Short Story

Kurzgeschichten mit Links

„Nur die Schmetterlinge im Bauch haben überlebt“ Teil 2

Von Biggi42 am 9. Juli 2011 veröffentlicht

Als wir uns physisch näher kamen, verschwanden seine zwei Freunde heimlich und wir standen allein an der Bar.

Mir machte es auch gar nichts mehr aus, dass meine Freundin bis jetzt noch nicht aufgetaucht war. Hatte ich doch einen wunderbaren, amüsanten und intelligenten Gesprächspartner an meiner Seite! Den Umstand, dass er verheiratet war, verschwieg er. Er trug auch keinen Ehering am Finger. Doch er roch förmlich nach Trauschein! Außerdem hatte er das passende Alter, um schon Ehemann und Vater zu sein. Geschieden ist er sicher nicht, welche Frau lässt schon so einen Mann freiwillig laufen, dachte ich mir.

Man könnte meinen, ich hätte mit Mitte Dreißig auch schon das Alter gehabt, mein Dasein als Ehefrau zu fristen. Aber ich hatte mich immer davor gedrückt. Irgendwie konnte ich es mir kaum vorstellen, ein Leben lang nur mit einem Mann zusammen zu sein. Mir genügten schon meine verflossenen Lebensabschnittspartner. Diese Abschnitte beliefen sich immer auf ungefähr fünf Jahre. Dann hatte ich die Nase voll. Ich wollte nicht immer nur die perfekte Hausfrau sein. Das war ja nicht alles, was die Männer verlangten. Nein, ich musste ja neben Haushalt und Job die verständnisvolle Geliebte spielen. Also, was zuviel ist, ist zuviel. Irgendwo musste man Abstriche machen. Die Konsequenz daraus war, dass ich die Rolle als Geliebte einfach weg ließ. Was wiederum nicht gerade auf Verständnis des männlichen Gegenübers stieß. Aber mein Bedürfnis nach Sex schlief nach dem leidigen Alltagsstress einfach ein. Das Ergebnis war die Trennung. Dieser letzte Schritt tat mir nie besonders weh, da ich mich im Laufe der Jahre „entliebt“ hatte. Die kleinen Unarten der Männer, die im anfänglichen Liebestaumel als liebenswürdige persönliche Eigenheit ausgelegt wurden, entpuppten sich während der Jahre als nervenaufreibende Alltagstorturen. Ich sage ja gar nichts mehr von der klassischen offenen Zahnpastatube. Aber auf diese Biertrinkenden, Füße auf den Tisch lümmelnden, zwischendurch an den Genitalien kratzenden Ungeheuer, die mir nächtens schnarchend den Schlaf raubten, konnte ich verzichten. So gesehen war ich eine glückliche Single-Mama, die plötzlich unverhofft auf ihren Traumprinzen stieß.

Die Stunden mit Peter vergingen wie im Flug. Da meine Freundin Nina sicher irgendwo mit ihren Arbeitskollegen versumpft war, wechselten er und ich das Lokal. In einer Bar mit intimer Atmosphäre verdrückten wir uns in einen Winkel. Da wir uns schon sehr viel erzählt hatten, kamen wir nun zum wesentlichen. Der Körperkontakt wurde zunehmend inniger. Plötzlich streichelte er an meinen Armen entlang, seine Finger berührten meinen Hals und wanderten weiter zu meinem Kinn. Er hob es sanft in die Höhe, schaute mir in die Augen und fing an mich zu küssen. Ich ließ mich einfach fallen und genoss seine innigen Küsse. Diese Intensität elektrisierte mich, seine Berührungen raubten mir den Verstand. Sein Körper war der pure Luxus! Ich konnte nicht genug davon bekommen, seine muskulösen Oberarme und seinen Waschbrettbauch zu streicheln. Ist dieser Mann eigentlich echt, fragte ich mich. So ein gut aussehendes, intelligentes, witziges und erfolgreiches Exemplar war mir bisher noch nie über den Weg gelaufen.

Die Nacht ging rasend schnell zu Ende. Peter begleitete mich noch zu meinem Auto. Der Abschied fiel sehr emotional aus, eigentlich hemmungslos. Ich spürte seine Erregung. Ich will mehr von dir, hier und jetzt, hauchte ich ihm in sein Ohr. Plötzlich hielt er inne. Heute nicht mehr, es ist schon spät, ich muss nach Hause, erklärte er mir. Er wünschte mir noch ein schönes Wochenende und weg war er. Ich stand da wie paralysiert. Starker Auftritt, niveauloser Abgang, dachte ich mir. Ich hatte nicht mal seine Telefonnummer.

Auf dem Nachhauseweg ließ ich diese Nacht Revue passieren. Ich glaube, ich hab mich in den Typen verknallt, schoss es mir durch den Kopf. Und das am ersten Tag, das so was mir passiert! Aber meine Erfahrung mit vergangenen Affären ließ mich hoffen, dass dieses Gefühl genauso schnell wieder verschwinden würde. Liebe auf den ersten Blick ist beim zweiten Blick gleich wieder Vergangenheit, erinnerte ich mich. Vielleicht war es auch nur ein schöner Traum, eine Nacht mit dem Cola Light Man verbracht zu haben, redete ich mir ein.

Die folgenden Tage erlebte ich wie in einer anderen Welt. Eine Welle kam auf mich zu und überschüttete mich mit Gefühlen, die ich bisher noch nie erlebt hatte. Die Begegnung mit Peter hatte mich ungemein beflügelt und schlug sich auch positiv in meiner Umgebung nieder. Ich schmunzelte in den Tag hinein und war energiegeladen wie schon lange nicht mehr. Die Wochentage waren ausgefüllt mit viel Arbeit, die Abende verbrachte ich mit meinem Sohn.

Natürlich hatte ich Nina schon von Peter erzählt. Sie wollte dieses Prachtexemplar auch so bald als möglich kennen lernen. Nina war das komplette Gegenteil von mir, äußerlich wie auch emotional. Wahrscheinlich waren wir deshalb so gute Freundinnen. Wir verabredeten uns wieder in unserem Stammlokal. Nina sah sehr gut aus mit ihren rot gefärbten Haaren, die kurz geschnitten doch den gewissen weiblichen Touch nicht verloren hatten. Außerdem besaß sie eine Traumfigur mit vielen Rundungen an den Stellen, die die Männer so lieben. Sie verstand es auch, sich vorteilhaft zu kleiden und ihren Busen perfekt in Szene zu setzen. Daneben sah ich ziemlich flachbrüstig aus. Aber zu mir passte es irgendwie, da ich allgemein ein zierlicher Typ war. Nina war zwei Jahre älter als ich, seit einigen Jahren geschieden und noch nicht wieder vergeben. Dabei sehnte sie sich so nach einem Mann, den sie umsorgen konnte. Wie gesagt, das komplette Gegenteil von mir.

Wir saßen wie immer an der Bar und ließen unsere Arbeitswoche Revue passieren. Einige Bekannte gesellten sich zu uns um Neuigkeiten auszutauschen. Doch mein Traumtyp tauchte nicht auf, auch seine Freunde konnte ich nicht finden. Irgendwie hatte sich dieser Freitag für mich erledigt. Insgeheim hoffte ich darauf, dass er doch noch kommen würde. Aber es war schon sehr spät und meine Hoffnung schwand dahin. Die Männer, die uns an diesem Tag über den Weg liefen, waren keine intensivere Auseinandersetzung wert. Größtenteils schöne Fassade, aber nicht mehr dahinter. Im Klartext: kaum machten sie den Mund auf, verging es mir, die Konversation aufrecht zu halten. Dementsprechend früh war ich daheim und schlief mit den Gedanken an Peter ein.

Fortsetzung folgt!

„Nur die Schmetterlinge im Bauch haben überlebt“

Von Biggi42 am 15. Juni 2011 veröffentlicht

Peter sagte kürzlich zu mir, dass es ein großer Fehler war, sich wegen mir scheiden zu lassen und somit seine drei Kinder verlassen zu haben. Ich habe es nie von ihm verlangt. Die Zeit als seine Geliebte war die Wunderbarste in meinem Leben.

Ich sehe ihn vor mir, als wir uns das erste Mal begegneten. Ich saß an einem frühsommerlichen Freitagabend in meinem Stammlokal an der Bar und wartete auf meine Freundin Nina. Sie hatte Betriebsausflug und wollte mich danach noch treffen, um ein wenig um die Häuser zu ziehen. Zwei Single-Mamas auf der Pirsch. Man gönnt sich ja sonst nichts. Im Lokal war wenig los. Die Hoffnung, einige Bekannte zu treffen, verlief im Sand. Die Uhr tickte unermüdlich und machte mich deprimiert. Ich hoffte, dass Nina bald kommt, damit ich nicht wie bestellt und nicht abgeholt hier herum hängen musste.

Eigentlich hatte ich nie ein Problem damit, abends allein weg zu gehen. Doch an diesem Tag sah es trist aus, meine kommunikative Ader auszuleben zu können. Es waren keine Bekannten unterwegs, um einen gepflegten Plausch zu führen. Ich schlürfte an meinem Getränk, als plötzlich zwei Männer im Lokal auftauchten und auf mich zusteuerten. Optisch gefielen mir die beiden überhaupt nicht, doch der Blonde hatte wenigstens ein schelmisches Grinsen im Gesicht, welches viel versprechend aussah. Die Auswahl an weiblichen Gästen war ziemlich eingeschränkt und so stand ich als Zielscheibe an der Bar genau richtig. Ich strich mir meine langen blonden Haare aus dem Gesicht, rückte meine Brille zurecht, setzte mein Wochenend-Lächeln auf und wartete auf eine müde Anmache. Doch anstatt banale Sprüche wie „wartest du auf jemanden“ oder „hast du mal Feuer“ ging der Blonde stichgerade auf mich zu und fragte mich auf kumpelhafte Art „Hallo, wie geht’s dir denn so?“ Ich war einigermaßen perplex und durchforstete mein Gehirn, ob ich diesen Typen schon mal begegnet war und in welchem Zustand. Doch ich erkannte ihn auch nach intensivem Nachdenken nicht. Ich antwortete ihm mechanisch, dass es mir gut gehe und ich auf eine Freundin warten würde. Plötzlich machte er meine Handtasche auf und befüllte sie mit dem ganzen Inhalt eines Zuckerl-Glases, das auf der Bar stand. „Für deine Kinder daheim, ich bring auch immer was mit“, meinte er mit einem Lachen. Ich war sehr belustigt über diesen Typen und es entwickelte sich ein amüsantes Gespräch.

Plötzlich trat er auf. Nein, er erschien. 1,90m geballte Manneskraft. Die Haare sehr kurz, braune Augen in einem attraktiven Gesicht, den Mund zu einem umwerfenden Strahler 80er Lächeln geformt. Er stieß als letzter zu seinen Freunden und empfing auch mich sofort mit großem Hallo. Mir war, als fing der Boden zu tanzen an. Sofort fand ich Gefallen an diesem Typen und ernannte ich heimlich zu meinem zukünftigen Ex-Liebhaber.

Ich hatte nie ein Problem damit, Männer kennen zu lernen. Aber im Laufe der Zeit gingen sie mir ziemlich auf die Nerven. Besonders die, die eine richtige Beziehung mit mir wollten. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits seit vier Jahren ohne fixen Partner. Ich genoss diese Zeit, tun und lassen zu können was ich wollte. Und keinen nach seiner Meinung zu fragen. Oder gar zu betteln, einmal allein weg gehen zu dürfen und danach einen Bericht über den vergangenen Abend abzuliefern. Außerdem hatte ich wochentags keine Zeit für einen Mitbewohner. Mein Sohn Stefan und mein Job vereinnahmten mit voll und ganz.

Stefan war gerade 6 Jahre alt und wir genossen den letzten Sommer vor Schulbeginn. Damals arbeitete ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Wiener Museum, wo ich mir meine Zeit sehr gut einteilen konnte, um mich auch auf Stefan konzentrieren zu können. Ich hatte Theaterwissenschaft zu studieren begonnen, nachdem ich meinen Sohn auf die Welt gebracht hatte. Das Studium hatte mir sehr großen Spaß gemacht und ich widmete mich jeder freien Minute der Uni. Das hatte mein damaliger Freund und Erzeuger von Stefan nicht so gerne gesehen. Es war einer der Gründe warum unsere Beziehung zu Ende ging. Als ich dieses private Kapitel hinter mich gebracht hatte, ging es mir wesentlich besser. Ich absolvierte in Rekordzeit mein Studium und knüpfte zugleich Kontakte zum zukünftigen beruflichen Umfeld. So kam ich schlussendlich zu meinem Traumjob. Ich konnte somit meinem Sohn und mir ein unbeschwertes Leben bieten.

Ich brauchte keinen Mann, mein Leben war voll und ganz ausgelastet. Abends war ich froh, wenn mein Kleiner im Bett war und ich es mir vor dem Computer gemütlich machen konnte. Oder ich hüpfte mit meinen Gewichtsmanschetten vor dem Fernseher herum, damit meine Figur männertauglich blieb. Da brauchte ich schon gar keine Zuschauer. Da kam mir ein verheirateter Mann gerade richtig. Der Kontakt beschränkt sich in so einem Fall auf einige Stunden in der Woche, vorzugsweise Freitagabend. Das ließ sich bei mir immer gut einrichten, da Stefan die Wochenenden bei seinem Erzeuger verbrachte. Diese Stunden mit einem Liebhaber waren sehr intensiv und romantisch. Der Alltagstrott blieb vermieden und so konnte ich immer nur auf schöne Zeiten zurück blicken. Die ideale Lebensform für mich!

Und dieser Typ schien prädestiniert dafür, mir meine Freitagabende zu versüßen. Wir kamen sofort ins Gespräch. Seine kokette Bemerkung, für eine Blondine wäre ich ja ziemlich schlagfertig, störte mich nicht im Geringsten. Im Gegenteil, er forderte mich nur dazu heraus, mich zu noch mehr geistigen Höhenflügen hinreißen zu lassen. Endlich ein Mann, der gut aussieht und mich sogar intellektuell herausfordert, dachte ich mir.

Wie es mit mir und Peter weiterging erfährt ihr im nächsten Teil…

Ein krimineller Fall

Von andreas am 9. Mai 2011 veröffentlicht

Wütend schlug Alexander die Tageszeitung zu, warf sie in eine Ecke seiner Zelle. Immer wieder hatte er den Artikel gelesen, jedes Mal brummte er vor sich hin: “Sie haben es nicht begriffen, einfach nicht verstanden! Hier ist doch alles falsch dargestellt!”
Berichtet wurde von Alexanders Fall, dem Unglück, das über ihn hereinbrach.
Ein anderer Häftling, ein sympathischer junger Mann, hatte ihm während des Essens die Zeitung zugeschoben. Alexander hätte sie auch kaufen können, doch fehlte ihm das Geld.
Noch einmal nahm er das Blatt in die Hand, immer noch ungläubig auf die Worte schauend:

Entführung und Kidnapping in K.
In der Kleinstadt K, im Süden des Landes gelegen, wurde gestern Nachmittag eine Straßenbahn entführt. Aussagen der Polizei zufolge wollte der offenbar geistig verwirrte Fahrer der Bahn gegen sein zu niedriges Gehalt protestieren.
Eine Stunde lang wurden einige der Passagiere im Inneren des Fahrzeuges festgehalten, bevor er aufgab und sich der Polizei stellte.
Er wurde in Gewahrsam genommen.

Lange hatte Alexander gebraucht, bis man ihm das Gewünschte zur Verfügung stellte. Es war nicht einfach, den Wärtern glaubhaft zu machen, dass er sich mit den geforderten Utensilien nicht ins Jenseits befördern will.
Lange betrachtete er die vor ihm liegenden Dinge: Papier im DIN-A4 Format – weiß, ohne Linien oder Kästchen und ein Bleistift.
Jetzt würde er seine Geschichte zu Papier bringen, diesen nichts sagenden Zeitungsartikel richtig stellen.

*

Es war Freitag, der dreizehnte Mai. Eigentlich bin ich überhaupt nicht abergläubig, an diesem Tag jedoch schien alles schief zu gehen.
Bevor ich zur Bahn ging, um dort meiner Arbeit nachzugehen, musste ich in unser Büro, um dort meinen Gehaltsnachweis abzuholen.
Katja, die hübsche Sekretärin, gab mir den Zettel und ich versuchte wieder einmal mit ihr zu flirten. Aber sie blieb hart. Dabei wusste ich, dass sie derzeit ungebunden ist. Da wir beide noch keine dreißig Jahre Lenze zählen, hatte ich immer wieder die Hoffnung, sie irgendwann für mich zu begeistern.

Ich übernahm die Linie drei. Es war vierzehn Uhr, als ich startete. Die erste Fahrt an diesem Tag führte mich hinaus zu dem großen Werk am Rande der Stadt. Drei Minuten hatte ich hier Zeit. Während die Arbeiter die Sitzplätze hinter mir füllten, öffnete ich meine Gehaltsabrechnung.
Es wird sicherlich niemanden gefallen, was man da jeden Monat zu lesen bekommt. Aber es gibt bestimmt viele Leute, denen es in diesem Falle so geht wie mir: Fast zwei Jahre lang war ich arbeitslos. Dann entschloss ich mich, nun doch diesen Job anzunehmen, obwohl ich davon nicht leben kann. So muss ich monatlich extra den Staat anpumpen. Das ärgert mich jedes Mal wieder, vor allem, weil ich weiß, die Arbeiter aus dem Werk da drüben arbeiten genauso lange wie ich und bekommen bestimmt das doppelte Gehalt dafür.
Es piepte am Armaturenbrett, ich musste losfahren.
Schnell ratterte ich neben einer Fernverkehrsstraße dahin, in Richtung Innenstadt.
Die Lautsprecher in der Bahn pfiffen die Melodien ortsansässigen Radiosenders. Schließlich lebt das Unternehmen zu einem großen Teil von der Werbung.

*

Irgendetwas kratzte und schepperte an der Zellentür. Es dauerte eine Weile, bis Alexander begriff, es war ein Schlüssel.
Ein unbekannter Mann trat ein. Er trug einen teuren Anzug, makellos sauber und auf Hochglanz polierte Schuhe. Er war groß, blond und blauäugig.
Alexander sah die Erscheinung erstaunt an, konnte ihn aber von diesem Moment an schon nicht leiden.
“Hallo. Mein Name ist Thomas Klug. Ich bin Ihr Pflichtverteidiger.”
Mit diesen Worten hielt ihm der Schnösel die rechte Hand unter die Nase. Alexander griff zögernd zu, überlegte, ob sein Gegenüber tatsächlich noch jünger war als er. Wenn ja, war er wohl frisch von der Universität gekommen.
Wieder musste Alexander seine Geschichte erzählen. Der Anwalt hörte zu, das Notizbuch offen, ein teurer Füllfederhalter in seiner Hand. Er schrieb allerdings keinen einzigen Buchstaben nieder.
Als der Bericht endete, meinte Klug lapidar: “Es ist und bleibt eine Entführung. Nur die Geiselnahme könnten wir mildern, wenn es stimmt, was Sie da sagen.”
“Soll das heißen, Sie glauben mir nicht? Was sind Sie für ein Anwalt!”
Achselzuckend verließ der Herr Alexanders Reich.

*

Plötzlich, in der Nähe des Umsteigeplatzes, alle Bahnen der Stadt treffen sich hier, dröhnten die neuesten Nachrichten aus den Lautsprecherboxen. Ich wurde hellhörig.

… über eine Einführung von Mindestgehältern ist man sich in der Landesspitze noch nicht einig. Während die Befürworter die Menschen vor einer sozialen Armut schützen wollen – es gibt immer mehr Menschen, die trotz Arbeit auf staatliche Hilfe angewiesen sind – befürchten ihre Gegner den Verlust von Arbeitsplätzen und somit eine steigende Arbeitslosenzahl …”

In diesem Moment ging mir vieles durch den Kopf.
So kam ich zu dem Entschluss, es musste ein Zeichen gesetzt werden.

*

Einer der Aufseher trat ein. Er brachte einen Müllsack mit, lief in die Ecke zwischen Bett und Tisch, entleerte den Papierkorb. Dann blieb er stehen, sah Alexander prüfend an.
“Was ist?”, fragte der Häftling.
“Nichts”, entgegnete der Uniformierte zögerlich. Es war, als wollte er etwas sagen, hatte nur nicht den Mut dazu, oder wusste nicht, wo er anfangen sollte. Nach dem kurzen inneren Kampf fragte er Alexander: “Wo wolltest du mit der entführten Straßenbahn eigentlich hin? Ich meine, irgendwo ist die Fahrt im Stadtgebiet zu Ende, dann kommt eine Schleife und es geht zurück.”
Alexander sah den Wärter an, antwortete lakonisch: “Eben!”

*

Irgendwie sah ich von diesem Moment an rot. Das ist doch eine Frechheit! Wissen die Verantwortlichen nicht, dass Mindestlöhne in diesem Land genauso notwendig geworden sind, wie in anderen Staaten auch?
Ich fuhr einfach an den nächsten Haltestellen vorbei, die Passagiere hinter mir protestierten.
Irgendwann klopften sie gegen die Tür zur Fahrerkabine, schimpften und keiften. Es nutzte nichts, ich fuhr stur weiter. Die Zentrale hatte sich per Funk gemeldet, ich antwortete nicht.
An einer der großen Kreuzungen bog ich zu allem Überfluss auch noch in eine falsche Richtung ab. Mittlerweile meldete sich die Polizei über das Funkgerät, ich gab keinen Laut von mir.
Plötzlich, ich ahnte nicht, was kommen würde, schien es, als würde die Straßenbahn immer langsamer rollen. Es war wie ein Traum, wie wenn alles schwerer laufen würde. Erst dann sah ich es: Mein Blick blieb an der Spannungsanzeige hängen; der Strom war abgestellt worden, die Bahn zum Stillstand verdammt.

Immer wieder wurde ich durch die Fahrgäste angesprochen – durch die geschlossene Tür. Es dauerte eine Weile, bis ich mich aufraffte, den Weg zum Fahrgastraum öffnete.
Ich musste nun Rede und Antwort stehen, hatte mit dem Nothebel eine der Türen nach draußen geöffnet, einige der Leute stiegen aus, sie wollten damit nichts zu tun haben.
Plötzlich fuhren Polizeiautos auf. Sie umstellten die Bahn sternförmig, als hätten sie Angst, ich würde ihnen trotz des abgeschalteten Stroms davonfahren.
Es war wie im Kino: Polizisten, die sich hinter ihren Autos verschanzten, im Hintergrund der Rettungsdienst und die Presse. Was war hier los? Die Fahrgäste, die noch nicht gegangen waren, hatten nun Angst, das Fahrzeug zu verlassen.
Es war eine festgefahrene Situation, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein Handy flog herein, landete vor meinen Füßen, als hätten die Polizisten gewusst, mit wem sie sprechen wollten. Fast im selben Moment ließ das Ding eine Filmmelodie hören: `Spiel mir das Lied vom Tod´. Scheinbar gab es unter den Uniformierten einen Witzbold.
Ich schaltete es ein, hielt es ans Ohr.
Mich begrüßte ein Kommissar Ehrlicher. Ich sah aus einem der Fenster. Ganz hinten, hinter den Polizisten, die plötzlich alle Arten von Waffen in den Händen hielten, sah ich ihn. Er winkte.
Das sei, meinte er, damit ich weiß, wer er sei.
Er forderte mich auf, endlich diese Entführung aufzugeben. Ich solle mir doch seine Kollegen rund um die Straßenbahn betrachten, ich hätte sowieso keine Chance davon zu kommen. Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Entführung? Noch bevor ich dazu etwas sagen konnte, sprach er schon weiter. Ich solle ihm mitteilen, wie viele Geiseln ich gefangen genommen hätte.
Ich sah die Reporter in seiner Nähe irgendetwas auf ihre Blöcke kritzeln.
Wie sollte ich das denn richtig stellen? Entführung? Geiselnahme? Ich dachte, ich hörte nicht recht.
Ich erzählte ihm, dass sich die Fahrgäste nicht aus der Bahn trauen würden, bei dem Polizeiaufgebot. Woher sollten die Leute wissen, ob nicht doch geschossen werden wird? Die Antwort lautete: Lass die Geiseln frei!
Es war sinnlos, Kommissar Ehrlicher hörte mir einfach nicht zu. Er erklärte, das Verbrechen stehe unter dem Verdacht, ein terroristischer Anschlag zu sein. Ich solle dies endlich zugeben und den Namen der Vereinigung, zu der ich offensichtlich gehöre, kundtun. Ich erzählte die ganze Geschichte, der Kommissar schien beleidigt.
Kein Anschlag! Trotzdem, Entführung und Geiselnahme sei es und die nächsten dreißig Jahre werde ich keine Sonne mehr sehen.
War der Mann fanatisch? Welchen Ausweg gab es? Die Situation musste entschärft werden, schoss es mir durch den Kopf. Aber wie?
Wie sehen meine Forderungen aus? Will ich Geld, einen Hubschrauber oder etwas anderes? Der Beamte war eindeutig verrückt!
Ich gab ihm keine Antwort, sagte nur, ich gebe auf. Was sollte ich anderes tun?
“Was, jetzt schon?”, fragte Ehrlicher enttäuscht.

Nun sitze ich hier in einer Gefängniszelle und habe mein Abenteuer niedergeschrieben. Ob es jemals gelesen wird, kann ich nicht sagen. Es wurde mir gesagt, heute soll meine Verhandlung stattfinden. Anwalt Klug, er vertritt mich im Gerichtssaal, hatte mich nicht noch einmal besucht. Wie kann er, ohne zu glauben, ohne sich zu informieren, in so einem Prozess auftreten?
Vielleicht wird später in der Zeitung stehen, was nun mit mir geschieht.

*

Die Zellentür klapperte, ein Wärter trat ein. “Es geht los. Ich soll dich zur Verhandlung bringen”.
Alexander suchte seine beschriebenen Zettel zusammen, legte sie ordentlich auf einen Stapel, klemmte sie sich dann unter die Arme. So verließ er den kleinen Raum, in dem er eingesperrt war.
Die schwere Tür schloss sich hinter ihm, nichts erinnerte mehr an ihn in diesem Kerker.

*

Prozess um Entführung und Geiselnahme in K.
Gestern Abend erging nach einem fast fünfstündigen Prozess das Urteil über A. (Name von der Redaktion gekürzt).
Wie wir in einer unserer letzten Ausgaben berichteten, wurde in K. eine Straßenbahn entführt. Der Fahrer wollte damit gegen sein zu niedriges Gehalt protestieren. Die Fahrgäste hielt er über eine Stunde gewaltsam fest.
Die Gerichtsverandlung zu diesem Fall brachte keine neuen Erkenntnisse. A. schwieg zu den Vorwürfen, verwies allerdings auf eine schriftliche Zusammenfassung der Ereignisse.
Es wurde auf Geiselnahme und Entführung plädiert. Das Urteil lautete acht Jahre Freiheitsentzug.

Weitere Kurzgeschichten und Informationen zum Autor finden Sie unter http://andreasschneider.jimdo.com/

So etwas Aufregendes

Von Halogenlicht am 16. Juni 2010 veröffentlicht

Gemütlich saß er daheim und las seine Zeitung. Es war ein kalter Sommerabend, ungewöhnlich für Juli. Aber naja, das Wetter lässt sich eben nicht regulieren. Es war für ihn kein Problem. Er hatte sich mit seiner Situation abgefunden und machte das Beste aus dem trüben Wetter. Beim Umblättern raschelte der Wirtschaftsteil laut, aber nach einem kurzen Kampf mit dem Papier war auch das geschafft. Übung macht eben den Meister.

Es wurde langsam dämmrig und er fing an zu überlegen, ob der anstrengende Gang zum Lichtschalter schon nötig war. Nein… zehn Minuten würde er noch durchhalten. Danach könnte er sich immer noch aufrappeln. Und es gab auch immer noch ein Fünkchen Hoffnung, dass seine Frau schon vorher das Zimmer beträte und sich erbarmte. Also würde er die Entscheidung des Lichts auf später verschieben. Und der Artikel über den neuen Wirtschaftsminister war auch wirklich spannend, den musste er wirklich erst zu Ende lesen.

Völlig vertieft in seinen Artikel bemerkte er gar nicht, dass sein Gehstock – den er äußerst prekär an seinen Ohrensessel gelehnt hatte – langsam in Richtung Boden glitt. Als er gerade die letzten paar Zeilen seines 4-seitigen Artikels las, krachte es plötzlich laut. Erschrocken fuhr er herum und starrte mit großen Augen in den Flur. Ihm war, als wäre es aus dieser Richtung gekommen. Ein Einbrecher etwa? Er hatte erst vorgestern von der alten Frau Hopfner nebenan gehört, dass in den letzten Wochen schon 4 Einbrüche in der Gegend passiert waren. Was sollte er tun? Mit dem Rücken zum Flur sitzend konnte wirklich jeder hinter ihm vorbei geschlichen sein. Oh Gott!

Schwer atmend klammerte er sich mit den Händen in den Stuhllehnen fest. Er merkte, dass er Gefahr lief zu hyperventilieren. Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren. Damit war Niemandem geholfen. Er musste sich zusammenreißen. Er war schließlich kein verängstigtes Kind, sondern hatte 74 Jahre Lebenserfahrung. Frau Hopfner war sowieso eine alte Tratschtante, ihr konnte man eigentlich gar nicht glauben. Und er reagierte beim kleinsten Geräusch wie ein aufgescheuchtes Huhn! Vielleicht war es seine Frau, der in der Küche beim Abspülen ein Topf oder eine Pfanne aus der Hand geglitten war. Ja, so musste es sein. Leise kicherte er in sich hinein, zum Glück hatte ihn in seinem Moment der Panik niemand gesehen. Wie überaus peinlich!

Mit einem leisen Schnaufen wandte er sich wieder seinem Artikel zu, um ihn zu beenden, als er feststellte, dass er wohl so vertieft gewesen war, dass er die zunehmende Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Er fragte sich, wie er noch Minuten zuvor problemlos lesen konnte, wo er doch jetzt das Gefühl hatte rein gar nichts mehr zu sehen. Er seufzte tief: er würde wohl doch aufstehen müssen. Zum zigten Mal in den letzten 15 Jahren verfluchte er die Tatsache, dass seine Frau nichts von Lese- oder Stehlampen hielt, die auf Tischen oder dem Boden neben Sofa und Sesseln stehen können. Sie fand, dass ein helles Deckenlicht einen Raum gleichmäßiger erhellt. Der Weg zum Lichtschalter würde ihm also nicht erspart bleiben.

Routiniert griff er nach seinem Stock…ins Leere. Überrascht blickte er neben sich und stellte fest, dass es der Stock war, der ihn vor wenigen Minuten mit viel Lärm aus seiner Lektüre hoch geschreckt hatte. Das Mistding war doch tatsächlich auf den Boden gefallen. Mühsam bückte er sich und angelte seine Gehhilfe wieder hervor. Beim Aufstehen knackten seine Knochen bedenklich – das war vor 20 Jahren auch noch kein Problem. In seinem Alter musste man sich eben damit abfinden, dass man steif und langsam war. Immerhin, dachte er sich, der Lichtschalter ist nicht weit entfernt. Das würde selbst er schnell schaffen. Mit schlurfenden Schritten ging er zur Tür und schaltete das Licht ein.

Er wollte sich gerade wieder seinem Sessel zuwenden, als er aus dem Augenwinkel etwas Ungewöhnliches sah. Er kannte sein Haus wie seine Westentasche, seit 20 Jahren wohnte er nun schon hier und in all dieser Zeit war die Kellertür nie offen gestanden. Wirklich nie! Was war los? War seine Frau die Kellertreppe hinunter gestürzt? In ihrem Alter konnte so etwas schon mal passieren. Er merkte wie sein Herz immer schneller klopfte. Nein, das durfte nicht sein. Wenn sie nun mit gebrochenem Genick am Fuß der Treppe lag? Nein nein nein, er konnte gar nicht daran denken. Völlig aufgelöst und mit sich überschlagender Stimme rief er laut den Namen seiner Frau. Keine Reaktion! So schnell er konnte eilte er den Flur hinunter in Richtung Treppe und knipste mit zitternden Fingern das Licht an. Nichts. Am Fuß der Treppe sah alles aus wie immer. Erleichtert atmete er einmal tief durch, schaltete das Licht wieder aus und schloss die Kellertür.

Und trotzdem. Irgendetwas war komisch. Warum war die Türe dann offen gewesen? Und warum hatte seine Frau nicht auf sein Rufen geantwortet, wenn sie doch nicht tot am Fuß der Treppe lag? Und langsam beschlich ihn das ungute Gefühl, dass der Krach vorhin doch nicht nur sein Stock gewesen war. Das Haus fühlte sich komisch an. So sehr er es auch zu unterdrücken versuchte, die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Aber er würde nicht wie ein verkalkter Greis die Polizei rufen, wenn überhaupt nichts vorgefallen war. Er war immer stolz darauf gewesen, dass er auch in Krisensituationen noch gut denken konnte. Zuerst musste er sicherstellen, dass wirklich etwas nicht stimmte. Sollte er entdecken, dass wirklich etwas gestohlen worden war, dann könnte er immer noch die Polizei rufen. Der mögliche Dieb war nach seinen hysterischen Schreien vorhin bestimmt sowieso schon über alle Berge.

Von seiner innerlichen Aufmunterungsrede etwas ermutigt, war sein erstes Ziel natürlich die Küche. Wichtiger als alles, was ein Dieb stehlen konnte, war schließlich seine Gattin. Vorsichtig drückte er also die Schwingtür nach innen und lugte ums Eck. Was er dort sah verschlug ihm den Atem. Er bekam das Gefühl nicht mehr alleine stehen zu können und stützte sich schwer gegen die Tür. Die schwang natürlich weiter auf und er fiel schwer zu Boden. Inzwischen zitterte er am ganzen Körper. Er bemerkte gar nicht, dass sein Gesicht schon Tränen überströmt war. Seine über alles geliebte Frau lag reglos am Boden. Sie sah aus wie Dornröschen, friedlich schlafend. Nur leider schlief sie für immer. Und die größer werdende Blutlache unter ihrem Kopf zerstörte das Bild komplett. Dies war kein Märchen, es war sein schlimmster Albtraum! Tot, sie war tot! Er konnte es gar nicht fassen. Was war passiert? So schnell er konnte kroch er in ihre Richtung. Dass er dabei völlig mit ihrem Blut beschmiert wurde, merkte er gar nicht. Und je näher er der klaffenden Wunde an ihrer Schläfe kam, desto deutlicher wurde es, dass dies kein Unfall gewesen war. Mord! Er konnte es nicht fassen.

Verspätet wurde ihm klar, dass der Mörder vielleicht noch im Haus war. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinunter. Minutenlang war er neben seiner leblosen Frau auf dem Boden gesessen. Dabei hätte er doch sofort die Polizei rufen sollen und wenigstens sein eigenes Leben noch retten müssen. Hektisch rappelte er sich auf und fiel bei dem Versuch beinahe wieder zu Boden. Er musste hier raus! So schnell wie möglich! Weg hier!

Am frühen Abend hörte Frau Hopfner seltsame Geräusche aus der benachbarten Doppelhaushälfte. Was war denn bei Messners los? Sofort dachte sie an einen Einbruch, schließlich war das in letzter Zeit in dieser Gegend schon häufig passiert. Sie alarmierte die Polizei und zur Sicherheit auch noch all ihre Freundinnen. So etwas Aufregendes war ihr schon lange nicht mehr passiert. Sie ärgerte sich natürlich auch sehr, als die Polizei ihr Stunden später keinen Zutritt zum Haus gewähren wollte. Warum denn nur? Sie war schließlich eine Zeugin. Aber als sie sah, dass zwei Leichenwägen in die Einfahrt einbogen, da wurde sie blass. So viel Aufregung hatte sie nicht gewollt!

Verdächtige und andere Katastrophen

Von ... am 21. November 2009 veröffentlicht

Exposee: „Verdächtige und andere Katastrophen“
von Susanne Ulrike Maria Albrecht

Der ehrgeizige Hauptkommissar Gregor Brandolf, genannt Kommissar „Eifer“ und sein stressgeschädigter Assistent Paul Maurus tappen im Dunkeln.
Ihr neuester Fall, der Mord an der Klavierlehrerin Rosamunde Stichnote lässt sie auf der Stelle treten. Zuerst ist Kommissar „Eifer“ nur mit einem Hauptverdächtigen konfrontiert, den er in Windeseile der Tat überführen will. Aber es tauchen immer mehr obskure Gestalten auf, die alle mehr als nur ein Motiv für den Mord haben.
Während der laufenden Ermittlungen geraten die beiden immer tiefer in die Spirale des Wahnsinns. Kommissar „Eifer“ steht kurz davor, den Verstand zu verlieren. Daraufhin muss sein neurotischer Gehilfe die Sache selber in die Hand nehmen …

Leseprobe:
„Ich kann nicht gestehen, was ich nicht getan habe!“ Jürgen Stein war verärgert. Er blickte abwertend zu seinem Scharfrichter, der so hässlich war, dass sich abermals sein sensibler Magen regte. Dieses Ekel konnte sich glücklich schätzen, dass er nichts Essbares mehr zu sich genommen hatte. Dann betrachtete er eingehend dessen Helfershelfer, der offenbar genauso irre war wie er selber. Keiner hätte das besser beurteilen können. Nicht umsonst sagte man: Nur ein Irrer erkennt einen Irren. Und der hier schien ihm sogar um einige Ticks voraus zu sein.
„Sehen Sie mal, was ich hier habe! Diese anonymen Drohbriefe habe ich heute bei Ihnen sichergestellt!“ Kommissar „Eifer“ öffnete siegessicher die grüne Mappe und breitete die Briefe auf seinem Schreibtisch aus.
„Was?! Sie waren in meiner Wohnung?“
„Wenn Sie das Dreckloch, in dem Sie hausen, als Wohnung bezeichnen wollen, ja! Übrigens, hier ist der Durchsuchungsbeschluss. Alles ganz legal!“ Er schob ihm das Schriftstück hin. „Außerdem sollten Sie mir dankbar sein, dass ich Ihren Saustall sozusagen einmal gründlich ausgemistet habe. Wo Sie doch  bald in Untersuchungshaft sitzen werden!“ Kommissar „Eifer“ warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
„Sie scheinen sich Ihrer Sache sehr sicher zu sein, Herr Hauptkommissar.“
„Oh, ja! Das bin ich in der Tat. Worauf Sie sich verlassen können. Wie heißt es doch gleich?“ Er wandte sich an seinen Assistenten und schnipste auffordernd mit den Fingern. „Wie heißt es doch so schön, Maurus?“
Der fühlte sich überrumpelt und wusste nichts weiter als „Chef?“ zu erwidern.
„Nun mal raus mit unseren Wahlsprüchen, Maurus!“
Paul konterte zögernd: „Ohne Fleiß kein Preis, Chef?!“
„Bingo, Maurus! Tun Sie sich keinen Zwang an, weiter im Text!“ beharrlich schnalzte er mit den Fingern.
„Chef, Sie meinen bestimmt: Nichts ist wie es scheint. Vertraue niemandem!“
„Unbestreitbar, unsere oberste Prämisse, um die tägliche Arbeit hier bewältigen zu können! Jeder ist eine denkbar kriminelle Kreatur, und in jedem Keller stößt man irgendwann auf eine Leiche …“
„Ich habe keinen Keller!“ entgegnete Jürgen Stein beherzt.
„Gutes Argument, aber leider wenig überzeugend!“ Kommissar „Eifer“ wandte sich an seinen Gehilfen. „Sehen Sie mal, Maurus, wir haben es hier mit einem Komiker zu tun. Und er ist beinahe so witzig wie Sie …“

Rasch fiel ihm Paul ins Wort. „Da wir gerade beim Thema sind, fällt mir ein: Neugier bringt die Katze um, Chef!“
„Volltreffer, Maurus!“ hochmütig wiederholte er das Sprichwort. „Neugier bringt die Katze um, … hält aber den Kriminalisten am Leben! Wie Sie sehen, Herr Stein, habe sogar ich einen gewissen Sinn für Humor. Widmen wir uns also wieder den ernsten Dingen. Dieses halbe Dutzend Drohbriefe wurde mittels Zeitungsbuchstaben erstellt, wie unschwer zu erkennen ist. Genau wie die Botschaft, die wir neben dem Mordopfer gefunden haben. Allerdings sind diese Schreiben hier weniger poetischen Tenors.“

Autorin:

Susanne Ulrike Maria Albrecht

Susanne Ulrike Maria Albrecht
geboren im November 1967 in Zweibrücken, absolvierte eine Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing und eine private Schauspielausbildung. Von ihr erschien bereits der Band „Umkehr ausgeschlossen“ sowie einige weitere Werke in Anthologien und Literaturzeitschriften.
Veröffentlichungen in der Literaturzeitschrift „Veilchen“, „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“, „Holunderground“, „Glarean Magazin – Das Online-Kultur-Magazin“, „LYRIKwelt“, „untergrund-blättle“ …

Auswahl von Veröffentlichungen in Printmedien:

„Die Werbelüge“ in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 4/2005

„Umkehr ausgeschlossen“ Rezension in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 11.Ausgabe/Oktober 2005

„Eine fixe Idee“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 12.Ausgabe/Januar 2006

„Frühlingserwachen“ und „Sonnenaufgang“ als Wettbewerbsbeiträge für Kosmopolitania SaarLorLux in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 1/2006

„Frühlingserwachen“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 13.Ausgabe/April 2006

„Hab eine Blume gefunden“ in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 2/2006

„Kosmopolitania SaarLorLux“ – „Frühlingserwachen“ und „Sonnenaufgang“ Kategorie Prosa: achter Platz und für die Kategorie Poesie: neunter Platz in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 3/2006

„Exposee und Leseprobe“ des Manuskripts „Verdächtige und andere Katastrophen“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 17.Ausgabe/April 2007

„Farben“ in der Literaturzeitschrift „Holunderground“ Ausgabe Frühling 2007

„Nachthimmel“, „Schnee“, „Zeit“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 19.Ausgabe/Oktober 2007

„Wo sind all die Menschen hin?“ und „Weiße Hochzeit“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 20.Ausgabe/Januar 2008

„Hast du schon das Neueste gehört von Hans?“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 21.Ausgabe/April 2008

„Joachim hat schon wieder einen anonymen Drohbrief erhalten“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 22.Ausgabe/Juli 2008

„Aufruhr in Niemandsland“ in der Literaturzeitschrift „BLATT VÖSLAU“ – Die Allianz der Künste – für bewegende statt bewegte Kunst“ (Februar 2009)

„Der Mond“ in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur (151-2/2009) im Mai 2009

„So sieht man sich wieder …“ in der Literaturzeitschrift „WORTSCHAU Ausgabe Nr.7 /Liebesgrüße aus Wortschau“ (Mai 2009)

„Farben“, „Zeit ist nur eine Melodie“ in der Literaturzeitschrift „MONDSTAUB“ 11.Ausgabe/Sommer 2009

„Weiße Hochzeit“ in „COGNAC & BISKOTTEN – Das Tiroler Literaturmagazin/Der literarische Starschnitt/ COGNAC & BISKOTTEN – Ausgabe Nr. 29 (24-seitiges Heft zum Thema „Pop“)“ im Juli 2009

„Aufruhr in Ägypten“ in der Literaturzeitschrift „Das Dosierte Leben“ – Das Avantgarde – Magazin / 14.Jahrgang/60.Ausgabe im August 2009

„Wundersame Weihnacht“ von Susanne Ulrike Maria Albrecht in „Papierfresserchens MTM-Verlag GbR-Die Bücher mit dem Drachen. Von der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft für innovative Ideen im Bereich Kultur und Bildung ausgezeichnet:“ – Titel „Wünsch dich in Wunder-Weihnachtsland-Band 2

„Aufruhr in Niemandsland“ von Susanne Ulrike Maria Albrecht / eBook / „Fantasia“ / Fantasy Magazin/ Fantasia 247e-Phantastische Erzählungen, zu beziehen unter: „Fantasia“ (17.Oktober 2009)

„Die Brücke-Nur das Beste sehen“ von Susanne Ulrike Maria Albrecht
Chaotic Revelry Verlag / Anthologie „Agoraphobia“/ Die besten Einsendungen des Literaturwettbewerb mit dem Thema „Angst“ (19.Oktober 2009)

Neuerscheinungen:

Verdächtige und andere Katastrophen
Nordmann-Verlag
ISBN: 978-3-941105-11-9
11,80 EURO

Weiße Hochzeit
Diskurs-Verlag
Lyrikband, illustriert
ISBN: 978-3-9812590-7-0
EURO 9,90

Mittler zwischen den Welten (Leseprobe)

Von darkfantasy am 3. Juli 2009 veröffentlicht

Mittler zwischen den Welten

 

Kapitel (4) aus “Lebensadern”, dem ersten Band der Jason Dawn Saga von Carola Kickers

Rita Hold tappte in Pantoffeln und Nachthemd in die Küche. Es war kurz nach ein Uhr morgens, und sie konnte nicht schlafen. Zeit für einen Mitternachtssnack. Ohne das Licht anzumachen nahm sie ein Glas von der Anrichte und öffnete den Kühlschrank. Sekunden später zerbrach das Glas auf den Fliesen. Das Licht des Kühlschrankes hatte für einen kurzen Moment die dunkle Gestalt am Küchentisch beleuchtet. Rita erschrak bis ins Mark und ließ das Glas fallen. Hastig griff sie an den Lichtschalter.

„Jason!“, rief sie erstaunt aus. „Was, zum Teufel, machen Sie mitten in der Nacht in meiner Küche?“ Ärger löste den Schrecken ab.

Der junge Mann in schwarzer Kleidung hob lässig die Hand zu einem Gruß. „Hallo, Rita. Ich nehme nicht an, dass Sie mir etwas zu trinken anbieten wollen?“ In seiner Stimme mischten sich Spott und Überheblichkeit. Dabei grinste er ob der Zweideutigkeit seiner Worte. Die junge Frau wusste schließlich, dass er ein Wesen aus einer anderen Welt war, ein Vampir.

„Was soll das?“, fragte Rita, ohne auf seine Provokation einzugehen. Innerlich machte sie sich Gedanken über ihr Aussehen und knöpfte schnell ihr Nachthemd zu.

Jason Dawn, den sie als ehemaligen Sänger der englischen Rockband „The Damned“ vor einigen Wochen kennen gelernt, und der ihr seine wahre Identität verraten hatte, lächelte sie unverschämt an. Zu der Zeit hatte er nur Englisch mit ihr gesprochen, nun sprach er Deutsch mit einem leichten Akzent.

„Keine Sorge, Sie sehen bezaubernd aus.“

Warum konnten diese Wesen bloß Gedanken lesen? Rita schwankte zwischen Verlegenheit und Ärger, als Jasons nächste Worte sie aufhorchen ließen.

„Ich habe über Ihren Vorschlag von damals nachgedacht“, begann er vorsichtig. „Ich wäre eventuell bereit, Sie in gewisser Weise zu unterstützen, wenn Sie dafür – sagen wir mal – mein Dasein etwas erleichtern würden.“

„Und wie stellen Sie sich das vor? Wollen Sie etwa ein Abo für die Blutbank?“, fragte Rita zynisch.

„Nicht doch, dieses Blut wäre tote Energie. Ich bevorzuge, genau wie Sie, warme Mahlzeiten.“

Jason grinste wieder, als Rita erschauerte.

„Und was würden Sie dafür tun?“, fragte sie misstrauisch.

„Ich verrate Ihnen ein paar kleine Geheimnisse unserer Rasse, die Sie sicher interessieren dürften!“

Der junge Mann mit den schönen dunklen Augen und den sanften Gesichtszügen wusste genau, dass er in der stärkeren Position war und ließ Rita seine Überlegenheit spüren.

„Ich muss erst mit Kommissar Welsch darüber sprechen“, meinte diese nur. Sie hatte ihre Fassung kurz wieder gefunden.

„Natürlich. Ich bin sicher, wir sehen uns bald wieder.“ Mit diesen Worten stand Jason vom Küchentisch auf und ging auf die hübsche Polizeibeamtin zu, die instinktiv zum Türrahmen zurückwich. „Ich weiß nur nicht, was Ihnen lieber wäre, bei Tag oder bei Nacht.“

Diese Frechheit in seinen Worten traf ins Schwarze, denn er wusste, dass Rita eine unerklärliche Zuneigung für ihn empfand.

Mit einem leisen Lachen ging er an der sprachlosen Beamtin vorbei ins Wohnzimmer, öffnete das Fenster und sprang auf das Fenstersims.

„Um Gottes Willen“, rief Rita aus. „Wir sind hier im dritten Stock!“

Jason winkte ihr zu wie ein kleiner Junge, der einen Streich ausheckte.

Mit Schwung stieß er sich von der Fensterbrüstung ab und verschwand als dunkler Schemen in der Nacht, noch bevor Rita das Fenster erreichte.

‚Komisch’, dachte sie dabei nur. ‚Und ich hab immer geglaubt, die würden sich in Fledermäuse verwandeln.’ Dann schloss sie das Fenster wieder und ging ins Bett, wohl wissend, dass sie heute Nacht doch keinen Schlaf mehr bekommen würde.

* * *

In der Piano Bar im Hotel Hafen Hamburg war nicht viel los. Kommissar Welsch, seine Assistentin Rita Hold und Jason Dawn saßen etwas abseits an einem der kleinen, runden Tische.

Jasons Vorschlag stieß bei Harald Welsch zunächst auf Ablehnung, ja Empörung.

„Sie wollen von uns Namen von Verbrechern, die schuldig sind, aber nicht verurteilt werden konnten? Hab ich Sie da richtig verstanden?“ Der Kommissar schüttelte verständnislos den Kopf. „Das ist unmöglich!“

Jason sah ihn mit einem prüfenden Blick an. „Denken Sie? In den Staaten werden verurteilte Mörder und Verbrecher doch auch hingerichtet. Wir würden diese Aufgabe gerne hier übernehmen.“ Da war wieder seine provozierende Arroganz, die im krassen Gegensatz zu seiner so weichen Stimme stand.

„Damit würden wir uns zu Mitschuldigen machen“, warf Rita ein.

Der junge Mann hob die Augenbrauen. „Was ist Ihnen denn lieber? Dass wir Schuldige töten, die selbst getötet haben, oder unschuldige Menschen? Wir müssen schließlich überleben! Und wenn ich andere von uns überzeugen könnte, das Gleiche zu tun, bekäme unser Dasein sogar noch einen Sinn. Und denken Sie mal an den gesellschaftlichen Nutzen.“

Kurze Zeit lang herrschte Schweigen am Tisch.

„Was ist mit Tierblut?“, fragte Welsch unvermittelt.

Jason rümpfte die Nase. „Zur Not…“, meinte er, „aber energetisch lange nicht so gehaltvoll wie menschliches Blut.“

„Und wie oft …“ Welsch ließ diese Frage unausgesprochen.

„Das kommt darauf an. Wir können Wochenlang ohne Nahrung auskommen. Aber ich bevorzuge regelmäßige Mahlzeiten, sagen wir – alle zwei Wochen.“

Rita kam sich vor wie bei einer Verhandlung mit dem Teufel. Nervös spielte sie mit dem Weinglas vor ihr auf dem Tisch.

„Das können wir jetzt und hier nicht entscheiden“, sagte Welsch, und auch er fragte sich, ob er gerade seine Seele verkaufte.

„Gut“, sagte Jason, „aber Sie werden bestimmt noch weitere Fragen haben.“ Er lehnte sich zurück und betrachtete die beiden vor ihm wie ein Professor seine Studenten im ersten Semester.

„Sie können sich also am Tag wie bei Nacht frei bewegen“, stellte Welsch fest.

Jason nickte.

„Und was ist mit all diesen anderen Dingen: Weihwasser, Kreuze, Knoblauch?“, fragte der Kommissar weiter.

Jason lachte laut auf. „Kinderkram! Wir könnten sogar im Vatikan ein- und ausspazieren. Gott hat uns längst vergessen! Wir haben unsere eigenen Regeln und Gesetze.“

Welsch dachte daran, dass er gerade einige graue Haare dazu bekam. „Ich nehme nicht an, dass Sie im Dunkeln leuchten oder dass man Sie sonst wie erkennen kann?“

Wieder verneinte Jason. „Wenn Sie uns erkennen, ist es meist zu spät!“

„Sie können auch Gedanken lesen und den Willen von Menschen manipulieren“, fiel Rita in das Gespräch ein.

„Nur wenn diese es zulassen.“

„Spiegelbilder?“, fragte sie weiter.

„Können moderne Vampire genauso telepathisch hervorrufen wie Fotografien.“ Jason beugte sich näher zu Rita. Irgendetwas irritierte sie. Da war wieder dieser Geruch, den sie schon von früher her an ihm kannte.

„Außerdem können wir genauso empfinden wie normale Menschen, nur viel intensiver. Kinder zeugen können wir allerdings nicht.“

Das brachte die hübsche Ermittlerin wieder in Verlegenheit.

Noch bevor sie etwas darauf antworten konnte, ergriff der Kommissar erneut das Wort. „Dann ist alles, was in der Literatur über euch geschrieben steht, Schwachsinn?“

„Das nicht gerade, es bezieht sich nur auf die klassischen alten Vampire. Aber die sterben langsam aus. Sie können sich nicht genug anpassen an diese schnelllebige und technische Welt. Die findet man fast nur noch in den unterentwickelten Ländern.“

Dabei musste der Kommissar an Südamerika denken. Dahin war seine damalige Partnerin verschwunden, nachdem sie zum Vampir wurde.

Jason hatte den Gedanken aufgefangen und wandte sich dem Kommissar zu. „Ja, sie ist noch da. Dieser Richard, dem sie verfallen ist, entstammt einer der älteren Generationen. Er ist ein Grenzgängervampir.“

Das war ein wirklich denkwürdiger Abend für den Kommissar und seine Partnerin.

„Wie alt sind Sie denn eigentlich?“, fragte Welsch aus reiner Neugier.

„Ich wurde erst 1920 als Vampir geboren“, grinste Jason und wandte sich mit einem Augenzwinkern Rita zu. „Ich hoffe, der kleine Altersunterschied stört Sie nicht!“

* * *

Dieses erste vertrauliche Gespräch mit einem Vampir der Neuzeit warf weitere Fragen auf, aber diese würde Jason erst beantworten, wenn er seinen Handel unter Dach und Fach gebracht hatte, soviel war sicher. Rita und ihr Chef überlegten einige Tage hin und her, bis ihnen die Entscheidung von anderer Seite abgenommen wurde.

Es war nicht der erste anonyme Drohbrief, den der Hauptkommissar erhielt. Aber diesmal schien der Absender es ernst zu meinen. Vom Kollegen Gerhard erfuhr Welsch eines Morgens, dass seine kleine Nichte Anna auf dem Weg von der Schule nach Hause verschwunden war. Die Kleine ging in die Grundschule Bergstedt im Nordosten Hamburgs und brauchte gerade mal zehn Minuten Fußweg nach Hause. Martina Welsch, die Schwester des Kommissars, war allein erziehend und halbtags berufstätig, so dass sie mittags für die Achtjährige kochen konnte. Der Vater war vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Normalerweise begleiteten andere Elternteile die Kinder, doch es kam vor, dass aufgrund des kurzen Weges Anna auch mal alleine gehen musste. An diesem Mittwoch kam Anna nicht nach Hause.

„Wer sollte Lösegeld von einer allein erziehenden Mutter erpressen? Nein, diese Entführung hat einen anderen Hintergrund.“ Gerhard sprach besonders leise, damit die in Tränen aufgelöste Mutter, die gerade im Wohnzimmer von einem Seelsorger betreut wurde, das Gespräch in der Küche nicht mitbekam.

Harald Welsch zeigte dem Kollegen den Drohbrief, den er eine Woche zuvor erhalten hatte.

„Ich gehe davon aus, dass es sich um einen meiner Spezies handelt, den ich mal eingebuchtet habe. Leider habe ich den Brief nicht ernst genommen“, sagte er besorgt.

„Wir gehen der Sache nach, die Fahndung ist bereits in vollem Gange. Mach dir keine Sorgen, wir finden eure Kleine.“ Gerhard klopfte Harald beruhigend auf die Schulter.

‚Aber in welchem Zustand’, dachte dieser nur und beschloss, zusätzlich auf eigene Faust zu ermitteln.

Gemeinsam mit Rita ging er am nächsten Morgen die Liste der schweren Jungs durch, die durch sein Kommissariat hinter Gitter gelandet waren.

„In den letzten vier Monaten entlassen wurden nur zwei“, meinte Rita. „Einer davon hat wenigstens eine Familie, der andere ist in einem Obdachlosenheim gelandet.“

„Wir werden uns beide mal ansehen“, beschloss der Kommissar.

„Chef, ich hab’ mal ’ne Bank überfallen, aber ich werd’ doch kleinen Kindern nix antun“, bestritt Stefan Gregorius heftig bei der Befragung. „Ich hab’ doch selbst zwei Kinder. Nee, sowatt mach ich nich. Ich bin doch froh, dat ich raus bin aus’m Bau. Und ’nen Job hab ich auch ab nächste Woche. Nee, nee.“

Welsch glaubte ihm. Der unrasierte Typ im offenen Hemd vor ihm sah zwar wenig vertrauenerweckend aus, aber eine kaltblütige Kindesentführung traute der Kommissar ihm nicht zu.

Seine Frau und die beiden Kinder saßen dabei verschüchtert auf dem Sofa.

„Kommen Sie“, sagte Welsch zu seiner Assistentin. „Schauen wir uns mal den zweiten Verdächtigen an.“

„Der Klaus is nicht mehr da. Hat sich nur für ’ne Nacht hier eingetragen“, meinte der Hausmeister vom Obdachlosenheim und biss in seine Stulle.

„Hat er eine Adresse hinterlassen oder zu irgendjemandem Kontakt gehabt?“

„Nö, hat nur hier gepennt und is dann auf und davon.“

„Na klasse, ohne berechtigten Verdacht können wir keine Fahndung ausrufen“, meinte Welsch. „Sehen wir uns noch mal seine Akte an“, schlug Rita vor.

Zurück im Büro durchforsteten sie nochmals alle Unterlagen. Klaus Hilfrich hatte bereits eine lange Liste an Vorstrafen, bevor er wegen eines brutalen bewaffneten Raubüberfalls für längere Zeit eingesessen hatte.

„Den Toten hat er auf das Konto seines Komplizen geschoben.“

„Und der ist wiederum von dem Wachmann erschossen worden.“

„Für Mord würde der Typ ja auch heute noch einsitzen. Leider konnte der Staatsanwalt ihm nicht beweisen, dass er geschossen hat. Die Waffe lag in der Hand des Komplizen, und es gab keine anderen Fingerabdrücke, ebenso wenig wie Zeugen.“

„Und außerdem“, Rita klappte die Akte zu, „gilt Hilfrich als cholerisch und gewalttätig. Vielleicht ist er ja auch rachsüchtig! Schließlich hat seine Frau ihn mit dem Kind verlassen, nachdem er verknackt wurde. Und da Sie keine eigenen Kinder haben, Chef, rächt er sich über Ihre Schwester.“ „Reicht aber immer noch nicht als Grund für einen Fahndungserlass.“

„Dann hören wir uns doch mal im Bau um, vielleicht hat er ein paar Kollegen was erzählt!“

Manchmal hatte seine Assistentin echt gute Ideen, gab der Kommissar innerlich zu.

Leider blieben auch die Befragungen in der JVA Fuhlsbüttel ohne wirkliches Ergebnis. Einer der Insassen erzählte wohl noch, dass Klaus Hilfrich früher einmal zur See gefahren war, was die Suche nicht gerade erleichtern würde, falls er anheuern sollte. Den Kommissar beschlich ein ungutes Gefühl bei diesem Gedanken.

* * *

Der rostige Seelenverkäufer aus Honduras dümpelte an den Tauen vor sich hin. Das Schiff wartete auf seine Abwrackung. Unten in die leeren Frachträume drang selbst am helllichten Tag kaum Licht hinein. Auf einem Stuhl saß die kleine Anna, gefesselt und mit einem Taschentuch im Mund.

Die eingerosteten Türen des Frachters standen alle weit offen und viele ließen sich nicht mehr schließen, also hatte Klaus Hilfrich das Kind anbinden müssen. Die kreischenden Geräusche des Metalls, die durch das tote Schiff hallten, machten dem kleinen Mädchen Angst. Außerdem war es kalt hier unten. Seit gestern war der Mann, der sie auf dem Heimweg entführt hatte, nicht mehr aufgetaucht.

Zu dieser Zeit waren die Beamten im Hafen ausgeschwärmt, sie befragten die Mannschaften der im Hafen liegenden Schiffe, vor allem die der ausländischen Frachter. Niemand hatte Klaus Hilfrich gesehen. Welsch und Rita hatten sich schließlich bei ihrer Suche getrennt auf den Weg gemacht.

Es war purer Zufall, dass Rita Hold den alten Kahn an einem abgelegenen Pier entdeckte, gerade als sie die Suche schon abbrechen wollte. Der Name des Schiffes war unleserlich, die Farbe längst abgeblättert. Eine Gangway gab es nicht, um auf das Schiff zu gelangen, stattdessen hing eine Strickleiter an der Bordwand. Und genau das machte Rita stutzig. Ohne zu zögern kletterte sie auf den Frachter und begann, sich vorsichtig umzuschauen.

‚Das Ding besteht ja nur noch aus Rost’, dachte sie. Die Metall-Treppen, die in den Bauch des Schiffes führten, sahen lebensgefährlich aus. Behutsam setzte die Polizeibeamtin einen Schritt vor den anderen, prüfte, ob die nächste Stufe ihr Gewicht aushalten würde. Dabei kam in ihr unweigerlich der Gedanke an eine Diät hoch.

Unten angekommen, fand sie das Schiff schon halb ausgeschlachtet vor. Die Türen zu den einzelnen Kajüten standen weit offen, darin nur die Metallrahmen der Kojen. Die Frachträume ähnelten riesigen, leeren Hallen. Eine fette Ratte lief ihr über die Füße. Rita zuckte zusammen. Die Geräusche hier unten waren ohrenbetäubend, sobald das Metall aneinander rieb. Dadurch wurden ihre Schritte übertönt, aber leider auch alle anderen Geräusche.

Minuten später fand Rita die kleine Anna weinend auf ihren Stuhl gefesselt und eilte zu ihr. Doch noch bevor sie sie losbinden konnte, hörte sie die herrische Stimme von Klaus Hilfrich hinter sich. „Stehen bleiben, junge Frau! Und nehmen Sie die Hände hoch!“

Rita erstarrte und drehte sich dann ganz langsam um. Eine Automatik war auf sie gerichtet. In der anderen Hand hielt der muskulöse Mann mit den ungepflegten, halblangen Haaren einen weiteren Stuhl, den er nun zu Rita hinüber schleuderte.

„Werfen Sie Ihre Waffe weg und setzen Sie sich hin“, forderte Hilfrich sie auf.

Dann fesselte er die Frau mit dünnen Tauen Rücken an Rücken an den Stuhl des Kindes.

„Was soll das? Sie sind doch gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden?“, fragte Rita um einen ruhigen Ton bemüht, um den Verbrecher nicht herauszufordern.

„Klar, und wenn’s nach Ihrem Chef gegangen wär’, säß ich immer noch drin – wegen Mordes!“

„Aber das konnte man Ihnen doch nicht nachweisen!“

„Heißt aber nicht, dass ich’s nicht war!“ Der Typ grinste Rita frech ins Gesicht und stopfte auch ihr ein Taschentuch in den Mund.

„Hier unten findet Sie so leicht keiner. Aber Sie haben ja Gesellschaft beim Verrecken!“ Mit diesen Worten steckte Klaus Hilfrich seine Waffe in den Gürtel und wandte sich zum Gehen.

Rita sah den großen Schatten nur kurz aus den Augenwinkeln, und dann war sie froh, dass das kleine Mädchen hinter ihr die folgende Szene nicht mitbekam: Jason Dawn hatte sich wie ein lautloser Racheengel auf Klaus Hilfrich gestürzt und schlug seine Zähne in die Kehle des Kriminellen.

* * *

„Sie hätten ihn nicht direkt töten müssen“, sagte Rita leise, als Jason sie und das Mädchen losband.

Jason sah sie mit diesem überheblichen Blick an, den sie bereits kannte. „Vielleicht hätten Sie ihn gar nicht erst laufen lassen sollen.“

„Wie haben Sie uns überhaupt gefunden?“, fragte Rita.

Jason lächelte. „Das ist überhaupt kein Problem. Erst recht nicht, seit wir eine so schöne, telepathische Verbindung zu einander haben. Und ich liebe es, sie zu entfesseln!“

Seine arrogante Art konnte sie auf die Palme bringen!

„Trotzdem, danke“, sagte Rita jetzt, und das meinte sie ehrlich. „Wahrscheinlich haben Sie uns beiden das Leben gerettet.“

„Jederzeit zu Diensten!“ Jason verbeugte sich theatralisch vor ihr und verschmolz wieder mit den Schatten im Schiffsrumpf.

Als Rita das kleine Mädchen zurück zu ihrer Mutter brachte, war diese überglücklich. Sie bedankte sich überschwänglich. Kommissar Welsch, der von Rita über Funk informiert worden war, war bereits bei seiner Schwester eingetroffen und dankte seiner Assistentin, indem er sie wortlos an sich drückte.

Soviel Emotion war Rita von ihrem Chef nicht gewohnt. ‚Wahrscheinlich hat er mehr Herz, als er vorgibt’, dachte sie für sich.

„Falls Sie sich morgen mal einen Tag frei nehmen wollen…“, schlug er vor.

„Schon gut, Chef, aber ich denke, wir sollten lieber darüber nachdenken, wie wir den Bericht abfassen – nachdem Jason so drastisch eingegriffen hat.“

Welsch kratzte sich am Kinn. Das tat er immer, wenn er ziemlich ratlos war.

Rita musste lächeln. Beruhigend klopfte sie ihm auf die Schulter. „Uns wird schon was einfallen. Bis morgen dann.“

Wieder saßen der Kommissar und seine Partnerin dem ganz in Schwarz gekleideten jungen Mann gegenüber. Durch seine Kleidung wurde der blasse Teint nur noch mehr betont und die großen, dunklen Augen hervorgehoben. Zwei junge Damen am Nachbartisch warfen ab und zu einen vielsagenden Blick zu Jason hinüber. Rita fand das kindisch.

„Kommen wir also zu Sache“, begann Kommissar Welsch das Gespräch. „Wir können Ihnen natürlich keine Liste mit Namen zur Verfügung stellen.“

„Wie bedauerlich“, warf Jason ein.

„Aber…“, der Kommissar zögerte, „aber wir könnten Ihnen gestatten, uns sozusagen ‚undercover’ bei den Ermittlungen behilflich zu sein. Was Sie dann mit den Informationen anfangen, die Sie von uns erhalten, bleibt ganz Ihnen überlassen.“

Jason nickte zufrieden. „Das klingt akzeptabel.“

„Wie haben Sie eigentlich offiziell meine kleine Intervention erklärt?“, fragte er dann neugierig.

„Rattenbisse!“, erwiderte Rita kurz.

Jason prustete los. „Nicht schlecht. Hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut. Ich hoffe, das war nicht persönlich gemeint.“

„Eine Frage müssen Sie mir noch beantworten“, forderte Rita. „Wieso verwandeln sich Ihre Opfer nicht in weitere Vampire?“

„Diese Art der – sagen wir mal – Vermehrung ist nur wenigen, alten Vampirmeistern vorbehalten. Wir modernen Vampire sind dazu nicht mehr fähig. Wir sind eher so was wie Hybriden.“

Welsch und Rita blickten ihn erstaunt an.

„Es kann nur eine begrenzte Anzahl von uns geben, alles andere wäre selbstzerstörerisch, wie immer in der Natur“, versuchte Jason zu erklären.

„Und wie … ich meine, wie kann man Sie töten?“ Kommissar Welsch versuchte, den Vampir aus der Reserve zu locken.

„Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, dass ich Ihnen diese Frage nicht beantworten werde“, grinste Jason.

„Und ich hoffe, dass Sie Ihr Versprechen halten“, meinte der Kommissar.

Jason legte seine rechte Hand auf seine Herzgegend. „Mein Ehrenwort!“, beteuerte er, nicht ohne einen gewissen Spott in seiner Stimme.

Rita seufzte. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm.

* * *

Wenige Tage später erhielt Rita Hold eine Einladung von Jason. Wie es seine charmant-makabre Art war, lag an diesem Tag eine schwarze Rose mit einer Karte vor ihrer Wohnungstür.

‚Na, wenigstens hält er sich mal an menschliche Gepflogenheiten’, dachte Rita, als sie die Karte öffnete.

„Ich möchte Sie am Samstagabend in meine Welt entführen. Bitte kleiden Sie sich entsprechend. J.D.“, stand dort in kunstvollen Lettern. Das konnte alles Mögliche bedeuten. Trotzdem konnte Rita eine gewisse Vorfreude nicht verbergen.

In der Cathedrale Noir in der Hamburger Prinzenbar bestand Dresscode. Der Club war ein Insidertipp der Gothic Szene. Rita Hold kam sich in ihrem Alter zunächst einmal völlig deplaciert vor. Dabei fiel sie in dem langen, schwarzen Abendkleid aus Samt, das ihre Figur vorteilhaft umspielte, gar nicht auf. Die teilweise extrem geschminkten Gestalten erinnerten sie aber eher an einen Maskenball. Doch Jason schob sie weiter durch die Menge. Auf der Galerie fanden Sie ein halbwegs ruhiges Plätzchen außerhalb des Getümmels.

Der junge Mann verschwand für kurze Zeit und kam mit einer dunkelhaarigen Schönheit zurück.

„Darf ich vorstellen – Laetitia, eine von uns.“

Rita spürte Unbehagen, doch Jason beruhigte sie. „Keine Angst, es wird Ihnen nichts geschehen. Laetitia wird sich in Zukunft auch an die neuen Regeln halten, das verspreche ich Ihnen.“

Laetitia begrüßte Rita und kam ihr dabei näher, doch trotz ihres Lächelns ging eine Bedrohung von ihr aus. Mittlerweile waren Ritas Sinne dafür geschärft. Im diesem Augenblick fühlte sie sich überhaupt nicht mehr wohl.

„Ihr Boss wollte doch wissen, wie man uns erkennen kann“, flüsterte ihr Jason ins Ohr. Und plötzlich fiel es Rita auf. Der Geruch von Laetitia war der Gleiche wie bei Jason. Ein zarter Duft von Moschus…

Im Nachhinein konnte Rita nicht behaupten, dass es ein schöner Abend gewesen war, aber sie berichtete Kommissar Welsch direkt am nächsten Montag von ihrer Erkenntnis.

„Das Problem ist nur“, meinte dieser, „wenn das stimmt, dann ist man bereits in Gefahr, denn einen Geruch nimmt man erst in unmittelbarer Nähe war.“

„Ich denke, genau deshalb hat Jason uns auf diese Art gewarnt.“

„Heißt das, wir sollten dem Knaben trauen?“ Harald Welsch war nach wie vor voller Misstrauen, was diese Geschöpfe anging. Sie passten einfach nicht in sein Weltbild.

Rita zuckte die Achseln. „Wenn er noch weitere seiner Art überzeugen könnte…“, begann sie.

„Dann gibt es in unserem Land bald sehr viel weniger Schwerverbrecher“, fuhr der Kommissar fort. „Irgendwie komme ich mir vor, wie bei einer Verschwörung. Ganz zu schweigen von der notwendigen ‚kreativen Berichtführung’.“ Den Kommissar schauderte bei dem Gedanken, die Taten dieser Wesen decken zu müssen.

„Der Vorteil ist, dass sie Unschuldige in Ruhe lassen werden, wenn es Jason gelingt, sie zu überreden. Das Ganze hat allerdings auch einen Nachteil“, gab seine Assistentin zu bedenken. „Wir sind in gewisser Weise von diesem Jason abhängig. Er ist der Mittler zwischen beiden Welten.“

„Nur, wenn wir ihm trauen können“, sagte Kommissar Welsch zu sich selbst.

Trotzdem hatte Rita es gehört. „Wir haben keine andere Wahl.“

* * *