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Pandoras letzter Wille

Von admin am 12. Juni 2009 veröffentlicht
Thema: Fantasy

Autorin: Uschi Zietsch
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art

PandorasletzterWilleAn jenem Morgen wusste Herr Harbinger, dass etwas nicht stimmte.
Es hatte sich in ihn hineingeschlichen wie ein Übel, dieses zunächst unbestimmbare Gefühl, das seine Gedanken trübte und einen Schatten auf sein Herz warf. Herr Harbinger wusste nicht, wann er zum ersten Mal so empfunden hatte. Er wusste auch nicht, wie er es bezeichnen sollte.
Aber Herr Harbinger wusste, dass es nicht gut war. Und das war eigentlich undenkbar.
»Was ist mit dir?«, fragte Judith, Herrn Harbingers Frau, als er sich an den Frühstückstisch setzte.
»Wovon sprichst du?«, gab Herr Harbinger zurück.
»Nun«, antwortete seine Frau, »du hast dich hingesetzt, ohne mir einen guten Morgen zu wünschen. Du hast dir ein Brot genommen und eine Scheibe Schinken darauf gelegt. Und jetzt willst du ganz offensichtlich hineinbeißen.«
Herr Harbinger hielt inne und runzelte die Stirn. »Was findest du daran merkwürdig?«
»Alles«, sagte Judith prompt. »Dein Tag beginnt anders. Den ersten Punkt habe ich dir schon genannt. Zweitens: Zuerst gießt du dir eine Tasse Tee ein und nimmst einen Löffel Zucker. Beim Umrühren schüttest du Tee über den Rand und greifst hastig nach deiner Serviette, damit kein Tropfen in den Unterteller läuft. Drittens: Du schlägst das Ei auf und tunkst eine Ecke Brot ins flüssige Eigelb. Und viertens: Du magst keinen Schinken. Hast du noch nie angerührt, in den zwanzig Jahren seit unserer Hochzeit nicht. Nur ich esse Schinken.«
Herr Harbinger lehnte sich zurück und saß wie erschlagen da, mit fahlem Gesicht und ängstlichen Augen. »Das weißt du so genau?«
Seine Frau lächelte ohne Freude. »Wenn ein Lebenspartner über so viele Jahre hinweg jeden Tag stets dasselbe tut, erfordert das nicht viel Beobachtungsgabe. Offen gestanden, es ist mir nicht bewusst gewesen. Ich habe vorher nie darüber nachgedacht.«
»Bis zu diesem Moment, da sich etwas änderte.«
»Ja. Du hast mich erschreckt. Es könnte … der Anfang sein.«
Herr Harbinger fuhr sich mit zitternder Hand über die kalte Stirn und verwischte die Spuren der feinen Schweißperlen, die sich darauf gebildet hatten. »Der Anfang … wovon?«, flüsterte er, ohne die Frage direkt an seine Frau zu richten.
»Sag du es mir.« Judith Harbinger legte die Serviette auf ihren Teller und stand auf. »Ich weiß nur, dass ich Angst habe. Seit Tagen, ein unbestimmtes Gefühl, das ich nicht erklären kann.« Sie deutete auf den Videoschirm, der gerade zur Morgenandacht den idyllischen kanadischen »Indian Summer« zeigte. »Es fing damit an, als unser Großer Vater Pan Theus diese … Gabenreiche öffentlich zur Frau nahm. Niemand wusste, woher sie kam.«
»Sie ist wunderschön …«, murmelte Herr Harbinger.
»Sie scheint alles zu besitzen«, zischte Judith, plötzlich grün vor Neid – eine Regung, die Herr Harbinger von seiner Frau nicht kannte, und die ihn mehr als alles andere ängstigte.
»Aber wir doch auch«, wagte er einen schüchternen Einwand. »Seit sich Unser Großer Vater Pan Theus zum Diktator auf Lebenszeit wählen ließ, leiden wir keine Not. Wir haben Arbeit, die uns gefällt, ein schönes Heim, zwei reizende Kinder, und keine Mühe, uns Luxus zu gönnen, wenn wir ein bisschen sparen.«
»Luxus.« Judith spuckte das Wort wie einen wurmstichigen Apfel aus. »Wir haben keine Wahl
»Ich kenne dich nicht mehr«, wisperte Herr Harbinger und blickte flehentlich zur Videowand, wartend auf die erlösenden Worte aus der Andacht, dass alle Sünden vergeben würden, solange man Unseren Großen Vater Pan Theus (gesegnet sei Er für alle Zeit und die hundertodermehrjährige Regentschaft, in Gesetzes Namen, Amen) in Ehren hielt. Und dass es keine Not und kein Leid mehr geben würde, solange der Diktator auf Lebenszeit seine schützende Hand über das Volk hielt.
So war es doch auch: Herr Harbinger war zeitlebens glücklich gewesen, solange er zurückdenken konnte. Liebevolle Eltern, eine unbeschwerte Kindheit, fürsorgliche Lehrer, kameradschaftliche Mitschüler. Eine gute Ausbildung, ein schöner Beruf. Herr Harbinger war ein angesehener Mann im Palast. Man nannte ihn spaßeshalber auch »den Herrn der Zahlen«. Jeder begegnete ihm mit Respekt, auch wenn Herr Harbinger das in seiner Schüchternheit nie bemerkte. (Wenn Judith ihn nicht angesprochen hätte, wäre er heute noch ein einsamer Junggeselle.)
Gewiss, es war eine Diktatur. Man hatte in Wirklichkeit keine freie Wahl. In der Politik änderte sich niemals etwas, die Posten blieben stets gleich besetzt und wurden nur durch Alter abgelöst, und Neuerungen gab es keine.
Aber es war eine sehr sanfte Diktatur. Abgesehen von den Automatischen Augen gab es keine unmittelbare polizeiliche Präsenz, weil es keine Verbrechen mehr gab. Niemand hatte einen Grund, einen anderen zu bestehlen, weil er selbst alles hatte. Gewalttaten waren nur noch eine Legende, denn jeder war zufrieden und glücklich und konnte sich kein besseres Dasein vorstellen. Unser Großer Vater Pan Theus hatte das Paradies auf Erden geschaffen, wo selbst Ökologie und Ökonomie vereinbar waren.
Warum war es auf einmal anders? Herr Harbinger dachte angestrengt nach, während er Judith half, den Tisch abzuräumen. Wieso änderte er seine Gewohnheiten – vor allem, ohne es zu merken? Weshalb war Judith, die immer so sanft und freundlich war, plötzlich so … böse?
Sie schob es auf diese Frau, die so unvermutet an der Seite Unseres Großen Vaters Pan Theus aufgetaucht war und nun das Leben mit ihm teilte. Mit ihm, dem Großen, Einzigen, der unerreichbar und erhaben über alles Weltliche schien!
Judiths Verdacht fiel nun auf keimenden Boden.
Und Herr Harbinger hatte auf einmal noch eine ganz andere Eingebung.
In derselben Sekunde ließ er das Tablett mit dem Geschirr fallen, das klirrend auf dem Boden zerschellte, und rief: »Ich muss ins Büro – etwas nachsehen! Bete, dass ich mich irre!« Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er aus dem Haus. Er nahm nicht einmal seinen Hut mit, obwohl es draußen ziemlich windig war.

War dies genau das, was niemals geschehen durfte? Ein Un-Gleichgewicht, ein Miss-Ton in der Harmonie?
Unser Großer Vater Pan Theus hatte es Herrn Harbinger erklärt, als er vor zweiundzwanzig Jahren seinen Dienst hier im Palast als »Herr der Zahlen« angetreten hatte. Wahrhaftig: Der Allmächtige persönlich hatte mit ihm gesprochen! Nun ja, gesehen hatte Herr Harbinger ihn nicht. Aber seine unvergleichliche warme, väterliche, tief rollende Stimme gehört, während der Teleschirm ein Muster aus bezaubernden Formen und Farben zeigte, das beruhigend wirkte und Herrn Harbinger das Gefühl unerschütterlichen Vertrauens und Loyalität schenkte.
»Die Bilanz«, hatte Unser Großer Vater Pan Theus dem aufgeregten, andächtig lauschenden jungen Mann erklärt, »die Bilanz ist der Anfang und das Ende von allem. Sie muss immer stimmen. Sie muss stets ausgeglichen sein. Denn nur das Gleichgewicht bewahrt unsere Welt vor Chaos und Anarchie. Eine gesunde Bilanz ist die Basis für Wohlstand, ein einiges Volk und ein Vaterland, auf das man stolz sein kann. Die Bilanz schafft Sicherheit. Daraus resultiert Zufriedenheit. All das schenke ich meinem Volk. Nenne es Glück oder Schicksal, es spielt keine Rolle. Am Ende steht nur die Bilanz: ein- und dasselbe, ausgeglichen, ausgewogen.«
»Und es wird meine Aufgabe sein, darüber zu wachen?«, fragte der junge Herr Harbinger und konnte sein Glück kaum fassen.
»So ist es dir bestimmt«, antwortete der Allmächtige. »Dies ist deine ehrenvolle Pflicht. Leiste deinen Teil zum Gleichgewicht, und das Vaterland wird es dir danken. Das ganze Volk wird es dir danken. Und allen voran ich. Mehr verlange ich nicht von dir. Dafür erhältst du von mir alles, was du dir nur wünschst.«
»Im Rahmen der Gesetze, Amen«, fügte der junge Herr Harbinger automatisch hinzu und machte sich dann an seinem funkelnagelneuen Computertisch an die Arbeit.
An dem der zweiundzwanzig Jahre ältere Herr Harbinger, mit lichtem Haar und Schmerbauch, nun wieder saß und mit zitternder Hand vor der Tastatur verharrte, es nicht wagte, den Befehl zu geben.
Und es doch tat, weil er Gewissheit haben musste. Das Land, das Volk, der Allmächtige selbst war in Gefahr, wenn das Gleichgewicht ins Schwanken geriet. Das vielleicht genau durch diese Frau aus dem Nirgendwo, der Gabensreichen, in den Grundfesten erschüttert wurde. Wie sonst ließ sich der Zusammenhang erklären, dass zwei solche unerhörten Ereignisse stattfanden?
Die nächsten Minuten vergingen, ohne dass sie Herrn Harbinger bewusst wurden. Er saß wie erstarrt. Sein Gesicht war aschfahl geworden, alles Blut schien aus seinem Körper gewichen zu sein. Angstschweiß glitzerte auf seiner wächsernen Stirn.
Seine geübten Augen hatten es sofort gesehen.
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Schließlich kam Herr Harbinger wie aus einer tiefen Ohnmacht wieder zu sich. Mit mechanischen Bewegungen, wie eine Aufziehpuppe, machte er einen Ausdruck des Beweises. Er wagte es nicht, das Ergebnis elektronisch zu verschicken. Er musste es Unserem Großen Vater Pan Theus persönlich vorlegen, bevor irgendein anderer es entdeckte. Vielleicht konnte dann noch alles gut werden.
Herr Harbinger dachte in diesem Moment nicht daran, ob es sein Fehler gewesen war. Jetzt ging es nicht darum, den Schuldigen zu finden, sondern die Katastrophe zu verhindern. Wenn dies gelungen war, würde Herr Harbinger mit Freuden alles opfern, auch sein Leben, wenn es verlangt würde. Aber in diesem Moment lag das Schicksal des ganzen Volkes in seinen Händen, und er durfte nicht zögern. Es lag allein an ihm, dem einfachen, kleinen Menschen.
Herr Harbinger wusste nicht, ob der Allmächtige ein Büro besaß – und wenn ja, wo es sich befinden mochte. Stundenlang irrte er durch den Palast und merkte kaum, dass er völlig allein war. Niemand, der von einer Konferenz zur nächsten eilte. Alles war still und verlassen.
Schließlich kam Herr Harbinger in einen Bereich, den er noch nie betreten hatte. Wie er hierher gefunden hatte, wusste er nicht mehr. Warum der Zugang nicht codegesichert war, konnte er sich nicht erklären. Er war irgendwie zufällig hereingestolpert – und alles war anders.
Es war, als hätte er eine magische Grenze überschritten, denn plötzlich war alles viel größer, düsterer, und … älter. Riesige Marmorsäulen stützten eine kathedralenartige Decke, in die dicken Steinmauern waren farbige Fenster mit phantastischen Motiven eingepasst. Nicht das übliche kirchliche Zeugs, sondern mehr Mythologisches … das er nicht verstand. Aber das war auch unwichtig jetzt. Herr Harbinger verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt, als er sein Schuhabsätze auf dem kalten, glatten Marmorboden klappern hörte. Auf Zehenspitzen schlich er weiter, die Augen groß und staunend wie ein Kind. In schwindelnden Höhen sah er Galerien, die mit Holzstiegen oder Wandelwegen verbunden waren. Kunstvolle Schnitzereien an Holzverzierungen, prunkvoll gearbeitete, goldene Abschlüsse an den Säulen. Und viele Wunder mehr, die Herr Harbingers verwirrter Verstand so schnell nicht erfassen konnte.
Immerhin erinnerte er sich dadurch endlich wieder an sein Vorhaben und hastete mit schlechtem Gewissen weiter. Er musste auf dem richtigen Weg sein, denn – wo anders als in einer Kathedrale konnte der Allmächtige residieren? Auch, wenn Herr Harbinger jetzt den schlimmsten aller Frevel beging: Jede Minute, die nutzlos verstrich, konnte den Untergang herbeiführen!
Herr Harbinger irrte durch eine Vielzahl von Gängen und Hallen, ohne sich den Weg merken zu können, bald erinnerte er sich kaum mehr an das, was er vor wenigen Minuten gesehen hatte. Fest das belastende Papier umklammernd, eilte er weiter, durch immer ältere Teile des Palastes, Marmor wich allmählich schlichtem Stein, Prunk verlor sich in ungeschliffener Schmucklosigkeit. Ein eisiger Wind pfiff durch schmale Lichtöffnungen in den Mauern.
Da war eine Tür. Sie war nicht pompös, wie Herr Harbinger sie erwartet hätte, um zu Unserem Großen Vater Pan Theus zu gelangen. Hoch war sie, das allerdings, gut vier Meter oder mehr, und etwa drei Meter breit, aus schwerem, dickem, schnörkellosem Holz. Ohne Riegel, aber mit einem metallischen Ring als Türklopfer.
Herr Harbinger reichte kaum an den Türklopfer heran, er musste sich dazu auf die äußersten Zehenspitzen stellen. Mit zitternden Fingern klopfte er zaghaft an und fuhr erschrocken zusammen, als es laut und hohl dröhnte, durch den ganzen Palast, so schien es.

Das Tor schwang auf. Herr Harbinger betrat keinen Raum, sondern einen großen Balkon, von dem aus er einen Überblick hatte über … Erschrocken wandte der kleine Mann sofort den Blick ab, bevor er nachhaltiges Entsetzen empfinden konnte, und erlitt sogleich den nächsten Schock, als er ein Wesen entdeckte, das wenige Meter von ihm entfernt blutüberströmt auf dem Boden lag. Ein Mann. Aber größer als jeder Mensch, den Herr Harbinger je gekannt hatte.
Einer der Titanen, fuhr es ihm durch den Kopf, als er sich, von furchtsamer Neugier gepackt und zugleich Hilfsbereitschaft durchdrungen, näher heranwagte. Lange, dunkle Locken fielen über ein edles Gesicht, das Herr Harbinger schon auf unzähligen Marmorstatuen abgebildet gesehen hatte. Außer einem Lendenschurz trug der Mann nichts am Leib, der anmutig und perfekt war, passend zu dem Gesicht.
Der Mann stöhnte. Aus einer Wunde an der Seite pochte Blut. Mitleid überwog nun Herrn Harbingers Angst, und er kniete bei dem verwundeten Riesen nieder, versuchte vorsichtig den schweren Kopf anzuheben und in seinem Schoß zu betten. »Was ist geschehen?«, flüsterte er. »War das meine Schuld?«
Der Mann öffnete die Augen, so grau und klar wie der Himmel der Abenddämmerung, kurz bevor die Nacht ihre Decke ausbreitete. »Natürlich nicht, du unschuldiges Kind«, flüsterte der Sterbende mit einer Stimme, die Herrn Harbinger schrecklich vertraut vorkam.
»Bist … sind …«, stammelte er ehrfüchtig.
»Nein …«, hauchte der Titan. »Ich bin der Feuerbringer, Bruder desjenigen, den du suchst. Er ist nun fort, für immer. Und ich … ich opferte mich einst für die Menschen und wurde dafür verflucht. Ein Mensch rettete mich, und so erklärte ich mich nach Äonen ein zweites Mal zur Hilfe bereit, als mein verzweifelter Bruder mich darum bat. Er versprach, seinen Fehler wieder gut zu machen und alles zu tun, damit die Menschen diesmal glückselig werden. Also nahm ich alles in mir auf und verschloss, versiegelte es, sicherer als in dem Gefäß. Aber … es ist nicht das, was ihr braucht … sie wusste es. Sie kehrte zurück. Sie sagte, dass sie den Menschen das wieder geben würde, was ihnen fehlte: Freiheit. Leidenschaft. Eigene Entscheidung. Selbst, wenn es bedeutete, erneut den hohen Preis dafür zu bezahlen. Sie sagte, es würde auch diesmal etwas zurückbleiben, das sie wohl behüten würde, besser als das letzte Mal, und das der Antrieb für die Menschen sei, seit Anbeginn. Sie sagte, das Gleichgewicht wäre nur Langeweile, die Menschen würden dahinsiechen und langsam sterben … ohne … ohne …«
»… Hoffnung?«, vollendete Herr Harbinger mit brüchiger Stimme.
Der Titan nickte, aus seinem Mundwinkel rann Blut. »Sie verletzte mich. Sie allein konnte mich … das neue Gefäß … öffnen. Du hast es sofort erkannt, als es begann, tapferer kleiner Bewahrer. Doch es ist zu spät, du kannst nichts mehr tun. Ich merke, wie es aus mir drängt, so wie das Leben mich verlässt … nach so langer Zeit … doch es ist gut.«
Ein Schatten tauchte auf. Eine Frau, erkannte Herr Harbinger, als sie ins Licht trat, überirdisch schön, aber voller Trauer. »Es ist Zeit«, sagte sie. »Geh, Mensch. Deine Aufgabe ist beendet. Nun bleibt mir nur noch eines zu tun – das Gefäß zu schließen, bevor alles entfleucht, denn eines muss zurückbleiben. Dies ist nicht mehr für deine Augen bestimmt, also geh.« Das letzte Wort sprach sie so mit Nachdruck und göttlicher Gewalt, dass Herr Harbinger auf seine Füße sprang und floh, so schnell er nur konnte.
Auf einmal verspürte er einen entsetzlichen Stich in seinem Herzen, der ihn fast straucheln ließ, als der Titan starb und das Leid wieder über die Welt kam, und Herr Harbinger hörte und sah, wie der Palast um ihn herum erschüttert wurde, der so lange getragen worden war von einem Willen, der nun nicht mehr existierte. Die Wände bekamen Risse, erste Kiesel bröckelten heraus, und der Verfall setzte sich rasch fort.
Herr Harbinger rannte schluchzend um sein Leben, das Herz wollte ihm schier bersten in seiner Brust, und doch lief und lief er, gab sich nicht dem Schmerz hin, denn er war sicher, er würde es schaffen, er glaubte ganz fest daran, klammerte sich daran, als wäre es das letzte auf der Welt, was er noch hatte, tief in sich verborgen, das Einzige, das nicht mehr fliehen konnte, nachdem das Gefäß geleert war.