt, jedoch der Hitze ausgesetzt.
Lesbar: 45% (4293918 Kilobytes) von 9.1 GB.
Inhalt der Festplatte: Vor allem Standard-Software (Betriebssystem, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Datenbanksoftware)
Nicht mehr rettbar waren die Datenbanken, vermutlich vor allem private Adressdaten. Ansonsten fand sich nur ein einziges Nicht-Standard-File (68 Kilobytes) auf der Platte. Der Roottrack war lesbar, sodass zu vermuten ist, dass sich keine weiteren Nicht-Standard-Daten auf der Platte befanden. Ein Printout des Files (s.o.) ist an dieser Nach-richt beigefügt.

Zu 2.:
Leider machen wir wenig Fortschritte. Es sieht so aus, als sei der Rechner neben der Hitze auch noch einer schweren Erschütterung (Explosion o.ä.) ausgesetzt gewesen, während er in Betrieb war. Ist das möglich?
Wenigstens haben wir ein wenig der Datenwüste retten können, wenn auch nicht die wichtigen Protokolldateien, um deren Suche Sie gebeten haben.
Im Internetcache haben wir als zuletzt aufgerufene Seite einen Link zu einem Eintrag der kanadischen Forstbehörde gefunden, der detailliert die Waldbrandbekämpfung mittels des Legens von gezielten Gegenbränden beschreibt.
Es ist doch erstaunlich, welche Inhalte sich im Netz finden, und wer sich damit be-schäftigt.
Ich hoffe, Ihnen bald mehr Informationen liefern zu können. Wir arbeiten mit Hochdruck.

Hans Markert
Technical Supervisor
Datarescue-Services GmbH

Anlage: Printout des Files DIARY.DOC (15 Seiten)