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So etwas Aufregendes

Von Halogenlicht am 16. Juni 2010 veröffentlicht
Thema: Krimis

Gemütlich saß er daheim und las seine Zeitung. Es war ein kalter Sommerabend, ungewöhnlich für Juli. Aber naja, das Wetter lässt sich eben nicht regulieren. Es war für ihn kein Problem. Er hatte sich mit seiner Situation abgefunden und machte das Beste aus dem trüben Wetter. Beim Umblättern raschelte der Wirtschaftsteil laut, aber nach einem kurzen Kampf mit dem Papier war auch das geschafft. Übung macht eben den Meister.

Es wurde langsam dämmrig und er fing an zu überlegen, ob der anstrengende Gang zum Lichtschalter schon nötig war. Nein… zehn Minuten würde er noch durchhalten. Danach könnte er sich immer noch aufrappeln. Und es gab auch immer noch ein Fünkchen Hoffnung, dass seine Frau schon vorher das Zimmer beträte und sich erbarmte. Also würde er die Entscheidung des Lichts auf später verschieben. Und der Artikel über den neuen Wirtschaftsminister war auch wirklich spannend, den musste er wirklich erst zu Ende lesen.

Völlig vertieft in seinen Artikel bemerkte er gar nicht, dass sein Gehstock – den er äußerst prekär an seinen Ohrensessel gelehnt hatte – langsam in Richtung Boden glitt. Als er gerade die letzten paar Zeilen seines 4-seitigen Artikels las, krachte es plötzlich laut. Erschrocken fuhr er herum und starrte mit großen Augen in den Flur. Ihm war, als wäre es aus dieser Richtung gekommen. Ein Einbrecher etwa? Er hatte erst vorgestern von der alten Frau Hopfner nebenan gehört, dass in den letzten Wochen schon 4 Einbrüche in der Gegend passiert waren. Was sollte er tun? Mit dem Rücken zum Flur sitzend konnte wirklich jeder hinter ihm vorbei geschlichen sein. Oh Gott!

Schwer atmend klammerte er sich mit den Händen in den Stuhllehnen fest. Er merkte, dass er Gefahr lief zu hyperventilieren. Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren. Damit war Niemandem geholfen. Er musste sich zusammenreißen. Er war schließlich kein verängstigtes Kind, sondern hatte 74 Jahre Lebenserfahrung. Frau Hopfner war sowieso eine alte Tratschtante, ihr konnte man eigentlich gar nicht glauben. Und er reagierte beim kleinsten Geräusch wie ein aufgescheuchtes Huhn! Vielleicht war es seine Frau, der in der Küche beim Abspülen ein Topf oder eine Pfanne aus der Hand geglitten war. Ja, so musste es sein. Leise kicherte er in sich hinein, zum Glück hatte ihn in seinem Moment der Panik niemand gesehen. Wie überaus peinlich!

Mit einem leisen Schnaufen wandte er sich wieder seinem Artikel zu, um ihn zu beenden, als er feststellte, dass er wohl so vertieft gewesen war, dass er die zunehmende Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Er fragte sich, wie er noch Minuten zuvor problemlos lesen konnte, wo er doch jetzt das Gefühl hatte rein gar nichts mehr zu sehen. Er seufzte tief: er würde wohl doch aufstehen müssen. Zum zigten Mal in den letzten 15 Jahren verfluchte er die Tatsache, dass seine Frau nichts von Lese- oder Stehlampen hielt, die auf Tischen oder dem Boden neben Sofa und Sesseln stehen können. Sie fand, dass ein helles Deckenlicht einen Raum gleichmäßiger erhellt. Der Weg zum Lichtschalter würde ihm also nicht erspart bleiben.

Routiniert griff er nach seinem Stock…ins Leere. Überrascht blickte er neben sich und stellte fest, dass es der Stock war, der ihn vor wenigen Minuten mit viel Lärm aus seiner Lektüre hoch geschreckt hatte. Das Mistding war doch tatsächlich auf den Boden gefallen. Mühsam bückte er sich und angelte seine Gehhilfe wieder hervor. Beim Aufstehen knackten seine Knochen bedenklich – das war vor 20 Jahren auch noch kein Problem. In seinem Alter musste man sich eben damit abfinden, dass man steif und langsam war. Immerhin, dachte er sich, der Lichtschalter ist nicht weit entfernt. Das würde selbst er schnell schaffen. Mit schlurfenden Schritten ging er zur Tür und schaltete das Licht ein.

Er wollte sich gerade wieder seinem Sessel zuwenden, als er aus dem Augenwinkel etwas Ungewöhnliches sah. Er kannte sein Haus wie seine Westentasche, seit 20 Jahren wohnte er nun schon hier und in all dieser Zeit war die Kellertür nie offen gestanden. Wirklich nie! Was war los? War seine Frau die Kellertreppe hinunter gestürzt? In ihrem Alter konnte so etwas schon mal passieren. Er merkte wie sein Herz immer schneller klopfte. Nein, das durfte nicht sein. Wenn sie nun mit gebrochenem Genick am Fuß der Treppe lag? Nein nein nein, er konnte gar nicht daran denken. Völlig aufgelöst und mit sich überschlagender Stimme rief er laut den Namen seiner Frau. Keine Reaktion! So schnell er konnte eilte er den Flur hinunter in Richtung Treppe und knipste mit zitternden Fingern das Licht an. Nichts. Am Fuß der Treppe sah alles aus wie immer. Erleichtert atmete er einmal tief durch, schaltete das Licht wieder aus und schloss die Kellertür.

Und trotzdem. Irgendetwas war komisch. Warum war die Türe dann offen gewesen? Und warum hatte seine Frau nicht auf sein Rufen geantwortet, wenn sie doch nicht tot am Fuß der Treppe lag? Und langsam beschlich ihn das ungute Gefühl, dass der Krach vorhin doch nicht nur sein Stock gewesen war. Das Haus fühlte sich komisch an. So sehr er es auch zu unterdrücken versuchte, die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Aber er würde nicht wie ein verkalkter Greis die Polizei rufen, wenn überhaupt nichts vorgefallen war. Er war immer stolz darauf gewesen, dass er auch in Krisensituationen noch gut denken konnte. Zuerst musste er sicherstellen, dass wirklich etwas nicht stimmte. Sollte er entdecken, dass wirklich etwas gestohlen worden war, dann könnte er immer noch die Polizei rufen. Der mögliche Dieb war nach seinen hysterischen Schreien vorhin bestimmt sowieso schon über alle Berge.

Von seiner innerlichen Aufmunterungsrede etwas ermutigt, war sein erstes Ziel natürlich die Küche. Wichtiger als alles, was ein Dieb stehlen konnte, war schließlich seine Gattin. Vorsichtig drückte er also die Schwingtür nach innen und lugte ums Eck. Was er dort sah verschlug ihm den Atem. Er bekam das Gefühl nicht mehr alleine stehen zu können und stützte sich schwer gegen die Tür. Die schwang natürlich weiter auf und er fiel schwer zu Boden. Inzwischen zitterte er am ganzen Körper. Er bemerkte gar nicht, dass sein Gesicht schon Tränen überströmt war. Seine über alles geliebte Frau lag reglos am Boden. Sie sah aus wie Dornröschen, friedlich schlafend. Nur leider schlief sie für immer. Und die größer werdende Blutlache unter ihrem Kopf zerstörte das Bild komplett. Dies war kein Märchen, es war sein schlimmster Albtraum! Tot, sie war tot! Er konnte es gar nicht fassen. Was war passiert? So schnell er konnte kroch er in ihre Richtung. Dass er dabei völlig mit ihrem Blut beschmiert wurde, merkte er gar nicht. Und je näher er der klaffenden Wunde an ihrer Schläfe kam, desto deutlicher wurde es, dass dies kein Unfall gewesen war. Mord! Er konnte es nicht fassen.

Verspätet wurde ihm klar, dass der Mörder vielleicht noch im Haus war. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinunter. Minutenlang war er neben seiner leblosen Frau auf dem Boden gesessen. Dabei hätte er doch sofort die Polizei rufen sollen und wenigstens sein eigenes Leben noch retten müssen. Hektisch rappelte er sich auf und fiel bei dem Versuch beinahe wieder zu Boden. Er musste hier raus! So schnell wie möglich! Weg hier!

Am frühen Abend hörte Frau Hopfner seltsame Geräusche aus der benachbarten Doppelhaushälfte. Was war denn bei Messners los? Sofort dachte sie an einen Einbruch, schließlich war das in letzter Zeit in dieser Gegend schon häufig passiert. Sie alarmierte die Polizei und zur Sicherheit auch noch all ihre Freundinnen. So etwas Aufregendes war ihr schon lange nicht mehr passiert. Sie ärgerte sich natürlich auch sehr, als die Polizei ihr Stunden später keinen Zutritt zum Haus gewähren wollte. Warum denn nur? Sie war schließlich eine Zeugin. Aber als sie sah, dass zwei Leichenwägen in die Einfahrt einbogen, da wurde sie blass. So viel Aufregung hatte sie nicht gewollt!