Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Verdächtige und andere Katastrophen

Von ... am 21. November 2009 veröffentlicht

Exposee: „Verdächtige und andere Katastrophen“
von Susanne Ulrike Maria Albrecht

Der ehrgeizige Hauptkommissar Gregor Brandolf, genannt Kommissar „Eifer“ und sein stressgeschädigter Assistent Paul Maurus tappen im Dunkeln.
Ihr neuester Fall, der Mord an der Klavierlehrerin Rosamunde Stichnote lässt sie auf der Stelle treten. Zuerst ist Kommissar „Eifer“ nur mit einem Hauptverdächtigen konfrontiert, den er in Windeseile der Tat überführen will. Aber es tauchen immer mehr obskure Gestalten auf, die alle mehr als nur ein Motiv für den Mord haben.
Während der laufenden Ermittlungen geraten die beiden immer tiefer in die Spirale des Wahnsinns. Kommissar „Eifer“ steht kurz davor, den Verstand zu verlieren. Daraufhin muss sein neurotischer Gehilfe die Sache selber in die Hand nehmen …

Leseprobe:
„Ich kann nicht gestehen, was ich nicht getan habe!“ Jürgen Stein war verärgert. Er blickte abwertend zu seinem Scharfrichter, der so hässlich war, dass sich abermals sein sensibler Magen regte. Dieses Ekel konnte sich glücklich schätzen, dass er nichts Essbares mehr zu sich genommen hatte. Dann betrachtete er eingehend dessen Helfershelfer, der offenbar genauso irre war wie er selber. Keiner hätte das besser beurteilen können. Nicht umsonst sagte man: Nur ein Irrer erkennt einen Irren. Und der hier schien ihm sogar um einige Ticks voraus zu sein.
„Sehen Sie mal, was ich hier habe! Diese anonymen Drohbriefe habe ich heute bei Ihnen sichergestellt!“ Kommissar „Eifer“ öffnete siegessicher die grüne Mappe und breitete die Briefe auf seinem Schreibtisch aus.
„Was?! Sie waren in meiner Wohnung?“
„Wenn Sie das Dreckloch, in dem Sie hausen, als Wohnung bezeichnen wollen, ja! Übrigens, hier ist der Durchsuchungsbeschluss. Alles ganz legal!“ Er schob ihm das Schriftstück hin. „Außerdem sollten Sie mir dankbar sein, dass ich Ihren Saustall sozusagen einmal gründlich ausgemistet habe. Wo Sie doch  bald in Untersuchungshaft sitzen werden!“ Kommissar „Eifer“ warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
„Sie scheinen sich Ihrer Sache sehr sicher zu sein, Herr Hauptkommissar.“
„Oh, ja! Das bin ich in der Tat. Worauf Sie sich verlassen können. Wie heißt es doch gleich?“ Er wandte sich an seinen Assistenten und schnipste auffordernd mit den Fingern. „Wie heißt es doch so schön, Maurus?“
Der fühlte sich überrumpelt und wusste nichts weiter als „Chef?“ zu erwidern.
„Nun mal raus mit unseren Wahlsprüchen, Maurus!“
Paul konterte zögernd: „Ohne Fleiß kein Preis, Chef?!“
„Bingo, Maurus! Tun Sie sich keinen Zwang an, weiter im Text!“ beharrlich schnalzte er mit den Fingern.
„Chef, Sie meinen bestimmt: Nichts ist wie es scheint. Vertraue niemandem!“
„Unbestreitbar, unsere oberste Prämisse, um die tägliche Arbeit hier bewältigen zu können! Jeder ist eine denkbar kriminelle Kreatur, und in jedem Keller stößt man irgendwann auf eine Leiche …“
„Ich habe keinen Keller!“ entgegnete Jürgen Stein beherzt.
„Gutes Argument, aber leider wenig überzeugend!“ Kommissar „Eifer“ wandte sich an seinen Gehilfen. „Sehen Sie mal, Maurus, wir haben es hier mit einem Komiker zu tun. Und er ist beinahe so witzig wie Sie …“

Rasch fiel ihm Paul ins Wort. „Da wir gerade beim Thema sind, fällt mir ein: Neugier bringt die Katze um, Chef!“
„Volltreffer, Maurus!“ hochmütig wiederholte er das Sprichwort. „Neugier bringt die Katze um, … hält aber den Kriminalisten am Leben! Wie Sie sehen, Herr Stein, habe sogar ich einen gewissen Sinn für Humor. Widmen wir uns also wieder den ernsten Dingen. Dieses halbe Dutzend Drohbriefe wurde mittels Zeitungsbuchstaben erstellt, wie unschwer zu erkennen ist. Genau wie die Botschaft, die wir neben dem Mordopfer gefunden haben. Allerdings sind diese Schreiben hier weniger poetischen Tenors.“

Autorin:

Susanne Ulrike Maria Albrecht

Susanne Ulrike Maria Albrecht
geboren im November 1967 in Zweibrücken, absolvierte eine Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing und eine private Schauspielausbildung. Von ihr erschien bereits der Band „Umkehr ausgeschlossen“ sowie einige weitere Werke in Anthologien und Literaturzeitschriften.
Veröffentlichungen in der Literaturzeitschrift „Veilchen“, „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“, „Holunderground“, „Glarean Magazin – Das Online-Kultur-Magazin“, „LYRIKwelt“, „untergrund-blättle“ …

Auswahl von Veröffentlichungen in Printmedien:

„Die Werbelüge“ in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 4/2005

„Umkehr ausgeschlossen“ Rezension in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 11.Ausgabe/Oktober 2005

„Eine fixe Idee“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 12.Ausgabe/Januar 2006

„Frühlingserwachen“ und „Sonnenaufgang“ als Wettbewerbsbeiträge für Kosmopolitania SaarLorLux in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 1/2006

„Frühlingserwachen“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 13.Ausgabe/April 2006

„Hab eine Blume gefunden“ in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 2/2006

„Kosmopolitania SaarLorLux“ – „Frühlingserwachen“ und „Sonnenaufgang“ Kategorie Prosa: achter Platz und für die Kategorie Poesie: neunter Platz in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur“ Ausgabe 3/2006

„Exposee und Leseprobe“ des Manuskripts „Verdächtige und andere Katastrophen“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 17.Ausgabe/April 2007

„Farben“ in der Literaturzeitschrift „Holunderground“ Ausgabe Frühling 2007

„Nachthimmel“, „Schnee“, „Zeit“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 19.Ausgabe/Oktober 2007

„Wo sind all die Menschen hin?“ und „Weiße Hochzeit“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 20.Ausgabe/Januar 2008

„Hast du schon das Neueste gehört von Hans?“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 21.Ausgabe/April 2008

„Joachim hat schon wieder einen anonymen Drohbrief erhalten“ in der Literaturzeitschrift „Veilchen“ 22.Ausgabe/Juli 2008

„Aufruhr in Niemandsland“ in der Literaturzeitschrift „BLATT VÖSLAU“ – Die Allianz der Künste – für bewegende statt bewegte Kunst“ (Februar 2009)

„Der Mond“ in der Literaturzeitschrift „DIE BRÜCKE – Forum für antirassistische Politik und Kultur (151-2/2009) im Mai 2009

„So sieht man sich wieder …“ in der Literaturzeitschrift „WORTSCHAU Ausgabe Nr.7 /Liebesgrüße aus Wortschau“ (Mai 2009)

„Farben“, „Zeit ist nur eine Melodie“ in der Literaturzeitschrift „MONDSTAUB“ 11.Ausgabe/Sommer 2009

„Weiße Hochzeit“ in „COGNAC & BISKOTTEN – Das Tiroler Literaturmagazin/Der literarische Starschnitt/ COGNAC & BISKOTTEN – Ausgabe Nr. 29 (24-seitiges Heft zum Thema „Pop“)“ im Juli 2009

„Aufruhr in Ägypten“ in der Literaturzeitschrift „Das Dosierte Leben“ – Das Avantgarde – Magazin / 14.Jahrgang/60.Ausgabe im August 2009

„Wundersame Weihnacht“ von Susanne Ulrike Maria Albrecht in „Papierfresserchens MTM-Verlag GbR-Die Bücher mit dem Drachen. Von der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft für innovative Ideen im Bereich Kultur und Bildung ausgezeichnet:“ – Titel „Wünsch dich in Wunder-Weihnachtsland-Band 2

„Aufruhr in Niemandsland“ von Susanne Ulrike Maria Albrecht / eBook / „Fantasia“ / Fantasy Magazin/ Fantasia 247e-Phantastische Erzählungen, zu beziehen unter: „Fantasia“ (17.Oktober 2009)

„Die Brücke-Nur das Beste sehen“ von Susanne Ulrike Maria Albrecht
Chaotic Revelry Verlag / Anthologie „Agoraphobia“/ Die besten Einsendungen des Literaturwettbewerb mit dem Thema „Angst“ (19.Oktober 2009)

Neuerscheinungen:

Verdächtige und andere Katastrophen
Nordmann-Verlag
ISBN: 978-3-941105-11-9
11,80 EURO

Weiße Hochzeit
Diskurs-Verlag
Lyrikband, illustriert
ISBN: 978-3-9812590-7-0
EURO 9,90

Sternstunden menschlichen Scheiterns

Von Rainer am 24. Dezember 2008 veröffentlicht

Sternstunden menschlichen Scheiterns

Als ich müde und ausgelaugt von der Arbeit nach Hause kam, die Tür wie ein Gnadenschuss ins Schloss fiel und das Gekeife der alten Bohrmann von gegenüber das einzige menschliche Geräusch war, das mich empfing, stand mein Entschluss fest: Ich wollte nicht länger alleine sein und die hellen wie auch die dunklen Seiten des Lebens mit einem andern Menschen teilen. Naturgemäß reift ein solcher Entschluss nicht über Nacht, und es war letztendlich meinem Freund Kalle zu verdanken, dass mir klar geworden war, wie unglücklich und frustriert ich doch war.

Wenn Sie mich fragen, ist Kalle ein Arsch.

Bitte fragen Sie mich doch endlich!

***

Am Abend zuvor, als wir Bierflaschen schneller geköpft hatten als die Girondisten während der Französischen Revolution ihre politischen Gegner, hatte sich Kalle in den Kopf gesetzt, mir seine Form der Lebenshilfe anzubieten. Mitunter ähnelten seine Ratschläge zwar eher passiver Sterbehilfe, aber wenn man dermaßen verzweifelt und frustriert ist, wie mir Kalle erfolgreich suggerierte, greift man bekanntlich nach jedem Strohhalm.

„Weißt du, was dein Problem ist?“, begann mein neuer Therapeut und setzte eine huldvolle Miene auf.

Ich erwiderte ein geistreiches „Nö“.

Kalle rülpste und stellte die Flasche zielsicher neben dem Bierdeckel ab, sodass die Glasplatte des Tisches ein erschrockenes „Pling!“ von sich gab. „Du bist zu anspruchsvoll.“

Das Wort „anspruchsvoll“ war ein bisschen schwer verständlich genuschelt. Dennoch konnte ich Kalles Ausführungen so klar und deutlich folgen, wie ein besoffenes Schaf dem Bellen eines asthmatischen Schäferhundes mit Minderwertigkeitskomplexen.

An den genauen Inhalt der darauf folgenden, guttural intonierten Worte kann ich mich nicht mehr entsinnen, jedoch an die Erklärungen meines Freundes: „Sagen wir´s doch, wie´s ist. Du bist kein Traumprinz. Aber du glaubst, du würdest eine Traumprinzessin verdienen. Ist doch so, ne?“

Kalle pflegt die meisten seiner Sätze mit einem „ne?“ abzuschließen. Was dem Maler seine Widmung, ist Kalle sein „ne?“.

Ich zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck aus der Flasche. So lange Schimpansen nicht gleichzeitig mit den Schultern zucken und Bier saufen können, sind wir unangefochten die Krone der Schöpfung.

„Schau, was war denn vorige Woche in der Disco?“

Der Hinweis, dass ich mich nach acht Flaschen Bier nicht einmal mehr daran erinnern könne, ob man erst den Reißverschluss öffnen und dann pullern muss, oder umgekehrt, war nicht nötig, denn der alte Pragmatiker Kalle setzte sofort nach: „Die eine Blonde, die dich nett angeguckt hat, hast du nicht mal beachtet. Dafür hast du dich gleich an die Tussi mit dem langen schwarzen Haaren rangemacht. Du meine Fresse! Die war ´ne größere Nummer für dich, als die Turnschuhe von ´nem Basketballer für ein Kind.“

Hm. Ja, doch, da war etwas Vergleichbares irgendwo im Gedächtnis abgespeichert. Während diffuse Bilder von einem peinlichen Korb, den mir besagte Schwarzhaarige gegeben hatte, in rascher Abfolge vor meinem Auge vorbeizogen, nuschelte Kalle der Ordnung halber ein „ne?“

„Da ist schon was dran“, sagte ich unverbindlich und erntete ein Kopfschütteln von meinem Freund.

„Wir kennen uns schon seit dem Gymnasium, Alter. Du bist mein bester Kumpel und ein echt prima Freund, ne? Mehr als ein Freund.“

Einen Moment lang befürchtete ich, dass Kalle mir gestehen würde, er hätte sich in mich verliebt.

„Ein Seelenpartner.“

Uff. Ich atmete auf und zog die nächste Flasche aus dem Bierkasten. Wenn schon ein männlicher Lebensgefährte, dann bitte einer, der wirklich hübsch ist. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen: Kalle hatte Recht – ich war zu anspruchsvoll!

„Und schau, ich würde dir doch keinen Floh ins Ohr setzen, wenn´s nicht wahr wäre“, setzte er ungerührt fort. „Die Wahrheit ist, dass du ziemlich deprimiert bist, seit du dich von Martina getrennt hast.“

Das war nicht ganz die Wahrheit, die mein Freund und Privat-Therapeut ausgesprochen hatte. Martina und ich hatten uns nicht einfach getrennt. Unter „trennen“ stelle ich mir so was vor, wie: „Ich geh jetzt!“

„Ja, ist wohl besser so, ne?“

„Ja. Tschüss. Vergiss nicht, den Müll runterzubringen.“

Sie hatte mich jedoch verlassen, obwohl ich wie ein Schoßhündchen geheult und gewinselt hatte. In meiner völligen Demut ihr gegenüber hätte ich mir sogar ohne Narkose die Eier abschneiden lassen. Die Unterbreitung dieses großzügigen Angebotes hatte sie auch nicht umgestimmt. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht.

„Kann schon sein“, presste ich mühsam hervor. „Aber was soll ich denn deiner Meinung nach tun?“

„Mensch, bist du wirklich so schwer von Begriff?“

Offensichtlich war ich das und signalisierte ihm durch mein Schweigen, dass ich nicht durchstieg.

„Na, such dir eine Freundin, die deine Kragenweite ist. Ne?“

Das Dach über meiner Wohnung verschwand auf ebenso geheimnisvolle Weise wie die Stockwerke drüber, der Himmel öffnete sich und spie tausend Englein mit goldbeschlagenen Trompeten aus, die sphärische Klänge von sich gaben und mich in einer transzendenten Wolke des Verstehens mit sich trugen. Ich war erleuchtet, dank Kalle, 37 Jahre alt, Wertpapierberater bei einer Bank, zwei Mal geschieden, ein Mal am Magen operiert, bei der Bundeswehr dank dubioser Atteste für untauglich erklärt und seit neuestem ein Lebenshilfe-Lexikon auf zwei Beinen, das mit Bier betrieben wurde. Das Leben ist nicht nur wunderbar, es ist auch wunderlich.

„Ach so“, sagte ich ein wenig enttäuscht. Ich hatte mir insgeheim ein paar buddhistische Binsenweisheiten erhofft, die es zwischen dem vierten Toilettengang und dem Brechreiz kurz vor Mitternacht zu lösen galt. Stattdessen bekam ich das Äquivalent zu „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“ um die Ohren gelallt.

Plötzlich beugte sich Kalle vor – möglicherweise hatte er auch bloß Gleichgewichtsstörungen und konnte nicht mehr gerade sitzen – und sagte: „Was glaubst du, wie ich meine letzte Freundin kennen gelernt habe?“

„Margarethe? Ist dir die nicht vom Zoo aus nachgelaufen, weil die Wärter den Käfig nicht richtig verschlossen hatten?“

„Ne, nicht Margarethe. Wie kommst´n auf Margarethe? Ich spreche von Luzia.“

Der Name sagte mir rein gar nichts. Aber ich kann mir auch unmöglich alle Freundinnen von Kalle merken. Niemand kann das. Vielleicht abgesehen von diesen indischen Rechenkünstlern, die zwanzigstellige Zahlen in einer Millisekunde addieren konnten.

„Pass auf – ich habe sie über eine Single-Börse im Internet kennen gelernt.“

Dabei blickte er mich auf eine Weise an, die unmissverständlich machte, dass er eine Antwort erwartete. „Aha.“

„Single-Börse, du verstehst? Das sind so Seiten, wo du- “

„Kalle“, unterbrach ich ihn, „ich verdiene mein Geld mit dem Erstellen von Webseiten. Ich weiß, was Single-Börsen sind.“

„Na, dann ist ja gut! Ich maile dir morgen den Link zu dieser Seite, ne? Haste noch ein Bier?“

***

Der Naseweise aus dem Abendland sprach: Ich weiß, was Single-Börsen sind.

Faktum war: Ich wusste gerade mal, dass es so etwas gab und sich jede Menge Psychopathen auf diesen Seiten tummelten. Diverse Sendungen im Fernsehen verstärkten den Verdacht, dass Kontakt-Börsen Plattformen für frustrierte und gescheiterte Existenzen waren.

Eigentlich war ich noch ziemlich benebelt vom gestrigen Abend und müde von der Arbeit. Neun Stunden lang mit dem Warten von Datenbanken und Beantworten nerviger Fragen von Kunden zu verbringen, stellt nicht gerade den ultimativen Nervenkitzel dar.

Während die Kaffeemaschine keuchend Wasser durch den Filter würgte, klickte ich auf den Link, den mir Kalle wie versprochen per E-Mail geschickt hatte. Anschauen kostet ja bekanntlich nur in der Peep-Show etwas.

„Die seriöse Partneragentur – Liebe auf den ersten Klick!“, versprach der Slogan vor dem romantischen, pinkfarbenen Hintergrund, der ein bisschen wie von Paulchen Panther hingekotzt aussah. Großspurig und aufgedonnert sprang mir „Mehr als eine Million Singles zum Verlieben!“ entgegen. Immerhin, das mochte stimmen: Es wurde ja nicht explizit behauptet, dass eine Million Singles auf dieser Webseite warteten. Irgendwo gab es ganz bestimmt eine Million Singles.

Ich holte mir eine Tasse Kaffee und meldete mich kurz entschlossen an. Eine Million und ein Single zum Verlieben.

Dass man einen Fragebogen ausfüllen musste, um sich quasi vorzustellen, leuchtete mir ein. Ich fühlte mich von der Länge und Ausführlichkeit dieses Fragebogens jedoch ein klein wenig überfordert. Schön: Name, Alter und Wohnort waren keine große Sache und beim Punkt „Geschlecht“ standen die Chancen Fifty-fifty, dass man ins Schwarze traf. Ah, aber dann: Man wollte wissen, welcher Religion ich angehörte, welche Ausbildung ich hinter mir hatte, mein ungefähres Einkommen pro Jahr … Wie bitte? War diese Partner-Börse etwa eine Scheinfirma des Finanzamts?

Nichtsdestotrotz riss ich mich zusammen, wie einer dieser Soldaten in den alten Western. „Durchhalten, Männer! Beißt die Zähne zusammen! Die Verstärkung kommt gleich!“

Ich muss jedoch zugeben, dass der Vergleich hinkt, denn Soldaten, Cowboys und Indianer in klassischen Western-Filmen benötigten keine Partner-Börsen. Die Cowboys wurden von den steilsten Hasen automatisch angemacht, die Soldaten waren immer verheiratet und die Indianer wurden ohnedies erschossen. Oh ja, früher war einfach alles besser und einfacher!

Meine Verzweiflung wuchs von Frage zu Frage und bestärkte mich in Kalles Ansicht, dass ich keine Traumprinzessin verdiente. Scheiße, ich war … Mittelmaß! Ich hatte nicht einmal irgend einen akademischen Titel und meine schulische Laufbahn wirkte angesichts der vorhandenen Antwortmöglichkeiten mickrig.

Mein Einkommen war unterdurchschnittlich und ich fragte mich, ob es wirklich Singles gab, die mit einem Einkommen von „100.000 – 200.000 Euro/Jahr“ auf einer Internet-Plattform ihr Glück suchten und sich nicht einfach eine dieser Katalog-Bräute aus Russland kauften?

Frustriert mogelte ich bei der Körpergröße und schlug dort eine fünf bei den Zentimetern drauf, die ich beim Gewicht in Kilo wieder abzog. Eigentlich war das gar nicht gemogelt, weil es sich ja ausglich.

Nach etwa einer halben Stunde war ich fertig und benötigte nur noch ein Bildchen, das ich online stellen sollte. Hastig blätterte ich mein Fotoalbum durch. Erwartungsgemäß wirkte ich auf sämtlichen Bildern entweder wie ein schwuler Riesenpinguin mit Grinsstarre, der in Schlabber-Jeans steckte, oder wie einer dieser Wahnsinnigen, vor denen man in meiner Jugend Kinder warnte, niemals Bonbons von solchen Typen anzunehmen. In der Praxis erwiesen sich solche Warnungen als klassische Schauermärchen ohne Bezug zur Realität. Obwohl: Das Bonbon von der Bäckerei-Verkäuferin habe ich stets angenommen. Frau Kuttner war ungefähr 50, untersetzt, hatte graue Haare und lächelte schief. Sie war mir völlig unverdächtig erschienen – aber das sagte man ja von allen.

Letzten Endes entschied ich mich für ein älteres Passfoto, dessen Kratzer ich mittels Photoshop-Zauber entfernte. Die etwas unvorteilhafte, wirre Frisur wurde, wie ich annahm, durch die Krawatte mehr als aufgehoben. Zumal das Schlümpfe-Motiv der Krawatte nur bei extremer Bildvergrößerung erkennbar war. Und da in der Muttermilch meiner werten Erzeugerin sich nur intelligenzfördernde Moleküle getummelt hatten, stellte ich das Foto kaum merkbar, dafür um so effektiver unscharf. Selbst der CIA hätte sich daran die Zähne ausgebissen und mir keinen einzigen Schlumpf nachweisen können.

Fertig. Nun, zumindest so gut wie, denn noch fehlte eine aussagekräftige Überschrift für mein Profil. Der Lockvogel gewissermaßen, um Heerscharen an Frauenherzen im Sturm zu erobern. Der Haken an der Sache war nur, dass Kreativität nicht zu meinen Stärken zählt.

„Hallo! Hier bin ich!“

Ja, genau. Extrem originell. Der Nächste, bitte.

“Ich bin ein totaler Kuschelbär!”

Wunderbar! Das klang wie: “Bin impotent und mein Schniedelwutz ist vier Zentimeter lang”

“Ich bin, wie ich bin!”

Und genau das ist mein Problem.

“Ich möchte endlich wieder vertrauen können…”

… und zwar darauf, dass irgend so ein weiblicher Volltrottel tatsächlich auf mich hereinfällt. Hilfe, Gehirn, wo bist du, wenn ich dich mal brauche?

Nach weiteren erfolglosen Versuchen gab ich schließlich auf und zitierte aus „Der kleine Prinz“: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“.

Obgleich künftige Lebenspartnerinnen daraus den Schluss hätten ziehen können, dass man meine Hässlichkeit besser mit augenlosen Organen bestaunte, beließ ich es bei diesem Motto.

Nachdem mein Profil nunmehr angelegt und um einige interessante Übertreibungen modifiziert war, schien es an der Zeit, mich nach Singles umzugucken, die ähnlich verliebenswürdig waren wie ich.

Nach der vierten Tasse Kaffee schlug mein Herz eher aufgrund des darin enthaltenen Koffeins höher, denn wegen der weiblichen Anwärterinnen auf einen kleinen schattigen Platz in meiner Brusthöhle.

Das Profil von Schattenblume30 versprach wenig, hielt diese Versprechen jedoch: „ich darf behaupten eine atraktive frau zu sein“.

Natürlich, schönes Kind, denn wir leben in einer Demokratie und jeder darf behaupten, wonach ihm gerade lustig ist. Wenigstens hätte ich das perfekte Geschenk für sie beim ersten Rendezvous gewusst: Einen Duden.

Bei tausenden Singles zwischen 20 und 30 alleine in meiner Heimatstadt, musste doch ein passender Fisch dabei sein.

„Lizzie111“ machte einen durchaus netten Eindruck, obwohl ich erhebliche Zweifel daran hatte, dass sie, ihrem Foto nach zu urteilen, Liz Hurley ähnlich sah. Anscheinend hatte sie das Bild von irgend einer Website ausgeliehen und hatte es mit einem Bildbearbeitungsprogramm zurechtgestutzt, bis nur noch der Kopf zu sehen war. Erheblich raffinierter wäre es gewesen, die in der oberen Ecke erkennbaren Buchstaben „Liz“ und darunter „Hur“ gleichfalls wegzuschnippeln. Wenngleich ich zugeben musste, dass „Hur“ der männlichen Phantasie freien Lauf ließ.

Der Mann, der mit dem Herzen gut sieht, gab der kleinen Moglerin dennoch eine Chance.

“Was ich mir wünsche: Du solltest tierlieb sein”

Oha! Wimmelte es in ihrer Bude vor Kakerlaken und Silberfischchen?

“Und du solltest verständnisvoll sein”

Wofür sollte ich Verständnis haben? Dass sie ständig ausflippte und ab und zu ihre Partner mit dem Steakmesser ausweidete? Oder doch nur, dass sie Briefmarken sammelte?

„und nicht langweilig sein“

Weil sie das selber war?

„Und natürlich solltest du auch kein Matcho sein, treusein und –“ (blablablabla – dieses Gesülze zog sich länger dahin als ein Schlussplädoyer von Matlock)

Langsam riss mein Geduldsfaden: Wollte sie einen Mann aus der Gegenwart kennenlernen oder wartete sie darauf, dass man einen Neandertaler mit genau diesen Eigenschaften ausgrub?

„Glockenblumes“ Beschreibungen klangen weit weniger anspruchsvoll, wofür ich den Grund rasch herausfand:

“ich habe zwei reizende kinder die einen neuen lieben papi suchen”

Was war bloß mit dem alten Papi geschehen? Hatten sie ihn in den Wahnsinn getrieben? Vielleicht bin ich zynisch, aber Ernährer für ein paar Gören zu spielen, die nicht einmal aus meinem Genpool stammten, kam in meinem persönlichen Wunschkatalog nirgends vor. Beim Lektorat meines Wunschkatalogs bin ich echt pingelig.

Überhaupt schienen Kinder groß in Mode gekommen zu sein. Unter zwei Stück lief bei den meisten Mädels gar nix und vermutlich musste man als Singleaner darauf gefasst sein, dass eine Frau beim ersten Date beiläufig ihre beiden Kinder erwähnte, die sie im Profil verschwiegen hatte; ungefähr so, als würde man ein Auto kaufen und hernach feststellen, dass das Lenkrad, die Sitze und die Reifen im Kaufpreis nicht inkludiert waren.

Ich begann auch, dem Satz „Ich liebe Kinder über alles“ zu misstrauen. Vermutlich wurde man, nach einer verheißungsvollen Einladung in die Wohnung der Herzensdame, von einer lärmenden Horde Kinder empfangen. „Ach übrigens, du magst doch Kinder, oder?“

Nach zwei geschlagenen Stunden des vergeblichen Suchens, stieß ich auf Marijke_2, deren Foto mir auf Anhieb gefiel. Zugegeben, wenn man sie neben Jennifer Lopez stellen und hundert Männer fragen würde, mit welcher der beiden Frauen sie lieber einen Abend verbringen würden, hätte Marijke_2 vermutlich wenig Stress gehabt.

In meinem Kopf hörte ich Kalles keifende Stimme … nein, Moment: Das war doch eher Frau Bohrmanns abendliches Proleten-Gepoltere. Dennoch schämte ich mich für meine fiesen Gedanken, zumal ich selber beileibe kein Brad Pitt bin.

Einige Beschreibungen aus ihrem Profil klangen sogar durchaus sympathisch: “VIele Leute sagen, ich hätte ein extrem interessantes Gesicht“ – gut, objektiv betrachtet war das nicht nur extrem interessant, sondern auch extrem schwammig und nichtssagend. Diese Leute mochten ja plastische Chirurgen sein.

Oder: “Dein Aussehen und dein Alter sind mir nicht so wichtig”

Ach du lieber Himmel! Da konnte man sich ungefähr ausmalen, wie verzweifelt jemand ist, der so etwas schreibt.

Immerhin war sie nur zwei Jahre jünger als ich, hatte sogar einen Job (was darauf hindeutete, dass sie tatsächlich noch keine Kinder hatte), mochte Filme und ein paar jener Bands, die ich auch gut fand.

Der Hinweis, dass sie ein wenig mollig sei, störte mich nicht weiter. Bei einer Größe von 1,70 waren achtzig Kilo kein Beinbruch. Vor allem deshalb nicht, weil ich auch ein paar Pfündchen zu viel angefuttert hatte in letzter Zeit. In letzter Zeit seit der Grundschule, um genau zu sein.

Ahnungslos und treudoof schrieb ich Marijke_2 eine Mail, was mir noch schwerer fiel, als das Anlegen meines Profils. Nach zermürbenden Versuchen, locker-flockig mal eben eine zehnseitige Mail zu verfassen, die originell, witzig und charmant war, musste ich mir eingestehen, dass vielleicht sogar ein Nick Hornby diese Aufgabe nicht innert weniger Minuten bewältigen würde.

Deshalb machte ich es wie vermutlich alle Singleaner: Ein bisschen Schleimen, der zarte Hinweis auf das eigene Profil und die abschließende Hoffnung auf Antwort.

Ende der Leseprobe.

Bestellen Sie das Buch gleich via Amazon oder besuchen Sie die Website für weitere Informationen.