Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Die lustigsten Missgeschicke

Von schaf272 am 30. März 2011 veröffentlicht

Heute hatte ich ein Blind Date. Wir wollten uns vor einem Park treffen. Ich dachte, zu früh zu sein und schickte ihr folgende SMS: „Ich sitze auf der Bank neben der fetten Tussi“. Ich hörte ein Piepsen. SIE war die „fette Tussi“. FML

Heute zeigte ich meinen Kollegen, wie ich meine Webcam zu Hause vom Büro aus einschalten kann. So fanden wir auch heraus, dass mich meine Frau betrügt. FML

Mehr davon:
http://de.fmylife.com

Rotzikus

Von SonOfAGun am 28. Januar 2011 veröffentlicht

von Andre Jürgens

Rotzikus war ein Mann, dem immer die Nase lief. Er konnte machen was er wollte: Er nahm sämtliche apothekenpflichtige Erkältungsmittel, ließ sich Antibiotika verschreiben, versuchte Homöopathie, Phytotherapie, Telepathie, Autopsie… zwecklos. Die Nase lief weiter.

Wenn sonst nix lief, lief immerhin Rotzikus’ Nase. Darauf war Verlass!

Die laufende Nase war so ungefähr die einzige Konstante in Rotzikus’ Leben, alles andere war ständigen Veränderungen unterworfen. Das traf auf seine Arbeit, seine Beziehungen, seinen Wohnort und auf den Rest seines bedeutungslosen Daseins zu. Wenn Rotzikus abends schniefend und schnoddernd vor seinem Bier saß, war er oft sehr traurig. Mit steigendem Pegel besserte sich dies zwar und manchmal stellte sogar seine Nase für ein paar Stunden das Tropfen ein, aber der nächste Tag war dafür umso grausamer. Dann holte die Nase innerhalb kürzester Zeit alles nach, wozu sie am Vorabend nicht mehr gekommen war. Eine regelrechte Temposchlacht war das dann!

Eigentlich hieß Rotzikus Jakob Fischer, aber so nannte man ihn nur auf dem Amt. Seine Familie sowie alle übrigen Bekanntschaften in seinem Leben nannten ihn Rotzikus- so hatte man ihn schon als kleinen Jungen gerufen, denn seine Nase lief ihm schon seit dem Tag seiner Geburt. Noch bevor er den aufrechten Gang erlernte wusste Rotzikus schon, in welchen Geschäften es die günstigsten Taschentücher zu kaufen gibt und wie sich die Papierqualität der einzelnen Marken voneinander unterschieden. Wer schon einmal eine wundgeschnaubte Nase hatte, wird verstehen, warum das so war.

So schniefte und schnaubte sich Rotzikus durch sein Leben, allzeit bewaffnet mit einem kleinen Rucksack, in dem Wund-und-Heilsalbe sowie ein Jahresvorrat Taschentücher griffbereit lagen, als er eines Tages unfreiwillig Zeuge einer verstörenden Begebenheit wurde:

Er ging an einem Schrebergarten vorbei, in welchem vier super coole, laut grölende Jugendliche in einem aufblasbaren Minipool badeten. Sie tranken Bier aus Dosen, und als sie Rotzikus, der sich ängstlich um Unauffälligkeit bemühte, entdeckten, fingen sie lautstark an, sich über ihn lustig zu machen. Wetter und Alkohol hatten die Jungs angestachelt, denn es war heiß und die Sonne gab sich alle Mühe, sämtliche Lebewesen auf der Erde mindestens „Medium“ durchzubraten. Rotzikus flüchtete in solchen Situationen gerne und regelmäßig in Tagträume oder Erinnerungen. Diesmal dachte er an seine eigene Jugend – nicht unbedingt eine angenehme Erinnerung. Er hatte andere Kinder immer gemieden, und zwar in erster Linie deswegen, weil man ihn mied. Den Eltern der meisten Kinder war seine ewig laufende Nase nicht geheuer und irgendwann griff das Gerücht um sich, dass Rotzikus an einer gefährlichen, sicher unheilbaren Krankheit leide. Heute konnte Rotzikus die Mütter auf gewisse Weise sogar verstehen, was den Schmerz über die verpasste Jugend natürlich nicht schmälerte. Insgeheim gab er diesen Leuten die Schuld daran, noch heute ein einsamer Mensch mit nur wenigen sozialen Kontakten zu sein. Freunde kannte Rotzikus nur aus der Theorie und aus Büchern, denn er las viel und gerne. Lesen war ein Hobby, welches keine Gesellschaft voraussetzte, und ohne Bücher wäre Rotzikus als Kind wohl zu Hause eingegangen wie eine welke Blume. Unterdes schritt er zügigen Schrittes an den planschenden Schreihälsen vorbei, doch leider war er nicht zügig genug: In der nächsten Sekunde traf ihn, völlig unverhofft, eine halbleere Bierdose am Kopf. Rotzikus quiekte gekränkt auf – doch ihm blieb der Schrei im Halse stecken. Ein seltsames, pfeifendes Geräusch durchschnitt ganz plötzlich die schwülwarme Luft, welches gleichzeitig eine sonderbare, unheilbringende Vorahnung mit sich brachte. Selbst die Jugendlichen verstummen augenblicklich. Einer der Quarkköpfe fragte dann noch: „Ey Alda, ischwöa wasn das fürn Piepn mann?!“, als es im nächsten Moment auch schon fürchterlich krachte! Das Wasser des Beckens spritzte zu allen Seiten davon, und Rotzikus faltete seinen Körper postwendend vor Schreck in Fötusstellung zusammen.

Als er seine Augen wieder öffnete, wollte er sie direkt wieder schließen- denn er war nicht sicher, ob er ihnen trauen konnte: Genau an der Stelle, wo gerade noch ein Planschbecken voller Halbwüchsiger gestanden hatte, befand sich nun ein rauchendes, großes, weißes Etwas mit rotem Schriftzug. Die Jugendlichen und der Pool waren verschwunden – zerquetscht… von einer, dessen war sich Rotzikus nach dem zweiten Blick sicher, großen Turbine. ‘Ein Flugzeug muss sie verloren haben’ schlussfolgerte er, während er den roten Schriftzug las und mit zittrigen Händen einen Schluck aus der Bierdose nahm, die sein Kopf abgefangen hatte. „Edelweiß… so so…“ sagte er laut, als wäre damit alles geklärt. Sein Herz raste noch immer. Er schaute verängstigt nach oben in den Himmel, um das zur Turbine passende Flugzeug auszumachen- doch da war nichts. Kein Kondensstreifen, keine aufgrund eines verlorenen Triebwerks trudelnde Flugmaschine- nichts. ‘Obwohl…’ überlegte Rotzikus, während er sich schnäuzte, ‘hinterlassen normale Flugzeuge überhaupt Kondensstreifen am Himmel – waren das nicht doch Düsenjets… oder Raketen? Oder malen beide einen solchen Kondensstreifen in den Himmel?!’

Er grübelte noch eine Weile vor sich hin, bevor er einsah, dass dies wohl grad’ der völlig falsche Zeitpunkt war, sich über Kondensstreifen Gedanken zu machen. Trotzdem nahm er sich vor, zu einem geeigneteren Zeitpunkt mal bei Google sein Wissen in Bezug auf Kondensstreifen aufzufrischen. Man konnte nie wissen, ob man es nicht doch mal brauchen würde. Sicher würde ihn die Polizei bei seiner Zeugenaussage fragen, ob er nicht einen Kondensstreifen am Himmel gesehen hätte… sofern das normale Standardflugzeug überhaupt solche Kondensstreifen produzierte… ‘Hmmm…’ machte Rotzikus, denn ein gebrummtes ‘Hm’ beruhigte ihn immer. Kondensstreifen… Kondensierte Milch… Hatte das nicht auch was mit einem Kondensator zu tun? ‘Verflixt, ich tu’s schon wieder…!“ maßregelte er sich nun streng, ‘Jetzt ist aber Schluss- ich muss die Herren Polizisten rufen!’ Obwohl… waren die für so was überhaupt zuständig? Rotzikus war sich da nicht ganz sicher. Wie doof würde er denn nur dastehen, wenn er jetzt bei der Polizei anriefe und die ihm, natürlich unter schallendem Gelächter, erzählen würden, dass sie für derartige Triebwerksunfälle gar nicht zuständig waren? Rotzikus hasste es zutiefst, ausgelacht zu werden. Niemand kannte dieses Gefühl besser als er; man hatte ihm bereits ausreichend Gelegenheit gegeben, davon zu kosten. Damals, auf seiner Konfirmation zum Beispiel- mitten in der Kirche, vor allen Leuten und, noch um einiges schlimmer: vor seinen Eltern und den Großeltern- entglitt ihm ein ca. 30 cm langer, grün-gelber Schnodderfaden, der mit einem durch die akustischen Bedingungen der Kirche gut vernehmbaren „Pflatsch!“ zielsicher auf den Schuhen des Pastors landete. Die halbe Gemeinde lachte damals über diese ekelige Situation, und Rotzikus hätte viel Geld (das er damals schon nicht hatte) dafür gegeben, sich auf der Stelle in Luft aufzulösen.

‘Vielleicht sollte ich sicherheitshalber erstmal im Internet nachgucken, welche Behörde sich um lockere oder abstürzende Flugzeugteile kümmert… Ach was, so ein Unsinn – so eine Behörde gibt es gar nicht!’ Die ganze Situation war Rotzikus nicht geheuer, sie verwirrte ihn zusehends. Er fühlte sich überfordert und kurz meldete sich ein Gedanke in ihm, dass er auch gerade bei „Verstehen Sie Spaß?“ zum Narren gehalten werden könnte. Aber das wäre dann wohl doch zu makaber für die öffentlich Rechtlichen, also verwarf er das auch. Vielleicht musste ja auch erstmal der Poolhersteller benachrichtigt und zur Verantwortung gezogen werden… Ob der TÜV oder die Leute vom GS-Siegel bei den vorgeschriebenen Sicherheitsüberprüfungen auch abstürzende Flugzeugteile berücksichtigt hatten? War für Poolunfälle nicht der ortsansässige Bademeister zuständig?! Aber woher sollte man nun die Telefonnummer dieses Mannes nehmen? ‘Ich sollte vielleicht einfach nach Hause gehen, mich schön aufs Sofa setzen und in Ruhe eine Doppelfolge „Gilmore Girls“ gucken’ sprach er mit sich selbst. Ja, so würde er es machen! Offenbar hatte ja auch niemand sonst diesen Unfall mitbekommen, denn bisher war kein einziger Gaffer herbeigeeilt. Aber wenn er jetzt einfach ging, war er dann nicht sowas wie ein Fahrerflüchtiger? Und was war mit unterlassener Hilfeleistung?! Und wenn das Ganze gar kein Unfall gewesen war…? Vielleicht war es ja Mord?! Nun bekam es Rotzikus mit der Angst zu tun. Sicher waren das genau die gleichen Leute, die damals die Flugzeuge in das World Trade Center gelenkt hatten! Was, wenn die gesehen hatten, dass er Zeuge dieses feigen Poolanschlags war? Rotzikus wurde Angst und Bange. In solche Sachen konnte er sich immer gut hineinsteigern.

Eine Schweißperle rann über sein Gesicht, und die nun folgenden Geschehnisse passierten in einer Art Kettenreaktion, der er sich machtlos ausgeliefert fühlte. Offenbar brannte gerade die letzte, noch einigermaßen funktionierende Sicherung in Rotzikus’ Kopf durch. Mit einer durch Mark und Bein gehenden, hysterischen und viel zu hohen Quietschstimme schrie er laut „Hngtzihualabft!!“

Genau das schrie er, und es war ihm bitterernst damit. Und dann schrie er noch: „Oh mein Gott! Terroristeeeeen!!“ Anschließend rannte er Haken schlagend in nackter Todesangst los, so als wäre der Teufel hinter ihm her.

Rotzikus war außer Kontrolle. Eine amoklaufende, sekretschleudernde Tropfnase, die über sämtliche Schrebergärten hinwegpflügte wie ein Traktor auf Kerosin, unablässig „Terroristen!!! Rette sich, wer kann!“ krakeelend. Als er schließlich an der Hauptverkehrsstraße der Stadt ankam und diese ungebremst im Schweinsgalopp zu überqueren versuchte, machte ein Omnibus dem Wahnsinn ein Ende.

Noch Tage später lachte das Pflegepersonal der städtischen Kliniken über den „zermatschten Irren, der halb bewusstlos in den letzten Minuten seines Lebens unaufhörlich von Terroristen phantasierte, die ihn mit Flugzeugteilen zerquetschen wollten“. Derart pietätlos machte man sich noch nach seinem Tod über den Mann mit der chronischen Erkältung lustig, wobei keinem dieser Menschen bewusst war, dass ihr überlegenes Gelächter nur eine unbequeme Wahrheit vertuschte: Ihr gedankenloses Verbrechen an einem unschuldigen Mann.

Es waren Menschen wie diese, die aus dem sensiblen, kränklichen Jungen eine verunsicherte, ängstliche Witzfigur gemacht haben, welche sich am Ende nur ihrer Rolle entsprechend verhielt. Eine Rolle, die Jakob Fischer niemals spielen wollte, die man ihm aufgebürdet hatte. Was hätte aus diesem Mann alles werden können, hätte man ihn mit dem gleichen Respekt behandelt, den er seinen Mitmenschen entgegenbrachte?

Die Turbine blieb natürlich nicht lange unentdeckt. Allerdings ist bis heute ungeklärt, welches Flugzeug sie verlor. Die Jugendlichen wurden in mühevoller Arbeit sorgfältig von dem Bauteil abgekratzt – auf der Trauerfeier wurde dann allerdings (aus nachvollziehbaren Gründen) auf einen offenen Sarg verzichtet.

ENDE

Weitere Geschichten, Gedichte und Hörbücher gibts unter: www.andre-juergens.de.ki

Schreie aus dem Wald

Von Heike Noll am 11. Oktober 2010 veröffentlicht
 Als Jenny abends nach der Arbeit mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, befand sie sich gerade auf dem Waldweg, den sie täglich auf dem Arbeitsweg passieren musste. Es war zwar erst 19:00 Uhr aber da es Winter war, war es bereits schon sehr dunkel. Dazu war der Weg menschenleer, da es sich um eine Abkürzung handelte, die Jenny für sich entdeckt hatte. So konnte sie sich täglich mehr als 20 Minuten beim Arbeitsweg einsparen.
An diesem Tag war es irgendwie anders als sonst, konnte Jenny spüren. Sie konnte nicht Beschreiben was es war, aber sie hatte so ein komisches Gefühl.
Immer wieder sah sie nach links und rechts in den dunkeln Wald, während ihre Geschwindigkeit schneller und sie immer nervöser wurde. Hatte sie da nicht ein knacken gehört? Vielleicht bilde ich mir das nur ein, weil ich mich bei dieser Kälte auch etwas unwohl fühle. Dachte sie.

Es war sehr still. Man hörte nur das Rollen des Fahrrades und das Streifen des Dynamos am Fahrradreifen. Plötzlich hörte sie aus dem Dunkel des Waldes eine tiefe Männerstimme sagen: “Na los du Schlampe. Mach schon!“ „Bitte tu mir nichts“, schrie eine zitternde Frauenstimme. Jenny erschrak heftig. „Wer ist da?“ rief sie entsetzt in den dunkeln Wald, in dem man nichts erkennen konnte und bremste ab, bis ihr Fahrrad zum Stehen kam und die Fahrradlampe erlosch. Ihre Angst war zurückgewichen und sie machte sich nur noch große Sorgen um diese arme scheinbar hilflose Frau, der sie jetzt zur Hilfe kommen wollte. Keiner antwortete ihr. „Hallo? Wer ist da und was ist los? Bitte sagen sie etwas!“ rief Jenny laut in den Wald. Absolute Stille und Dunkelheit. Jenny stand da und versuchte etwas zu hören. Es war aber nichts zu hören.

Dann plötzlich hörte sie ein Geräusch, das sich schnell von ihr wegbewegte. Hörbar immer tiefer in den Wald hinein. Jenny zog sofort ihr Handy aus der Tasche und rief die Polizei. Etwa 15 Minuten später trafen drei Polizeiwagen mit Blaulicht dort ein. Sie nahmen die Adressdaten von Jenny auf, bevor sie dann endlich nach Hause fahren durfte.

Etwa so gegen 23:00 Uhr klingelte bei Jenny das Telefon: “Hallo hier spricht die Kriminalpolizei. Wir hatten den ganzen Wald durchkämmt und nichts gefunden. Keine Spur irgendeines Verbrechens. Sie sind wirklich sicher, dass Sie etwas gehört haben? Oder kann es ein Geräusch gewesen sein, das Ihr Fahrrad verursacht hat?“ meldete sich die Stimme am Telefon. Jenny war sehr empört über diese Unterstellung. Leicht sauer erwiderte sie:“ Natürlich bin ich sicher, dass ich die Stimmen gehört habe, sonst hätte ich ja wohl nicht die Polizei verständigt.“ „Wie schon gesagt: Wir haben nichts finden können. Wir werden morgen noch einmal einen Suchtrupp losschicken. Falls wir etwas Verdächtiges finden, rufen wir sie an.“ Sagte die Stimme am Telefon. „Ok. Vielen Dank.“ antwortete Jenny. Was kann das nur gewesen sein? Dachte sie.

Am nächsten Abend war Jenny bei ihrem nach Hause Weg mit einer Taschenlampe bewaffnet. Wieder fast an der gleichen Stelle ertönte plötzlich dieselbe Männerstimme wie am Tag zuvor: „Na los du Schlampe. Mach schon!“ „Bitte tu mir nichts!“ schrie wieder wie am Tag zuvor eine zitternde Frauenstimme. Jenny bremste sofort, ließ ihr Fahrrad zu Boden fallen, rannte in den Wald, wo die Stimme herkam, während sie die Taschenlampe aus ihrer Jackentasche zog und anknipste. Sie leuchtete um sich, konnte aber niemand sehen. „Hallo!“ schrie sie sehr verärgert. Keine Antwort. Plötzlich hörte sie hinter sich ein Geräusch, einen lauten Schrei, spürte wie etwas ihren Hinterkopf berührte, dann wie ihr etwas in die rechte Schulter krallt. Es ist etwas auf meiner Schulter“ dachte Jenny und hatte jetzt wahnsinnige Angst. Langsam drehte sie- mit geschlossene Augen-den Kopf um, leuchtete mit der Taschenlampe auf ihre Schulter und machte die Augen langsam auf.

„Oh mein Gott! Wer bist du denn? Wie süß!“ rief sie. „Oh mein Gott! Oh mein Gott!“ erwiderte der Papagei der auf ihrer Schulter saß. Jenny nahm das Tier mit nach Hause und machte Meldung bei der Polizei. Einige Tage später kam eine ältere Dame, um ihn abzuholen. „Er schaut so gerne Filme. Nur plappert er dann soviel nach, was er hört.“ Sagte sie.

 

Das Monster

Von Heike Noll am 11. Oktober 2010 veröffentlicht

Als ich abends mein Wohnraum verließ, um mir etwas zum Essen zu besorgen, spürte ich einen warmen Atem in meinem Genick. Als ich mich gerade umdrehen wollte, sah ich ein riesiges schwarzes haariges Monster, das mich verfolgte. Daraufhin fing ich an zu rennen und es rannte hinter mir her. Immer wieder versuchte es mit seinen riesigen Tatzen mich zu schnappen. Schließlich kam ich auf eine Wiese und konnte in eine nahgelegene Felsspalte flüchten. Das war gerade nochmal gut gegangen. Immer wieder versuchte das haarige Monster mich zu krallen, indem es seine Pranken versuchte in den Felsspalt zu rammen. Glücklicherweise war der Spalt für die großen Pranken zu eng und somit hatte es keinen Erfolg. Dann wurde es eine Weile ruhig. Ich konnte das Monster nicht mehr sehen. Als ich nach draußen schauen wollte, lauerte es vor der Felsspalte und fuhr seine Pranken nach mir aus. Wieder konnte ich mich gerade so in der Spalte in Sicherheit bringen. Ich konnte das Monster jetzt genau beobachten, wie es in den Spalt reinlauerte. Plötzlich ertönte eine Stimme: „Max, komm es gibt Guterle!“

Das Monster lies von mir ab und rannte zu der Frau, die es gerufen hatte. Ich war in Sicherheit und konnte ohne Gefahr meine Essensuche fortsetzen. Wieder war ein Gecko einer Katze entkommen.

Es ist alles eine Frage der Ansicht.

                                                                                                                      Autorin: Heike Noll

Sven.

Von yanic am 11. Juli 2009 veröffentlicht

Kap. 1: Oohh … meiin … Gott!

Frage: Aus welcher erfolgreichen, us-amerikanischen TV-Serie, die zum ersten Mal 1994 zu sehen war stammt dieser Running Gag? Sie wissen es nicht? Es ist F.R.I.E.N.D.S. Sechs junge Menschen, die in New York leben und einige lustige, skurrile und manchmal auch schöne Momente erleben.

Ich bin Chandler. Nein, ich heiße nicht so. Mein Name ist Sven, aber ich bin Chandler, Chandler Bing. Mittelmäßig attraktiv, relativ gut gebildet und absolut erfolglos bei Frauen. Wobei … es kommt drauf an, wie man Erfolg definiert. Bestünde das Ziel darin, der beste Freund einer Frau zu werden, wäre ich durchaus erfolgreich. Das könnte allerdings auch der Grund sein, warum man mich für schwul hält. Was ich nicht bin. Nein. Sicher nicht. Definitiv nicht!

Eine Zeit gab es allerdings schon, in der ich selbst nicht so sicher war wie jetzt. So zwischen 14 und 15 muss das gewesen sein. Etwa eine Woche lang. Bis dahin hab ich mich für Mädchen nicht die Bohne interessiert, zumindest nicht aus sexuellen Gründen. Tennis, Freunde und Wrestling im TV gucken waren Beschäftigung genug. Samstag, Ferienbeginn, Geburtstagsfeier meines besten Freundes. Ich durfte das erste Mal auf eine Party. Wir waren alle hackedicht, inklusive der handvoll Mädchen. Irgendwann schlug jemand vor, etwas zu spielen: „Pflicht, Wahl, Wahrheit“. Es dauerte nur eine Runde, bis Sandy ihren Spitznamen unter Beweis stellte. Das Luder hatte kein Problem damit ihren BH schon bei der ersten Pflichtaufgabe auszuziehen.

Mein Problem dabei? Mein Problem war mein Pimmel. Ihm waren die beiden Dinger vollkommen egal. Es waren die ersten, die er zu sehen bekam – bis auf die unserer Nachbarin. Allerdings würde ich aus Respekt vor der Frauenwelt auf die Bezeichnung „Brüste“ in diesem Fall verzichten. Vielmehr waren es Hautfetzen deren Ansätze man auf Höhe der Achselhaare und das Ende wohl unterhalb der aus dem Slip hervorquellenden Schambehaarung vermuten konnte. Allerdings ist auch das nicht sicher und weitere Nachforschungen scheiterten am menschlichen Würgreflex und dem Überlebenswillen zweier dreizehnjähriger.

Eine ganze Woche lang musste ich nachdenken, ob ich nicht vielleicht schwul sein könnte, wenn mich Sandy’s Brüste nicht im Geringsten erregten. Im Nachhinein kann ich dem Alkohol die Schuld geben, der ganzen Flasche Bier. Dieses Ereignis erweckte mein Interesse am weiblichen Geschlecht, denn genau eine Woche später sah ich sie: Nicole. Hübsch, humorvoll, intelligent, …. blablabla. Mit wem red’ ich denn? Sie war rattenscharf. All die anderen hundert Menschen rund um uns waren mir egal. Auch meinem Pimmel. Er stand wie eine Eins.

Ich heiße Sven. Ne, ich bin kein Norddeutscher Junge. Im Gegenteil, ich bin Österreicher. Von Geburt an. Warum Sven? Ich weiß es bis heute nicht. Meine Mutter sagt nur, dass ihr dieser Name damals gefiel – damals. Ich glaube jedoch, dass sie mir diesen Namen gab um meinen leiblichen Vater zu ärgern. Ich kenne ihn nicht aber ich weiß dass sie sich während der ganzen 9 Monate Schwangerschaft gestritten haben. Um der ohnehin schon bewusstlosen Leiche „Beziehung“ auch noch den Pfahl ins Herz zu rammen gab sie ihrem Sohn einen Namen, bei dem ich eigentlich hätte schwul werden müssen. Mein Vater war oder ist wohl etwas homophob. Was hätte sie getan, wenn er eine Abneigung gegen Moslems hätte?

Ein trauriges Kapitel. Zu allem Überfluss heiße ich mit Nachnamen Beer. Sven Beer. Nun, sie dürfen raten, wie ich von meinen Freunden gerufen werde. Nicht etwa Sven, Alter, Kumpel oder Stecher. Nein, ich bin Beerli. „Braunbär“ wär mir lieber gewesen, aber dieser Vorschlag wurde von meinen Freunden nur belächelt.

Kap. 2: Zeit für eine Handlung

Springen wir ins Jahr 2002. Mit der Matura in der Hand geht’s ab ins Berufsleben. Denkste. Zuerst warten acht Monate Bundesheer. Ab in den Dreck. Befehle empfangen von Typen mit Glatze, dem Gesicht eines Neandertalers und dem IQ einer Stehleiter.

„Rekrut Bär!“
„Da bin ich, Herr Mayer! Und mein Name ist Beer, nicht Bär. Beeeer.“
„Und I bin net Herr Mayer, sondern Korporal Mayer! Außerdem net ‚Da bin ich’ sondern ‚HIER’! Und mir is es scheißegal wie’s heißen, ab jetzt sinds da Bär! Auf die Knie, sofort!“
„Hä?“
„LIEGESTÜTZ Sie Vollkoffer! 40, sonst macht das ganze Zimmer mit!“

Ich fühlte, wie sich meine Zimmerkollegen bereits auf Liegestütz einstellten – und mein Körper auf Schmerzen.
„Jawohl Herr Korporal.“
„1 und 2 und 3 und 4 …. und 18 und 19 und 20 und 20 und 19“
„Wenn’s wollen, borg ich ihnen meinen Taschenrechner, Herr Korporal.“

Im Nachhinein betrachtet würde ich einem Vorgesetzten wohl keine Hilfe mehr anbieten. Zwei Monate Grundausbildung vergingen wie im Flug. Okay, wie in einem sehr ermüdenden, anstrengenden Flug mit einem Schulabbrecher als Kapitän und Sonderschülern als Stewards. Für das menschenunwürdige Essen an Board musste man zwar nicht bezahlen, jedoch viel Dummheit ertragen und insbesondere versuchen, möglichst nicht selbst zu verdummen. Das ging am Einfachsten indem man sein Hirn ausschaltete. Die kurzen Befehle wurden von einem ganz kleinen Teil des Gehirns verarbeitet, der die wichtigsten Lebensfunktionen steuert. Gerade genug um zu Überleben.

Danach kamen 6 Monate Schreibtisch. Ich war Schreiber. Mein Traum. In der realen Welt würde man Sekretär dazu sagen aber das klingt wohl etwas zu homosexuell für das österreichische Bundesheer. Ich hatte sogar einen Computer. Kein Internet, kein Netzwerk, kein USB, eine Tastatur mit der Hitler wohl schon geschrieben hat und einem Hamsterrad anstelle des Netzteils aber das Teil funktionierte. Nicht gut. Aber gut genug um hunderte Hardcore-Sex-Movies darauf speichern zu können. Gut getarnt selbstverständlich, im Ordner „Privat, Vzlt Stocker“ gut versteckt am Desktop zwischen „Arbeitsplatz“ und „M$WORD“. Wir würden jeden Krieg verlieren.

Ich war der King meiner Leidgenossen. Endlich konnte ich die Unmengen an Liegestütze der letzten Wochen vergessen machen. Bei der ersten Gelegenheit wurde die Festplatte ausgebaut, daheim an den PC gehängt und jedes der 15-sec-Filmchen auf CD gebrannt. Gegen eine kleine Gebühr von 10 Euro (die meisten hatten keine Ahnung, was CD-Rohlinge kosteten) bekam jeder eine Kopie, der bezahlen konnte.

Ob Sie es nun glauben oder nicht – ich habe mir nicht jede Datei angesehen. Im Nachhinein ein schwerer Fehler, denn eine Datei mit dem Namen „lisl_knie.wmv“ zeigte Frau Vzlt Stocker tatsächlich auf Knien vor Herrn Vzlt Stocker. Ich habe Erfahrung mit aufregenden Amateur-Pornos. Also glauben Sie mir wenn ich sage: Das war nicht sexy! Aus Gründen des guten Geschmacks gehe ich nicht näher ins Detail.

Wie es eben so ist macht so etwas die Runde. Ja, auch Männer sind Tratschtanten! Das Ende der Geschichte kenne ich nicht. Ich weiß nur noch, dass ich die restlichen 3 Monate in die Küche versetzt wurde und nur noch einmal im Monat nach Hause durfte. Auf meinem rechten Ohr höre ich seit dem Anschiss von allen möglichen Vorgesetzten nur noch sehr schlecht. Könnte ich sie deshalb verklagen?

Ich würde es gerne. 2 Millionen Euro Schmerzensgeld. Bei vernünftiger Verzinsung wären das ein paar tausend Euro jedes Monat, ohne auch nur einen Finger bewegen zu müssen. Davon könnten auch meine Kinder und Enkelkinder und deren Enkelkinder noch leben. Sie müssten keinen dämlichen 40-Stunden-800-Euro-Job annehmen um über die Runden zu kommen. Nein, bitte nicht falsch verstehen. Ich liebe meinen Job. Ich arbeite deutlich weniger als 40 Stunden am Tag und verdiene Unmengen mehr als läppische 800 Euro. Einmal, da waren es sogar 823,87 Euro!

Ich habe Matura. Ich habe nicht studiert, aber maturiert. Nicht an einer HTL aber immerhin an einer HAK. Es gibt nicht viele Menschen die das schaffen. Glaube ich. Ich liebe meinen Job. Ich bin Callcenter-Agent. Nein, kein Kollege von Daniel Craig. Früher hätte man „Telefonist“ dazu gesagt. Manche „Kunden“ nennen mich noch ganz andere Sachen. Schon mal „Jungfrau (40), männlich sucht“ gesehen? Der Hauptdarsteller ruft zwecks Date-Vereinbarung bei seiner Angebeteten an, kriegt jedoch kein Wort heraus und gibt sich als Telemarketer (noch eine neuartige Bezeichnung) aus. Die Reaktion der Dame darauf empfand ich durchaus als freundlich. Ich lüge nicht! Mein Tag wäre gerettet würde mir auch nur einer meiner Kunden Selbstmord nahe legen. In der Regel wünscht man mir den Tod auf etwas andere Arten bei denen ich den Grad der Schmerzen nicht selbst bestimmen können würde.

Auch egal. Ich bin glücklich mit meinem Leben. Ich bin in den Zwanzigern, Single, habe einen Job und mein eigenes Reich. Im Haus meiner Eltern. Ein paar Jahre warte ich noch, bis Großmutter stirbt. Wär sie weg hätte ich sogar ein eigenes Haus. Häuschen um ehrlich zu sein. 35 Quadratmeter. Schlafzimmer, Wohn-Esszimmer-Vorraum, Küche und Bad/WC/Abstellraum. Welcher junge Mann stellt sich nicht so sein Singleleben vor? Dann bräuchte ich auch nicht mehr meine Eltern fragen ob Nicole bei mir schlafen darf. Nein, nicht die rattenscharfe Nicole. Diese Nicole ist weniger „scharf“ … dafür mehr Ratte. Aber was soll’s. Sie macht die versauten Sachen im Bett die man sonst nur aus Pornos kennt und theoretisch erlaubt sie mir auch andere Beziehungen. Praktisch hab ich jedoch nichts davon… Wo war ich? Ach ja, bei Großmutter. Wie gesagt, ein paar Jahre noch. Wenn ich Glück habe hilft ohnehin mal mein Stiefvater etwas nach. Dem geht sie schon ziemlich auf den Sack.

Ich werde kündigen. Ich brauche einen besseren Job. Schließlich hab’ ich maturiert! Ich bin klug. Ich sehe mir täglich intellektuelle Sendungen an. Ehrlich! Ich bin wirklich der Meinung, dass die deutschen Dumm-Sender auch uns Österreicher verblöden. Nicht, dass ORF, ATV oder gar Puls4 besser wären… Mein Puls passt sich übrigens stufenweise an Puls4 an! Wirklich. Nach einer Minute bin ich auf 40, nach 2 auf 30 usw und nach 4 Minuten und ein paar Sekunden auf Puls 4. Nach 5 Minuten würd’ ich also tatsächlich sterben. Todesursache: Verblödung. Soweit lässt es mein Körper jedoch nie kommen. Nach 2 Minuten schlafe ich ein und wache erst wieder auf wenn der Timer den Fernseher ausgeschaltet hat.

Kap. 3: Familienfest

Ganz ehrlich: So extrem viel Blödsinn hab ich noch nie geschrieben. Aber sie lesen noch immer. Wobei ich Sie warnen möchte: Meine Deutsch-Lehrerin hat – obwohl sie es hätte besser wissen müssen – meine Aufsätze auch immer vollständig gelesen. Letztens habe ich erfahren, dass sie einen inoperablen Tumor im Gehirn hat. Zusammenhänge dementiere ich aufs Heftigste! Für Anfragen zu diesem Thema verweise ich auf meinen Anwalt.

Anyway, (will nicht immer „Egal“ schreiben und irgendwie muss ich Ihnen ja auch meine Bildung beweisen) zur Abwechslung springen wir wieder in die Vergangenheit. Ostern 1999, Familienfeier im Hause Beer. Übrigens: Ich würde nicht Beer heißen, hätte meine Mutter meinen Vater geheiratet. Ich würde Cziêtzek heißen. Sven Cziêtzek. Auch nicht besser, ich wollte es nur erwähnt haben. Zurück zur Familienfeier. Ostersonntag, etwa 30 eingeladene Verwandte wollen zeitgleich verköstigt werden. Es kostet auch fast nichts so etwas zu veranstalten. 3 Kisten Bier für 5 Männer, 1 Kiste alkoholfreies Bier für meinen offiziell trockenen Onkel Peter der spätestens nach dem Mittagessen seinen Flachmann am Klo sitzend leert und danach an Ort und Stelle einschläft. Natürlich noch etwa 5 Liter diverse Schnäpse, 10 Flaschen an burgenländischen Weinen für Onkel Fritz und seine junge Frau Phuong-Anh und 15 Liter weitere alkoholfreie Getränke. Was kocht man für 30 Personen in einer 7-Quadratmeter-Küche? Nun … immer dasselbe. Als Entree eine Suppe im 50-Liter Topf auf einer Feuerstelle im Garten. Dreißig Personen, fünfzig Liter. Sollte reichen, reicht aber nie. Es hagelt Beschwerden. Nach der zweiten Familienfeier dieser Größe im Jahre 1993 haben wir ein eigenes Beschwerdemanagement eingerichtet das sich übrigens einige Telekom-Konzerne von uns abgeguckt haben:

Schritt 1: Beschwerde entgegen nehmen (inzwischen nur mehr schriftlich).
Schritt 2: Dem Kunden Verständnis signalisieren und eine prompte Erledigung zusichern.
Schritt 3: Beschwerde vernichten.
Schritt 4 (optional): beharrlichen Kunden Mehrwertdienste verrechnen und bei Zahlungsverweigerung den Vertrag kündigen.

Schritt 4 funktioniert leider nicht bei Verwandten. Nicht, das wir es nicht versucht hätten aber unsere Rechnungen in denen wir diverse Dienste in Zusammenhang mit der Feier verrechnet hätten wurden tatsächlich als Scherz aufgefasst. Die dachten nicht einmal daran, sauer zu sein und nie wieder zu kommen.

Wo war ich … Genau, beim Vorspeisen-Beschwerdemanagement. Danach folgt üblicherweise die Hauptspeise – oder Hauptspeisen. Denn es ist unmöglich, 1 Gericht aufzutischen mit dem man alle zufrieden stellen könnte. Nein, wir brauchen 5 verschiedene Speisen und etwa 15 verschiedene Beilagen und Salate. Knödel etwa: Ganz normale Kartoffelknödel? Neeeiiin. Zehn unserer Verwandten würden doch niemals Kartoffelknödel essen, wir sind ja keine armen Leute. Semmelknödel müssen her die wiederum von mindestens zehn anderen strikt verschmäht werden. Und so geht es weiter mit diversen Varianten von Salaten (Gurke, Kartoffel, Karotte, Tomate, Chinakohl, Blattsalat, …). Im Endeffekt tischen wir etwa 300 Kilogramm an Beilagen auf von denen wir mindestens 15 ohnehin vernichten müssen. Als Hauptspeise gibt es meist 5 Hühnchen von denen jedes etwa 4,5 Kilo wiegt, etwa 22 Schnitzel so groß wie Pizzas, einen Schweinebraten bei dem es einfacher wäre gleich das ganze Schwein zu braten und 2 Kilo Chickenwings für die Kinder. Ach ja, und etwa 150 Gramm Pangasiusfilet für Phuong-Anh. Onkel Fritz faselt immer irgendetwas von einer kurzen Leine. Kein Ahnung was er damit meint.

Zuvor geht es natürlich traditionell an die Osternester-Suche. Alle Kinder müssen suchen. Ich nicht, ich war der älteste. Ein junger Mann mit 16 Jahren am Buckel. Nicht in den Augen meiner lieben Großmutter.

„Geh weiter Svenny (SVENNY!!! wieder ein Thema für Schadenersatzzahlungen), musst schon dein Nesterl suchen sonst kriegst nix!“
„Is mir egal“
„Geh weiter, so alt bist auch noch nicht dass dein Nesterl net suchen brauchst. Dein Papa
(umgangssprachlich: „Stieftrottel“) hat mit Zwanzig noch gern gesucht.“
„Der hat mit Zwanzig auch noch nach den Antworten für den Führerscheintest gesucht.“

„Was sagst da? Mein Bub is schon mit Achtzehn Auto g’fahren. Und werd ja net schon wieder frech!“
„Etwas zu tun heißt nicht etwas zu dürfen.“
„Des freche Mundwerk werden’s dir beim Bundesheer schon noch austreibn.“

Wiederum aus Gründen des guten Geschmacks und um die Jugendfreigabe hierfür nicht zu gefährden führe ich die Konversation nicht weiter aus. Jedenfalls sah ich von meinem Platz aus mehr Osternesterl als meine etwas einfältigen jüngeren Verwandten trotz intensiver Suche nicht finden konnten. Meine Mutter kochte. In zweierlei Hinsicht. Einerseits in der Küche das Essen für 30 geliebte (*hust*) Menschen mit den Ansprüchen eines Gourmets und den Manieren einer Herde Wildschweine. Und andererseits kochte ihr sonst ruhiges Gemüt.

Essenszeit war immer 12 Uhr. Immer. Nur nicht in diesem Jahr. Cousine Franziska übergab sich wegen eines Zuckerschocks in diesem Jahr das erste Mal bereits um 10:02 Uhr – neuer Rekord, das erste blaue Auge erhielt Marlin (ich weiß!) dagegen erst um 11:34 Uhr von der fetten Franziska (weil er sie so genannt hat) und alle Kinder hatten pünktlich wie geplant um 11:45 Uhr mitteleuropäischer Zeit ihre Nester gefunden. Alle Kinder? Nein, nicht alle Kinder. Johannes (Hansi), 12 Jahre und Wrestling-Fan (Looser!) natürlich nicht. Er war wie jedes Jahr der Letzte. Seine Nester werden meist schon von der von Geburt an blinden Tochter unserer Nachbarn geplündert bevor er sie entdeckt.

„Hansi! Jetzt gehst noch 5 Schritte und dann schaust hinter die Sträucher!“
Meine Tante versuchte von der Terrasse aus so gut wie möglich mitzuhelfen.
„5 Schritte Hansi! Das waren erst zwei! 5 sind so viel wie du Finger hast!“

Schwerer Fehler. Hansi hat 10 Finger und als er nach 7 Schritten gegen einen Baum lief war er etwas beleidigt. Jedenfalls wurde die Suche um 12:54 Uhr erfolglos abgebrochen. Meine Großmutter konnte sich nicht erklären warum das letzte Nest einfach nicht mehr dort war wo sie es versteckt hatte. Ich wusste es schon aber den Spaß behielt ich wiederum aus gesundheitlichen Gründen dann doch besser für mich.

Um 13 Uhr saßen alle an den Tischen. Die Verspätung hat dem Essen jedoch nicht besonders gut getan. Die Suppe war noch genießbar und die Beilagen waren auch kein Problem. Der Rest war jedoch entweder kalt, angebrannt oder von Haus aus ungenießbar. Das Beschwerdemanagement kollabierte ebenso wie meine Mutter. Onkel Peter trank seinen Flachmann derweilen schon bei Tisch, die Kinder verletzten sich gegenseitig mit steinharten Chickenwings und Phuong-Anh musste wegen einer Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus.

Im Nachhinein betrachtet hätte uns das durchaus früher einfallen können. Wir haben keinen der Verwandten jemals wieder gesehen. Selbst Onkel Peter wurde 2001 zweimal beerdigt damit sich die verfeindeten Clans nicht sehen zu müssen. Wie im Paradies.

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Bei entsprechenden Kritiken wird die Geschichte fortgesetzt.

Yanic.

Sternstunden menschlichen Scheiterns

Von Rainer am 24. Dezember 2008 veröffentlicht

Sternstunden menschlichen Scheiterns

Als ich müde und ausgelaugt von der Arbeit nach Hause kam, die Tür wie ein Gnadenschuss ins Schloss fiel und das Gekeife der alten Bohrmann von gegenüber das einzige menschliche Geräusch war, das mich empfing, stand mein Entschluss fest: Ich wollte nicht länger alleine sein und die hellen wie auch die dunklen Seiten des Lebens mit einem andern Menschen teilen. Naturgemäß reift ein solcher Entschluss nicht über Nacht, und es war letztendlich meinem Freund Kalle zu verdanken, dass mir klar geworden war, wie unglücklich und frustriert ich doch war.

Wenn Sie mich fragen, ist Kalle ein Arsch.

Bitte fragen Sie mich doch endlich!

***

Am Abend zuvor, als wir Bierflaschen schneller geköpft hatten als die Girondisten während der Französischen Revolution ihre politischen Gegner, hatte sich Kalle in den Kopf gesetzt, mir seine Form der Lebenshilfe anzubieten. Mitunter ähnelten seine Ratschläge zwar eher passiver Sterbehilfe, aber wenn man dermaßen verzweifelt und frustriert ist, wie mir Kalle erfolgreich suggerierte, greift man bekanntlich nach jedem Strohhalm.

„Weißt du, was dein Problem ist?“, begann mein neuer Therapeut und setzte eine huldvolle Miene auf.

Ich erwiderte ein geistreiches „Nö“.

Kalle rülpste und stellte die Flasche zielsicher neben dem Bierdeckel ab, sodass die Glasplatte des Tisches ein erschrockenes „Pling!“ von sich gab. „Du bist zu anspruchsvoll.“

Das Wort „anspruchsvoll“ war ein bisschen schwer verständlich genuschelt. Dennoch konnte ich Kalles Ausführungen so klar und deutlich folgen, wie ein besoffenes Schaf dem Bellen eines asthmatischen Schäferhundes mit Minderwertigkeitskomplexen.

An den genauen Inhalt der darauf folgenden, guttural intonierten Worte kann ich mich nicht mehr entsinnen, jedoch an die Erklärungen meines Freundes: „Sagen wir´s doch, wie´s ist. Du bist kein Traumprinz. Aber du glaubst, du würdest eine Traumprinzessin verdienen. Ist doch so, ne?“

Kalle pflegt die meisten seiner Sätze mit einem „ne?“ abzuschließen. Was dem Maler seine Widmung, ist Kalle sein „ne?“.

Ich zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck aus der Flasche. So lange Schimpansen nicht gleichzeitig mit den Schultern zucken und Bier saufen können, sind wir unangefochten die Krone der Schöpfung.

„Schau, was war denn vorige Woche in der Disco?“

Der Hinweis, dass ich mich nach acht Flaschen Bier nicht einmal mehr daran erinnern könne, ob man erst den Reißverschluss öffnen und dann pullern muss, oder umgekehrt, war nicht nötig, denn der alte Pragmatiker Kalle setzte sofort nach: „Die eine Blonde, die dich nett angeguckt hat, hast du nicht mal beachtet. Dafür hast du dich gleich an die Tussi mit dem langen schwarzen Haaren rangemacht. Du meine Fresse! Die war ´ne größere Nummer für dich, als die Turnschuhe von ´nem Basketballer für ein Kind.“

Hm. Ja, doch, da war etwas Vergleichbares irgendwo im Gedächtnis abgespeichert. Während diffuse Bilder von einem peinlichen Korb, den mir besagte Schwarzhaarige gegeben hatte, in rascher Abfolge vor meinem Auge vorbeizogen, nuschelte Kalle der Ordnung halber ein „ne?“

„Da ist schon was dran“, sagte ich unverbindlich und erntete ein Kopfschütteln von meinem Freund.

„Wir kennen uns schon seit dem Gymnasium, Alter. Du bist mein bester Kumpel und ein echt prima Freund, ne? Mehr als ein Freund.“

Einen Moment lang befürchtete ich, dass Kalle mir gestehen würde, er hätte sich in mich verliebt.

„Ein Seelenpartner.“

Uff. Ich atmete auf und zog die nächste Flasche aus dem Bierkasten. Wenn schon ein männlicher Lebensgefährte, dann bitte einer, der wirklich hübsch ist. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen: Kalle hatte Recht – ich war zu anspruchsvoll!

„Und schau, ich würde dir doch keinen Floh ins Ohr setzen, wenn´s nicht wahr wäre“, setzte er ungerührt fort. „Die Wahrheit ist, dass du ziemlich deprimiert bist, seit du dich von Martina getrennt hast.“

Das war nicht ganz die Wahrheit, die mein Freund und Privat-Therapeut ausgesprochen hatte. Martina und ich hatten uns nicht einfach getrennt. Unter „trennen“ stelle ich mir so was vor, wie: „Ich geh jetzt!“

„Ja, ist wohl besser so, ne?“

„Ja. Tschüss. Vergiss nicht, den Müll runterzubringen.“

Sie hatte mich jedoch verlassen, obwohl ich wie ein Schoßhündchen geheult und gewinselt hatte. In meiner völligen Demut ihr gegenüber hätte ich mir sogar ohne Narkose die Eier abschneiden lassen. Die Unterbreitung dieses großzügigen Angebotes hatte sie auch nicht umgestimmt. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht.

„Kann schon sein“, presste ich mühsam hervor. „Aber was soll ich denn deiner Meinung nach tun?“

„Mensch, bist du wirklich so schwer von Begriff?“

Offensichtlich war ich das und signalisierte ihm durch mein Schweigen, dass ich nicht durchstieg.

„Na, such dir eine Freundin, die deine Kragenweite ist. Ne?“

Das Dach über meiner Wohnung verschwand auf ebenso geheimnisvolle Weise wie die Stockwerke drüber, der Himmel öffnete sich und spie tausend Englein mit goldbeschlagenen Trompeten aus, die sphärische Klänge von sich gaben und mich in einer transzendenten Wolke des Verstehens mit sich trugen. Ich war erleuchtet, dank Kalle, 37 Jahre alt, Wertpapierberater bei einer Bank, zwei Mal geschieden, ein Mal am Magen operiert, bei der Bundeswehr dank dubioser Atteste für untauglich erklärt und seit neuestem ein Lebenshilfe-Lexikon auf zwei Beinen, das mit Bier betrieben wurde. Das Leben ist nicht nur wunderbar, es ist auch wunderlich.

„Ach so“, sagte ich ein wenig enttäuscht. Ich hatte mir insgeheim ein paar buddhistische Binsenweisheiten erhofft, die es zwischen dem vierten Toilettengang und dem Brechreiz kurz vor Mitternacht zu lösen galt. Stattdessen bekam ich das Äquivalent zu „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“ um die Ohren gelallt.

Plötzlich beugte sich Kalle vor – möglicherweise hatte er auch bloß Gleichgewichtsstörungen und konnte nicht mehr gerade sitzen – und sagte: „Was glaubst du, wie ich meine letzte Freundin kennen gelernt habe?“

„Margarethe? Ist dir die nicht vom Zoo aus nachgelaufen, weil die Wärter den Käfig nicht richtig verschlossen hatten?“

„Ne, nicht Margarethe. Wie kommst´n auf Margarethe? Ich spreche von Luzia.“

Der Name sagte mir rein gar nichts. Aber ich kann mir auch unmöglich alle Freundinnen von Kalle merken. Niemand kann das. Vielleicht abgesehen von diesen indischen Rechenkünstlern, die zwanzigstellige Zahlen in einer Millisekunde addieren konnten.

„Pass auf – ich habe sie über eine Single-Börse im Internet kennen gelernt.“

Dabei blickte er mich auf eine Weise an, die unmissverständlich machte, dass er eine Antwort erwartete. „Aha.“

„Single-Börse, du verstehst? Das sind so Seiten, wo du- “

„Kalle“, unterbrach ich ihn, „ich verdiene mein Geld mit dem Erstellen von Webseiten. Ich weiß, was Single-Börsen sind.“

„Na, dann ist ja gut! Ich maile dir morgen den Link zu dieser Seite, ne? Haste noch ein Bier?“

***

Der Naseweise aus dem Abendland sprach: Ich weiß, was Single-Börsen sind.

Faktum war: Ich wusste gerade mal, dass es so etwas gab und sich jede Menge Psychopathen auf diesen Seiten tummelten. Diverse Sendungen im Fernsehen verstärkten den Verdacht, dass Kontakt-Börsen Plattformen für frustrierte und gescheiterte Existenzen waren.

Eigentlich war ich noch ziemlich benebelt vom gestrigen Abend und müde von der Arbeit. Neun Stunden lang mit dem Warten von Datenbanken und Beantworten nerviger Fragen von Kunden zu verbringen, stellt nicht gerade den ultimativen Nervenkitzel dar.

Während die Kaffeemaschine keuchend Wasser durch den Filter würgte, klickte ich auf den Link, den mir Kalle wie versprochen per E-Mail geschickt hatte. Anschauen kostet ja bekanntlich nur in der Peep-Show etwas.

„Die seriöse Partneragentur – Liebe auf den ersten Klick!“, versprach der Slogan vor dem romantischen, pinkfarbenen Hintergrund, der ein bisschen wie von Paulchen Panther hingekotzt aussah. Großspurig und aufgedonnert sprang mir „Mehr als eine Million Singles zum Verlieben!“ entgegen. Immerhin, das mochte stimmen: Es wurde ja nicht explizit behauptet, dass eine Million Singles auf dieser Webseite warteten. Irgendwo gab es ganz bestimmt eine Million Singles.

Ich holte mir eine Tasse Kaffee und meldete mich kurz entschlossen an. Eine Million und ein Single zum Verlieben.

Dass man einen Fragebogen ausfüllen musste, um sich quasi vorzustellen, leuchtete mir ein. Ich fühlte mich von der Länge und Ausführlichkeit dieses Fragebogens jedoch ein klein wenig überfordert. Schön: Name, Alter und Wohnort waren keine große Sache und beim Punkt „Geschlecht“ standen die Chancen Fifty-fifty, dass man ins Schwarze traf. Ah, aber dann: Man wollte wissen, welcher Religion ich angehörte, welche Ausbildung ich hinter mir hatte, mein ungefähres Einkommen pro Jahr … Wie bitte? War diese Partner-Börse etwa eine Scheinfirma des Finanzamts?

Nichtsdestotrotz riss ich mich zusammen, wie einer dieser Soldaten in den alten Western. „Durchhalten, Männer! Beißt die Zähne zusammen! Die Verstärkung kommt gleich!“

Ich muss jedoch zugeben, dass der Vergleich hinkt, denn Soldaten, Cowboys und Indianer in klassischen Western-Filmen benötigten keine Partner-Börsen. Die Cowboys wurden von den steilsten Hasen automatisch angemacht, die Soldaten waren immer verheiratet und die Indianer wurden ohnedies erschossen. Oh ja, früher war einfach alles besser und einfacher!

Meine Verzweiflung wuchs von Frage zu Frage und bestärkte mich in Kalles Ansicht, dass ich keine Traumprinzessin verdiente. Scheiße, ich war … Mittelmaß! Ich hatte nicht einmal irgend einen akademischen Titel und meine schulische Laufbahn wirkte angesichts der vorhandenen Antwortmöglichkeiten mickrig.

Mein Einkommen war unterdurchschnittlich und ich fragte mich, ob es wirklich Singles gab, die mit einem Einkommen von „100.000 – 200.000 Euro/Jahr“ auf einer Internet-Plattform ihr Glück suchten und sich nicht einfach eine dieser Katalog-Bräute aus Russland kauften?

Frustriert mogelte ich bei der Körpergröße und schlug dort eine fünf bei den Zentimetern drauf, die ich beim Gewicht in Kilo wieder abzog. Eigentlich war das gar nicht gemogelt, weil es sich ja ausglich.

Nach etwa einer halben Stunde war ich fertig und benötigte nur noch ein Bildchen, das ich online stellen sollte. Hastig blätterte ich mein Fotoalbum durch. Erwartungsgemäß wirkte ich auf sämtlichen Bildern entweder wie ein schwuler Riesenpinguin mit Grinsstarre, der in Schlabber-Jeans steckte, oder wie einer dieser Wahnsinnigen, vor denen man in meiner Jugend Kinder warnte, niemals Bonbons von solchen Typen anzunehmen. In der Praxis erwiesen sich solche Warnungen als klassische Schauermärchen ohne Bezug zur Realität. Obwohl: Das Bonbon von der Bäckerei-Verkäuferin habe ich stets angenommen. Frau Kuttner war ungefähr 50, untersetzt, hatte graue Haare und lächelte schief. Sie war mir völlig unverdächtig erschienen – aber das sagte man ja von allen.

Letzten Endes entschied ich mich für ein älteres Passfoto, dessen Kratzer ich mittels Photoshop-Zauber entfernte. Die etwas unvorteilhafte, wirre Frisur wurde, wie ich annahm, durch die Krawatte mehr als aufgehoben. Zumal das Schlümpfe-Motiv der Krawatte nur bei extremer Bildvergrößerung erkennbar war. Und da in der Muttermilch meiner werten Erzeugerin sich nur intelligenzfördernde Moleküle getummelt hatten, stellte ich das Foto kaum merkbar, dafür um so effektiver unscharf. Selbst der CIA hätte sich daran die Zähne ausgebissen und mir keinen einzigen Schlumpf nachweisen können.

Fertig. Nun, zumindest so gut wie, denn noch fehlte eine aussagekräftige Überschrift für mein Profil. Der Lockvogel gewissermaßen, um Heerscharen an Frauenherzen im Sturm zu erobern. Der Haken an der Sache war nur, dass Kreativität nicht zu meinen Stärken zählt.

„Hallo! Hier bin ich!“

Ja, genau. Extrem originell. Der Nächste, bitte.

“Ich bin ein totaler Kuschelbär!”

Wunderbar! Das klang wie: “Bin impotent und mein Schniedelwutz ist vier Zentimeter lang”

“Ich bin, wie ich bin!”

Und genau das ist mein Problem.

“Ich möchte endlich wieder vertrauen können…”

… und zwar darauf, dass irgend so ein weiblicher Volltrottel tatsächlich auf mich hereinfällt. Hilfe, Gehirn, wo bist du, wenn ich dich mal brauche?

Nach weiteren erfolglosen Versuchen gab ich schließlich auf und zitierte aus „Der kleine Prinz“: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“.

Obgleich künftige Lebenspartnerinnen daraus den Schluss hätten ziehen können, dass man meine Hässlichkeit besser mit augenlosen Organen bestaunte, beließ ich es bei diesem Motto.

Nachdem mein Profil nunmehr angelegt und um einige interessante Übertreibungen modifiziert war, schien es an der Zeit, mich nach Singles umzugucken, die ähnlich verliebenswürdig waren wie ich.

Nach der vierten Tasse Kaffee schlug mein Herz eher aufgrund des darin enthaltenen Koffeins höher, denn wegen der weiblichen Anwärterinnen auf einen kleinen schattigen Platz in meiner Brusthöhle.

Das Profil von Schattenblume30 versprach wenig, hielt diese Versprechen jedoch: „ich darf behaupten eine atraktive frau zu sein“.

Natürlich, schönes Kind, denn wir leben in einer Demokratie und jeder darf behaupten, wonach ihm gerade lustig ist. Wenigstens hätte ich das perfekte Geschenk für sie beim ersten Rendezvous gewusst: Einen Duden.

Bei tausenden Singles zwischen 20 und 30 alleine in meiner Heimatstadt, musste doch ein passender Fisch dabei sein.

„Lizzie111“ machte einen durchaus netten Eindruck, obwohl ich erhebliche Zweifel daran hatte, dass sie, ihrem Foto nach zu urteilen, Liz Hurley ähnlich sah. Anscheinend hatte sie das Bild von irgend einer Website ausgeliehen und hatte es mit einem Bildbearbeitungsprogramm zurechtgestutzt, bis nur noch der Kopf zu sehen war. Erheblich raffinierter wäre es gewesen, die in der oberen Ecke erkennbaren Buchstaben „Liz“ und darunter „Hur“ gleichfalls wegzuschnippeln. Wenngleich ich zugeben musste, dass „Hur“ der männlichen Phantasie freien Lauf ließ.

Der Mann, der mit dem Herzen gut sieht, gab der kleinen Moglerin dennoch eine Chance.

“Was ich mir wünsche: Du solltest tierlieb sein”

Oha! Wimmelte es in ihrer Bude vor Kakerlaken und Silberfischchen?

“Und du solltest verständnisvoll sein”

Wofür sollte ich Verständnis haben? Dass sie ständig ausflippte und ab und zu ihre Partner mit dem Steakmesser ausweidete? Oder doch nur, dass sie Briefmarken sammelte?

„und nicht langweilig sein“

Weil sie das selber war?

„Und natürlich solltest du auch kein Matcho sein, treusein und –“ (blablablabla – dieses Gesülze zog sich länger dahin als ein Schlussplädoyer von Matlock)

Langsam riss mein Geduldsfaden: Wollte sie einen Mann aus der Gegenwart kennenlernen oder wartete sie darauf, dass man einen Neandertaler mit genau diesen Eigenschaften ausgrub?

„Glockenblumes“ Beschreibungen klangen weit weniger anspruchsvoll, wofür ich den Grund rasch herausfand:

“ich habe zwei reizende kinder die einen neuen lieben papi suchen”

Was war bloß mit dem alten Papi geschehen? Hatten sie ihn in den Wahnsinn getrieben? Vielleicht bin ich zynisch, aber Ernährer für ein paar Gören zu spielen, die nicht einmal aus meinem Genpool stammten, kam in meinem persönlichen Wunschkatalog nirgends vor. Beim Lektorat meines Wunschkatalogs bin ich echt pingelig.

Überhaupt schienen Kinder groß in Mode gekommen zu sein. Unter zwei Stück lief bei den meisten Mädels gar nix und vermutlich musste man als Singleaner darauf gefasst sein, dass eine Frau beim ersten Date beiläufig ihre beiden Kinder erwähnte, die sie im Profil verschwiegen hatte; ungefähr so, als würde man ein Auto kaufen und hernach feststellen, dass das Lenkrad, die Sitze und die Reifen im Kaufpreis nicht inkludiert waren.

Ich begann auch, dem Satz „Ich liebe Kinder über alles“ zu misstrauen. Vermutlich wurde man, nach einer verheißungsvollen Einladung in die Wohnung der Herzensdame, von einer lärmenden Horde Kinder empfangen. „Ach übrigens, du magst doch Kinder, oder?“

Nach zwei geschlagenen Stunden des vergeblichen Suchens, stieß ich auf Marijke_2, deren Foto mir auf Anhieb gefiel. Zugegeben, wenn man sie neben Jennifer Lopez stellen und hundert Männer fragen würde, mit welcher der beiden Frauen sie lieber einen Abend verbringen würden, hätte Marijke_2 vermutlich wenig Stress gehabt.

In meinem Kopf hörte ich Kalles keifende Stimme … nein, Moment: Das war doch eher Frau Bohrmanns abendliches Proleten-Gepoltere. Dennoch schämte ich mich für meine fiesen Gedanken, zumal ich selber beileibe kein Brad Pitt bin.

Einige Beschreibungen aus ihrem Profil klangen sogar durchaus sympathisch: “VIele Leute sagen, ich hätte ein extrem interessantes Gesicht“ – gut, objektiv betrachtet war das nicht nur extrem interessant, sondern auch extrem schwammig und nichtssagend. Diese Leute mochten ja plastische Chirurgen sein.

Oder: “Dein Aussehen und dein Alter sind mir nicht so wichtig”

Ach du lieber Himmel! Da konnte man sich ungefähr ausmalen, wie verzweifelt jemand ist, der so etwas schreibt.

Immerhin war sie nur zwei Jahre jünger als ich, hatte sogar einen Job (was darauf hindeutete, dass sie tatsächlich noch keine Kinder hatte), mochte Filme und ein paar jener Bands, die ich auch gut fand.

Der Hinweis, dass sie ein wenig mollig sei, störte mich nicht weiter. Bei einer Größe von 1,70 waren achtzig Kilo kein Beinbruch. Vor allem deshalb nicht, weil ich auch ein paar Pfündchen zu viel angefuttert hatte in letzter Zeit. In letzter Zeit seit der Grundschule, um genau zu sein.

Ahnungslos und treudoof schrieb ich Marijke_2 eine Mail, was mir noch schwerer fiel, als das Anlegen meines Profils. Nach zermürbenden Versuchen, locker-flockig mal eben eine zehnseitige Mail zu verfassen, die originell, witzig und charmant war, musste ich mir eingestehen, dass vielleicht sogar ein Nick Hornby diese Aufgabe nicht innert weniger Minuten bewältigen würde.

Deshalb machte ich es wie vermutlich alle Singleaner: Ein bisschen Schleimen, der zarte Hinweis auf das eigene Profil und die abschließende Hoffnung auf Antwort.

Ende der Leseprobe.

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