Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Das kleine Mädchen auf der Suche nach den kostenlosen Spielen

Von Koppensteiner am 20. Oktober 2011 veröffentlicht

Die kleine Susi war doch erst neun Jahre alt, fühlte sich aber so, als müsse sie nicht mehr mit Puppen und sonstigem Spielzeug spielen. Das kleine Mädchen wurde schon längst auf die Vorzüge von Konsolen- und PC-Spielen aufmerksam, mit ihrem jungen Alter fehlte es Susi aber an Argumenten, um ihren Vater Rüdiger vom Kauf eines solchen Spiels zu überzeugen.

Doch an jenem Tag sollte sich das Leben dieses Mädchens drastisch ändern, als Rüdiger plötzlich mit einer in einem schmuddeligen Karton verpackten Box nach Hause kam. “Das ist unsere neue hochmoderene Internet-Box”, meinte er voller Stolz. Als Rüdiger wieder auf die Arbeit musste, setzte sich die kleine Susi vor den Computer und surfte mit dem neu erworbenen Internetzugang. Schnell stieß sie über eine Suchmaschine, wo sie direkt nach Alternativen zu herkömmlichen PC- und Konsolen-Games suchte.

Das Mädchen war gewitzt, denn schon kurze Zeit später fand sie einige Webseiten mit Möglichkeiten, kostenlose Spiele direkt online zu spielen, ohne auch nur einen Cent dafür bezahlen zu müssen. Nun war es endgültig aus mit dem Spielen von Puppen und Susi war nun vollkommen von der modernen Welt angetan. Seither schlich sie sich jeden Tag in Rüdigers Arbeitszimmer, wenn dieser wieder einen Einsatz hatte, und spielte jeden Tag ein neues Onlinespiel.

Schon mal als Gardinenstange verkleidet?

Von marek am 6. März 2011 veröffentlicht

Es ist jedes Jahr zur Faschingszeit das Gleiche, ich suche eine Verkleidung, welche nicht allzu häufig vorkommen sollte. Außerdem suchte ich mal wieder eine Herausforderung mich mal wieder selbst zu übertreffen. Während man es eigentlich satt hat, auf fertige Kostüme zurückzugreifen, dachte ich mir, dieses Jahr soll eine besondere und vor allem eine auffällige Verkleidung her.

Bei der Überlegung, auf was man relativ schnell zurückgreifen kann, schaute ich mich einfach in der Wohnung um und mir fiel da gleich etwas Passendes in die Hände. In diesem hatte ich den Vorhang in der Hand und dachte warum eigentlich nicht? Die Idee war einfach und gleichzeitig genial – ich verkleide mich einfach als Gardinenstange!

Aus diesem Grund musste ich erst mal nachschauen, aus welchen Teilen eigentlich die Gardinenstange besteht. Da wäre die eigentliche Stange die Träger und die Endstücke. Um diese Idee zu verwirklichen, habe ich mir einfach überlegt, den Vorhang direkt um meinen Körper zu wickeln und diesen durch eine Sicherheitsnadel o. ä. festzumachen. Doch nun brauchte ich noch eine Idee, wie man erkennen sollte, was dieses Kostüm symbolisieren sollte. Da die meisten Gardinenstangen aus Edelstahl sind, mussten die sichtbaren Körperteile also der Kopf, Hals, Arme und Beine irgendwie mit silberner Farbe versehen werden. Es gibt da jedenfalls so eine silberfarbige spezielle Hautfarbe, die einfach auf die Haut aufgetragen wurde. Mit etwas Hilfe hat das auch alles wunderbar funktioniert, doch eines hatte ich noch vergessen, was soll als Endstück dienen? Die Endstücke sind diese dekorativen Abschlüsse, welche an auf die Enden der Gardinenstange gesteckt werden. Deshalb habe ich einfach einen Eimer als schlichtes Endstück auserwählt. Dieser Eimer musste natürlich auch die gleiche Farbe erhalten, also wurde dieser auch mit silberner Farbe besprüht.

Nach einer Betrachtung im Spiegel musste noch etwas am Aussehen gefeilt werden. Ein Vorhang war einfach zu wenig, also habe ich einfach zwei Gardinen verwendet, welche aus unterschiedlichen Farben bestehen, damit die ganze Sache etwas Geschick annahm. Bei genauer Betrachtung konnte man zumindest annehmen, was dieses Kostüm darstellen soll. Aber so richtig eindeutig was das noch nicht, denn genauso gut könnte diese Verkleidung auch ein Ritter o. ä. sein. Da nun schon einige Zeit vergangen ist und ich eigentliche keine richtige Zeit mehr hatte, habe ich einfach aus Pappe die Form eines Preisschildes ausgeschnitten und dieses folgendermaßen beschriftet: “Sonderangebot – Gardinenstange”. Somit waren alle für alle Betrachter die Unklarheiten beseitig und man konnte diese Verkleidung eindeutig zuordnen.

Nachdem die Faschingsfeier zu Ende ging, konnte ich leider die Gardinen nicht mehr verwenden, was aus dieser Verkleidung ein “Einweg-Kostüm” machte.

Überweisung

Von Nismion am 10. August 2009 veröffentlicht

Überweisung

Ich öffnete die Tür. Ging nach links, zum ersten Terminal. Das einzige hier, so wie es aussieht. Ansonsten gab es hier nur noch zwei Automaten zum Geld abheben. Vor einem stand ein Mann. Er guckte gespannt auf den Monitor. Drückte eine Taste. Eine Schweissperle rann ihm die Stirn herunter. Er wischte sie weg. Es war eigentlich nicht zu warm hier. “Vielleicht hatte er nicht genug Geld für diesen Monat? Zwei Wochen waren noch zu überstehen. Er bangte sicher darum, wie er die nächsten Wochen aushalten sollte. Zu Hause wartete bestimmt seine Frau, vielleicht mit zwei Kindern?

Hatte sie ihn hierher geschickt? Wie würde sie reagieren, wenn er ohne Euros oder mit zu wenig zurückkam? Ich konnte mir das Theater, die Vorhaltungen gut vorstellen. Da schien der Geldautomat sein einziger Rettungsanker, das Ziel seiner Hoffnung zu sein.”

Der Automat spuckte die Karte aus. Der Mann nahm sie, verließ den Vorraum und ging zu den Schaltern.

Jetzt bat er um Vorschuss. Ich konnte meine Schadenfreude nicht verbergen. Ich musste böse grinsen.

In meiner Vorstellung war der Mann gefangen in einem Los, aus dem es ihm nicht gelingen konnte, unbeschadet herauszukommen. Außer, die Bankangestellte zeigte Nachsicht. Aber ich wünschte mir, dass dem nicht so sei. Ich hatte ihm ein Schicksal zugespielt, aus dem er nicht mehr herauskommen sollte.

Ich hätte ihn noch gerne weiter beobachtet. Aber deswegen war ich nicht hier. Ich kramte den Überweisungsauftrag aus meiner Tasche, steckte meine Karte ins Terminal.

Ich hatte gut geplant diesen Monat. Es musste dicke reichen. Ende des Monats würde ich mich belohnen. Das hatte ich mir selber versprochen. Ich freute mich drauf. Was es sein sollte, wusste ich noch nicht. Aber was besonderes. So viel war klar.

Ich ging im Menü auf Überweisung, gab die erforderlichen Daten ein.

“Einen Beleg ausdrucken?” “Nein.”

Dann wählte ich Kontostand abfragen.

Und als ich es sah traf mich der Schlag.

Dort stand eine riesige Summe.

Ich hatte geplant, gut sogar, aber vermehren konnte ich es noch nicht.

Ich ging auf Kontobewegungen, guckte da.

Eine riesige Summe war mir überwiesen worden.

5 Millionen Euro.

Ich konnte es nicht glauben. Ich druckte es mir aus. Das musste ich schwarz auf weiss haben. Als ich den Ausdruck betrachtete, war ich in meiner Vorstellung schon reich. In meinem eigenem Haus, ein Flitzer davor, vielleicht ein Porsche?

Und arbeiten müsste ich auch erstmal nicht. Ein unbeschreibliches Gefühl. Alle Träume zum Greifen nah. Aber leider nagte die Wirklichkeit, mein Verstand an mir.

Es klopfte an. Erst noch leiser und dann kam auch noch mein Gewissen dazu. Echt nervig.

Ich versuchte es bei Seite zu schieben, aber es funktionierte nicht. Und so musste ich die Träumerei unterbrechen.

Ich spielte kein Lotto, hatte nichts gewonnen. Leider.

Also konnte es nur ein Fehler sein. Und der würde schnell bereinigt werden. Es würde auffallen, so oder so.

Ich konnte es auch selber tun. Ich konnte mit einem guten Gefühl aus der Sache herauskommen. Ich ging zum Schalter.

Ich hasste meine Ehrlichkeit. Ein Anderer hätte bestimmt versucht, das Geld irgendwie abzuheben. Es überwiesen? An eine andere Kontonummer? Die meiner Schwester?

Sollten die es zurückbuchen, wäre mein Konto 5 Millionen im minus. Wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich sogar, würde es gesperrt werden. Aber vielleicht kam ich vorher an das Geld ran? Und wozu brauchte ich dann ein Konto? Es gäbe bestimmt eine Möglichkeit. Auf irgendeine Weise, vielleicht nicht legal, aber was sollte es. Keiner würde es sehen. Aber ich wusste es. Und bei diesen Gedanken bekam ich schon ein schlechtes Gewissen. Ich war echt zu gut erzogen. Aber ich wusste, dass ich das richtige tat, als ich am Schalter wartete.

Dort stand immer noch der Mann von eben. Er diskutierte mit der Angestellten.

Mitlerweile schwitzte er richtig. Sein Gesicht war von Feuchtigkeit bedeckt. Mit dem Hemdärmel wischte er es weg.

Und langsam bekam ich mit, was ihn beschäftigte.

Die ganze Bank anscheinend auch, denn alle guckten her, als er lauter wurde.

Er hatte wohl einen Auftrag, den er abwickeln musste. In spätestens einer Stunde müsste es gelaufen sein, sonst wären die Vertragspartner weg, wieder auf dem Weg ins Ausland.

Und er konnte das nicht unter Dach und Fach bringen, wenn das Geld nicht kam. Er wartete wohl seit einer Woche da drauf.

Aber es tat sich nichts. Seine Firma hatte das Geld überwiesen und so konnte es nur an der Bank liegen.

Als die Bankangestellte sagte, sie gucke noch einmal im Computer, vielleicht sei ein Fehler unterlaufen, explodierte der Mann.

“Wie zur Hölle können fünf Millionen Euro verschwinden? Ein paar Cent, ein Euro vielleicht, aber keine fünf Millionen. Wie schlampig wird hier gearbeitet? Das kann ich echt nicht glauben, beim besten Willen nicht. Ein Drecksladen ist das.”

Da wusste ich wovon er sprach. Ich ging nach vorne.

“Entschuldigen sie.” “Was,” funkelte er mich an, bereit auch an mir seine Wut rauszulassen.

“Jetzt aber mal ganz ruhig, Tiger. Ich weiss wo ihr Geld ist, denke ich, “ sagte ich und reichte der Angestellten den Ausdruck.

Sie blickte drauf und sah mich danach erleichtert an. Ein junges Ding. Müsste aber mein Alter sein. Sicher etwas überfordert mit der Situation.

“Fehler können passieren, kein Grund so ein Theater zu machen. Und sie kann bestimmt nichts dafür.”

Dankbarkeit blitzte aus ihren Augen zu mir herüber, als sie am Computer arbeitete.

Der Mann sagte nichts, stierte nur die junge Frau an. “Ja, es ist gelaufen,” verkündete sie nach ein paar Minuten. Da beruhigte er sich anscheinend, er gab ihr den Überweisungsbeleg und bekam sogar ein “Danke” zustande.

 

Ich hätte das Geld nehmen können, sicher. Aber das wäre nicht ich gewesen. Ich hätte es nicht mit mir vereinbaren können. Die Geschichte habe ich später noch oft erzählt. Unzählige Male.

Zu jedem meinem Hochzeitstag kramte ich sie aus. Mitlerweile sind es schon sechs geworden.

Ich hätte damals alles kaufen können. Aber bekommen habe ich ohne es, viel mehr.

Etwas was nicht aufzuwiegen ist, meinen Schatz. Sie ist mittlerweile im dritten Monat schwanger. Und wäre das nicht alles passiert, hätte sie mir nie ihre Nummer gegeben, meine kleine Bankangestellte.

Der Kontoauszug steht eingerahmt bei den Hochzeitsfotos. Oft gucke ich ihn mir an und erinnere mich. Und jedes Mal erwärmt es mein Herz.

Sie kommt aus der Küche, mit ihrem schon dickeren Bauch. “Schatz, bist Du schon zu Hause?” Sie sieht mich vor dem Regal, sieht, was ich angucke und muss lächeln.

“Ich liebe Dich,” sagt sie.

 

Nismion

Der Leichenbaum

Von Rainer am 14. Dezember 2008 veröffentlicht

Jener Tag, der die kleine, verträumte Stadt Friedburg aus ihrem Dornröschenschlaf riss und in einen nächtlichen Alptraum stürzte, zeichnete sich durch keine außergewöhnlichen Ereignisse aus. Kein böses Omen, kein schlechtes Vorzeichen kündete von dem Unheil, das sich über seine Bewohner mit der Unabwendbarkeit einer biblischen Plage legen sollte.

Entgegen ihrem Namen hatte die Stadt niemals eine Burg beherbergt. Frieden allerdings herrschte in ihr, abgesehen von den üblichen Geplänkeln, familiären Tragödien und Streitigkeiten, seit ehedem.

Die großen Kriege mit ihren Schrecken hatten zu keiner Zeit Einzug in ihr gehalten. Armeen hatten das von den damaligen Großstädten fernab gelegene Städtchen nie behelligt, alliierte Bomber hatten weitaus lohnendere Ziele im Visier gehabt.

Der Grundstein ihres Untergangs war Jahrhunderte zuvor gelegt worden, an einem Platz, den Bürgermeister Ernst Jackosch am frühen Nachmittag des verhängnisvollen Tages eilenden Schrittes aufsuchte. Es war ein schwüler Juli-Beginn und Jackosch hatte der Sinn nach weitaus ruhigeren, weniger schweißtreibenden Aufgaben gestanden.

Er war nicht mehr der Jüngste, und seine Pfunde waren mehr als die Stimmen bei der letzten Wahl, die er nur knapp für sich entscheiden hatte können, gewachsen.

„Ich hätte Sie nicht geholt, wenn die Situation nicht dermaßen brenzlig wäre“, entschuldigte sich Amtsleiter Prödl in jenem unterwürfigen Ton, der Jackosch zuwider war.

Er lockerte seine Krawatte, dachte kurz nach und entschied schließlich, dass er sie gar nicht benötigte, nahm sie ab, rollte sie zusammen und stopfte sie in die Sakko-Tasche. Dann knöpfte er den obersten Knopf seines Hemdes auf.

Eine Sekunde lang durchströmte ihn ein erfrischendes Gefühl. Der Anblick der Aktivitäten auf dem Marktplatz kehrte den Effekt ins Gegenteil um: Mit einem Mal wurde ihm heiß vor Zorn.

Seine Blicke suchten den Feuerwehrkommandanten Kalt. Er sah ihn neben dem Trinkwasserbrunnen stehen, geistig abwesend wirkend, eine Zigarette rauchend.

Hinter ihm, zum Einsatz bereit, der Leiterwagen.

Rund um ihn vier Helfer, die sich die Zeit offenbar mit Scherzen vertrieben. Ihr Lachen hallte über den Platz.

Was seinen Puls beinahe in einen vierstelligen Bereich jagte, war das Kamerateam. Wie Geier nährten sie sich von allem, das nur halbwegs lecker aussah und zerrten an den Knochen von Kadavern, stets auf der Suche nach etwas, das sie verschlingen konnten.

Tatsächlich kam die Bezeichnung Kadaver dem Mittelpunkt des Interesses sehr nahe: Die uralte Eiche war wenig mehr denn ein Gerippe, das seine Wurzeln so tief in das Fleisch des Lebens geschlagen hatte, dass es nicht einmal im Tode umfiel und verrottete.

Jackosch schnaufte verärgert und verlangsamte seine Schritte, als er über die Waschbetonplatten ging. Er wollte Überlegenheit und Souveränität ausstrahlen, was sich mit Hektik nun wirklich nicht sonderlich gut vertrug.

Fürs erste ignorierte er das Fernsehteam und suchte das Gespräch mit Kalt.

Als dieser den Bürgermeister erspähte, sah er auf und lächelte verkniffen. Er nahm noch einen tiefen Zug von der Zigarette, dann schnippte er sie kunstvoll in den Mülleimer.

Mit ironischem Respekt nickte er Jackosch zu und tippte gegen seinen Helm, als wäre er ein viktorianischer Gentleman.

„Wie lange ist sie schon da oben?“

Kalt wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn. Er konnte diesen blasierten Wichtigtuer nicht leiden, achtete jedoch seine Arbeit und sein Durchsetzungsvermögen. Er sah hoch, und der Blick des Bürgermeisters folgte ihm.

Eine junge Frau hatte sich wie ein flugunfähiger Vogel zwischen den knorrigen, dunklen Ästen der alten Eiche eingenistet. Etwa fünf Meter über ihnen thronte sie und hielt das Schild mit der Aufschrift „Baummörder“ wie ein Zepter, während der Staub der verfaulenden Rinde auf ihr Haupt prasselte.

„Etwa zwei Stunden“, erwiderte Kalt. „Wir wollten sie runterholen, aber diese Göre ist clever. Sie hat beim Sender angerufen, bevor sie nach oben gestiegen ist.“

Jackosch brummte etwas, das genauso gut Zustimmung, wie tiefste Verärgerung hätte sein können.

„Sie weiß natürlich, dass vor laufender Kamera niemand einen Finger rühren wird, sie runterzuholen.“

Der Bürgermeister sah in die Runde. Hinter der Absperrung, die verhindern sollte, dass unvorsichtige Passanten beim Abschneiden der morschen Äste verletzt würden, harrten dutzende Schaulustige des Geschehens. Amtsleiter Prödl wuselte wie ein Trabant um ihn herum. Der Kerl machte ihn nervös – merkte der das nicht selbst? Offensichtlich nicht, denn schon lag er ihm mit der Frage im Ohr, wie zu verfahren sei.

Jackosch stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich werde das klären.“

Skeptisch hob Kalt eine Augenbraue. Ehe er noch erfragen konnte, wie er die Angelegenheit zu klären gedachte, war Jackosch bereits auf dem Weg zum Baum.

In stummer Bewunderung verfolgte Kalt, wie der Stadtoberste seine Worte einlöste: Er winkte das Kamerateam herbei.

Der Feuerwehrkommandant zündete sich eine weitere Zigarette an. Ihn hatten die verwunderten Blicke und dummen Sprüche der anderen nie gestört. Solange er seiner Arbeit gewissenhaft nachging, war es schließlich seine Angelegenheit, ob er als rauchender Feuerwehrmann ein Paradoxon darstellte oder nicht.

Fasziniert wurde er Zeuge der Redegewandtheit Jackoschs. Er hörte, wie er die anklagenden Worte der Reporterin mit einer Leichtigkeit abschmetterte, die sie wohl selber zum Staunen brachte.

„Die Naturschutzbehörde selbst hat, basierend auf einem Gutachten zur Verkehrsgefährdung durch diese Eiche, die Fällgenehmigung erteilt“, hatte er ihr entgegengeschleudert und dann jeglichen, zögerlichen Widerstand mit dem Nachsatz „Wir können nicht verantworten, dass jemand durch herabfallende Äste verletzt wird, wie es erst vor wenigen Tagen bei einem Unwetter in Hessen geschehen ist“ zum Erlahmen gebracht.

Später, nachdem die Reporterin aufgegeben und mit dem restlichen Team die Stadt verlassen hatte, war es ihm gelungen, die junge Frau zur Aufgabe zu bewegen. Er hatte sie beständig mit ihrem Vornamen angesprochen und sie anstatt mit einer Schale warmer Milch, wie bei einer Katze, mit einer Mischung aus Drohungen und Verständnis für ihre Sicht der Dinge zur Kapitulation verleitet.

Schweißtreibende vier Stunden später heulte die Motorsäge ein letztes Mal auf. Die letzten morschen Äste wurden auf einen Anhänger verladen.

Nach dreihundert Jahren, in denen sie Unwettern, frostigen Wintern, übermütigen Kindern und allerlei Getier getrotzt hatte, war die Eiche verstümmelt und schließlich zu Fall gebracht worden. Lediglich ihr Wurzelwerk und der Baumstumpf waren von ihr übrig geblieben.

Und auch dieser kläglichen Überbleibsel sollte sie nach dem Willen der Stadtväter verlustig gehen. Am folgenden Tag.

Einem Tag, der für die Stadt und viele derer, die sie bewohnten, nie anbrechen sollte.

In der Stube des Gasthofs „Jahn“ war es ein vergleichsweise ruhiger Abend. An Wochenenden erbebte sie bisweilen im Gleichklang des Temperaments ihrer Besucher. Aber an einem Mittwochabend blieben die meisten zuhause, ruhten sich für den kommenden Arbeitstag aus oder beschäftigten sich mit ihren Kindern.

Kalt saß an der Theke und trank ein Bier. Er hatte sich vorgenommen, es sein erstes und letztes an diesem Tag bleiben zu lassen. Schließlich mussten sie am nächsten Tag die Wurzeln der Eiche ausgraben.

Es war ein seltsames Gefühl, etwas, das so viel älter, größer, berühmter als man selbst war, binnen weniger Stunden ausgelöscht zu haben. Wahrscheinlich würde man an Stelle des Baumes Parkplätze errichten, um die die Geschäftsleitung des Supermarkts in unmittelbarer Nähe händeringend ersucht hatte.

Bekanntlich wusch eine Hand die andere, und in einer Kleinstadt wie Friedburg waren die Menschen besonders reinlich. Gut möglich, dass Jackosch und anderen Mitgliedern des Stadtrats weniger an der Sicherheit der Bürger, denn vielmehr einem Präsent an die Supermarkt-Leitung gelegen hatte.

Und wenn schon, dachte Kalt, nahm einen tiefen Schluck und wischte den Schaum vom Oberlippenbart.

„War ja ein ziemliches Spektakel heute“, vernahm er vom Platz neben sich eine Stimme.

Langsam drehte er den Kopf und blickte in ein müdes Augenpaar. Er kannte den alten Typen nur flüchtig, wusste weder, wie er hieß, noch, wo genau er wohnte.

Kalt war nicht nach Unterhaltung zumute. Er war müde, wollte nur sein Bierchen zischen und dann ab nach Hause. Deshalb nickte er nur stumm.

Der Mann neben ihm grinste und entblößte zwei Zahnreihen, die der Traum jedes Zahnarztes sein mussten. Schwarz. Faulig. Einsturzgefährdet. Wie die Eiche.

„Das war der Leichenbaum“, stieß er geheimnisvoll hervor, und nach fauligen Eiern stinkender Mundgeruch verlieh den Worten die rechte Würze.

Kalt schluckte den Ekel hinunter. „Leichenbaum.“

Der Alte bejahte und trank sein Weinglas auf ex leer. Dann stierte er es ein paar Sekunden lang an, als könnte er es kraft seiner Gedanken wieder befüllen, und bestellte schließlich einen Doppelten.

„Schon mal den Ausdruck ‚Gerichtsbaum’ gehört?“

Amüsiert lächelte Kalt: Ein dozierender Säufer war mal eine Abwechslung, wie er zugeben musste. „Nee. Was soll das sein?“

Hinter ihnen gerieten sich ein paar Skat-Spieler in die Haare und warfen mit wüsten Beleidigungen um sich.

„Ganz einfach“, erklärte der Alte und schien die ihm gewidmete Aufmerksamkeit sowohl zu genießen als auch auszukosten. „Das waren Bäume, unter denen Gericht gehalten wurde. Uralte Bäume, oder solche, denen magische Kräfte nachgesagt wurden. Wenn einer eines schlimmen Verbrechens beschuldigt wurde, konnte man ihn gleich aufhängen.“

Kalt verschluckte sich fast und setzt das Glas so heftig ab, dass ein wenig Bier über seine Finger schwappte.

Der Zank hinter ihren Rücken eskalierte und wuchs zu einem handfesten Streit aus, der einen der Spieler wutschnaubend die Stube verlassen ließ. Die anderen stritten weiter. Worum es ging, wusste er nicht, und es interessierte ihn auch nicht sonderlich.

„Erzählen Sie keine Märchen“, sagte er verärgert.

Trotz seiner hünenhaften Gestalt und seines Alters fühlte er sich bei gruseligen Geschichten unwohl. Selbst dann, wenn sie aus dem stinkenden Mund eines Säufers kamen.

Der andere grinste breit und wirkte in keiner Weise beleidigt. „Stimmt aber. Da hingen sicher hunderte Leute an den Ästen, die ihr heute abgesägt habt.“

„Interessant“, murmelte Kalt, bezahlte und verließ den Gasthof. Unwillkürlich wanderte sein Blick zu jenem Platz, an welchem noch vor wenigen Stunden die Eiche gestanden hatte.

Nicht stolz, nicht schön, aber eine alte Königin, die man erst dann vermisste, wenn sie abgedankt hatte. Leer wirkte es zwischen den Geschäften, und dennoch voll mit etwas, das man nicht sehen konnte, weil es sich den Blicken verbarg.

Hunderte sollten an diesem Platz qualvoll gestorben sein?

Warum nicht? Friedburg war die größte Stadt der näheren Umgebung, und zu jenen archaischen Zeiten, als die meisten Menschen in ein und demselben Haus geboren wurden, aufwuchsen und starben, zog der Markt gewiss so gut wie alle Einwohner in und rund um die Stadt an.

Und mit ihnen die Begehrlichkeiten, die die Waren weckten. Oder hübsche Bauerntöchter. Oder die goldenen Kelche in den Altären …

An Möglichkeiten zur Sünde hatte wohl kaum ein Mangel geherrscht. Und so etwas wie moderne Rechtssprechung, ja, faire Verfahren so weit weg und unbekannt wie die Neue Welt.

Es war gegen zweiundzwanzig Uhr und der Himmel ein dunkles Schlachtfeld satter, schiefergrauer Regenwolken. Ganz schwach konnte er einen Blitz ausmachen. Donner hörte er keinen. Es war nur eine Frage der Zeit, wann das Gewitter die Stadt erreichen würde.

Die Luft hatte sich dramatisch schnell abgekühlt.

Es roch nach Regen, frisch ausgehobener Erde und – Verwesung.

Kalt schüttelte den Kopf, um ihn klar zu bekommen. Das dumme Gerede des Typen im Gasthof hatte also doch gefruchtet und trieb Blüten in Form lächerlicher Gedanken und Ängste. Die Frage war: Was hatte man mit den Erhängten gemacht, wenn sie leblos an ihren Stricken baumelten, die Augen von den Krähen ausgepickt, die Haut von der Sonne verdörrt wie schrumpelige Rosinen? Hatte man sie an Ort und Stelle wie ein schmutziges Geheimnis verbuddelt?

„Schluss jetzt“, befahl er sich. Es war an der Zeit, nach Hause zu gehen und nicht länger über die Möglichkeit nachzugrübeln, am nächsten Tag den einen oder anderen Knochen auszugraben.

Ein Blitz, diesmal näher, zuckte und Donner grollte.

Kalt spürte, wie ihm plötzlich heiß wurde: Hatte er nicht soeben eine Bewegung aus den Augenwinkeln heraus beobachtet? Etwas, das über den Platz gefegt war? Zu rasch, um seine wahre Natur festzustellen, zu langsam, um ihn nicht in ein Gefühl des Unwohlseins zu stoßen?

Er kniff die Augen zusammen und starrte angestrengt zum Platz hinüber.

Nichts zu sehen. Vielleicht hatten ihm seine Augen, diese Verräter, einen Streich gespielt.

Kalt wandte sich ab und ging eilenden Schrittes zu seinem Wagen. Erleichtert atmete er auf, als er hinter dem Lenkrad saß. Die seltsame Erscheinung und das Gerede von dem Saufkopf waren vergessen.

Dies hier war Zivilisation und verhieß Schutz vor dummem Aberglauben! Zufrieden startete er den Motor und fuhr nach Hause.

Jene Bewegung, derer er nicht sicher war, ob er sie überhaupt gesehen hatte, trat aus dem Schutz eines Vordachs hervor und trippelte zurück zu dem Baumstamm.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte sie etwas mit der alten Eiche verbunden: Beide hatten ihre besten Tage längst hinter sich. Der Baum seit vielen Jahrzehnten, der Hund seit wenigen Monaten.

Eines seiner Ohren war nach einem verlorenen Kampf gegen eine Katze vernarbt und eiterte. Auf seinem linken Auge war er schon lange blind und hartnäckiger Schnupfen hatte seinen Geruchssinn lahmgelegt. Zumindest seine Schnelligkeit hatte ihn nicht verlassen und mehr als einmal vor qualmenden Autoreifen oder weitaus größeren, aggressiven Kötern gerettet.

Er legte den Kopf schief und besah sich die Szenerie ein weiteres Mal. Hier hatte ein Baum gestanden – sein Baum. Daran konnte nicht der geringste Zweifel bestehen. Und dennoch war er plötzlich nicht mehr da.

Verwirrt lief er um den Stamm herum. Setzte sich. Starrte. Zog erneut einen Kreis um das, was vom Baum noch übrig geblieben war.

Nichts. Sein Baum blieb verschwunden.

Einem Gefühl folgend, das dem menschlicher Frustration gleich kam, legte sich das Tier hin und wartete ab. Es fiel rasch in einen dösenden Halbschlaf, schreckte aber hoch, als es Geräusche hörte. Ein Wispern war es, das mal dumpf, mal hell klang und ihn restlos verwirrte, wie jede neue Erfahrung, die es machte.

Unruhe durchfloss es und instinktiv begann es zu knurren, obgleich keine Gefahr zu erkennen war. Ein Blitz peitschte durch die Nacht. Doch obwohl es sich vor diesen hellen, dröhnenden Erscheinungen fürchtete, vergaß es seine Angst und starrte auf das, was sich nun vor seinem verbliebenen Auge abspielte. Die Erde rund um den Baumstumpf begann zu brodeln, als krieche etwas herauf. Es machte den Hund schier verrückt, dass er kaum noch etwas zu riechen vermochte! Er stieß ein heiseres Bellen aus und verrenkte sich den Hals, um zu sehen, was da vor sich ging.

Die Stimmen wurden eindringlicher. Es waren Rufe, gemischt mit Gelächter und Schreien. Menschenstimmen. Er hatte gelernt, diesen Stimmen zu misstrauen. Meist gingen sie mit Schmerz einher – Fußtritten oder nach ihm geworfenen Steinen.

Argwöhnisch beäugte er das Geschehen und erschrak, als völlig unvermittelt Hände dem dunklen Mondlicht entgegenstrebten. Blankes, verfaultes Fleisch hing an ihnen, wie er es von den Schlachtabfällen her kannte, an denen er sich manchmal gütlich tat.

An einigen klebten noch Hautstücke, zäh wie Leder, stinkend, feucht von ihrem nassen Grab.

Den Händen folgten Arme, die sich nach oben reckten, als schnupperten sie an der Luft, die sie seit Jahrhunderten nicht mehr gespürt hatten. Dutzende waren es, ein Heer aus Armen, wie die Gliedmaßen eines erwachten Kraken.

Der Hund fühlte instinktiv die Gefahr. Er wusste die Bilder nicht einzuordnen, aber es genügte, zu wissen: Hierin lag Gefahr. Deshalb wandte er sich um und lief. Doch seine langen, dürren Beine hatten kaum einen Schritt zurückgelegt, als seine Hinterläufe fest umklammert wurden. Er heulte auf, mehr vor Schreck als vor Schmerz.

Seine Versuche, sich loszustrampeln, waren vergebens. Unbarmherzig wurde er in die Gegenrichtung geschleift.

Seine Vorderpfoten fanden keinen Halt. Er rutschte und wurde gezogen. Sein Kopf wirbelte herum, doch er konnte keinen Angreifer erkennen.

Einen kurzen, trügerischen Moment lang herrschte Stille. Die Stimmen waren verstummt und einer seiner Hinterläufe rutschte aus der Umklammerung.

Dann legte sich eine dieser verfaulten Hände über sein Maul und seine Angreifer machten sich über ihr Nachtmahl her. Als kein Fleisch mehr an den Knochen war, das sie zerreißen konnten, und kein Blut mehr in dem noch warmen Körper, das sie auflecken konnten, ließen sie von ihrer Beute ab.

Berauscht von dem, was sie seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen, gefühlt, geatmet, gerochen und gehört hatten, strömten sie aus. Sie witterten Beute. Viel mehr Beute. Und sie sollten nicht enttäuscht werden.

Leseprobe der Horrorgeschichte “Der Leichenbaum”.

Die Sammlung mit 6 dunklen Horrorgeschichten der Extraklasse ist überall im Händel erhältlich.

Aber Vorsicht: Der Genuss der Geschichten kann süchtig nach mehr machen …

Sandra

Von Rainer am 8. Dezember 2008 veröffentlicht

Sandra versuchte, die Fee zu ignorieren und sich auf ihren Test zu konzentrieren. Aber natürlich war das vergebens, denn ohne Unterlass brabbelte ihr Kassandra allerlei Scheußlichkeiten und Gemeinheiten ins Ohr, bis Sandra glaubte, ihr Verstand würde zerspringen.

„Lass mich doch endlich in Ruhe!“, zischte sie und wusste im selben Augenblick, dass sie zu laut gesprochen hatte.

Dutzende Köpfe fuhren herum und blickten sie mitleidig, amüsiert oder höhnisch an.

Zu allem Überfluss hatte es auch die Lehrerin gehört. Erschrocken sah Sandra auf, die doch eigentlich nur ihre Ruhe haben wollte und nun für Aufmerksamkeit gesorgt hatte.

„Was ist da los?“, keifte die Erdkundelehrerin, die ohnehin nicht gut auf sie zu sprechen war. „Jeder befasst sich sofort wieder mit seinem eigenen Test! Und du, Sandra, hörst gefälligst auf, die Klasse zu stören!“

Sie spürte, wie sie rot anlief. Dagegen konnte sie einfach nichts machen – wenn sie getadelt wurde, und wann war das nicht der Fall, wechselte ihre Gesichtsfarbe zu einem glühenden Rot, das man wohl selbst im Dunkeln noch leuchten sah.

„Entschuldigung, Frau Karthner“, sagte sie und beugte sich wieder über ihre Arbeit.

„Hauptstadt der Ukraine“ stand auf dem Zettel. Daneben eine feine Linie, auf der sie die Antwort eintragen sollte. Ihr Bleistift setzte auf der Linie an. Sie musste nur noch die Antwort eintragen.

Sie wusste, dass sie es wusste. Es war ein kurzer Städtename. Sandra schloss die Augen und dachte angestrengt nach. Die Lösung war zum Greifen nahe, floss in ihre Finger, sie musste sie nur noch aufschreiben, als die Fee brüllte: „Wem machst du etwas vor? Du bist dumm, dumm, dumm!“

Erschrocken riss sie die Augenlider auf und ließ den Bleistift fallen. Sie fing ihn ein, bevor er vom Tischpult rollen konnte. Der Blödmann neben ihr sah sie mitleidig an und kicherte in seine Faust.

Entweder hatte die Lehrerin keine Lust mehr, mit ihr zu schimpfen, oder sie hatte es tatsächlich nicht gesehen. Wenigstens ließ sie sie in Ruhe.

Allerdings hatte sie die Antwort vergessen. Wie gelähmt saß sie eine Zeit lang da, ehe sie einen neuen Versuch startete. Von den zwanzig Fragen hatte sie gerade mal acht beantwortet, und selbst bei diesen war sie nicht sicher, ob sie richtig waren.

„Nenne zwei Flüsse in Frankreich“, stand unter der Ukraine-Frage. Auch das wusste sie, davon war sie überzeugt.

Aber natürlich fuhr ihr die Fee in die Parade. „Schau, wir wissen doch alle, wie entsetzlich dumm du bist. Bemüh’ dich erst gar nicht mit dem Test. Du machst dich ja nur lächerlich.“

Die weiß gekleidete Gestalt schritt lautlos um das Pult herum.

Als Frau Karthner mit ihrer strengen Stimme verkündete, dass sie noch fünf Minuten Zeit hätten, gab Sandra endgültig auf. Sie stieß einen leisen Seufzer aus und legte den Stift neben den fast leeren Papierbogen. Alfons, der zu ihrer Linken saß, schrieb sich fast die Finger wund. Warum konnte die Fee nicht ihn mal belästigen?

In Situationen wie dieser hasste sie sie! Meistens betrachtete sie die Fee als Freundin, die einzige, die sie hatte, aber sie konnte auch richtig gemein sein. Wie eben jetzt.

Eine echte Freundin hätte ihr geholfen.

Vielleicht war die Fee keine Freundin, dachte sie und erschrak über ihre eigenen Gedanken. Rasch verwarf sie diese wieder und gab wenig später beim Absammeln einen fast leeren Zettel zurück.

 

Nach dem üblichen Spießrutenlauf, der freitags am schlimmsten war, da ihre Mitschüler übermütig vor Wochenendfreude waren und sie neckten, herumstießen oder auf ihrer arg mitgenommenen Schultasche herumsprangen, war sie froh, wenn sie zu Hause war.

So leise wie nur irgend möglich, als würde sie eine Bombe entschärfen, schloss sie die Wohnungstür auf. Ein Vergleich, der so falsch gar nicht war: Mutter konnte förmlich explodieren, wenn sie sie unabsichtlich weckte oder einen Missgriff tat, was leider oft der Fall war. Ein Teller, der am gefliesten Boden zersprang, Saftflecken auf dem Geschirrtuch oder eine leere Toilettenpapierrolle im Spender, die sie nicht gegen eine frische ausgetauscht hatte.

Der Möglichkeiten, Mutter zu erzürnen, gab es reichlich, und manchmal argwöhnte Sandra sogar, dass sie nur nach einem Vorwand suchte, um sie beschimpfen oder gar schlagen zu können.

An diesem frühen Nachmittag begrüßte sie nicht Mutters anklagendes Kreischen, sondern ihr Schnarchen. Vorsichtig lugte Sandra um die Ecke. Im Schlafzimmer lag sie nicht, also musste sie im Wohnzimmer eingeschlafen sein.

Sandra zog die Schuhe aus, stellte die Schultasche ins Eck und schlich auf Zehenspitzen ans andere Ende der Wohnung. Tatsächlich, auf der ausgebleichten Couch mit Blümchenmuster lag ihre Mutter, und ihre Lippen umspülte so etwas wie ein Lächeln.

Sie hatte sie schon lange nicht mehr lächeln gesehen, war natürlich ihre Schuld war. Das war ihr klar, denn weder Mutter noch die Fee ließen eine Gelegenheit aus, ihr dies um die Ohren zu schlagen.

Es war ihre Schuld, dass Mutters Leben aus den Fugen geraten war. Wäre sie nicht zur Welt gekommen …

Sandra seufzte leise. Sie war schuldig, ohne etwas verbrochen zu haben. So einfach war das.

Sie ging in die Küche um zu essen. Mutter hatte ihr wieder kein Geld mitgegeben, damit sie etwas in der Schulkantine kaufen konnte. In der kleinen Küche, von deren Kästen das Holzfurnier absplitterte, stank es fürchterlich. Sandra stürzte zum Fenster und riss es weit auf.

Die Ursache für den üblen Geruch hatte sie rasch ausgemacht: Auf dem Ofen stand eine Pfanne. Zwei grotesk aufgerissene Würstchen schwammen in einer dicken Ölschicht.

„Sie wollte dir ein Essen kochen“, erklärte die Fee nonchalant. „Ist sie nicht eine gute Mutter? Also sei ein braves Kind und iss, was sie mit so viel Mühe zubereitet hat.“

Sandra machte ein entsetztes Gesicht. Sie liebte Würstchen, aber die hier waren von der Hitze aufgesprungen, angekokelt und einfach widerlich anzusehen. Nicht einen Bissen würde sie davon zu sich nehmen. Wenigstens hatte sie nicht vergessen, den Herd auszuschalten, wie ihr das vor ein paar Wochen passiert war.

Sandra schauderte bei der bloßen Vorstellung, was geschehen hätte können! Immer wieder hörte man von Bränden, die durch auf der Herdplatte vergessene Pfannen mit Fett ausgelöst worden waren.

Wortlos kramte sie Alufolie aus der Lade, riss einen großen Bogen ab und wickelte die Würstchen darin ein. Dann erst schmiss sie sie in den Abfalleimer.

„Wieso tust du das?“, fragte die Fee tadelnd und hielt dabei ihren Kopf schief.

„Das kann ich doch nicht essen!“, erklärte Sandra.

Sie spülte ihre fettverschmierten Finger mit heißem Wasser ab. Die Fee schüttelte den Kopf.

„Wie undankbar du doch bist.“

„Hör auf!“, fauchte Sandra sie an, und wie bereits wenige Stunden zuvor in der Schule, stieg die qualvolle Erkenntnis in ihr auf, dass sie geschrien hatte.

Ein Lehrer konnte einem nur einen Eintrag ins Klassenbuch antun – Mutter hingegen …

Noch ehe sie diesen Gedankengang zu Ende geführt hatte, hörte sie sie schlaftrunken hochrappeln und „Wer is’ da?“ rufen, was eine dümmliche Frage war: Wer sollte schon da sein? Sie wohnte mit Mutter seit Jahren allein. Kassandra nicht mitgezählt, die ja nur Sandra selbst sehen konnte, denn sie war ihre ganz persönliche Fee. Und Sandra zweifellos etwas ganz Besonderes, sonst stünde keine Fee an ihrer Seite. Jedenfalls erschien ihr das plausibel und erfüllte sie mit ein wenig Hoffnung und etwas, das sich wie Stolz anfühlte.

Als Mutter die Küche betrat, fühlte sich Sandra aber wieder winzig klein und völlig unbedeutend.

„Ach, du“, sagte ihre Mutter mit trockener Stimme.

Erleichtert stellte Sandra fest, dass sie nichts zu befürchten hatte. Sie konnte in Mutter wie in einem Buch lesen. In diesem Augenblick war sie völlig harmlos. „Wieso bist du schon daheim?“

„Es ist Freitag“, erklärte Sandra. „Da komme ich immer früher nach Hause.“

Kurz wirkte Mutter irritiert. Dann fiel es ihr wieder ein oder sie tat zumindest so. „Stimmt, klar, Freitag. Haben dir die Würstchen geschmeckt?“

Sandra nickte eifrig. „Ja, danke.“

Zufrieden versuchte Mutter ein Lächeln, das kläglich scheiterte und ihre Gesichtszüge grotesk entgleisen ließ. „Sind mir ein wenig angebrannt. War … beschäftigt.“

„Das macht nichts“, erwiderte Sandra rasch und überlegte, ob sie auf die Gefahr hinweisen sollte, die von eingeschalteten und vergessenen Herdplatten drohte. Sie verwarf diesen Gedanken rasch wieder – Mutter schien halbwegs guter Laune zu sein. Es wäre dumm gewesen, sie mit einem Vorwurf zu konfrontieren, der ihre Stimmung kippen lassen würde.

„Ich dachte, vielleicht kann ich heute … ins Kino gehen? Wenn du nichts dagegen hast, natürlich nur.“

Mutter zog ihre Stirn kraus. „Ins Kino? Du willst ins Kino?“

Sandra antwortete nicht. Ihr wurde ihr Fehler bewusst, als Mutter sie aufforderte, sich an den Küchentisch zu setzen. Sie gehorchte und Mutter nahm ihr gegenüber Platz.

„Ja, hast du denn nichts aus alledem gelernt? So fängt es an: Kino, Disco, Party. Einen draufmachen, wo Jungs sind.“

Am liebsten wäre Sandra aufgesprungen und hätte sich die Ohren zugehalten. Tausendmal schon hatte sie diese Geschichte gehört. Nun gut, vielleicht nicht tausendmal, aber oft. Viel zu oft. Sie wollte sie nicht mehr hören. Dann fühlte sie sich gleich noch schuldiger, als sie ohnedies schon war.

„Oh, und dann willst du den Jungs gefallen, denn sie sind ja nett und lustig.“

Sandra hasste es, wenn sie die Du-Form gebrauchte, als erzählte sie Sandras Geschichte, nicht ihre eigene.

„Und du beginnst, dich zu schminken und möglichst kurze Röcke und enge Blusen zu tragen, damit die Jungs deine Titten, ja, so nennen sie sie!, deine Titten sehen können und dir unter deinen Rock greifen können. Und sie hauchen dir Versprechungen ins Ohr und sülzen dich mit diesem ganzen Müll von wegen Liebe und so voll. Bis du es glaubst und sie ranlässt, diese Hunde! Wie läufige Köter hinter einer Hündin. Sie benutzen dich eine Zeit lang und dann lassen sie dich fallen.“

Sie legte eine Pause ein und wirkte gedankenverloren. „Wenn du feststellst, dass du schwanger bist, platzen all die Träume und die Versprechungen sind Hundescheiße auf dem Pflaster, über die ein LKW rollte. Du bist noch keine vierzehn und bist schwanger. Und stellst fest, dass das der Weltuntergang ist.“

Mutter stieß ein heiseres Lachen aus. „Du verheimlichst es, so lange es geht. Aber irgendwann geht es nicht mehr, weil es zu offensichtlich ist, und du brichst unter den Fragen deiner Eltern zusammen.“

Wieder hielt sie kurz inne. Diesmal blickte sie hoch und starrte Sandra direkt in die Augen. „Das Schlimmste ist: Es ist zu spät für eine Abtreibung. Du musst das Kind zur Welt bringen. Und dann ist alles vorbei. Dein Leben ist vorbei. Die Liebe ist vorbei. Einfach alles.“

Sie schwieg. Sandra wartete, ob noch etwas folgen würde. Aber offenbar hatte Mutter alles gesagt.

Zögernd wagte sie einen Einwurf. „Ich möchte mir doch nur einen Film anschauen.“

Sie erntete einen wütenden Blick. „Hast du nicht zugehört? Denkst du, ich lasse zu, dass du auch schwanger wirst?“

„Ich bin doch erst zwölf, und ich habe keinen Freund. Die Jungen schauen mich doch nicht einmal an! Im Gegenteil, die verspotten und –“

„Nein!“, fuhr sie Mutter scharf an. „Du bringst die Küche in Ordnung und dann gehst du auf dein Zimmer und bleibst dort, verstanden?“

„Du tust besser, was sie sagt“, empfahl die Fee, die die ganze Zeit über auf dem Tisch zwischen den beiden gesessen hatte.

„Verstanden“, sagte Sandra resignierend und machte sich daran, den Abwasch zu erledigen und die Herdplatten zu reinigen, während Mutter die Wohnung verließ. Das Backrohr war übersät mit Verkrustungen, die mit dem Email verwachsen zu sein schienen. Hartnäckig widerstanden diese all ihren Versuchen, sie wegzukratzen oder wegzuschaben. Nach einer Viertelstunde gab sie es auf und wusch sich die Hände mit Spülmittel. Sie mochte den Zitronenduft und dieses kalte, dennoch angenehme, ölige Gefühl auf den Handtellern.

Dann ging sie, mit noch feuchten Händen, ans Fenster. Schwer und träge hingen die Wolken wie Wasserschläuche am Horizont und versprachen Regen. Etwa fünfzehn Meter ging es nach unten.

„Pass bloß auf, dass du nicht hinausfällst“, sagte die Fee, in deren Stimme wieder einmal jener Spott lag, den Sandra so sehr verabscheute.

Sie mochte eine Freundin sein, aber keine, die einen unterstützte.

Sandra erwiderte nichts und ging auf ihr Zimmer. Neben ihr marschierte die Fee im Gleichschritt einher.

„Hast du dich denn nie gefragt“, begann Kassandra, „warum dich dein Vater nicht mehr besucht? Warum er dich nie wieder zu sich geholt hat?“

Natürlich hatte sie sich diese Fragen gestellt. Aber die Antworten hatten sie auf eine Weise verstört, die sie zusammenzucken ließ, wenn sie nur darüber nachdachte.

Sandra hockte sich aufs Bett und lehnte ihren Rücken gegen die Wand. Die Fee setzte sich neben sie. „Es ist doch so: Deine Mutter wollte dich nicht, dein Vater genauso wenig. Vielleicht wären sie heute noch zusammen und glücklich, wenn nicht du dich zwischen sie gestellt hättest. Sieh mal: Welche Eltern würden ein Kind wie dich schon wollen? Hässlich bist du, und dumm. Nicht einmal die einfachsten Fragen konntest du beim Test –“

„Sei still!“, schrie Sandra, und in ohnmächtiger Wut holte sie mit dem Arm aus und schlug auf die Gestalt neben ihr ein.

Die kleine Mädchenfaust knallte gegen die Wand. Sandra kreischte vor Schmerz auf und rollte sich wie ein Welpe zusammen.

„Siehst du?“, tadelte die Fee. „Ich sagte doch, du bist dumm.“

Ende der Leseprobe.

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