Von admin am
5. Juni 2009 veröffentlicht
Autorin: Alisha Bionda
Illustration: Gaby Hylla
Veröffentlichung: Der Band ist für Juni 2010 in der SEVEN FANCY-Reihe im “Sieben Verlag” geplant.

Ich sitze in meinem Lieblingspub und schlürfe gelangweilt an einem Drink. Gerade befällt mich der Gedanke, dass es mal wieder an der Zeit wäre, einen kernigen Mann kennenzulernen. Als habe eine höhere Macht meine Gebete erhört, taucht einer dieser Bilderbuchtypen auf.
Gutaussehend und sehr von sich überzeugt.
Er bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit. Sein kundiger Blick ist der eines Jägers und Sammlers. Er hat mich sofort im Visier. Gekonnt versenken sich seine dunklen Augen wie Angelhaken in meine. Ich schaffe es nicht, mich dem hypnotischen Einfluss zu entziehen.
Versuche ich es überhaupt?
Vielleicht, handele ich.
Nein, gestehe ich. Im Anfall eines jähen Ehrlichkeitswahns.
Warum sollte ich auch? So ein Mann begegnet mir nicht alle Tage. Ich umklammere das Cocktailglas. Verschlucke fast den Strohhalm zwischen meinen Lippen.
Der Bilderbuchmann tritt an meinen Barhocker. Er hält sich nicht mit langen Reden auf. Mit gänsehäutiger Stimme bittet er um meine Telefonnummer, die er Sekunden später in seine Brieftasche steckt. Und besitzt dabei die stimulierende Arroganz eines Mannes, der weiß was er will: Mich.
Ich hingegen sitze wie ein hypnotisiertes Kaninchen da, das wenig später von der Schlange verschlungen wird.
„Ich rufe mal an, Baby”, sagt er lässig und schlendert einfach weiter.
An guten Tagen hätte ich ihm etwas Saftiges hinterhergerufen. Er ist einer der Machos, die ich nicht ausstehen kann. Zumindest öffentlich. Doch heute ist einer der vielen “schlechten” Tage. Da nehme ich seine Masche kommentarlos hin. Sie gefällt mir allen Ernstes noch. Er ist genau der Typ Mann, auf den ich gnadenlos abfahre und immer wieder hereinfalle. Geradezu hereinfallen will.
„Lass die Finger von ihm”, rät mir Susan einige Stunden später. Nachdem ich ihr minutiös von ihm berichtet habe. Auch sein Name bleibt ihr nicht verborgen. Wenn mich etwas oder jemand begeistert kann ich äußerst präzise sein.
„Weißt du denn nicht das Neuste?” , fragt sie scharf.
Natürlich weiß ich es nicht. Mein Gesichtsausdruck verrät das überdeutlich. Lange bevor mein Mund einen Satz formulieren kann. „Er ist ein unermüdlicher Schürzenjäger. Ein Macho der ganz üblen Sorte. Frag Corinna. Sie ist auch auf ihn hereingefallen”, fährt Susan fort.
Woher weiß sie so etwas immer?
Corinna ist die mit Abstand souveränste Frau, die ich kenne. Die läßt sich sonst kein X für ein U machen. Und sie soll auf ihn hereingefallen sein? Mein Selbstbewusstsein schrumpft auf Setzkastenformat. Aber nur für eine Minute. Oder zwei. Oder drei. Gottlob besitze ich angeborene Unerschütterlichkeit. Die kämpft sich schnell wieder an die Oberfläche.
„Lass deine Unkenrufe. An mir wird er sich die Zähne ausbeißen!“, prahle ich. „Schließlich bin ich ja nicht von gestern!”
Die Diskussion wird endlos. Ich beende sie mit dem blödsinnigen Satz: „Ich möchte noch einmal einen richtigen Mann haben bevor ich das Zeitliche segne.”
Da bin ich bei Susan aber an der richtigen Adresse. Sie hält mir kühl entgegen. „Gratuliere, dafür hast du laut Statistik noch 37 Jahre.”
Mit ihr ist an diesem Abend nicht gut Kirschen essen. Sie steht auf und entzieht mir ihre Gesellschaft. Ich bin gedanklich meilenweit weg. Merke kaum, dass sie geht. Unablässig kreisen meine Gedanken um die Frage, wie ich dieses Prachtexemplar von Mann für mich gewinnen kann. Verbringe in meiner Phantasie mit ihm schon die ein oder andere Nacht. Dafür würde ich barfuß über scharfkantigen Schotter laufen.
Vielleicht kann mir Jojo auf die Sprünge helfen. Er ist nicht nur jung und angesagt, er ist auch Männern zugetan. Wenn Sie verstehen was ich meine. Wenn Jojo nicht weiß, wie ich einen Mann erobern kann, wer dann?Also rufe ich ihn an. Er ist auch nicht gut drauf. Weiß keinen Rat.
Das auch noch!
Ich steige frustriert ins Bett. Kann nicht schlafen. Trinke Galonen heißen Kakao und dusele endlich ein. Nachts quälen mich Träume so heiß wie Peperoni. Von ihm. Von seiner Leidenschaft, so explosiv, dass ich endlich das Prinzip der Kernfusion begreife. Als ich erwache spüre ich noch den Taumel überirdischer Wonne in mir.
Wie soll das nur weitergehen?
Da ruft er mich an. Kündigt seinen Besuch an. Mir zittert alles was an einem Körper zittern kann. Bis er endlich bei mir eintrifft laufe ich wie eine Tigerin durchs Haus. Dann ist er da. Steht vor mir. Ich werfe ihm einen schmachtenden Blick nach dem anderen zu. Verfluche mich zwar insgeheim dafür, aber ich warte nur darauf, dass er mich endlich im Sturm erobert. Sehe ihm gebannt entgegen. Meine Erwartungen müssen wohl überdeutlich in meinem Blick zu sehen sein. Immerhin habe ich gedanklich schon mindestens 37 Stellungen mit ihm ausprobiert.
Das verunsichert ihn.
Seine Machoenergie verpulvert vor meinen Augen. Und ich verliere augenblicklich das Interesse. Immerhin wollte ich einen richtigen Mann, keinen Jammerlappen. Keinen, der bei meinem forschen Blick, gleich in sich zusammenschrumpft. Zu einem Durchschnittstypen. Die haben mich immer schon gelangweilt. Davon hatte ich mehr als genug.
Wieder nichts, denke ich. Frage mich frustriert, warum Vorfreude wirklich immer die bessere Freude sein muss.
Ist das nicht ungerecht?
Von admin am
22. Mai 2009 veröffentlicht
Autorin: Alisha Bionda
Illustration: Gaby Hylla
Veröffentlichung: Der Band ist für Juni 2010 in der SEVEN FANCY-Reihe im “Sieben Verlag” geplant.

Für Bea, die Rubensfrau, die Patin für diese Geschichte stand
„Ich habe Cellulitis!“
Mit solch derben Begrüßungen darf ich Susan nicht kommen. Sie setzt ihre Gouvernantenmiene auf und betritt die Diele meines Hauses. Geht strammen Schrittes in die Küche. Hängt dort akribisch genau ihren Blazer über die Stuhllehne, angelt nach einer Zigarette und setzt sich. Eindeutig alles Verzögerungstaktiken um mich aus der Ruhe zu bringen. Was ihr vortrefflich gelingt.
Ich stoße einen unwilligen Laut aus. „Und mein Busen erliegt immer mehr der Schwerkraft. Was soll ich nur machen? Die Zeit arbeitet eindeutig gegen mich!“
Susan kommentiert mit zwei nüchternen Sätzen meine Klagen. „Jammere nicht ständig herum, sondern ändere es. Geh endlich in ein Fitness-Studio.“ lautet ihr gnadenloser Ratschlag.
Sie hätte wenigstens eine fromme Lüge à la ‘Du-siehst-doch-toll–aus’ loslassen können. Aber dann wäre Susan nicht Susan.
Ich nehme sie und mich am nächsten Tag beim Wort und suche ein Studio. Werde sogar fündig. Schließe dort gleich einen Jahresvertrag ab. Schließlich wird es einige Zeit dauern, bis ich von einer ausladenden Walküre zur zarten Twiggy geschrumpft bin.
Der erste Trainingstag steht an.
Ich betrete nach mehreren Anläufen das Studio. Bekleidet mit Leggings und meinem bonbonfarbenen Lieblings-Shirt.
Glitzerklösschen nennt mich Jojo darin immer.
Aerobic ist angesagt.
Da stehen sie. Die Kursteilnehmerinnen.
Mein entsetzter Blick schweift über die Gertenschlanken. Alles leichtfüßige Gazellen. Und ich? Der einzige Panzer in einem Heer von Streichholzsoldatinnen.
Heftiges Getuschel, das verstummt, als ich näherwalze, begrüßt mich. Abschätzende Blicke der Vorzeigefrauen beäugen jeden meiner Schritte. Mir entgeht das schadenfrohe Glitzern darin nicht.
„Hallo, man nennt mich Glitzerklösschen“, gehe ich betont witzig zum Angriff über. Ich kann es förmlich in den Köpfen arbeiten hören. Was will die denn hier? Bei der ist doch eh Hopfen und Malz verloren. Ich ignoriere die Blicke und gebe mich betont fachmännisch. Prüfe den Sitz meiner Pulswärmer, zupfe an dem Stirnband herum und ziehe das Shirt fast bis in die Kniekehlen. Dabei brabble ich unverständliches Zeug vor mich hin, um meine Unsicherheit herunterzuspielen.
Der Versuch mißlingt. Natürlich.
Rädelsführerin Blondie mit der Kate-Moss-Figur und eine Rotgefärbte lachen sich ins Fäustchen. Sie geben sich nicht einmal die Mühe, ihre Stimmen zu senken.
„Glitzerklösschen, … dass ich nicht lache. Die ist ja eher ein ausgewachsener Kloß.“
Ich spüre selbigen in meinem Hals und leuchtende Tomatenröte vor Empörung auf den Wangen. Sterbe dabei tausend Tode. Bloß nichts anmerken lassen, denke ich und trete an eine Trainingsbank. Nehme zwei Gewichte in die Hand und mime die Sportliche. Nach vier Übungen beginnt mein Tri-oder-Was-weiß-ich-Zeps zu zittern. Ich halte das Gewicht nicht mehr. Mit großem Getöse entgleitet es mir, sucht sich zielsicher und böswillig seinen Weg auf meinen Fuß. Landet dort mit Brachialgewalt.
Ich stoße einen Schrei aus, der selbst die chinesischen Reisbauern erreicht. Kecke Schmerzkobolde tanzen vor meinen Augen. Gefolgt von bunten Sternen-Schleiern. Dann Schwärze, die mich hinab auf den Boden zieht.
Stimmen fließen an mir vorbei:
„Die rührt sich nicht mehr.“
Will ich auch nicht.
„Sie wird doch nicht etwa—?“
Tot sein? Auf keinen Fall!
„Wir müssen einen Arzt holen.“
Das würde ich ihnen auch raten.
Der Arzt ist eine Augenweide. Blondie fallen ihre fast aus den Höhlen. Doch er hat nur Blicke für mich, ähm, meinen Fuß. „Wie heißen Sie?“, fragt seine sonore Stimme, die an mir abtropft wie Honig.
„Glitzerklösschen“, antworte ich schwachsinnigerweise, benebelt vom Schmerz und den Berührungen seiner feingliedrigen Hände.
Sein Lachen läßt die Halle erbeben. „Wie nett“, sagt er allen Ernstes. Es folgen medizinische Daten. Ich höre nur, dass er einen Hausbesuch bei mir machen wird. Da könne man sich auch noch einmal über das Glitzerklösschen unterhalten, bemerkt er noch. Und fügt den beglückenden Nachsatz hinzu: „Die mag ich nämlich!“
Jetzt quellen Blondies Augen endgültig hervor. So wie bei einem aufgeblasenen Frosch. Man könnte sie glatt mit einem Stöckchen abschlagen. So weit stehen sie aus den Höhlen.
Und ich strahle wie ein Honigkuchenpferd.
Von admin am
19. Mai 2009 veröffentlicht
Autorin: Alisha Bionda
Illustration: Gaby Hylla
Veröffentlichung: Der Band ist für Juni 2010 in der SEVEN FANCY-Reihe im “Sieben Verlag” geplant.
Ich habe es immer schon gehaßt, vor einem Wust Papier zu sitzen. Vor unbearbeiteten Aktenbergen. Sie sind Fußfesseln, die mich an einen Schreibtisch binden. Warum ich es dennoch versuchte, hatte nur einen Grund: Ich wollte endlich Geld verdienen. Möglichst viel und bequem.
„Geh in den öffentlichen Dienst. Werde Beamtin. Da überarbeitest du dich nicht“, riet man mir.
Da saß ich nun.
Jahre später.
Frustriert, demoralisiert und fern jedem Schaffensdrang. Eingepfercht in ein Winzigzimmer mit Susan, meinem perfekten Gegensatz. Anfangs beäugten wir uns mißtrauisch. Ich war ihr mit Sicherheit zu schrill. Aber sie war viel zu gut erzogen, um es mich spüren zu lassen. Das handelte ihr die ersten Pluspunkte bei mir ein. Und ich beschloss im Gegenzug, auch unvoreingenommen an sie heranzugehen.
Im Laufe der Jahre wuchsen wir zusammen, vertrauten uns Dinge an, die wir anderen Kollegen nicht einmal unter Folter verraten hätten. Und schon bald war es gerade Susan, die mir das Bürodasein erträglich machte.
Wenn …ja wenn da nicht unser Vorgesetzter gewesen wäre. Seines Zeichens Paragraphenreiter übelster Sorte. Jeder, der nicht zumindest Jura studiert hatte, war für ihn ein geistiger Tiefflieger. Seine stupide Arroganz war unübertrefflich. Dabei war er selbst die Verkörperung des klischeehaften Schreibtischhengstes und Erbsenzählers.
Mehr noch!
Er zählte sie nicht nur, er stapelte sie auch noch. Zudem war er mit einem urdeutschen Namen gesegnet. Herr Schmitz, diese beiden Worte waren der sichere Garant dafür, mir den Tag zu verderben. Die Krönung war unsere gegenseitige Antipathie, die wir – höflich wie wir waren – hegten und pflegten.
Schlimmer noch waren die monatlichen Dienstbesprechungen. Ich konnte seine monotone und zu allem Überfluß auch noch leise Stimme – wie er ohne Höhen und Tiefen – kaum ertragen. Sie war nicht nur einschläfernd, sie war geradezu tödlich. Bei einem dieser schier endlos langen Gespräche, bei dem mir wieder die Augenlider zuzufallen drohten, erinnerte ich mich an den Spruch einer Freundin, sich in bestimmten Situationen das Gegenüber in Unterhose vorzustellen.
Bei Schmitz fiel es mir schwer.
Trug er String-Tanga mit Leopardenmuster?
Nein, Boxer-Shorts mit Bügelfalte – womöglich kariert – waren bei ihm wohl das Äußerste der Gefühle. Ich widerrief gedanklich diese beiden Möglichkeiten. Zu seiner fahlweißen, schwammigen Haut paßte allenfalls heller Feinripp.
Ich zuckte zusammen.
War das etwa ich? Was sollten solche Gedanken?
Mir wurde blitzschnell klar: Es wurde eindeutig Zeit, den Beruf zu wechseln!
Das zu dem Büroalltag, dem ich gottlob entflohen bin. Geblieben ist mir Susan. Und sie ist all die grauenvollen Bürojahre wert.
Doch kommen wir zu Jojo.
Ihn traf ich in einer Mittagspause, in der ich, genervt von all dem verlogenen Kollegengeschwätz, in die Düsseldorfer Altstadt flüchtete. Er rannte mich über den Haufen, war ein typischer Punk und eindeutig nicht meine Altersklasse. Wir knallten zusammen wie die viel beweinte Titanic und der Eisberg. Aber Jojo ging nicht unter. Er grinste mich frech an. Fragte, ob ich Lust auf eine Tasse Kaffee hätte. Erstaunt, dss junge Punks auch Kaffee trinken und nicht nur literweise Bier in sich hineinschütten, rang ich nicht einmal zwei Sekunden mit mir und säuselte: „Die Idee ist gar nicht schlecht.“
Auch Jojo ist mir geblieben – lange – bis er zu einem anderen Ufer aufbrach. In eine bessere Welt?
Doch ich will nicht vorgreifen.
So viel erst einmal zu Susan und Jojo … nur zum besseren Verständnis. Und weil sie diejenigen waren, die ich stets vor unseren Plaudereien fragte: „Weißt du schon das Neuste?“