Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Ich fange an als Praktikant

Von tigerchen am 3. März 2010 veröffentlicht

Mein erstes (und hoffentlich letztes) Praktikum habe ich mir bei einer Werbeagentur ausgesucht. Werbung und Marketing ist immer gut und weil die Agentur gut läuft, wird es nicht nur Kaffeekochen sein. Ich meine, da gibt es halt ganz viele kleine Arbeiten, durch die man sich in den Arbeitsalltag hineinarbeiten kann.

Nun, ganz ehrlich, war auch ein bisschen Glück und noch mehr Geschick dabei: Da ich ganz genau weiß, dass die geisteswissenschaftliche Ecke, aus der ich herkomme, nicht so ein Renner ist und weil ich niemals an Soft-Skills-Gerede richtig geglaubt hatte, habe ich mir auf einer Messe-Exkursion im letzten Semester die ausgefeiltesten Firmenpräsentationen angesehen und dann die Macher im Internet ausgefischt. Und danach meine Bewerbungsanschreiben mit einer konkreten-Impression aufgebohrt. Ich denke, das zählt.

Geantwortet hat gleich eine Werbeagentur, ich habe „nur“ 10 Anschreiben verschickt, die weitere Messeauftritte ihrer Kunden in kommenden Monaten vorbereitet. Da sollte ich wohl mitmachen, nicht schlecht für einen Geisti. Ich werde wohl, abgesehen von den Kaffeepausen …, mir die Projektskizzen mit ansehen dürfen. Ebenso, wenn wir Messestand mieten oder leasen, sowas gibt es auch, wie ich erfahren habe, werde ich meinen Chef begleiten. Und noch viel mehr. Das nennt sich wechselnde Zuständigkeiten.

Nett ist auf jeden Fall eine zwanglose und ungebundene Stimmung in der Agentur, obwohl man mir schon etwas über die Horrorstunden vor den absoluten Deadlines erzählt hatte. Angeblich eine Deadline ist dann nur zur Probe und immer etwas zeitlich vorgeschoben, weil die Verspätungen einprogrammiert sind. Da bin ich schon gespannt.

3 Stunden

Von Andreas am 21. Januar 2010 veröffentlicht

Ein Knall. Ich schrak hoch. Wo war ich? Dunkelheit! Langsam gewöhnten sich meine Augen an das schummrige Licht und ich erkannte Einzelheiten.
Die Augen reibend, versuchte ich mich zu erinnern.

Das Zimmer war mir fremd.

Langsam fiel mir wieder die gestrige Feier ein. Diese war wohl auch der Grund, warum ich mich so schlapp fühlte.

Partys, eine der wenigen Möglichkeiten dem stupiden, monotonen Alltag ein wenig zu entfliehen. Es ist traurig. In dieser heutigen modernen Welt muss man sich um die Sinne trinken, um zu leben. Ich schaute mich weiter um. Die Tapeten waren pink, mit roten Herzen darauf. Weibisch.

Ich erinnerte mich nun auch wieder an die kleine Blonde.
Gut, ich wusste langsam wo ich war, doch was hat den Knall verursacht?

Es lagen zwei Gläser zerbrochen auf dem Boden. Sie standen wohl auf dem kleinen roten Tisch. Der Kater warf sie herunter.
Typisch! Das Tier sprang auf den Tisch, ohne daran zu denken, dass die Gläser herunter fallen könnten.
Was unterscheidet mich von diesem Kater, der nun zufrieden schnurrend in der Ecke lag und sich die Pfote leckte?
Dachte ich über die Konsequenzen meines Handelns nach?
Anscheinend nicht, da ich mich nicht erinnern konnte, ein Kondom benutzt zu haben. Obwohl ich mir nicht einmal sicher war, mit der Kleinen Sex gehabt zu haben.

Aber was mache ich denn sonst hier?

Ich beschloss aufzustehen und suchte meine Klamotten zusammen. Eine Cordhose, ein schwarzes T-Shirt und ein Hemd.

Natürlich trat ich in die Scherben der Gläser und fluchte über den Kater in der Ecke und über den in meinem Kopf.
Ich suchte das Bad und zog gleichgültig die Scherbe heraus und band mir Toilettenpapier um den Fuß.

Wo war die Kleine? Wie alt sie wohl sein mag? Wohnte sie hier allein? Ich wusch mein Gesicht und zog mein Hemd über. In der Küche fand ich schließlich meine gestrige Eroberung. Sie hatte für uns Frühstück gemacht.
„Morgen, na gut geschlafen?“, fragte sie lächelnd.

Schade das ich mich nicht mehr an die Nacht erinnerte, denn sie war echt hübsch.
„Morgen“, entgegnete ich, „ wohnst du hier allein?“
„Nein, meine Eltern sind noch im Urlaub.“

Wie hatte ich sie kennen gelernt? Wie hieß sie eigentlich? Es war mir egal.
Ich trank meinen Kaffee hastig und schnappte mir einige Brötchen.
„Ich muss los“, sagte ich und stand auf.
„Schon? Wollen wir nicht frühstücken?“ fragte sie erstaunt.
„Ich ruf dich an.“, entgegnete ich trocken und wusste genau, dass ich es nicht tun würde.

Sie redete von „im Kontakt bleiben“ und von dem Wunsch nicht nur eine Nummer für eine Nacht sein zu wollen.

Eine Nummer? Anscheinend hatten wir doch etwas. Ich ging, ohne ein Wort zu sagen und fühlte mich wie ein Mann. Eine weitere Eroberung. Unbedeutend, doch für das Ego wichtig.

Es war Sonntag. Ein Blick auf mein Handy: 8:26 Uhr. Noch viel zu früh!
Ich ging durch die Stadt. Dort kam mir ein Mann entgegen. Er schien in Gedanken zu sein und hätte mich fast um gelaufen. Er war wohl auf den Weg in die Kirche.
Damit habe ich nicht viel am Hut. Es passt einfach in mein Leben.

Ich bin zwar nicht gottlos, schließlich bin ich Katholik, aber ich glaube auf meine Weise.

Die Bibel ist für mich ein Märchenbuch. Gute Geschichten und um sie verstehen zu können, darf man sie nicht wörtlich nehmen, sondern muss die Bilder die sie vermitteln deuten und interpretieren. Wie bei Märchen.

Ich kam zu Hause an und ging als erstes duschen.
Anschließend legte ich mich auf mein Sofa und hörte Musik und entspannte mich. Ich lauschte dem Text und spürte die Emotion der Worte, der Gitarre, des Rock
Gerade lief ein Lied, in dem der Sänger metaphorische Vergleiche zwischen seinen Emotionen für das Mädchen und der Natur zog.
Solche klassischen Vorstellungen von Liebe sind nichts für einen Realisten wie mich..
Ich weiß nicht, warum der Gedanke an Liebe mich an meine Freundin erinnerte. Wahrscheinlich weil sie behauptete mich zu lieben.

Wieder einmal habe ich betrogen.

Keine Spur von schlechten Gewissen.

Wir waren nun mehr als zwei Jahren zusammen.

Ich rief sie an.
Wir redeten über unwichtiges Zeug und sie beendete das Gespräch mit dem Satz „Ich liebe Dich.“
Das brachte mich erneut zum Nachdenken.
Für mich ist das nur eine neu interpretierte Floskel des Alltags und wird völlig überbewertet.
Es ist nur eine Standartaussage, ähnlich wie „ mit freundlichen Grüßen“, nur bedeutungsloser.
„Ich dich auch“, sprach ich und legte auf.

Mein Blick fiel auf die Uhr: 11:26 Uhr und anschließend aus dem Fenster.

„Ist das nicht nicht…?“, sprach ich leise in den Raum und schrie laut auf, als es geschah.

Oh mein Gott was habe ich getan?!.

Ich frühstückte. Meine Frau saß vor mir. Sie machte mir mal wieder Vorwürfe.
Am Freitag verlor ich meinen Job. 15 Jahre meines Lebens arbeitete ich für diese Firma. Nichts Besonderes. Ein einfaches Industrieunternehmen.

Die Kündigung kam, nachdem ich einen kleinen Arbeitsunfall verursacht hatte, wirklich nichts Großes, aber für die kalten Kapitalisten ein gefundenes Fressen.

Sie mussten eh rationalisieren.

Während sie mich enttäuscht und wütend anschaute, aß ich meine Brötchen.

„Wie soll das nun weitergehen?“, fragte sie.
„Ich finde schon wieder etwas anderes.“,antwortete ich und hoffte auf ihre Unterstützung

„Das ist nicht das Einzige. wir befinden uns schon seit Jahren in einer emotionalen Sackgasse.
Ich fühle mich schon lange unwohl und dir ist es egal. Ich habe darüber nachgedacht und ich habe jemanden kennen gelernt, bei dem ich mich geborgen fühle. Es tut mir leid.“
Überrascht war ich nicht. Ich hatte so eine Ahnung. Die ständigen Anrufe und „Frauenabende“.
„Es wäre besser, wenn du dir vorerst was anderes zum Wohnen suchst.“, fügte sie hinzu.
Ist sie nicht süß? Wo soll ich denn hin?
Ich verlor meinen Job, nun verliere ich meine Frau?
Rückschläge im Leben gewohnt bin ich gewohnt. Muss ich halt wieder beruflich und in Sachen Liebe neu Anfang. Na und? Ich bin nun 38 Jahre alt und habe meinen Halt im Leben, im Glauben gefunden.

Ich aß noch immer, als sie schon längst fort war und machte mich anschließend auf den Weg zur Kirche.
Ein kurzer Blick auf die Uhr: 8:26 Uhr.

Ich dachte noch mal über alles nach. Ich liebte meine Frau, aber ich schien es ihr nie richtig gezeigt zu haben.

Natürlich war ich innerlich schwer verletzt. aber ich bin ein Mann und habe meinen Stolz. Wieso in Tränen ausbrechen und um Vergebung flehen. Gott wird mir schon meinen Weg zeigen.
Ich versank in Gedanken und wäre fast gegen einen jungen Mann gelaufen.

Hatte er denn keine Augen im Kopf? Ich vergaß ihn schnell wieder, als ich an der Kirche ankam.

Es half mir, mich mit meinen Problemen an Gott zu wenden. Der Glaube allein gab mir wieder neue Kraft.

Um kurz nach zehn machte ich mich wohl zum letzten Mal auf meinen alten Heimweg. Ich wollte kurzfristig bei meinem Bruder wohnen, bis ich was Eigenes gefunden hatte.

Zu Hause angekommen packte ich meine „sieben Sachen“ und setzte mich in mein Auto. Wo meine Frau war, wusste ich nicht. Aber warum sollte mich das denn noch kümmern? Ich fuhr los und schaltete das Radio ein. Wieder verlor ich mich in Gedanken. Wie wird’s nun weiter gehen? Würde ich wieder arbeiten können? Wie teuer wird die Scheidung? War ihr Neuer „besser“ als ich? . Um zwölf Uhr wollte ich bei meinem Bruder sein.

Ein kurzer Blick, es war genau 11:26 Uhr und als ich wieder auf die Straße schaute, war es bereits zu spät.

Ich wachte auf, er war noch da und lag neben mir.

Gestern habe ich ihn endlich angesprochen. Er war mir schon vor einiger Zeit aufgefallen.

Ich arbeite als Zahnarzthelferin.
Jeden morgen gehe ich aus dem Haus, die Straße herunter, durch einen kleinen Park in Richtung Innenstadt. Dort kam er mir des Öfteren entgegen.

Ich fiel ihn ebenfalls auf, jedenfalls glaubte ich das, obwohl das schwer zu sagen war. Er fuhr immer auf seinem Fahrrad in Richtung Uni. Gestern Abend erfuhr ich, dass er Germanistik studiert.

Ich bin keine „Schlampe“. Es ist für mich nicht normal einen Mann, den ich erst gerade kennen gelernt habe, mit zu mir zu nehmen, aber ich bin mir sicher, dass wir zusammen gehören. Wir unterhielten uns. Mir fielen viele Gemeinsamkeiten auf und er war mir auf Anhieb total sympathisch. Er schien auch interessiert zu sein, also lud ich ihn mit zu mir ein, da meine Eltern eh gerade vereist waren.

Ist das so schlimm? Bin ich deswegen eine Schlampe? Wir verbrachten die Nacht zusammen.

Es war herrlich!

Ich stand auf und ging leise in die Küche und backte Brötchen auf und kochte Kaffee. Plötzlich hörte ich einen Knall. Wahrscheinlich hatte mein Kater wieder irgendetwas herunter geworfen.

Endlich kam er in die Küche und ich begrüßte ihn.
„Morgen, na gut geschlafen?“
„Morgen“, entgegnete er, „ wohnst du hier allein?“.
„Nein, meine Eltern sind noch im Urlaub.“
Er trank seinen Kaffee hastig und nahm seine Brötchen.
„Ich muss los“, sagte er und stand auf.
„Schon? Wollen wir nicht frühstücken?“ fragte ich erstaunt.
„Ich ruf dich an.“, entgegnete er trocken und ich wusste genau, dass er es nicht tun würde.
Ich wollte ihm meine Gefühle erklären, aber es gelang mir nicht.

Ich redete nur von „im Kontakt bleiben“ und dass ich nicht nur Nummer sein wollte.

Er war weg, ich schaute auf die Uhr. Es war 8:26 Uhr.
Tränen liefen mir übers Gesicht.

Dieser Schmerz! Ich bin keine Schlampe, doch sicher denkt er das nun!

Solange habe ich gehofft, mich gescheut und endlich hatte ich ihn.

Und nun war er weg!

Warum habe ich kein Glück mit Männern?! Ich fühlte mich auf einmal so schmutzig und ging duschen.

Als ich ins Zimmer kam, sah ich die Scherben auf dem Boden. Es war Blut daran. Ich untersuchte meinen Kater, aber das Blut musste von „ihm“ stammen.

Es war mir egal. Ich machte mein Zimmer sauber und wechselte die Bettwäsche.

Dadurch beruhigte mich ein wenig und beschloss, spazieren zu gehen. Ich ging wieder durch den kleinen Park und war in Gedanken.

Wieso der nicht geglückten Liebe immer wieder nachtrauern? Ich bin selbstständig, jung und hübsch.

Wenn er mich nicht zu schätzen weiß, ist er selbst Schuld.
Ich ging über die Straße und es war für mich klar, dass auch diese Wunde heilen würde.
Plötzlich hörte ich nur noch eine Hupe und Reifen quietschen. Dann wurde es dunkel.
Zeitpunkt des Todes: 11:26Uhr.

Ende

Endlosschleife

Von Andreas am 21. Januar 2010 veröffentlicht

Der spärlich beleuchtete Flur bot ein Bild des Abschieds, das nicht besser zu dieser Nacht hätte passen können.

Ein schlampig abgestelltes Fahrrad und ein Kinderwagen, in dem hoffentlich nie ein Kind würde liegen müssen, standen nur noch zwischen mir und der alten, schwarzen Haustür.

„Willst du wirklich nicht zum Frühstück bleiben?“, rief es/sie hinter mir aus der kleinen, gemütlichen Altbauwohnung.

Mit einem Knall schlug die Tür hinter mir zu und teilte dem halb nackten Mädchen meine Antwort mit.

Natürlich hätte ich auch zum Frühstück bleiben können, natürlich hätte ich bei ihr im Arm liegen können, und natürlich wäre es schön, mal wieder neben einem Mädchen aufzuwachen.

Aber der Preis dafür war mir einfach zu hoch. Nähe aufbauen heißt, auch immer wieder los lassen zu müssen.

Für diese Nacht hatte ich genug menschliche Nähe und ging entspannt – und ich glaube, auch etwas zerzaust – durch den langsam nahenden Sonnenaufgang nach Hause.

Während ich meine Wohnungstür aufschob, wurden im Innern dadurch ein paar leere Flaschen und etwas Pappe beiseite geschoben. Ein weiterer Grund, warum ich grundsätzlich zu den Frauen ging.

Wichtiger jedoch ist es, die Anonymität zu bewahren. Nachdem ich meinen Kaputzenpulli in die Ecke geschmissen, meine Schuhe von den Füßen getreten und meine Hose herunter geschält hatte, ging ich an meinem großen, mit grünen hängenden Blättern behafteten Staubfänger, auch Yucca-Palme genannt, vorbei und fiel erschöpft in mein Bett und starrte zur Decke.

Irgendetwas fehlte dort oben …. nur was?

In diesen Gedanken versunken überkam mich der Schlaf.

Wie immer an der besten Stelle des Traumes klingelte mein Handy und teilte mir mit, dass es Zeit zum Aufstehen sei.

Ein Gutes hatte das abrupte Aufschlagen meiner Augen jedoch. Ich nahm den Edding von der Fensterbank, stellte mich auf das Bett und begann sofort, an einer noch leeren Stelle meiner Decke zu schreiben.

Glück?
Du schaust mich an und weinst,
so frage ich dich, wieso liebst du mich?
Glücklich werd ich nicht, so glaube mir!
Mit mir wärst du es ebenfalls nicht!

Der Weg zum Glück ist steinig,
eine Zweigung fordert eine Entscheidung.
Kopf und Herz sind sich dabei nie einig

Nun mache einen Schritt voran,
lasse dabei ein Stück von dir zurück.
Deine Vergangenheit erinnert dich daran,
dies ist nicht der Weg zum Glück!

Das Gedicht immer wieder lesend wunderte ich mich auch auf dem Weg zur Uni immer noch über diese Worte, deren Bedeutung sich mir zu diesem Zeitpunkt nicht erschließen wollte.

Die Vorlesung war langweilig. Die Statistik und Stochastik. Testverfahren, Verteilung und jede Menge Variablen, Wahrscheinlichkeiten und Varianzen.

Eine 20-seitige Formelsammlung soll uns diese Welt erklären.

Welche Formelsammlung benutze ich für meine Welt?

Gibt es eine Formel, die mir das Gefühl erklärt, wie es ist, eine liebende Mutter zu haben? Aufgewachsen bin ich seit meinem dritten Lebensjahr bei meiner Oma. Eine gütige Frau, doch der Altersunterschied war einfach zu groß und als die Pubertät kam, wurde ich etwas “schwierig”, wie sie es ausgedrückt hatte. Von da an übernahm ein Heim und dadurch hauptsächlich die Straße meine Erziehung. Das Leben lehrte mich einiges über zwischenmenschliche Beziehungen.

Betrogen, verraten, bestohlen, belogen, verlassen und enttäuscht werden wollte ich niemals mehr und beschloss daher, niemanden mehr diese Macht über mich zu geben.

Den Rest der Vorlesung beschäftigte ich mich damit, meine Gedanken in meinem Notizblock zu skizzieren, um ein weiteres Gedicht meiner Zimmerdecke hinzufügen zu können.

Leben nach Maß

Wozu das ständige Lachen

und das ständige Reden?

Wieso kann man nicht einfach sehen,

dass ich allein sein will,

weil ich alleine glücklich bin.

Was bringt es mir, so zu sein wie ihr?

Immer nach dem Normmaß leben,

bloß nicht zu viel von sich geben.

Abstand bringt Sicherheit. Doch

ist dies der Weg zur Einsamkeit?

Struktur im Leben,

wie im klassischen Gedicht?

Das kann ich euch nicht geben.

Nein, das will ich nicht!

Anschließend, nach der Vorlesung, war mein wöchentlicher Männerabend mit meinem besten Kumpel.

„Schreibst du zur Zeit an einer interessanten Geschichte?“, fragte mich Mike in unserer Stammkneipe.

„Mir fehlt zur Zeit die Inspiration.“

„Ich fand deine letzte Story ziemlich spannend.“, versuchte er das Gespräch weiterzuführen, schaute mich aber dann an und fügte besorgt hinzu, „ Es scheint mir, als ob du etwas auf den Herzen hast. Also lass hören.“

„Warum ist das Leben eine einzige Grauzone?“, fragte ich ihn, nachdenklich am Tresen sitzend.

„Ist es das? Ich empfinde es eher als Achterbahnfahrt! Aber es wundert mich nicht, dass es für dich nur grau aussieht.!“, antwortete er mir und leerte sein Glas.

Überrascht setzte ich meine Flasche ab.

„Wieso wundert es dich nicht?“

„Weißt du“; begann er ,“ du siehst alles grau, weil du dem Schwarzen aus dem Weg gehst. Du lässt, seit ich dich kenne, keinen Menschen wirklich nah an dich heran, um nicht verletzt zu werden. Nur um nicht zu scheitern, studierst du etwas, dass dich nicht ausfüllt, anstatt deinem Traum zu folgen.“

Er schaute in sein leeres Glas und erzählte weiter.

„Es gibt ein schönes Zitat, das finde ich ganz passend: Es gibt Risiken, die einzugehen man sich nicht leisten kann- aber auch solche, bei denen man es sich nicht leisten kann, sie nicht einzugehen.“

„Ein weiser Satz“, pflichtete ich ihm bei.

„Es kommt noch besser. Er stammt von Peter Ferdinand Drucker, einem Ökonom.“

Mit seiner einzigartigen Fähigkeit, immer zur richtigen Zeit die passenden Zitate und Sprüche aus seinem Archiv zu kramen, überraschte und begeisterte mich Mike jedes Mal aufs Neue.

„Es fällt mir halt schwer mich zu öffnen.“, entgegnete ich ihm und fügte noch hinzu, dass ich froh war, wenigstens mit ihm über solche Dinge reden zu können.

Nachdem ich noch etwas geflirtet hatte, verließ ich den Ort doch alleine, da ich nicht in Stimmung war.

Etwas in Gedanken ging in ich an diesem kalten Winterabend durch die verlassenen Straßen. Plötzlich konnte ich nicht mehr aufhören, an meine Vergangenheit zu denken. Meine Mutter wurde von einem betrunkenen Alkoholiker in einer zwielichtigen Bar niedergestochen, da war ich gerade drei Jahre alt. Trotzdem trinke ich und treibe mich ebenso in diesen Bars herum, was einerseits kein Problem darstellt. Auf der anderen Seite ist es ein Konflikt, den zu lösen ich nicht in Stande bin, geschweige denn ihn zu definieren.

Manchmal komme ich mir vor wie ein Raucher, dessen rauchender Vater an Lungenkrebs gestorben ist und auf seiner Beerdigung auf seinen Sarg ascht.

Im Augenwinkel nahm ich eine junge attraktive Frau wahr, die mir entgegen kam, dann an mir vorbei ging. Als ich diesen kurzen Moment der Begegnung schon fast wieder vergessen hatte, kam ich zu einer roten Fußgängerampel. Die Straßen waren alle schon längst verlassen und leer.

Als ich gerade hinübergehen wollte, fiel mir die junge Blondine von vorhin wieder auf. Sie stand diesmal direkt neben mir und lächelte mich an. Ihr Lächeln fror meine Bewegungen ein, so dass ich mit dem rechten Bein auf der Straße und mit dem linken noch auf dem Bürgersteig verweilte/stand, und ich lächelte zurück.

Sie passte sich meiner wahrscheinlich etwas seltsam wirkenden Postion an, in dem sie ihr rechtes Bein ebenfalls auf Straße stellte und mich fragte, ob wir es wagen sollten, über die rote Ampel zu gehen.

„Wir wagen es.“ , antwortete ich und löste mich aus meiner Nagetierstarre.

Unsere Wege verliefen lang genug parallel, um ihren Vornamen, ihren Beruf und ihre restabendliche Aktivitäten herauszufinden.

Dass sie nur umgekehrt war, um mich kennen zu lernen, erfuhr ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

An einer Kreuzung trennten sich unsere Wege, und ich lud sie auf einen Kaffee ein.

„Ich kann dir auch genau einen guten Grund nennen, warum du nicht ablehnen solltest.“,versuchte ich, ihr meine Einladung noch schmackhafter zu machen.

„Da bin ich aber mal gespannt…“, meinte sie und schaute mich mit ihren großen blauen Augen erwartungsvoll an.

„Weil es ein witziger und origineller Anfang einer sehr guten Geschichte wäre..“

Am nächsten Abend saß ich wieder am Tresen und schilderte mein Erlebnis.

„Und, hat sie ja gesagt?“, fragte mich Mike, nachdem er die erste Runde bestellt hatte.

„Ja, sie hat ja gesagt. Ich werde mich morgen Abend mit ihr im Café Cult treffen!“, antwortete ich.

„Den Spruch werde ich mir merken…“, wir stießen an, und er fügte die Frage hinzu, ob ich diesmal bei ihr zum Frühstück bleiben würde.

„Ich will dich nicht schockieren, aber diesmal werde ich es anders machen und sie erst kennen lernen.“

„Du willst also sagen, dass unser letzter Dialog über grau und schwarz dir gezeigt hat, dass es auch Vorteile haben kann, einen Menschen näher als nur körperlich kennen zu lernen?“ Einen gewissen sarkastischen Ton konnte Mike sich bei dieser Aussage nicht verkneifen.

„Vielleicht…“

„Hört, hört! Hast du dir denn schon Gedanken gemacht, wie euer erstes Date nach der Tasse Kaffee weiter geht?“

„Nein, aber das ist in Ordnung. Ich bin der Meinung, dass man nicht soviel planen sollte, da sich schöne Momente am besten ohne Rahmen entfalten können.”

Später am Abend kam ich in meine Wohnung. Nachdem ich richtig aufgeräumt und geputzt hatte, setzte ich mich auf mein Sofa und schaute mich um. Mir fiel die goldene Figur des Feuervogels Phoenix auf, die mir Mike zum Geburtstag geschenkt hatte. Er verglich mich gerne immer wieder aufgrund meiner Vergangenheit mit Phoenix aus der Asche, und als er sie bei Ebay fand, musste er sie mir kaufen. Mit warmen Wasser säuberte ich sie und dekorierte anschließend mit ihr eine leere Stelle auf meinem Badezimmerregal.

„Schön hier.“, sprach ich, als ich mein Zimmer wieder betrat, in den leeren Raum, und mein Blick fiel auf meine große Yucca-Palme.

„Durch dich wird mein Zimmer zum Ort der Ruhe und Entspannung“,sagte ich, säuberte mit einem nassen Lappen ihre Blätter und goss sie anschließend.

„Wie war dein Date letzte Woche?“, mit dieser Frage wurde unser wöchentliches Treffen in unserer Stammkneipe von Mike eröffnet.

„Welches meinst du?“, entgegnete ich trocken.

„Wieviel hattest du denn letzte Woche?“

„Vier.“

„Ich dachte, du wolltest dich ändern. Also braucht man sich den Namen Jenny nicht zu merken?“

„Doch natürlich. Wir haben uns letzte Woche viermal gesehen….“ Zufrieden lächelte ich ihn an.

„Glückwunsch! Wird es ein fünftes geben? Ich meine, mehr als vier sind bei dir ja sonst nicht drin gewesen.“

„Morgen Abend koche ich für sie bei mir…“

„Bei dir? Ich dachte du nimmst nie eine Frau mit zu dir. Hat es dich endlich erwischt?“

Schnell mit einem Achselzucken beantwortet brachte mich diese Frage trotzdem zum Nachdenken.

Hatte es mich erwischt?

Am nächsten Abend klingelte es pünktlich an meiner Tür, und etwas nervös öffnete ich.

„Was gibt es denn Leckeres zu Essen?“, fragte mich Jenny und betrat meine Wohnung.

„Laut “Google” das beste Date-Menü. Salat als Vorspeise, Pasta als Hauptgericht und Schockladeneis zum Nachtisch.“

„Klingt, als hättest du dir wirklich Gedanken gemacht ..“

Der Abend verlief harmonisch und romantisch. Nach dem Essen saßen wir noch lange auf dem Sofa, und es kam auch zum dem ersten Kuss.

„Ich denke, ich werde mich langsam auf dem Heimweg machen, es ist schon spät geworden.“

„Ich mache nicht nur ein gutes Abendessen, sondern auch ein sehr gutes Frühstück“, flüsterte ich ihr ins Ohr und küsste ihren Hals.

„Wenn das so ist, werde ich diese wilde Behauptung doch einmal auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen müssen.“

Die nächsten Wochen waren einfach traumhaft. Wir sahen uns regelmäßig und waren beide der Meinung, dass dies der Beginn von etwas Großem war.

„Weißt du“, fing sie an, als sie in meinem Arm lag, „ ich lese gerne deine Gedichte an deiner Zimmerdecke. Ich finde es sehr schön, dass du schreibst, aber dort steht kein einziges positives Gedicht. Auch kein Liebesgedicht. Hast du nie schöne Momente gehabt, worüber es sich zu schreiben lohnt?“

Mir lief es kalt den Rücken herunter. Dem Thema Vergangenheit konnte ich bis jetzt ja immer gut aus dem Weg gehen. Sie sprach selbst nicht viel von ihrem Elternhaus und wir trafen uns grundsätz nie bei ihr. Um keine Gegenfragen zu riskieren, sprach ich dieses Thema selbst nicht an.

„Kannst du mir einen Gefallen tun und in meinem Notizblock auf der letzten beschriebenen Seite nachsehen? Dort steht ein Gedicht, das du mir bitte vorliest..“, sprach ich, nahm den Edding und stellte mich auf das Bett.

Ferdinand und Luise

Die aufgehende Sonne,
das Licht von mir nicht erkannt.
Schleich ich durchs Dunkel,
und reiche dir meine Hand.

Ein Schritt ins Leere,
und der Schmerz wär’ groß.
Angst begleitet mich,
doch ich lasse dich nicht los:

Naiv ist die liebende Seele,
doch nur diese ist in der Lage,
auch größte Gefahren zu überwinden,
um zu dir zu finden.

„Das finde ich schön. Wieso hast du es denn Ferdinand und Luise genannt?“, fragte sie mich und, froh darüber, das Thema von meiner Vergangenheit auf Lyrik gelenkt zu haben, antwortete ich:

„Es ist eine Hommage an Schillers Kabale und Liebe. Die Protagonisten heißen halt so.“

„Sie war schon wieder bei dir? Wie lange seit ihr nun schon zusammen? Vier oder fünf Monate?“, fragte mich mein bester Freund bei unserem nächsten Treffen.

„Fünf. Es (was denn???) hat sich noch nicht wirklich ergeben, zusammenzuziehen (?). Tatsächlich habe ich sie auch neulich darauf angesprochen. Sie meinte, bei mir wäre es leichter, da sie noch bei ihrem Vater wohne und er es nicht gerne sehe, wenn fremde Männer bei ihm im Haus übernachten würden.

„Gut, mag sein, aber warst du denn schon überhaupt bei ihr? Ich meine, auch mal tagsüber?“

„Nein, nicht in der Wonung. Wieso ist das denn so wichtig?“

„Es wird dir nicht gefallen. Aber meiner Meinung nach ist die Vergangenheit eines Menschen ein wichtiger Aspekt für die Entwicklung seiner Persönlichkeit. Du weißt ja nichts von ihr. Wie war ihre Kindheit? Wie sieht ihr Zimmer aus? Ein Buch kaufst du auch nicht, ohne wenigstens den Klappentext gelesen zu haben.“

„So bleibt es spannend.“, erwiderte ich kurz und knapp.

„Offenheit ist der Weg zum Glück. Öffne dich ihr und teile ihr deine Vergangenheit und Gefühle mit, dann wird sie sich auch öffnen. Wie viel hast du ihr denn von dir erzählt?“

Mein Schweigen zeigte ihm meine Antwort und dass eine weitere Diskussion über dieses Thema nicht in meinem Sinne war.

Eines Abend lag ich mit Jenny im Bett und scherzte herum. Ein halbes Jahr lang hatte sie mir nun schon mein Leben veschönert, und es war jetzt der richtige Moment, ihr das auch zu sagen.

„Weißt du“, begann ich „ seit einem halben Jahr hast du mein Leben bereichert. Aus meinen Gefühlen für dich heraus könnte ich nun drei einfache Worte sagen, doch diese werden in dieser Welt so oft zum falschen Zeitpunkt und zu wenig zu den richtigen Personen gesagt, dass sie dem, was ich empfinde, nicht wirklich gerecht werden. Also habe ich versucht, meine Gefühle für dich, in vier Versen auszudrücken“

Zu ihr gebeugt flüsterte ich ihr ins Ohr: „Jede Sekunde ohne dich ist wie eine Woche ohne Sonnenschein. Jeder Atemzug ohne dich ist wie ein Monat ohne Glücklichsein. Jeder Augenblick ohne dich ist wie tausend Hiebe. Ein Leben ohne dich wäre ein Leben ohne Liebe.“

Ich schaute ihr in ihre tränennassen Augen, nahm ihre Hand und sprach weiter:

„Liebe ist Vertrauen.“

Mit ihrer Hand auf meiner Brust erzählte ich ihr von meiner Vergangenheit, dem frühen Verlust meiner Mutter durch einen Betrunkenen., die Jahre bei meiner Oma und auf der Straße. Vom Gefühl, wie es war, keinen Vater zu haben, weil dieser mich aus religiösen Gründen verstieß und vieles mehr beschrieb ich ihr.

Es war eine wunderbare Nacht, und so nah wie ihr hatte ich mich vorher noch keinem Menschen gefühlt.

Am nächsten Abend fand wieder unser kleiner Stammtisch statt.

„Der Verlust meiner Mutter durch einen Betrunkenen schien ihr sehr nah zu gehen“, erklärte ich meinem Freund am gewohnten Ort.

„Natürlich – die Frau ist eben sehr einfühlsam. Ich finde es klasse, dass du diesen Weg gegangen bist. Willkommen in der weißen Lebenszone.“, wir stießen an.

„Schade ist, dass sie mir so wenig erzählt hat. Über ihren Vater zum Beispiel, bei dem sie lebt, hat sie gar nicht gesprochen. Und bei ihr war ich immer noch nicht.“

„Hat sie es dir denn verboten?“, wollte Mike wissen.

„Nein, das nicht. Wir meiden das Thema bloß,“ entgegnete ich ihm.

„Kauf ihr einen Blumenstrauß und überrasche sie. Klingel einfach an ihrer Tür und sage ihr, dass du Sehnsucht hattest.“

„Weißt du was, dass mache ich vielleicht!“, antwortete ich und ignorierte, wie immer, die anderen hübschen Mädchen im Raum.

Tatsächlich befolgte ich seinen Rat und einige Tage später stand ich abends mit einem Blumenstrauß vor Jennys Haustür und klingelte.

Erstaunt schaute sie mich an, war aber erfreut und nach einer stürmischen Begrüßung schauten wir uns in ihrem Zimmer einen Film an.

„Wieso hattest du immer etwas dagegen, dass wir hier Zeit miteinander verbringen?“, fragte ich sie.

Sie schien etwas verunsichert und antwortete: “In Ordnung Marc, ich wollte es dir nicht sagen, aber mein Vater hat Probleme und ich bin das Einzige, was er noch hat…“

Auf einmal riss ein wütender Mann mittleren Alters die Zimmertür auf und schaute mich aus seinen roten, hasserfüllten Augen an.

„ Wer ist denn dieser Bastard?“ schrie er in unsere Richtung und schlug die Zimmertür wieder zu.

„Jennifer, bewege gefälligst deinen Hurenkörper in den Flur, ich muss mit dir reden.“, tönte es von draußen.

„Was ist denn hier los?“, flüsterte ich und war völlig geschockt.

„Ich habe dir doch gesagt, dass mein Vater keinen Männerbesuch duldet. Außerdem ist er ein starker Trinker. Er hat Probleme…“

„Sofort!“, donnerte es erneut aus dem Flur.

Sie stand auf, und meine Versuche, sie davon abzuhalten, waren genauso zwecklos, wie einer rasenden Wildschweinmutter zu erklären, dass man ihren Ferkeln nichts tun würde.

Wie paralysiert liefen Bilder vor meinem inneren Auge ab. Meine Mutter blutüberströmt in dieser Bar. Die Jahre auf der Straße und die wohlhabenden, nach Alkohol stinkenden Männer, die ich dort kennen lernte.

Es gab einen höllischen Lärm, und als Jenny schrie und der Knall einer Ohrfeige noch im Flur verhallte, riss ich die Tür auf und sah, wie sie sich auf dem Boden liegend vor Schmerzen wand.

Ihr Erzeuger schüttelte sich die rechte Hand und blickte mit leeren, vom flüssigen Teufel rot gefärbten Augen in mein wahrscheinlich zu erst geschocktes, dann von vor Wut verzerrtes Gesicht.

Dem unkontrollierten Herumgefuchtel des Betrunken ausweichend streckte ich ihn mit einem Schlag nieder. Ich trat ihm noch zwei Mal in die Seite, und als ich sicher war, dass er erst einmal nicht mehr aufstehen würde, drehte ich mich zu meiner Freundin um.

Sie stand schon wieder aufrecht und schaute an mir vorbei auf den langsam atmeten Männerkörper.

„ Papa!“, schrie sie und kniete sich neben den Mann, der sie ein paar Minuten zuvor noch als Schlampe beschimpft und geschlagen hatte.

„Was hast du getan, Marc? Warum bist du bloß hierher gekommen?“, schrie sie mich an.

Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass ihr Vater nicht ernsthaft verletzt war, warf sie mich mit den Worten, ich sei der schlimmste Fehler, den sie je begangen hätte und sie würde mich nie wieder sehen wollen, aus ihrem Haus.

Alle Erklärungsversuche und Liebesschwüre zerschellten an der kalten Mauer, die binnen Sekunden zwischen uns hoch gezogen worden war.

Mein Kummer führte mich schnurstracks in einen Spirituosengeschäft und anschließend in meine Wohnung.

Ein junger Mann, der mir fremd zu sein schien, schaute mir mit roten Augen und zerzausten Haaren aus dem Badezimmerspiegel entgegen.

„Ich schaudere nicht, den kalten schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll!“, sprach das fremde Spiegelbild.

„Was willst du mir sagen?“, fragte ich. Doch ich wusste schon, worauf er hinaus wollte. Das Werk, aus dem das Zitat stammte, war mir mehr als nur bekannt und es lag aufgeschlagen auf meinem Schreibtisch

„Du reichtest ihn mir und ich zage nicht. All! All! So sind alle die Wünsche und Hoffnungen meines Lebens erfüllt! So kalt, so starr an der Pforte des Todes anzuklopfen.“, zitierte mein Spiegelbild weiter aus Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfang von Goethe

„Dass ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für dich zu sterben! Ich wollte mutig, ich wollte freudig sterben. Wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wieder schaffen könne.“, fuhr ich, etwas nuschelnd durch die halbe Flasche russischen Trosts, fort.

Mein Blick fiel auf den Fön, die Steckdose und die Badewanne. Sollte es nun so enden?

„Aber ach! Das ward nur wenigen Edlen gegeben, ihr Blut für die…“, sprach der Mann aus dem Spiegel weiter und verstummte plötzlich mitten im Satz. Der Feuervogel Phoenix, vom Badezimmerregal, kam mir gerade recht, um mit ihm die Gedanken in tausend Teile zu zerschlagen.

„Sieben Jahre Pech sind mir lieber, als das Ende von Werther zu teilen“, sprach ich, ging in mein Zimmer, warf meine Yucca-Palme um, schnappte mir den Edding und schrieb an meine Wand:

Himmel und Hölle

Schön war die Zeit, der Himmel nah

Heute, groß das Leid!

Langsam wird mir klar,

es wird niemals mehr so sein,

wie es einmal war!

Ich sehe dich,

du siehst mich nich’!

Der Himmel ist fern.

Gute Erfahrungen wünsche ich mir,

doch nur aus schlechten kann man lernen.

Wo ist die Liebe, die uns verband?

Ich erreiche des Wahnsinns Rand!

Die Hölle bricht ein!

Doch ich spüre, ohne das Schwarze

wäre das Weiße nicht so rein

Weitere Versuche, den Kontakt zu Jenny wieder aufzunehmen, blieben erfolglos, und ich lernte mit der Zeit, damit umzugehen. Trotzdem treffe ich mich nun auch wieder mit Mike. Nachdem ich ihm zunächst die Schuld an allem gegeben hatte, wurde mir klar, dass seine Ratschläge nur die Ratschläge eines Freundes waren, und am Abend sahen wir uns wie gewohnt an unserem Erholungsort.

„Du hast dich weiterentwickelt, und sie war noch nicht so weit. Das Wichtigste ist nun, nicht wieder in dein altes Muster zurück zu fallen.“, betonte er.

Zustimmend schaute ich hinüber zu einem sehr hübschen Mädchen am anderen Ende des Tresens.

Der gut beleuchtete Hausflur bot ein Bild des Abschieds, das nicht besser zu dieser Nacht hätte passen können.

Die Mülltonnen warenschlampig abgestellt und versperrten den Weg nach draußen.

„Warum gehst du denn? Ich dachte du wolltest mit mir frühstücken?“, sprach das Mädchen vom Tresenende. „Wir sind fast Nachbarn und ich frühstücke grundsätzlich allein“, antwortete ich. „Echt – wo wohnst du denn?“

Der Knall der zufallenden Tür teilte ihr meine Antwort mit, nur diesmal konnte ich mir, als ich entspannt – und ich glaube, auch etwas zerzaust – durch den Sonnenaufgang nach Hause ging, ein Lächeln nicht verkneifen.

freundschaft oder liebe

Von sonnenschein am 2. Oktober 2009 veröffentlicht

eine reale geschichte aus der heutigen singlewelt

es war herbst 2007……
die blätter fielen,die abende wurden immer länger.
eine für singles nicht sehr prickelnde jahreszeit brach heran,in der sich die frage stellte wie man denn die nun vielen langen abende sinnvoll füllen könnte,ohne ständig vor dem TV zu verkümmern.
jeder wusste die dunkle jahreszeit ist lang,sämtliche befreundete paare beschätitgen sich nun mehr innerhalb der familie,hatte somit weniger zeit für gemeinsame aktivitäten.
für paare brach die kuschelzeit an,verständlich,auch für singles.
zum glück hatte die moderne zeit das internet geschaffen,mit vielen kontakt+singlebörsen,chats und gesprächsforen – eine beliebte abwechslung für singles,vor allem in den herbst und wintermonaten.
in einer kleinen stadt NRW`s saß K.-H. in seiner kleinen dachgeschosswohnung,er,48 und single,war nach über 1 jahr solo-dasein das alleinsein satt.
mit seinem ehrlichen wesen hatte er dennoch bisher nicht geschafft,auf abendlichen unternehmungen eine frau kennenzulernen,die er sich als partnerin vorstellen konnte,oder eine die interesse ihrerseits erwiderte.
auch wenn er samstags abends in die in der nachbarstadt gelegene disco ging,kam er nur einsam nach hause zurück.
zur gleichen zeit,etwas 40km entfernt,saß daggi,49 jahe alt,mit ihrem studierenden sohn in einem großen haus lebend,auch allein auf dem sofa.wie an so vielen abenden zuvor.
sie hatte sich nach einer gescheiterten beziehung erst einmal in ihre 4 wände eingegraben.
sie ging zum job,verbrachte zeit mit ihren kids,enkelkind und ab und an mit freunden.
ansonsten hielt ie sich dem leben da draussen mehr fern,sie hatte beschlossen nun erstmal solo zu bleiben.
ihre letzte beziehungspleite lernte sie geanu auf dieser singlebörse kennen.
sie zog sich dort zurück nach aussen,war nur noch für dort auch vertretene bekannte online.
an einem abend im september ging sie wie häufig abends an den pc,um nachzuschauen ob einer ihrer bekannten online sei.
im TV lief eh nichts gescheites,also lieber ein bißchen unterhaltung per mail.
ups-da hatte sie ja eine zuschrift von einem ihr unbekannten!wieder einer dieser hier reichlich vertretenen baggertypen ?
der nickname sagte ihr nichts,nun,dann war er bisher zumindest noch nicht unangenehm aufgefallen.-))
sie dachte:mal schaun was er so schreibt?
eine sehr nette,unaufdringliche mail war in ihrem postfach.
eine rarität hier!
sie hatte hier nie jemanden verletzt,zumindest immer freundlich und höflich ablehnend geantwortet.
diese mail beantwortete sie freundlich und zurückhaltend,sie hatte das gefühl dort hatte ihr ein zurückhaltender und ehrlicher mann geschrieben.
kein schönling,kein charmeur,kein aufdringling wie sonst meistens….
aber sehr sympathisch.
vom text wie vom foto.
daraus ergab sich in den folgenden tagen und wochen eine beständige hin+hermailerei.
in der kleinen dachgeschosswohnung saß k.-h. am pc,traurig über das alleinsein…..ups-eine antwort!
die ersten mails wurden ausgetauscht,er fragte zurückhaltend nach einem foto von ihr.
und?-er bekam es auch einige tage später.
schon vom profil und mailen her,hatte er das gefühl am pc gegenüber säße eine besondere frau?!
zurückhaltend,vorsichtig und dennoch sehr ehrlich und herzlich wirkend.
als das foto eintraf war er irgendwie sofort wie “verzaubert” von ihr.
ab da war er fest entschlossen diese frau auch real kennenzulernen!
doch sobald er in mails auf ein telefonat oder sogar persönliches treffen zu sprechen kam,merkte er wie sie sich wieder zurückzog!
für ihn jedoch keinesfalls eine motivation seine bemühungen dahingehend einzustellen!
steinböcke sind hartnäckig!
die mails gaben ihm sehr viel-dort war eine frau die ihm zuhörte,ihn als mensch akzeptierte.
genauso ging es ihr.
erstaunt darüber das es wirklich noch männer gab,die trotz einiger vergeblicher versuche die tel.-nr. zu erringen,nicht aufgaben,freute sich abend für abend darüber von ihm zu lesen.
so vergingen einige wochen.
jeder für sich abends allein am pc – und doch irgendwie gemeinsam,keiner fühlte sich mehr soo sehr allein.
k.-h. hatte sein ziel fest vor augen : ich muss sie persönlich kennenlernen,ihr in die augen sehen!
und dieses ziel verfolgte er langsam stück für stück jeden tag aufs neue.
nach ein paar wochen war es soweit!
das erste telefonat stand bevor,er hatte sie mit seiner beharrlichkeit,auf unaufdringliche art,überzeugt!
aufgeregtheit bei ihm-skepsis bei ihr.
und doch ,dieses erste telefonat wurde sehr lang…..
die sympathie der vorherigen mails wurde in dem telefonat bekräftigt.
so wurden aus den abendlichen mails,nun immer öfter ein persönliches gespräch am telefon.
gut das beide eine flat hatten.-))
denn finaziell ging es beiden aus gründen vorheriger arbeitslosigkeit nicht gerade rosig.
sie hatten viele geminsamkeiten bezüglich ihrer lebenserfahrung-situation und auch interessen.
musik und tanzen liebten sie beide sehr.
nach und nach versuchte k.-h. nun auch ein persönliches treffen zu vereinbaren.
doch daggi ging diesem nach wie vor aus dem weg.
aus feigheit?aus angst vor neuer enttäuschung?
je mehr er darauf zu sprechen kam.desto mehr zog sie sich wieder zurück hinter ihre mauer.
so kam es das auch zeitweise die liebgewonnen telefonate wieder weniger wurden.
die weihnachtszeit stand nun bevor.
die frage für jeden single:wie verbringe ich diese tage der besinnlichkeit?allein?
mit wem?
als fünftes rad am wagen in befreundeten familien?
gut,der 24.12. gehört auch bei sinles meist der familie,eltern und kindern.
die kennen einen ja solo!denen macht es auch nichts aus!
und der 1.+2.feiertag?
k.-h. versuchte sie zu einem treffen zu überrreden.
sie sagte sogar zu…….doch kurz vor knapp versagte daggi`s courage!
sie sagte ab!
in der kleinen dachgeschoßwohnung kehrte die enttäuschung zurück……wieder allein an weihnachten.
und doch hatte er das gefühl,er wüßte das diese absage aus angst geschehen war.
also,nicht verzagen-weiter fragen!
silvester stand nun unmittelbat bevor.
die gleiche frage wie eine woche zuvor……wo?mit wem?……
er fragte sie erneut: gehst du mit mir aus?zum tanzen vielleicht?
sie erwiderte : nein,ich habe meine enkelin am 31.12. über nacht,damit die kids feiern können.
k.-h. dachte:muss die frau immer so für andere da sein?kann sie nicht mal an sich selbst denken,ausgehen und einfach fröhlich sein?
aber er war auch da sehr verständnisvoll!
er erzählte daggi das er dann mit bekannten im cafe zentral abends feiern wolle,ob er ihr denn um 0.00uhr eine sms schicken dürfe?
da hatte sie nicht gegen- sie saß ja sicher daheim,mit enkelin und einer bekannten die versuchte ihr alleinsein bei daggi zu vergessen an diesem abend.
um punkt null uhr kam diese sms,und einige mehr flogen daraufhin hin + her!
später in der nacht,k.-h. war inzwischen zuhause,klingelte das tel bei daggi.
er wollte ihre stimme hören-hatte kurz nach dem jahreswechsel keine lust mehr “allein” in dem lokal mit seinen bekannten zu bleiben.
ihre stimme war ihm wichtiger!
die chance das sie auch noch wach war,er mit ihr telefonieren könnte…….
auch diese gespräch dauerte wieder recht lange – beide waren froh,wieder hatte jeder das gefühl nicht alleine zu sein……..
an einem abend der für die meisten menschen am schwersten allein zu überstehen ist.
und er rang ihr in dieser nacht das versprechen ab,am nächsten WE tanzen zu gehen-endlich ein persönliches treffen.real und live!
war der sekt schuld??- dachte sie am nächsten morgen.
nein,spürte sie,der war es nicht.
und doch blieb diese unsicherheit ob sie es wagen sollte!
so auch bei ihm : sagt sie wieder ab?
doch daggi war ne frau die hielt was sie versprach,sie dachte: nocheinmal absagen geht nicht,das wäre mehr als unfair!
und k.-h. fieberte dem WE entgegen,mit der ungewissheit ob sie diesmal wort hielt?
der samstag abend kam.
ziel war eine beiden aus früheren zeiten bekannte tanzlokalität in dortmund.
gegenüber dem HBF.
dort ,wo einer frau bei dem menschenzulauf eigentlich nichts an risiko entsteht bei einem treffen mit einem relativ fremden mann.
sie erkannten sich auf anhieb-ohne die manchmal üblichen erkennungszeichen bei so einem ersten date.
nervös,aber dennoch irgendwie vertraut ,begrüssten sie sich.
und mit jeder minute verlor sich jede fremdheit zwischen ihnen.
der abend war schön und lang.
gemeinsame tänze,lange gesrpäche,lachen und sogar so etwas wie flirt erfüllte den abend.
selbst auf der tanzfläche waren sie nach den ersten 2 tänzen fast vertraut in ihren schritten.
es wurde morgen……die lokalität würde bald schliessen,und sie beschlossen aufzubrechen.
k.-h. brachte daggi zu ihrem aut,das nebenan auf dem parkülatz stand-ganz gentlemen.
es war anfang januar und bitterkalt.
doch das zittern der beiden rührte nicht nur von der kälte dieser winternacht!
aufregung,nervösität…….nun DIE frage – sehen wir uns wieder???
k.-h. nahm daggi in den arm – und stellte diese frage mit viel unsicherheit?
wie hatte sie den abend empfunden?genauso wie er?
war sie genauso “verzaubert”von ihm wie er von ihr?
er konnte es zuerst nicht fassen-sie sagte ja!
er küsste sie zart auf die wange,wartete bis sie sicher in ihrem alten auto saß,sagte : fahre vorsichtig!und winkte ihr nocheinmal zu.
in dieser nacht gingen noch ein paar sms hin und her…….
und in der dachgeschoßwohnung wie in dem großen haus war an schlaf noch lange nicht zu denken.
etwas war geschehen in dieser nacht!?
zwei recht einsame menschen dachten darüber nach ob dieses ein anfang für eine zweisamkeit sein könnte?
und so begann das neue jahr.
schon tags darauf ein erneutes treffen.
er holte sie an einem vereinbarten treffpunkt ab – einem parkplatz.
daggi war noch immer sehr vorsichtig – zu ihr nach hause kam niemand,auch der so sehr solide k.h. nicht.
er fragte wohin sie wolle,ob sie einen kaffee bei ihm trinken würde?
sie war erstaunt über ihren mut!
sie sagte ja,zu einem mann den sie erst wenige stunden real kannte.
in ihrem kopf rotierte es : das alles hatte sie schon mal erlebt…….warum war sie wieder so unvorsichtig?
doch seltsam : sie vertraute ihm auf anhieb.
zog gar nicht in erwägung das er irgendetwas tun würde was sie in bedrängnis bringen würde!
so fuhren sie zu seiner wohnung,klein,gemütlich – und halt jungesellenlike.-))
wieder unterhielten sie sich,mal ernsthaft ,mal lustiger……
und die zaghaft entstandenen “schmetterlinge” bewirkten erste zaghafte annäherungen …….
küsse und umarmungen.
k.-h.`s unsicherheit in solchen dingen war nicht zu übersehen……ein baggertyp war er bestimmt nicht.
das stand nun feste für daggi!
sie genoß diese ihr fremde zurückhaltung eines mannes.
die anderen gingen ran wie hacke!
eben verführungskünstler wie sie im buche stehn,doch rein menschlich die allergrößten nieten!
und hier war plötzlich ein sehr unsicherer und doch anziehender mann.
spät in der nacht brachte k.-h. sie zu ihrem auto zurück – sichtlich verliebt…..verknallt ,verzaubert von ihr.
und sie ähnlich : sie konnte nicht fassen das ihr nach all den 2gleisig fahrenden typen so ein mann begegnet war,einer der ihr auch noch zeigte wieviel ihm an ihr lag!
konnte das sein?
ausgerechnet ihr passieren?
daggi-die in den letztenjahren bewies das sie großes talent hatte sich die A..löcher rauszusuchen?
die die nur auf das eine aus waren?
nein-so einer war ER nicht!!!
er lud sie für die nächste woche gleich ein – sein geburtstag stand an!
mit allen freunden,und seinen kids,seiner family!
gab es sowas noch heutzutage?
ein mann der nach so kurzer zeit allen denen er kannte seine “traumfrau”vorstellen wollte?
schon vor der ersten gemeinsamen nacht??
nach ein paar küssen…….ohne zu wissen was daraus wird?
ja-er tat genau das!
und daggi dachte : das überrollt mich nun……macht mir angst,geht alles sooo sehr schnell?
am nächsten tag machte sich die grippewelle bei daggi breit……war der geburtstag damit gegessen?
nein,auch sie wollte ihn nicht wieder enttäuschen!
denn auch bei ihr hatten sich die schmetterlinge niedergelassen……
also,medikamente gegen grippe einwerfen – es wird schon gehen!
was schenkt man einem fast fremden mann,ohne geld zu haben……..?
eine kleinigkeit und etwas was man nicht kaufen kann in der form : einen selbstgebackenen käsekuchen.-))
kochen und backen ist schließlich eine der stärken von daggi………sooo viele hat sie nicht.-))
sie freute sich auf den nachmittag und abend bei ihm!
obwilh gut ging es ihr wirklich nicht – verdammte grippeviren,warum kommen die immer so sehr unpassend??
unpassendes timing!!

Messer, Gabel, Schere, Licht, ist für diese Frisöse nicht

Von admin am 9. September 2009 veröffentlicht

Autor: Alex Koob
Veröffentlicht: workablogic.de

Diese Kurzgeschichte ist Teil einer Serie:

  1. Wenn der Postmann 2x klingelt
  2. Messer, Gabel, Schere, Licht, ist für diese Frisöse nicht

“Pfui Taxi, pfui!” Mein Hund hat irgendwie die Angewohnheit am liebsten gegen die Mauer unseres Nachbarwohnhauses zu machen. Es ist ja verständlich dass er den Druck sofort mal abbauen will sobald wir bei uns aus dem Haus sind aber muss es denn immer direkt an der nächstbesten Wohnhausmauer sein? Wie sieht das denn aus? Dann wird doch wieder sofort getuschelt: “Ah hier, die Frau Soundso, die läßt Ihren Hund wieder überall seine Geschäfte verrichten.” Es wäre ja nicht zum ersten Mal wo ich von einem Nachbarn bei der Gemeinde angeschwärzt werden würde. Jetzt kommt auch noch der Briefträger um die Ecke gefahren. “Taxi, komm weiter, komm…” und ich zwinker ganz verrucht meinem Lieblingspostboten entgegen. Ich wette ich komme gut bei dem an.
Voller Selbstbewusstsein stolziere ich also weiter den Bürgersteig entlang und sehe am Kirchenturm dass es bereits 8:27 ist. Bald muss ich also wieder zur Wohnung umkehren damit ich auch pünktlich um 9Uhr im Frisörladen stehe. Nicht dass es wieder einen Rüffel von der Chefin gibt.
Och man, Chefin… was wäre ich gerne selbst meine eigene Chefin, hätte meinen eigenen Frisörsalon und könnte den mal so richtig peppig einrichten wie es mir gerade gefällt. Nicht alles so grau in grau und langweilig wie es bei meiner Chefin der Fall ist. Aber nun gut… mein eigener Frisörsalon ist vermutlich noch Lichtjahre entfernt, 9Uhr allerdings rückt immer näher und somit heißt es bald wieder: Schnipp, Schnapp!
Auf der Arbeit angekommen bin ich zuerstmal froh dass es noch recht ruhig ist. Nicht nur von den Kunden her, sondern auch die anderen Frisösen sind noch nicht vollzählig erschienen und somit ist es um einiges ruhiger als wenn 4 Tratschweiber auf einem Haufen sind. Ich habe natürlich nichts gegen eine solche Kaffeekränzchen-Atmosphäre aber morgens früh kann es gerne etwas ruhiger zugehen.
Die ersten Kunden sind bereits überstanden. Einer Hausfrau aus der Gegend habe ich eine Dauerwelle verpasst, einem dicklichen Taxifahrer sein graues Haar mit neuer Farbe vertuscht und ich durfte sogar einem Piloten die Haare stutzen. Aufregend, aufregend. Nicht was sie jetzt denken, sondern seine Arbeit. Was muss es toll sein über den Wolken zu schweben…
Meine Chefin ruft mich mit ihrer schrillen Stimme allerdings wieder schnell auf den Boden der Tatsachen zurück, der nächste Kunde steht an. Oder besser, die nächste Kundin. Eine liebenswerte Omi, auf den ersten Blick.
Hier die Haare gestutzt, dort wieder ein bisschen Farbe in die Haare gebracht und zack unter die Haube. Während die alte Dame also nun gemütlich Zeitung liest und die Haube ihre Arbeit verrichtet, kümmere ich mich um einen Jungen im Teenager Alter, der mir das Leben sehr einfach macht. “Einmal bitte rundum auf 10mm gestutzt” sagte der kleine Mann. Wow, sogar ein Bitte habe ich gerade bekommen. Da soll mal einer sagen die Jugend von heute wäre nicht mehr das was sie mal war?!
Ich habe also mal alles mit der Schere schon etwas ausgedünnt und kurzgeschnitten ehe ich die Haarschneidemaschine ansetze, alles bis auf 10mm abrasiert habe und vor lauter Rasieren habe ich doch glatt unsere liebe Omi vergessen, die mittlerweile fast unter der Haube dahin geschmolzen wäre, wäre sie nicht so tief in Ihre Zeitschriften versunken. Es roch sogar schon etwas komisch aus ihrer Gegend, ob es aber nun der Apparat oder doch schon ihre Haare sind, sei mal lieber dahin gestellt. Nur gut dass die älteren Mitmenschen wohl nicht mehr den besten Riecher haben und gottseidank fiel der guten Dame mein Malheur auch nicht auf und als die geschätzte 80jährige den Salon verlassen hatte, musste ich erst einmal gut durchpusten. Uffh, nichts passiert.
Ordentliches Trinkgeld bekam ich ebenfalls von ihr – danke gnädige Frau. Bestimmt war sie froh dass ich ihr mehr als genügend Zeit gegeben hatte um die Klatsch&Tratsch Zeitschriften in Ruhe fertig zu lesen.
Nun ging es auch schon zielsicher in Richtung Feierabend und dort wartet mein kleiner Vierbeiner auch sicherlich schon auf seine nächste Portion im Fressnapf. Vielleicht lache ich mir ja auch mal endlich wieder einen Zweibeiner an, doch vom Letzten ist halt nur der kleine Taxi geblieben. Meinem Ex selbst, dem waren seine Tüfteleien und sein Tuning an seinem Manta halt wichtiger als ich und somit war dieser Lebensabschnitt auch wieder schnell beendet.

Wenn der Postmann 2x klingelt

Von admin am 22. August 2009 veröffentlicht

Autor: Alex Koob
Veröffentlicht: workablogic.de

Diese Kurzgeschichte ist Teil einer Serie:

  1. Wenn der Postmann 2x klingelt
  2. Messer, Gabel, Schere, Licht, ist für diese Frisöse nicht

Ich drehe mich um, schlage auf den Wecker und denke wie jeden Morgen: “Jetzt schon aufstehen!?” Doch ich kratze all meine Kraft zusammen die man morgens früh schon um vier Uhr in seinem Körper vorfinden kann und gehe schlaftrunken ins Bad. Ich schaue aus dem Fenster und sehe dass die Autos zugefroren sind. Scheisse… wieder einmal heißt es kratzen, kratzen, kratzen ehe ich mit meinem Auto zur Arbeit fahren kann. So langsam bin ich das kalte Wetter wirklich satt. Das hält nun schon mehrere Wochen an. Dreck!
Nach dem Frühstück steht dann auch wie erwartet 10-minütiges Kratzen an und um 4:27 bin ich unterwegs zur Arbeit. Nach einer halben Stunde Fahrt über größtenteils leere Straßen bin ich im Postamt angekommen. Zuerst gönne ich mir mal einen guten, tiefen Schluck Kaffee und fange an mich um meine Postkörbe zu kümmern.
Als die letzten Briefe und Zeitungen sortiert sind, gehts ab Richtung quitschgelbes Auto wo ich alles brav auf dem Beifahrersitz nach Straßen sortiere und die Fahrt kann beginnen.
Ich kann es Euch sagen, das ewig frühe Aufstehen kann schon schlauchen, aber ich will mich hier keinesfalls beklagen denn ich kann froh sein in der heutigen Zeit überhaupt einen mehr oder minder sicheren Arbeitsplatz zu haben.
Unterwegs kann ich mich natürlich wieder gut über all die Leute aufregen, die vor Ihrem Haus rechts wie links meterweise Platz hätten um Ihr Auto zu parken, aber natürlich müssen diese genau vor dem Briefkasten stehen. Wäre ja auch zu schön und einfach, wenn mal jemand an den Briefträger denken würde, der sonst schön gemütlich bis zum Briefkasten vorfahren, das Fenster runterdrehen und die Post einwerfen könnte. Gerade jetzt wäre es für mich ein richtiger Genuss bei der Kälte im Auto sitzen bleiben zu können und nicht alle 30m immer wieder in die Kälte raus zu müssen. Aber nein, die meisten Menschen denken halt genau so bequem wie ich.
Die Straßen werden voller und das arbeitende Volk verstopft allmählich die Strecken. Nur gut dass ich in rund 2 Stunden wieder im Büro sitze und mal wieder Post sortieren kann – im Warmen!
Sonst ist heute nicht viel passiert, abgesehen von der drallen Blondine die mir abermals mit einem Auge zugezwinkert hat, als sie mit Ihrem kleinen Kläffer an meinem Auto vorbei kam. Geschmeichelt fühle ich mich dabei allerdings nicht. 1. passt die Frau frisurtechnisch besser zu Ihrem Hund als zu mir und 2. kommt sie von Ihrem Kleidungsstil auch eher an den Stil meines quitschgelben Autos heran als an meinen.
Natürlich könnte ich noch einige Geschichten von älteren Damen und Herren vom Stapel reißen aber die sind meist so langweilig, dass ich selbst mit mir kämpfen muss nicht über den Diskussionen mit ihnen einzuschlafen. Es ist ja verständlich dass die Leute froh sind wenn sie mal einen Gesprächspartner finden den sie vollmüllen können, doch muss es denn immer ich sein?!
So ging es nach einigen, sinnlosen Konversationen, unzähligen Posteinwürfen und stundenlangem Sortieren im Laufe des Nachmittags wieder zurück in meine 4 Wände und a propos 4… morgen früh ist es wieder soweit!

Und nächstes Mal bitte dran denken wo man parkt. Danke, Euer Postmann