Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Glitzerklösschen

Von admin am 22. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Alisha Bionda
Illustration:
Gaby Hylla
Veröffentlichung: Der Band ist für Juni 2010 in der SEVEN FANCY-Reihe im “Sieben Verlag” geplant.

Glitzerklösschen

Für Bea, die Rubensfrau, die Patin für diese Geschichte stand

„Ich habe Cellulitis!“
Mit solch derben Begrüßungen darf ich Susan nicht kommen. Sie setzt ihre Gouvernantenmiene auf und betritt die Diele meines Hauses. Geht strammen Schrittes in die Küche. Hängt dort akribisch genau ihren Blazer über die Stuhllehne, angelt nach einer Zigarette und setzt sich. Eindeutig alles Verzögerungstaktiken um mich aus der Ruhe zu bringen. Was ihr vortrefflich gelingt.
Ich stoße einen unwilligen Laut aus. „Und mein Busen erliegt immer mehr der Schwerkraft. Was soll ich nur machen? Die Zeit arbeitet eindeutig gegen mich!“
Susan kommentiert mit zwei nüchternen Sätzen meine Klagen. „Jammere nicht ständig herum, sondern ändere es. Geh endlich in ein Fitness-Studio.“ lautet ihr gnadenloser Ratschlag.
Sie hätte wenigstens eine fromme Lüge à la ‘Du-siehst-doch-toll–aus’ loslassen können. Aber dann wäre Susan nicht Susan.
Ich nehme sie und mich am nächsten Tag beim Wort und suche ein Studio. Werde sogar fündig. Schließe dort gleich einen Jahresvertrag ab. Schließlich wird es einige Zeit dauern, bis ich von einer ausladenden Walküre zur zarten Twiggy geschrumpft bin.
Der erste Trainingstag steht an.
Ich betrete nach mehreren Anläufen das Studio. Bekleidet mit Leggings und meinem bonbonfarbenen Lieblings-Shirt.
Glitzerklösschen nennt mich Jojo darin immer.
Aerobic ist angesagt.
Da stehen sie. Die Kursteilnehmerinnen.
Mein entsetzter Blick schweift über die Gertenschlanken. Alles leichtfüßige Gazellen. Und ich? Der einzige Panzer in einem Heer von Streichholzsoldatinnen.
Heftiges Getuschel, das verstummt, als ich näherwalze, begrüßt mich. Abschätzende Blicke der Vorzeigefrauen beäugen jeden meiner Schritte. Mir entgeht das schadenfrohe Glitzern darin nicht.
„Hallo, man nennt mich Glitzerklösschen“, gehe ich betont witzig zum Angriff über. Ich kann es förmlich in den Köpfen arbeiten hören. Was will die denn hier? Bei der ist doch eh Hopfen und Malz verloren. Ich ignoriere die Blicke und gebe mich betont fachmännisch. Prüfe den Sitz meiner Pulswärmer, zupfe an dem Stirnband herum und ziehe das Shirt fast bis in die Kniekehlen. Dabei brabble ich unverständliches Zeug vor mich hin, um meine Unsicherheit herunterzuspielen.
Der Versuch mißlingt. Natürlich.
Rädelsführerin Blondie mit der Kate-Moss-Figur und eine Rotgefärbte lachen sich ins Fäustchen. Sie geben sich nicht einmal die Mühe, ihre Stimmen zu senken.
„Glitzerklösschen, … dass ich nicht lache. Die ist ja eher ein ausgewachsener Kloß.“
Ich spüre selbigen in meinem Hals und leuchtende Tomatenröte vor Empörung auf den Wangen. Sterbe dabei tausend Tode. Bloß nichts anmerken lassen, denke ich und trete an eine Trainingsbank. Nehme zwei Gewichte in die Hand und mime die Sportliche. Nach vier Übungen beginnt mein Tri-oder-Was-weiß-ich-Zeps zu zittern. Ich halte das Gewicht nicht mehr. Mit großem Getöse entgleitet es mir, sucht sich zielsicher und böswillig seinen Weg auf meinen Fuß. Landet dort mit Brachialgewalt.
Ich stoße einen Schrei aus, der selbst die chinesischen Reisbauern erreicht. Kecke Schmerzkobolde tanzen vor meinen Augen. Gefolgt von bunten Sternen-Schleiern. Dann Schwärze, die mich hinab auf den Boden zieht.
Stimmen fließen an mir vorbei:
„Die rührt sich nicht mehr.“
Will ich auch nicht.
„Sie wird doch nicht etwa—?“
Tot sein? Auf keinen Fall!
„Wir müssen einen Arzt holen.“
Das würde ich ihnen auch raten.
Der Arzt ist eine Augenweide. Blondie fallen ihre fast aus den Höhlen. Doch er hat nur Blicke für mich, ähm, meinen Fuß. „Wie heißen Sie?“, fragt seine sonore Stimme, die an mir abtropft wie Honig.
„Glitzerklösschen“, antworte ich schwachsinnigerweise, benebelt vom Schmerz und den Berührungen seiner feingliedrigen Hände.
Sein Lachen läßt die Halle erbeben. „Wie nett“, sagt er allen Ernstes. Es folgen medizinische Daten. Ich höre nur, dass er einen Hausbesuch bei mir machen wird. Da könne man sich auch noch einmal über das Glitzerklösschen unterhalten, bemerkt er noch. Und fügt den beglückenden Nachsatz hinzu: „Die mag ich nämlich!“
Jetzt quellen Blondies Augen endgültig hervor. So wie bei einem aufgeblasenen Frosch. Man könnte sie glatt mit einem Stöckchen abschlagen. So weit stehen sie aus den Höhlen.
Und ich strahle wie ein Honigkuchenpferd.

Amtsschimmel

Von admin am 19. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Alisha Bionda
Illustration:
Gaby Hylla
Veröffentlichung: Der Band ist für Juni 2010 in der SEVEN FANCY-Reihe im “Sieben Verlag” geplant.

amtsschimmelIch habe es immer schon gehaßt, vor einem Wust Papier zu sitzen. Vor unbearbeiteten Aktenbergen. Sie sind Fußfesseln, die mich an einen Schreibtisch binden. Warum ich es dennoch versuchte, hatte nur einen Grund: Ich wollte endlich Geld verdienen. Möglichst viel und bequem.
„Geh in den öffentlichen Dienst. Werde Beamtin. Da überarbeitest du dich nicht“, riet man mir.
Da saß ich nun.
Jahre später.
Frustriert, demoralisiert und fern jedem Schaffensdrang. Eingepfercht in ein Winzigzimmer mit Susan, meinem perfekten Gegensatz. Anfangs beäugten wir uns mißtrauisch. Ich war ihr mit Sicherheit zu schrill. Aber sie war viel zu gut erzogen, um es mich spüren zu lassen. Das handelte ihr die ersten Pluspunkte bei mir ein. Und ich beschloss im Gegenzug, auch unvoreingenommen an sie heranzugehen.
Im Laufe der Jahre wuchsen wir zusammen, vertrauten uns Dinge an, die wir anderen Kollegen nicht einmal unter Folter verraten hätten. Und schon bald war es gerade Susan, die mir das Bürodasein erträglich machte.
Wenn …ja wenn da nicht unser Vorgesetzter gewesen wäre. Seines Zeichens Paragraphenreiter übelster Sorte. Jeder, der nicht zumindest Jura studiert hatte, war für ihn ein geistiger Tiefflieger. Seine stupide Arroganz war unübertrefflich. Dabei war er selbst die Verkörperung des klischeehaften Schreibtischhengstes und Erbsenzählers.
Mehr noch!
Er zählte sie nicht nur, er stapelte sie auch noch. Zudem war er mit einem urdeutschen Namen gesegnet. Herr Schmitz, diese beiden Worte waren der sichere Garant dafür, mir den Tag zu verderben. Die Krönung war unsere gegenseitige Antipathie, die wir – höflich wie wir waren – hegten und pflegten.
Schlimmer noch waren die monatlichen Dienstbesprechungen. Ich konnte seine monotone und zu allem Überfluß auch noch leise Stimme – wie er ohne Höhen und Tiefen – kaum ertragen. Sie war nicht nur einschläfernd, sie war geradezu tödlich. Bei einem dieser schier endlos langen Gespräche, bei dem mir wieder die Augenlider zuzufallen drohten, erinnerte ich mich an den Spruch einer Freundin, sich in bestimmten Situationen das Gegenüber in Unterhose vorzustellen.
Bei Schmitz fiel es mir schwer.
Trug er String-Tanga mit Leopardenmuster?
Nein, Boxer-Shorts mit Bügelfalte – womöglich kariert – waren bei ihm wohl das Äußerste der Gefühle. Ich widerrief gedanklich diese beiden Möglichkeiten. Zu seiner fahlweißen, schwammigen Haut paßte allenfalls heller Feinripp.
Ich zuckte zusammen.
War das etwa ich? Was sollten solche Gedanken?
Mir wurde blitzschnell klar: Es wurde eindeutig Zeit, den Beruf zu wechseln!

Das zu dem Büroalltag, dem ich gottlob entflohen bin. Geblieben ist mir Susan. Und sie ist all die grauenvollen Bürojahre wert.

Doch kommen wir zu Jojo.
Ihn traf ich in einer Mittagspause, in der ich, genervt von all dem verlogenen Kollegengeschwätz, in die Düsseldorfer Altstadt flüchtete. Er rannte mich über den Haufen, war ein typischer Punk und eindeutig nicht meine Altersklasse. Wir knallten zusammen wie die viel beweinte Titanic und der Eisberg. Aber Jojo ging nicht unter. Er grinste mich frech an. Fragte, ob ich Lust auf eine Tasse Kaffee hätte. Erstaunt, dss junge Punks auch Kaffee trinken und nicht nur literweise Bier in sich hineinschütten, rang ich nicht einmal zwei Sekunden mit mir und säuselte: „Die Idee ist gar nicht schlecht.“

Auch Jojo ist mir geblieben – lange – bis er zu einem anderen Ufer aufbrach. In eine bessere Welt?

Doch ich will nicht vorgreifen.
So viel erst einmal zu Susan und Jojo … nur zum besseren Verständnis. Und weil sie diejenigen waren, die ich stets vor unseren Plaudereien fragte: „Weißt du schon das Neuste?“

Blutzoll

Von admin am 14. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Alisha Bionda
Illustration: Andrä Martyna
Veröffentlicht: Im Buch “FUTTER FÜR DIE BESTIE

blutzollSie war gefangen. Und verloren. Die Mauern des Drudenhauses konnte selbst sie nicht durchdringen. Und sie war nicht die Einzige hier. Sie hatte die verzweifelten Schreie der Frauen gehört, als man sie in ihre Zelle geführt hatte. Schreie und Flüche. Weinen und Betteln. Verzweiflung und Ohnmacht. Sie waren alle unschuldig. Nicht eine von ihnen hatte dem Fürsten gedient. Bambergs Hexenkommissar, der schon vierhundert Frauen hinrichten ließ, war blutdürstiger und unmenschlicher als all die Frauen, die er der Hexenschaft bezichtigte. Anna Hansen seufzte. Auch sie würde sterben. Das wusste sie. Aber sie würde wiederkommen. Das machte ihr alles leichter. Sie hatten sie gefoltert. Hatten das Geständnis aus ihr herausgepresst. Ihre Achselhöhlen schmerzten unerträglich. Dort, wo man sie gebrandmarkt hatte. Auch ihre Brüste waren nicht von den glühenden Zangen verschont geblieben. Anna schloss die Augen, lehnte sich entkräftet an die kalte Steinwand ihrer Zelle und rutschte haltlos daran hinab. Sie blieb auf dem feuchtkalten Boden sitzen und gab sich dem Schmerz hin. Im Morgengrauen würde man sie auf den Scheiterhaufen führen. Sie den züngelnden Flammen des Feuers übergeben. Aber sie würde wiederkehren. Ihre Seele konnten sie ihr nicht nehmen. Die würde neu geboren werden. In einer anderen Frau. Anna lächelte entrückt. Sie lächelte noch, als sich einige Stunden später die Feuerzungen durch ihr Fleisch fraßen und ihren Geist endgültig auslöschten …

Waleah wurde abrupt in die Wirklichkeit zurückversetzt. Sie erwachte durch ihren Schrei, der wie ein Messer die Stille der Nacht durchschnitt. Benommen setzte sie sich auf und tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe. Doch das Licht, das wenig später aufflackerte, schenkte ihr keinen Schutz. Selbst in einem Kreis durchtrainierter Leibwächter hätte sie sich nicht sicher gefühlt. Schuld daran war der Traum, der sie jede Nacht heimsuchte. Und das seit Wochen.
Sie wusste nicht einmal mehr, wann genau es begonnen hatte. Als dieser regelmäßige Alptraum dann allmählich zur Gewohnheit wurde, hoffte sie, dass er dadurch an Bedrohlichkeit verlor. Aber so war es nicht. Ganz im Gegenteil. Er ängstigte sie immer mehr. Damit nicht genug. Er ließ sie auch nicht los, wenn die Sonne aufging. Schickte ihr verwirrende Tagträume. Und eine Stimme, die nicht hinter ihre Stirn gehörte, die sich aber nicht vertreiben ließ. Die unaufhaltsam auf sie einsäuselte. Nicht wohltuend oder gütig. Nein, fordernd und höhnisch.
Das verunsicherte sie.
Waleah hatte nicht nur einen ungewöhnlichen Namen, sie war auch eine außergewöhnliche Frau. Sie stand mit beiden Beinen im Leben. War durch nichts zu erschüttern. Durch fast nichts. Sie war schon immer wissbegierig gewesen. Wollte schon immer an Grenzen stoßen. Sich und die Welt hinterfragen. Sobald sie lesen konnte, nutzte sie die Welt der Bücher, um ihre blühende Phantasie auf Reisen zu schicken. In fremde Welten, Kulturen oder unbekannte Völker einzutauchen. Sie las seit ihrer frühesten Kindheit. So viel, dass sie den Großteil ihrer Bücher an ihre Freunde weitergab. Die Trudenzeitung war das einzige Dokument, das sie wie ein Heiligtum hütete. Das Nachrichtenblatt des 16. Jahrhunderts, das sie in einer alten Bibliothek erstöbert hatte, dokumentierte die Hexenverfolgung in Bamberg in all ihren blutigen Einzelheiten. Mehr noch; sie verleitete Waleah das erste Mal in ihrem Leben dazu, etwas Unrechtes zu tun. Sie stahl das alte Dokument. Ohne den Hauch von Reue. Als wisse sie, dass die Zeitung nur auf sie gewartet habe. Jeder Satz, jedes Wort, jede Zeichnung saßen in Waleahs Kopf fest. Sie wusste nicht wie oft sie sie gelesen hatte. Aber wenn sie mitgezählt hätte, wäre sie spielend auf eine dreistellige Zahl gekommen. Was sie besonders beschäftigte, war eine – von wem auch immer – angekreuzte Stelle, die besagte, dass man durch Alpträume zu einer Hexe werden konnte. Doch daran wollte sie nicht so recht glauben. Auch wenn sie mit ihren zunehmenden Träumen eine Veränderung in sich verspürte. Sie nahm ihr Umfeld deutlicher wahr. Es trieb sie nachts häufiger aus dem Haus. Hinaus in den angrenzenden Park. Sie, die der Natur nie sonderlich Beachtung geschenkt hatte, liebte es plötzlich, nachts den Wind in ihrem offenen Haar zu spüren. Wenn sie sich unbeobachtet fühlte, legte sie sogar ihre Kleidung ab und überließ sich so der kühlen Nachtluft und dem Mondlicht.
Sie war eine moderne Stadthexe geworden. Ohne ihr Zutun. Zuerst ablehnend, dann immer freudiger. Immer begieriger, ihre neuen Möglichkeiten auskostend. Auch wenn sie nach dem alten Glauben dadurch mehr und mehr eine Verbündete des Dunklen Fürsten wurde. Aber das war ihr nicht bewusst.
Bis zum nächsten Traum.

Der Boden erzitterte. Als galoppiere eine in Panik versetzte Wildpferdeherde auf sie zu. Schnauben erfüllte die Luft. Ohrenbetäubende Flüche hallten in ihren Ohren. Wildes Hundegebell begleitete die Geräuschwand, die sich auf Waleah zu bewegte. Sie erstarrte. Panik machte sich in ihr breit. Sie stand ihm schutzlos ausgeliefert – dem Wilden Heer.
Peitschenknallen kündigte es an – ebenso wie derbes Gelächter. Waleahs angsterfüllter Schrei ging darin unter. Sie wusste, wie blutrünstig sie waren. Die nächtlichen Reiter. Es war die Horde, vor der sich alle fürchteten. Die mit teuflischer Macht Unheil über die Welt brachte. Die aus der Vorhölle entsprungen war. Wo die Reiter auftauchten, blieb ein Ort der Verwüstung zurück. Entwurzelte Bäume und Büsche. Verstümmelte Opfer, die den Hufen der Pferde und Gebissen der Hunde nicht entgangen waren. Schon in den Geschichtsbüchern war festgehalten worden, dass die Horde teuflische Mächte repräsentiert hatte.
Waleah taumelte bei dem Gedanken.
Stimmen wurden laut. Stimmen, die eindeutig heller waren und nicht zu dem Wilden Heer gehörten. Dann waren sie heran. Die Todesreiter. Auf schwarzen Pferden mit stolz gebogenen Hälsen und wallenden Mähnen. Die dunklen Umhänge der Reiter wehten wie Flaggen einer Todesschwadron hinter ihnen her.
Und dann sah Waleah sie.
Die Kinder.
Mit eingefallenen Gesichtern und aufgerissenen Augen, aus dunkel umrandeten Höhlen.

Waleah schrie noch, als sie erwachte.
Es stimmte. Es stimmte alles. Das Wilde Heer und die vor der Taufe verstorbenen Kinder. Es gab sie. Es gab sie wirklich. Alles, worüber sie in der Trudenzeitung gelesen hatte, war wahr. Und sie wusste, was es bedeutete, wenn einem die Todesreiter im Traum erschienen. Mit den ungetauften Kindern.
“Alles Blödsinn”, versuchte sie sich zu beruhigen und stand vom Bett auf, um ins Wohnzimmer zu gehen.
Es klopfte an der Tür.
Wer konnte das zu nachtschlafender Zeit sein?
Waleah öffnete. Niemand stand vor der Tür. Sie wollte sie bereits wieder schließen, als ihr Blick zu Boden glitt. Ihr stockte das Blut in den Adern. Auf der Fußmatte lag ein dunkles Etwas. Ein blutiges, dunkles Etwas. Es war der schwarze Kater ihres Nachbarn. Oder das, was noch von ihm übrig war. Waleah spürte, wie sich ihr Magen hochschraubte, und lief ins Bad. Erbrach sich dort lautstark. Dann setzte sie sich auf die kalten Bodenfliesen und schüttelte den Kopf. War auch das ein Traum?
Ja, so musste es sein. Sie zog sich am Waschbecken hoch, ging zurück an die Tür und öffnete sie zögernd.
Es war kein Traum.
Der kleine Kadaver lag immer noch auf der Matte. Waleah ging in die Hocke und fuhr vorsichtig mit der Hand über das Fell. Es war noch warm. Der Tod konnte noch nicht lange eingetreten sein. Waleah schluckte. Wie oft war ihr der Kater zur Begrüßung um die Beine geschlichen. Etwas Weißes schimmerte zwischen dem Fell. Genaugenommen aus seinem halb geöffneten Maul. Waleah zuckte zusammen, als habe sie eine Faust getroffen. Dann nahm sie all ihre Überwindungskraft zusammen und zog den Zettel vorsichtig zwischen den Zähnen des Tieres hervor. Sie rollte das Papier auseinander und betrachtete die merkwürdigen Schriftzeichen, mit denn sie nichts anfangen konnte, die sie aber kannte.
Nur woher?
Die Trudenzeitung!
Dort lag des Rätsels Lösung. Dort hatte sie die Schriftzeichen gesehen. Waleah schlug nach einem letzten Blick auf den kleinen Kadaver die Tür zu und ging – nein rannte – in ihr Arbeitszimmer. Dort bewahrte sie die Zeitung auf. Hektisch blätterte sie darin, bis sie die gesuchte Stelle gefunden hatte, und las laut: “Um einer anderen Person einen Alptraum zu schicken, schreibe man einen geheimen Spruch mit dem Auszug aus Myrrhe auf eine Tafel. Man schreibe den Text ebenfalls auf Papier und stecke ihn in das Maul einer getöteten schwarzen Katze.”
Waleah verstummte. Ihr wurde schwindelig. Was geschah hier? Was geschah mir ihr? Und vor allem, wer schickte ihr diese Träume und warum?
“Es muss ein Ende haben”, murmelte sie. “Ich muss etwas dagegen unternehmen.”
Sie hatte in einem Buch über Hexen gelesen, dass man sich vor einer Verhexung schützen konnte, indem man einen magischen Kreis als Amulett trug. Und sie war verzweifelt genug, es zu versuchen. Der tote Kater hatte den Alpträumen und der Veränderung, die sie in sich spürte, die Krone aufgesetzt.

Waleah hatte bis zum Morgengrauen gezeichnet. Hatte den magischen Kreis auf Pappe gebannt und ausgeschnitten. Das dilettantische Amulett dann mit einer Lederschnur um den Hals gebunden. Irrwitzigerweise fühlte sie sich besser, als sie die schnöde Pappe auf ihrer Haut unter dem Shirt spürte. Sie fühlte sich so sicher, dass sie wieder ins Bett kroch, um zumindest noch ein wenig Schlaf zu finden.
Maliziöses Kichern erklang, “Du kannst dich noch so wehren, es wird dir nichts nützen. Denn du gehörst jetzt uns. Und du entgehst uns nicht. Versuchst du es dennoch, werden wir dir eine empfindliche Strafe erteilen. Bleibst du aber ein Teil unserer Schwesternschaft, wirst du mächtiger als je eine von uns zuvor.”
Waleah stöhnte im Schlaf. “Nein”, murmelte sie und wälzte sich unruhig in ihrem Bett herum. “Ich will das nicht. Ich will keine von euch sein.”
Das Kichern erklang erneut. “Unwürdige, du weißt, wie du dich und deine kümmerliche Seele retten kannst.” Ja, Waleah wusste es. Sie wollte es jedoch nicht akzeptieren. Doch die Stimme fuhr bereits fort. “Du musst den Blutzoll erbringen. Dann bist du frei. Bring uns Evelinas Kind!”

Bring uns Evelinas Kind … bring uns Evelinas Kind, hallte es noch in Waleahs Ohren, als sie erwachte. Evelina war ihre beste Freundin. Sie hatte vor zwei Wochen ein gesundes Mädchen entbunden. Waleah liebte das Kind. Es den teuflischen Mächten auszuliefern, erschien ihr undenkbar. Dann bist du verloren, kicherte die Stimme in ihr, und dieses kleine Wesen weiß noch nichts von der Welt. Es wird nicht einmal spüren, was mit ihm geschieht, fuhr sie ketzerisch fort.
Waleah stöhnte. Nein, es musste einen anderen Weg geben. Sie konnte und durfte Evelinas Kind nicht gefährden. Nicht opfern um ihrer eigenen Seele willen.
Die Stimme erklang wieder. “Bring uns das Kind. Bring mir das Kind! Und du bist frei!”
Waleah stieß einen zornigen Laut aus. Sie wusste, wer ihr den Befehl ins Hirn gepflanzt hatte. Anna Hansen. Sie hatte über die Frau gelesen. In der Trudenzeitung. Wusste, dass diese, bevor sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt war, Bamberg verflucht und ihre Wiederkehr angekündigt hatte.
Die Stimme in ihr kicherte. “Ja, und dieser Zeitpunkt ist nun gekommen. Du bist die Geeignete für meine Rache.”
“Welche Rache?”, wollte Waleah schreien, aber der Satz formte sich nur hinter ihrer Stirn.
“Du wirst Unheil über diese Stadt bringen”, kicherte es weiter. “Großes Unheil. Über die Stadt und die Nachfahren des Bamberger Hexenbischofs.”
Waleah hielt es nicht mehr in ihrer Wohnung aus. Mit einem erstickten Schrei floh sie aus dem Bett, warf sich einen Mantel über und verließ das Apartmenthaus.

Sie konnte der Stimme nicht entgehen. Weder ihr noch dem Wesen und der Seele, die ihr Ausdruck verlieh. Waleah spürte in den folgenden Tagen immer deutlicher den mentalen Druck. Sie hatte der unbekannten Macht, die von ihr Besitz ergriffen hatte, nichts entgegenzusetzen. Jene Macht, die ihr immer quälendere Alpträume schenkte. Sie keine Nacht schlafen ließ und sie so zermürbte und den letzten Funken ihres Geistes unterwarf. Waleahs Seele, die zu Anfang der Alpträume nur gespalten war, erlosch immer mehr. Zwar flackerte sie hin und wieder auf, war aber chancenlos gegen die uneinschätzbare Größe, die von ihr Besitz ergriffen hatte. In ihr erwuchs eine andere, stärkere Seele heran. Eine, die noch zur Untätigkeit verdammt war, aber darauf brannte, zu neuem Leben erweckt zu werden.
Waleah war dem Druck nicht mehr gewachsen. Ebenso wenig der Stimme hinter ihrer Stirn. Sie wollte sie loswerden. Wollte sie nicht mehr hören. Oft presste sie die Hände gegen Ohren und Stirn und rief: “Hör auf! Hör endlich auf!”
Mitleidige Blicke ihrer Mitmenschen waren die Antwort. Und ein bösartiges Kichern hinter ihrer Stirn. Als Waleah dann eines Nachts die Brandnarben auf ihren Brüsten und unter ihren Achseln entdeckte, hielt sie es nicht mehr aus. Sie fuhr zum Haus ihrer Freundin, öffnete mit ihrem Zweitschlüssel und schlich sich ins Kinderzimmer, um Evelinas schlafende Tochter mit sich zu nehmen.

“Gut so!”, erklang die Stimme. Dieses Mal sehr zufrieden. “Leg das Kind auf den Altar!”
Waleah nickte und bewegte sich wie eine Marionette auf den Steinaltar zu. Legte das Kind, das sie aus blauen Augen anstrahlte, darauf ab. Schatten formierten sich von einer Sekunde auf die andere um den Altar herum. Gestaltlose Hände griffen nach dem kleinen Körper. Alles ging blitzschnell. Waleah sah etwas Silbriges aufblitzen, gefolgt von einem Strahl pulsierender Flüssigkeit. Ihr geknechteter Geist bäumte sich ein letztes Mal auf. Wollte sich auflehnen und zerbrach.
Endgültig.
Es wurde dunkel um sie und in ihr. Sie spürte nicht einmal, wie sie zu Boden sank. Aber sie hörte die Stimme, die sie hasste wie nichts auf der Welt, zufrieden rufen “Endlich!”.

Sie hatte sie betrogen. Diese Frau, die sich Anna nannte. Sie hatte ihr versprochen, sie zu verschonen, wenn sie ihr das Kind brachte. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Sie war nun eine von ihnen. Nein, dachte Waleah, das bin ich nicht. Ich muss nur aufwachen und der Spuk ist vorbei. Ein für alle Mal. Und dann werde ich diese Zeitung verbrennen. Sie wie Anna Hansen dem Feuer übergeben.
Sturm brandete auf.
Und dann hörte sie ihn. Den Hufschlag. Das Herannahen wilder Pferde. Hundegebell. Sie kamen. Sie kamen, um sie zu holen. Waleah schrie. Schrie sich ihre rettungslos verloreneSeele aus dem Leib. Es ist zu spät, hämmerte es triumphierend hinter ihrer Stirn. Sie wollte aufwachen. Endlich aufwachen. Aus diesem Traum. Diesem immer wiederkehrenden Horror. Doch sie wusste längst, dass es zu spät war. Sie hatte den Blutzoll erbracht. Anders, als sie es sich ausgemalt hatte. Sie hatte das Blut des ungetauften Kindes getrunken. Schlimmer noch, zugesehen, als es sein unschuldiges Leben aushauchte.
Dann waren sie heran.
Dieses Mal wurde das Wilde Heer von keinem männlichen Reiter angeführt. Es war eine Frau. Anna Hansen. Waleah wusste es in dem Augenblick, als sie die hochaufgerichtete Gestalt auf dem Pferd erblickte. Sie wehrte sich nicht einmal, als Anna sie mit den Worten “Willkommen, Schwester” auf ihr Pferd zog und im wilden Galopp mit ihr davonstob.