Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Düstere Legenden

Von babsi am 16. Juni 2010 veröffentlicht

An einem verregneten Tag im November spätabends fuhr Neyla mit ihrem Auto alleine nach Hause. Sie hatte es an diesem Abend besonders eilig nach Hause zu kommen. Gerade heute hatte ihr Chef verlangt, dass sie Überstunden macht, genau an ihrem 2. Jährigen Jubiläum mit Mark. Und das, wo es eh gerade nicht besonders gut zwischen den beiden lief und Mark ihr bei jeder Gelegenheit die Schuld an ihrer Misere gab. Der Weg nach Hause kam ihr heute auch noch doppelt so lang vor wie sonst…plötzlich fiel ihr der unbeleuchte Schleichweg ein. Ein Weg mit dem sie mindestens 5 Kilometer sparen konnte. Der Feldweg war nicht sonderlich gut beleuchtet aber das was Neyla egal. Um Mark nicht wieder zu verärgern und wenigstens noch ein bis zwei Stunden mit Mark verbringen zu können nahm sie den kürzeren Weg auf sich.

Ein paar Kilometer weiter bog Neyla auch schon in den Feldweg ein. Viele Sterne leuchteten am Himmel und somit war es nicht ganz so finster. Aber rechts und links neben dem Weg sah Neyla nichts. Die Bäume standen im Wald viel zu dicht beieinander. Aber die nächsten paar Meter konnte sie dank ihren Nebelscheinwerfern gut überblicken. Plötzlich wurde Neyla ein wenig mulmig und sie beschloss alle Türen zu verriegeln. Mit geschlossenen Türen fühlte sie sich gleich viel sicherer. Wieso sollte sie auch Angst haben nur weil es dunkel war? Sie ist eine erwachsene und emanzipierte Frau und dank der Abkürzung würde sie Mark schon in spätestens 20 Minuten in die Arme schließen können.

Plötzlich erblickte Leyla einige Meter vor sich einen Baumstamm der quer über dem Weg lag. Die Bäume waren am linken und rechten Wegrand so nah dran, dass sie unmöglich vorbeifahren konnte. Neyla blieb stehen. Plötzlich fand sie ihre Idee die Abkürzung zu nehmen gar nicht mehr so gut. Wieso hatte sie das getan? Sollte sie jetzt wirklich aussteigen und den Stamm wegräumen? Er sah nicht sonderlich schwer aus aber Neyla bekam ein Ungutes Gefühl…

Nach einigen Minuten beschloss Neyla so schnell wie möglich auszusteigen und zum Baumstamm zu rennen in nur soweit beiseite zu schieben, dass sie gerade daran vorbeifahren konnte und dann wieder zurück ins Auto zu rennen und die Türen zu verriegeln. Plötzlich hörte Neyla in der Ferne ein weiteres Fahrzeug. Konnte es wirklich sein, dass jemand zufällig auch heute die Abkürzung nahm? Nein! Noch ein Grund für Neyla schnell den Stamm wegzuschieben. Sie stieg aus dem Wagen und räume den Stamm so schnell sie konnte beiseite. Der andere Wagen kam immer näher. Neyla rannte zurück zum Auto. Auf halbem Wege brach Ihr Absatz ab aber das war ihr egal, Sie zog schnell die Schuhe aus rannte zum Wagen, sprang rein und verriegelte die Türen. Sie erkannte hinter sich die Lichter eines großen Wagens. Der Fahrer begann plötzlich wie wild zu hupen. Wollte es, dass Neyla losfuhr? Da hatte es wohl jemand genauso eilig wie Neyla.

Neyla drückte barfuss aufs Gas und fuhr so schnell sie konnte los. Nur noch wenige Meter und sie würde auf einer helleren und mehr befahreneren Straße ankommen. Doch der Fahrer des Wagens hinter ihr fuhr immer dichter auf. Er hupte immer noch wie wild und blinkte mehrfach auf. Neyla verstand nicht, was er wollte aber ihr wurde wieder unwohl. Plötzlich hörte der Fahrer auf zu hupen aber versuchte nun scheinbar sie zu überholen. Endlich war Neyla auf der etwas mehr befahrenen Straße angekommen. Nur noch 5 km bis zuhause. Wahrscheinlich wollte der Fahrer durch das Überholen Neyla zum Bremsen bringen. Jetzt bekam Neyla Angst. Sie gab Vollgas und ließ nicht zu, dass der Fahrer sie überholt. Aber er folgte ihr immer noch.

Plötzlich sah Neyla das gelbe Ortschild ihrer Stadt. Sie war daheim. Der Spuk war zu Enden. Die erste Straße bog sie rechts ab. Doch der Fahrer folgte ihr immer noch. Neyla bekam Angst, dass er sie wohlmöglich überfallen wollte. Voller Unsicherheit rief Neyla Mark an und bat ihn, unten vor der Haustür aus sie zu warten. Sie wollte nicht aus dem Auto steigen wenn der Wahnsinnige hinter ihr ihrem Wagen immer noch folgte…

Als sie ihr Haus erblickte hielt sie direkt vor Marks Nase den Wagen an und rannte auf ihn zu. Plötzlich hörte sie eine Autotür knallen und wenig später eine weiteres Auto bremsen und noch eine Autotür zuknallen. Der Fahrer des anderen Autos rannte auf Neyla zu. Neyla griff Marks Hand und drückte sie ganz fest.

“Mädchen, wieso haben Sie denn nicht angehalten,” fragte der Unbekannte. “Ich habe gesehen, wie sie auf dem Weg einen Baumstamm weggeräumt haben und in dieser Zeit hat sich jemand durch ihre rechte Hintertür in ihr Auto geschlichen. Haben Sie denn nicht bemerkt, dass jemand auf ihrem Rücksitz lag? Ich wollte sie doch nur warnen…Lassen sie uns am besten gleich die Polizei rufen. Da scheint jemand mit Absicht den Baumstamm platziert zu haben um…”

Die letzten Worte des Mannes hörte Neyla schon gar nicht mehr. Sie sah die offene Hintertür ihres Wagens. Wie in Trance ging sie zu ihrem Auto. Als sie durch die offene Tür auf den Rücksitz sah, erblickte sie dort ein großes silbernes Küchenmesser

Schattenkönige

Von darkfantasy am 3. Juli 2009 veröffentlicht

 

Schattenkönige

von Carola Kickers

 

Die Zeit gefriert in meinen Adern. Ich kann es fühlen. Und sie – sie schaut mir beim Sterben zu! Das Zimmer ist stockdunkel, und ich kann ihre Umrisse nur schattenhaft erkennen. Ihre Augen reflektieren das wenige Restlicht wie die einer Katze. Aber ich weiß, dass sie mich sehen kann, hilflos auf diesem Bett, wo wir ein paar Stunden zuvor noch soviel Spaß hatten. Ich hätte dieses Biest töten sollen bevor – ich mich in sie verliebte. Aber bei Rebekka bin ich mir nie wirklich sicher gewesen! Bis heute.

Ich erinnere mich noch an die Worte meines Vaters: „Lass dich niemals mit einem von denen ein.“ Dabei habe ich seine Begabung als Jäger geerbt. Ich kann sie riechen, ganz egal ob in einer Großstadt in einem Straßencafé oder in den einsamsten Gegenden dieser Welt. Es ist immer der gleiche Geruch von Tod und kaltem Blut. Nicht, dass mir mein Job Spaß machen würde. Seit dem Tod meines Vaters sind es immer mehr geworden, und Jäger wie mich gibt es nicht mehr viele. Ich verstehe nicht, warum andere Menschen sie nicht erkennen können. Die meisten von denen haben Augen, in denen sich nichts mehr spiegelt als man selbst. Ich bin sicher, dass ihr diesen Typen auch schon begegnet seid. Vielleicht wollt ihr es aber auch nicht sehen.

Ganz anders war das bei ihr. Sie gehört nicht zu diesen kleinen, bissigen Zecken, die nachts ihr Unwesen treiben. Diese „Frischlinge“ sind leicht zu töten. Das Erbstück meines Vaters, ein Kreuz aus reinem Silber mit der dolchartigen Spitze am unteren Ende benutze ich normalerweise zum Pfählen. Dann geht alles sehr schnell. Asche zu Asche…

Rebekka konnte ich nicht töten! Sie muss zu den „großen Alten“ gehören, von denen mein Vater mir mal erzählt hat. In ihren Augen liegt so etwas wie bengalisches Feuer. Wenn du hineinsiehst schleicht sich dieses Feuer in dein Gehirn, beherrscht deine Gedanken. Einer solchen Macht bin ich noch niemals begegnet. Auch ihr Geruch ist ein anderer. Ein Hauch von blumiger Vergänglichkeit umgibt sie, ein Duft wie in einer Grabkapelle. Schauer laufen über meinen Körper. Sind es die Erinnerungen oder…

Ausgerechnet in dem Fitness-Studio, in dem ich immer für meine nächtlichen Auseinandersetzungen trainiere, bin ich dieser Frau begegnet und sie hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert. Langes, kupferrotes Haar, moosgrüne Augen und der Körper einer Göttin. Wer hätte da widerstehen können? Es hat auch einige Zeit gedauert, bis wir uns näher gekommen sind. Für sie muss das ein nettes Spiel gewesen sein. Katz und Maus mit dem Jäger. Ich hab zu spät gemerkt, dass sie zu denen gehört. Sie entsprach einfach nicht meinem Klischee. Dann kam diese Nacht. Nach einem Kinobesuch sind wir bei ihr gelandet, in einer unscheinbaren Altbau-Wohnung in der Innenstadt. Ich weiß nicht mehr, wer von uns angefangen hat. Irgendwann hat sie begonnen, die Führung zu übernehmen. Die Berührungen ihrer zarten, weißen Haut waren kühl, doch sie hinterließen Brandspuren auf meiner Seele. Ich wusste, dass sie Gift für mich war, aber ich wollte immer mehr. Ihr Mund, der mich voll Leidenschaft und Wolllust  küsste, versprach mir die Ewigkeit…

Nach ihrem Biss setzte sich Rebekka auf die Bettkante. „Du warst gut“, lobte sie mich, „zur Belohnung werde ich dich nicht zu einem von uns machen. Es sei denn, du möchtest es unbedingt.“ Bei diesen Worten strich sie mit dem langen Nagel ihres Zeigefingers über meine nackte Brust bis zum Bauchnabel. Ich bin zu schwach, um zu antworten. Ein „Nein“ kann ich nur in Gedanken schreien. Ich hätte wetten können, dass sie lächelte. „Dachte ich mir. Eigentlich schade. Deine Welt wird sowieso bald nie wieder so sein, wie sie einmal war“, bemerkt sie mit ihrer weichen aber emotionslosen Stimme. Rebekka scheint genau zu wissen, wie viel Zeit mir noch bleibt! Mit der gleichen Stimme erzählt sie mir jetzt, was da draußen wirklich vorgeht. Die brauchen sich tagsüber längst nicht mehr zu verstecken!

Sie haben die Regierungen infiltriert und machen jetzt Gesetze für uns! Sie selektieren uns bereits über die DNA. Erstmal die Verbrecher, dann sind wir alle dran.

Und dieses neue Gesundheitssystem, das sie ausgetüftelt haben. Auf diesen Karten stehen unsere Krankheiten und unsere Blutgruppen! Ein gefundenes Fressen für sie, im wahrsten Sinne des Wortes! Unsere Unwissenheit ist ihr Vorteil. Jemand, der sich von einer Soap im Fernsehen begeistern lässt, wird sich wohl kaum mit Vampiren beschäftigen oder sie bekämpfen wollen.

Ich liege da mit geschlossenen Augen. Oh Mann, selbst wenn ich das noch jemandem erzählen könnte, würde mir niemand glauben!

Ich fühle noch, wie sich Rebekka zu mir neigt und mir sanft über mein Haar streicht. „Weißt du“, sagt sie so leise, dass nur ich es gerade noch hören kann. „Eure Esoteriker liegen gar nicht mal so falsch wenn sie behaupten, dass sich 2012 die Erde in eine neue Dimension begeben wird und die Menschheit in eine neue Daseinsebene eintritt.“ Dieser Zynismus in ihrer Stimme ist fast schmerzhaft. „Schade, dass du es nicht mehr erleben wirst – die Dimension der Dunkelheit.“

* * *

Der Leichenbaum

Von Rainer am 14. Dezember 2008 veröffentlicht

Jener Tag, der die kleine, verträumte Stadt Friedburg aus ihrem Dornröschenschlaf riss und in einen nächtlichen Alptraum stürzte, zeichnete sich durch keine außergewöhnlichen Ereignisse aus. Kein böses Omen, kein schlechtes Vorzeichen kündete von dem Unheil, das sich über seine Bewohner mit der Unabwendbarkeit einer biblischen Plage legen sollte.

Entgegen ihrem Namen hatte die Stadt niemals eine Burg beherbergt. Frieden allerdings herrschte in ihr, abgesehen von den üblichen Geplänkeln, familiären Tragödien und Streitigkeiten, seit ehedem.

Die großen Kriege mit ihren Schrecken hatten zu keiner Zeit Einzug in ihr gehalten. Armeen hatten das von den damaligen Großstädten fernab gelegene Städtchen nie behelligt, alliierte Bomber hatten weitaus lohnendere Ziele im Visier gehabt.

Der Grundstein ihres Untergangs war Jahrhunderte zuvor gelegt worden, an einem Platz, den Bürgermeister Ernst Jackosch am frühen Nachmittag des verhängnisvollen Tages eilenden Schrittes aufsuchte. Es war ein schwüler Juli-Beginn und Jackosch hatte der Sinn nach weitaus ruhigeren, weniger schweißtreibenden Aufgaben gestanden.

Er war nicht mehr der Jüngste, und seine Pfunde waren mehr als die Stimmen bei der letzten Wahl, die er nur knapp für sich entscheiden hatte können, gewachsen.

„Ich hätte Sie nicht geholt, wenn die Situation nicht dermaßen brenzlig wäre“, entschuldigte sich Amtsleiter Prödl in jenem unterwürfigen Ton, der Jackosch zuwider war.

Er lockerte seine Krawatte, dachte kurz nach und entschied schließlich, dass er sie gar nicht benötigte, nahm sie ab, rollte sie zusammen und stopfte sie in die Sakko-Tasche. Dann knöpfte er den obersten Knopf seines Hemdes auf.

Eine Sekunde lang durchströmte ihn ein erfrischendes Gefühl. Der Anblick der Aktivitäten auf dem Marktplatz kehrte den Effekt ins Gegenteil um: Mit einem Mal wurde ihm heiß vor Zorn.

Seine Blicke suchten den Feuerwehrkommandanten Kalt. Er sah ihn neben dem Trinkwasserbrunnen stehen, geistig abwesend wirkend, eine Zigarette rauchend.

Hinter ihm, zum Einsatz bereit, der Leiterwagen.

Rund um ihn vier Helfer, die sich die Zeit offenbar mit Scherzen vertrieben. Ihr Lachen hallte über den Platz.

Was seinen Puls beinahe in einen vierstelligen Bereich jagte, war das Kamerateam. Wie Geier nährten sie sich von allem, das nur halbwegs lecker aussah und zerrten an den Knochen von Kadavern, stets auf der Suche nach etwas, das sie verschlingen konnten.

Tatsächlich kam die Bezeichnung Kadaver dem Mittelpunkt des Interesses sehr nahe: Die uralte Eiche war wenig mehr denn ein Gerippe, das seine Wurzeln so tief in das Fleisch des Lebens geschlagen hatte, dass es nicht einmal im Tode umfiel und verrottete.

Jackosch schnaufte verärgert und verlangsamte seine Schritte, als er über die Waschbetonplatten ging. Er wollte Überlegenheit und Souveränität ausstrahlen, was sich mit Hektik nun wirklich nicht sonderlich gut vertrug.

Fürs erste ignorierte er das Fernsehteam und suchte das Gespräch mit Kalt.

Als dieser den Bürgermeister erspähte, sah er auf und lächelte verkniffen. Er nahm noch einen tiefen Zug von der Zigarette, dann schnippte er sie kunstvoll in den Mülleimer.

Mit ironischem Respekt nickte er Jackosch zu und tippte gegen seinen Helm, als wäre er ein viktorianischer Gentleman.

„Wie lange ist sie schon da oben?“

Kalt wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn. Er konnte diesen blasierten Wichtigtuer nicht leiden, achtete jedoch seine Arbeit und sein Durchsetzungsvermögen. Er sah hoch, und der Blick des Bürgermeisters folgte ihm.

Eine junge Frau hatte sich wie ein flugunfähiger Vogel zwischen den knorrigen, dunklen Ästen der alten Eiche eingenistet. Etwa fünf Meter über ihnen thronte sie und hielt das Schild mit der Aufschrift „Baummörder“ wie ein Zepter, während der Staub der verfaulenden Rinde auf ihr Haupt prasselte.

„Etwa zwei Stunden“, erwiderte Kalt. „Wir wollten sie runterholen, aber diese Göre ist clever. Sie hat beim Sender angerufen, bevor sie nach oben gestiegen ist.“

Jackosch brummte etwas, das genauso gut Zustimmung, wie tiefste Verärgerung hätte sein können.

„Sie weiß natürlich, dass vor laufender Kamera niemand einen Finger rühren wird, sie runterzuholen.“

Der Bürgermeister sah in die Runde. Hinter der Absperrung, die verhindern sollte, dass unvorsichtige Passanten beim Abschneiden der morschen Äste verletzt würden, harrten dutzende Schaulustige des Geschehens. Amtsleiter Prödl wuselte wie ein Trabant um ihn herum. Der Kerl machte ihn nervös – merkte der das nicht selbst? Offensichtlich nicht, denn schon lag er ihm mit der Frage im Ohr, wie zu verfahren sei.

Jackosch stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich werde das klären.“

Skeptisch hob Kalt eine Augenbraue. Ehe er noch erfragen konnte, wie er die Angelegenheit zu klären gedachte, war Jackosch bereits auf dem Weg zum Baum.

In stummer Bewunderung verfolgte Kalt, wie der Stadtoberste seine Worte einlöste: Er winkte das Kamerateam herbei.

Der Feuerwehrkommandant zündete sich eine weitere Zigarette an. Ihn hatten die verwunderten Blicke und dummen Sprüche der anderen nie gestört. Solange er seiner Arbeit gewissenhaft nachging, war es schließlich seine Angelegenheit, ob er als rauchender Feuerwehrmann ein Paradoxon darstellte oder nicht.

Fasziniert wurde er Zeuge der Redegewandtheit Jackoschs. Er hörte, wie er die anklagenden Worte der Reporterin mit einer Leichtigkeit abschmetterte, die sie wohl selber zum Staunen brachte.

„Die Naturschutzbehörde selbst hat, basierend auf einem Gutachten zur Verkehrsgefährdung durch diese Eiche, die Fällgenehmigung erteilt“, hatte er ihr entgegengeschleudert und dann jeglichen, zögerlichen Widerstand mit dem Nachsatz „Wir können nicht verantworten, dass jemand durch herabfallende Äste verletzt wird, wie es erst vor wenigen Tagen bei einem Unwetter in Hessen geschehen ist“ zum Erlahmen gebracht.

Später, nachdem die Reporterin aufgegeben und mit dem restlichen Team die Stadt verlassen hatte, war es ihm gelungen, die junge Frau zur Aufgabe zu bewegen. Er hatte sie beständig mit ihrem Vornamen angesprochen und sie anstatt mit einer Schale warmer Milch, wie bei einer Katze, mit einer Mischung aus Drohungen und Verständnis für ihre Sicht der Dinge zur Kapitulation verleitet.

Schweißtreibende vier Stunden später heulte die Motorsäge ein letztes Mal auf. Die letzten morschen Äste wurden auf einen Anhänger verladen.

Nach dreihundert Jahren, in denen sie Unwettern, frostigen Wintern, übermütigen Kindern und allerlei Getier getrotzt hatte, war die Eiche verstümmelt und schließlich zu Fall gebracht worden. Lediglich ihr Wurzelwerk und der Baumstumpf waren von ihr übrig geblieben.

Und auch dieser kläglichen Überbleibsel sollte sie nach dem Willen der Stadtväter verlustig gehen. Am folgenden Tag.

Einem Tag, der für die Stadt und viele derer, die sie bewohnten, nie anbrechen sollte.

In der Stube des Gasthofs „Jahn“ war es ein vergleichsweise ruhiger Abend. An Wochenenden erbebte sie bisweilen im Gleichklang des Temperaments ihrer Besucher. Aber an einem Mittwochabend blieben die meisten zuhause, ruhten sich für den kommenden Arbeitstag aus oder beschäftigten sich mit ihren Kindern.

Kalt saß an der Theke und trank ein Bier. Er hatte sich vorgenommen, es sein erstes und letztes an diesem Tag bleiben zu lassen. Schließlich mussten sie am nächsten Tag die Wurzeln der Eiche ausgraben.

Es war ein seltsames Gefühl, etwas, das so viel älter, größer, berühmter als man selbst war, binnen weniger Stunden ausgelöscht zu haben. Wahrscheinlich würde man an Stelle des Baumes Parkplätze errichten, um die die Geschäftsleitung des Supermarkts in unmittelbarer Nähe händeringend ersucht hatte.

Bekanntlich wusch eine Hand die andere, und in einer Kleinstadt wie Friedburg waren die Menschen besonders reinlich. Gut möglich, dass Jackosch und anderen Mitgliedern des Stadtrats weniger an der Sicherheit der Bürger, denn vielmehr einem Präsent an die Supermarkt-Leitung gelegen hatte.

Und wenn schon, dachte Kalt, nahm einen tiefen Schluck und wischte den Schaum vom Oberlippenbart.

„War ja ein ziemliches Spektakel heute“, vernahm er vom Platz neben sich eine Stimme.

Langsam drehte er den Kopf und blickte in ein müdes Augenpaar. Er kannte den alten Typen nur flüchtig, wusste weder, wie er hieß, noch, wo genau er wohnte.

Kalt war nicht nach Unterhaltung zumute. Er war müde, wollte nur sein Bierchen zischen und dann ab nach Hause. Deshalb nickte er nur stumm.

Der Mann neben ihm grinste und entblößte zwei Zahnreihen, die der Traum jedes Zahnarztes sein mussten. Schwarz. Faulig. Einsturzgefährdet. Wie die Eiche.

„Das war der Leichenbaum“, stieß er geheimnisvoll hervor, und nach fauligen Eiern stinkender Mundgeruch verlieh den Worten die rechte Würze.

Kalt schluckte den Ekel hinunter. „Leichenbaum.“

Der Alte bejahte und trank sein Weinglas auf ex leer. Dann stierte er es ein paar Sekunden lang an, als könnte er es kraft seiner Gedanken wieder befüllen, und bestellte schließlich einen Doppelten.

„Schon mal den Ausdruck ‚Gerichtsbaum’ gehört?“

Amüsiert lächelte Kalt: Ein dozierender Säufer war mal eine Abwechslung, wie er zugeben musste. „Nee. Was soll das sein?“

Hinter ihnen gerieten sich ein paar Skat-Spieler in die Haare und warfen mit wüsten Beleidigungen um sich.

„Ganz einfach“, erklärte der Alte und schien die ihm gewidmete Aufmerksamkeit sowohl zu genießen als auch auszukosten. „Das waren Bäume, unter denen Gericht gehalten wurde. Uralte Bäume, oder solche, denen magische Kräfte nachgesagt wurden. Wenn einer eines schlimmen Verbrechens beschuldigt wurde, konnte man ihn gleich aufhängen.“

Kalt verschluckte sich fast und setzt das Glas so heftig ab, dass ein wenig Bier über seine Finger schwappte.

Der Zank hinter ihren Rücken eskalierte und wuchs zu einem handfesten Streit aus, der einen der Spieler wutschnaubend die Stube verlassen ließ. Die anderen stritten weiter. Worum es ging, wusste er nicht, und es interessierte ihn auch nicht sonderlich.

„Erzählen Sie keine Märchen“, sagte er verärgert.

Trotz seiner hünenhaften Gestalt und seines Alters fühlte er sich bei gruseligen Geschichten unwohl. Selbst dann, wenn sie aus dem stinkenden Mund eines Säufers kamen.

Der andere grinste breit und wirkte in keiner Weise beleidigt. „Stimmt aber. Da hingen sicher hunderte Leute an den Ästen, die ihr heute abgesägt habt.“

„Interessant“, murmelte Kalt, bezahlte und verließ den Gasthof. Unwillkürlich wanderte sein Blick zu jenem Platz, an welchem noch vor wenigen Stunden die Eiche gestanden hatte.

Nicht stolz, nicht schön, aber eine alte Königin, die man erst dann vermisste, wenn sie abgedankt hatte. Leer wirkte es zwischen den Geschäften, und dennoch voll mit etwas, das man nicht sehen konnte, weil es sich den Blicken verbarg.

Hunderte sollten an diesem Platz qualvoll gestorben sein?

Warum nicht? Friedburg war die größte Stadt der näheren Umgebung, und zu jenen archaischen Zeiten, als die meisten Menschen in ein und demselben Haus geboren wurden, aufwuchsen und starben, zog der Markt gewiss so gut wie alle Einwohner in und rund um die Stadt an.

Und mit ihnen die Begehrlichkeiten, die die Waren weckten. Oder hübsche Bauerntöchter. Oder die goldenen Kelche in den Altären …

An Möglichkeiten zur Sünde hatte wohl kaum ein Mangel geherrscht. Und so etwas wie moderne Rechtssprechung, ja, faire Verfahren so weit weg und unbekannt wie die Neue Welt.

Es war gegen zweiundzwanzig Uhr und der Himmel ein dunkles Schlachtfeld satter, schiefergrauer Regenwolken. Ganz schwach konnte er einen Blitz ausmachen. Donner hörte er keinen. Es war nur eine Frage der Zeit, wann das Gewitter die Stadt erreichen würde.

Die Luft hatte sich dramatisch schnell abgekühlt.

Es roch nach Regen, frisch ausgehobener Erde und – Verwesung.

Kalt schüttelte den Kopf, um ihn klar zu bekommen. Das dumme Gerede des Typen im Gasthof hatte also doch gefruchtet und trieb Blüten in Form lächerlicher Gedanken und Ängste. Die Frage war: Was hatte man mit den Erhängten gemacht, wenn sie leblos an ihren Stricken baumelten, die Augen von den Krähen ausgepickt, die Haut von der Sonne verdörrt wie schrumpelige Rosinen? Hatte man sie an Ort und Stelle wie ein schmutziges Geheimnis verbuddelt?

„Schluss jetzt“, befahl er sich. Es war an der Zeit, nach Hause zu gehen und nicht länger über die Möglichkeit nachzugrübeln, am nächsten Tag den einen oder anderen Knochen auszugraben.

Ein Blitz, diesmal näher, zuckte und Donner grollte.

Kalt spürte, wie ihm plötzlich heiß wurde: Hatte er nicht soeben eine Bewegung aus den Augenwinkeln heraus beobachtet? Etwas, das über den Platz gefegt war? Zu rasch, um seine wahre Natur festzustellen, zu langsam, um ihn nicht in ein Gefühl des Unwohlseins zu stoßen?

Er kniff die Augen zusammen und starrte angestrengt zum Platz hinüber.

Nichts zu sehen. Vielleicht hatten ihm seine Augen, diese Verräter, einen Streich gespielt.

Kalt wandte sich ab und ging eilenden Schrittes zu seinem Wagen. Erleichtert atmete er auf, als er hinter dem Lenkrad saß. Die seltsame Erscheinung und das Gerede von dem Saufkopf waren vergessen.

Dies hier war Zivilisation und verhieß Schutz vor dummem Aberglauben! Zufrieden startete er den Motor und fuhr nach Hause.

Jene Bewegung, derer er nicht sicher war, ob er sie überhaupt gesehen hatte, trat aus dem Schutz eines Vordachs hervor und trippelte zurück zu dem Baumstamm.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte sie etwas mit der alten Eiche verbunden: Beide hatten ihre besten Tage längst hinter sich. Der Baum seit vielen Jahrzehnten, der Hund seit wenigen Monaten.

Eines seiner Ohren war nach einem verlorenen Kampf gegen eine Katze vernarbt und eiterte. Auf seinem linken Auge war er schon lange blind und hartnäckiger Schnupfen hatte seinen Geruchssinn lahmgelegt. Zumindest seine Schnelligkeit hatte ihn nicht verlassen und mehr als einmal vor qualmenden Autoreifen oder weitaus größeren, aggressiven Kötern gerettet.

Er legte den Kopf schief und besah sich die Szenerie ein weiteres Mal. Hier hatte ein Baum gestanden – sein Baum. Daran konnte nicht der geringste Zweifel bestehen. Und dennoch war er plötzlich nicht mehr da.

Verwirrt lief er um den Stamm herum. Setzte sich. Starrte. Zog erneut einen Kreis um das, was vom Baum noch übrig geblieben war.

Nichts. Sein Baum blieb verschwunden.

Einem Gefühl folgend, das dem menschlicher Frustration gleich kam, legte sich das Tier hin und wartete ab. Es fiel rasch in einen dösenden Halbschlaf, schreckte aber hoch, als es Geräusche hörte. Ein Wispern war es, das mal dumpf, mal hell klang und ihn restlos verwirrte, wie jede neue Erfahrung, die es machte.

Unruhe durchfloss es und instinktiv begann es zu knurren, obgleich keine Gefahr zu erkennen war. Ein Blitz peitschte durch die Nacht. Doch obwohl es sich vor diesen hellen, dröhnenden Erscheinungen fürchtete, vergaß es seine Angst und starrte auf das, was sich nun vor seinem verbliebenen Auge abspielte. Die Erde rund um den Baumstumpf begann zu brodeln, als krieche etwas herauf. Es machte den Hund schier verrückt, dass er kaum noch etwas zu riechen vermochte! Er stieß ein heiseres Bellen aus und verrenkte sich den Hals, um zu sehen, was da vor sich ging.

Die Stimmen wurden eindringlicher. Es waren Rufe, gemischt mit Gelächter und Schreien. Menschenstimmen. Er hatte gelernt, diesen Stimmen zu misstrauen. Meist gingen sie mit Schmerz einher – Fußtritten oder nach ihm geworfenen Steinen.

Argwöhnisch beäugte er das Geschehen und erschrak, als völlig unvermittelt Hände dem dunklen Mondlicht entgegenstrebten. Blankes, verfaultes Fleisch hing an ihnen, wie er es von den Schlachtabfällen her kannte, an denen er sich manchmal gütlich tat.

An einigen klebten noch Hautstücke, zäh wie Leder, stinkend, feucht von ihrem nassen Grab.

Den Händen folgten Arme, die sich nach oben reckten, als schnupperten sie an der Luft, die sie seit Jahrhunderten nicht mehr gespürt hatten. Dutzende waren es, ein Heer aus Armen, wie die Gliedmaßen eines erwachten Kraken.

Der Hund fühlte instinktiv die Gefahr. Er wusste die Bilder nicht einzuordnen, aber es genügte, zu wissen: Hierin lag Gefahr. Deshalb wandte er sich um und lief. Doch seine langen, dürren Beine hatten kaum einen Schritt zurückgelegt, als seine Hinterläufe fest umklammert wurden. Er heulte auf, mehr vor Schreck als vor Schmerz.

Seine Versuche, sich loszustrampeln, waren vergebens. Unbarmherzig wurde er in die Gegenrichtung geschleift.

Seine Vorderpfoten fanden keinen Halt. Er rutschte und wurde gezogen. Sein Kopf wirbelte herum, doch er konnte keinen Angreifer erkennen.

Einen kurzen, trügerischen Moment lang herrschte Stille. Die Stimmen waren verstummt und einer seiner Hinterläufe rutschte aus der Umklammerung.

Dann legte sich eine dieser verfaulten Hände über sein Maul und seine Angreifer machten sich über ihr Nachtmahl her. Als kein Fleisch mehr an den Knochen war, das sie zerreißen konnten, und kein Blut mehr in dem noch warmen Körper, das sie auflecken konnten, ließen sie von ihrer Beute ab.

Berauscht von dem, was sie seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen, gefühlt, geatmet, gerochen und gehört hatten, strömten sie aus. Sie witterten Beute. Viel mehr Beute. Und sie sollten nicht enttäuscht werden.

Leseprobe der Horrorgeschichte “Der Leichenbaum”.

Die Sammlung mit 6 dunklen Horrorgeschichten der Extraklasse ist überall im Händel erhältlich.

Aber Vorsicht: Der Genuss der Geschichten kann süchtig nach mehr machen …