Short Story

Kurzgeschichten mit Links

“Allez Lausanne”

Von Fabio Del Bianco am 3. August 2011 veröffentlicht

FC Basel –Lausanne Sports irgendwann in der Saison 1977/78

Als Fan des damals amtierenden Schweizer Meister, hatte man natürlich Ansprüche. Diese mussten natürlich erfüllt werden. Selbstredend, klar! Zu jener Zeit war ich 14 Jahre alt. Die Samstage gehörten dem FCB; ganz klar! Lausanne Sports war zu Gast im Joggeli. Ob es ein Sieg werden würde stand nicht zur Debatte. Wie hoch der FC Basel gewinnen würde, darüber wurde „gewerweist“. Lausanne war nun wirklich kein Gegner in unseren Augen. Soweit ich mich erinnere regnete es an diesem Abend. Die ersten Minuten in Verbindung mit dem Sch….. Wetter erzeugten bei einigen Fans eine etwas gereizte Stimmung. Lausanne hielt dagegen. Nein, um bei der Wahrheit zu bleiben, die spielten sogar besser als der FCB.

Tatsächlich wagten die es sogar noch in Führung zu gehen. Die Torabfolge weiss ich nicht mehr genau, ist auch nicht so wichtig. Tatsache war, dass irgendwann lang in der zweiten Halbzeit, unser FC Basel mit sage und schreibe 1-4 hinten lag. Was für eine Demütigung. Ich zumindest kannte solche Szenarien nicht. Praktisch immer wurden Heimspiele gewonnen. Zu meiner äussersten Befriedung wurden die Auswärtigen mit Packungen nach Hause geschickt. Die Protagonisten trugen ROT-BLAU. Das war einfach so. Der Gegner stand zwar auch auf dem Platz, doch dieser spielte den Part des Statisten.

Was auch immer an diesem Tag schief lief, es lief gründlich schief.  Das was dann aber ab der achtzigsten Minute im „FCB-Egge“ ablief, hab ich weder vorher, noch Gott sei Dank nachher wieder erleben müssen. Nun, wie es bei meinen „Mit-Fans“ in ihrem Inneren aussah, kann ich nicht genau sagen. Ich auf jeden Fall, war auf das Maximum genervt und enttäuscht. Ein Blick, ein Wort, dann mehrere gegenseitige Blicke und eins oder zwei nicht druckreife Sätze. Die Eigendynamik nahm ihren Lauf.  Der erste, ich war es zu meiner Entschuldigung nicht, begann zu schreien: „Allez Lausanne, allez Lausanne“ Wir Basler neigen eben zu einer gewissen Selbstironie. Der ganze Fan-Block begann inbrünstig, aber auch mit einem verschmitzten Lachen, zu skandieren: „Aaallleeee Looosaaann“

Fürwahr, wir waren in diesem Moment wirkliche Egoisten. Die Mannschaft hatte gefälligst zu gewinnen. Die sollten uns bei guter Laune halten. Die hatten die verdammte Pflicht unseren Selbstwert zu stärken. Für was denn sonst ins Stadion gehen? Wir hatten einfach keine Übung im Verlieren von Heimspielen.

Der Fan des FC Basel sollte später aber noch Übung bekommen. Gut wussten wir das in jenen Tagen nicht. Wir wären wohl vollends zum Gegner übergelaufen!

Nein, natürlich nicht. Im Herzen waren, sind und werden wir auf Gedeih und Verderb FCBeeeler bleiben.

Ihr fragt mich, ob ich mich dafür schäme, dass ich für 10 Minuten ein Überläufer wurde?  Sag ich nicht. Bleibt mein Geheimnis.

Nur soviel; ich habs` ja jetzt gebeichtet. Danke habt ihr zu ge(lesen). Jetzt muss ich aber aufhören. Muss zur Strafe noch zehn „AVE FC BASEL“ aufsagen.

So sei es!

Fabio Del Bianco

 

La Belle et la Bete

Von admin am 15. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Barbara Büchner
Illustration: Pat Hachfeld
Veröffentlicht: Im Buch “Wellensang, Hrsg Alisha Bionda & Michael Borlik, Schreiblust-Verlag”

labelleetlabeteLiebste Adelinde,
nun bin ich also seit sechs Wochen mit dem Scheusal verhei-ratet, und, wie du aus meinem Brief schließen kannst, bislang noch nicht gefressen worden. Wir leben auf seinem Schloss und es geht mir soweit gut. Er hat Geld wie Heu, und es ist gar nicht ungewöhnlich, dass ich ein Diamantring-lein auf meinem Kopfkissen oder ein kleines Collier in der Obstschale finde.
Leider haben die alten Frauen recht behalten, die mich gewarnt haben, dass sich keineswegs alle Monster durch einen Kuss verwandeln. Meiner ist offenbar resistent. Obwohl ich ihn wirklich auf alle erdenkliche Weise und an ganz unbe-schreiblichen Stellen geküsst habe, blieb er ziemlich so, wie er vorher war. Die einzige Wirkung war, dass er nach dem vielen Küssen sehr gut gelaunt war und mit den Zähnen meinen Ärmel packte, um mich ins Bett zu ziehen.
Er ist schrecklich gern im Bett, vor allem, wenn ich ihm vorher die Ohren gerollt habe. Er hat recht hübsche Ohren, mit Haarpinselchen dran wie ein Luchs, und wenn ich sie ihm rolle, schnurrt er immer lauter und will dann sofort ins Bett.
Sicherlich bist du nun außer Atem vor Neugier, wie es in diesen Dingen mit ihm bestellt ist. Es gibt aber nichts Besonderes zu berichten. Er sieht weitgehend so aus wie ein Mann.
Das heißt – soweit ich über Männer Bescheid weiß. Ich muss dir gestehen, ich habe noch nie einen richtig nackten Mann gesehen. Ich lege dir eine Skizze bei, wie es ungefähr aussieht. Kannst du für mich rausfinden, ob das bei anderen Mon-, ich meine Männern auch so beschaffen ist? Übrigens sieht es nicht immer gleich aus, muss ich hinzufü-gen. Für gewöhnlich ist es ziemlich groß und sehr fest und fühlt sich warm an. Aber ein- oder zweimal habe ich bemerkt, dass es kurzfristig ganz klein und schlapp war. Ich war sehr erschro-ken, weil ich befürchtete, ich hätte durch mein ungeschicktes Hantieren irgend etwas daran kaputt gemacht. Aber es wurde bald wieder normal.
Dir kann ich mich ja offenbaren, liebste Adelinde: Diese Dinge verwirren mich sehr. Mein Gatte wollte ja unbedingt eine Jungfrau, aber dass ich so unerfahren bin, hat ihn wohl doch überrascht. Er musste mir richtiggehend erst zeigen, wo bei ihm hinten und vorne ist. (Bei Männern ist das übrigens genau umgekehrt wie bei Hunden: Bei ihnen ist dort, wo der Schwanz ist, vorne). Die ersten Wochen überhäufte er mich mit Lektionen. Ich habe mir die allergrößte Mühe gegeben, ihn zufriedenzu-stellen, aber manchmal war es doch schwierig. Vor allem, weil er ja nicht spricht. Er schnurrt, wenn er zufrieden ist, und wenn er unzufrieden ist, knurrt er und fletscht die Eckzähne, was mich immer aufs heftigste er-schreckt. Wenn er etwas von mir will, legt er mir die Pfote aufs Knie. Dabei hat er mir schon zweimal mit seinen langen Krallen die Strümpfe zerrissen. Er besorgt mir aber immer gleich neue. Finanziell ist er sehr großzügig. Als er mein Spitzenhöschen in Fetzen riss, hat er mir noch am selben Abend ein neues geschenkt.
Ich habe jetzt begonnen, alles in ein kleines silbernes Büchlein einzutragen, was ich von ihm lerne, damit ich es keinesfalls wieder vergesse. Um mir die richtige Körperhal-tung einzuprägen, mache ich Skizzen dazu. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass eheliche Pflichten so kompliziert sind. Irgendwie schwebte mir vor, dass es sich um einen einfachen und kurzfristigen Vorgang handelt. Du siehst, wie naiv ich bin! Von einfach kann keine Rede sein. Es gilt, sehr viele verschiedene Stellungen im Kopf zu behalten, so dass ich ohne meine Notizen völlig verloren wäre! Erst erschrak ich, als mein Gatte mich einmal bei der Arbeit an diesem Büch-lein überraschte, aber er war keineswegs ärgerlich, sondern stupste mich freundlich mit der Nase an und bedeu-tete mir, nur recht fleißig weiterzumachen.
So tue ich also mein Bestes, ihm eine gute Ehefrau zu sein, obwohl mir der Sinn der ehelichen Pflichten nach wie vor völlig rätselhaft ist. In meiner Hochzeitsnacht war ich ganz außer mir vor Angst und Schrecken, weil ich be-fürchtete, das seltsame und aufgeregte Verhalten meines Gatten würde darin gipfeln, dass ich zerrissen und gefressen wurde. Das war jedoch nicht der Fall. Ich befürchtete erst, ich sei ihm vielleicht widerwärtig. Ich hatte nämlich den Eindruck gewonnen, dass er mich an verschiedenen Körperstellen kostete, sich aber nicht entschließen konnte, mich zu fressen.
Mir stiegen bereits die Tränen in die Augen bei dem Gedanken, ungenießbar zu sein, als ich bemerkte, wie er zufrieden schmatzte und sich die Lippen leckte. Welch ein Stein fiel mir vom Herzen, liebste Adelinde! Obwohl ich dir offen sagen muss, dass ich nicht gerne in Stücke gerissen würde, hätte es mich doch sehr gekränkt, so überhaupt kein Wohlgefallen zu finden.
Aber vermutlich habe ich alles ganz falsch verstanden – er kostet nämlich immer wieder, und zwar sehr ausgiebig, beißt aber nie auch nur das kleinste Stückchen ab. Vielleicht ist sein Jagdtrieb schon ein bisschen verkümmert. Oder er ist so überfüttert, dass er keinen Appetit mehr auf Frauenfleisch hat. Ich muss dir jedenfalls sagen, dass mir sein Verhalten bis heute völlig sinnlos erscheint. Ich kann keinen Zweck darin erkennen. Allmählich frage ich mich, ob er das alles am Ende nur der Annehmlich-keit wegen tut.
Ich muss dir ins Ohr flüstern, liebste Freundin: Es ist tatsäch-lich eine Annehmlichkeit. Anfangs habe ich das gar nicht so bemerkt, aber es wird von Mal zu Mal erfreuli-cher. So sehr, dass ich es gestern gewagt habe, ihn mit den Zähnen am Ärmel zu packen und zum Bett zu ziehen. Er war etwas überrascht, verhielt sich aber durchaus wohlwollend. Zuletzt leckte er mir ausgiebig die Nasenspitze ab, was ein Anzeichen für sehr gute Laune ist.
Übrigens darfst du keineswegs annehmen, dass er auf Grund seines ungewöhnlichen Äußeren etwa roh oder herzlos wäre. Weit gefehlt! Er ist überaus empfindsam, zärtlich und liebesbedürftig. Nie werde ich die zarte Geste vergessen, mit der er mir am Morgen nach jener turbulenten Hochzeitsnacht sein Geschenk auf die Bettdecke legte. Zwar muss ich dir gestehen, dass ich seinen Liebesbeweis im ersten Augenblick nicht im vollen Umfang zu schätzen wusste – wie einfältig und zimperlich bin ich doch manchmal! Aber dann hielt ich mir vor Augen, dass er diese Ratte ganz allein für mich erlegt und mir gebracht hatte, ohne auch nur das winzigste Stück-chen davon zu fressen – obwohl es eine ausgesucht fette und leckere Ratte war -, und das rührte mir doch sehr das Herz.
Du siehst also, dass es gar nicht so schlimm ist, mit einem Scheusal verheiratet zu sein. Natürlich macht er viel Arbeit. Ich muss ihn jeden Tag kämmen und bürsten und ihm die Nägel feilen. Da ist er überaus heikel. Ein abgebrochener Nagel ist hier eine Katastrophe! Außerdem muss ich ihn im Bad bürsten, ihm die Mähne waschen, ihn sorgfältig trocken- rubbeln und auf seine Ohren achten, die sehr empfind-lich und für Erkältungen und Ungeziefer anfällig sind.
Trotzdem könnte diese Arbeit rasch erledigt sein, wenn er meine Bemühungen nicht immer wieder zunichte machen würde! Kaum habe ich ihn einigermaßen glatt gebürstet, gerät er in verspielte Stimmung und will ins Bett. Nachher ist er dann so verschwitzt und verfilzt, dass ich mit dem Baden und Bürsten von vorne anfangen muss. Ja, wie sagt man doch: A womans work is never done.
Natürlich wusste ich schon von meinem lieben Herrn Vater, dass alle Männer ihre kleinen Schrullen und Spleens haben, denen man als friedliebende Frau besser nachgibt, und mein Gatte macht da keine Ausnahme. Bei-spielsweise ist er sehr mäkelig beim Essen. Vom Gekoch-ten hält er gar nichts, alles muss recht frisch sein und wird deshalb erst bei Tisch zubereitet. Bei den Fischen – die er sehr gerne mag – kann ich mich noch daran gewöhnen, aber die Hühner! Dieses hysterische Gegacker und Geflatter, und dann die Haufen von blutigen Federn – die übrigens sehr mühsam zum Wegputzen sind, da sie sich überall hinter den Möbelstücken verkriechen.
Da wir gerade von Möbelstücken reden: Unsere Wand-teppiche, Sofas, Diwans, Chaiselongues und gepolsterten Sessel sind zwar ausnahmslos alt und kostbar, aber nach allem, was ich dir über das Wesen meines Gatten erzählt habe, kannst du dir vorstellen, wie sie aussehen!
Nun muss ich aber diesen Brief schließen. Mein Gatte wird bald heimkommen, und heute bin ich an der Reihe, mir eine Seite aus dem silbernen Büchlein aussuchen zu dürfen! Wir machen das jetzt täglich abwechselnd, was ich sehr tolerant und rücksichtsvoll von ihm finde. Ich glaube, ich werde Seite 27 nehmen, deren Inhalt ich dir aber nun wirklich nicht in Einzelheiten beschreiben kann.
Es grüßt und küsst dich,
deine dich liebende Freundin Lucinde

Blutzoll

Von admin am 14. Mai 2009 veröffentlicht

Autorin: Alisha Bionda
Illustration: Andrä Martyna
Veröffentlicht: Im Buch “FUTTER FÜR DIE BESTIE

blutzollSie war gefangen. Und verloren. Die Mauern des Drudenhauses konnte selbst sie nicht durchdringen. Und sie war nicht die Einzige hier. Sie hatte die verzweifelten Schreie der Frauen gehört, als man sie in ihre Zelle geführt hatte. Schreie und Flüche. Weinen und Betteln. Verzweiflung und Ohnmacht. Sie waren alle unschuldig. Nicht eine von ihnen hatte dem Fürsten gedient. Bambergs Hexenkommissar, der schon vierhundert Frauen hinrichten ließ, war blutdürstiger und unmenschlicher als all die Frauen, die er der Hexenschaft bezichtigte. Anna Hansen seufzte. Auch sie würde sterben. Das wusste sie. Aber sie würde wiederkommen. Das machte ihr alles leichter. Sie hatten sie gefoltert. Hatten das Geständnis aus ihr herausgepresst. Ihre Achselhöhlen schmerzten unerträglich. Dort, wo man sie gebrandmarkt hatte. Auch ihre Brüste waren nicht von den glühenden Zangen verschont geblieben. Anna schloss die Augen, lehnte sich entkräftet an die kalte Steinwand ihrer Zelle und rutschte haltlos daran hinab. Sie blieb auf dem feuchtkalten Boden sitzen und gab sich dem Schmerz hin. Im Morgengrauen würde man sie auf den Scheiterhaufen führen. Sie den züngelnden Flammen des Feuers übergeben. Aber sie würde wiederkehren. Ihre Seele konnten sie ihr nicht nehmen. Die würde neu geboren werden. In einer anderen Frau. Anna lächelte entrückt. Sie lächelte noch, als sich einige Stunden später die Feuerzungen durch ihr Fleisch fraßen und ihren Geist endgültig auslöschten …

Waleah wurde abrupt in die Wirklichkeit zurückversetzt. Sie erwachte durch ihren Schrei, der wie ein Messer die Stille der Nacht durchschnitt. Benommen setzte sie sich auf und tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe. Doch das Licht, das wenig später aufflackerte, schenkte ihr keinen Schutz. Selbst in einem Kreis durchtrainierter Leibwächter hätte sie sich nicht sicher gefühlt. Schuld daran war der Traum, der sie jede Nacht heimsuchte. Und das seit Wochen.
Sie wusste nicht einmal mehr, wann genau es begonnen hatte. Als dieser regelmäßige Alptraum dann allmählich zur Gewohnheit wurde, hoffte sie, dass er dadurch an Bedrohlichkeit verlor. Aber so war es nicht. Ganz im Gegenteil. Er ängstigte sie immer mehr. Damit nicht genug. Er ließ sie auch nicht los, wenn die Sonne aufging. Schickte ihr verwirrende Tagträume. Und eine Stimme, die nicht hinter ihre Stirn gehörte, die sich aber nicht vertreiben ließ. Die unaufhaltsam auf sie einsäuselte. Nicht wohltuend oder gütig. Nein, fordernd und höhnisch.
Das verunsicherte sie.
Waleah hatte nicht nur einen ungewöhnlichen Namen, sie war auch eine außergewöhnliche Frau. Sie stand mit beiden Beinen im Leben. War durch nichts zu erschüttern. Durch fast nichts. Sie war schon immer wissbegierig gewesen. Wollte schon immer an Grenzen stoßen. Sich und die Welt hinterfragen. Sobald sie lesen konnte, nutzte sie die Welt der Bücher, um ihre blühende Phantasie auf Reisen zu schicken. In fremde Welten, Kulturen oder unbekannte Völker einzutauchen. Sie las seit ihrer frühesten Kindheit. So viel, dass sie den Großteil ihrer Bücher an ihre Freunde weitergab. Die Trudenzeitung war das einzige Dokument, das sie wie ein Heiligtum hütete. Das Nachrichtenblatt des 16. Jahrhunderts, das sie in einer alten Bibliothek erstöbert hatte, dokumentierte die Hexenverfolgung in Bamberg in all ihren blutigen Einzelheiten. Mehr noch; sie verleitete Waleah das erste Mal in ihrem Leben dazu, etwas Unrechtes zu tun. Sie stahl das alte Dokument. Ohne den Hauch von Reue. Als wisse sie, dass die Zeitung nur auf sie gewartet habe. Jeder Satz, jedes Wort, jede Zeichnung saßen in Waleahs Kopf fest. Sie wusste nicht wie oft sie sie gelesen hatte. Aber wenn sie mitgezählt hätte, wäre sie spielend auf eine dreistellige Zahl gekommen. Was sie besonders beschäftigte, war eine – von wem auch immer – angekreuzte Stelle, die besagte, dass man durch Alpträume zu einer Hexe werden konnte. Doch daran wollte sie nicht so recht glauben. Auch wenn sie mit ihren zunehmenden Träumen eine Veränderung in sich verspürte. Sie nahm ihr Umfeld deutlicher wahr. Es trieb sie nachts häufiger aus dem Haus. Hinaus in den angrenzenden Park. Sie, die der Natur nie sonderlich Beachtung geschenkt hatte, liebte es plötzlich, nachts den Wind in ihrem offenen Haar zu spüren. Wenn sie sich unbeobachtet fühlte, legte sie sogar ihre Kleidung ab und überließ sich so der kühlen Nachtluft und dem Mondlicht.
Sie war eine moderne Stadthexe geworden. Ohne ihr Zutun. Zuerst ablehnend, dann immer freudiger. Immer begieriger, ihre neuen Möglichkeiten auskostend. Auch wenn sie nach dem alten Glauben dadurch mehr und mehr eine Verbündete des Dunklen Fürsten wurde. Aber das war ihr nicht bewusst.
Bis zum nächsten Traum.

Der Boden erzitterte. Als galoppiere eine in Panik versetzte Wildpferdeherde auf sie zu. Schnauben erfüllte die Luft. Ohrenbetäubende Flüche hallten in ihren Ohren. Wildes Hundegebell begleitete die Geräuschwand, die sich auf Waleah zu bewegte. Sie erstarrte. Panik machte sich in ihr breit. Sie stand ihm schutzlos ausgeliefert – dem Wilden Heer.
Peitschenknallen kündigte es an – ebenso wie derbes Gelächter. Waleahs angsterfüllter Schrei ging darin unter. Sie wusste, wie blutrünstig sie waren. Die nächtlichen Reiter. Es war die Horde, vor der sich alle fürchteten. Die mit teuflischer Macht Unheil über die Welt brachte. Die aus der Vorhölle entsprungen war. Wo die Reiter auftauchten, blieb ein Ort der Verwüstung zurück. Entwurzelte Bäume und Büsche. Verstümmelte Opfer, die den Hufen der Pferde und Gebissen der Hunde nicht entgangen waren. Schon in den Geschichtsbüchern war festgehalten worden, dass die Horde teuflische Mächte repräsentiert hatte.
Waleah taumelte bei dem Gedanken.
Stimmen wurden laut. Stimmen, die eindeutig heller waren und nicht zu dem Wilden Heer gehörten. Dann waren sie heran. Die Todesreiter. Auf schwarzen Pferden mit stolz gebogenen Hälsen und wallenden Mähnen. Die dunklen Umhänge der Reiter wehten wie Flaggen einer Todesschwadron hinter ihnen her.
Und dann sah Waleah sie.
Die Kinder.
Mit eingefallenen Gesichtern und aufgerissenen Augen, aus dunkel umrandeten Höhlen.

Waleah schrie noch, als sie erwachte.
Es stimmte. Es stimmte alles. Das Wilde Heer und die vor der Taufe verstorbenen Kinder. Es gab sie. Es gab sie wirklich. Alles, worüber sie in der Trudenzeitung gelesen hatte, war wahr. Und sie wusste, was es bedeutete, wenn einem die Todesreiter im Traum erschienen. Mit den ungetauften Kindern.
“Alles Blödsinn”, versuchte sie sich zu beruhigen und stand vom Bett auf, um ins Wohnzimmer zu gehen.
Es klopfte an der Tür.
Wer konnte das zu nachtschlafender Zeit sein?
Waleah öffnete. Niemand stand vor der Tür. Sie wollte sie bereits wieder schließen, als ihr Blick zu Boden glitt. Ihr stockte das Blut in den Adern. Auf der Fußmatte lag ein dunkles Etwas. Ein blutiges, dunkles Etwas. Es war der schwarze Kater ihres Nachbarn. Oder das, was noch von ihm übrig war. Waleah spürte, wie sich ihr Magen hochschraubte, und lief ins Bad. Erbrach sich dort lautstark. Dann setzte sie sich auf die kalten Bodenfliesen und schüttelte den Kopf. War auch das ein Traum?
Ja, so musste es sein. Sie zog sich am Waschbecken hoch, ging zurück an die Tür und öffnete sie zögernd.
Es war kein Traum.
Der kleine Kadaver lag immer noch auf der Matte. Waleah ging in die Hocke und fuhr vorsichtig mit der Hand über das Fell. Es war noch warm. Der Tod konnte noch nicht lange eingetreten sein. Waleah schluckte. Wie oft war ihr der Kater zur Begrüßung um die Beine geschlichen. Etwas Weißes schimmerte zwischen dem Fell. Genaugenommen aus seinem halb geöffneten Maul. Waleah zuckte zusammen, als habe sie eine Faust getroffen. Dann nahm sie all ihre Überwindungskraft zusammen und zog den Zettel vorsichtig zwischen den Zähnen des Tieres hervor. Sie rollte das Papier auseinander und betrachtete die merkwürdigen Schriftzeichen, mit denn sie nichts anfangen konnte, die sie aber kannte.
Nur woher?
Die Trudenzeitung!
Dort lag des Rätsels Lösung. Dort hatte sie die Schriftzeichen gesehen. Waleah schlug nach einem letzten Blick auf den kleinen Kadaver die Tür zu und ging – nein rannte – in ihr Arbeitszimmer. Dort bewahrte sie die Zeitung auf. Hektisch blätterte sie darin, bis sie die gesuchte Stelle gefunden hatte, und las laut: “Um einer anderen Person einen Alptraum zu schicken, schreibe man einen geheimen Spruch mit dem Auszug aus Myrrhe auf eine Tafel. Man schreibe den Text ebenfalls auf Papier und stecke ihn in das Maul einer getöteten schwarzen Katze.”
Waleah verstummte. Ihr wurde schwindelig. Was geschah hier? Was geschah mir ihr? Und vor allem, wer schickte ihr diese Träume und warum?
“Es muss ein Ende haben”, murmelte sie. “Ich muss etwas dagegen unternehmen.”
Sie hatte in einem Buch über Hexen gelesen, dass man sich vor einer Verhexung schützen konnte, indem man einen magischen Kreis als Amulett trug. Und sie war verzweifelt genug, es zu versuchen. Der tote Kater hatte den Alpträumen und der Veränderung, die sie in sich spürte, die Krone aufgesetzt.

Waleah hatte bis zum Morgengrauen gezeichnet. Hatte den magischen Kreis auf Pappe gebannt und ausgeschnitten. Das dilettantische Amulett dann mit einer Lederschnur um den Hals gebunden. Irrwitzigerweise fühlte sie sich besser, als sie die schnöde Pappe auf ihrer Haut unter dem Shirt spürte. Sie fühlte sich so sicher, dass sie wieder ins Bett kroch, um zumindest noch ein wenig Schlaf zu finden.
Maliziöses Kichern erklang, “Du kannst dich noch so wehren, es wird dir nichts nützen. Denn du gehörst jetzt uns. Und du entgehst uns nicht. Versuchst du es dennoch, werden wir dir eine empfindliche Strafe erteilen. Bleibst du aber ein Teil unserer Schwesternschaft, wirst du mächtiger als je eine von uns zuvor.”
Waleah stöhnte im Schlaf. “Nein”, murmelte sie und wälzte sich unruhig in ihrem Bett herum. “Ich will das nicht. Ich will keine von euch sein.”
Das Kichern erklang erneut. “Unwürdige, du weißt, wie du dich und deine kümmerliche Seele retten kannst.” Ja, Waleah wusste es. Sie wollte es jedoch nicht akzeptieren. Doch die Stimme fuhr bereits fort. “Du musst den Blutzoll erbringen. Dann bist du frei. Bring uns Evelinas Kind!”

Bring uns Evelinas Kind … bring uns Evelinas Kind, hallte es noch in Waleahs Ohren, als sie erwachte. Evelina war ihre beste Freundin. Sie hatte vor zwei Wochen ein gesundes Mädchen entbunden. Waleah liebte das Kind. Es den teuflischen Mächten auszuliefern, erschien ihr undenkbar. Dann bist du verloren, kicherte die Stimme in ihr, und dieses kleine Wesen weiß noch nichts von der Welt. Es wird nicht einmal spüren, was mit ihm geschieht, fuhr sie ketzerisch fort.
Waleah stöhnte. Nein, es musste einen anderen Weg geben. Sie konnte und durfte Evelinas Kind nicht gefährden. Nicht opfern um ihrer eigenen Seele willen.
Die Stimme erklang wieder. “Bring uns das Kind. Bring mir das Kind! Und du bist frei!”
Waleah stieß einen zornigen Laut aus. Sie wusste, wer ihr den Befehl ins Hirn gepflanzt hatte. Anna Hansen. Sie hatte über die Frau gelesen. In der Trudenzeitung. Wusste, dass diese, bevor sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt war, Bamberg verflucht und ihre Wiederkehr angekündigt hatte.
Die Stimme in ihr kicherte. “Ja, und dieser Zeitpunkt ist nun gekommen. Du bist die Geeignete für meine Rache.”
“Welche Rache?”, wollte Waleah schreien, aber der Satz formte sich nur hinter ihrer Stirn.
“Du wirst Unheil über diese Stadt bringen”, kicherte es weiter. “Großes Unheil. Über die Stadt und die Nachfahren des Bamberger Hexenbischofs.”
Waleah hielt es nicht mehr in ihrer Wohnung aus. Mit einem erstickten Schrei floh sie aus dem Bett, warf sich einen Mantel über und verließ das Apartmenthaus.

Sie konnte der Stimme nicht entgehen. Weder ihr noch dem Wesen und der Seele, die ihr Ausdruck verlieh. Waleah spürte in den folgenden Tagen immer deutlicher den mentalen Druck. Sie hatte der unbekannten Macht, die von ihr Besitz ergriffen hatte, nichts entgegenzusetzen. Jene Macht, die ihr immer quälendere Alpträume schenkte. Sie keine Nacht schlafen ließ und sie so zermürbte und den letzten Funken ihres Geistes unterwarf. Waleahs Seele, die zu Anfang der Alpträume nur gespalten war, erlosch immer mehr. Zwar flackerte sie hin und wieder auf, war aber chancenlos gegen die uneinschätzbare Größe, die von ihr Besitz ergriffen hatte. In ihr erwuchs eine andere, stärkere Seele heran. Eine, die noch zur Untätigkeit verdammt war, aber darauf brannte, zu neuem Leben erweckt zu werden.
Waleah war dem Druck nicht mehr gewachsen. Ebenso wenig der Stimme hinter ihrer Stirn. Sie wollte sie loswerden. Wollte sie nicht mehr hören. Oft presste sie die Hände gegen Ohren und Stirn und rief: “Hör auf! Hör endlich auf!”
Mitleidige Blicke ihrer Mitmenschen waren die Antwort. Und ein bösartiges Kichern hinter ihrer Stirn. Als Waleah dann eines Nachts die Brandnarben auf ihren Brüsten und unter ihren Achseln entdeckte, hielt sie es nicht mehr aus. Sie fuhr zum Haus ihrer Freundin, öffnete mit ihrem Zweitschlüssel und schlich sich ins Kinderzimmer, um Evelinas schlafende Tochter mit sich zu nehmen.

“Gut so!”, erklang die Stimme. Dieses Mal sehr zufrieden. “Leg das Kind auf den Altar!”
Waleah nickte und bewegte sich wie eine Marionette auf den Steinaltar zu. Legte das Kind, das sie aus blauen Augen anstrahlte, darauf ab. Schatten formierten sich von einer Sekunde auf die andere um den Altar herum. Gestaltlose Hände griffen nach dem kleinen Körper. Alles ging blitzschnell. Waleah sah etwas Silbriges aufblitzen, gefolgt von einem Strahl pulsierender Flüssigkeit. Ihr geknechteter Geist bäumte sich ein letztes Mal auf. Wollte sich auflehnen und zerbrach.
Endgültig.
Es wurde dunkel um sie und in ihr. Sie spürte nicht einmal, wie sie zu Boden sank. Aber sie hörte die Stimme, die sie hasste wie nichts auf der Welt, zufrieden rufen “Endlich!”.

Sie hatte sie betrogen. Diese Frau, die sich Anna nannte. Sie hatte ihr versprochen, sie zu verschonen, wenn sie ihr das Kind brachte. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Sie war nun eine von ihnen. Nein, dachte Waleah, das bin ich nicht. Ich muss nur aufwachen und der Spuk ist vorbei. Ein für alle Mal. Und dann werde ich diese Zeitung verbrennen. Sie wie Anna Hansen dem Feuer übergeben.
Sturm brandete auf.
Und dann hörte sie ihn. Den Hufschlag. Das Herannahen wilder Pferde. Hundegebell. Sie kamen. Sie kamen, um sie zu holen. Waleah schrie. Schrie sich ihre rettungslos verloreneSeele aus dem Leib. Es ist zu spät, hämmerte es triumphierend hinter ihrer Stirn. Sie wollte aufwachen. Endlich aufwachen. Aus diesem Traum. Diesem immer wiederkehrenden Horror. Doch sie wusste längst, dass es zu spät war. Sie hatte den Blutzoll erbracht. Anders, als sie es sich ausgemalt hatte. Sie hatte das Blut des ungetauften Kindes getrunken. Schlimmer noch, zugesehen, als es sein unschuldiges Leben aushauchte.
Dann waren sie heran.
Dieses Mal wurde das Wilde Heer von keinem männlichen Reiter angeführt. Es war eine Frau. Anna Hansen. Waleah wusste es in dem Augenblick, als sie die hochaufgerichtete Gestalt auf dem Pferd erblickte. Sie wehrte sich nicht einmal, als Anna sie mit den Worten “Willkommen, Schwester” auf ihr Pferd zog und im wilden Galopp mit ihr davonstob.