Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Cinderella 2010 (Teil 1)

Von MJ am 29. September 2010 veröffentlicht

“Estelle, bitte komm mal in die Küche”, ruft Sabine Weiland durch die kleine Wohnung am Stadtrand von Berlin. “Ich muss mal mit dir sprechen.” Das dies nichts Gutes zu bedeuten hat, ist Estelle sofort klar. Nur selten sucht ihre Mutter ein klärendes Gespräch, wenn etwa Geldprobleme der Familie zu schaffen machen oder Estelles Vater, der nicht mehr bei der Familie lebt, nicht mit den Unterhaltszahlungen nachkommt. “Ich komme”, ruft Estelle hastig und zieht eilig ihren Lidstrich nach bevor sie sich auf den Weg in die kleine Wohnküche macht. Dort sitzt Ihre Mutter alleine am Tisch. Michel, ihr kleiner Bruder, darf heute bei einem Freund übernachten und daher will die Mutter – das weiß Estelle – die Chance nutzen, um mit ihrer Tochter zu sprechen. “Schatz, dein Vater macht mal wieder Probleme. Er hat für die letzten beiden Monate keinen Unterhalt überwiesen. Ich muss leider ab nächster Woche wieder mehr arbeiten gehen. Das heißt für dich, dass du jetzt zwei Mal in der Woche auf deinen Bruder aufpassen musst.” “Kein Problem”, antwortet Estelle wie aus der Pistole geschossen. “Ich muss aber jetzt los, Cynthia wartet schon.” Sie springt sofort auf, drückt ihrer Mutter einen Schmatzer auf die Stirn und zieht ihre neuen Schuhe, ein Paar Vans, das sie sich mühsam vom Taschengeld angespart hatte, aus dem Schuhschrank. “Ich bin um zwei wieder zuhause” ist das letzte, was die Mutter in der Küche hört. Denn im gleichen Moment verschwindet Estelle ohne auf eine Antwort zu warten in den dunklen Gang des großen Mehrfamilienhauses.

Cynthia, mit der sie gemeinsam die 12. Klasse des Gymnasiums besucht, wartet bereits ungeduldig mit Zigarette in der Hand vor dem Haus auf einer Bank. “Mensch, du brauchst echt immer ewig bis du fertig bist”, sagt sie bei der obligatorischen Umarmung mit leicht vorwurfsvollem Ton. “Ich musste noch mit meiner Mutter sprechen”, versucht Estelle als Erklärung zu erwidern, doch diese will Cynthia wohl nicht hören, denn sie zieht ihre Freundin im gleichen Moment am Arm in Richtung S-Bahnhof. Dort angekommen schaffen die beiden Freundinnen es noch gerade in den letzten Wagen der Bahn zu springen, bevor sich die Türen schließen. Nach rund zwanzig Minuten Fahrt erreichen beide den Stadtteil Friedrichshain. Dort sind sie mit zwei weiteren Freundinnen in einer Bar verabredet. Da heute alle vier Mädchen früher zuhause sein müssen, steht statt Tanzen ein nettes Bargespräch auf dem Programm. Die angesagte Bar in der Nähe der Warschauer Straße ist schon brechend voll. Estelle und Cynthia sehen erst nach einigen Minuten ihre beiden Freundinnen, die einen Tisch in der Ecke ergattern konnten.

Cynthia läuft zielstrebig auf die anderen zu, während Estelle noch in ihrer Tasche nach dem Handy kramt. Als sie wieder aufblickt hat sich die Lücke vor ihr geschlossen. Sie sieht nur ein breites Kreuz eines Mannes, der sie um einen halben Kopf überragt. “Entschuldigung, darf ich mal durch”, ruft sie laut, um gegen die laute Musik anzukommen. Doch vergeblich. Der junge Mann dreht sich nicht um. Erst als sie ihren Finger auf seine Schulter tippt dreht sich der große Dunkelhaarige um und blickt ihr in die Augen. Estelle starrt wie gebannt in die braunen Augen eines hübschen Mannes. So scheint sich wohl Liebe auf den ersten Blick anzufühlen, schießt es ihr durch den Kopf. Auch der junge Mann mit kurzem Haar und lässigem Dreitagebart scheint Gefallen an der Situation zu finden, denn auch er erwidert den Blick mit einem Lächeln. “Sorry, aber ich will durch”, ist das einzige, was Estelle ohne den Blick abzuwenden sagen kann. Der geheimnisvolle und doch auf sie so anziehend wirkende Fremde bewegt sich aber keinen Millimeter und bleibt mit einem unverschämten Lächeln vor ihr stehen. Plötzlich beugt er sich zu ihrem Ohr vor und flüstert mit einem deutlich erkennbaren französischen Akzent ins Ohr: “Bleib noch ein wenig stehen.”

Während der Franzose mit säuselndem Ton eine Annäherung wagt, versucht Estelle, die trotz französisch klingendem Namen weder etwas mit dem Land zu tun hat, noch die Sprache beherrscht, den Fremden zu begutachten. Sie erblickt ein Shirt von Lacoste, eine feine Jeans und edle Markenschuhe. Eigentlich nur Äußerlichkeiten, jedoch wird ihr schnell klar, dass sie es hier nicht mit einem armen Schlucker zu tun hat. “Ich bin Pierre und bin Austauschstudent”, sagt der großgewachsene Franzose ohne dabei sein Lächeln aufzugeben. Estelle fehlen immer noch die Worte. Sie kann lediglich mit dem Kopf nicken und versucht sich an ihrem Gegenüber vorbei zu drängeln. “Bleib doch noch hier”, ruft er hier hinterher. Doch vergeblich: Estelle läuft wortlos zum Tisch ihrer Freundinnen, die sie mit großem Hallo begrüßen. Von dem attraktiven Unbekannten erzählt sie jedoch nichts. Nach einer Stunde muss Cynthia zur Toilette. Auch Estelle nutzt die Gelegenheit und begleitet ihre beste Freundin. Nach fünf Minuten versuchen Sie sich erneut zu ihren Freundinnen durchzudrängen. Diese schauen entgeistert auf einen Zettel. “Mädels, was ist los”, fragt Cynthia. “Die Karte ist für Estelle”, entgegnet ihr Nadine, die noch immer mit großen Augen auf den Zettel starrt. Verwirrt schaut Estelle auf das Stück Papier, das sich als edle Visitenkarte entpuppt, und kann nur mit Mühe einen Schrei vor Glück unterdrücken. Der Zettel stammt von Pierre und neben seiner Telefonnummer steht mit Tinte ein “Bitte ruf mich an!” … Fortsetzung folgt.

Tower-Touch

Von eliterator am 23. Juni 2008 veröffentlicht

Noch bis vor kurzem war ich überzeugt, dass der Fernsehturm allen gehört. Schon seit ich denken kann, grüßt mich der freundliche – von den Berlinern angeblich Telespargel genannte und im Russisch-Unterricht als Telebaschnija verunglimpfte – Riese von der anderen Seite des Alexanderplatzes. Von seiner Kuppel, auf der im Sonnenschein ein blitzendes Kreuz prangt – was übrigens den Architekten beinahe in den DDR-Knast gebracht hätte – konnte das DDR-Kind mit einem lachenden und einem weinenden Auge zum ersten Mal den Westen sehen. Rüber machen konnte der potenzielle kleine Republikflüchtling vom Fernsehturm aus allerdings nicht. Die Scheiben waren zwar durchsichtig aber nicht durchlässig.

Ich weiß natürlich nicht mehr, wie das früher wirklich war – zwar soll damals alles allen gehört haben, aber man durfte den ollen DDR-Chefs ja auch nicht alles glauben – jetzt jedenfalls gehört der Fernsehturm ganz sicher nicht mehr allen, sondern der Deutschen Telekom.

Schon der hässlich rosarotmargentafarben-grauweiß-gekästelte Fußballkopf, den man unserem Fernsehturm im Sommermärchensommer aufgesetzt hatte, hätte mich stutzig machen sollen. Aber ich war damals wohl zu trunken von der schwarz-rot-goldenen Partystimmung, als dass ich mir um diese Verschandelung Gedanken machen konnte. Die Meter hohen Metallzäune, die den Fernsehturmfuß einsperren, hatte ich immer als gegeben hingenommen.

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