Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Im Zwielicht

Von admin am 14. August 2009 veröffentlicht

Autorin: Elke Meyer
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art

PROLOGSTORY zu MOND DER UNSTERBLICHKEIT

Im ZwielichtAmber drehte gedankenverloren das Amulett zwischen ihren Fingern. Ihr Vater hatte ihr das Schmuckstück aus Schottland mitgebracht. Es bestand aus drei ineinander verschlungenen Kreisen, die von einer Lanze durchbohrt wurden und symbolisierte Avalon. Dem Träger versprach es magische Kräfte und Intuition.
Schottland – was würde sie dort erwarten?
Bei dem Gedanken an den bevorstehenden Umzug dorthin verspürte sie ein ungutes Gefühl. Und das hatte sie noch nie getrogen.
Amber betrachtete durch das geöffnete Fenster die silberne Mondsichel. Draußen herrschte absolute Stille, der Straßenlärm war verklungen, nur ein Hund jaulte in der Ferne. London schlief. Wenn sie doch auch nur die ersehnte Ruhe finden könnte.
Der Anhänger prickelte auf ihrer Haut.
Plötzlich hatte Amber das Gefühl, nicht mehr allein im Zimmer zu sein. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Rücken aus. Sie fuhr herum und sah zur Tür. Aber die war wie immer verschlossen.
Amber schüttelte lächelnd über sich selbst den Kopf.
Nur einen Wimpernschlag später schrak sie erneut zusammen. Hatte sie nicht eben zwei rot funkelnde Augen im Spiegel gesehen? Ausgemachter Blödsinn! Sie reagierte über, ihre Sinne spielten ihr einen Streich.
Dennoch starrte sie zu dem Spiegel hinüber. Auf seiner Oberfläche reflektierte die Mondsichel, rot wie Blut.
Rot wie Blut?
Amber schluckte, denn der Mond am Nachthimmel schimmerte silbrig, im Gegensatz zu seinem Abbild. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie sich dem Spiegel näherte. Vorsichtig streckte sie eine Hand aus, um den roten Mond zu berühren. Das Amulett auf ihrem Dekolleté begann zu vibrieren und löste ein unangenehmes Brennen auf der Haut aus. Die glatte Oberfläche des Glases fühlte sich unter ihren Fingern vertraut an. In dem Moment, wo sie es berührte, zuckte ein Blitz aus dem Amulett, der sich in ihrem Körper entlud. Amber schwindelte, alles um sie herum begann sich zu drehen. Taumelnd kippte sie vornüber – auf den Spiegel zu. Als sie sich an ihm abstützen wollte, griff sie durch das Glas, als wäre es Wasser. Ein starker Sog erfasste sie und zog sie in den Spiegel hinein, bevor sie sich wehren konnte. Ein Strudel riss sie mit sich in tiefe Dunkelheit. Amber glaubte in ein Nichts zu stürzen, aus dem es kein Entrinnen mehr gab. Ihre Schreie blieben stumm. Verzweiflung stieg in ihr auf, sie wollte noch nicht sterben.
Unerwartet endete der Sog. Amber prallte auf harten Boden und schrie auf. Benommen blieb sie liegen. Hinter ihren Schläfen pochte es schmerzhaft. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, was mit ihr geschehen war. Sie lag auf steinigem Boden, der durch wenige Grasbüschel unterbrochen wurde.
Mühsam rappelte sie sich auf. Sie befand sich inmitten eines gewaltigen Steinkreises, meterhohe Pfeiler, die von Decksteinen überbrückt wurden, rahmten sie ein. Das Zentrum des Kreises bildete ein Menhir, in den eine Spirale gemeißelt worden war.
Über diesem Ort wölbte sich samtblauer Nachthimmel mit einem wahren Sternenmeer. Es war ein Ort des Friedens, voller Mystik und Energie.
Amber spürte die Kraft, die von diesem Ort ausging, wie feine Schwingungen auf ihrer Haut. Das Amulett pulsierte, als besäße es ein Herz.
Amber hatte schon von diesem Ort geträumt, vor langer Zeit, als sie noch ein Kind gewesen war. Es war ohne Zweifel der Steinkreis aus ihrem Traum – voller Energie und gleichzeitig bedrohlich.
Sie kniff sich in den Arm, in der Hoffnung, der Traum möge jetzt enden, doch nichts dergleichen geschah.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Amber fuhr herum und fand sich einer Frau gegenüber, die eine Art Tunika und darüber einen samtenen, scharlachroten Umhang trug. Ihr Gesicht war zeitlos schön, ihre Figur grazil. Sie besaß eine starke Aura, deren Schwingungen Amber wie feine Nadelstiche spüren konnte. Die Fremde lächelte freundlich.
„Wo bin ich hier?“, fragte Amber. „Und wie bin ich hierher gekommen? Eben noch habe ich vor dem Spiegel gestanden… das kann nur ein Traum sein.“
„Das ist kein Traum. Nur Auserwählten ist es erlaubt, diesen heiligen Ort zu betreten.“
„Ich bin keine Auserwählte. So was gibt es nicht. Wer sind Sie überhaupt?“
Die Frau legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. Wärme durchflutete Ambers Körper. „Man nennt mich Lady oft the Lake. Und der Ort, an dem du dich befindest, heißt Avalon. Du trägst in dir viele Fragen, aber keine Antworten. Deshalb bist du an diesen Ort gekommen.“
In Ambers Kopf überschlugen sich die Gedanken. Avalon? Was redete diese Frau da? Dieser Ort gehörte zu einer Legende. Den hatte es nie gegeben.
„Welche Fragen? Und welche Antworten? Und wie bin ich hierher gekommen?“
Die Fremde lächelte wissend. „Durch Magie. Wie du deine Chance hier nutzt, liegt bei dir. Es war nur meine Aufgabe, dich zu empfangen.“ Die Fremde drehte sich um und deutete auf den Menhir im Zentrum des Steinkreises. „Dort steht der Kelch des ewigen Wissens. Wenn du aus ihm trinkst, wird das Orakel dir Antworten geben. Nur die Mutigen bieten dem Schicksal die Stirn. Danach kehrst du in deine Welt zurück. Aber die Erinnerungen an diesen heiligen Ort werden gelöscht. Ich muss jetzt gehen.“
„Nein! Halt! Warte! Du kannst mich doch nicht einfach im Stich lassen.“ Amber versuchte den Arm der Fremden zu umfassen, aber sie griff hindurch. Die Erscheinung war ein Geist, was das flaue Gefühl in Ambers Magen verstärkte.
„Vertraue dem Orakel und deinen Kräften!“
„Na, toll. Welche Kräfte denn? Bleib bitte hier. Ich will so schnell wie möglich in meine Welt zurück, und ich bin sicher, das schaffe ich nur durch dich.“
Amber fühlte sich hilflos wie nie zuvor, als sich die Fremde wortlos umdrehte und mit dem Menhir verschmolz.
Bravo, Amber! Superidee! Warum musstest du auch den Spiegel berühren? Jetzt hängst du hier fest.
Mutlos sank sie auf den Boden und lehnte den Rücken an den Menhir. Das konnte doch alles nicht wahr sein, das musste ein Traum sein. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, aber das verflixte Ding war stehen geblieben.
Amber sah zu dem goldenen Kelch, der als stumme Aufforderung auf dem Menhir stand. Grübelnd kaute sie auf ihrer Unterlippe. Ach, sie wollte nichts Schicksalhaftes erfahren, sondern nur zurückkehren.
Doch die Versuchung war zu groß. Nur einen kleinen Schluck wollte sie kosten. Amber stand auf und ergriff den metallenen Kelch. Sie drehte ihn in der Hand. Den Rand zierte das gleiche Symbol wie ihr Amulett. Der Anhänger auf ihrer Brust pulsierte noch stärker.
Die Flüssigkeit in dem Kelch war klar und schimmerte rosa. Amber schnupperte daran, es roch nach nichts. Vorsichtig nippte sie. Es schmeckte wie Wasser. Das beruhigte sie. Sie wurde mutiger und nahm einen großen Schluck.
Den Kelch noch immer in der Hand haltend, wartete sie gespannt darauf, was geschehen würde. Sie hatte etwas Spektakuläres erwartet, doch nichts passierte. Amber war enttäuscht. Als sie das kostbare Gefäß zurückstellen wollte, stutzte sie. Ein süßlicher, metallischer Geruch,der Übelkeit verursachte, stieg ihr in die Nase. Das Wasser hatte sich in Blut verwandelt. Vom Ekel gepackt, warf Amber den Kelch in hohem Bogen von sich.
„Verdammt, ich will aus diesem Traum aufwachen.“, stieß sie hervor. Wohl auch um ihr aufsteigende Angst zu bekämpfen.
Starker Wind kam auf und trieb die Wolken zusammen. Über Amber braute sich ein Unwetter zusammen. Sie suchte unter einem der riesigen Steine Schutz und blickte zum Himmel auf.
„Sei bereit“, säuselten Stimmen im Wind.
Die Wolken gaben die rote Mondsichel wieder frei, deren Licht den Menhir beleuchtete. Aus der Spirale daruf sickerte eine rote Flüssigkeit: Der Menhir blutete.
Zitternd wich Amber zurück.
„Es ist sein Blut“, hörte sie wieder ein Flüstern.
Laute Stimmen schallten von dem Hügel hinter dem Steinkreis zu Amber herüber.
Krieger mit gezückten Schwertern stürmten den Hügel hinunter. Sie wirkten in ihrer knielangen Tunika und dem darüber geschlungenen Brat wie aus einem Kinofilm.
Ihr Anführer war ein blonder Hüne. Neben ihm ritt eine Gestalt in weißer Kutte, deren Gesicht unter einer Kapuze verborgen war. Dem kleinen Heer folgte dicht eine größere Anzahl Krieger mit Eisenhelmen und Kettenhemden. Amber verbarg sich hinter dem Menhir und beobachtete das Kampfgeschehen. Die Eleganz und Kühnheit, mit der der Hüne das Schwert gegen seine Feinde schwang, faszinierte sie. Unerschrocken tötete er jeden, der sich ihm in den Weg stellte. In Aussehen und Geschmeidigkeit verglich Amber ihn mit dem Halbgott Achill, der in der Schlacht um Troja gestritten hatte. Und dieser Krieger hier kämpfte nicht nur wie der Grieche, sondern sah auch aus wie ein Gott. Amber hörte die Schreie der Sterbenden und erschauerte. Fast sah es so aus, als verlöre das Heer des beeindruckenden Anführers. Da hob die Gestalt in der weißen Kutte den Arm.
Das Kreischen, das augenblicklich am Himmel erscholl, ging Amber durch Mark und Bein. Es stammte von einer Armada geflügelter Gestalten, menschliche Körper mit dämonischen Fratzen. Aus deren rotglühenden Augen sprach die pure Mordlust. Die Kreaturen stürzten sich auf die Krieger mit den Eisenhelmen, packten sie im Nacken und gruben ihre langen, spitzen Zähne in deren Kehlen.
Amber wollte den Blick abwenden, die Augen schließen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht.
Der weiße Kuttenträger sprang vom Pferd, beugte sich über einen Sterbenden und versenkte seine Zähne in dessen Fleisch. Gierig saugte er das Blut aus dem schlaffen Leib des Kriegers. Amber konnte den Anblick nicht ertragen. Alles begann sich um sie zu drehen.
Da ritt die Gestalt in Weiß direkt auf sie zu. Ambers Puls begann zu rasen, als sie sich weiter in den Schutz des Menhirs kauerte. Eine plötzliche Kälte hüllte sie ein, wie der Hauch des Todes. In Panik sprang Amber auf, um zu fliehen. Doch die Kuttengestalt versperrte ihr den Weg. Aus der Kapuzenhöhle funkelten rote bösartige Augen. Die Hände der Gestalt gehörten einer Frau und schienen seltsam vertraut.
Das Amulett auf Ambers Brust glühte. Wie gelähmt starrte sie die seltsame Gestalt an, in der Erwartung, dass diese sich auf sie stürzen werde, um auch ihr Blut zu trinken. Stattdessen zog die Frau die Kapuze vom Kopf.
Als Amber das Gesicht erkannte, taumelte sie rückwärts. Sie glaubte in einen Spiegel zu sehen!
„Ich bin dein dunkles Ich, das dich verzehrt“, flüsterte ihr Spiegelbild und grinste hämisch.
„Nein!“, rief Amber aus und hob abwehrend die Hände.
„Die dunkle Seite deiner Seele wird deine lichte Hälfte besiegen, bis deine Seele ihm gehört.“ Sie streckte den Arm aus und deutete auf den Hünen, der ihr jetzt das Bluttrinken gleichtat.
„Niemals!“, rief Amber aus.
„Das ist dein Schicksal.“ Die Fremde warf den Kopf in den Nacken und lachte. Ambers Hand tastete nach dem Amulett, als böte es ihr Schutz. Wenn sie doch nur in Ohnmacht fiele, oder der Alptraum ein Ende nähme!
Ihr Spiegelbild trat auf sie zu, riss ihr die Kette mit dem Amulett vom Hals und schleuderte es fort. Amber fühlte das Blut, das aus ihrer Halsbeuge sickerte, in die sich die Kette geschnitten hatte. Die eisigen Hände der Fremden legten sich auf Ambers brennendes Dekolleté.
Amber spürte, wie sich ihr Herzschlag verlangsamte und die Lebenskraft aus ihr wich. Als ihre Beine einknickten, fühlte sie sich dem Tod nahe. Da riss sie etwas mit aller Kraft zurück, bis sie in tiefer Dunkelheit versank.

Ein Knall schreckte Amber auf. Sie blinzelte und erkannte unzählige Glassplitter, die durch die Luft wirbelten.
Der Spiegel war zersprungen.
Erleichtert atmete sie auf, sie hatte nur geträumt. Ihre Finger tasteten über die brennenden Stellen an ihrem Hals. Amber erschrak, denn die Kette war fort – und als sie ihre Hand zurücknahm klebte Blut an ihren Fingerkuppen.

Die Tränen Luzifers

Von admin am 25. Juli 2009 veröffentlicht

Autorin: Tanya Carpenter
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Das Herz der Dunkelheit”

DieTraenenLuzifersRom, Januar 2001
Es hätte so schön sein können. Endlich einmal Urlaub, weg von allen Verpflichtungen, Querelen, Ordens-Regeln und ständigen Einmischungen in unser Privatleben, von welcher Seite sie auch kommen mochten. Selbst wir Vampire brauchten gelegentlich mal so eine Auszeit. Und mein Geliebter, Armand, und ich hatten diese derzeit bitter nötig.
Mein Vater Franklin, als Leiter des Londoner Mutterhauses auch mein Vorgesetzter im Ashera-Orden, stand unserer Liebe nach wie vor kritisch gegenüber, der Vampirlord Lucien von Memphis versuchte beständig, Zwietracht zwischen uns zu säen, und seit kurzem mischte sich auch Kaliste, die Urmutter der Vampire, in unser Leben ein und hatte mir ausgerechnet die Verantwortung für Dracon, unseren ärgsten Widersacher, übertragen. Alles in allem waren die letzten Wochen nicht gerade einfach für uns gewesen.
Dieser Urlaub sollte uns und unsere Beziehung wieder ins Gleichgewicht bringen. Was passte da besser als Rom, die ewige Stadt. Entspannt durch die nächtlichen Straßen dieser wunderbaren geschichtsträchtigen Metropole wandern, ein bisschen Kultur, ein bisschen Amore …
Wie gesagt, es hätte so schön sein können. Seufzend schloss ich die Email von Franklin wieder.
„Je te l’avais dit. Ich habe dir gleich gesagt, schau erst gar nicht in deine Mails“, meinte Armand mürrisch. Ich konnte ihm seinen Unmut nicht verdenken, brachte es aber auch nicht über mich, meinen Vater vor den Kopf zu stoßen und den Auftrag abzulehnen, wo wir praktisch vor Ort waren.
„N’y aurait-il pas quelqu’un d’autre pour le faire? Warum kann das kein anderer machen?“
„Weil die Vorfälle im Vatikan stattfinden, und der lässt doch freiwillig nie jemanden von der Ashera rein.“
„Wann kommt Franklin hier an?“
Er war wirklich sauer. Versöhnlich hockte ich mich zu ihm aufs Bett und küsste ihn auf den Mund.
„Er wird morgen Nachmittag hier landen. Abends treffen wir uns zur Besprechung der Details und danach reisen wir beide weiter zum Vatikan, während Dad zurück nach London fliegt.“
„Amuse-toi bien avec ta famille. Viel Spaß beim Familientreffen“, spottete Armand. „Ich bleibe hier. Ich habe Urlaub.“

„Bist du allein?“, fragte mein Vater, als er mich in der Hotellobby begrüßte.
„Armand ist etwas eingeschnappt, was ich ihm nicht verdenken kann.“
Der Hauch eines Vorwurfs schwang in meiner Stimme mit, was Dad nicht entging. Aber schließlich war es ja meine Entscheidung gewesen, während meines Urlaubs die Emails des Ordens abzufragen.
„Lass uns auf mein Zimmer gehen. Dort sind wir ungestört“, bat Franklin. Seinem misstrauischen Blick in die Runde, der sonst so gar nicht seine Art war, entnahm ich, dass die Angelegenheit noch viel heikler war, als ich aufgrund seiner Nachricht vermutet hatte.
In seinem Zimmer holte er ein blaues Samtbeutelchen hervor und legte es mir in die Hand. Behutsam öffnete ich die Verschnürung und lugte hinein. Aus dem Inneren strahlten mir drei bunt schillernde Juwelen, entgegen.
„Tränen Luzifers“, sagte mein Vater bedächtig. „Insgesamt spricht man von Eintausend. Kleine Kristalle, die in allen Farben leuchten. Es sollen wirklich die Tränen des gefallenen Engels sein. Als sie vom Himmel fielen wurden sie dort, wo sie die Erde berührten, zu Kristallen. Engelstränen, die für die Menschen vergossen wurden, als sich Gott von ihnen abwandte. Dafür wurde Luzifer aus dem Himmel vertrieben. Für sein Mitleid mit uns Menschen.“
„Glaubst du daran?“, fragte ich und verspürte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Mein letzter Fall hatte ebenfalls mit den Tränen von Engeln zu tun gehabt, und die Menschheit hatte kurz vor der Ewigen Nacht gestanden. In letzter Sekunde hatten wir den Untergang der Sonne verhindern können. Vampire, Menschen und Lykaner mit vereinten Kräften.
Franklin lächelte still und schien nichts von meinen Gedankengängen zu bemerken.
„Alles ist möglich, wie du weißt. Die Macht dieser Tränen ist unleugbar wahr. Wenn also ein Teil der Legende stimmt, warum dann nicht auch der Rest? Doch die ganze Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.“
„Wo sind die restlichen Tränen?“
„Abgesehen von diesen drei sind alle, die sich in unserem Besitz befinden im Mutterhaus in Montreal. In sicherer Verwahrung.“ Die Ashera erforschte und dokumentierte übersinnliche Phänomene nicht nur, wir versuchten auch zwischen Menschen und übernatürlichen Wesen zu vermitteln, nahmen PSI-begabte Menschen bei uns auf und verwahrten okkulte und paranormale Relikte. Bei all diesen Tätigkeiten waren wir stets bemüht, uns so wenig wie möglich einzumischen, was manchmal leider gar nicht so einfach war. Besonders dann nicht, wenn eine akute Bedrohung für die eine oder andere Seite bestand.
„Sicherer Verwahrung? Sind sie so gefährlich?“
„Ihre Macht kann gefährlich sein. Wenn man eine zerspringen lässt, kann man einmal das Schicksal der Welt beeinflussen. Hitler hatte zwei von ihnen in seinem Besitz und hat sie beide benutzt. Du weißt, was dann geschehen ist. Der römische Kaiser Nero hatte eine. Ramses I. soll eine besessen haben. Es ist viel Schaden mit diesen Tränen angerichtet worden. Deshalb sind sie in sicherer Verwahrung. Um ihren Missbrauch zu verhindern.“
„Dann ist der Begriff ‚teuflisch’ für Luzifer wohl wirklich nicht so falsch“, wagte ich einzuwerfen. Engelstränen bedeuteten einfach nichts Gutes. Egal, wer sie weinte.
„Oh Mel, das ist ungerecht. Er hat die Tränen nicht um des Schadens willen vergossen, sondern aus Mitleid. Ihre Macht lautet nur, dass man das Schicksal der Welt mit ihnen beeinflussen kann, zum Guten wie zum Bösen. Es ist die Wahl der Menschen, wie sie wirken, nicht die des gefallenen Engels. Und im Menschen lauert nun mal seit jeher das Böse.“
„Ist auch Gutes damit bewirkt worden?“ Ich musste die Frage einfach stellen.
„Nun, es heißt, der heilige Franz von Assisi hätte eine besessen. Und Mutter Theresa ebenfalls. König Salomon hatte angeblich zehn. Und sicher noch eine Menge anderer Menschen. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille.“
Ich schloss den Beutel und reichte ihn Franklin zurück.
„Gut, lassen wir es mal dahingestellt sein, ob die Tränen gut oder böse sind. Aber was genau haben die mit dem Fall zu tun? Du hast nur etwas von paranormaler Aktivität im Vatikan geschrieben.“
„Der Vatikan hat dreiundfünfzig Tränen in seinen Archiven.“ Mir blieb der Mund offen stehen. Diese heuchlerischen Scheinheiligen.
„Es ist zunächst nur ein Gerücht“, beschwichtigte Franklin, „aber dass der Vatikan so etwas bestätigen würde, kann man kaum erwarten. Eine Menge Hinweise deuten darauf hin, dass es nicht nur ein Gerücht ist. Und dass es Zeiten gab, in denen noch mehr Tränen dort lagerten. Es sind also wohl auch einige schon verwendet worden.“
„Soll ich die Dinger stehlen, damit diese verblendeten Kirchgänger keinen Schaden mehr damit anrichten?“ Vor meinem geistigen Auge zogen von den Kreuzzügen über die Inquisition bis hin zu gewaltsamen Missionierungen heidnischer Völker alle möglichen Schreckensszenarien vorbei, bei denen solch ein Kristall womöglich Einsatz gefunden hatte. Ich würde Pettra anrufen, meine Daywalker-Freundin, auch eine Vampirin, aber von anderer Art, die für Einbrüche prädestiniert war. Schließlich verdiente sie damit ihren Lebensunterhalt.
„Nein!“, sagte Franklin entschieden. „Und ja!“, setzte er etwas leiser hinzu. „Wenn du an sie herankommst, bringst du sie selbstverständlich mit. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass bei dieser Aktion kein Verdacht auf die Ashera fallen darf.“
Ich grinste zynisch. „Warum sonst hättest du ausgerechnet mich um Hilfe gebeten? Das einzige Ashera-Mitglied, das nahezu unsichtbar in den Hochsicherheitsbereich des Vatikan hinein- und wieder hinauskommt.“
Meine Offenheit behagte Franklin nicht. Es war illegal, was wir hier gerade besprachen. Einbruch, Diebstahl. Aber manchmal heiligte der Zweck die Mittel. Mir hätte die Macht der Tränen als Zweck genügt, um sie den Kirchenvätern zu entwenden. Aber mein Vater brauchte noch einen weiteren Grund, um diesen Schritt zu tun.
„Ich hätte so eine Aktion nie in Erwägung gezogen, wenn nicht die aktuellen Vorkommnisse es erforderlich machen würden.“
In seinen Augen las ich nackte Angst, etwas, das ihm nicht ähnlich sah.
„Im Vatikan versucht gerade ein Sapyrion die Tränen zu stehlen.“

Diese Nachricht ließ auch in Armand jeden Widerwillen, den Fall zu übernehmen, verschwinden. Ein Sapyrion. Ein Dämon aus den Tiefen der Unterwelt. So absolut böse und verdorben, dass sich selbst andere Dämonen von ihm fernhielten. Diese Kreaturen waren Ausgestoßene, und dem Himmel sei dank waren die Tore zur Menschenwelt normalerweise für sie verschlossen. Was mich zu der Frage brachte, wie dieser Sapyrion es geschafft hatte, ein Dimensionstor zu durchschreiten. War er einem anderen Dimensionswandler heimlich gefolgt? Unwahrscheinlich, die Hitze dieser Wesen machte es ihnen unmöglich, sich unerkannt einem anderen Wesen zu nähern. Pyro – das Feuer – der Bestandteil ihres Namens war mehr als bezeichnend. Ihre Haut glühte rotschwarz, was sie berührten erlitt Brandspuren – je wütender ein Sapyrion war, desto schlimmer die Verletzungen, die er hervorrief. Außerdem konnten sie Feuerbälle werfen. Nicht gerade tolle Aussichten für Armand und mich. Ausgerechnet Feuer – das Einzige, was uns wirklich schaden konnte. Aber jemand musste dieses Wesen aufhalten, und vor allem verhindern, dass es die Tränen in die Hände bekam, wenn ich auch noch nicht wusste, wie wir das anstellen sollten.

Armand und ich entschieden uns, noch in dieser Nacht die Lage auszukundschaften. Der Sapyrion war schon seit fast einer Woche in den Mauern des Vatikan unterwegs. Möglicherweise war er den Tränen näher, als uns allen lieb sein konnte. Was würde solch eine Kreatur mit dreiundfünfzig Tränen Luzifers anstellen? Die Welt in eine zweite Hölle verwandeln? Lava-Ströme? Feuerwände? Flammen, die ohne Brennmaterial überleben konnten? Alles war möglich mit diesen Kristallen.
Im Zentrum des Vatikan herrschte Hochbetrieb. Die Schweizer Garde schien in Komplettbesetzung Dienst zu tun. So viele rot-gelb-blau gestreifte Uniformen hatte wohl selbst der Papst noch nie auf einem Haufen gesehen. Wir verharrten auf dem Dach des Petersdoms und beobachteten den kleinen bunten Ameisenhaufen unter uns.
„Ich denke, denen ist es lieber, wenn sie dem Dämon nicht begegnen“, meinte Armand und seine Stimme triefte vor Sarkasmus. „Die wissen so gut, wie wir, dass sie weder mit ihren Hellebarden, noch mit ihren Sturmgewehren etwas gegen dieses Ding ausrichten können.“
Ich schwieg, konnte Armand gedanklich aber nur zustimmen. So kampfesmutig sie auch alle taten, es war diesen Männern klar, dass der Gegner, der hier in den Schatten lauerte, nicht von dieser Welt war. Und dass eine Begegnung mit ihm den Tod bringen konnte. Franklin hatte mir berichtet, dass schon sieben Gardisten gestorben waren und etliche weitere mit Brandverletzungen in der Klinik lagen. Dennoch weigerte sich der Vatikan wie immer beharrlich, die restliche Welt in die Vorgänge innerhalb seiner Mauern einzuweihen. Man war schließlich so was wie die Macht Gottes auf Erden. Da würde man doch mit dem Teufel klarkommen. Ich lachte bitter. Mit ihrem Teufel hatte der Sapyrion wenig gemein. Gegen seine Bosheit war der christliche Satan ein Klosterschüler. Neid und Gier und Zerstörungswut waren die Natur des Sapyrion. Die schwarzverkohlten Stellen an einigen Außenwänden und der Brandgeruch, der über dem Vatikanstaat lag, waren ein deutliches Zeugnis für seine Anwesenheit und sein Handeln.
Plötzlich erklang ein ohrenbetäubendes, unmenschliches Kreischen, wie von einem riesigen, wütenden Stier, direkt unter uns.
Der Sapyrion war im Petersdom.
Das Splittern von Holz und Bersten von Gestein kündete von seinem Wirken. Er würde das verdammte Ding auseinandernehmen.
Unter uns stoben die Schweizer Gardisten wie ein aufgescheuchter Fliegenschwarm in die entgegengesetzte Richtung davon. Armand und ich konnten ihren Angstschweiß riechen. Gegen diesen Feind würde keiner von ihnen den Kirchenstaat verteidigen.
„Welch Ironie, dass ausgerechnet eine Hexe als Retterin der katholischen Zentrale fungieren soll“, meinte ich zynisch. Armand antwortete mit einem breiten Grinsen und sprang dann einem Schatten gleich vom Dach in die Tiefe. Ich folgte ihm lautlos.

Schon von Notre Dame kannte ich den Prunk, den die Kirche so gern zur Schau stellte, aber der Petersdom raubte mir wieder einmal den Atem. Trotz der herabgestürzten Fresken und der drei zertrümmerten Sitzreihen. Von dem Sapyrion selbst war nichts zu sehen.
Ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da erzitterte die Erde unter unseren Füßen und wir mussten uns beide an den Kirchbänken festhalten, um nicht zu fallen.
„Er ist unter uns. Bei den Gräbern“, sagte ich.
In Sekundenschnelle durchquerten wir das Kirchenschiff, schritten die Stufen zu den Grabmalen hinab und dort stand er – der Sapyrion. Zwei Meter hoch, mit schwarzen, gezackten Flügeln, die knochig wirkten, nur mit einer lederartigen Haut bespannt. Sein Torso glühte in pulsierendem Rot, Arme und Beine waren ebenfalls lediglich Knochen mit einem flexiblen Gewebe überzogen. In der klauenartigen Hand hielt er eine steinerne Schatulle, deren Deckel halb geöffnet war. Regenbogenfarben leuchteten uns daraus entgegen.
„Verdammter Mist, er hat sie gefunden“, rief ich.
Der Kopf des Sapyrions schoss herum, als er meine Stimme hörte – schwarze Kohlestücke statt Augen und ein Raubtiergebiss hinter verschrumpelten Lippen. Er riss sein Maul weit auf, roter Geifer tropfte von den langen Zähnen und wieder erklang dieser markerschütternde Schrei, den wir schon oben auf dem Dach vernommen hatten. In der nächsten Sekunde flog uns ein Feuerball entgegen. Geistesgegenwärtig stoben Armand und ich auseinander, die Kugel schlug in der Wand hinter uns ein, ließ einen Teil des Mauerwerks zusammenstürzen und verglühte dann. Der Sapyrion stob an uns vorbei nach oben ins Kirchenschiff, heißer Wind verbrannte uns die Gesichter, doch wir folgten ihm sofort. Ein zweiter Feuerball begrüßte uns, als wir den Altarraum wieder betraten. Auch diesem wichen wir gekonnt aus. Ich erhaschte einen genaueren Blick auf den Torso unseres Gegners – unter der Lederhaut des Brustkorbes konnte man das rotglühende Herz schlagen sehen. Ich realisierte, dass dies seine einzige verwundbare Stelle war.
Mein Blick wanderte von dem brüllenden Dämon durch den Innenraum des Doms, der Bronzethron des Hochaltars war durch den Feuerball zerstört, der hölzerne Sitz, der lange Zeit als Bischofsstuhl des Petrus gegolten hatte, zersplittert. Da sah ich plötzlich das Taufbecken mit den beiden Marmorengeln.
‚Geweihtes Wasser!? Wasser und Feuer. Das könnte klappen’, dachte ich und sammelte meine geistigen Kräfte. Armand folgte meinem Blick aus seiner sicheren Deckung heraus. Das Becken hob sich aus seiner Verankerung, Schweißperlen traten mir auf die Stirn, ich war einfach zu ungeübt in diesen Dingen. Da kam mir Armand, der erkannt hatte, was ich plante, zur Hilfe. Gemeinsam schleuderten wir das marmorne Gefäß gegen die Brust des Sapyrions. Ein lautes Zischen, der Dämon kreischte vor Schmerz auf, ließ seine Beute fallen und ging in die Knie, doch noch ehe ich triumphierend jubeln konnte, war er auch schon wieder auf den Füßen. Das war daneben gegangen und hatte ihn nur noch wütender gemacht. Sein Zorn schlug uns in einer Hitzewelle entgegen, gefolgt von weiteren Feuerbällen, denen wir nur durch unsere vampirische Geschwindigkeit entkamen. Wie Eichhörnchen an einem Baumstamm klammerten wir uns an den Wänden fest und sprangen von einer Freske oder Balustrade zur nächsten. Der Sapyrion richtete sein Hauptaugenmerk dabei auf mich.
„Distrais-le. Lenk ihn ab“, rief Armand mir zu.
„Was hast du vor?“
„Lenk ihn einfach nur ab!“
Einfach nur ablenken. Na prima. Sollte ich mich als Brathähnchen anbieten? Armand sprang mit einem riesigen Satz Richtung Hauptportal, sofort riss der Feuerdämon den Kopf herum und schickte sich an, einen Feuerball gegen meinen Liebsten zu werfen. Das konnte ich nicht zulassen.
„Hey, Glühwürmchen“, rief ich ihm entgegen. „Mein Elektroherd wird heißer als du.“
Ich bezweifelte zwar, dass er auch nur ein Wort von dem, was ich sagte, verstand, aber zumindest verlagerte sich seine Aufmerksamkeit wieder von Armand auf mich. Doch statt einen neuen Feuerball zu werfen, ging der Sapyrion diesmal in die Knie und stieß sich kraftvoll ab, um vor mir auf der Empore zu landen. Meine Haare knisterten unter der Hitze, ich spürte, wie sich erste Blasen auf meiner Haut mit Flüssigkeit füllten. Lebendig gegrillt zu werden entsprach nicht grade meiner bevorzugten Todesart. Kurzerhand ließ ich mich einfach fallen und landete vor dem zerstörten Hauptaltar. Ein heftiger Windstoß brachte mich kurzzeitig ins Wanken, er kam vom weit geöffneten Hauptportal. War Armand noch zu retten? Er konnte diesem Biest doch nicht auch noch die Tür aufmachen. Wenn das Vieh erst mal draußen war, würden wir es nie wieder kriegen. Allerdings war es auch äußerst fraglich, ob wir es hier drinnen besiegen könnten, ehe es uns mitsamt dem Dom zu einem Häufchen Asche verbrannte.
Meine Haut spannte sich schmerzhaft, obwohl die Heilung bereits einsetzte, der scharfe Geruch nach meinem eigenen verbrannten Fleisch ließ Übelkeit in mir aufsteigen. Alles in mir schrie nach Flucht. Ich spürte die zunehmende Hitze wie eine Druckwelle, als der Sapyrion wieder nach unten sprang, schaffte es gerade noch rechtzeitig aus der Gefahrenzone, ehe seine klauenbewehrten Füße auf dem Boden aufkamen und zwei tiefe Löcher ins Gestein drückten. Jeder Atemzug schien meine Lunge zu verbrennen. Da wurde es plötzlich merklich kühler. Auch der Sapyrion bemerkte die Veränderung und hielt verwundert inne. Wir blickten beide Richtung Ausgang, wo Armand konzentriert und angespannt stand, über ihm eine riesige dunkelgraue Wolke voller Regenwasser. Woher…? Doch dann wurde es mir schlagartig klar. Der Brunnen auf dem Petersplatz. Armand hatte einfach meine Idee aufgegriffen und sie mit einer riesigen Menge Wasser umgesetzt. Die Wolke näherte sich dem Sapyrion, der mit drohendem Gebrüll langsam zurückwich. Doch seine Beute lag zwischen ihm und der Wolke. Ohne sie wollte er diesen Ort nicht verlassen. Wir hechteten beide auf die Schatulle zu, ich war schneller, erwischte sie mit dem Fuß und brach mir schmerzhaft die Zehen, als ich sie außerhalb seiner Reichweite stieß. Im selben Moment erreichte uns die Regenwolke und öffnete ihre Schleusen. Das Zischen von hundert Dampfkesseln erfüllte den Raum, der anschließend in undurchdringlichem Dunst lag. Die Schmerzensschreie des Sapyrions hallten von den Wänden, seine Haut nahm eine grauweiße Färbung an, er zitterte und brach auf dem Boden vor dem Altar zusammen. Ich reagierte instinktiv, ohne nachzudenken, ignorierte den Schmerz in meinen Händen, als ich den Dämon an den Armen packte, die noch immer heiß waren wie ein aktiver Vulkan, und schleuderte den geschwächten Körper Richtung Altar. Der Sapyrion spreizte seine mächtigen Schwingen genau in dem Moment, in dem sein Torso auf den Überresten des Bronzethrons aufschlug. Ein spitzer Pfahl vom gesplitterten Bischofs-Sitz des Petrus ragte aus seiner Brust, hatte das Herz durchbohrt. Ungläubig starrte der Sapyrion das blutverschmierte Holz an, seine Klauen umfassten das Ende und rissen es heraus. Blut strömte aus der Wunde und floss zischend zu Boden. Noch einmal schlug der Dämon mit seinen Flügeln, kam mit aufgerissenem Maul auf mich zu, und brach dann zusammen. Sein Körper schlug auf dem Steinboden auf, er zuckte noch einmal, dann löste sich die Gestalt in Rauch und Nebel auf. Es folgte eine beängstigende Stille.
Suchend blickte ich mich um, sah die offene Steinschatulle unter der halb zerbrochenen Figur der heiligen Veronika. Einige Kristalle waren aus dem Behältnis gefallen. Ich sammelte sie mechanisch ein. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Armand zu der Stelle ging, wo der Sapyrion zusammengebrochen war. Er kniete sich hin und untersuchte den dunkelroten Fleck, der das Ableben unseres Gegners markierte. All das nahm ich nur verschwommen wahr. Mein Blick war fest auf die schimmernden Kristalle in meiner Handfläche gerichtet. Die Macht, das Schicksal der Welt zu beeinflussen. Meine Hand zitterte, die Tränen schienen zu leben, sie bewegten sich, funkelten in allen Farben, ich konnte sie flüstern hören: „Wage es, wage es, das Schicksal liegt in deiner Hand.“
Ich hatte nicht bemerkt, dass Armand schon wieder zu mir getreten war. Mit seiner linken Hand umfasste er sanft mein Handgelenk. Mit der anderen schloss er meine Finger über den Kristalltränen.
„N´y pense même pas Mel. Denk nicht einmal daran. Leg sie zurück und lass uns die Schatulle zu Franklin bringen, ehe die gestreiften Ameisen hier wieder auftauchen. In den Händen der Ashera werden die Tränen sicherer sein und keinen Schaden mehr anrichten

Büroalltag

Von admin am 29. Juni 2009 veröffentlicht

Autor: Mark Staats
Illustration:
Gaby Hylla

bueroalltagDer Wecker piept gnadenlos. Ich erwache. Dabei sind es doch nur drei Stunden Schlaf gewesen. Hatte ja genug zu tun gehabt Diese kleinen Scheißer. Wollten die Kinder mit ihren Drogen vergiften. Ich war ihnen gefolgt. Bis zu ihrem Treffpunkt. Als sie mich sahen, lachten sie. 1,62 und schlank sieht auch nicht gerade gefährlich aus. Ich warnte sie noch. Doch sie lachten weiter. Ich knurrte. Verwandelte mich. Dann lachten sie nicht mehr. Sondern zitterten. Nun liegen sie sicher verscharrt im Wald. Mit ihrem Gift. Und ich muss neue Klamotten kaufen. Ich bin eine Heldin. Eine Superheldin. Pah. Was bringt es mir? Ringe unter den Augen. Daraus resultierend zu wenig Sex. Erhöhten Koffeinbedarf. Daraus resultierend vermutlich frühzeitigen Herzinfarkt. Überproportionaler Bedarf an textilem Nachschub. Daraus resultierend frühzeitige Armut, wegen ausgiebigen Shoppingtouren. Okay, das ist nicht wirklich schlimm. Gut, das mit dem Sex schon.
Mühsam öffne ich die Augen. Wildgeruch steigt mir in die Nase. Da hab ich wohl noch einen kleinen Snack von draußen mit ins Bett genommen. Während andere nachts noch mal schnell zum McDrive fahren, gehe ich in den Wald. Das blutige Kaninchen liegt neben mir auf dem weißen Laken. Nur halb gegessen. So groß war der Hunger nicht. Ich würge. Das muss dann doch nicht sein. Hätte es nicht ein gutaussehender Mann sein können? Der noch lebt. Mich liebvoll wach küsst.
Ist heute Dienstag? Shit, in zwei Stunden kommt die Putzfrau. Ich muss zur Arbeit. Gehetzt springe ich aus dem Bett. Laufe durch die Wohnung. Überall Pfotenabdrücke. Ich besitze aber keinen Hund. Unangenehme Fragen von der Putze will ich nicht beantworten. Gut, die Dusche muss warten. Erst den Snack entsorgen. Aber wohin? Nachbars Schäferhund bellt. Mein einziger Verehrer. Ich ziehe mir den Bademantel über. Laufe mit dem Snack in der Hand in den Garten. Dort steht er, auf Nachbars Grundstück. Er hechelt. Sein Penis erigiert, als er mich sieht. Er riecht die Wölfin in mir. Ich seine Geilheit. Es ist widerlich. Ich werfe den Kadaver über den Zaun. Er schnappt danach und läuft davon. So leicht sind Männer von einer Alternative zu überzeugen. Ich zurück ins Haus. Ziehe das Bett ab. Werfe das Laken in die Waschmaschine. Wische die Bodenfließen. Wozu hab ich eigentlich ne Putze, wenn ich doch selbst ran muss? Ich werde ihr den Lohn kürzen. Nein, werde ich nicht. Puh, geschafft. Noch schnell duschen und mich stylen.
Um 09:00 Uhr sitze ich an meinem Schreibtisch bei Zappel Landmaschinen GmbH. Der erste Kaffee fließt durch meine Blutbahn. Ich starre auf den Bildschirm. 65 ungelesene Mails. Der Chef, Kunden, Andrea, die mich zu einer Singleparty für Samstag einlädt. Im Kuhstall, der Dorfdisco. Ich sage zu. Vielleicht kommen ja ein paar Jungs aus der Stadt. Wäre mal wieder Zeit für mich, mit jemandem Sex zu haben. Der letzte Kerl vor zehn Tagen war ein Schlappschwanz. Hat nur zwei Stunden durchgehalten. Meine Werwolfskraft verlangt nach mehr. Vielleicht sollte ich eine Anzeige aufgeben? Suche Mann der drei Stunden und mehr durchhält. Ein sinnloser Traum. Der deutsche Durchschnitt liegt bei 2,5 min. Da ist vermutlich sogar der Schäferhund noch besser.
„Frau Müller, ich brauche in zehn Minuten eine Präsentation für die Sitzung“, ruft mein Chef aus seinem Büro. Reißt mich damit aus meinen Gedanken. Zehn Minuten? Hat der einen Schaden? Die Sitzung wurde vor vier Wochen geplant. Da hätte er genug Zeit gehabt. Ich brodele. Knurre. Meine Kolleginnen schauen mich verständnislos an. „’tschuldigung“, sage ich. Verdammt. Ich muss besser aufpassen. Kann der Chef nicht mal was stehlen? Das Problem hätte ich dann schnell gelöst. Auf meine Art. Ich grinse. Schaue auf den Bildschirm. Lasse meine Finger über die Tasten fliegen. Zwei Minuten später hält er das Verlangte in der Hand. „Hier, Chef“, meine ich zuckersüß.
„Das hätte aber besser werden können.“ Er wirft einen Blick auf die Folie.
Meine Kaffeetasse in der Hand zerplatzt. Mein Chef erschrickt. „Der Ton war alt“, lüge ich. Schaue auf meine weißen Knöchel. Und du gleich kalt. Aber das sage ich nicht. Ich bin wütend. Ein Vulkan ist nichts gegen mich. Nehme mir vor, ein Auge auf ihn zu werfen. Der hat bestimmt eine Leiche im Keller.
Mittagspause. Heute gibt es Kaninchen. Ich verzichte. Trinke nur einen weiteren Kaffee. Den zwanzigsten. Mein Herz hämmert.
„Päckchen“, ruft ein Bote durchs Büro. Ich sehe ihn an. Er ist neu. Hab ihn noch nie gesehen. Überrascht ziehe ich die Augenbrauen hoch. Spüre mein Blut pulsieren. Oder ist es doch der Kaffee? Südländer, Muskelberge, schwarze Haare, dunkle Augen, schöne Hände. Genau mein Typ. Die sollen ja länger können. Den krall ich mir. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich fahre mir durchs rote Haar. Nehme die Brille ab. Öffne zwei Knöpfe meiner Bluse. Lächle. Versuche, Eindruck zu schinden. Gott sei dank hab ich einen kurzen Rock gewählt. Ich stelle mich in Pose. Aber nicht zu aufdringlich. „Ja, hierher“, sage ich. Winke ihn zu mir. Ich komme mir vor wie ein Flittchen. Egal. Ich brauche einen Mann. Er riecht so herrlich. Manchmal ist es toll, eine Werwölfin zu sein. Wir kommen ins Gespräch. Flirteten ein wenig. Ich rieche seine Bereitschaft. Mein Lächeln wird immer breiter. Heute Nacht hab ich einen Mann. Er versaut es.
„Ist das ein Flohhalsband, was Sie tragen?“
Ich schaue ihn schief an. „Pariser Chic.“ Meine Stimme läßt die Luft gefrieren. Dann werfe ich ihn aus dem Büro. Mist, wieder nichts.
Der Rest des Tages zieht träge dahin.
17:00 Uhr. Endlich Feierabend. Raus aus der Firma. Was für ein Tag? Ich gehe zu meinem Auto. Steige ein. Fahre nach Hause. Er wartet schon. Wie macht er das bloß? Rocky wedelt mit dem Schwanz. Rocky ist der Schäferhund des Nachbarn.
Ich tätschle seinen Kopf. Ihm geht einer ab. Doch schlechter als der deutsche männliche Durchschnitt. Mist. Naja, heute Nacht werde ich mir den Neuen im Ort mal ansehen. Ein irischer Wolfshund. Iren sollen ja ganz gut sein. Ich schließe die Tür auf. Ziehe die Stiefelletten aus. Mache mir einen Kaffee. Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel „Kindchen, geh zum Arzt. Soviel Blutverlust ist ungesund“, steht drauf. Er ist von meiner Putzfrau. Mist, ich hab vergessen, die Waschmaschine anzustellen. Drei Stunden hab ich noch. Genug Zeit. Erst ausruhen, dann die Nägel lackieren. Ich schaue in die Fernsehzeitung. Es gibt Teen Wolf. Ich brülle laut los. Ein Werwolf der auf der Highschool akzeptiert wird. Freunde hat. Sogar eine Freundin. Den jeder mag, und der so niedlich aussieht. So was kann nur Hollywood machen. Die Realität sieht anders aus. Kein Mann im Bett. Ein Flohhalsband als Kette. Um 23 Uhr springe ich durchs offene Fenster. Meine Taschentücher im Maul. Die Krallen scharf und grün. Bei Metzger Tönjes sind zum wiederholten Male Schweinehälften geklaut worden. Es wird bestimmt wieder eine lange Nacht. Zum Glück hab ich für später genug Kaffee im Haus.

Der Umzug

Von admin am 19. Juni 2009 veröffentlicht

Autor: Oliver Kern
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Das Herz der Dunkelheit”

DerUmzug„Warum haben Sie sich … materialisiert?“
„Es war ein Unfall.“
„Und jetzt …“
„… ist es zu spät“, vollende ich den Satz und blicke dabei in seine müden Augen. Der alte Mann in seinem ausgebeulten, dunkelblauen Anzug kennt meine Akte, aber trotz allem musste er diese Frage stellen. Das tun sie alle, es ist wie ein Zwang.
„Wissen Sie, warum sie mich geschickt haben?“
Ich nicke. Ja, ich weiß es. Ich kann ihn riechen, den Krebs, der in seinem Körper wuchert. Faulig, eitrig, unaufhaltsam. Er muss von mir nicht hören, dass er sterben wird. Wer zu mir kommt, tut dies zwangsläufig. „Wie lange gibt man Ihnen noch?“, frage ich, weil ich glaube, dass er es erwartet.
„Sechs Wochen.“
„Und jetzt wollen Sie es früher hinter sich bringen, weil Sie Angst vor den Schmerzen haben. Oder vor dem Dahinsiechen in einem Hospiz. Weil Sie lieber aufrecht für ihr Vaterland in den Tod gehen, als bettlägerig und mit vollgeschissenen Windeln.“
Seine Schultern sacken eine Spur weiter nach unten, aber er fühlt sich nicht provoziert. „Hören wir auf, über mich zu sprechen“, sagt er und ich kann nicht unterscheiden, ob es eine Bitte oder ein Befehl ist. Uns trennt fünf Zentimeter dickes Panzerglas und trotzdem spüre ich wie er leidet. Egal was sie ihm gesagt haben, er ahnte nicht, dass es so schlimm ist. Dass der Zerfall so augenblicklich und unumstößlich einsetzt. Und ganz sicher wird er nicht ohne Schmerzen sterben, aber das behalte ich vorerst für mich. Noch hat er zu viel Adrenalin im Blut, um ihm damit Furcht zu machen.
„Sie werden verlegt“, unterbreitet er mir endlich den Grund für seinen Besuch.
Er ist der erste Mensch, den ich seit über zwei Jahren zu Gesicht bekomme. Ein alter, kranker Mann, dessen letzte Aufgabe es sein wird, mich in eine andere Zelle zu stecken.
„Wann?“, will ich wissen. Nicht, dass ich viel zu packen hätte, aber ich brenne darauf, den Himmel zu sehen.
„In zwei Tagen“, antwortet er.
„Wo geht’s hin?“
Er zögert. Als er vor fünf Minuten aus dem Lift trat und bevor er sich auf dem Besucherstuhl niederließ, hielt er seine Marke gegen die Scheibe. Eine unsinnige Geste hier unten, aber ich denke, er tat es aus Gewohnheit. Ich habe mir nicht mal die Behörde gemerkt, ganz zu schweigen von seinem Namen. „Wie heißen Sie?“
„Lindsay, Carl Lindsay.“
„Gut, Carl! Wo werden sie mich hinbringen? Oder wollen Sie mich überraschen?“
„So was schwebt mir vor.“
Ich kann nicht anders als lauthals loszulachen. Mein hyänengleiches Geheul erschreckt ihn und er rutscht instinktiv ein paar Zentimeter von der Glasscheibe weg. Als hätte er Angst, dass sie zerspringt. Carl Lindsay, ein abgebrühter, erfahrener Bundesbeamter, der in seiner vierzigjährigen Dienstzeit schon einige Grausamkeit sah, so manches Schreckenszenario hinter sich brachte und den der Krebs auffrisst, hat Schiss vor meinem Gelächter. Ein aufrechter Amerikaner, ein Patriot, ein toter Mann, dem die Furcht in den Pupillen hängt, weil er nie etwas Vergleichbares wie mich gesehen hat. Sie hatten nicht lange genug Zeit, um ihn auf diese Begegnung vorzubereiten. Ein Umstand, an dem ich Gefallen finde.
Ich stehe auf und gehe zu meiner Pritsche, die gegenüber der Glaswand in den blanken Stein gemeißelt ist. „Haben Sie Familie, Carl?“
„Drüben in Atlantic City. Eine Frau, zwei erwachsene Söhne“, antwortet er mechanisch.
„Atlantic City. Eine Spielerstadt. Sie sehen nicht aus wie ein Spieler, Carl.“ Er schüttelt den Kopf. Nicht wegen der Andeutung über das Glückspiel, sondern weil er sich dazu hinreißen ließ, mir eine private Frage zu beantworten. Damit hat er gegen die oberste Regel verstoßen, doch nun ist es zu spät. Trotz der achtzehn Grad hier unten, steht ihm der Schweiß auf der Stirn. „Sie werden Ihre Familie nicht wieder sehen, Carl. Hat Ihre Frau geweint, als Sie gingen?“
Er presst demonstrativ die Lippen aufeinander, um mir zu zeigen, dass er nicht die Absicht hat, weitere Details aus seinem Privatleben preiszugeben und steht auf. Die Geste soll mir verdeutlichen, dass er vorerst genug gesagt hat. Ein kaum wahrnehmbares, nervöses Zucken seines rechten Mundwinkels verrät seinen innigsten Wunsch, diesen Ort so rasch es geht zu verlassen. Jedes Molekül in seinem metastaseverseuchten Leib will zurück an die Oberfläche. Nur weg von dem Monster, das ihn verstrahlt wie der durchgebrannte Reaktor von Block IV in Tschernobyl. Doch ich bin noch nicht bereit, ihn ziehen zu lassen.
„Kommen Sie Carl, plaudern Sie mit mir. Ich kriege so selten Besuch“, bettle ich und trete ganz nah an die Scheibe. Mein Atem kondensiert an dem kühlen Panzerglas. Lindsay behält seinen Abstand von einem Meter bei und stützt sich auf die Stuhllehne. Mit dem Zeigefinger male ich ein Herz in die angelaufene Stelle. „Haben Sie Ihre Alte noch mal gefickt, bevor Sie für immer die Tür hinter sich zuzogen?“, murmele ich, wohl wissend, dass die Mikrofone auch das leiseste Raunen nach außen tragen. Für ein paar Sekunden verhilft ihm seine Wut dazu, dass er meinem Blick standhalten kann, dann sieht er zu Boden.
„Haben Sie gebeichtet, bevor Sie mich besuchten?“, frage ich. Der Bundesbeamte schweigt. „Hat man Ihnen nahe gelegt, dass Sie mit mir nicht über Religion reden sollen? Kommen Sie, Carl! Mussten Sie etwas unterschreiben, bevor man Sie hier runtergelassen hat? Keine Gespräche über Gott, damit Ihre Frau die vollen Pensionsansprüche erhält?“
„Nein! Nichts dergleichen. Die Unterredung ist für heute beendet!“, erklärt er mit Nachdruck und wendet sich zum Gehen.
„Die waren verdammt froh, dass sie überhaupt jemanden für diesen Job gefunden haben. Sie sind ihr Held, Carl. Bilden Sie sich ruhig was darauf ein!“, rufe ich ihm hinterher.
Er reagiert nicht, strebt auf den Lift zu. Seine letzten Schritte sind eher ein Torkeln. Die direkte Konfrontation mit mir hat ihn benommen gemacht. Nach nur zehn Minuten ist er körperlich am Ende. Doch wie steht es um seine Psyche?
„Wie viele Freiwillig konnten Sie finden, Carl? Wie viele gehen mit Ihnen in den Tod?“
Er hält inne. Sein Finger liegt auf der Taste, um die Fahrstuhltür zu öffnen. Die Hand zittert leicht und ich spüre wie er sich darauf konzentriert, die Kontrolle zu behalten. „Acht“, antwortet er, ohne sich nach mir umzudrehen.
„Acht! Verflucht! Wird wohl aufwändiger, als beim letzten Mal.“
„Entschieden aufwändiger“, bestätigt er, wobei er weiter gegen die matt glänzende Aluminiumtür spricht. „Ich komme Sie in 48 Stunden holen. Halten Sie sich bereit!“
„Tun Sie mir einen Gefallen, Carl! Bleiben Sie bis dahin am Leben!“, brülle ich ihm hinterher, als er in den Aufzug steigt.

Vor meiner Zelle geht das Licht aus und mein Spiegelbild erscheint in der Glasfront. Immer noch steht mir ein dreckiges Grinsen im Gesicht. Sie verlegen mich. Das heißt, mein Gefängnis ist nicht mehr sicher genug. Der Bunker, in den sie mich vor zwei Jahren sperrten, liegt sechs Kilometer unter der Erdoberfläche, mitten in der Mojave-Wüste. Im Umkreis von 350 Meilen gibt es nichts außer Sand und Steine. Einzelhaft in seiner reinsten Form. Ich bin der teuerste Häftling dieses Planeten, meine exklusive Unterbringung verschlingt jährlich ein Budget von sieben Millionen Dollar. Alles hier läuft automatisch. Roboter versorgen mich, reinigen meine Zelle, liefern mir drei Mahlzeiten am Tag, waschen meine Overalls. Nur den Arsch muss ich mir selber abwischen.
Ich bin isoliert, so weit weg von der Zivilisation, wie man nur sein kann. Es gibt nur einen Zugang zu meiner Zelle. Die Röhre, durch die Lindsay gerade nach oben fährt. Sollte ich mich dem Lift nähern, erfassen mich Sensoren und lösen Sprengungen aus, die den Fahrstuhlschacht mit Millionen Tonnen Gestein füllt. Zudem steht auf der Edwards Air Force Base rund um die Uhr ein Abfangjäger bereit, der eine Atombombe über mir abwirft, käme ich auf die Idee, meine Zelle zu verlassen. Wohin wollen sie mich noch bringen, wenn diese Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr ausreichen, um die Menschheit vor mir zu schützen? Wenn sie das Risiko auf sich nehmen, mich noch tiefer zu vergraben, dann muss ihnen der Arsch mächtig auf Grundeis gehen.
Auf meinem Bildschirm beobachte ich wie ein heißer Ostwind Sandkörner gegen die Linse der Außenkamera weht. Vage ist in der flimmernden Luft die Umzäunung des Geländes zu erkennen. Der anthrazitfarbene Buick meines Besuchers steht verlassen auf dem großen Parkplatz in der prallen Sonne. Carl Lindsay verlässt soeben das Zugangsgebäude und begibt sich mit trägen Schritten zu seinem Wagen. Mit einem gemusterten Taschentuch wischt er sich über die Stirn, bevor er einsteigt. Er hat sein Leben heute um drei Wochen verkürzt. Was mag jetzt in seinem Kopf vorgehen?
Ich verbanne den alten Mann aus meinen Gedanken. Was haben sie mit mir vor? Kann man mich tatsächlich noch mehr isolieren? Mich noch weiter von der Menschheit entfernen, als sie es an diesem Ort ohnehin schon tun? Verbannen sie mich in die Innere Mongolei, die Wüste Gobi, auf eine verlassene Pazifikinsel, in die Arktis? Wohin stecken sie mich diesmal? Welche Orte sie in all den Jahren auch für mich wählten, immer wieder mussten sie schmerzlich erkennen, dass der Radius, der mich von ihnen trennte, nicht ausreicht. Das meine fatale Wirkung selbst die mächtigsten Wände durchdringt. Meter dicker Stahlbeton, Meilen von Gestein, Bleiummantelungen, künst-liche Polymere, nichts hält mich auf. Sie sind nicht sicher vor mir, egal was sie bislang versucht haben. Und nun ist auch dieser Bunker nicht mehr gut genug. Meine Existenz tötet Menschen. Das ist meine Bestimmung.
Als ich in ihre Welt kam und erkannte, welche Folgen meine Anwesenheit auf sie hatte, stellte ich mich freiwillig. Eine Geste, die selbstlos und teuflisch zugleich war, denn damit legte ich meine Bürde in ihre Verantwortung. Ein genialer Schachzug, der sie zudem davon abhielt, mich zu eliminieren. Jemand, der sich aus eigenem Willen wegschließen lässt, verdient es nicht zu sterben, selbst wenn er unzählige auf dem Gewissen hat. Hätte die damalige Regierung geahnt, was sie sich aufhalsen, wäre sicher anders entschieden worden. Seitdem bin ich die Geisel dieses Staats. Ich bin Watergate, Area 51 und 9/11 in einem. Ich tötete mehr von ihnen als der Vietkong und ich bin geheimer als die Akte über den Kennedy-Mord oder die Wahrheit über die Mondlandung. Nur allerhöchste Regierungsstellen wissen, dass die USA den Tod beherbergen. Und alle, die mich bislang von Angesicht zu Angesicht getroffen haben, sind danach gestorben. Niemand will sich mit mir beschäftigen und doch überfordere ich sie jede einzelne Minute ihrer beschissenen Existenz. Egal, was sie auch versuchten, sie waren mir bislang nicht gewachsen. Wohin also werden sie mich bringen, damit ich keine Bedrohung mehr darstelle?

Carl Lindsay ist pünktlich. Der Anzug ist derselbe, das Hemd sieht frisch aus. Es ist das letzte, das er sich selber zugeknöpft hat, sinniere ich und ein hämisches Grinsen umspielt meine Lippen. Diesmal trägt er einen Knopf im Ohr.
„Sind Sie bereit?“
„Bereit, wenn Sie es sind, Mister Lector“, zitiere ich aus einem der Filme, die sie mich gelegentlich sehen lassen. Der Bundesbeamte versteht den Witz nicht. Er sieht schlecht aus. Seit vorgestern hat er mindesten drei Kilo verloren. Sein Gesicht ist teigig und grau, die Augen liegen tief in den Höhlen. Dafür ist sein Blick wacher. Er hat aus unserer ersten Begegnung gelernt.
„Wie werde ich deklariert?“, frage ich mokant, während er sich mit dem Steuerpult vertraut macht, das die in die Glaswand eingelassene Zellentür öffnet. „Doch nicht schon wieder Strahlenmüll, wie beim letzten Transport?“ Ich erhalte keine Antwort. Wahrscheinlich ist er immer noch beleidigt, wegen meiner Äußerung über seine Frau. „Darf ich vorne sitzen?“, frage ich und mime ein aufgeregtes Kind. Er sieht mich an, behält sich aber vor zu Schweigen.
„Wo sind die anderen? Traut sich außer Ihnen niemand in die Hölle?“
„Sie warten oben. Bei Ihrer letzten Verlegung gab es zu viele Opfer. Das wird diesmal nicht passieren“, verspricht er mit wenig Überzeugung.
„Genau darum hat man Sie geschickt, nicht wahr Carl? Sie sind der Bruce Willis unter den Krebspatienten in Regierungsdiensten. Ein Kämpfer, der Richtige für diese Mission. Jetzt weiß ich auch, was Ihnen der Präsident mit auf den Weg gegeben hat, als Sie sich für diesen heiklen Auftrag meldeten … Stirb langsam, Carl!“ Ich kriege einen Lachanfall und möchte wetten, dass die Jungs in der Überwachungszentrale in Edwards sich ebenfalls auf die Schenkel klopfen. Wieder beunruhigt ihn mein Gekicher. Die Gelassenheit, die er beim Verlassen des Aufzugs an den Tag legte, ist dahin. „Vergessen Sie nicht den Alarm auszuschalten, sonst sind Sie auf ewig mit mir hier unten begraben. Wäre doch schade, wenn Ihre Frau einen leeren Sarg beerdigen müsste.“
In einer raschen Bewegung dreht er sich zu mir und streckt mir seinen Zeigefinger entgegen.
„Verschwenden Sie keine Worte, Carl! Das kostet alles unnötig Kraft“, empfehle ich ihm, ehe er etwas sagen kann. Er wirft mir einen enttäuschten Blick zu und ich muss grinsen. „Was haben Sie erwartet? Ich bin ein Scheißkerl und muss mein Image pflegen.“
Er geht zur Glasscheibe und begegnet mir auf Augenhöhe. „Sie haben sich damals gestellt, obwohl unsere Ermittler niemals darauf gekommen wären, dass Sie all diese Toten zu verantworten haben. Ja, ich habe einen Mann mit Rückgrat erwartet“, murmelt er.
Theatralisch lege ich meine Stirn gegen das Glas. „Keine Tageszeitung, keine Nachrichten, kein Internet. Was ich hier unten bekomme, sind ein paar beschissene Filme, die obendrein zensiert sind und noch schlechtere Bücher, in denen manchmal ganze Seiten fehlen. Damit verbringe ich meinen Tag. Sie wollen nicht, dass ich erfahre wie es um euch da oben steht. Sie verschweigen mir, was ich anrichte unter ihresgleichen, Carl. Finden Sie das nicht auch zermürbend? Also ge-statten Sie mir ein wenig Zynismus.“
„Ihre Existenz tötet Menschen. Aus meiner Sicht bekommen Sie mehr, als Ihnen zusteht“, bricht es aus ihm heraus, wobei er aufgebracht, aber unabsichtlich gegen die Scheibe spuckt.
Ich spiele den Betroffenen, taumle rückwärts bis zu meiner Pritsche und setze mich. Dann vergrabe ich das Gesicht in meinen Händen und verharre dreißig Sekunden in dieser Stellung. Die Reaktion verunsichert ihn. Ohne nach ihm zu sehen, weiß ich, dass er immer noch vor der Zelle steht und mich anstarrt. Als ich hoch blicke, zuckt wieder sein rechter Mundwinkel.
„Carl, Carl! Mit dieser Äußerung haben Sie sich womöglich gerade einen Eintrag in ihre Akte eingehandelt. Musste das sein, so kurz vor Ihrem Ausscheiden? Wäre man sich über Ihre wahren Ansichten im Klaren gewesen, hätte die Regierung wohl jemand anderen geschickt. Sind Sie ein verdammter Rassist, Carl? Haben Sie früher Neger verprügelt oder ihre sadistische Ader an philippinischen Nutten ausgelassen? Wie konnte ich mich nur so in Ihnen täuschen?“, heuchle ich mit weinerlicher Stimme.
Ehe er etwas erwidern kann knackt es in seinem Headset. Er hält sich den Finger ans Ohr und nickt mechanisch. Die Wut, die ihm eben noch ins Gesicht geschrieben stand, verfliegt. Es passt ihm nicht, was er zu hören bekommt. Zweimal sieht er mir direkt in die Augen, dann dreht er sich weg und zieht sich den Stuhl heran.
„Schlechte Nachrichten?“
„Nur eine Verzögerung.“
„Wohin, Carl?“
Keine Antwort. Er setzt sich und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Darf ich mir was aussuchen? Eine Zelle mit Aussicht? Kommen Sie, seien Sie kein Spielverderber.“
Lindsay sackt in sich zusammen, die Schwerkraft nagelt ihn an den Stuhl. Ich rieche die fauligen Ausdünstungen, die ihm aus den Poren dringen. Er ekelt mich an. Ein Gedanke von mir und er stirbt sofort. Aber ich halte mich zurück. Lass ihn leiden!
„Die Aussicht, die Sie erwartet, wird Ihnen bald zu den Ohren rauskommen und Sie werden nicht in der Lage sein, wegzusehen“, kommt es plötzlich aus seiner Ecke.
„Verflucht, Carl! Sie machen es spannend. Jetzt haben Sie mich aber erwischt. Nun lassen Sie schon die Verlegungspapiere rüberwachsen, sonst koche ich noch über vor Neugier!“
Er macht keine Anstalten sich zu erheben. Sein aufgedunsener Kopf liegt auf seiner Brust, die Lider sind geschlossen. Er hat die Krawatte gelockert und den oberen Knopf seines Hemds geöffnet. Für eine Sekunde glaube ich, er ist eingeschlafen.
„Den Papierkram ersparen wir uns diesmal“, flüstert er. „Sie haben kein Mitbestimmungsrecht, was Ihren Umzug angeht.“ Ich gehe dicht an die Glasfront und lächele. Er müht sich auf die Beine. Diesmal wagt er sich bis auf wenige Zentimeter an die Scheibe. „Und wenn wir schon dabei sind, ich glaube Ihnen nicht, dass Sie all diese Menschen unabsichtlich töten. Vielmehr vermute ich, dass Sie Ihre zerstörerische Aura durchaus unter Kontrolle haben und Ihre tödliche Wirkung auf uns beeinflussen können.“
„Sie machen mir Angst, Carl. So schlecht denken Sie über mich“, antworte ich beleidigt. „Wenn ich vorgestern und heute zusammenzähle, kennen Sie mich nicht einmal dreißig Minuten und wagen es, so ein vernichtendes Urteil über mich zu fällen“, jammere ich. Er ist jetzt ganz nahe. Ich kann die geplatzten Äderchen in seinen gelblich verfärbten Augäpfeln sehen. „Armer, kranker Mann“, hauche ich ihm entgegen. Dann nehme ich die Verbitterung aus meiner Stimme und ersetze sie durch Schärfe: „Was, wenn Ihre Theorie stimmt? Was, wenn ich es tatsächlich steuern könnte? Entspreche ich dann dem Scheusal, das Sie in mir sehen?“
„Ich kenne Ihre Akte und ich habe mir ein Bild gemacht. Sie sind ein Monster“, urteilt er.
Ich schlage mit der Faust gegen die Scheibe und er schreckt zurück. Die Glaswand vibriert und kurz flammt Entsetzen in seinen Augen auf. Ein Todgeweihter, der die Angst vor dem Sterben immer noch nicht überwunden hat. Der Gedanke gefällt mir und weil es Spaß macht, dresche ich noch einmal dagegen, was die Schwingung der Konstruktion verstärkt.
Erste Sensoren reagieren und ein Warnsignal ertönt. Eine Computerstimme befiehlt mir, von der Glasfront zurückzutreten. Wölfisch grinse ich ihm ins Gesicht.
„Haben Sie die Sprengladungen schon entschärft, Carl?“
Noch ist er nicht in Panik, aber er kann seine Unruhe nicht mehr verbergen. Provozierend hebe ich die Faust. Die Stimme aus dem Lautsprecher fordert mich zum dritten Mal auf, in den hinteren Teil der Zelle zu gehen. Ich schlage erneut. Zu dem akustischen Signal gesellt sich jetzt ein Blinklicht. Carl hebt beschwichtigend die Hände. Unverkennbar bekommt er Anweisungen über seinen Kopfhörer, dass er mich beruhigen soll.
„Die wollen uns hier unten nicht begraben, Carl. Womöglich haben Ihre Vorgesetzten eine höhere Meinung von mir? Riskieren Sie Ihrer Frau zuliebe nicht Ihre Pension“, souffliere ich ihm zu. „Entschuldigen Sie sich und wir sind wieder Freunde!“
„Fick dich!“
Ich lache, senke die Faust, drehe mich um und setze mich auf die Pritsche. Der Alarm verstummt, das orange Flackern hört auf. Lindsay keucht hinter der Scheibe wie ein asthmakranker Ackergaul. Speichel hängt an seiner Unterlippe.
„Nehmen Sie doch Platz, bevor Sie mir aus den Latschen kippen. Wer soll mich denn Ihren Kumpels oben vorstellen, wenn Sie jetzt den Löffel abgeben?“
Er schleppt sich zum Stuhl. Uringestank dringt mir in die Nase und ich kann es nicht fassen, dass er sich vollgepisst hat, selbst wenn es nur ein paar Tröpfchen sind. Von einem Schaudern befallen, wende ich mich angewidert ab. Minutenlang schweigen wir uns an. Erst als ich höre, dass sein Puls runter ist, richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn. Wie ein angeschlagener Boxer kauert er auf dem Besucherstuhl, aber es ist niemand da, der ihm Luft zufächelt.
Er fängt meinen durchdringenden Blick auf. Plötzlich grinst er, als wäre ihm eingefallen, mit welchem Argument er mich frühzeitig aus dem Spiel nehmen kann.
„Sie bekommen ein ausrangiertes Modul der ISS ganz für sich allein. Sobald wir Sie drin verstaut haben, wird es von der Raumstation abgekoppelt und Sie werden zukünftig in einer geostationären Umlaufbahn um unseren hübschen Planeten kreisen.“
Ich werfe meine Beine von der Pritsche und trete an die Scheibe. Seine Worte hallen in meinem Kopf. „Jetzt verstehe ich Ihre Anspielung mit der Aussicht, Carl“, flüstere ich und versuche keinerlei Emotion in meiner Stimme mitschwingen zu lassen. „Verraten Sie mir auch, wie Sie mich da oben mit Nahrung und Wasser versorgen wollen? Kann mir nicht vorstellen, dass die NASA ihre Shuttles demnächst als Pizzataxis einsetzt.“
„Sie klingen beunruhigt“, kontert er. „Gefällt Ihnen nicht der Gedanke, im Weltraum allein mit nichts außer ein paar Satelliten? Mit einem Mal kommen Sie mir ziemlich kleinlaut vor.“ Lindsay steht auf und kommt zu mir. In seinen Augen suche ich nach der Wahrheit. Er weist nicht die erhöhte Herzfrequenz eines Lügners auf. Trotzdem kann ich nicht glauben, was er sagt.
„Guter Versuch, Carl, aber damit kriegen Sie mich nicht dran. Es ist technisch und finanziell nicht möglich, mich in einem Modul der Raumstation am Leben zu erhalten, das nicht mehr an die ISS angedockt ist.“
„Deshalb frieren wir Sie vorher auch ein. Sie bekommen einen schicken Kryotank mit Sichtfenster, damit Sie auch keinen einzigen Erdumlauf verpassen. Wir konservieren Ihr dreckiges Grinsen für die Ewigkeit in flüssigem Stickstoff. Das Team steht schon bereit. Und danach werden Sie der erste und einzige Häftling sein, dem die Vereinigten Staaten einen Shuttleflug spendieren.“
Er äfft mein kreischendes Lachen nach. In meinem Hirn knistern die Neuronen. Wagen sie das wirklich? Wollen sie mich auf diese Weise entsorgen? Carls körperliche Parameter zeigen keinerlei Anzeichen dafür, dass er mich verscheißert.
Unbändige Wut kocht in mir hoch. Mein Zorn lässt sich nicht mehr verbergen, ich spüre wie das Blut in meinen Schläfen pocht. Vorsichtshalber macht er einen Schritt zurück. Ich hebe meinen Zeigefinger und fixiere ihn mit zusammengekniffenen Augen.
„Sie schießen mich nicht in einer Blechbüchse in den Weltraum“, zische ich und diesmal bin ich es, der die Glasfront mit Speichel besprenkelt. Der alte Mann bleibt unbeeindruckt, was mich noch mehr in Rage bringt. Es wäre an der Zeit, ihn auszulöschen, aber in letzter Sekunde gewinne ich meine Beherrschung zurück und wende mich ab. Er hat keine Ahnung wie Nahe er dem Tod ist und ich will ihn noch ein wenig in dieser Unwissenheit wiegen. Zuerst werde ich ihm vor Augen führen, dass ich nicht alles mit mir machen lassen.
„Sie glauben wirklich, Sie haben gewonnen“, säusle ich gegen den schwarzen Felsen, der die Rückwand meiner Zelle bildet. Ich kann spüren, wie sein Blick sich in meinen Nacken bohrt. Im Moment fühlt er sich mir überlegen. Er glaubt, er hat mich in den Seilen und dieser Triumph lässt ihn sogar über seinen Krebs lächeln. Es ist an der Zeit, ihm vor Augen zu führen wie nichtig seine Existenz ist. „Sie haben Recht, Carl“, flüstere ich gerade laut genug, um sicher zu gehen, dass er jede Silbe versteht. „Ich kann es kontrollieren. Dem nicht genug, kann ich es obendrein gezielt einsetzen. Was halten Sie davon, wenn ich jetzt ganz fest an Ihre Frau und Ihre Bälger denke? Vielleicht kriegen wir auf diese Weise ein nettes Familienbegräbnis hin.“ Dann breite ich meine Arme aus, werfe den Kopf in den Nacken und heule gegen die Höhlendecke. „Und es wird schmerzvoll werden, Carl. Kommen Sie, fühlen Sie mit mir wie sie sich winden in ihrer Pein. Wie sie sich die Eingeweide aus dem Leib kotzen, wegen der unerträglichen Qualen, die ich ihnen bereite.“
„Hören Sie auf!“, brüllt Lindsay in meinem Rücken. Bittere Verzweiflung liegt in seinem Flehen. „Hören Sie auf, damit!“
„Sie spüren es, nicht war? Drüben in Atlantic City winseln sie um Erlösung. Sollen wir sie erlösen, Carl? Sollen wir es tun?“
Weitere zwanzig Sekunden Gewimmer, dann kippt die Hoffnungslosigkeit und unbändige Wut mischt sich in seinen Tonfall. „Verdammter Dreckskerl, hör auf!“, kreischt er hysterisch, während ich virtuos mit meinen Händen die Sinfonie des Grauens dirigiere. Seine Stimme überschlägt sich, als er schreit, so lange, bis nur noch ein Krächzen ertönt.
Etwas donnert gegen die Glasfront und ich wirble herum. Carl Lindsay holt mit dem Stuhl aus und hämmerte ihn aufs Neue gegen meine Zellenwand. Die Scheibe gerät wieder in Schwingung. Unverzüglich setzt der Alarm ein. Ohne darauf zu achten, schlägt der Alte ein drittes Mal gegen das Panzerglas. Die Signalleuchten flackern. Die Computerstimme bittet vehement darum, von der Glaswand zurückzutreten. Beschwichtigend hebe ich die Hand als Lindsay erneut ausholt.
„Hey, Carl, sie wird nicht kaputt gehen. Wenn Sie mir in die Fresse hauen wollen, dann öffnen Sie die Scheißtür, aber hören Sie mit der Randale auf!“
Der alte Mann ist wie im Wahn. Mit Anlauf rammt er den Besucherstuhl gegen das Glas, taumelt zurück und stürzt wieder heran. Ein ungutes Gefühl kommt in mir hoch.
„Sie werden die verfickte Sprengung auslösen“, fauche ich ihn an.
Die digitale Stimme aus dem Lautsprecher befiehlt die Attacken augenblicklich zu stoppen, aber der Mann von der Ostküste reagiert nicht. Er ist am Ende. Sein Puls rast, irgendwo in seinen Gedärmen ist ein Geschwür aufgebrochen und ich kann die Einblutung riechen. Doch unermüdlich drischt er den Stuhl gegen die Scheibe.
„Carl, bitte!“, höre ich mich winseln und hasse mich dafür.
Die Sirene dröhnt in meinen Ohren. Die Einsicht, dass ich Lindsay augenblicklich töten muss, kommt gleichzeitig mit der ersten Explosion. Tief aus dem Berg grollt ein Donner heran, die Erde beginnt zu beben und ich stolpere gegen die Glasfront. Breitbeinig steht mein Besucher vor mir und schwingt den deformierten Stuhl über seiner Schulter. Sand rieselt von der Decke und erste Gesteinsbrocken lösen sich aus den Wänden ringsum. Weitere Entladungen erschüttern das Felsmassiv. Staub durchsetzt die gefilterte Luft. Die Deckenbeleuchtung erlischt, nur noch die Signallampen kreiseln. Orangefarbene Lichtkaskaden schwappen rhythmisch über uns hinweg, als züngle das Höllenfeuer über die Felswände. Aus den Rissen an der Zellendecke ergießen sich Sturzbäche aus Sickerwasser und binden den Sand zu einer zähen Dreckmasse, die über meine nackten Füße schwappt.
Ich bin am Arsch!
Eine Detonation reißt die Fahrstuhlkabine aus dem Schacht und lässt sie wie einen Güterzug auf uns zu rasen. Im Moment des Einschlags sieht Carl mir direkt in die Augen und grinst. Bevor das Panzerglas explodiert, kann ich noch hören was er sagt:
„Jippiaje Schweinebacke!“

Pandoras letzter Wille

Von admin am 12. Juni 2009 veröffentlicht

Autorin: Uschi Zietsch
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art

PandorasletzterWilleAn jenem Morgen wusste Herr Harbinger, dass etwas nicht stimmte.
Es hatte sich in ihn hineingeschlichen wie ein Übel, dieses zunächst unbestimmbare Gefühl, das seine Gedanken trübte und einen Schatten auf sein Herz warf. Herr Harbinger wusste nicht, wann er zum ersten Mal so empfunden hatte. Er wusste auch nicht, wie er es bezeichnen sollte.
Aber Herr Harbinger wusste, dass es nicht gut war. Und das war eigentlich undenkbar.
»Was ist mit dir?«, fragte Judith, Herrn Harbingers Frau, als er sich an den Frühstückstisch setzte.
»Wovon sprichst du?«, gab Herr Harbinger zurück.
»Nun«, antwortete seine Frau, »du hast dich hingesetzt, ohne mir einen guten Morgen zu wünschen. Du hast dir ein Brot genommen und eine Scheibe Schinken darauf gelegt. Und jetzt willst du ganz offensichtlich hineinbeißen.«
Herr Harbinger hielt inne und runzelte die Stirn. »Was findest du daran merkwürdig?«
»Alles«, sagte Judith prompt. »Dein Tag beginnt anders. Den ersten Punkt habe ich dir schon genannt. Zweitens: Zuerst gießt du dir eine Tasse Tee ein und nimmst einen Löffel Zucker. Beim Umrühren schüttest du Tee über den Rand und greifst hastig nach deiner Serviette, damit kein Tropfen in den Unterteller läuft. Drittens: Du schlägst das Ei auf und tunkst eine Ecke Brot ins flüssige Eigelb. Und viertens: Du magst keinen Schinken. Hast du noch nie angerührt, in den zwanzig Jahren seit unserer Hochzeit nicht. Nur ich esse Schinken.«
Herr Harbinger lehnte sich zurück und saß wie erschlagen da, mit fahlem Gesicht und ängstlichen Augen. »Das weißt du so genau?«
Seine Frau lächelte ohne Freude. »Wenn ein Lebenspartner über so viele Jahre hinweg jeden Tag stets dasselbe tut, erfordert das nicht viel Beobachtungsgabe. Offen gestanden, es ist mir nicht bewusst gewesen. Ich habe vorher nie darüber nachgedacht.«
»Bis zu diesem Moment, da sich etwas änderte.«
»Ja. Du hast mich erschreckt. Es könnte … der Anfang sein.«
Herr Harbinger fuhr sich mit zitternder Hand über die kalte Stirn und verwischte die Spuren der feinen Schweißperlen, die sich darauf gebildet hatten. »Der Anfang … wovon?«, flüsterte er, ohne die Frage direkt an seine Frau zu richten.
»Sag du es mir.« Judith Harbinger legte die Serviette auf ihren Teller und stand auf. »Ich weiß nur, dass ich Angst habe. Seit Tagen, ein unbestimmtes Gefühl, das ich nicht erklären kann.« Sie deutete auf den Videoschirm, der gerade zur Morgenandacht den idyllischen kanadischen »Indian Summer« zeigte. »Es fing damit an, als unser Großer Vater Pan Theus diese … Gabenreiche öffentlich zur Frau nahm. Niemand wusste, woher sie kam.«
»Sie ist wunderschön …«, murmelte Herr Harbinger.
»Sie scheint alles zu besitzen«, zischte Judith, plötzlich grün vor Neid – eine Regung, die Herr Harbinger von seiner Frau nicht kannte, und die ihn mehr als alles andere ängstigte.
»Aber wir doch auch«, wagte er einen schüchternen Einwand. »Seit sich Unser Großer Vater Pan Theus zum Diktator auf Lebenszeit wählen ließ, leiden wir keine Not. Wir haben Arbeit, die uns gefällt, ein schönes Heim, zwei reizende Kinder, und keine Mühe, uns Luxus zu gönnen, wenn wir ein bisschen sparen.«
»Luxus.« Judith spuckte das Wort wie einen wurmstichigen Apfel aus. »Wir haben keine Wahl
»Ich kenne dich nicht mehr«, wisperte Herr Harbinger und blickte flehentlich zur Videowand, wartend auf die erlösenden Worte aus der Andacht, dass alle Sünden vergeben würden, solange man Unseren Großen Vater Pan Theus (gesegnet sei Er für alle Zeit und die hundertodermehrjährige Regentschaft, in Gesetzes Namen, Amen) in Ehren hielt. Und dass es keine Not und kein Leid mehr geben würde, solange der Diktator auf Lebenszeit seine schützende Hand über das Volk hielt.
So war es doch auch: Herr Harbinger war zeitlebens glücklich gewesen, solange er zurückdenken konnte. Liebevolle Eltern, eine unbeschwerte Kindheit, fürsorgliche Lehrer, kameradschaftliche Mitschüler. Eine gute Ausbildung, ein schöner Beruf. Herr Harbinger war ein angesehener Mann im Palast. Man nannte ihn spaßeshalber auch »den Herrn der Zahlen«. Jeder begegnete ihm mit Respekt, auch wenn Herr Harbinger das in seiner Schüchternheit nie bemerkte. (Wenn Judith ihn nicht angesprochen hätte, wäre er heute noch ein einsamer Junggeselle.)
Gewiss, es war eine Diktatur. Man hatte in Wirklichkeit keine freie Wahl. In der Politik änderte sich niemals etwas, die Posten blieben stets gleich besetzt und wurden nur durch Alter abgelöst, und Neuerungen gab es keine.
Aber es war eine sehr sanfte Diktatur. Abgesehen von den Automatischen Augen gab es keine unmittelbare polizeiliche Präsenz, weil es keine Verbrechen mehr gab. Niemand hatte einen Grund, einen anderen zu bestehlen, weil er selbst alles hatte. Gewalttaten waren nur noch eine Legende, denn jeder war zufrieden und glücklich und konnte sich kein besseres Dasein vorstellen. Unser Großer Vater Pan Theus hatte das Paradies auf Erden geschaffen, wo selbst Ökologie und Ökonomie vereinbar waren.
Warum war es auf einmal anders? Herr Harbinger dachte angestrengt nach, während er Judith half, den Tisch abzuräumen. Wieso änderte er seine Gewohnheiten – vor allem, ohne es zu merken? Weshalb war Judith, die immer so sanft und freundlich war, plötzlich so … böse?
Sie schob es auf diese Frau, die so unvermutet an der Seite Unseres Großen Vaters Pan Theus aufgetaucht war und nun das Leben mit ihm teilte. Mit ihm, dem Großen, Einzigen, der unerreichbar und erhaben über alles Weltliche schien!
Judiths Verdacht fiel nun auf keimenden Boden.
Und Herr Harbinger hatte auf einmal noch eine ganz andere Eingebung.
In derselben Sekunde ließ er das Tablett mit dem Geschirr fallen, das klirrend auf dem Boden zerschellte, und rief: »Ich muss ins Büro – etwas nachsehen! Bete, dass ich mich irre!« Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er aus dem Haus. Er nahm nicht einmal seinen Hut mit, obwohl es draußen ziemlich windig war.

War dies genau das, was niemals geschehen durfte? Ein Un-Gleichgewicht, ein Miss-Ton in der Harmonie?
Unser Großer Vater Pan Theus hatte es Herrn Harbinger erklärt, als er vor zweiundzwanzig Jahren seinen Dienst hier im Palast als »Herr der Zahlen« angetreten hatte. Wahrhaftig: Der Allmächtige persönlich hatte mit ihm gesprochen! Nun ja, gesehen hatte Herr Harbinger ihn nicht. Aber seine unvergleichliche warme, väterliche, tief rollende Stimme gehört, während der Teleschirm ein Muster aus bezaubernden Formen und Farben zeigte, das beruhigend wirkte und Herrn Harbinger das Gefühl unerschütterlichen Vertrauens und Loyalität schenkte.
»Die Bilanz«, hatte Unser Großer Vater Pan Theus dem aufgeregten, andächtig lauschenden jungen Mann erklärt, »die Bilanz ist der Anfang und das Ende von allem. Sie muss immer stimmen. Sie muss stets ausgeglichen sein. Denn nur das Gleichgewicht bewahrt unsere Welt vor Chaos und Anarchie. Eine gesunde Bilanz ist die Basis für Wohlstand, ein einiges Volk und ein Vaterland, auf das man stolz sein kann. Die Bilanz schafft Sicherheit. Daraus resultiert Zufriedenheit. All das schenke ich meinem Volk. Nenne es Glück oder Schicksal, es spielt keine Rolle. Am Ende steht nur die Bilanz: ein- und dasselbe, ausgeglichen, ausgewogen.«
»Und es wird meine Aufgabe sein, darüber zu wachen?«, fragte der junge Herr Harbinger und konnte sein Glück kaum fassen.
»So ist es dir bestimmt«, antwortete der Allmächtige. »Dies ist deine ehrenvolle Pflicht. Leiste deinen Teil zum Gleichgewicht, und das Vaterland wird es dir danken. Das ganze Volk wird es dir danken. Und allen voran ich. Mehr verlange ich nicht von dir. Dafür erhältst du von mir alles, was du dir nur wünschst.«
»Im Rahmen der Gesetze, Amen«, fügte der junge Herr Harbinger automatisch hinzu und machte sich dann an seinem funkelnagelneuen Computertisch an die Arbeit.
An dem der zweiundzwanzig Jahre ältere Herr Harbinger, mit lichtem Haar und Schmerbauch, nun wieder saß und mit zitternder Hand vor der Tastatur verharrte, es nicht wagte, den Befehl zu geben.
Und es doch tat, weil er Gewissheit haben musste. Das Land, das Volk, der Allmächtige selbst war in Gefahr, wenn das Gleichgewicht ins Schwanken geriet. Das vielleicht genau durch diese Frau aus dem Nirgendwo, der Gabensreichen, in den Grundfesten erschüttert wurde. Wie sonst ließ sich der Zusammenhang erklären, dass zwei solche unerhörten Ereignisse stattfanden?
Die nächsten Minuten vergingen, ohne dass sie Herrn Harbinger bewusst wurden. Er saß wie erstarrt. Sein Gesicht war aschfahl geworden, alles Blut schien aus seinem Körper gewichen zu sein. Angstschweiß glitzerte auf seiner wächsernen Stirn.
Seine geübten Augen hatten es sofort gesehen.
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Schließlich kam Herr Harbinger wie aus einer tiefen Ohnmacht wieder zu sich. Mit mechanischen Bewegungen, wie eine Aufziehpuppe, machte er einen Ausdruck des Beweises. Er wagte es nicht, das Ergebnis elektronisch zu verschicken. Er musste es Unserem Großen Vater Pan Theus persönlich vorlegen, bevor irgendein anderer es entdeckte. Vielleicht konnte dann noch alles gut werden.
Herr Harbinger dachte in diesem Moment nicht daran, ob es sein Fehler gewesen war. Jetzt ging es nicht darum, den Schuldigen zu finden, sondern die Katastrophe zu verhindern. Wenn dies gelungen war, würde Herr Harbinger mit Freuden alles opfern, auch sein Leben, wenn es verlangt würde. Aber in diesem Moment lag das Schicksal des ganzen Volkes in seinen Händen, und er durfte nicht zögern. Es lag allein an ihm, dem einfachen, kleinen Menschen.
Herr Harbinger wusste nicht, ob der Allmächtige ein Büro besaß – und wenn ja, wo es sich befinden mochte. Stundenlang irrte er durch den Palast und merkte kaum, dass er völlig allein war. Niemand, der von einer Konferenz zur nächsten eilte. Alles war still und verlassen.
Schließlich kam Herr Harbinger in einen Bereich, den er noch nie betreten hatte. Wie er hierher gefunden hatte, wusste er nicht mehr. Warum der Zugang nicht codegesichert war, konnte er sich nicht erklären. Er war irgendwie zufällig hereingestolpert – und alles war anders.
Es war, als hätte er eine magische Grenze überschritten, denn plötzlich war alles viel größer, düsterer, und … älter. Riesige Marmorsäulen stützten eine kathedralenartige Decke, in die dicken Steinmauern waren farbige Fenster mit phantastischen Motiven eingepasst. Nicht das übliche kirchliche Zeugs, sondern mehr Mythologisches … das er nicht verstand. Aber das war auch unwichtig jetzt. Herr Harbinger verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt, als er sein Schuhabsätze auf dem kalten, glatten Marmorboden klappern hörte. Auf Zehenspitzen schlich er weiter, die Augen groß und staunend wie ein Kind. In schwindelnden Höhen sah er Galerien, die mit Holzstiegen oder Wandelwegen verbunden waren. Kunstvolle Schnitzereien an Holzverzierungen, prunkvoll gearbeitete, goldene Abschlüsse an den Säulen. Und viele Wunder mehr, die Herr Harbingers verwirrter Verstand so schnell nicht erfassen konnte.
Immerhin erinnerte er sich dadurch endlich wieder an sein Vorhaben und hastete mit schlechtem Gewissen weiter. Er musste auf dem richtigen Weg sein, denn – wo anders als in einer Kathedrale konnte der Allmächtige residieren? Auch, wenn Herr Harbinger jetzt den schlimmsten aller Frevel beging: Jede Minute, die nutzlos verstrich, konnte den Untergang herbeiführen!
Herr Harbinger irrte durch eine Vielzahl von Gängen und Hallen, ohne sich den Weg merken zu können, bald erinnerte er sich kaum mehr an das, was er vor wenigen Minuten gesehen hatte. Fest das belastende Papier umklammernd, eilte er weiter, durch immer ältere Teile des Palastes, Marmor wich allmählich schlichtem Stein, Prunk verlor sich in ungeschliffener Schmucklosigkeit. Ein eisiger Wind pfiff durch schmale Lichtöffnungen in den Mauern.
Da war eine Tür. Sie war nicht pompös, wie Herr Harbinger sie erwartet hätte, um zu Unserem Großen Vater Pan Theus zu gelangen. Hoch war sie, das allerdings, gut vier Meter oder mehr, und etwa drei Meter breit, aus schwerem, dickem, schnörkellosem Holz. Ohne Riegel, aber mit einem metallischen Ring als Türklopfer.
Herr Harbinger reichte kaum an den Türklopfer heran, er musste sich dazu auf die äußersten Zehenspitzen stellen. Mit zitternden Fingern klopfte er zaghaft an und fuhr erschrocken zusammen, als es laut und hohl dröhnte, durch den ganzen Palast, so schien es.

Das Tor schwang auf. Herr Harbinger betrat keinen Raum, sondern einen großen Balkon, von dem aus er einen Überblick hatte über … Erschrocken wandte der kleine Mann sofort den Blick ab, bevor er nachhaltiges Entsetzen empfinden konnte, und erlitt sogleich den nächsten Schock, als er ein Wesen entdeckte, das wenige Meter von ihm entfernt blutüberströmt auf dem Boden lag. Ein Mann. Aber größer als jeder Mensch, den Herr Harbinger je gekannt hatte.
Einer der Titanen, fuhr es ihm durch den Kopf, als er sich, von furchtsamer Neugier gepackt und zugleich Hilfsbereitschaft durchdrungen, näher heranwagte. Lange, dunkle Locken fielen über ein edles Gesicht, das Herr Harbinger schon auf unzähligen Marmorstatuen abgebildet gesehen hatte. Außer einem Lendenschurz trug der Mann nichts am Leib, der anmutig und perfekt war, passend zu dem Gesicht.
Der Mann stöhnte. Aus einer Wunde an der Seite pochte Blut. Mitleid überwog nun Herrn Harbingers Angst, und er kniete bei dem verwundeten Riesen nieder, versuchte vorsichtig den schweren Kopf anzuheben und in seinem Schoß zu betten. »Was ist geschehen?«, flüsterte er. »War das meine Schuld?«
Der Mann öffnete die Augen, so grau und klar wie der Himmel der Abenddämmerung, kurz bevor die Nacht ihre Decke ausbreitete. »Natürlich nicht, du unschuldiges Kind«, flüsterte der Sterbende mit einer Stimme, die Herrn Harbinger schrecklich vertraut vorkam.
»Bist … sind …«, stammelte er ehrfüchtig.
»Nein …«, hauchte der Titan. »Ich bin der Feuerbringer, Bruder desjenigen, den du suchst. Er ist nun fort, für immer. Und ich … ich opferte mich einst für die Menschen und wurde dafür verflucht. Ein Mensch rettete mich, und so erklärte ich mich nach Äonen ein zweites Mal zur Hilfe bereit, als mein verzweifelter Bruder mich darum bat. Er versprach, seinen Fehler wieder gut zu machen und alles zu tun, damit die Menschen diesmal glückselig werden. Also nahm ich alles in mir auf und verschloss, versiegelte es, sicherer als in dem Gefäß. Aber … es ist nicht das, was ihr braucht … sie wusste es. Sie kehrte zurück. Sie sagte, dass sie den Menschen das wieder geben würde, was ihnen fehlte: Freiheit. Leidenschaft. Eigene Entscheidung. Selbst, wenn es bedeutete, erneut den hohen Preis dafür zu bezahlen. Sie sagte, es würde auch diesmal etwas zurückbleiben, das sie wohl behüten würde, besser als das letzte Mal, und das der Antrieb für die Menschen sei, seit Anbeginn. Sie sagte, das Gleichgewicht wäre nur Langeweile, die Menschen würden dahinsiechen und langsam sterben … ohne … ohne …«
»… Hoffnung?«, vollendete Herr Harbinger mit brüchiger Stimme.
Der Titan nickte, aus seinem Mundwinkel rann Blut. »Sie verletzte mich. Sie allein konnte mich … das neue Gefäß … öffnen. Du hast es sofort erkannt, als es begann, tapferer kleiner Bewahrer. Doch es ist zu spät, du kannst nichts mehr tun. Ich merke, wie es aus mir drängt, so wie das Leben mich verlässt … nach so langer Zeit … doch es ist gut.«
Ein Schatten tauchte auf. Eine Frau, erkannte Herr Harbinger, als sie ins Licht trat, überirdisch schön, aber voller Trauer. »Es ist Zeit«, sagte sie. »Geh, Mensch. Deine Aufgabe ist beendet. Nun bleibt mir nur noch eines zu tun – das Gefäß zu schließen, bevor alles entfleucht, denn eines muss zurückbleiben. Dies ist nicht mehr für deine Augen bestimmt, also geh.« Das letzte Wort sprach sie so mit Nachdruck und göttlicher Gewalt, dass Herr Harbinger auf seine Füße sprang und floh, so schnell er nur konnte.
Auf einmal verspürte er einen entsetzlichen Stich in seinem Herzen, der ihn fast straucheln ließ, als der Titan starb und das Leid wieder über die Welt kam, und Herr Harbinger hörte und sah, wie der Palast um ihn herum erschüttert wurde, der so lange getragen worden war von einem Willen, der nun nicht mehr existierte. Die Wände bekamen Risse, erste Kiesel bröckelten heraus, und der Verfall setzte sich rasch fort.
Herr Harbinger rannte schluchzend um sein Leben, das Herz wollte ihm schier bersten in seiner Brust, und doch lief und lief er, gab sich nicht dem Schmerz hin, denn er war sicher, er würde es schaffen, er glaubte ganz fest daran, klammerte sich daran, als wäre es das letzte auf der Welt, was er noch hatte, tief in sich verborgen, das Einzige, das nicht mehr fliehen konnte, nachdem das Gefäß geleert war.