Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Jo Syntari

Von eftos am 20. Januar 2010 veröffentlicht

Schnell war die Rocktar Dockingplattform für Angestellte des Tunnel Gamma II erreicht. Andra verband Ihren Comm mit der Bordelektronik und blinzelte exakt ein Mal. Als wüsste es Ihr Gefährt, wie auf unsichtbaren Schienen, machte er sich runter nach Syntari, der Hauptstadt des Pak Prime. Henleys Heimathafen.

Gespannt und gewichtig zugleich lugt Svinenysh der Ruba aus seinem Cockpit. Was er weniger wusste war, dass es gut sein kann, dass er der erste seiner Art ist, der je im Indi System seinen Fuß aufgesetzt hat.

Je mehr man darüber sinniert… Ja. Warum sollte einer eine billige Reinigungskraft rüber in die neue Welt mitnehmen? Es sei denn damals bei den deepshot Missionen. Eines ist sicher: Auf jeden Fall ist er der erste Tunnelreisende seiner Spezies, wenngleich höchst inoffiziell.

Andras Rocktar geht in den Gleitflug. Die Dämmerung setzt ein. Glänzend liegt die Metropole zu Ihren Füßen. Das Flugzeug reiht sich in die Kette anderer des Feierabendverkehrs ein. Unter Ihnen prachtvolle Straßen und Flaniermeilen.

Der Rocktar schwenkt nach rechts zur Landung. Ein Haus fällt besonders auf, es ist ziemlich Neon. ‚Linaesu Sports‘ blinkt in allen Farben. Dies also ist der Funsport-Laden von Andras Mann.

Svinenysh hüpft als erster raus und betrachtet das Geschäft mit großen Augen. ‚Hier gibt’s die original Jo’s‘ ist unübersehbar.

Alle vier betreten den Laden. Eine Glocke kündigt dies drinnen an. Doch statt Andras Ehemann rattert ein offensichtlich älterer Bot los: „Herzlich willkommen liebe Kundschaft… was ist denn das für einer?“ Er blickt Richtung Svinenysh, seine CPU-Matrix glüht, er wackelt leicht mit dem Kopf, „bei Linaesu Sports.“

„Alle unsere Produkte sind mit künstlicher DNA gesichert. Schaffen Sie es den Laden unbeschadet zu verlassen so tracen wir Sie bis wir Sie dingfest machen. Uns ist noch keiner ungeschoren davongekommen. In allen anderen Fällen: Willkommen! Ja, nur hier gibt’s die neuesten handsignierten Jumper Pro-x.“

Andra wendet sich an die Kinder: „Anscheinend ist mein lieber Mann wieder mal auf Hausbesuch. Schrecklich diese verwöhnten Racker der Neureichen. Die sind zu dumm sich selbst um Ihre Jumper zu kümmern.“

„Darf ich vorstellen: Unser guter alter Bot der Alpha-Mech-Tec Klasse. Er hält hier die Stellung. Auch wenn er manchmal vergisst sich selbst aufzuladen: Die Vorteile überwiegen. Ach ja, zum Glück gibt’s dich!“ Keine Regung beim Roboter.

Patchara sieht sich um. Neben anderen ausgefallenen Sportartikeln stehen dann tatsächlich auch Sie: Die ominösen Jo-Jumper. Es sind einfache Springstiefel mit einer Feder unten dran. Mit etwas Fantasie sieht diese im Normalmodus wie ein J aus, springt man mit Ihnen so wird daraus mehr oder weniger ein kleines o.

„Diese drei Herrschaften hier, mein lieber Botty“ Andra deutet auf die Kinder „sind unsere neuesten Betatester. Mach mal drei Paar für Sie fertig.“

„Sehr wohl“ rasselt der angesprochene. Henley und Patchara sind schnell versorgt, dann ist Svinenysh an der Reihe. Die Ruba leben auf großem Fuß. Spätestens jetzt ist dies einer Erwähnung wert, denn der arme Bot verzweifelt fast.

Alle Stiefel sind zu klein. Schließlich kramt er von ganz unten, die letzte Packung mit der größten Größe hervor. Mit Mühe ging er über den Fuß und den Knöchel des Alien. Dann aber sitzt er wie angegossen. Es sieht fast so aus als ob sich Svinos Laufapparat flexibel an den Schaft anpasst.

Er schaut sich um: Henley steht sicher da, nun 30cm größer. Patchara wackelt verdächtig, aber auch Sie immerhin bereits aufrecht, ohne sich festzuhalten. Svinenysh ist bereits eins mit seinen neuen Stiefeln. Bereit aufzubrechen.

Botty knattert weiter: „Bei diesen neuen Prototypen handelt es sich um die neueste Federgeometrie. Feinste Nanotechnik ist in Ihr verarbeitet. An der Seite des Springstiefels befinden sich drei Knöpfe. Lauf-, Sport- und Ausdauermodus. Per Default, bei Auslieferung, derzeit stehen sie auf Laufen.“

„Sport schnell gedrückt!“ schrie Svinenysh dazwischen und begann immer schneller und höher zu hüpfen. Bald dotzt er an die Decke. Er verliert rasch die Kontrolle. „Waaah“ brüllt er zwischen jedem Sprung.

Botty ist zur Stelle. Er springt den Ruba an, reißt Ihn von den Füssen und landet zusammen mit Ihm längs auf dem Gang. Rasch drückt er den Lauf-Knopf.

Svinenysh schüttelt und rüttelt sich. Dann rappelt er sich auf. Er stützt sich mit der Hand am nächstbesten Regal ab. „Energie brutal viel zu!“ stammelt er schließlich.

Seinem Publikum war zwischen Lachen und Weinen. Patchara meinte nur: „Und mit diesen Dingern sollen wir drei Kilometer weit hüpfen?“

„Draußen geht’s besser“ antwortet Henley „wirst sehen“. Er ging auf Anda zu und bedankte sich: „Weißt du was, ich kauf die drei! Eure Credits sind morgen auf dem Konto. Vielen Dank für deine Hilfe. Wenn ich dir mal was Gutes tun kann, einfach melden.“

Nur die junge Diplomatentochter denkt noch ein wenig weiter, sie geht auf Andra zu und fragt: „Gibt’s du mir deine Comm-Nummer? Ich hab da so ein Gefühl dass dies mal wichtig werden könnte. Außerdem könnte ich dir dann Rezepte aus dem Land der aufgehenden Sonne rüberschicken.“

Beide Gründe hatten für Andra Hand und Fuß, so war dies geklärt. Außerdem hätte sie den Kindern in jedem Fall geholfen.

Patchara bedankt sich, weiß Sie doch das Sie damit einen Draht in die Heimat geschaffen hat. Eine Verbindung an aller Obrigkeit vorbei. Ein Geheimkanal Andra-Njall-Nef-Mikkel bzw. heim zu den Petch-a-boons.

Svinenysh, den Vorfall eben bereits vergessen, hoppelte als erster raus. Immer höher hüpfte er rum, irgendwo hin. Henley musste eingreifen: „weißt du wo‘s langgeht?“

„Soo, hääh wu?“ machte der angesprochene zwischen jedem Sprung, dann die Erleuchtung: „Aah, richtig, ja. Du erster als!“

Er beruhigte sich, Henley legt langsam los, dann Patchara und zu guter Letzt Svinenysh. Henley sieht sich um. Mit verbissenem Gesicht hinter Ihm seine beste Freundin. Erstaunlich wie schnell Sie das Springen lernt. Keine drei Minuten später hat Sie bereits den Bogen raus.

„Zeit für eine Abkürzung“ rief Henley und bog in einen Hinterhof ein. „Jetzt gibt’s Parcours!“

Zack über Mülltonnen und zwischen parkenden Flycas geht’s über einen Zaun. Svinenysh macht mittlerweile Kunstsprünge, Patchara hält verdächtig gut mit.

„Aufpassen Leute, da hinten ist dieser blöde Kläffer, aber es ist der kürzeste Weg…“ Henley springt ins nächste Grundstück.

„Wau uu arrrhh rrrrowwa!“ Sofort kam der Giftpilz angeschossen. „Oh nein!“ schrie Henley „er hat Verstärkung bekommen.“

Ein zweiter, noch giftiger Geselle stürmte wie besessen aus seiner Hütte hervor. So dumm die Kläffer sind, so sehr picken Sie sich sofort das schwächste Glied heraus!

Beide verfolgen nun Patchara, Immer wenn Sie landet versuchen beide Kampfknäuel Sie zu packen. Knapp ist‘s, in Panik fängt Sie an zu schreien. Schlecht, den das stachelt das verrückte Paar nur noch mehr an.

Doch Svinenysh ist zur Stelle. Vom nächstbesten Baum hat er eine matschige Frucht gepflückt. Zack mitten ins Gesicht eines Angreifers. Das Zitrusgeschoss platzt, jaulend macht sich der getroffene von Dannen. Scheinen viel Säure zu enthalten, manche Früchte hier auf Pak Prime.

Das zweite Vieh ist außer Rand und Band. Er versperrt Patchara den Weg. Planlos hüpft diese auf und ab, einziges Ziel keinen Biss abzubekommen.

Svinenysh beobachtet, dann nimmt er genau Maß und hüpft Ihm von hinten auf seinen Schwanz. Der Angegriffene jault schrecklich, haut geschlagen ab und leckt sich sein Hinterteil in seinem Verschlag in der letzten Ecke.

Endlich kann die junge Diplomatentochter Henley in seine Richtung nachfolgen. Im Nebenhof hüpft dieser bereits so hoch es geht auf und ab und versucht mitzubekommen was drüben los ist. Erleichtert stellt er nun fest dass beide unversehrt nachfolgen.

„War irgendwas?“ fragt er in die Runde. Seine beste Freundin gibt sich keine Blöße, hat die passende Antwort parat: „Nein, was soll denn sein? Auf geht’s, weiter! Oder wohnst du hier, kleiner Prinz?“

So also hoppelt das Trio flott Richtung Regentenallee 1 weiter, Svinenysh ruft mittlerweile zwischen jedem jump „Jo Syntari!“ oder ähnliches.

Die Umgebung öffnet sich. Freie parkähnliche Flächen liegen vor den fliegenden Kindern. In der Ferne ist bereits ein stattliches Gebäude zu erkennen. Henleys Zuhause.

Patchara war beeindruckt, versteckt es aber geschickt. Der Hintereingang ist erreicht. Henley deutet seinen Freunden an auf Laufen umzustellen, nach ein paar Saltos tut dies Svinenysh auch, mit leichtem Murren.

Nur speziell authentifizierte Besucher  haben Zutritt zum noblen Hause derer zu Westerburg. Kein Problem also für Henley.

Die Drei verstauen Ihre Jumper im Rucksack und ziehen Ihr normales Schuhwerk an. Danach hält Henley seinen Comm vors Tor und unsere drei Helden treten ein.

Die Tränen Luzifers

Von admin am 25. Juli 2009 veröffentlicht

Autorin: Tanya Carpenter
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Das Herz der Dunkelheit”

DieTraenenLuzifersRom, Januar 2001
Es hätte so schön sein können. Endlich einmal Urlaub, weg von allen Verpflichtungen, Querelen, Ordens-Regeln und ständigen Einmischungen in unser Privatleben, von welcher Seite sie auch kommen mochten. Selbst wir Vampire brauchten gelegentlich mal so eine Auszeit. Und mein Geliebter, Armand, und ich hatten diese derzeit bitter nötig.
Mein Vater Franklin, als Leiter des Londoner Mutterhauses auch mein Vorgesetzter im Ashera-Orden, stand unserer Liebe nach wie vor kritisch gegenüber, der Vampirlord Lucien von Memphis versuchte beständig, Zwietracht zwischen uns zu säen, und seit kurzem mischte sich auch Kaliste, die Urmutter der Vampire, in unser Leben ein und hatte mir ausgerechnet die Verantwortung für Dracon, unseren ärgsten Widersacher, übertragen. Alles in allem waren die letzten Wochen nicht gerade einfach für uns gewesen.
Dieser Urlaub sollte uns und unsere Beziehung wieder ins Gleichgewicht bringen. Was passte da besser als Rom, die ewige Stadt. Entspannt durch die nächtlichen Straßen dieser wunderbaren geschichtsträchtigen Metropole wandern, ein bisschen Kultur, ein bisschen Amore …
Wie gesagt, es hätte so schön sein können. Seufzend schloss ich die Email von Franklin wieder.
„Je te l’avais dit. Ich habe dir gleich gesagt, schau erst gar nicht in deine Mails“, meinte Armand mürrisch. Ich konnte ihm seinen Unmut nicht verdenken, brachte es aber auch nicht über mich, meinen Vater vor den Kopf zu stoßen und den Auftrag abzulehnen, wo wir praktisch vor Ort waren.
„N’y aurait-il pas quelqu’un d’autre pour le faire? Warum kann das kein anderer machen?“
„Weil die Vorfälle im Vatikan stattfinden, und der lässt doch freiwillig nie jemanden von der Ashera rein.“
„Wann kommt Franklin hier an?“
Er war wirklich sauer. Versöhnlich hockte ich mich zu ihm aufs Bett und küsste ihn auf den Mund.
„Er wird morgen Nachmittag hier landen. Abends treffen wir uns zur Besprechung der Details und danach reisen wir beide weiter zum Vatikan, während Dad zurück nach London fliegt.“
„Amuse-toi bien avec ta famille. Viel Spaß beim Familientreffen“, spottete Armand. „Ich bleibe hier. Ich habe Urlaub.“

„Bist du allein?“, fragte mein Vater, als er mich in der Hotellobby begrüßte.
„Armand ist etwas eingeschnappt, was ich ihm nicht verdenken kann.“
Der Hauch eines Vorwurfs schwang in meiner Stimme mit, was Dad nicht entging. Aber schließlich war es ja meine Entscheidung gewesen, während meines Urlaubs die Emails des Ordens abzufragen.
„Lass uns auf mein Zimmer gehen. Dort sind wir ungestört“, bat Franklin. Seinem misstrauischen Blick in die Runde, der sonst so gar nicht seine Art war, entnahm ich, dass die Angelegenheit noch viel heikler war, als ich aufgrund seiner Nachricht vermutet hatte.
In seinem Zimmer holte er ein blaues Samtbeutelchen hervor und legte es mir in die Hand. Behutsam öffnete ich die Verschnürung und lugte hinein. Aus dem Inneren strahlten mir drei bunt schillernde Juwelen, entgegen.
„Tränen Luzifers“, sagte mein Vater bedächtig. „Insgesamt spricht man von Eintausend. Kleine Kristalle, die in allen Farben leuchten. Es sollen wirklich die Tränen des gefallenen Engels sein. Als sie vom Himmel fielen wurden sie dort, wo sie die Erde berührten, zu Kristallen. Engelstränen, die für die Menschen vergossen wurden, als sich Gott von ihnen abwandte. Dafür wurde Luzifer aus dem Himmel vertrieben. Für sein Mitleid mit uns Menschen.“
„Glaubst du daran?“, fragte ich und verspürte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Mein letzter Fall hatte ebenfalls mit den Tränen von Engeln zu tun gehabt, und die Menschheit hatte kurz vor der Ewigen Nacht gestanden. In letzter Sekunde hatten wir den Untergang der Sonne verhindern können. Vampire, Menschen und Lykaner mit vereinten Kräften.
Franklin lächelte still und schien nichts von meinen Gedankengängen zu bemerken.
„Alles ist möglich, wie du weißt. Die Macht dieser Tränen ist unleugbar wahr. Wenn also ein Teil der Legende stimmt, warum dann nicht auch der Rest? Doch die ganze Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.“
„Wo sind die restlichen Tränen?“
„Abgesehen von diesen drei sind alle, die sich in unserem Besitz befinden im Mutterhaus in Montreal. In sicherer Verwahrung.“ Die Ashera erforschte und dokumentierte übersinnliche Phänomene nicht nur, wir versuchten auch zwischen Menschen und übernatürlichen Wesen zu vermitteln, nahmen PSI-begabte Menschen bei uns auf und verwahrten okkulte und paranormale Relikte. Bei all diesen Tätigkeiten waren wir stets bemüht, uns so wenig wie möglich einzumischen, was manchmal leider gar nicht so einfach war. Besonders dann nicht, wenn eine akute Bedrohung für die eine oder andere Seite bestand.
„Sicherer Verwahrung? Sind sie so gefährlich?“
„Ihre Macht kann gefährlich sein. Wenn man eine zerspringen lässt, kann man einmal das Schicksal der Welt beeinflussen. Hitler hatte zwei von ihnen in seinem Besitz und hat sie beide benutzt. Du weißt, was dann geschehen ist. Der römische Kaiser Nero hatte eine. Ramses I. soll eine besessen haben. Es ist viel Schaden mit diesen Tränen angerichtet worden. Deshalb sind sie in sicherer Verwahrung. Um ihren Missbrauch zu verhindern.“
„Dann ist der Begriff ‚teuflisch’ für Luzifer wohl wirklich nicht so falsch“, wagte ich einzuwerfen. Engelstränen bedeuteten einfach nichts Gutes. Egal, wer sie weinte.
„Oh Mel, das ist ungerecht. Er hat die Tränen nicht um des Schadens willen vergossen, sondern aus Mitleid. Ihre Macht lautet nur, dass man das Schicksal der Welt mit ihnen beeinflussen kann, zum Guten wie zum Bösen. Es ist die Wahl der Menschen, wie sie wirken, nicht die des gefallenen Engels. Und im Menschen lauert nun mal seit jeher das Böse.“
„Ist auch Gutes damit bewirkt worden?“ Ich musste die Frage einfach stellen.
„Nun, es heißt, der heilige Franz von Assisi hätte eine besessen. Und Mutter Theresa ebenfalls. König Salomon hatte angeblich zehn. Und sicher noch eine Menge anderer Menschen. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille.“
Ich schloss den Beutel und reichte ihn Franklin zurück.
„Gut, lassen wir es mal dahingestellt sein, ob die Tränen gut oder böse sind. Aber was genau haben die mit dem Fall zu tun? Du hast nur etwas von paranormaler Aktivität im Vatikan geschrieben.“
„Der Vatikan hat dreiundfünfzig Tränen in seinen Archiven.“ Mir blieb der Mund offen stehen. Diese heuchlerischen Scheinheiligen.
„Es ist zunächst nur ein Gerücht“, beschwichtigte Franklin, „aber dass der Vatikan so etwas bestätigen würde, kann man kaum erwarten. Eine Menge Hinweise deuten darauf hin, dass es nicht nur ein Gerücht ist. Und dass es Zeiten gab, in denen noch mehr Tränen dort lagerten. Es sind also wohl auch einige schon verwendet worden.“
„Soll ich die Dinger stehlen, damit diese verblendeten Kirchgänger keinen Schaden mehr damit anrichten?“ Vor meinem geistigen Auge zogen von den Kreuzzügen über die Inquisition bis hin zu gewaltsamen Missionierungen heidnischer Völker alle möglichen Schreckensszenarien vorbei, bei denen solch ein Kristall womöglich Einsatz gefunden hatte. Ich würde Pettra anrufen, meine Daywalker-Freundin, auch eine Vampirin, aber von anderer Art, die für Einbrüche prädestiniert war. Schließlich verdiente sie damit ihren Lebensunterhalt.
„Nein!“, sagte Franklin entschieden. „Und ja!“, setzte er etwas leiser hinzu. „Wenn du an sie herankommst, bringst du sie selbstverständlich mit. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass bei dieser Aktion kein Verdacht auf die Ashera fallen darf.“
Ich grinste zynisch. „Warum sonst hättest du ausgerechnet mich um Hilfe gebeten? Das einzige Ashera-Mitglied, das nahezu unsichtbar in den Hochsicherheitsbereich des Vatikan hinein- und wieder hinauskommt.“
Meine Offenheit behagte Franklin nicht. Es war illegal, was wir hier gerade besprachen. Einbruch, Diebstahl. Aber manchmal heiligte der Zweck die Mittel. Mir hätte die Macht der Tränen als Zweck genügt, um sie den Kirchenvätern zu entwenden. Aber mein Vater brauchte noch einen weiteren Grund, um diesen Schritt zu tun.
„Ich hätte so eine Aktion nie in Erwägung gezogen, wenn nicht die aktuellen Vorkommnisse es erforderlich machen würden.“
In seinen Augen las ich nackte Angst, etwas, das ihm nicht ähnlich sah.
„Im Vatikan versucht gerade ein Sapyrion die Tränen zu stehlen.“

Diese Nachricht ließ auch in Armand jeden Widerwillen, den Fall zu übernehmen, verschwinden. Ein Sapyrion. Ein Dämon aus den Tiefen der Unterwelt. So absolut böse und verdorben, dass sich selbst andere Dämonen von ihm fernhielten. Diese Kreaturen waren Ausgestoßene, und dem Himmel sei dank waren die Tore zur Menschenwelt normalerweise für sie verschlossen. Was mich zu der Frage brachte, wie dieser Sapyrion es geschafft hatte, ein Dimensionstor zu durchschreiten. War er einem anderen Dimensionswandler heimlich gefolgt? Unwahrscheinlich, die Hitze dieser Wesen machte es ihnen unmöglich, sich unerkannt einem anderen Wesen zu nähern. Pyro – das Feuer – der Bestandteil ihres Namens war mehr als bezeichnend. Ihre Haut glühte rotschwarz, was sie berührten erlitt Brandspuren – je wütender ein Sapyrion war, desto schlimmer die Verletzungen, die er hervorrief. Außerdem konnten sie Feuerbälle werfen. Nicht gerade tolle Aussichten für Armand und mich. Ausgerechnet Feuer – das Einzige, was uns wirklich schaden konnte. Aber jemand musste dieses Wesen aufhalten, und vor allem verhindern, dass es die Tränen in die Hände bekam, wenn ich auch noch nicht wusste, wie wir das anstellen sollten.

Armand und ich entschieden uns, noch in dieser Nacht die Lage auszukundschaften. Der Sapyrion war schon seit fast einer Woche in den Mauern des Vatikan unterwegs. Möglicherweise war er den Tränen näher, als uns allen lieb sein konnte. Was würde solch eine Kreatur mit dreiundfünfzig Tränen Luzifers anstellen? Die Welt in eine zweite Hölle verwandeln? Lava-Ströme? Feuerwände? Flammen, die ohne Brennmaterial überleben konnten? Alles war möglich mit diesen Kristallen.
Im Zentrum des Vatikan herrschte Hochbetrieb. Die Schweizer Garde schien in Komplettbesetzung Dienst zu tun. So viele rot-gelb-blau gestreifte Uniformen hatte wohl selbst der Papst noch nie auf einem Haufen gesehen. Wir verharrten auf dem Dach des Petersdoms und beobachteten den kleinen bunten Ameisenhaufen unter uns.
„Ich denke, denen ist es lieber, wenn sie dem Dämon nicht begegnen“, meinte Armand und seine Stimme triefte vor Sarkasmus. „Die wissen so gut, wie wir, dass sie weder mit ihren Hellebarden, noch mit ihren Sturmgewehren etwas gegen dieses Ding ausrichten können.“
Ich schwieg, konnte Armand gedanklich aber nur zustimmen. So kampfesmutig sie auch alle taten, es war diesen Männern klar, dass der Gegner, der hier in den Schatten lauerte, nicht von dieser Welt war. Und dass eine Begegnung mit ihm den Tod bringen konnte. Franklin hatte mir berichtet, dass schon sieben Gardisten gestorben waren und etliche weitere mit Brandverletzungen in der Klinik lagen. Dennoch weigerte sich der Vatikan wie immer beharrlich, die restliche Welt in die Vorgänge innerhalb seiner Mauern einzuweihen. Man war schließlich so was wie die Macht Gottes auf Erden. Da würde man doch mit dem Teufel klarkommen. Ich lachte bitter. Mit ihrem Teufel hatte der Sapyrion wenig gemein. Gegen seine Bosheit war der christliche Satan ein Klosterschüler. Neid und Gier und Zerstörungswut waren die Natur des Sapyrion. Die schwarzverkohlten Stellen an einigen Außenwänden und der Brandgeruch, der über dem Vatikanstaat lag, waren ein deutliches Zeugnis für seine Anwesenheit und sein Handeln.
Plötzlich erklang ein ohrenbetäubendes, unmenschliches Kreischen, wie von einem riesigen, wütenden Stier, direkt unter uns.
Der Sapyrion war im Petersdom.
Das Splittern von Holz und Bersten von Gestein kündete von seinem Wirken. Er würde das verdammte Ding auseinandernehmen.
Unter uns stoben die Schweizer Gardisten wie ein aufgescheuchter Fliegenschwarm in die entgegengesetzte Richtung davon. Armand und ich konnten ihren Angstschweiß riechen. Gegen diesen Feind würde keiner von ihnen den Kirchenstaat verteidigen.
„Welch Ironie, dass ausgerechnet eine Hexe als Retterin der katholischen Zentrale fungieren soll“, meinte ich zynisch. Armand antwortete mit einem breiten Grinsen und sprang dann einem Schatten gleich vom Dach in die Tiefe. Ich folgte ihm lautlos.

Schon von Notre Dame kannte ich den Prunk, den die Kirche so gern zur Schau stellte, aber der Petersdom raubte mir wieder einmal den Atem. Trotz der herabgestürzten Fresken und der drei zertrümmerten Sitzreihen. Von dem Sapyrion selbst war nichts zu sehen.
Ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da erzitterte die Erde unter unseren Füßen und wir mussten uns beide an den Kirchbänken festhalten, um nicht zu fallen.
„Er ist unter uns. Bei den Gräbern“, sagte ich.
In Sekundenschnelle durchquerten wir das Kirchenschiff, schritten die Stufen zu den Grabmalen hinab und dort stand er – der Sapyrion. Zwei Meter hoch, mit schwarzen, gezackten Flügeln, die knochig wirkten, nur mit einer lederartigen Haut bespannt. Sein Torso glühte in pulsierendem Rot, Arme und Beine waren ebenfalls lediglich Knochen mit einem flexiblen Gewebe überzogen. In der klauenartigen Hand hielt er eine steinerne Schatulle, deren Deckel halb geöffnet war. Regenbogenfarben leuchteten uns daraus entgegen.
„Verdammter Mist, er hat sie gefunden“, rief ich.
Der Kopf des Sapyrions schoss herum, als er meine Stimme hörte – schwarze Kohlestücke statt Augen und ein Raubtiergebiss hinter verschrumpelten Lippen. Er riss sein Maul weit auf, roter Geifer tropfte von den langen Zähnen und wieder erklang dieser markerschütternde Schrei, den wir schon oben auf dem Dach vernommen hatten. In der nächsten Sekunde flog uns ein Feuerball entgegen. Geistesgegenwärtig stoben Armand und ich auseinander, die Kugel schlug in der Wand hinter uns ein, ließ einen Teil des Mauerwerks zusammenstürzen und verglühte dann. Der Sapyrion stob an uns vorbei nach oben ins Kirchenschiff, heißer Wind verbrannte uns die Gesichter, doch wir folgten ihm sofort. Ein zweiter Feuerball begrüßte uns, als wir den Altarraum wieder betraten. Auch diesem wichen wir gekonnt aus. Ich erhaschte einen genaueren Blick auf den Torso unseres Gegners – unter der Lederhaut des Brustkorbes konnte man das rotglühende Herz schlagen sehen. Ich realisierte, dass dies seine einzige verwundbare Stelle war.
Mein Blick wanderte von dem brüllenden Dämon durch den Innenraum des Doms, der Bronzethron des Hochaltars war durch den Feuerball zerstört, der hölzerne Sitz, der lange Zeit als Bischofsstuhl des Petrus gegolten hatte, zersplittert. Da sah ich plötzlich das Taufbecken mit den beiden Marmorengeln.
‚Geweihtes Wasser!? Wasser und Feuer. Das könnte klappen’, dachte ich und sammelte meine geistigen Kräfte. Armand folgte meinem Blick aus seiner sicheren Deckung heraus. Das Becken hob sich aus seiner Verankerung, Schweißperlen traten mir auf die Stirn, ich war einfach zu ungeübt in diesen Dingen. Da kam mir Armand, der erkannt hatte, was ich plante, zur Hilfe. Gemeinsam schleuderten wir das marmorne Gefäß gegen die Brust des Sapyrions. Ein lautes Zischen, der Dämon kreischte vor Schmerz auf, ließ seine Beute fallen und ging in die Knie, doch noch ehe ich triumphierend jubeln konnte, war er auch schon wieder auf den Füßen. Das war daneben gegangen und hatte ihn nur noch wütender gemacht. Sein Zorn schlug uns in einer Hitzewelle entgegen, gefolgt von weiteren Feuerbällen, denen wir nur durch unsere vampirische Geschwindigkeit entkamen. Wie Eichhörnchen an einem Baumstamm klammerten wir uns an den Wänden fest und sprangen von einer Freske oder Balustrade zur nächsten. Der Sapyrion richtete sein Hauptaugenmerk dabei auf mich.
„Distrais-le. Lenk ihn ab“, rief Armand mir zu.
„Was hast du vor?“
„Lenk ihn einfach nur ab!“
Einfach nur ablenken. Na prima. Sollte ich mich als Brathähnchen anbieten? Armand sprang mit einem riesigen Satz Richtung Hauptportal, sofort riss der Feuerdämon den Kopf herum und schickte sich an, einen Feuerball gegen meinen Liebsten zu werfen. Das konnte ich nicht zulassen.
„Hey, Glühwürmchen“, rief ich ihm entgegen. „Mein Elektroherd wird heißer als du.“
Ich bezweifelte zwar, dass er auch nur ein Wort von dem, was ich sagte, verstand, aber zumindest verlagerte sich seine Aufmerksamkeit wieder von Armand auf mich. Doch statt einen neuen Feuerball zu werfen, ging der Sapyrion diesmal in die Knie und stieß sich kraftvoll ab, um vor mir auf der Empore zu landen. Meine Haare knisterten unter der Hitze, ich spürte, wie sich erste Blasen auf meiner Haut mit Flüssigkeit füllten. Lebendig gegrillt zu werden entsprach nicht grade meiner bevorzugten Todesart. Kurzerhand ließ ich mich einfach fallen und landete vor dem zerstörten Hauptaltar. Ein heftiger Windstoß brachte mich kurzzeitig ins Wanken, er kam vom weit geöffneten Hauptportal. War Armand noch zu retten? Er konnte diesem Biest doch nicht auch noch die Tür aufmachen. Wenn das Vieh erst mal draußen war, würden wir es nie wieder kriegen. Allerdings war es auch äußerst fraglich, ob wir es hier drinnen besiegen könnten, ehe es uns mitsamt dem Dom zu einem Häufchen Asche verbrannte.
Meine Haut spannte sich schmerzhaft, obwohl die Heilung bereits einsetzte, der scharfe Geruch nach meinem eigenen verbrannten Fleisch ließ Übelkeit in mir aufsteigen. Alles in mir schrie nach Flucht. Ich spürte die zunehmende Hitze wie eine Druckwelle, als der Sapyrion wieder nach unten sprang, schaffte es gerade noch rechtzeitig aus der Gefahrenzone, ehe seine klauenbewehrten Füße auf dem Boden aufkamen und zwei tiefe Löcher ins Gestein drückten. Jeder Atemzug schien meine Lunge zu verbrennen. Da wurde es plötzlich merklich kühler. Auch der Sapyrion bemerkte die Veränderung und hielt verwundert inne. Wir blickten beide Richtung Ausgang, wo Armand konzentriert und angespannt stand, über ihm eine riesige dunkelgraue Wolke voller Regenwasser. Woher…? Doch dann wurde es mir schlagartig klar. Der Brunnen auf dem Petersplatz. Armand hatte einfach meine Idee aufgegriffen und sie mit einer riesigen Menge Wasser umgesetzt. Die Wolke näherte sich dem Sapyrion, der mit drohendem Gebrüll langsam zurückwich. Doch seine Beute lag zwischen ihm und der Wolke. Ohne sie wollte er diesen Ort nicht verlassen. Wir hechteten beide auf die Schatulle zu, ich war schneller, erwischte sie mit dem Fuß und brach mir schmerzhaft die Zehen, als ich sie außerhalb seiner Reichweite stieß. Im selben Moment erreichte uns die Regenwolke und öffnete ihre Schleusen. Das Zischen von hundert Dampfkesseln erfüllte den Raum, der anschließend in undurchdringlichem Dunst lag. Die Schmerzensschreie des Sapyrions hallten von den Wänden, seine Haut nahm eine grauweiße Färbung an, er zitterte und brach auf dem Boden vor dem Altar zusammen. Ich reagierte instinktiv, ohne nachzudenken, ignorierte den Schmerz in meinen Händen, als ich den Dämon an den Armen packte, die noch immer heiß waren wie ein aktiver Vulkan, und schleuderte den geschwächten Körper Richtung Altar. Der Sapyrion spreizte seine mächtigen Schwingen genau in dem Moment, in dem sein Torso auf den Überresten des Bronzethrons aufschlug. Ein spitzer Pfahl vom gesplitterten Bischofs-Sitz des Petrus ragte aus seiner Brust, hatte das Herz durchbohrt. Ungläubig starrte der Sapyrion das blutverschmierte Holz an, seine Klauen umfassten das Ende und rissen es heraus. Blut strömte aus der Wunde und floss zischend zu Boden. Noch einmal schlug der Dämon mit seinen Flügeln, kam mit aufgerissenem Maul auf mich zu, und brach dann zusammen. Sein Körper schlug auf dem Steinboden auf, er zuckte noch einmal, dann löste sich die Gestalt in Rauch und Nebel auf. Es folgte eine beängstigende Stille.
Suchend blickte ich mich um, sah die offene Steinschatulle unter der halb zerbrochenen Figur der heiligen Veronika. Einige Kristalle waren aus dem Behältnis gefallen. Ich sammelte sie mechanisch ein. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Armand zu der Stelle ging, wo der Sapyrion zusammengebrochen war. Er kniete sich hin und untersuchte den dunkelroten Fleck, der das Ableben unseres Gegners markierte. All das nahm ich nur verschwommen wahr. Mein Blick war fest auf die schimmernden Kristalle in meiner Handfläche gerichtet. Die Macht, das Schicksal der Welt zu beeinflussen. Meine Hand zitterte, die Tränen schienen zu leben, sie bewegten sich, funkelten in allen Farben, ich konnte sie flüstern hören: „Wage es, wage es, das Schicksal liegt in deiner Hand.“
Ich hatte nicht bemerkt, dass Armand schon wieder zu mir getreten war. Mit seiner linken Hand umfasste er sanft mein Handgelenk. Mit der anderen schloss er meine Finger über den Kristalltränen.
„N´y pense même pas Mel. Denk nicht einmal daran. Leg sie zurück und lass uns die Schatulle zu Franklin bringen, ehe die gestreiften Ameisen hier wieder auftauchen. In den Händen der Ashera werden die Tränen sicherer sein und keinen Schaden mehr anrichten

Schattenkönige

Von darkfantasy am 3. Juli 2009 veröffentlicht

 

Schattenkönige

von Carola Kickers

 

Die Zeit gefriert in meinen Adern. Ich kann es fühlen. Und sie – sie schaut mir beim Sterben zu! Das Zimmer ist stockdunkel, und ich kann ihre Umrisse nur schattenhaft erkennen. Ihre Augen reflektieren das wenige Restlicht wie die einer Katze. Aber ich weiß, dass sie mich sehen kann, hilflos auf diesem Bett, wo wir ein paar Stunden zuvor noch soviel Spaß hatten. Ich hätte dieses Biest töten sollen bevor – ich mich in sie verliebte. Aber bei Rebekka bin ich mir nie wirklich sicher gewesen! Bis heute.

Ich erinnere mich noch an die Worte meines Vaters: „Lass dich niemals mit einem von denen ein.“ Dabei habe ich seine Begabung als Jäger geerbt. Ich kann sie riechen, ganz egal ob in einer Großstadt in einem Straßencafé oder in den einsamsten Gegenden dieser Welt. Es ist immer der gleiche Geruch von Tod und kaltem Blut. Nicht, dass mir mein Job Spaß machen würde. Seit dem Tod meines Vaters sind es immer mehr geworden, und Jäger wie mich gibt es nicht mehr viele. Ich verstehe nicht, warum andere Menschen sie nicht erkennen können. Die meisten von denen haben Augen, in denen sich nichts mehr spiegelt als man selbst. Ich bin sicher, dass ihr diesen Typen auch schon begegnet seid. Vielleicht wollt ihr es aber auch nicht sehen.

Ganz anders war das bei ihr. Sie gehört nicht zu diesen kleinen, bissigen Zecken, die nachts ihr Unwesen treiben. Diese „Frischlinge“ sind leicht zu töten. Das Erbstück meines Vaters, ein Kreuz aus reinem Silber mit der dolchartigen Spitze am unteren Ende benutze ich normalerweise zum Pfählen. Dann geht alles sehr schnell. Asche zu Asche…

Rebekka konnte ich nicht töten! Sie muss zu den „großen Alten“ gehören, von denen mein Vater mir mal erzählt hat. In ihren Augen liegt so etwas wie bengalisches Feuer. Wenn du hineinsiehst schleicht sich dieses Feuer in dein Gehirn, beherrscht deine Gedanken. Einer solchen Macht bin ich noch niemals begegnet. Auch ihr Geruch ist ein anderer. Ein Hauch von blumiger Vergänglichkeit umgibt sie, ein Duft wie in einer Grabkapelle. Schauer laufen über meinen Körper. Sind es die Erinnerungen oder…

Ausgerechnet in dem Fitness-Studio, in dem ich immer für meine nächtlichen Auseinandersetzungen trainiere, bin ich dieser Frau begegnet und sie hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert. Langes, kupferrotes Haar, moosgrüne Augen und der Körper einer Göttin. Wer hätte da widerstehen können? Es hat auch einige Zeit gedauert, bis wir uns näher gekommen sind. Für sie muss das ein nettes Spiel gewesen sein. Katz und Maus mit dem Jäger. Ich hab zu spät gemerkt, dass sie zu denen gehört. Sie entsprach einfach nicht meinem Klischee. Dann kam diese Nacht. Nach einem Kinobesuch sind wir bei ihr gelandet, in einer unscheinbaren Altbau-Wohnung in der Innenstadt. Ich weiß nicht mehr, wer von uns angefangen hat. Irgendwann hat sie begonnen, die Führung zu übernehmen. Die Berührungen ihrer zarten, weißen Haut waren kühl, doch sie hinterließen Brandspuren auf meiner Seele. Ich wusste, dass sie Gift für mich war, aber ich wollte immer mehr. Ihr Mund, der mich voll Leidenschaft und Wolllust  küsste, versprach mir die Ewigkeit…

Nach ihrem Biss setzte sich Rebekka auf die Bettkante. „Du warst gut“, lobte sie mich, „zur Belohnung werde ich dich nicht zu einem von uns machen. Es sei denn, du möchtest es unbedingt.“ Bei diesen Worten strich sie mit dem langen Nagel ihres Zeigefingers über meine nackte Brust bis zum Bauchnabel. Ich bin zu schwach, um zu antworten. Ein „Nein“ kann ich nur in Gedanken schreien. Ich hätte wetten können, dass sie lächelte. „Dachte ich mir. Eigentlich schade. Deine Welt wird sowieso bald nie wieder so sein, wie sie einmal war“, bemerkt sie mit ihrer weichen aber emotionslosen Stimme. Rebekka scheint genau zu wissen, wie viel Zeit mir noch bleibt! Mit der gleichen Stimme erzählt sie mir jetzt, was da draußen wirklich vorgeht. Die brauchen sich tagsüber längst nicht mehr zu verstecken!

Sie haben die Regierungen infiltriert und machen jetzt Gesetze für uns! Sie selektieren uns bereits über die DNA. Erstmal die Verbrecher, dann sind wir alle dran.

Und dieses neue Gesundheitssystem, das sie ausgetüftelt haben. Auf diesen Karten stehen unsere Krankheiten und unsere Blutgruppen! Ein gefundenes Fressen für sie, im wahrsten Sinne des Wortes! Unsere Unwissenheit ist ihr Vorteil. Jemand, der sich von einer Soap im Fernsehen begeistern lässt, wird sich wohl kaum mit Vampiren beschäftigen oder sie bekämpfen wollen.

Ich liege da mit geschlossenen Augen. Oh Mann, selbst wenn ich das noch jemandem erzählen könnte, würde mir niemand glauben!

Ich fühle noch, wie sich Rebekka zu mir neigt und mir sanft über mein Haar streicht. „Weißt du“, sagt sie so leise, dass nur ich es gerade noch hören kann. „Eure Esoteriker liegen gar nicht mal so falsch wenn sie behaupten, dass sich 2012 die Erde in eine neue Dimension begeben wird und die Menschheit in eine neue Daseinsebene eintritt.“ Dieser Zynismus in ihrer Stimme ist fast schmerzhaft. „Schade, dass du es nicht mehr erleben wirst – die Dimension der Dunkelheit.“

* * *

Mittler zwischen den Welten (Leseprobe)

Von darkfantasy am 3. Juli 2009 veröffentlicht

Mittler zwischen den Welten

 

Kapitel (4) aus “Lebensadern”, dem ersten Band der Jason Dawn Saga von Carola Kickers

Rita Hold tappte in Pantoffeln und Nachthemd in die Küche. Es war kurz nach ein Uhr morgens, und sie konnte nicht schlafen. Zeit für einen Mitternachtssnack. Ohne das Licht anzumachen nahm sie ein Glas von der Anrichte und öffnete den Kühlschrank. Sekunden später zerbrach das Glas auf den Fliesen. Das Licht des Kühlschrankes hatte für einen kurzen Moment die dunkle Gestalt am Küchentisch beleuchtet. Rita erschrak bis ins Mark und ließ das Glas fallen. Hastig griff sie an den Lichtschalter.

„Jason!“, rief sie erstaunt aus. „Was, zum Teufel, machen Sie mitten in der Nacht in meiner Küche?“ Ärger löste den Schrecken ab.

Der junge Mann in schwarzer Kleidung hob lässig die Hand zu einem Gruß. „Hallo, Rita. Ich nehme nicht an, dass Sie mir etwas zu trinken anbieten wollen?“ In seiner Stimme mischten sich Spott und Überheblichkeit. Dabei grinste er ob der Zweideutigkeit seiner Worte. Die junge Frau wusste schließlich, dass er ein Wesen aus einer anderen Welt war, ein Vampir.

„Was soll das?“, fragte Rita, ohne auf seine Provokation einzugehen. Innerlich machte sie sich Gedanken über ihr Aussehen und knöpfte schnell ihr Nachthemd zu.

Jason Dawn, den sie als ehemaligen Sänger der englischen Rockband „The Damned“ vor einigen Wochen kennen gelernt, und der ihr seine wahre Identität verraten hatte, lächelte sie unverschämt an. Zu der Zeit hatte er nur Englisch mit ihr gesprochen, nun sprach er Deutsch mit einem leichten Akzent.

„Keine Sorge, Sie sehen bezaubernd aus.“

Warum konnten diese Wesen bloß Gedanken lesen? Rita schwankte zwischen Verlegenheit und Ärger, als Jasons nächste Worte sie aufhorchen ließen.

„Ich habe über Ihren Vorschlag von damals nachgedacht“, begann er vorsichtig. „Ich wäre eventuell bereit, Sie in gewisser Weise zu unterstützen, wenn Sie dafür – sagen wir mal – mein Dasein etwas erleichtern würden.“

„Und wie stellen Sie sich das vor? Wollen Sie etwa ein Abo für die Blutbank?“, fragte Rita zynisch.

„Nicht doch, dieses Blut wäre tote Energie. Ich bevorzuge, genau wie Sie, warme Mahlzeiten.“

Jason grinste wieder, als Rita erschauerte.

„Und was würden Sie dafür tun?“, fragte sie misstrauisch.

„Ich verrate Ihnen ein paar kleine Geheimnisse unserer Rasse, die Sie sicher interessieren dürften!“

Der junge Mann mit den schönen dunklen Augen und den sanften Gesichtszügen wusste genau, dass er in der stärkeren Position war und ließ Rita seine Überlegenheit spüren.

„Ich muss erst mit Kommissar Welsch darüber sprechen“, meinte diese nur. Sie hatte ihre Fassung kurz wieder gefunden.

„Natürlich. Ich bin sicher, wir sehen uns bald wieder.“ Mit diesen Worten stand Jason vom Küchentisch auf und ging auf die hübsche Polizeibeamtin zu, die instinktiv zum Türrahmen zurückwich. „Ich weiß nur nicht, was Ihnen lieber wäre, bei Tag oder bei Nacht.“

Diese Frechheit in seinen Worten traf ins Schwarze, denn er wusste, dass Rita eine unerklärliche Zuneigung für ihn empfand.

Mit einem leisen Lachen ging er an der sprachlosen Beamtin vorbei ins Wohnzimmer, öffnete das Fenster und sprang auf das Fenstersims.

„Um Gottes Willen“, rief Rita aus. „Wir sind hier im dritten Stock!“

Jason winkte ihr zu wie ein kleiner Junge, der einen Streich ausheckte.

Mit Schwung stieß er sich von der Fensterbrüstung ab und verschwand als dunkler Schemen in der Nacht, noch bevor Rita das Fenster erreichte.

‚Komisch’, dachte sie dabei nur. ‚Und ich hab immer geglaubt, die würden sich in Fledermäuse verwandeln.’ Dann schloss sie das Fenster wieder und ging ins Bett, wohl wissend, dass sie heute Nacht doch keinen Schlaf mehr bekommen würde.

* * *

In der Piano Bar im Hotel Hafen Hamburg war nicht viel los. Kommissar Welsch, seine Assistentin Rita Hold und Jason Dawn saßen etwas abseits an einem der kleinen, runden Tische.

Jasons Vorschlag stieß bei Harald Welsch zunächst auf Ablehnung, ja Empörung.

„Sie wollen von uns Namen von Verbrechern, die schuldig sind, aber nicht verurteilt werden konnten? Hab ich Sie da richtig verstanden?“ Der Kommissar schüttelte verständnislos den Kopf. „Das ist unmöglich!“

Jason sah ihn mit einem prüfenden Blick an. „Denken Sie? In den Staaten werden verurteilte Mörder und Verbrecher doch auch hingerichtet. Wir würden diese Aufgabe gerne hier übernehmen.“ Da war wieder seine provozierende Arroganz, die im krassen Gegensatz zu seiner so weichen Stimme stand.

„Damit würden wir uns zu Mitschuldigen machen“, warf Rita ein.

Der junge Mann hob die Augenbrauen. „Was ist Ihnen denn lieber? Dass wir Schuldige töten, die selbst getötet haben, oder unschuldige Menschen? Wir müssen schließlich überleben! Und wenn ich andere von uns überzeugen könnte, das Gleiche zu tun, bekäme unser Dasein sogar noch einen Sinn. Und denken Sie mal an den gesellschaftlichen Nutzen.“

Kurze Zeit lang herrschte Schweigen am Tisch.

„Was ist mit Tierblut?“, fragte Welsch unvermittelt.

Jason rümpfte die Nase. „Zur Not…“, meinte er, „aber energetisch lange nicht so gehaltvoll wie menschliches Blut.“

„Und wie oft …“ Welsch ließ diese Frage unausgesprochen.

„Das kommt darauf an. Wir können Wochenlang ohne Nahrung auskommen. Aber ich bevorzuge regelmäßige Mahlzeiten, sagen wir – alle zwei Wochen.“

Rita kam sich vor wie bei einer Verhandlung mit dem Teufel. Nervös spielte sie mit dem Weinglas vor ihr auf dem Tisch.

„Das können wir jetzt und hier nicht entscheiden“, sagte Welsch, und auch er fragte sich, ob er gerade seine Seele verkaufte.

„Gut“, sagte Jason, „aber Sie werden bestimmt noch weitere Fragen haben.“ Er lehnte sich zurück und betrachtete die beiden vor ihm wie ein Professor seine Studenten im ersten Semester.

„Sie können sich also am Tag wie bei Nacht frei bewegen“, stellte Welsch fest.

Jason nickte.

„Und was ist mit all diesen anderen Dingen: Weihwasser, Kreuze, Knoblauch?“, fragte der Kommissar weiter.

Jason lachte laut auf. „Kinderkram! Wir könnten sogar im Vatikan ein- und ausspazieren. Gott hat uns längst vergessen! Wir haben unsere eigenen Regeln und Gesetze.“

Welsch dachte daran, dass er gerade einige graue Haare dazu bekam. „Ich nehme nicht an, dass Sie im Dunkeln leuchten oder dass man Sie sonst wie erkennen kann?“

Wieder verneinte Jason. „Wenn Sie uns erkennen, ist es meist zu spät!“

„Sie können auch Gedanken lesen und den Willen von Menschen manipulieren“, fiel Rita in das Gespräch ein.

„Nur wenn diese es zulassen.“

„Spiegelbilder?“, fragte sie weiter.

„Können moderne Vampire genauso telepathisch hervorrufen wie Fotografien.“ Jason beugte sich näher zu Rita. Irgendetwas irritierte sie. Da war wieder dieser Geruch, den sie schon von früher her an ihm kannte.

„Außerdem können wir genauso empfinden wie normale Menschen, nur viel intensiver. Kinder zeugen können wir allerdings nicht.“

Das brachte die hübsche Ermittlerin wieder in Verlegenheit.

Noch bevor sie etwas darauf antworten konnte, ergriff der Kommissar erneut das Wort. „Dann ist alles, was in der Literatur über euch geschrieben steht, Schwachsinn?“

„Das nicht gerade, es bezieht sich nur auf die klassischen alten Vampire. Aber die sterben langsam aus. Sie können sich nicht genug anpassen an diese schnelllebige und technische Welt. Die findet man fast nur noch in den unterentwickelten Ländern.“

Dabei musste der Kommissar an Südamerika denken. Dahin war seine damalige Partnerin verschwunden, nachdem sie zum Vampir wurde.

Jason hatte den Gedanken aufgefangen und wandte sich dem Kommissar zu. „Ja, sie ist noch da. Dieser Richard, dem sie verfallen ist, entstammt einer der älteren Generationen. Er ist ein Grenzgängervampir.“

Das war ein wirklich denkwürdiger Abend für den Kommissar und seine Partnerin.

„Wie alt sind Sie denn eigentlich?“, fragte Welsch aus reiner Neugier.

„Ich wurde erst 1920 als Vampir geboren“, grinste Jason und wandte sich mit einem Augenzwinkern Rita zu. „Ich hoffe, der kleine Altersunterschied stört Sie nicht!“

* * *

Dieses erste vertrauliche Gespräch mit einem Vampir der Neuzeit warf weitere Fragen auf, aber diese würde Jason erst beantworten, wenn er seinen Handel unter Dach und Fach gebracht hatte, soviel war sicher. Rita und ihr Chef überlegten einige Tage hin und her, bis ihnen die Entscheidung von anderer Seite abgenommen wurde.

Es war nicht der erste anonyme Drohbrief, den der Hauptkommissar erhielt. Aber diesmal schien der Absender es ernst zu meinen. Vom Kollegen Gerhard erfuhr Welsch eines Morgens, dass seine kleine Nichte Anna auf dem Weg von der Schule nach Hause verschwunden war. Die Kleine ging in die Grundschule Bergstedt im Nordosten Hamburgs und brauchte gerade mal zehn Minuten Fußweg nach Hause. Martina Welsch, die Schwester des Kommissars, war allein erziehend und halbtags berufstätig, so dass sie mittags für die Achtjährige kochen konnte. Der Vater war vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Normalerweise begleiteten andere Elternteile die Kinder, doch es kam vor, dass aufgrund des kurzen Weges Anna auch mal alleine gehen musste. An diesem Mittwoch kam Anna nicht nach Hause.

„Wer sollte Lösegeld von einer allein erziehenden Mutter erpressen? Nein, diese Entführung hat einen anderen Hintergrund.“ Gerhard sprach besonders leise, damit die in Tränen aufgelöste Mutter, die gerade im Wohnzimmer von einem Seelsorger betreut wurde, das Gespräch in der Küche nicht mitbekam.

Harald Welsch zeigte dem Kollegen den Drohbrief, den er eine Woche zuvor erhalten hatte.

„Ich gehe davon aus, dass es sich um einen meiner Spezies handelt, den ich mal eingebuchtet habe. Leider habe ich den Brief nicht ernst genommen“, sagte er besorgt.

„Wir gehen der Sache nach, die Fahndung ist bereits in vollem Gange. Mach dir keine Sorgen, wir finden eure Kleine.“ Gerhard klopfte Harald beruhigend auf die Schulter.

‚Aber in welchem Zustand’, dachte dieser nur und beschloss, zusätzlich auf eigene Faust zu ermitteln.

Gemeinsam mit Rita ging er am nächsten Morgen die Liste der schweren Jungs durch, die durch sein Kommissariat hinter Gitter gelandet waren.

„In den letzten vier Monaten entlassen wurden nur zwei“, meinte Rita. „Einer davon hat wenigstens eine Familie, der andere ist in einem Obdachlosenheim gelandet.“

„Wir werden uns beide mal ansehen“, beschloss der Kommissar.

„Chef, ich hab’ mal ’ne Bank überfallen, aber ich werd’ doch kleinen Kindern nix antun“, bestritt Stefan Gregorius heftig bei der Befragung. „Ich hab’ doch selbst zwei Kinder. Nee, sowatt mach ich nich. Ich bin doch froh, dat ich raus bin aus’m Bau. Und ’nen Job hab ich auch ab nächste Woche. Nee, nee.“

Welsch glaubte ihm. Der unrasierte Typ im offenen Hemd vor ihm sah zwar wenig vertrauenerweckend aus, aber eine kaltblütige Kindesentführung traute der Kommissar ihm nicht zu.

Seine Frau und die beiden Kinder saßen dabei verschüchtert auf dem Sofa.

„Kommen Sie“, sagte Welsch zu seiner Assistentin. „Schauen wir uns mal den zweiten Verdächtigen an.“

„Der Klaus is nicht mehr da. Hat sich nur für ’ne Nacht hier eingetragen“, meinte der Hausmeister vom Obdachlosenheim und biss in seine Stulle.

„Hat er eine Adresse hinterlassen oder zu irgendjemandem Kontakt gehabt?“

„Nö, hat nur hier gepennt und is dann auf und davon.“

„Na klasse, ohne berechtigten Verdacht können wir keine Fahndung ausrufen“, meinte Welsch. „Sehen wir uns noch mal seine Akte an“, schlug Rita vor.

Zurück im Büro durchforsteten sie nochmals alle Unterlagen. Klaus Hilfrich hatte bereits eine lange Liste an Vorstrafen, bevor er wegen eines brutalen bewaffneten Raubüberfalls für längere Zeit eingesessen hatte.

„Den Toten hat er auf das Konto seines Komplizen geschoben.“

„Und der ist wiederum von dem Wachmann erschossen worden.“

„Für Mord würde der Typ ja auch heute noch einsitzen. Leider konnte der Staatsanwalt ihm nicht beweisen, dass er geschossen hat. Die Waffe lag in der Hand des Komplizen, und es gab keine anderen Fingerabdrücke, ebenso wenig wie Zeugen.“

„Und außerdem“, Rita klappte die Akte zu, „gilt Hilfrich als cholerisch und gewalttätig. Vielleicht ist er ja auch rachsüchtig! Schließlich hat seine Frau ihn mit dem Kind verlassen, nachdem er verknackt wurde. Und da Sie keine eigenen Kinder haben, Chef, rächt er sich über Ihre Schwester.“ „Reicht aber immer noch nicht als Grund für einen Fahndungserlass.“

„Dann hören wir uns doch mal im Bau um, vielleicht hat er ein paar Kollegen was erzählt!“

Manchmal hatte seine Assistentin echt gute Ideen, gab der Kommissar innerlich zu.

Leider blieben auch die Befragungen in der JVA Fuhlsbüttel ohne wirkliches Ergebnis. Einer der Insassen erzählte wohl noch, dass Klaus Hilfrich früher einmal zur See gefahren war, was die Suche nicht gerade erleichtern würde, falls er anheuern sollte. Den Kommissar beschlich ein ungutes Gefühl bei diesem Gedanken.

* * *

Der rostige Seelenverkäufer aus Honduras dümpelte an den Tauen vor sich hin. Das Schiff wartete auf seine Abwrackung. Unten in die leeren Frachträume drang selbst am helllichten Tag kaum Licht hinein. Auf einem Stuhl saß die kleine Anna, gefesselt und mit einem Taschentuch im Mund.

Die eingerosteten Türen des Frachters standen alle weit offen und viele ließen sich nicht mehr schließen, also hatte Klaus Hilfrich das Kind anbinden müssen. Die kreischenden Geräusche des Metalls, die durch das tote Schiff hallten, machten dem kleinen Mädchen Angst. Außerdem war es kalt hier unten. Seit gestern war der Mann, der sie auf dem Heimweg entführt hatte, nicht mehr aufgetaucht.

Zu dieser Zeit waren die Beamten im Hafen ausgeschwärmt, sie befragten die Mannschaften der im Hafen liegenden Schiffe, vor allem die der ausländischen Frachter. Niemand hatte Klaus Hilfrich gesehen. Welsch und Rita hatten sich schließlich bei ihrer Suche getrennt auf den Weg gemacht.

Es war purer Zufall, dass Rita Hold den alten Kahn an einem abgelegenen Pier entdeckte, gerade als sie die Suche schon abbrechen wollte. Der Name des Schiffes war unleserlich, die Farbe längst abgeblättert. Eine Gangway gab es nicht, um auf das Schiff zu gelangen, stattdessen hing eine Strickleiter an der Bordwand. Und genau das machte Rita stutzig. Ohne zu zögern kletterte sie auf den Frachter und begann, sich vorsichtig umzuschauen.

‚Das Ding besteht ja nur noch aus Rost’, dachte sie. Die Metall-Treppen, die in den Bauch des Schiffes führten, sahen lebensgefährlich aus. Behutsam setzte die Polizeibeamtin einen Schritt vor den anderen, prüfte, ob die nächste Stufe ihr Gewicht aushalten würde. Dabei kam in ihr unweigerlich der Gedanke an eine Diät hoch.

Unten angekommen, fand sie das Schiff schon halb ausgeschlachtet vor. Die Türen zu den einzelnen Kajüten standen weit offen, darin nur die Metallrahmen der Kojen. Die Frachträume ähnelten riesigen, leeren Hallen. Eine fette Ratte lief ihr über die Füße. Rita zuckte zusammen. Die Geräusche hier unten waren ohrenbetäubend, sobald das Metall aneinander rieb. Dadurch wurden ihre Schritte übertönt, aber leider auch alle anderen Geräusche.

Minuten später fand Rita die kleine Anna weinend auf ihren Stuhl gefesselt und eilte zu ihr. Doch noch bevor sie sie losbinden konnte, hörte sie die herrische Stimme von Klaus Hilfrich hinter sich. „Stehen bleiben, junge Frau! Und nehmen Sie die Hände hoch!“

Rita erstarrte und drehte sich dann ganz langsam um. Eine Automatik war auf sie gerichtet. In der anderen Hand hielt der muskulöse Mann mit den ungepflegten, halblangen Haaren einen weiteren Stuhl, den er nun zu Rita hinüber schleuderte.

„Werfen Sie Ihre Waffe weg und setzen Sie sich hin“, forderte Hilfrich sie auf.

Dann fesselte er die Frau mit dünnen Tauen Rücken an Rücken an den Stuhl des Kindes.

„Was soll das? Sie sind doch gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden?“, fragte Rita um einen ruhigen Ton bemüht, um den Verbrecher nicht herauszufordern.

„Klar, und wenn’s nach Ihrem Chef gegangen wär’, säß ich immer noch drin – wegen Mordes!“

„Aber das konnte man Ihnen doch nicht nachweisen!“

„Heißt aber nicht, dass ich’s nicht war!“ Der Typ grinste Rita frech ins Gesicht und stopfte auch ihr ein Taschentuch in den Mund.

„Hier unten findet Sie so leicht keiner. Aber Sie haben ja Gesellschaft beim Verrecken!“ Mit diesen Worten steckte Klaus Hilfrich seine Waffe in den Gürtel und wandte sich zum Gehen.

Rita sah den großen Schatten nur kurz aus den Augenwinkeln, und dann war sie froh, dass das kleine Mädchen hinter ihr die folgende Szene nicht mitbekam: Jason Dawn hatte sich wie ein lautloser Racheengel auf Klaus Hilfrich gestürzt und schlug seine Zähne in die Kehle des Kriminellen.

* * *

„Sie hätten ihn nicht direkt töten müssen“, sagte Rita leise, als Jason sie und das Mädchen losband.

Jason sah sie mit diesem überheblichen Blick an, den sie bereits kannte. „Vielleicht hätten Sie ihn gar nicht erst laufen lassen sollen.“

„Wie haben Sie uns überhaupt gefunden?“, fragte Rita.

Jason lächelte. „Das ist überhaupt kein Problem. Erst recht nicht, seit wir eine so schöne, telepathische Verbindung zu einander haben. Und ich liebe es, sie zu entfesseln!“

Seine arrogante Art konnte sie auf die Palme bringen!

„Trotzdem, danke“, sagte Rita jetzt, und das meinte sie ehrlich. „Wahrscheinlich haben Sie uns beiden das Leben gerettet.“

„Jederzeit zu Diensten!“ Jason verbeugte sich theatralisch vor ihr und verschmolz wieder mit den Schatten im Schiffsrumpf.

Als Rita das kleine Mädchen zurück zu ihrer Mutter brachte, war diese überglücklich. Sie bedankte sich überschwänglich. Kommissar Welsch, der von Rita über Funk informiert worden war, war bereits bei seiner Schwester eingetroffen und dankte seiner Assistentin, indem er sie wortlos an sich drückte.

Soviel Emotion war Rita von ihrem Chef nicht gewohnt. ‚Wahrscheinlich hat er mehr Herz, als er vorgibt’, dachte sie für sich.

„Falls Sie sich morgen mal einen Tag frei nehmen wollen…“, schlug er vor.

„Schon gut, Chef, aber ich denke, wir sollten lieber darüber nachdenken, wie wir den Bericht abfassen – nachdem Jason so drastisch eingegriffen hat.“

Welsch kratzte sich am Kinn. Das tat er immer, wenn er ziemlich ratlos war.

Rita musste lächeln. Beruhigend klopfte sie ihm auf die Schulter. „Uns wird schon was einfallen. Bis morgen dann.“

Wieder saßen der Kommissar und seine Partnerin dem ganz in Schwarz gekleideten jungen Mann gegenüber. Durch seine Kleidung wurde der blasse Teint nur noch mehr betont und die großen, dunklen Augen hervorgehoben. Zwei junge Damen am Nachbartisch warfen ab und zu einen vielsagenden Blick zu Jason hinüber. Rita fand das kindisch.

„Kommen wir also zu Sache“, begann Kommissar Welsch das Gespräch. „Wir können Ihnen natürlich keine Liste mit Namen zur Verfügung stellen.“

„Wie bedauerlich“, warf Jason ein.

„Aber…“, der Kommissar zögerte, „aber wir könnten Ihnen gestatten, uns sozusagen ‚undercover’ bei den Ermittlungen behilflich zu sein. Was Sie dann mit den Informationen anfangen, die Sie von uns erhalten, bleibt ganz Ihnen überlassen.“

Jason nickte zufrieden. „Das klingt akzeptabel.“

„Wie haben Sie eigentlich offiziell meine kleine Intervention erklärt?“, fragte er dann neugierig.

„Rattenbisse!“, erwiderte Rita kurz.

Jason prustete los. „Nicht schlecht. Hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut. Ich hoffe, das war nicht persönlich gemeint.“

„Eine Frage müssen Sie mir noch beantworten“, forderte Rita. „Wieso verwandeln sich Ihre Opfer nicht in weitere Vampire?“

„Diese Art der – sagen wir mal – Vermehrung ist nur wenigen, alten Vampirmeistern vorbehalten. Wir modernen Vampire sind dazu nicht mehr fähig. Wir sind eher so was wie Hybriden.“

Welsch und Rita blickten ihn erstaunt an.

„Es kann nur eine begrenzte Anzahl von uns geben, alles andere wäre selbstzerstörerisch, wie immer in der Natur“, versuchte Jason zu erklären.

„Und wie … ich meine, wie kann man Sie töten?“ Kommissar Welsch versuchte, den Vampir aus der Reserve zu locken.

„Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, dass ich Ihnen diese Frage nicht beantworten werde“, grinste Jason.

„Und ich hoffe, dass Sie Ihr Versprechen halten“, meinte der Kommissar.

Jason legte seine rechte Hand auf seine Herzgegend. „Mein Ehrenwort!“, beteuerte er, nicht ohne einen gewissen Spott in seiner Stimme.

Rita seufzte. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm.

* * *

Wenige Tage später erhielt Rita Hold eine Einladung von Jason. Wie es seine charmant-makabre Art war, lag an diesem Tag eine schwarze Rose mit einer Karte vor ihrer Wohnungstür.

‚Na, wenigstens hält er sich mal an menschliche Gepflogenheiten’, dachte Rita, als sie die Karte öffnete.

„Ich möchte Sie am Samstagabend in meine Welt entführen. Bitte kleiden Sie sich entsprechend. J.D.“, stand dort in kunstvollen Lettern. Das konnte alles Mögliche bedeuten. Trotzdem konnte Rita eine gewisse Vorfreude nicht verbergen.

In der Cathedrale Noir in der Hamburger Prinzenbar bestand Dresscode. Der Club war ein Insidertipp der Gothic Szene. Rita Hold kam sich in ihrem Alter zunächst einmal völlig deplaciert vor. Dabei fiel sie in dem langen, schwarzen Abendkleid aus Samt, das ihre Figur vorteilhaft umspielte, gar nicht auf. Die teilweise extrem geschminkten Gestalten erinnerten sie aber eher an einen Maskenball. Doch Jason schob sie weiter durch die Menge. Auf der Galerie fanden Sie ein halbwegs ruhiges Plätzchen außerhalb des Getümmels.

Der junge Mann verschwand für kurze Zeit und kam mit einer dunkelhaarigen Schönheit zurück.

„Darf ich vorstellen – Laetitia, eine von uns.“

Rita spürte Unbehagen, doch Jason beruhigte sie. „Keine Angst, es wird Ihnen nichts geschehen. Laetitia wird sich in Zukunft auch an die neuen Regeln halten, das verspreche ich Ihnen.“

Laetitia begrüßte Rita und kam ihr dabei näher, doch trotz ihres Lächelns ging eine Bedrohung von ihr aus. Mittlerweile waren Ritas Sinne dafür geschärft. Im diesem Augenblick fühlte sie sich überhaupt nicht mehr wohl.

„Ihr Boss wollte doch wissen, wie man uns erkennen kann“, flüsterte ihr Jason ins Ohr. Und plötzlich fiel es Rita auf. Der Geruch von Laetitia war der Gleiche wie bei Jason. Ein zarter Duft von Moschus…

Im Nachhinein konnte Rita nicht behaupten, dass es ein schöner Abend gewesen war, aber sie berichtete Kommissar Welsch direkt am nächsten Montag von ihrer Erkenntnis.

„Das Problem ist nur“, meinte dieser, „wenn das stimmt, dann ist man bereits in Gefahr, denn einen Geruch nimmt man erst in unmittelbarer Nähe war.“

„Ich denke, genau deshalb hat Jason uns auf diese Art gewarnt.“

„Heißt das, wir sollten dem Knaben trauen?“ Harald Welsch war nach wie vor voller Misstrauen, was diese Geschöpfe anging. Sie passten einfach nicht in sein Weltbild.

Rita zuckte die Achseln. „Wenn er noch weitere seiner Art überzeugen könnte…“, begann sie.

„Dann gibt es in unserem Land bald sehr viel weniger Schwerverbrecher“, fuhr der Kommissar fort. „Irgendwie komme ich mir vor, wie bei einer Verschwörung. Ganz zu schweigen von der notwendigen ‚kreativen Berichtführung’.“ Den Kommissar schauderte bei dem Gedanken, die Taten dieser Wesen decken zu müssen.

„Der Vorteil ist, dass sie Unschuldige in Ruhe lassen werden, wenn es Jason gelingt, sie zu überreden. Das Ganze hat allerdings auch einen Nachteil“, gab seine Assistentin zu bedenken. „Wir sind in gewisser Weise von diesem Jason abhängig. Er ist der Mittler zwischen beiden Welten.“

„Nur, wenn wir ihm trauen können“, sagte Kommissar Welsch zu sich selbst.

Trotzdem hatte Rita es gehört. „Wir haben keine andere Wahl.“

* * *

Büroalltag

Von admin am 29. Juni 2009 veröffentlicht

Autor: Mark Staats
Illustration:
Gaby Hylla

bueroalltagDer Wecker piept gnadenlos. Ich erwache. Dabei sind es doch nur drei Stunden Schlaf gewesen. Hatte ja genug zu tun gehabt Diese kleinen Scheißer. Wollten die Kinder mit ihren Drogen vergiften. Ich war ihnen gefolgt. Bis zu ihrem Treffpunkt. Als sie mich sahen, lachten sie. 1,62 und schlank sieht auch nicht gerade gefährlich aus. Ich warnte sie noch. Doch sie lachten weiter. Ich knurrte. Verwandelte mich. Dann lachten sie nicht mehr. Sondern zitterten. Nun liegen sie sicher verscharrt im Wald. Mit ihrem Gift. Und ich muss neue Klamotten kaufen. Ich bin eine Heldin. Eine Superheldin. Pah. Was bringt es mir? Ringe unter den Augen. Daraus resultierend zu wenig Sex. Erhöhten Koffeinbedarf. Daraus resultierend vermutlich frühzeitigen Herzinfarkt. Überproportionaler Bedarf an textilem Nachschub. Daraus resultierend frühzeitige Armut, wegen ausgiebigen Shoppingtouren. Okay, das ist nicht wirklich schlimm. Gut, das mit dem Sex schon.
Mühsam öffne ich die Augen. Wildgeruch steigt mir in die Nase. Da hab ich wohl noch einen kleinen Snack von draußen mit ins Bett genommen. Während andere nachts noch mal schnell zum McDrive fahren, gehe ich in den Wald. Das blutige Kaninchen liegt neben mir auf dem weißen Laken. Nur halb gegessen. So groß war der Hunger nicht. Ich würge. Das muss dann doch nicht sein. Hätte es nicht ein gutaussehender Mann sein können? Der noch lebt. Mich liebvoll wach küsst.
Ist heute Dienstag? Shit, in zwei Stunden kommt die Putzfrau. Ich muss zur Arbeit. Gehetzt springe ich aus dem Bett. Laufe durch die Wohnung. Überall Pfotenabdrücke. Ich besitze aber keinen Hund. Unangenehme Fragen von der Putze will ich nicht beantworten. Gut, die Dusche muss warten. Erst den Snack entsorgen. Aber wohin? Nachbars Schäferhund bellt. Mein einziger Verehrer. Ich ziehe mir den Bademantel über. Laufe mit dem Snack in der Hand in den Garten. Dort steht er, auf Nachbars Grundstück. Er hechelt. Sein Penis erigiert, als er mich sieht. Er riecht die Wölfin in mir. Ich seine Geilheit. Es ist widerlich. Ich werfe den Kadaver über den Zaun. Er schnappt danach und läuft davon. So leicht sind Männer von einer Alternative zu überzeugen. Ich zurück ins Haus. Ziehe das Bett ab. Werfe das Laken in die Waschmaschine. Wische die Bodenfließen. Wozu hab ich eigentlich ne Putze, wenn ich doch selbst ran muss? Ich werde ihr den Lohn kürzen. Nein, werde ich nicht. Puh, geschafft. Noch schnell duschen und mich stylen.
Um 09:00 Uhr sitze ich an meinem Schreibtisch bei Zappel Landmaschinen GmbH. Der erste Kaffee fließt durch meine Blutbahn. Ich starre auf den Bildschirm. 65 ungelesene Mails. Der Chef, Kunden, Andrea, die mich zu einer Singleparty für Samstag einlädt. Im Kuhstall, der Dorfdisco. Ich sage zu. Vielleicht kommen ja ein paar Jungs aus der Stadt. Wäre mal wieder Zeit für mich, mit jemandem Sex zu haben. Der letzte Kerl vor zehn Tagen war ein Schlappschwanz. Hat nur zwei Stunden durchgehalten. Meine Werwolfskraft verlangt nach mehr. Vielleicht sollte ich eine Anzeige aufgeben? Suche Mann der drei Stunden und mehr durchhält. Ein sinnloser Traum. Der deutsche Durchschnitt liegt bei 2,5 min. Da ist vermutlich sogar der Schäferhund noch besser.
„Frau Müller, ich brauche in zehn Minuten eine Präsentation für die Sitzung“, ruft mein Chef aus seinem Büro. Reißt mich damit aus meinen Gedanken. Zehn Minuten? Hat der einen Schaden? Die Sitzung wurde vor vier Wochen geplant. Da hätte er genug Zeit gehabt. Ich brodele. Knurre. Meine Kolleginnen schauen mich verständnislos an. „’tschuldigung“, sage ich. Verdammt. Ich muss besser aufpassen. Kann der Chef nicht mal was stehlen? Das Problem hätte ich dann schnell gelöst. Auf meine Art. Ich grinse. Schaue auf den Bildschirm. Lasse meine Finger über die Tasten fliegen. Zwei Minuten später hält er das Verlangte in der Hand. „Hier, Chef“, meine ich zuckersüß.
„Das hätte aber besser werden können.“ Er wirft einen Blick auf die Folie.
Meine Kaffeetasse in der Hand zerplatzt. Mein Chef erschrickt. „Der Ton war alt“, lüge ich. Schaue auf meine weißen Knöchel. Und du gleich kalt. Aber das sage ich nicht. Ich bin wütend. Ein Vulkan ist nichts gegen mich. Nehme mir vor, ein Auge auf ihn zu werfen. Der hat bestimmt eine Leiche im Keller.
Mittagspause. Heute gibt es Kaninchen. Ich verzichte. Trinke nur einen weiteren Kaffee. Den zwanzigsten. Mein Herz hämmert.
„Päckchen“, ruft ein Bote durchs Büro. Ich sehe ihn an. Er ist neu. Hab ihn noch nie gesehen. Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch. Spüre mein Blut pulsieren. Oder ist es doch der Kaffee? Südländer, Muskelberge, schwarze Haare, dunkle Augen, schöne Hände. Genau mein Typ. Die sollen ja länger können. Den krall ich mir. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich fahre mir durchs rote Haar. Nehme die Brille ab. Öffne zwei Knöpfe meiner Bluse. Lächle. Versuche, Eindruck zu schinden. Gott sei dank hab ich einen kurzen Rock gewählt. Ich stelle mich in Pose. Aber nicht zu aufdringlich. „Ja, hierher“, sage ich. Winke ihn zu mir. Ich komme mir vor wie ein Flittchen. Egal. Ich brauche einen Mann. Er riecht so herrlich. Manchmal ist es toll, eine Werwölfin zu sein. Wir kommen ins Gespräch. Flirteten ein wenig. Ich rieche seine Bereitschaft. Mein Lächeln wird immer breiter. Heute Nacht hab ich einen Mann. Er versaut es.
„Ist das ein Flohhalsband, was Sie tragen?“
Ich schaue ihn schief an. „Pariser Chic.“ Meine Stimme läßt die Luft gefrieren. Dann werfe ich ihn aus dem Büro. Mist, wieder nichts.
Der Rest des Tages zieht träge dahin.
17:00 Uhr. Endlich Feierabend. Raus aus der Firma. Was für ein Tag? Ich gehe zu meinem Auto. Steige ein. Fahre nach Hause. Er wartet schon. Wie macht er das bloß? Rocky wedelt mit dem Schwanz. Rocky ist der Schäferhund des Nachbarn.
Ich tätschle seinen Kopf. Ihm geht einer ab. Doch schlechter als der deutsche männliche Durchschnitt. Mist. Naja, heute Nacht werde ich mir den Neuen im Ort mal ansehen. Ein irischer Wolfshund. Iren sollen ja ganz gut sein. Ich schließe die Tür auf. Ziehe die Stiefelletten aus. Mache mir einen Kaffee. Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel „Kindchen, geh zum Arzt. Soviel Blutverlust ist ungesund“, steht drauf. Er ist von meiner Putzfrau. Mist, ich hab vergessen, die Waschmaschine anzustellen. Drei Stunden hab ich noch. Genug Zeit. Erst ausruhen, dann die Nägel lackieren. Ich schaue in die Fernsehzeitung. Es gibt Teen Wolf. Ich brülle laut los. Ein Werwolf der auf der Highschool akzeptiert wird. Freunde hat. Sogar eine Freundin. Den jeder mag, und der so niedlich aussieht. So was kann nur Hollywood machen. Die Realität sieht anders aus. Kein Mann im Bett. Ein Flohhalsband als Kette. Um 23 Uhr springe ich durchs offene Fenster. Meine Taschentücher im Maul. Die Krallen scharf und grün. Bei Metzger Tönjes sind zum wiederholten Male Schweinehälften geklaut worden. Es wird bestimmt wieder eine lange Nacht. Zum Glück hab ich für später genug Kaffee im Haus.

Der Umzug

Von admin am 19. Juni 2009 veröffentlicht

Autor: Oliver Kern
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Das Herz der Dunkelheit”

DerUmzug„Warum haben Sie sich … materialisiert?“
„Es war ein Unfall.“
„Und jetzt …“
„… ist es zu spät“, vollende ich den Satz und blicke dabei in seine müden Augen. Der alte Mann in seinem ausgebeulten, dunkelblauen Anzug kennt meine Akte, aber trotz allem musste er diese Frage stellen. Das tun sie alle, es ist wie ein Zwang.
„Wissen Sie, warum sie mich geschickt haben?“
Ich nicke. Ja, ich weiß es. Ich kann ihn riechen, den Krebs, der in seinem Körper wuchert. Faulig, eitrig, unaufhaltsam. Er muss von mir nicht hören, dass er sterben wird. Wer zu mir kommt, tut dies zwangsläufig. „Wie lange gibt man Ihnen noch?“, frage ich, weil ich glaube, dass er es erwartet.
„Sechs Wochen.“
„Und jetzt wollen Sie es früher hinter sich bringen, weil Sie Angst vor den Schmerzen haben. Oder vor dem Dahinsiechen in einem Hospiz. Weil Sie lieber aufrecht für ihr Vaterland in den Tod gehen, als bettlägerig und mit vollgeschissenen Windeln.“
Seine Schultern sacken eine Spur weiter nach unten, aber er fühlt sich nicht provoziert. „Hören wir auf, über mich zu sprechen“, sagt er und ich kann nicht unterscheiden, ob es eine Bitte oder ein Befehl ist. Uns trennt fünf Zentimeter dickes Panzerglas und trotzdem spüre ich wie er leidet. Egal was sie ihm gesagt haben, er ahnte nicht, dass es so schlimm ist. Dass der Zerfall so augenblicklich und unumstößlich einsetzt. Und ganz sicher wird er nicht ohne Schmerzen sterben, aber das behalte ich vorerst für mich. Noch hat er zu viel Adrenalin im Blut, um ihm damit Furcht zu machen.
„Sie werden verlegt“, unterbreitet er mir endlich den Grund für seinen Besuch.
Er ist der erste Mensch, den ich seit über zwei Jahren zu Gesicht bekomme. Ein alter, kranker Mann, dessen letzte Aufgabe es sein wird, mich in eine andere Zelle zu stecken.
„Wann?“, will ich wissen. Nicht, dass ich viel zu packen hätte, aber ich brenne darauf, den Himmel zu sehen.
„In zwei Tagen“, antwortet er.
„Wo geht’s hin?“
Er zögert. Als er vor fünf Minuten aus dem Lift trat und bevor er sich auf dem Besucherstuhl niederließ, hielt er seine Marke gegen die Scheibe. Eine unsinnige Geste hier unten, aber ich denke, er tat es aus Gewohnheit. Ich habe mir nicht mal die Behörde gemerkt, ganz zu schweigen von seinem Namen. „Wie heißen Sie?“
„Lindsay, Carl Lindsay.“
„Gut, Carl! Wo werden sie mich hinbringen? Oder wollen Sie mich überraschen?“
„So was schwebt mir vor.“
Ich kann nicht anders als lauthals loszulachen. Mein hyänengleiches Geheul erschreckt ihn und er rutscht instinktiv ein paar Zentimeter von der Glasscheibe weg. Als hätte er Angst, dass sie zerspringt. Carl Lindsay, ein abgebrühter, erfahrener Bundesbeamter, der in seiner vierzigjährigen Dienstzeit schon einige Grausamkeit sah, so manches Schreckenszenario hinter sich brachte und den der Krebs auffrisst, hat Schiss vor meinem Gelächter. Ein aufrechter Amerikaner, ein Patriot, ein toter Mann, dem die Furcht in den Pupillen hängt, weil er nie etwas Vergleichbares wie mich gesehen hat. Sie hatten nicht lange genug Zeit, um ihn auf diese Begegnung vorzubereiten. Ein Umstand, an dem ich Gefallen finde.
Ich stehe auf und gehe zu meiner Pritsche, die gegenüber der Glaswand in den blanken Stein gemeißelt ist. „Haben Sie Familie, Carl?“
„Drüben in Atlantic City. Eine Frau, zwei erwachsene Söhne“, antwortet er mechanisch.
„Atlantic City. Eine Spielerstadt. Sie sehen nicht aus wie ein Spieler, Carl.“ Er schüttelt den Kopf. Nicht wegen der Andeutung über das Glückspiel, sondern weil er sich dazu hinreißen ließ, mir eine private Frage zu beantworten. Damit hat er gegen die oberste Regel verstoßen, doch nun ist es zu spät. Trotz der achtzehn Grad hier unten, steht ihm der Schweiß auf der Stirn. „Sie werden Ihre Familie nicht wieder sehen, Carl. Hat Ihre Frau geweint, als Sie gingen?“
Er presst demonstrativ die Lippen aufeinander, um mir zu zeigen, dass er nicht die Absicht hat, weitere Details aus seinem Privatleben preiszugeben und steht auf. Die Geste soll mir verdeutlichen, dass er vorerst genug gesagt hat. Ein kaum wahrnehmbares, nervöses Zucken seines rechten Mundwinkels verrät seinen innigsten Wunsch, diesen Ort so rasch es geht zu verlassen. Jedes Molekül in seinem metastaseverseuchten Leib will zurück an die Oberfläche. Nur weg von dem Monster, das ihn verstrahlt wie der durchgebrannte Reaktor von Block IV in Tschernobyl. Doch ich bin noch nicht bereit, ihn ziehen zu lassen.
„Kommen Sie Carl, plaudern Sie mit mir. Ich kriege so selten Besuch“, bettle ich und trete ganz nah an die Scheibe. Mein Atem kondensiert an dem kühlen Panzerglas. Lindsay behält seinen Abstand von einem Meter bei und stützt sich auf die Stuhllehne. Mit dem Zeigefinger male ich ein Herz in die angelaufene Stelle. „Haben Sie Ihre Alte noch mal gefickt, bevor Sie für immer die Tür hinter sich zuzogen?“, murmele ich, wohl wissend, dass die Mikrofone auch das leiseste Raunen nach außen tragen. Für ein paar Sekunden verhilft ihm seine Wut dazu, dass er meinem Blick standhalten kann, dann sieht er zu Boden.
„Haben Sie gebeichtet, bevor Sie mich besuchten?“, frage ich. Der Bundesbeamte schweigt. „Hat man Ihnen nahe gelegt, dass Sie mit mir nicht über Religion reden sollen? Kommen Sie, Carl! Mussten Sie etwas unterschreiben, bevor man Sie hier runtergelassen hat? Keine Gespräche über Gott, damit Ihre Frau die vollen Pensionsansprüche erhält?“
„Nein! Nichts dergleichen. Die Unterredung ist für heute beendet!“, erklärt er mit Nachdruck und wendet sich zum Gehen.
„Die waren verdammt froh, dass sie überhaupt jemanden für diesen Job gefunden haben. Sie sind ihr Held, Carl. Bilden Sie sich ruhig was darauf ein!“, rufe ich ihm hinterher.
Er reagiert nicht, strebt auf den Lift zu. Seine letzten Schritte sind eher ein Torkeln. Die direkte Konfrontation mit mir hat ihn benommen gemacht. Nach nur zehn Minuten ist er körperlich am Ende. Doch wie steht es um seine Psyche?
„Wie viele Freiwillig konnten Sie finden, Carl? Wie viele gehen mit Ihnen in den Tod?“
Er hält inne. Sein Finger liegt auf der Taste, um die Fahrstuhltür zu öffnen. Die Hand zittert leicht und ich spüre wie er sich darauf konzentriert, die Kontrolle zu behalten. „Acht“, antwortet er, ohne sich nach mir umzudrehen.
„Acht! Verflucht! Wird wohl aufwändiger, als beim letzten Mal.“
„Entschieden aufwändiger“, bestätigt er, wobei er weiter gegen die matt glänzende Aluminiumtür spricht. „Ich komme Sie in 48 Stunden holen. Halten Sie sich bereit!“
„Tun Sie mir einen Gefallen, Carl! Bleiben Sie bis dahin am Leben!“, brülle ich ihm hinterher, als er in den Aufzug steigt.

Vor meiner Zelle geht das Licht aus und mein Spiegelbild erscheint in der Glasfront. Immer noch steht mir ein dreckiges Grinsen im Gesicht. Sie verlegen mich. Das heißt, mein Gefängnis ist nicht mehr sicher genug. Der Bunker, in den sie mich vor zwei Jahren sperrten, liegt sechs Kilometer unter der Erdoberfläche, mitten in der Mojave-Wüste. Im Umkreis von 350 Meilen gibt es nichts außer Sand und Steine. Einzelhaft in seiner reinsten Form. Ich bin der teuerste Häftling dieses Planeten, meine exklusive Unterbringung verschlingt jährlich ein Budget von sieben Millionen Dollar. Alles hier läuft automatisch. Roboter versorgen mich, reinigen meine Zelle, liefern mir drei Mahlzeiten am Tag, waschen meine Overalls. Nur den Arsch muss ich mir selber abwischen.
Ich bin isoliert, so weit weg von der Zivilisation, wie man nur sein kann. Es gibt nur einen Zugang zu meiner Zelle. Die Röhre, durch die Lindsay gerade nach oben fährt. Sollte ich mich dem Lift nähern, erfassen mich Sensoren und lösen Sprengungen aus, die den Fahrstuhlschacht mit Millionen Tonnen Gestein füllt. Zudem steht auf der Edwards Air Force Base rund um die Uhr ein Abfangjäger bereit, der eine Atombombe über mir abwirft, käme ich auf die Idee, meine Zelle zu verlassen. Wohin wollen sie mich noch bringen, wenn diese Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr ausreichen, um die Menschheit vor mir zu schützen? Wenn sie das Risiko auf sich nehmen, mich noch tiefer zu vergraben, dann muss ihnen der Arsch mächtig auf Grundeis gehen.
Auf meinem Bildschirm beobachte ich wie ein heißer Ostwind Sandkörner gegen die Linse der Außenkamera weht. Vage ist in der flimmernden Luft die Umzäunung des Geländes zu erkennen. Der anthrazitfarbene Buick meines Besuchers steht verlassen auf dem großen Parkplatz in der prallen Sonne. Carl Lindsay verlässt soeben das Zugangsgebäude und begibt sich mit trägen Schritten zu seinem Wagen. Mit einem gemusterten Taschentuch wischt er sich über die Stirn, bevor er einsteigt. Er hat sein Leben heute um drei Wochen verkürzt. Was mag jetzt in seinem Kopf vorgehen?
Ich verbanne den alten Mann aus meinen Gedanken. Was haben sie mit mir vor? Kann man mich tatsächlich noch mehr isolieren? Mich noch weiter von der Menschheit entfernen, als sie es an diesem Ort ohnehin schon tun? Verbannen sie mich in die Innere Mongolei, die Wüste Gobi, auf eine verlassene Pazifikinsel, in die Arktis? Wohin stecken sie mich diesmal? Welche Orte sie in all den Jahren auch für mich wählten, immer wieder mussten sie schmerzlich erkennen, dass der Radius, der mich von ihnen trennte, nicht ausreicht. Das meine fatale Wirkung selbst die mächtigsten Wände durchdringt. Meter dicker Stahlbeton, Meilen von Gestein, Bleiummantelungen, künst-liche Polymere, nichts hält mich auf. Sie sind nicht sicher vor mir, egal was sie bislang versucht haben. Und nun ist auch dieser Bunker nicht mehr gut genug. Meine Existenz tötet Menschen. Das ist meine Bestimmung.
Als ich in ihre Welt kam und erkannte, welche Folgen meine Anwesenheit auf sie hatte, stellte ich mich freiwillig. Eine Geste, die selbstlos und teuflisch zugleich war, denn damit legte ich meine Bürde in ihre Verantwortung. Ein genialer Schachzug, der sie zudem davon abhielt, mich zu eliminieren. Jemand, der sich aus eigenem Willen wegschließen lässt, verdient es nicht zu sterben, selbst wenn er unzählige auf dem Gewissen hat. Hätte die damalige Regierung geahnt, was sie sich aufhalsen, wäre sicher anders entschieden worden. Seitdem bin ich die Geisel dieses Staats. Ich bin Watergate, Area 51 und 9/11 in einem. Ich tötete mehr von ihnen als der Vietkong und ich bin geheimer als die Akte über den Kennedy-Mord oder die Wahrheit über die Mondlandung. Nur allerhöchste Regierungsstellen wissen, dass die USA den Tod beherbergen. Und alle, die mich bislang von Angesicht zu Angesicht getroffen haben, sind danach gestorben. Niemand will sich mit mir beschäftigen und doch überfordere ich sie jede einzelne Minute ihrer beschissenen Existenz. Egal, was sie auch versuchten, sie waren mir bislang nicht gewachsen. Wohin also werden sie mich bringen, damit ich keine Bedrohung mehr darstelle?

Carl Lindsay ist pünktlich. Der Anzug ist derselbe, das Hemd sieht frisch aus. Es ist das letzte, das er sich selber zugeknöpft hat, sinniere ich und ein hämisches Grinsen umspielt meine Lippen. Diesmal trägt er einen Knopf im Ohr.
„Sind Sie bereit?“
„Bereit, wenn Sie es sind, Mister Lector“, zitiere ich aus einem der Filme, die sie mich gelegentlich sehen lassen. Der Bundesbeamte versteht den Witz nicht. Er sieht schlecht aus. Seit vorgestern hat er mindesten drei Kilo verloren. Sein Gesicht ist teigig und grau, die Augen liegen tief in den Höhlen. Dafür ist sein Blick wacher. Er hat aus unserer ersten Begegnung gelernt.
„Wie werde ich deklariert?“, frage ich mokant, während er sich mit dem Steuerpult vertraut macht, das die in die Glaswand eingelassene Zellentür öffnet. „Doch nicht schon wieder Strahlenmüll, wie beim letzten Transport?“ Ich erhalte keine Antwort. Wahrscheinlich ist er immer noch beleidigt, wegen meiner Äußerung über seine Frau. „Darf ich vorne sitzen?“, frage ich und mime ein aufgeregtes Kind. Er sieht mich an, behält sich aber vor zu Schweigen.
„Wo sind die anderen? Traut sich außer Ihnen niemand in die Hölle?“
„Sie warten oben. Bei Ihrer letzten Verlegung gab es zu viele Opfer. Das wird diesmal nicht passieren“, verspricht er mit wenig Überzeugung.
„Genau darum hat man Sie geschickt, nicht wahr Carl? Sie sind der Bruce Willis unter den Krebspatienten in Regierungsdiensten. Ein Kämpfer, der Richtige für diese Mission. Jetzt weiß ich auch, was Ihnen der Präsident mit auf den Weg gegeben hat, als Sie sich für diesen heiklen Auftrag meldeten … Stirb langsam, Carl!“ Ich kriege einen Lachanfall und möchte wetten, dass die Jungs in der Überwachungszentrale in Edwards sich ebenfalls auf die Schenkel klopfen. Wieder beunruhigt ihn mein Gekicher. Die Gelassenheit, die er beim Verlassen des Aufzugs an den Tag legte, ist dahin. „Vergessen Sie nicht den Alarm auszuschalten, sonst sind Sie auf ewig mit mir hier unten begraben. Wäre doch schade, wenn Ihre Frau einen leeren Sarg beerdigen müsste.“
In einer raschen Bewegung dreht er sich zu mir und streckt mir seinen Zeigefinger entgegen.
„Verschwenden Sie keine Worte, Carl! Das kostet alles unnötig Kraft“, empfehle ich ihm, ehe er etwas sagen kann. Er wirft mir einen enttäuschten Blick zu und ich muss grinsen. „Was haben Sie erwartet? Ich bin ein Scheißkerl und muss mein Image pflegen.“
Er geht zur Glasscheibe und begegnet mir auf Augenhöhe. „Sie haben sich damals gestellt, obwohl unsere Ermittler niemals darauf gekommen wären, dass Sie all diese Toten zu verantworten haben. Ja, ich habe einen Mann mit Rückgrat erwartet“, murmelt er.
Theatralisch lege ich meine Stirn gegen das Glas. „Keine Tageszeitung, keine Nachrichten, kein Internet. Was ich hier unten bekomme, sind ein paar beschissene Filme, die obendrein zensiert sind und noch schlechtere Bücher, in denen manchmal ganze Seiten fehlen. Damit verbringe ich meinen Tag. Sie wollen nicht, dass ich erfahre wie es um euch da oben steht. Sie verschweigen mir, was ich anrichte unter ihresgleichen, Carl. Finden Sie das nicht auch zermürbend? Also ge-statten Sie mir ein wenig Zynismus.“
„Ihre Existenz tötet Menschen. Aus meiner Sicht bekommen Sie mehr, als Ihnen zusteht“, bricht es aus ihm heraus, wobei er aufgebracht, aber unabsichtlich gegen die Scheibe spuckt.
Ich spiele den Betroffenen, taumle rückwärts bis zu meiner Pritsche und setze mich. Dann vergrabe ich das Gesicht in meinen Händen und verharre dreißig Sekunden in dieser Stellung. Die Reaktion verunsichert ihn. Ohne nach ihm zu sehen, weiß ich, dass er immer noch vor der Zelle steht und mich anstarrt. Als ich hoch blicke, zuckt wieder sein rechter Mundwinkel.
„Carl, Carl! Mit dieser Äußerung haben Sie sich womöglich gerade einen Eintrag in ihre Akte eingehandelt. Musste das sein, so kurz vor Ihrem Ausscheiden? Wäre man sich über Ihre wahren Ansichten im Klaren gewesen, hätte die Regierung wohl jemand anderen geschickt. Sind Sie ein verdammter Rassist, Carl? Haben Sie früher Neger verprügelt oder ihre sadistische Ader an philippinischen Nutten ausgelassen? Wie konnte ich mich nur so in Ihnen täuschen?“, heuchle ich mit weinerlicher Stimme.
Ehe er etwas erwidern kann knackt es in seinem Headset. Er hält sich den Finger ans Ohr und nickt mechanisch. Die Wut, die ihm eben noch ins Gesicht geschrieben stand, verfliegt. Es passt ihm nicht, was er zu hören bekommt. Zweimal sieht er mir direkt in die Augen, dann dreht er sich weg und zieht sich den Stuhl heran.
„Schlechte Nachrichten?“
„Nur eine Verzögerung.“
„Wohin, Carl?“
Keine Antwort. Er setzt sich und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Darf ich mir was aussuchen? Eine Zelle mit Aussicht? Kommen Sie, seien Sie kein Spielverderber.“
Lindsay sackt in sich zusammen, die Schwerkraft nagelt ihn an den Stuhl. Ich rieche die fauligen Ausdünstungen, die ihm aus den Poren dringen. Er ekelt mich an. Ein Gedanke von mir und er stirbt sofort. Aber ich halte mich zurück. Lass ihn leiden!
„Die Aussicht, die Sie erwartet, wird Ihnen bald zu den Ohren rauskommen und Sie werden nicht in der Lage sein, wegzusehen“, kommt es plötzlich aus seiner Ecke.
„Verflucht, Carl! Sie machen es spannend. Jetzt haben Sie mich aber erwischt. Nun lassen Sie schon die Verlegungspapiere rüberwachsen, sonst koche ich noch über vor Neugier!“
Er macht keine Anstalten sich zu erheben. Sein aufgedunsener Kopf liegt auf seiner Brust, die Lider sind geschlossen. Er hat die Krawatte gelockert und den oberen Knopf seines Hemds geöffnet. Für eine Sekunde glaube ich, er ist eingeschlafen.
„Den Papierkram ersparen wir uns diesmal“, flüstert er. „Sie haben kein Mitbestimmungsrecht, was Ihren Umzug angeht.“ Ich gehe dicht an die Glasfront und lächele. Er müht sich auf die Beine. Diesmal wagt er sich bis auf wenige Zentimeter an die Scheibe. „Und wenn wir schon dabei sind, ich glaube Ihnen nicht, dass Sie all diese Menschen unabsichtlich töten. Vielmehr vermute ich, dass Sie Ihre zerstörerische Aura durchaus unter Kontrolle haben und Ihre tödliche Wirkung auf uns beeinflussen können.“
„Sie machen mir Angst, Carl. So schlecht denken Sie über mich“, antworte ich beleidigt. „Wenn ich vorgestern und heute zusammenzähle, kennen Sie mich nicht einmal dreißig Minuten und wagen es, so ein vernichtendes Urteil über mich zu fällen“, jammere ich. Er ist jetzt ganz nahe. Ich kann die geplatzten Äderchen in seinen gelblich verfärbten Augäpfeln sehen. „Armer, kranker Mann“, hauche ich ihm entgegen. Dann nehme ich die Verbitterung aus meiner Stimme und ersetze sie durch Schärfe: „Was, wenn Ihre Theorie stimmt? Was, wenn ich es tatsächlich steuern könnte? Entspreche ich dann dem Scheusal, das Sie in mir sehen?“
„Ich kenne Ihre Akte und ich habe mir ein Bild gemacht. Sie sind ein Monster“, urteilt er.
Ich schlage mit der Faust gegen die Scheibe und er schreckt zurück. Die Glaswand vibriert und kurz flammt Entsetzen in seinen Augen auf. Ein Todgeweihter, der die Angst vor dem Sterben immer noch nicht überwunden hat. Der Gedanke gefällt mir und weil es Spaß macht, dresche ich noch einmal dagegen, was die Schwingung der Konstruktion verstärkt.
Erste Sensoren reagieren und ein Warnsignal ertönt. Eine Computerstimme befiehlt mir, von der Glasfront zurückzutreten. Wölfisch grinse ich ihm ins Gesicht.
„Haben Sie die Sprengladungen schon entschärft, Carl?“
Noch ist er nicht in Panik, aber er kann seine Unruhe nicht mehr verbergen. Provozierend hebe ich die Faust. Die Stimme aus dem Lautsprecher fordert mich zum dritten Mal auf, in den hinteren Teil der Zelle zu gehen. Ich schlage erneut. Zu dem akustischen Signal gesellt sich jetzt ein Blinklicht. Carl hebt beschwichtigend die Hände. Unverkennbar bekommt er Anweisungen über seinen Kopfhörer, dass er mich beruhigen soll.
„Die wollen uns hier unten nicht begraben, Carl. Womöglich haben Ihre Vorgesetzten eine höhere Meinung von mir? Riskieren Sie Ihrer Frau zuliebe nicht Ihre Pension“, souffliere ich ihm zu. „Entschuldigen Sie sich und wir sind wieder Freunde!“
„Fick dich!“
Ich lache, senke die Faust, drehe mich um und setze mich auf die Pritsche. Der Alarm verstummt, das orange Flackern hört auf. Lindsay keucht hinter der Scheibe wie ein asthmakranker Ackergaul. Speichel hängt an seiner Unterlippe.
„Nehmen Sie doch Platz, bevor Sie mir aus den Latschen kippen. Wer soll mich denn Ihren Kumpels oben vorstellen, wenn Sie jetzt den Löffel abgeben?“
Er schleppt sich zum Stuhl. Uringestank dringt mir in die Nase und ich kann es nicht fassen, dass er sich vollgepisst hat, selbst wenn es nur ein paar Tröpfchen sind. Von einem Schaudern befallen, wende ich mich angewidert ab. Minutenlang schweigen wir uns an. Erst als ich höre, dass sein Puls runter ist, richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn. Wie ein angeschlagener Boxer kauert er auf dem Besucherstuhl, aber es ist niemand da, der ihm Luft zufächelt.
Er fängt meinen durchdringenden Blick auf. Plötzlich grinst er, als wäre ihm eingefallen, mit welchem Argument er mich frühzeitig aus dem Spiel nehmen kann.
„Sie bekommen ein ausrangiertes Modul der ISS ganz für sich allein. Sobald wir Sie drin verstaut haben, wird es von der Raumstation abgekoppelt und Sie werden zukünftig in einer geostationären Umlaufbahn um unseren hübschen Planeten kreisen.“
Ich werfe meine Beine von der Pritsche und trete an die Scheibe. Seine Worte hallen in meinem Kopf. „Jetzt verstehe ich Ihre Anspielung mit der Aussicht, Carl“, flüstere ich und versuche keinerlei Emotion in meiner Stimme mitschwingen zu lassen. „Verraten Sie mir auch, wie Sie mich da oben mit Nahrung und Wasser versorgen wollen? Kann mir nicht vorstellen, dass die NASA ihre Shuttles demnächst als Pizzataxis einsetzt.“
„Sie klingen beunruhigt“, kontert er. „Gefällt Ihnen nicht der Gedanke, im Weltraum allein mit nichts außer ein paar Satelliten? Mit einem Mal kommen Sie mir ziemlich kleinlaut vor.“ Lindsay steht auf und kommt zu mir. In seinen Augen suche ich nach der Wahrheit. Er weist nicht die erhöhte Herzfrequenz eines Lügners auf. Trotzdem kann ich nicht glauben, was er sagt.
„Guter Versuch, Carl, aber damit kriegen Sie mich nicht dran. Es ist technisch und finanziell nicht möglich, mich in einem Modul der Raumstation am Leben zu erhalten, das nicht mehr an die ISS angedockt ist.“
„Deshalb frieren wir Sie vorher auch ein. Sie bekommen einen schicken Kryotank mit Sichtfenster, damit Sie auch keinen einzigen Erdumlauf verpassen. Wir konservieren Ihr dreckiges Grinsen für die Ewigkeit in flüssigem Stickstoff. Das Team steht schon bereit. Und danach werden Sie der erste und einzige Häftling sein, dem die Vereinigten Staaten einen Shuttleflug spendieren.“
Er äfft mein kreischendes Lachen nach. In meinem Hirn knistern die Neuronen. Wagen sie das wirklich? Wollen sie mich auf diese Weise entsorgen? Carls körperliche Parameter zeigen keinerlei Anzeichen dafür, dass er mich verscheißert.
Unbändige Wut kocht in mir hoch. Mein Zorn lässt sich nicht mehr verbergen, ich spüre wie das Blut in meinen Schläfen pocht. Vorsichtshalber macht er einen Schritt zurück. Ich hebe meinen Zeigefinger und fixiere ihn mit zusammengekniffenen Augen.
„Sie schießen mich nicht in einer Blechbüchse in den Weltraum“, zische ich und diesmal bin ich es, der die Glasfront mit Speichel besprenkelt. Der alte Mann bleibt unbeeindruckt, was mich noch mehr in Rage bringt. Es wäre an der Zeit, ihn auszulöschen, aber in letzter Sekunde gewinne ich meine Beherrschung zurück und wende mich ab. Er hat keine Ahnung wie Nahe er dem Tod ist und ich will ihn noch ein wenig in dieser Unwissenheit wiegen. Zuerst werde ich ihm vor Augen führen, dass ich nicht alles mit mir machen lassen.
„Sie glauben wirklich, Sie haben gewonnen“, säusle ich gegen den schwarzen Felsen, der die Rückwand meiner Zelle bildet. Ich kann spüren, wie sein Blick sich in meinen Nacken bohrt. Im Moment fühlt er sich mir überlegen. Er glaubt, er hat mich in den Seilen und dieser Triumph lässt ihn sogar über seinen Krebs lächeln. Es ist an der Zeit, ihm vor Augen zu führen wie nichtig seine Existenz ist. „Sie haben Recht, Carl“, flüstere ich gerade laut genug, um sicher zu gehen, dass er jede Silbe versteht. „Ich kann es kontrollieren. Dem nicht genug, kann ich es obendrein gezielt einsetzen. Was halten Sie davon, wenn ich jetzt ganz fest an Ihre Frau und Ihre Bälger denke? Vielleicht kriegen wir auf diese Weise ein nettes Familienbegräbnis hin.“ Dann breite ich meine Arme aus, werfe den Kopf in den Nacken und heule gegen die Höhlendecke. „Und es wird schmerzvoll werden, Carl. Kommen Sie, fühlen Sie mit mir wie sie sich winden in ihrer Pein. Wie sie sich die Eingeweide aus dem Leib kotzen, wegen der unerträglichen Qualen, die ich ihnen bereite.“
„Hören Sie auf!“, brüllt Lindsay in meinem Rücken. Bittere Verzweiflung liegt in seinem Flehen. „Hören Sie auf, damit!“
„Sie spüren es, nicht war? Drüben in Atlantic City winseln sie um Erlösung. Sollen wir sie erlösen, Carl? Sollen wir es tun?“
Weitere zwanzig Sekunden Gewimmer, dann kippt die Hoffnungslosigkeit und unbändige Wut mischt sich in seinen Tonfall. „Verdammter Dreckskerl, hör auf!“, kreischt er hysterisch, während ich virtuos mit meinen Händen die Sinfonie des Grauens dirigiere. Seine Stimme überschlägt sich, als er schreit, so lange, bis nur noch ein Krächzen ertönt.
Etwas donnert gegen die Glasfront und ich wirble herum. Carl Lindsay holt mit dem Stuhl aus und hämmerte ihn aufs Neue gegen meine Zellenwand. Die Scheibe gerät wieder in Schwingung. Unverzüglich setzt der Alarm ein. Ohne darauf zu achten, schlägt der Alte ein drittes Mal gegen das Panzerglas. Die Signalleuchten flackern. Die Computerstimme bittet vehement darum, von der Glaswand zurückzutreten. Beschwichtigend hebe ich die Hand als Lindsay erneut ausholt.
„Hey, Carl, sie wird nicht kaputt gehen. Wenn Sie mir in die Fresse hauen wollen, dann öffnen Sie die Scheißtür, aber hören Sie mit der Randale auf!“
Der alte Mann ist wie im Wahn. Mit Anlauf rammt er den Besucherstuhl gegen das Glas, taumelt zurück und stürzt wieder heran. Ein ungutes Gefühl kommt in mir hoch.
„Sie werden die verfickte Sprengung auslösen“, fauche ich ihn an.
Die digitale Stimme aus dem Lautsprecher befiehlt die Attacken augenblicklich zu stoppen, aber der Mann von der Ostküste reagiert nicht. Er ist am Ende. Sein Puls rast, irgendwo in seinen Gedärmen ist ein Geschwür aufgebrochen und ich kann die Einblutung riechen. Doch unermüdlich drischt er den Stuhl gegen die Scheibe.
„Carl, bitte!“, höre ich mich winseln und hasse mich dafür.
Die Sirene dröhnt in meinen Ohren. Die Einsicht, dass ich Lindsay augenblicklich töten muss, kommt gleichzeitig mit der ersten Explosion. Tief aus dem Berg grollt ein Donner heran, die Erde beginnt zu beben und ich stolpere gegen die Glasfront. Breitbeinig steht mein Besucher vor mir und schwingt den deformierten Stuhl über seiner Schulter. Sand rieselt von der Decke und erste Gesteinsbrocken lösen sich aus den Wänden ringsum. Weitere Entladungen erschüttern das Felsmassiv. Staub durchsetzt die gefilterte Luft. Die Deckenbeleuchtung erlischt, nur noch die Signallampen kreiseln. Orangefarbene Lichtkaskaden schwappen rhythmisch über uns hinweg, als züngle das Höllenfeuer über die Felswände. Aus den Rissen an der Zellendecke ergießen sich Sturzbäche aus Sickerwasser und binden den Sand zu einer zähen Dreckmasse, die über meine nackten Füße schwappt.
Ich bin am Arsch!
Eine Detonation reißt die Fahrstuhlkabine aus dem Schacht und lässt sie wie einen Güterzug auf uns zu rasen. Im Moment des Einschlags sieht Carl mir direkt in die Augen und grinst. Bevor das Panzerglas explodiert, kann ich noch hören was er sagt:
„Jippiaje Schweinebacke!“

Im Zyklus der Zeit

Von admin am 25. Mai 2009 veröffentlicht

Autor: Lothar Nietsch
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Fantasia 210/211 (EDFC)”

imzyklusderzeitWieder saß sie auf den Stufen vor dem Brunnen des mittelalterlichen Marktplatzes. Eine junge Frau, die Fred schon in den vergangenen Tagen dort hatte sitzen sehen. Stets zur gleichen Zeit. Das erste Mal hatte er sich kaum für die Frau interessiert, als er sie vom Hotelzimmer aus bemerkte. Doch die Regelmäßigkeit ihres Erscheinens und nicht zuletzt der Ausdruck tiefer Melancholie in ihrem zarten Gesicht, weckten seine Neugier.
Sie war niemandem des Personals bekannt, als er sich nach ihr erkundigte. Wahrscheinlich eine Touristin, hieß es, der es der Marktplatz angetan hatte.
Trotzdem, die Wehmut ihrer Züge, der traurig-verträumte Blick, die um sie befindlichen Dinge und Menschen kaum wahrnehmend, entsprach für Fred nicht der Art, die ein gewöhnlicher Tourist an den Tag legte. Vielmehr erweckte sie den Anschein, als wäre sie mit diesem Ort auf tragische Weise verbunden und irgendwie fühlte sich Fred zu ihr hingezogen.
Ein kontrollierender Blick in den Spiegel, dann verließ er das Zimmer. Die Frau beschäftigte seine Gedanken mittlerweile viel zu sehr, um sie nicht wenigstens anzusprechen.
Draußen, im Schutze des Vordachs, zögerte er. Aber, als eilte ihm sein Vorhaben durch eine unsichtbare Strömung voraus, sah sie auf, fand ihr Blick den seinen. Fred atmete durch und ging auf sie zu. Ihre Augen blieben dabei auf sein Gesicht geheftet. Unendlich geheimnisvoll erschien ihm ihr Blick, der Fred immer mehr verwirrte, je weiter er sich ihr näherte. Erkennen und Hoffnung lagen darin, desgleichen Trauer und Leid. Plötzlich beschlich Fred die leise, dennoch unbeirrbare Ahnung, diese Frau zu kennen. Trotz der Gewissheit, dass dies nicht sein konnte.
Oben, in seinem Zimmer, hatte er sich eine passende Anrede zurechtgelegt, nun aber waren die Worte wie weggewischt. Nie zuvor erlebte er Ähnliches. Eine schiere Flut gegensätzlicher Gefühle vereinnahmte ihn von einem Augenblick zum nächsten. Er begehrte diese Frau, wie keine zuvor, gleichermaßen empfand er unsägliche Scham. Hilflos versank er in den Tiefen ihrer Augen, deren Grund er niemals würde blicken können. Dies war ihm auf ebenso unerklärliche Weise klar, wie das untrügliche, dennoch irrationale, Wissen, dieser Frau so nahe wie einer Geliebten zu stehen. Dabei war er ihr niemals zuvor begegnet.
„Mathilde?“, hörte er den Namen über seine Lippen kommen. Fassungslos schrie sein Verstand in Panik auf. Hatte er dies wirklich gesagt? Ihm war, als befände sich ein zweites Ich in seinem Geist. Verzweifelt baten seine Blicke um Hilfe, aber ihre Worte trieben ihn vollends an den Rand des Wahnsinns.
„Ja, du bist es – fandest endlich den Weg. Nach all den trostlosen Jahren des Wartens. Ist dir klar, was du nun wirst tun müssen?“
Nein!, schrie es in Fred, ich habe nicht den blassesten Schimmer! Aber als spräche ein Anderer, entgegnete er: „Ja und nein, meine Liebste. Soviel Zeit ist seither vergangen, zuviel Sünde auf meinen Schultern.“
Liebevoll sahen ihre unergründlichen Augen zu ihm auf, füllten sich mit Tränen: „Nichts kann meine Liebe bezwingen. Kein Pakt, keine Macht, denn du bist zurück. Jetzt kann ich mein Gelübde erfüllen.“
Ihre Hand streckte sich Fred entgegen, dem ein Schauder über den Rücken jagte. Doch bevor ihre Fingerspitzen seine Hand erreichten, verblassten sie, lösten sich auf wie Nebelschwaden. Voller Entsetzen, keines klaren Gedanken fähig, stierte Fred auf die Stufe vor seinen Füßen. Das Wasser des Brunnens plätscherte fröhlich in der Abendsonne, als wäre nichts geschehen. Endlich, ihm schien eine halbe Ewigkeit vergangen, kehrte die Gewalt über seine Gliedmaßen zurück. In unregelmäßigen Atemzügen schnappte er nach Luft. Die Knie schlotterten, sein Herzschlag hämmerte. Fred befürchtete, er könne unangenehm auffallen, daher setzte er sich auf jene Stufe vor dem Brunnen.
So saß er da, bemüht das Unfassbare zu verdauen und dabei den Verstand bewahrend. Erst nachdem die Sonne hinter den Dächern verschwunden war, erhob er sich und begab sich schnurstracks auf sein Zimmer.
Auch wenn die Vernunft ihm gebot, dass er sich lediglich etwas einbildete, ja, einbilden musste, so vermochte er nicht das Erlebte zu leugnen. So sehr er sich wünschte, das Ganze als Suggestion abzutun, unbeirrt stand die Gewissheit diese Frau zu kennen dagegen. Wenn er doch nur wüsste, was ihn mit dieser Frau verband. Nur in einem war er sicher: Dieses Gefühl der Liebe entstammte absolut keiner Einbildung. Was war mit ihm? War er der, der er glaubte zu sein? Seine Erinnerungen, seine Geschichte, waren es seine eigenen? Gab es tatsächlich einen Abschnitt seines Lebens, der sich ihm verschloss?
Erschöpft fiel er aufs Bett. Unsinnige Grübelei. Alles was blieb, war, den nächsten Tag abzuwarten, darauf zu hoffen, dass die Frau wieder erschien. „Mathilde“, murmelte er, lauschte dem Klang dieses Namens, der einem Teil von ihm so vertraut vorkam, dann schlief er ein.
Durchs Fenster fallender Sonnenschein weckte Fred. In Sekunden verblassten die Traumsequenzen, die seine Erinnerung aus dem Schlaf mitgenommen hatte. Nur ein Gefühl der Unsicherheit blieb zurück. Sein erster klarer Gedanke galt Mathilde. Sogleich brandete eine Woge der Liebe und des Schmerzes durch sein Innerstes. Ebenso stellte sich dies unheilvolle Wissen ein, dass er einen finsteren Teil seiner Vergangenheit nicht mehr wusste – nicht mehr wissen wollte. Dem zum Trotz brannte er darauf, herauszufinden, was genau dies war. Sich seiner selbst nicht sicher, stand er auf, schlurfte ins Bad.
Gedankenverloren starrte er in den Spiegel. War dies Gesicht tatsächlich seins? Er beschwor Mathildes Züge vor seinem inneren Auge herauf. Doch dies verwirrte ihn noch mehr, stürzte ihn zuletzt in Verzweiflung. Außer seiner unbeschwerten Kindheit, war sein Leben eher langweilig verlaufen. Er würde seinen Werdegang als überaus durchschnittlich beschreiben, dem Bild entsprechend, welches das Klischee eines Versicherungsvertreters zeichnete.
Fred schüttelte den Kopf, so kam er nicht weiter. Er kleidete sich an, stieg die Stufen zum Foyer hinunter und trat auf den Marktplatz hinaus. Ohne Ziel, die Hände in den Hosentaschen, schlenderte er durch die Straßen, nahm jeden Winkel in sich auf. Nach einer Weile stellte sich etwas wie vage Erinnerung ein. Die Gassen schienen ihm auf düstere Art vertraut. Aber die undeutlichen Bilder zeigten diesen Ort völlig anders. Vor seinem geistigen Auge bröckelte der Putz von den Fassaden, sah er mit Stroh gedeckte Dächer, Unrat auf den Strassen. Es roch nach Schmutz, Hunger und Blut. Als wäre er in der Zeit zurück gegangen. Der Gedanke erschreckte Fred, verscheuchte jene unheimlichen Bilder aus längst vergangen Tagen. Bedeutete dies nichts anderes, als schon einmal gelebt zu haben. Bislang tat er dergleichen als Blödsinn ab. Belächelte diejenigen, die behaupteten, sich an frühere Leben zu erinnern. Noch mehr aber belächelte Fred jene Zeitgenossen, die solchen Geschichten Glauben schenkten. Er wollte es nicht wahrhaben, aber diese Ahnung, bereits vor Jahrhunderten durch diese Stadt gewandelt zu sein, widersetzte sich hartnäckig seinem Willen. Sein Weg hatte ihn vor das Rathaus geführt. Erst als er gewahrte, schon länger die Messingtafel anzustarren, erkannte er den Sinn der aufgeprägten Buchstaben. Stadtarchiv, las er. Ohne weiteres Nachdenken, wie mit einer unwiderstehlichen Strömung treibend, ging Fred hinein.
Der alte, griesgrämige Archivar nickte konsterniert, als Fred ihn fragte, ob sich in der Geschichte der Stadt etwas Tragisches am Marktplatz ereignet hatte. „Seltsam, dass Sie so etwas wissen wollen“, sagte er. „Die Mauern dieser Stadt waren tatsächlich Zeuge vieler tragischer Ereignisse, doch interessiert dergleichen die Touristen kaum. Können Sie mir konkreter sagen, welches Ereignis Sie meinen?“
„Nicht genau, ich hörte von einer jungen Frau, der auf dem Marktplatz irgendetwas zugestoßen sein soll.“
Der Alte beäugte Fred mit unverhohlenem Misstrauen, als er entgegnete: „Gehört wollen Sie davon haben? Hören Sie, ich mag vielleicht ein alter Trottel sein, aber für dumm verkaufen können Sie jemand anderen. Nur wenige lasen die Aufzeichnungen und sie hielten’s genauso, wie ihre Ahnen: Sie vergaßen die Geschichte. Erzählen Sie also nicht, Sie hätten zufällig davon gehört. Sagen Sie schon, was Sie wollen, oder lassen Sie mir meine Ruhe.“
Die Worte überrumpelten Fred derart, dass er einige Sekunden benötigte, in denen er um seine Fassung rang. Aber was hatte er schon zu verlieren? Kaum jemand in der Stadt kannte ihn. Sollte der Alte von ihm denken was er wollte. Fred breitete entwaffnend die Hände aus und sagte: „Ich bin Versicherungsvertreter und wegen eines Kunden in der Stadt. Meines Wissens zum ersten Mal. Doch wenn ich Ihnen nun sage, dass täglich eine bildhübsche, aber tieftraurige Frau vor dem Brunnen des Marktplatzes sitzt, die in mir ihren Liebsten zu erkennen glaubt, den sie vor elend langer Zeit verlor und die sich dann anschließend vor meinen Augen wie ein Gespenst in Luft auflöst, werden Sie mich erst recht auffordern, nicht Ihre Zeit mit solchem Blödsinn zu verschwenden. Oder etwa nicht?“
Fred wusste nicht, was er nun zu erwarten hatte, keinesfalls aber rechnete er mit der folgenden Reaktion.
„Teufel noch mal“, entfuhr es dem Alten, Fred mit großen Augen fixierend. „Beschreiben Sie die Frau.“
Fred fragte sich, welchem Zweck dies dienen sollte, dennoch kam er der Aufforderung nach. Der Archivar hing ohne Unterlass an seinen Lippen, nickte ab und an bestätigend und als Fred endete, rief er aus: „Sie ist’s! Genauso wird sie beschrieben.“
Dabei lief er aufgeregt auf und ab, solange bis Fred die Geduld verlor.
„Jetzt sagen Sie schon, wer die Frau ist, wenn Sie glauben, dass sie’s ist und was zum Kuckuck mit ihr geschah!“
„Ah!“ griente der Alte verschmitzt, „Sie gefällt dem jungen Mann.“ Dann, in beinahe traurigem Tonfall: „Machen Sie sich keine Hoffnungen, die Gute verstarb vor über 400 Jahren. Sie sind übrigens nicht der Einzige, dem sie erschien, soviel ich aber sagen kann, der Erste mit dem sie gesprochen hat. Doch kommen Sie, ich zeige Ihnen die alten Aufzeichnungen, die der Prior des Klosters seinerzeit anfertigte. Offenbar vermutete er, dass ihn diese Zeilen Kopf und Kragen kosten würden, denn er hat sie unter einer Bodenplatte der Sakristei versteckt. Renovierungsarbeiten vor acht Jahren förderten sie dann zutage.“
Gespannt folgte Fred dem Alten in den hinteren Teil des Archivs. Die Originaldokumente lagen unter einer Glasvitrine zur Ansicht aus, doch waren sie in lateinisch verfasst.
„Ich nehme an, Sie können mit der Übersetzung hier mehr anfangen“, nahm der Archivar Freds Frage vorweg und reichte ihm eine Mappe. „Sie können sich das Ganze dort in Ruhe durchlesen“, dabei deutete er zu zwei Stühlen, die einen niederen Tisch flankierten und schlurfte ohne ein weiteres Wort nach vorne.
Fred setzte sich, schlug gespannt den Deckel zurück und begann zu lesen. Die Zeilen beschrieben ein Ereignis aus der Zeit des 30jährigen Krieges und wie nach einem endlosen Wachtraum, brandete die Erinnerung plötzlich über Fred hinweg. Mit solcher Heftigkeit, dass er beinahe aufschrie. Unfassbar zu glauben, wer er einst gewesen, aber allzu deutlich traten unzählige Einzelheiten seines damaligen Lebens zu Tage. Die Reinheit seiner Empfindungen in der Jugend, bis hin zum Wandel, den seine Seele mit wachsender Macht vollführte, ihn zum Teufel in Menschengestalt verkommen ließ.
Mathilde, der sein ganzes Herz gehörte, doch sie zu ehelichen, verbot sein Stand. Was ihn jedoch nicht hinderte, sie zu verführen, seiner Fleischeslust zu opfern, zu schwängern und in Schande versinkend zurückzulassen, als ihn seine beginnende Karriere in die Welt hinausführte. Eine Welt des immerwährenden Krieges und die er in den folgenden Jahren beinahe eroberte – geachtet und gefürchtet zugleich. Als Oberbefehlshaber aller Truppen, verfügte er zeitweilig über größere Macht als der Kaiser, schuf in seinem Größenwahn ein eigenes Reich. Mathilde, seine einstige Liebe verleugnete er. Drängte sie sich dennoch in sein Gedächtnis, schämte er sich seiner Liebe, verfluchte das Weib niederer Herkunft.
Schaudernd fuhr Fred empor, unnötig weiterzulesen. Kein Wunder, dass er Geschichten über Wiedergeburt bisher verabscheute. Niemals hätte er wissen mögen, welch ein Scheusal er einst gewesen, wenn auch ein bis in heutiger Zeit sehr berühmtes.
Dennoch, anfangs war er gut gewesen, die Liebe zu Mathilde echt, deutlich spürte er dies. Was war geschehen, dass seine Gefühle in solchen Maßen erkalteten? Düster und beängstigend zogen bruchstückhafte Reminiszenzen herauf. Eine dunkle Messe. Gott im Himmel!, durchfuhr es Freds Gedanken. Mit Hilfe abscheulicher Rituale beschwor er den Fürsten der Finsternis, bot seine Seele. Der Sold für die Macht. Aber warum schmorte er nicht in der Hölle, wandelte stattdessen über die Erde? Wenn auch als belangloser Versicherungsvertreter, so verschloss sich ihm der Sinn des Ganzen. Antworten, dessen war sich Fred nun gewiss, erlangte er nur durch Mathilde.
Mathilde – nach allem was er ihr angetan hatte. Selbst der Tod ereilte sie auf sein Geheiß. Übelkeit stieg in ihm auf. Er wollte seine Gedanken abwenden, aber etwas hinderte ihn, ließ Fred die grausige Tat abermals durchleben.
Lange schon lagerte er mit seinem Heer vor der Stadt, die sich ihm wiedersetzte. Seine Männer bluteten das Land aus, das Volk hungerte. Verbrannte Erde auf Meilen. Da trat sie vor ihn, Mathilde. Sie hatte ihn nicht vergessen, liebte ihn noch immer, obwohl er sie entehrt und im Stich gelassen hatte. Appellierte an sein gütiges Herz, bettelte um Brot für sich und die Kinder, sein eigen Fleisch und Blut. Einem Menschen wären diese Worte ans Herz gegangen, aber längst war er kein Mensch mehr. Die Worte jener Frau, die er einst geliebt, beleidigten ihn. Ihr nach wie vor reizvolles Erscheinen verhöhnte ihn. Trotz des Gebärens der Kinder, der Marter durch die unaufhörlichen Kriege, gafften die Männer diesem niederen Weib noch immer nach. Im Gegensatz zu ihm, der mit schmerzhaften Ekzemen kämpfte und dessen Leib lebendig zu verfaulen drohte. Wie konnte sie sich erdreisten, derart vor ihn hinzutreten? Vor ihn, dem mächtigsten Mann Europas, ihn zu kompromittieren.
Indes, Mathilde schien den Zorn nicht wahrzunehmen, der sich über ihrem Haupt zusammenbraute. Vielleicht, so überlegte Fred, wollte sie dies auch gar nicht.
Unbewegt hatte er sie angehört und nachdem er keine Regung zeigte, wurde sie in ihrer Not zur Verräterin an ihren Leuten. Sie beschrieb einen geheimen Gang, der, nicht weit vom Heereslager gelegen, in die Stadt führte. Wenn er nur dafür sorge, dass sie bis an ihr Lebensende Brot erhielte, werde sie ihm die Stelle zeigen, an der sich der Eingang des Ganges befand.
Innerlich triumphierte er. Es gab nur eine einzig richtige Antwort auf Verrat und die würde er ihr erteilen. Die Bosheit seines Herzens schmerzte Fred selbst jetzt, unzählige Jahre danach, mehr als er ertrug. Eilends suchte er die Toilette, wo er sich erbrach. Aber auch dies hinderte die über ihn hereinbrechende Bilderflut seiner Vergangenheit keineswegs daran, ihn weiter zu peinigen.
Mit einer kaum nachzuvollziehenden Häme, gewährte er seiner einstigen Geliebten den Wunsch. Sowie Mathilde seinen Söldnern den Zugang gezeigt hatte, nahm er sie in Gewahrsam, eroberte die Stadt im Handstreich und nach dem ersten Morgengeläut erhielt Mathilde den Lohn für ihre Dienste. Inmitten des von Schaulustigen überfüllten Marktplatzes ließ er ein Geschütz mit Brot füllen, bis der Kanonier keinen weiteren Krumen ins Rohr brachte. Dann stellten seine Schergen Mathilde an Händen und Füßen gefesselt vor die Mündung. Mit den Worten, hier hast du Brot bis an dein Lebensende, zog er eigenhändig ab. Nicht ein Funke des Bedauerns regte sich in ihm, beim Anblick ihres Leichnams. Mathilde zählte nichts, war ihm weniger als der Dreck unter seinen Fingernägeln.
Fred fühlte sich wie erschlagen, kauerte zitternd neben der Toilettenschüssel, solange, bis der Archivar die Tür öffnete und mit wunderlichem Blick fragte: „Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ja kreidebleich. Aber ist ja auch kein Wunder, diese Geschichte geht an die Nieren. Dennoch schwer nachzuvollziehen, woher der Prior hat wissen können, dass diese einfache Frau einst die Geliebte des großen Wallenstein war, noch dazu Mutter seiner Kinder.“
Fred nickte gequält: „In der Tat. Aber irgendwas wird wohl dran sein, sonst hätte er diese Zeilen nicht so gut verborgen. Meinen Sie nicht auch?“
Der Archivar stimmte zu. Auf die Frage, ob der Platz ihres Grabes bekannt sei, schüttelte der Alte den Kopf. Auch wenn es die Menschen selbst damals entsetzte, auf welche Weise Wallenstein seine Informanten entlohnte, so war sie ab da für die Bürger nur eine Verräterin. Fred dankte und verließ das Rathaus. Er fühlte sich erbärmlich.
Unbewusst vernahm er das fünf Uhr Läuten der Kirchenglocke, als es ihn jäh durchzuckte: Mathilde!
Stets zu dieser Zeit hatte er sie am Brunnen sitzen sehen. Er rannte, so schnell es seine Beine erlaubten, ignorierte die brennenden Lungen, den galoppierenden Herzschlag. Atemlos erreichte er den Marktplatz. Freudig und beklommen zugleich, sah er sie. Keiner der Passanten nahm Notiz von ihr, als wäre sie überhaupt nicht zugegen. Vielleicht sehe ja nur ich sie, dachte Fred. Wie gestern, schien sie seine Anwesenheit zu spüren und wandte den Kopf in seine Richtung.
„Weißt du nun, was du zu tun hast?“, begrüßte sie ihn.
Ein faustgroßer Klumpen in seinem Hals, hinderte Fred am antworten. Nach einigem Ringen, brachte er schließlich heraus: „Ich fürchte, nichts kann wieder gut machen, was ich dir angetan habe. Selbst mein Tod wäre keine Sühne, denn ich bin ja schon gestorben.“
Seine zauberhafte Mathilde lächelte. Die Stimme voller Zärtlichkeit, entgegnete sie: „Du warst verblendet, deine Seele vergiftet. Deutlich sah ich Seinen Schatten über dir, als du mich getötet hast. Dich Ihm zu entreißen, schwor ich damals, egal wie lange es dauert. Nun ist es fast vollbracht. Dann endlich ist es meiner Seele gestattet zu ruhen und in Liebe auf die deine zu warten.“
Fred vermochte seinen Ohren kaum zu trauen. Wie konnte Mathilda noch Liebe für ihn verspüren? Er fand kaum die passenden Worte. Unsicher stammelte er: „Du bist nicht hier, um dich an mir zu rächen? Nach all dem Leid, welches ich über dich brachte?“
„Du lieber Narr! Denkst du wirklich, ich war so naiv und mir des Standesunterschiedes nicht bewusst? Wir liebten uns, dies allein zählte für mich. Ich wusste von Anfang an, dass es dir unmöglich gewesen wäre, mich zum Weib zu nehmen. Aber gesorgt hättest du für mich und deine Kinder. Doch in der Ferne gerietest du in Seinen Bann, warst ein anderer. Dein Herz starb und ist selbst jetzt noch tot.“
„Nein, du irrst. Gestern, als ich dich ansprach, fühlte ich die Liebe zu dir, obwohl ich da noch nichts wusste.“
Glockenhell erschallte Mathildes Lachen: „Liebe ist ein zweischneidiges Ding. Liebst du mich um deinetwillen oder um meinetwillen?“
Offenen Mundes glotzte Fred in Mathildes lachendes Gesicht, wusste keine Antwort.
„Siehst du!“, sagte sie, dabei ernst werdend. „Seine Macht reicht weit über Tod und Geburt hinaus. Aber der Glaube ist gering geworden unter den Menschen, dies schwächt Gott, ebenso wie Ihn. Komm jetzt, ich zeige es dir.“
Keiner Erwiderung fähig, folgte Fred dem Geist Mathildes, der ihn bis vor die alten Stadtmauern führte. An einer mit Dornenbüschen überwucherten Stelle des Stadtgrabens, verhielt sie. „Hier verscharrten sie meinen Körper.“ Dabei deutete sie zu Boden.
Es bedurfte keiner Worte, Fred war klar, was Mathilde erwartete. So begann er, mit seinen Händen in der harten Erde zu graben. Die Haut löste sich bereits von den Fingern und den Handflächen, als er auf den ersten Knochen stieß – Mathildes Schädel. Schweren Herzens barg er den Kopf, drückte ihn an seine Brust. Jeden einzelnen Knochen wollte er noch in dieser Nacht ausgraben. Geweihter Erde würde er sie übergeben, anschließend sein Leben ändern. Der Lohn seiner Arbeit, sollte fortan nicht länger seinem nutzlosen Luxus, sondern Bedürftigen dienen.
Fred blickte auf, erleichtert sah er in Mathildes Gesicht. Sie lächelte auf eine Art, wie er noch niemals jemand hatte lächeln sehen.
„Jetzt kann dein Herz wieder lieben“, sagte sie. „Halte daran fest und vergiss mich nicht.“
Freds Herz verkrampfte. „Du willst gehen?“
„Können wir tun was wir wollen, oder wollen was wir tun? Solange du an mich denkst, bin ich bei dir, lebe in dir fort. Vergiss unsere Liebe nicht, so werden unsere Seelen eins. Jetzt liegt es bei dir, mein Liebster.“
Mathildes Konturen verblassten. Fred wandte sich ab, zu sehr schmerzte der Anblick. Tränen liefen über seine Wangen. Tränen der Scham und der Erleichterung zugleich. Sein Leben hatte einen Sinn bekommen. Beinahe fröhlich kratzte er mit wunden Fingern weiter in der Erde. Gegen Morgengrauen hatte er Mathildas vollständig erhaltenes Skelett geborgen. Sorgsam in seine Jacke gehüllt, brachte er die kostbare Fracht auf sein Hotelzimmer. Bald sollte sie ein Grab erhalten, welches ihrer würdig war. Er trug nun Mathildes Bild in seinem Herzen und die Gewissheit, dass er sie wiedersehen würde.