Short Story

Kurzgeschichten mit Links

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Sandra

Von Rainer am 8. Dezember 2008 veröffentlicht
Thema: Alltag

Sandra versuchte, die Fee zu ignorieren und sich auf ihren Test zu konzentrieren. Aber natürlich war das vergebens, denn ohne Unterlass brabbelte ihr Kassandra allerlei Scheußlichkeiten und Gemeinheiten ins Ohr, bis Sandra glaubte, ihr Verstand würde zerspringen.

„Lass mich doch endlich in Ruhe!“, zischte sie und wusste im selben Augenblick, dass sie zu laut gesprochen hatte.

Dutzende Köpfe fuhren herum und blickten sie mitleidig, amüsiert oder höhnisch an.

Zu allem Überfluss hatte es auch die Lehrerin gehört. Erschrocken sah Sandra auf, die doch eigentlich nur ihre Ruhe haben wollte und nun für Aufmerksamkeit gesorgt hatte.

„Was ist da los?“, keifte die Erdkundelehrerin, die ohnehin nicht gut auf sie zu sprechen war. „Jeder befasst sich sofort wieder mit seinem eigenen Test! Und du, Sandra, hörst gefälligst auf, die Klasse zu stören!“

Sie spürte, wie sie rot anlief. Dagegen konnte sie einfach nichts machen – wenn sie getadelt wurde, und wann war das nicht der Fall, wechselte ihre Gesichtsfarbe zu einem glühenden Rot, das man wohl selbst im Dunkeln noch leuchten sah.

„Entschuldigung, Frau Karthner“, sagte sie und beugte sich wieder über ihre Arbeit.

„Hauptstadt der Ukraine“ stand auf dem Zettel. Daneben eine feine Linie, auf der sie die Antwort eintragen sollte. Ihr Bleistift setzte auf der Linie an. Sie musste nur noch die Antwort eintragen.

Sie wusste, dass sie es wusste. Es war ein kurzer Städtename. Sandra schloss die Augen und dachte angestrengt nach. Die Lösung war zum Greifen nahe, floss in ihre Finger, sie musste sie nur noch aufschreiben, als die Fee brüllte: „Wem machst du etwas vor? Du bist dumm, dumm, dumm!“

Erschrocken riss sie die Augenlider auf und ließ den Bleistift fallen. Sie fing ihn ein, bevor er vom Tischpult rollen konnte. Der Blödmann neben ihr sah sie mitleidig an und kicherte in seine Faust.

Entweder hatte die Lehrerin keine Lust mehr, mit ihr zu schimpfen, oder sie hatte es tatsächlich nicht gesehen. Wenigstens ließ sie sie in Ruhe.

Allerdings hatte sie die Antwort vergessen. Wie gelähmt saß sie eine Zeit lang da, ehe sie einen neuen Versuch startete. Von den zwanzig Fragen hatte sie gerade mal acht beantwortet, und selbst bei diesen war sie nicht sicher, ob sie richtig waren.

„Nenne zwei Flüsse in Frankreich“, stand unter der Ukraine-Frage. Auch das wusste sie, davon war sie überzeugt.

Aber natürlich fuhr ihr die Fee in die Parade. „Schau, wir wissen doch alle, wie entsetzlich dumm du bist. Bemüh’ dich erst gar nicht mit dem Test. Du machst dich ja nur lächerlich.“

Die weiß gekleidete Gestalt schritt lautlos um das Pult herum.

Als Frau Karthner mit ihrer strengen Stimme verkündete, dass sie noch fünf Minuten Zeit hätten, gab Sandra endgültig auf. Sie stieß einen leisen Seufzer aus und legte den Stift neben den fast leeren Papierbogen. Alfons, der zu ihrer Linken saß, schrieb sich fast die Finger wund. Warum konnte die Fee nicht ihn mal belästigen?

In Situationen wie dieser hasste sie sie! Meistens betrachtete sie die Fee als Freundin, die einzige, die sie hatte, aber sie konnte auch richtig gemein sein. Wie eben jetzt.

Eine echte Freundin hätte ihr geholfen.

Vielleicht war die Fee keine Freundin, dachte sie und erschrak über ihre eigenen Gedanken. Rasch verwarf sie diese wieder und gab wenig später beim Absammeln einen fast leeren Zettel zurück.

 

Nach dem üblichen Spießrutenlauf, der freitags am schlimmsten war, da ihre Mitschüler übermütig vor Wochenendfreude waren und sie neckten, herumstießen oder auf ihrer arg mitgenommenen Schultasche herumsprangen, war sie froh, wenn sie zu Hause war.

So leise wie nur irgend möglich, als würde sie eine Bombe entschärfen, schloss sie die Wohnungstür auf. Ein Vergleich, der so falsch gar nicht war: Mutter konnte förmlich explodieren, wenn sie sie unabsichtlich weckte oder einen Missgriff tat, was leider oft der Fall war. Ein Teller, der am gefliesten Boden zersprang, Saftflecken auf dem Geschirrtuch oder eine leere Toilettenpapierrolle im Spender, die sie nicht gegen eine frische ausgetauscht hatte.

Der Möglichkeiten, Mutter zu erzürnen, gab es reichlich, und manchmal argwöhnte Sandra sogar, dass sie nur nach einem Vorwand suchte, um sie beschimpfen oder gar schlagen zu können.

An diesem frühen Nachmittag begrüßte sie nicht Mutters anklagendes Kreischen, sondern ihr Schnarchen. Vorsichtig lugte Sandra um die Ecke. Im Schlafzimmer lag sie nicht, also musste sie im Wohnzimmer eingeschlafen sein.

Sandra zog die Schuhe aus, stellte die Schultasche ins Eck und schlich auf Zehenspitzen ans andere Ende der Wohnung. Tatsächlich, auf der ausgebleichten Couch mit Blümchenmuster lag ihre Mutter, und ihre Lippen umspülte so etwas wie ein Lächeln.

Sie hatte sie schon lange nicht mehr lächeln gesehen, war natürlich ihre Schuld war. Das war ihr klar, denn weder Mutter noch die Fee ließen eine Gelegenheit aus, ihr dies um die Ohren zu schlagen.

Es war ihre Schuld, dass Mutters Leben aus den Fugen geraten war. Wäre sie nicht zur Welt gekommen …

Sandra seufzte leise. Sie war schuldig, ohne etwas verbrochen zu haben. So einfach war das.

Sie ging in die Küche um zu essen. Mutter hatte ihr wieder kein Geld mitgegeben, damit sie etwas in der Schulkantine kaufen konnte. In der kleinen Küche, von deren Kästen das Holzfurnier absplitterte, stank es fürchterlich. Sandra stürzte zum Fenster und riss es weit auf.

Die Ursache für den üblen Geruch hatte sie rasch ausgemacht: Auf dem Ofen stand eine Pfanne. Zwei grotesk aufgerissene Würstchen schwammen in einer dicken Ölschicht.

„Sie wollte dir ein Essen kochen“, erklärte die Fee nonchalant. „Ist sie nicht eine gute Mutter? Also sei ein braves Kind und iss, was sie mit so viel Mühe zubereitet hat.“

Sandra machte ein entsetztes Gesicht. Sie liebte Würstchen, aber die hier waren von der Hitze aufgesprungen, angekokelt und einfach widerlich anzusehen. Nicht einen Bissen würde sie davon zu sich nehmen. Wenigstens hatte sie nicht vergessen, den Herd auszuschalten, wie ihr das vor ein paar Wochen passiert war.

Sandra schauderte bei der bloßen Vorstellung, was geschehen hätte können! Immer wieder hörte man von Bränden, die durch auf der Herdplatte vergessene Pfannen mit Fett ausgelöst worden waren.

Wortlos kramte sie Alufolie aus der Lade, riss einen großen Bogen ab und wickelte die Würstchen darin ein. Dann erst schmiss sie sie in den Abfalleimer.

„Wieso tust du das?“, fragte die Fee tadelnd und hielt dabei ihren Kopf schief.

„Das kann ich doch nicht essen!“, erklärte Sandra.

Sie spülte ihre fettverschmierten Finger mit heißem Wasser ab. Die Fee schüttelte den Kopf.

„Wie undankbar du doch bist.“

„Hör auf!“, fauchte Sandra sie an, und wie bereits wenige Stunden zuvor in der Schule, stieg die qualvolle Erkenntnis in ihr auf, dass sie geschrien hatte.

Ein Lehrer konnte einem nur einen Eintrag ins Klassenbuch antun – Mutter hingegen …

Noch ehe sie diesen Gedankengang zu Ende geführt hatte, hörte sie sie schlaftrunken hochrappeln und „Wer is’ da?“ rufen, was eine dümmliche Frage war: Wer sollte schon da sein? Sie wohnte mit Mutter seit Jahren allein. Kassandra nicht mitgezählt, die ja nur Sandra selbst sehen konnte, denn sie war ihre ganz persönliche Fee. Und Sandra zweifellos etwas ganz Besonderes, sonst stünde keine Fee an ihrer Seite. Jedenfalls erschien ihr das plausibel und erfüllte sie mit ein wenig Hoffnung und etwas, das sich wie Stolz anfühlte.

Als Mutter die Küche betrat, fühlte sich Sandra aber wieder winzig klein und völlig unbedeutend.

„Ach, du“, sagte ihre Mutter mit trockener Stimme.

Erleichtert stellte Sandra fest, dass sie nichts zu befürchten hatte. Sie konnte in Mutter wie in einem Buch lesen. In diesem Augenblick war sie völlig harmlos. „Wieso bist du schon daheim?“

„Es ist Freitag“, erklärte Sandra. „Da komme ich immer früher nach Hause.“

Kurz wirkte Mutter irritiert. Dann fiel es ihr wieder ein oder sie tat zumindest so. „Stimmt, klar, Freitag. Haben dir die Würstchen geschmeckt?“

Sandra nickte eifrig. „Ja, danke.“

Zufrieden versuchte Mutter ein Lächeln, das kläglich scheiterte und ihre Gesichtszüge grotesk entgleisen ließ. „Sind mir ein wenig angebrannt. War … beschäftigt.“

„Das macht nichts“, erwiderte Sandra rasch und überlegte, ob sie auf die Gefahr hinweisen sollte, die von eingeschalteten und vergessenen Herdplatten drohte. Sie verwarf diesen Gedanken rasch wieder – Mutter schien halbwegs guter Laune zu sein. Es wäre dumm gewesen, sie mit einem Vorwurf zu konfrontieren, der ihre Stimmung kippen lassen würde.

„Ich dachte, vielleicht kann ich heute … ins Kino gehen? Wenn du nichts dagegen hast, natürlich nur.“

Mutter zog ihre Stirn kraus. „Ins Kino? Du willst ins Kino?“

Sandra antwortete nicht. Ihr wurde ihr Fehler bewusst, als Mutter sie aufforderte, sich an den Küchentisch zu setzen. Sie gehorchte und Mutter nahm ihr gegenüber Platz.

„Ja, hast du denn nichts aus alledem gelernt? So fängt es an: Kino, Disco, Party. Einen draufmachen, wo Jungs sind.“

Am liebsten wäre Sandra aufgesprungen und hätte sich die Ohren zugehalten. Tausendmal schon hatte sie diese Geschichte gehört. Nun gut, vielleicht nicht tausendmal, aber oft. Viel zu oft. Sie wollte sie nicht mehr hören. Dann fühlte sie sich gleich noch schuldiger, als sie ohnedies schon war.

„Oh, und dann willst du den Jungs gefallen, denn sie sind ja nett und lustig.“

Sandra hasste es, wenn sie die Du-Form gebrauchte, als erzählte sie Sandras Geschichte, nicht ihre eigene.

„Und du beginnst, dich zu schminken und möglichst kurze Röcke und enge Blusen zu tragen, damit die Jungs deine Titten, ja, so nennen sie sie!, deine Titten sehen können und dir unter deinen Rock greifen können. Und sie hauchen dir Versprechungen ins Ohr und sülzen dich mit diesem ganzen Müll von wegen Liebe und so voll. Bis du es glaubst und sie ranlässt, diese Hunde! Wie läufige Köter hinter einer Hündin. Sie benutzen dich eine Zeit lang und dann lassen sie dich fallen.“

Sie legte eine Pause ein und wirkte gedankenverloren. „Wenn du feststellst, dass du schwanger bist, platzen all die Träume und die Versprechungen sind Hundescheiße auf dem Pflaster, über die ein LKW rollte. Du bist noch keine vierzehn und bist schwanger. Und stellst fest, dass das der Weltuntergang ist.“

Mutter stieß ein heiseres Lachen aus. „Du verheimlichst es, so lange es geht. Aber irgendwann geht es nicht mehr, weil es zu offensichtlich ist, und du brichst unter den Fragen deiner Eltern zusammen.“

Wieder hielt sie kurz inne. Diesmal blickte sie hoch und starrte Sandra direkt in die Augen. „Das Schlimmste ist: Es ist zu spät für eine Abtreibung. Du musst das Kind zur Welt bringen. Und dann ist alles vorbei. Dein Leben ist vorbei. Die Liebe ist vorbei. Einfach alles.“

Sie schwieg. Sandra wartete, ob noch etwas folgen würde. Aber offenbar hatte Mutter alles gesagt.

Zögernd wagte sie einen Einwurf. „Ich möchte mir doch nur einen Film anschauen.“

Sie erntete einen wütenden Blick. „Hast du nicht zugehört? Denkst du, ich lasse zu, dass du auch schwanger wirst?“

„Ich bin doch erst zwölf, und ich habe keinen Freund. Die Jungen schauen mich doch nicht einmal an! Im Gegenteil, die verspotten und –“

„Nein!“, fuhr sie Mutter scharf an. „Du bringst die Küche in Ordnung und dann gehst du auf dein Zimmer und bleibst dort, verstanden?“

„Du tust besser, was sie sagt“, empfahl die Fee, die die ganze Zeit über auf dem Tisch zwischen den beiden gesessen hatte.

„Verstanden“, sagte Sandra resignierend und machte sich daran, den Abwasch zu erledigen und die Herdplatten zu reinigen, während Mutter die Wohnung verließ. Das Backrohr war übersät mit Verkrustungen, die mit dem Email verwachsen zu sein schienen. Hartnäckig widerstanden diese all ihren Versuchen, sie wegzukratzen oder wegzuschaben. Nach einer Viertelstunde gab sie es auf und wusch sich die Hände mit Spülmittel. Sie mochte den Zitronenduft und dieses kalte, dennoch angenehme, ölige Gefühl auf den Handtellern.

Dann ging sie, mit noch feuchten Händen, ans Fenster. Schwer und träge hingen die Wolken wie Wasserschläuche am Horizont und versprachen Regen. Etwa fünfzehn Meter ging es nach unten.

„Pass bloß auf, dass du nicht hinausfällst“, sagte die Fee, in deren Stimme wieder einmal jener Spott lag, den Sandra so sehr verabscheute.

Sie mochte eine Freundin sein, aber keine, die einen unterstützte.

Sandra erwiderte nichts und ging auf ihr Zimmer. Neben ihr marschierte die Fee im Gleichschritt einher.

„Hast du dich denn nie gefragt“, begann Kassandra, „warum dich dein Vater nicht mehr besucht? Warum er dich nie wieder zu sich geholt hat?“

Natürlich hatte sie sich diese Fragen gestellt. Aber die Antworten hatten sie auf eine Weise verstört, die sie zusammenzucken ließ, wenn sie nur darüber nachdachte.

Sandra hockte sich aufs Bett und lehnte ihren Rücken gegen die Wand. Die Fee setzte sich neben sie. „Es ist doch so: Deine Mutter wollte dich nicht, dein Vater genauso wenig. Vielleicht wären sie heute noch zusammen und glücklich, wenn nicht du dich zwischen sie gestellt hättest. Sieh mal: Welche Eltern würden ein Kind wie dich schon wollen? Hässlich bist du, und dumm. Nicht einmal die einfachsten Fragen konntest du beim Test –“

„Sei still!“, schrie Sandra, und in ohnmächtiger Wut holte sie mit dem Arm aus und schlug auf die Gestalt neben ihr ein.

Die kleine Mädchenfaust knallte gegen die Wand. Sandra kreischte vor Schmerz auf und rollte sich wie ein Welpe zusammen.

„Siehst du?“, tadelte die Fee. „Ich sagte doch, du bist dumm.“

Ende der Leseprobe.

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