Short Story

Kurzgeschichten mit Links

«  –  »

Rotzikus

Von SonOfAGun am 28. Januar 2011 veröffentlicht
Thema: Humor

von Andre Jürgens

Rotzikus war ein Mann, dem immer die Nase lief. Er konnte machen was er wollte: Er nahm sämtliche apothekenpflichtige Erkältungsmittel, ließ sich Antibiotika verschreiben, versuchte Homöopathie, Phytotherapie, Telepathie, Autopsie… zwecklos. Die Nase lief weiter.

Wenn sonst nix lief, lief immerhin Rotzikus’ Nase. Darauf war Verlass!

Die laufende Nase war so ungefähr die einzige Konstante in Rotzikus’ Leben, alles andere war ständigen Veränderungen unterworfen. Das traf auf seine Arbeit, seine Beziehungen, seinen Wohnort und auf den Rest seines bedeutungslosen Daseins zu. Wenn Rotzikus abends schniefend und schnoddernd vor seinem Bier saß, war er oft sehr traurig. Mit steigendem Pegel besserte sich dies zwar und manchmal stellte sogar seine Nase für ein paar Stunden das Tropfen ein, aber der nächste Tag war dafür umso grausamer. Dann holte die Nase innerhalb kürzester Zeit alles nach, wozu sie am Vorabend nicht mehr gekommen war. Eine regelrechte Temposchlacht war das dann!

Eigentlich hieß Rotzikus Jakob Fischer, aber so nannte man ihn nur auf dem Amt. Seine Familie sowie alle übrigen Bekanntschaften in seinem Leben nannten ihn Rotzikus- so hatte man ihn schon als kleinen Jungen gerufen, denn seine Nase lief ihm schon seit dem Tag seiner Geburt. Noch bevor er den aufrechten Gang erlernte wusste Rotzikus schon, in welchen Geschäften es die günstigsten Taschentücher zu kaufen gibt und wie sich die Papierqualität der einzelnen Marken voneinander unterschieden. Wer schon einmal eine wundgeschnaubte Nase hatte, wird verstehen, warum das so war.

So schniefte und schnaubte sich Rotzikus durch sein Leben, allzeit bewaffnet mit einem kleinen Rucksack, in dem Wund-und-Heilsalbe sowie ein Jahresvorrat Taschentücher griffbereit lagen, als er eines Tages unfreiwillig Zeuge einer verstörenden Begebenheit wurde:

Er ging an einem Schrebergarten vorbei, in welchem vier super coole, laut grölende Jugendliche in einem aufblasbaren Minipool badeten. Sie tranken Bier aus Dosen, und als sie Rotzikus, der sich ängstlich um Unauffälligkeit bemühte, entdeckten, fingen sie lautstark an, sich über ihn lustig zu machen. Wetter und Alkohol hatten die Jungs angestachelt, denn es war heiß und die Sonne gab sich alle Mühe, sämtliche Lebewesen auf der Erde mindestens „Medium“ durchzubraten. Rotzikus flüchtete in solchen Situationen gerne und regelmäßig in Tagträume oder Erinnerungen. Diesmal dachte er an seine eigene Jugend – nicht unbedingt eine angenehme Erinnerung. Er hatte andere Kinder immer gemieden, und zwar in erster Linie deswegen, weil man ihn mied. Den Eltern der meisten Kinder war seine ewig laufende Nase nicht geheuer und irgendwann griff das Gerücht um sich, dass Rotzikus an einer gefährlichen, sicher unheilbaren Krankheit leide. Heute konnte Rotzikus die Mütter auf gewisse Weise sogar verstehen, was den Schmerz über die verpasste Jugend natürlich nicht schmälerte. Insgeheim gab er diesen Leuten die Schuld daran, noch heute ein einsamer Mensch mit nur wenigen sozialen Kontakten zu sein. Freunde kannte Rotzikus nur aus der Theorie und aus Büchern, denn er las viel und gerne. Lesen war ein Hobby, welches keine Gesellschaft voraussetzte, und ohne Bücher wäre Rotzikus als Kind wohl zu Hause eingegangen wie eine welke Blume. Unterdes schritt er zügigen Schrittes an den planschenden Schreihälsen vorbei, doch leider war er nicht zügig genug: In der nächsten Sekunde traf ihn, völlig unverhofft, eine halbleere Bierdose am Kopf. Rotzikus quiekte gekränkt auf – doch ihm blieb der Schrei im Halse stecken. Ein seltsames, pfeifendes Geräusch durchschnitt ganz plötzlich die schwülwarme Luft, welches gleichzeitig eine sonderbare, unheilbringende Vorahnung mit sich brachte. Selbst die Jugendlichen verstummen augenblicklich. Einer der Quarkköpfe fragte dann noch: „Ey Alda, ischwöa wasn das fürn Piepn mann?!“, als es im nächsten Moment auch schon fürchterlich krachte! Das Wasser des Beckens spritzte zu allen Seiten davon, und Rotzikus faltete seinen Körper postwendend vor Schreck in Fötusstellung zusammen.

Als er seine Augen wieder öffnete, wollte er sie direkt wieder schließen- denn er war nicht sicher, ob er ihnen trauen konnte: Genau an der Stelle, wo gerade noch ein Planschbecken voller Halbwüchsiger gestanden hatte, befand sich nun ein rauchendes, großes, weißes Etwas mit rotem Schriftzug. Die Jugendlichen und der Pool waren verschwunden – zerquetscht… von einer, dessen war sich Rotzikus nach dem zweiten Blick sicher, großen Turbine. ‘Ein Flugzeug muss sie verloren haben’ schlussfolgerte er, während er den roten Schriftzug las und mit zittrigen Händen einen Schluck aus der Bierdose nahm, die sein Kopf abgefangen hatte. „Edelweiß… so so…“ sagte er laut, als wäre damit alles geklärt. Sein Herz raste noch immer. Er schaute verängstigt nach oben in den Himmel, um das zur Turbine passende Flugzeug auszumachen- doch da war nichts. Kein Kondensstreifen, keine aufgrund eines verlorenen Triebwerks trudelnde Flugmaschine- nichts. ‘Obwohl…’ überlegte Rotzikus, während er sich schnäuzte, ‘hinterlassen normale Flugzeuge überhaupt Kondensstreifen am Himmel – waren das nicht doch Düsenjets… oder Raketen? Oder malen beide einen solchen Kondensstreifen in den Himmel?!’

Er grübelte noch eine Weile vor sich hin, bevor er einsah, dass dies wohl grad’ der völlig falsche Zeitpunkt war, sich über Kondensstreifen Gedanken zu machen. Trotzdem nahm er sich vor, zu einem geeigneteren Zeitpunkt mal bei Google sein Wissen in Bezug auf Kondensstreifen aufzufrischen. Man konnte nie wissen, ob man es nicht doch mal brauchen würde. Sicher würde ihn die Polizei bei seiner Zeugenaussage fragen, ob er nicht einen Kondensstreifen am Himmel gesehen hätte… sofern das normale Standardflugzeug überhaupt solche Kondensstreifen produzierte… ‘Hmmm…’ machte Rotzikus, denn ein gebrummtes ‘Hm’ beruhigte ihn immer. Kondensstreifen… Kondensierte Milch… Hatte das nicht auch was mit einem Kondensator zu tun? ‘Verflixt, ich tu’s schon wieder…!“ maßregelte er sich nun streng, ‘Jetzt ist aber Schluss- ich muss die Herren Polizisten rufen!’ Obwohl… waren die für so was überhaupt zuständig? Rotzikus war sich da nicht ganz sicher. Wie doof würde er denn nur dastehen, wenn er jetzt bei der Polizei anriefe und die ihm, natürlich unter schallendem Gelächter, erzählen würden, dass sie für derartige Triebwerksunfälle gar nicht zuständig waren? Rotzikus hasste es zutiefst, ausgelacht zu werden. Niemand kannte dieses Gefühl besser als er; man hatte ihm bereits ausreichend Gelegenheit gegeben, davon zu kosten. Damals, auf seiner Konfirmation zum Beispiel- mitten in der Kirche, vor allen Leuten und, noch um einiges schlimmer: vor seinen Eltern und den Großeltern- entglitt ihm ein ca. 30 cm langer, grün-gelber Schnodderfaden, der mit einem durch die akustischen Bedingungen der Kirche gut vernehmbaren „Pflatsch!“ zielsicher auf den Schuhen des Pastors landete. Die halbe Gemeinde lachte damals über diese ekelige Situation, und Rotzikus hätte viel Geld (das er damals schon nicht hatte) dafür gegeben, sich auf der Stelle in Luft aufzulösen.

‘Vielleicht sollte ich sicherheitshalber erstmal im Internet nachgucken, welche Behörde sich um lockere oder abstürzende Flugzeugteile kümmert… Ach was, so ein Unsinn – so eine Behörde gibt es gar nicht!’ Die ganze Situation war Rotzikus nicht geheuer, sie verwirrte ihn zusehends. Er fühlte sich überfordert und kurz meldete sich ein Gedanke in ihm, dass er auch gerade bei „Verstehen Sie Spaß?“ zum Narren gehalten werden könnte. Aber das wäre dann wohl doch zu makaber für die öffentlich Rechtlichen, also verwarf er das auch. Vielleicht musste ja auch erstmal der Poolhersteller benachrichtigt und zur Verantwortung gezogen werden… Ob der TÜV oder die Leute vom GS-Siegel bei den vorgeschriebenen Sicherheitsüberprüfungen auch abstürzende Flugzeugteile berücksichtigt hatten? War für Poolunfälle nicht der ortsansässige Bademeister zuständig?! Aber woher sollte man nun die Telefonnummer dieses Mannes nehmen? ‘Ich sollte vielleicht einfach nach Hause gehen, mich schön aufs Sofa setzen und in Ruhe eine Doppelfolge „Gilmore Girls“ gucken’ sprach er mit sich selbst. Ja, so würde er es machen! Offenbar hatte ja auch niemand sonst diesen Unfall mitbekommen, denn bisher war kein einziger Gaffer herbeigeeilt. Aber wenn er jetzt einfach ging, war er dann nicht sowas wie ein Fahrerflüchtiger? Und was war mit unterlassener Hilfeleistung?! Und wenn das Ganze gar kein Unfall gewesen war…? Vielleicht war es ja Mord?! Nun bekam es Rotzikus mit der Angst zu tun. Sicher waren das genau die gleichen Leute, die damals die Flugzeuge in das World Trade Center gelenkt hatten! Was, wenn die gesehen hatten, dass er Zeuge dieses feigen Poolanschlags war? Rotzikus wurde Angst und Bange. In solche Sachen konnte er sich immer gut hineinsteigern.

Eine Schweißperle rann über sein Gesicht, und die nun folgenden Geschehnisse passierten in einer Art Kettenreaktion, der er sich machtlos ausgeliefert fühlte. Offenbar brannte gerade die letzte, noch einigermaßen funktionierende Sicherung in Rotzikus’ Kopf durch. Mit einer durch Mark und Bein gehenden, hysterischen und viel zu hohen Quietschstimme schrie er laut „Hngtzihualabft!!“

Genau das schrie er, und es war ihm bitterernst damit. Und dann schrie er noch: „Oh mein Gott! Terroristeeeeen!!“ Anschließend rannte er Haken schlagend in nackter Todesangst los, so als wäre der Teufel hinter ihm her.

Rotzikus war außer Kontrolle. Eine amoklaufende, sekretschleudernde Tropfnase, die über sämtliche Schrebergärten hinwegpflügte wie ein Traktor auf Kerosin, unablässig „Terroristen!!! Rette sich, wer kann!“ krakeelend. Als er schließlich an der Hauptverkehrsstraße der Stadt ankam und diese ungebremst im Schweinsgalopp zu überqueren versuchte, machte ein Omnibus dem Wahnsinn ein Ende.

Noch Tage später lachte das Pflegepersonal der städtischen Kliniken über den „zermatschten Irren, der halb bewusstlos in den letzten Minuten seines Lebens unaufhörlich von Terroristen phantasierte, die ihn mit Flugzeugteilen zerquetschen wollten“. Derart pietätlos machte man sich noch nach seinem Tod über den Mann mit der chronischen Erkältung lustig, wobei keinem dieser Menschen bewusst war, dass ihr überlegenes Gelächter nur eine unbequeme Wahrheit vertuschte: Ihr gedankenloses Verbrechen an einem unschuldigen Mann.

Es waren Menschen wie diese, die aus dem sensiblen, kränklichen Jungen eine verunsicherte, ängstliche Witzfigur gemacht haben, welche sich am Ende nur ihrer Rolle entsprechend verhielt. Eine Rolle, die Jakob Fischer niemals spielen wollte, die man ihm aufgebürdet hatte. Was hätte aus diesem Mann alles werden können, hätte man ihn mit dem gleichen Respekt behandelt, den er seinen Mitmenschen entgegenbrachte?

Die Turbine blieb natürlich nicht lange unentdeckt. Allerdings ist bis heute ungeklärt, welches Flugzeug sie verlor. Die Jugendlichen wurden in mühevoller Arbeit sorgfältig von dem Bauteil abgekratzt – auf der Trauerfeier wurde dann allerdings (aus nachvollziehbaren Gründen) auf einen offenen Sarg verzichtet.

ENDE

Weitere Geschichten, Gedichte und Hörbücher gibts unter: www.andre-juergens.de.ki