Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Büroalltag

Von admin am 29. Juni 2009 veröffentlicht

Autor: Mark Staats
Illustration:
Gaby Hylla

bueroalltagDer Wecker piept gnadenlos. Ich erwache. Dabei sind es doch nur drei Stunden Schlaf gewesen. Hatte ja genug zu tun gehabt Diese kleinen Scheißer. Wollten die Kinder mit ihren Drogen vergiften. Ich war ihnen gefolgt. Bis zu ihrem Treffpunkt. Als sie mich sahen, lachten sie. 1,62 und schlank sieht auch nicht gerade gefährlich aus. Ich warnte sie noch. Doch sie lachten weiter. Ich knurrte. Verwandelte mich. Dann lachten sie nicht mehr. Sondern zitterten. Nun liegen sie sicher verscharrt im Wald. Mit ihrem Gift. Und ich muss neue Klamotten kaufen. Ich bin eine Heldin. Eine Superheldin. Pah. Was bringt es mir? Ringe unter den Augen. Daraus resultierend zu wenig Sex. Erhöhten Koffeinbedarf. Daraus resultierend vermutlich frühzeitigen Herzinfarkt. Überproportionaler Bedarf an textilem Nachschub. Daraus resultierend frühzeitige Armut, wegen ausgiebigen Shoppingtouren. Okay, das ist nicht wirklich schlimm. Gut, das mit dem Sex schon.
Mühsam öffne ich die Augen. Wildgeruch steigt mir in die Nase. Da hab ich wohl noch einen kleinen Snack von draußen mit ins Bett genommen. Während andere nachts noch mal schnell zum McDrive fahren, gehe ich in den Wald. Das blutige Kaninchen liegt neben mir auf dem weißen Laken. Nur halb gegessen. So groß war der Hunger nicht. Ich würge. Das muss dann doch nicht sein. Hätte es nicht ein gutaussehender Mann sein können? Der noch lebt. Mich liebvoll wach küsst.
Ist heute Dienstag? Shit, in zwei Stunden kommt die Putzfrau. Ich muss zur Arbeit. Gehetzt springe ich aus dem Bett. Laufe durch die Wohnung. Überall Pfotenabdrücke. Ich besitze aber keinen Hund. Unangenehme Fragen von der Putze will ich nicht beantworten. Gut, die Dusche muss warten. Erst den Snack entsorgen. Aber wohin? Nachbars Schäferhund bellt. Mein einziger Verehrer. Ich ziehe mir den Bademantel über. Laufe mit dem Snack in der Hand in den Garten. Dort steht er, auf Nachbars Grundstück. Er hechelt. Sein Penis erigiert, als er mich sieht. Er riecht die Wölfin in mir. Ich seine Geilheit. Es ist widerlich. Ich werfe den Kadaver über den Zaun. Er schnappt danach und läuft davon. So leicht sind Männer von einer Alternative zu überzeugen. Ich zurück ins Haus. Ziehe das Bett ab. Werfe das Laken in die Waschmaschine. Wische die Bodenfließen. Wozu hab ich eigentlich ne Putze, wenn ich doch selbst ran muss? Ich werde ihr den Lohn kürzen. Nein, werde ich nicht. Puh, geschafft. Noch schnell duschen und mich stylen.
Um 09:00 Uhr sitze ich an meinem Schreibtisch bei Zappel Landmaschinen GmbH. Der erste Kaffee fließt durch meine Blutbahn. Ich starre auf den Bildschirm. 65 ungelesene Mails. Der Chef, Kunden, Andrea, die mich zu einer Singleparty für Samstag einlädt. Im Kuhstall, der Dorfdisco. Ich sage zu. Vielleicht kommen ja ein paar Jungs aus der Stadt. Wäre mal wieder Zeit für mich, mit jemandem Sex zu haben. Der letzte Kerl vor zehn Tagen war ein Schlappschwanz. Hat nur zwei Stunden durchgehalten. Meine Werwolfskraft verlangt nach mehr. Vielleicht sollte ich eine Anzeige aufgeben? Suche Mann der drei Stunden und mehr durchhält. Ein sinnloser Traum. Der deutsche Durchschnitt liegt bei 2,5 min. Da ist vermutlich sogar der Schäferhund noch besser.
„Frau Müller, ich brauche in zehn Minuten eine Präsentation für die Sitzung“, ruft mein Chef aus seinem Büro. Reißt mich damit aus meinen Gedanken. Zehn Minuten? Hat der einen Schaden? Die Sitzung wurde vor vier Wochen geplant. Da hätte er genug Zeit gehabt. Ich brodele. Knurre. Meine Kolleginnen schauen mich verständnislos an. „’tschuldigung“, sage ich. Verdammt. Ich muss besser aufpassen. Kann der Chef nicht mal was stehlen? Das Problem hätte ich dann schnell gelöst. Auf meine Art. Ich grinse. Schaue auf den Bildschirm. Lasse meine Finger über die Tasten fliegen. Zwei Minuten später hält er das Verlangte in der Hand. „Hier, Chef“, meine ich zuckersüß.
„Das hätte aber besser werden können.“ Er wirft einen Blick auf die Folie.
Meine Kaffeetasse in der Hand zerplatzt. Mein Chef erschrickt. „Der Ton war alt“, lüge ich. Schaue auf meine weißen Knöchel. Und du gleich kalt. Aber das sage ich nicht. Ich bin wütend. Ein Vulkan ist nichts gegen mich. Nehme mir vor, ein Auge auf ihn zu werfen. Der hat bestimmt eine Leiche im Keller.
Mittagspause. Heute gibt es Kaninchen. Ich verzichte. Trinke nur einen weiteren Kaffee. Den zwanzigsten. Mein Herz hämmert.
„Päckchen“, ruft ein Bote durchs Büro. Ich sehe ihn an. Er ist neu. Hab ihn noch nie gesehen. Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch. Spüre mein Blut pulsieren. Oder ist es doch der Kaffee? Südländer, Muskelberge, schwarze Haare, dunkle Augen, schöne Hände. Genau mein Typ. Die sollen ja länger können. Den krall ich mir. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich fahre mir durchs rote Haar. Nehme die Brille ab. Öffne zwei Knöpfe meiner Bluse. Lächle. Versuche, Eindruck zu schinden. Gott sei dank hab ich einen kurzen Rock gewählt. Ich stelle mich in Pose. Aber nicht zu aufdringlich. „Ja, hierher“, sage ich. Winke ihn zu mir. Ich komme mir vor wie ein Flittchen. Egal. Ich brauche einen Mann. Er riecht so herrlich. Manchmal ist es toll, eine Werwölfin zu sein. Wir kommen ins Gespräch. Flirteten ein wenig. Ich rieche seine Bereitschaft. Mein Lächeln wird immer breiter. Heute Nacht hab ich einen Mann. Er versaut es.
„Ist das ein Flohhalsband, was Sie tragen?“
Ich schaue ihn schief an. „Pariser Chic.“ Meine Stimme läßt die Luft gefrieren. Dann werfe ich ihn aus dem Büro. Mist, wieder nichts.
Der Rest des Tages zieht träge dahin.
17:00 Uhr. Endlich Feierabend. Raus aus der Firma. Was für ein Tag? Ich gehe zu meinem Auto. Steige ein. Fahre nach Hause. Er wartet schon. Wie macht er das bloß? Rocky wedelt mit dem Schwanz. Rocky ist der Schäferhund des Nachbarn.
Ich tätschle seinen Kopf. Ihm geht einer ab. Doch schlechter als der deutsche männliche Durchschnitt. Mist. Naja, heute Nacht werde ich mir den Neuen im Ort mal ansehen. Ein irischer Wolfshund. Iren sollen ja ganz gut sein. Ich schließe die Tür auf. Ziehe die Stiefelletten aus. Mache mir einen Kaffee. Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel „Kindchen, geh zum Arzt. Soviel Blutverlust ist ungesund“, steht drauf. Er ist von meiner Putzfrau. Mist, ich hab vergessen, die Waschmaschine anzustellen. Drei Stunden hab ich noch. Genug Zeit. Erst ausruhen, dann die Nägel lackieren. Ich schaue in die Fernsehzeitung. Es gibt Teen Wolf. Ich brülle laut los. Ein Werwolf der auf der Highschool akzeptiert wird. Freunde hat. Sogar eine Freundin. Den jeder mag, und der so niedlich aussieht. So was kann nur Hollywood machen. Die Realität sieht anders aus. Kein Mann im Bett. Ein Flohhalsband als Kette. Um 23 Uhr springe ich durchs offene Fenster. Meine Taschentücher im Maul. Die Krallen scharf und grün. Bei Metzger Tönjes sind zum wiederholten Male Schweinehälften geklaut worden. Es wird bestimmt wieder eine lange Nacht. Zum Glück hab ich für später genug Kaffee im Haus.

Amtsschimmel

Von admin am 19. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Alisha Bionda
Illustration:
Gaby Hylla
Veröffentlichung: Der Band ist für Juni 2010 in der SEVEN FANCY-Reihe im “Sieben Verlag” geplant.

amtsschimmelIch habe es immer schon gehaßt, vor einem Wust Papier zu sitzen. Vor unbearbeiteten Aktenbergen. Sie sind Fußfesseln, die mich an einen Schreibtisch binden. Warum ich es dennoch versuchte, hatte nur einen Grund: Ich wollte endlich Geld verdienen. Möglichst viel und bequem.
„Geh in den öffentlichen Dienst. Werde Beamtin. Da überarbeitest du dich nicht“, riet man mir.
Da saß ich nun.
Jahre später.
Frustriert, demoralisiert und fern jedem Schaffensdrang. Eingepfercht in ein Winzigzimmer mit Susan, meinem perfekten Gegensatz. Anfangs beäugten wir uns mißtrauisch. Ich war ihr mit Sicherheit zu schrill. Aber sie war viel zu gut erzogen, um es mich spüren zu lassen. Das handelte ihr die ersten Pluspunkte bei mir ein. Und ich beschloss im Gegenzug, auch unvoreingenommen an sie heranzugehen.
Im Laufe der Jahre wuchsen wir zusammen, vertrauten uns Dinge an, die wir anderen Kollegen nicht einmal unter Folter verraten hätten. Und schon bald war es gerade Susan, die mir das Bürodasein erträglich machte.
Wenn …ja wenn da nicht unser Vorgesetzter gewesen wäre. Seines Zeichens Paragraphenreiter übelster Sorte. Jeder, der nicht zumindest Jura studiert hatte, war für ihn ein geistiger Tiefflieger. Seine stupide Arroganz war unübertrefflich. Dabei war er selbst die Verkörperung des klischeehaften Schreibtischhengstes und Erbsenzählers.
Mehr noch!
Er zählte sie nicht nur, er stapelte sie auch noch. Zudem war er mit einem urdeutschen Namen gesegnet. Herr Schmitz, diese beiden Worte waren der sichere Garant dafür, mir den Tag zu verderben. Die Krönung war unsere gegenseitige Antipathie, die wir – höflich wie wir waren – hegten und pflegten.
Schlimmer noch waren die monatlichen Dienstbesprechungen. Ich konnte seine monotone und zu allem Überfluß auch noch leise Stimme – wie er ohne Höhen und Tiefen – kaum ertragen. Sie war nicht nur einschläfernd, sie war geradezu tödlich. Bei einem dieser schier endlos langen Gespräche, bei dem mir wieder die Augenlider zuzufallen drohten, erinnerte ich mich an den Spruch einer Freundin, sich in bestimmten Situationen das Gegenüber in Unterhose vorzustellen.
Bei Schmitz fiel es mir schwer.
Trug er String-Tanga mit Leopardenmuster?
Nein, Boxer-Shorts mit Bügelfalte – womöglich kariert – waren bei ihm wohl das Äußerste der Gefühle. Ich widerrief gedanklich diese beiden Möglichkeiten. Zu seiner fahlweißen, schwammigen Haut paßte allenfalls heller Feinripp.
Ich zuckte zusammen.
War das etwa ich? Was sollten solche Gedanken?
Mir wurde blitzschnell klar: Es wurde eindeutig Zeit, den Beruf zu wechseln!

Das zu dem Büroalltag, dem ich gottlob entflohen bin. Geblieben ist mir Susan. Und sie ist all die grauenvollen Bürojahre wert.

Doch kommen wir zu Jojo.
Ihn traf ich in einer Mittagspause, in der ich, genervt von all dem verlogenen Kollegengeschwätz, in die Düsseldorfer Altstadt flüchtete. Er rannte mich über den Haufen, war ein typischer Punk und eindeutig nicht meine Altersklasse. Wir knallten zusammen wie die viel beweinte Titanic und der Eisberg. Aber Jojo ging nicht unter. Er grinste mich frech an. Fragte, ob ich Lust auf eine Tasse Kaffee hätte. Erstaunt, dss junge Punks auch Kaffee trinken und nicht nur literweise Bier in sich hineinschütten, rang ich nicht einmal zwei Sekunden mit mir und säuselte: „Die Idee ist gar nicht schlecht.“

Auch Jojo ist mir geblieben – lange – bis er zu einem anderen Ufer aufbrach. In eine bessere Welt?

Doch ich will nicht vorgreifen.
So viel erst einmal zu Susan und Jojo … nur zum besseren Verständnis. Und weil sie diejenigen waren, die ich stets vor unseren Plaudereien fragte: „Weißt du schon das Neuste?“