Short Story

Kurzgeschichten mit Links

Die Tränen Luzifers

Von admin am 25. Juli 2009 veröffentlicht

Autorin: Tanya Carpenter
Illustration:
Crossvalley Studio of Digital Art
Veröffentlicht: Im Buch “Das Herz der Dunkelheit”

DieTraenenLuzifersRom, Januar 2001
Es hätte so schön sein können. Endlich einmal Urlaub, weg von allen Verpflichtungen, Querelen, Ordens-Regeln und ständigen Einmischungen in unser Privatleben, von welcher Seite sie auch kommen mochten. Selbst wir Vampire brauchten gelegentlich mal so eine Auszeit. Und mein Geliebter, Armand, und ich hatten diese derzeit bitter nötig.
Mein Vater Franklin, als Leiter des Londoner Mutterhauses auch mein Vorgesetzter im Ashera-Orden, stand unserer Liebe nach wie vor kritisch gegenüber, der Vampirlord Lucien von Memphis versuchte beständig, Zwietracht zwischen uns zu säen, und seit kurzem mischte sich auch Kaliste, die Urmutter der Vampire, in unser Leben ein und hatte mir ausgerechnet die Verantwortung für Dracon, unseren ärgsten Widersacher, übertragen. Alles in allem waren die letzten Wochen nicht gerade einfach für uns gewesen.
Dieser Urlaub sollte uns und unsere Beziehung wieder ins Gleichgewicht bringen. Was passte da besser als Rom, die ewige Stadt. Entspannt durch die nächtlichen Straßen dieser wunderbaren geschichtsträchtigen Metropole wandern, ein bisschen Kultur, ein bisschen Amore …
Wie gesagt, es hätte so schön sein können. Seufzend schloss ich die Email von Franklin wieder.
„Je te l’avais dit. Ich habe dir gleich gesagt, schau erst gar nicht in deine Mails“, meinte Armand mürrisch. Ich konnte ihm seinen Unmut nicht verdenken, brachte es aber auch nicht über mich, meinen Vater vor den Kopf zu stoßen und den Auftrag abzulehnen, wo wir praktisch vor Ort waren.
„N’y aurait-il pas quelqu’un d’autre pour le faire? Warum kann das kein anderer machen?“
„Weil die Vorfälle im Vatikan stattfinden, und der lässt doch freiwillig nie jemanden von der Ashera rein.“
„Wann kommt Franklin hier an?“
Er war wirklich sauer. Versöhnlich hockte ich mich zu ihm aufs Bett und küsste ihn auf den Mund.
„Er wird morgen Nachmittag hier landen. Abends treffen wir uns zur Besprechung der Details und danach reisen wir beide weiter zum Vatikan, während Dad zurück nach London fliegt.“
„Amuse-toi bien avec ta famille. Viel Spaß beim Familientreffen“, spottete Armand. „Ich bleibe hier. Ich habe Urlaub.“

„Bist du allein?“, fragte mein Vater, als er mich in der Hotellobby begrüßte.
„Armand ist etwas eingeschnappt, was ich ihm nicht verdenken kann.“
Der Hauch eines Vorwurfs schwang in meiner Stimme mit, was Dad nicht entging. Aber schließlich war es ja meine Entscheidung gewesen, während meines Urlaubs die Emails des Ordens abzufragen.
„Lass uns auf mein Zimmer gehen. Dort sind wir ungestört“, bat Franklin. Seinem misstrauischen Blick in die Runde, der sonst so gar nicht seine Art war, entnahm ich, dass die Angelegenheit noch viel heikler war, als ich aufgrund seiner Nachricht vermutet hatte.
In seinem Zimmer holte er ein blaues Samtbeutelchen hervor und legte es mir in die Hand. Behutsam öffnete ich die Verschnürung und lugte hinein. Aus dem Inneren strahlten mir drei bunt schillernde Juwelen, entgegen.
„Tränen Luzifers“, sagte mein Vater bedächtig. „Insgesamt spricht man von Eintausend. Kleine Kristalle, die in allen Farben leuchten. Es sollen wirklich die Tränen des gefallenen Engels sein. Als sie vom Himmel fielen wurden sie dort, wo sie die Erde berührten, zu Kristallen. Engelstränen, die für die Menschen vergossen wurden, als sich Gott von ihnen abwandte. Dafür wurde Luzifer aus dem Himmel vertrieben. Für sein Mitleid mit uns Menschen.“
„Glaubst du daran?“, fragte ich und verspürte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Mein letzter Fall hatte ebenfalls mit den Tränen von Engeln zu tun gehabt, und die Menschheit hatte kurz vor der Ewigen Nacht gestanden. In letzter Sekunde hatten wir den Untergang der Sonne verhindern können. Vampire, Menschen und Lykaner mit vereinten Kräften.
Franklin lächelte still und schien nichts von meinen Gedankengängen zu bemerken.
„Alles ist möglich, wie du weißt. Die Macht dieser Tränen ist unleugbar wahr. Wenn also ein Teil der Legende stimmt, warum dann nicht auch der Rest? Doch die ganze Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.“
„Wo sind die restlichen Tränen?“
„Abgesehen von diesen drei sind alle, die sich in unserem Besitz befinden im Mutterhaus in Montreal. In sicherer Verwahrung.“ Die Ashera erforschte und dokumentierte übersinnliche Phänomene nicht nur, wir versuchten auch zwischen Menschen und übernatürlichen Wesen zu vermitteln, nahmen PSI-begabte Menschen bei uns auf und verwahrten okkulte und paranormale Relikte. Bei all diesen Tätigkeiten waren wir stets bemüht, uns so wenig wie möglich einzumischen, was manchmal leider gar nicht so einfach war. Besonders dann nicht, wenn eine akute Bedrohung für die eine oder andere Seite bestand.
„Sicherer Verwahrung? Sind sie so gefährlich?“
„Ihre Macht kann gefährlich sein. Wenn man eine zerspringen lässt, kann man einmal das Schicksal der Welt beeinflussen. Hitler hatte zwei von ihnen in seinem Besitz und hat sie beide benutzt. Du weißt, was dann geschehen ist. Der römische Kaiser Nero hatte eine. Ramses I. soll eine besessen haben. Es ist viel Schaden mit diesen Tränen angerichtet worden. Deshalb sind sie in sicherer Verwahrung. Um ihren Missbrauch zu verhindern.“
„Dann ist der Begriff ‚teuflisch’ für Luzifer wohl wirklich nicht so falsch“, wagte ich einzuwerfen. Engelstränen bedeuteten einfach nichts Gutes. Egal, wer sie weinte.
„Oh Mel, das ist ungerecht. Er hat die Tränen nicht um des Schadens willen vergossen, sondern aus Mitleid. Ihre Macht lautet nur, dass man das Schicksal der Welt mit ihnen beeinflussen kann, zum Guten wie zum Bösen. Es ist die Wahl der Menschen, wie sie wirken, nicht die des gefallenen Engels. Und im Menschen lauert nun mal seit jeher das Böse.“
„Ist auch Gutes damit bewirkt worden?“ Ich musste die Frage einfach stellen.
„Nun, es heißt, der heilige Franz von Assisi hätte eine besessen. Und Mutter Theresa ebenfalls. König Salomon hatte angeblich zehn. Und sicher noch eine Menge anderer Menschen. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille.“
Ich schloss den Beutel und reichte ihn Franklin zurück.
„Gut, lassen wir es mal dahingestellt sein, ob die Tränen gut oder böse sind. Aber was genau haben die mit dem Fall zu tun? Du hast nur etwas von paranormaler Aktivität im Vatikan geschrieben.“
„Der Vatikan hat dreiundfünfzig Tränen in seinen Archiven.“ Mir blieb der Mund offen stehen. Diese heuchlerischen Scheinheiligen.
„Es ist zunächst nur ein Gerücht“, beschwichtigte Franklin, „aber dass der Vatikan so etwas bestätigen würde, kann man kaum erwarten. Eine Menge Hinweise deuten darauf hin, dass es nicht nur ein Gerücht ist. Und dass es Zeiten gab, in denen noch mehr Tränen dort lagerten. Es sind also wohl auch einige schon verwendet worden.“
„Soll ich die Dinger stehlen, damit diese verblendeten Kirchgänger keinen Schaden mehr damit anrichten?“ Vor meinem geistigen Auge zogen von den Kreuzzügen über die Inquisition bis hin zu gewaltsamen Missionierungen heidnischer Völker alle möglichen Schreckensszenarien vorbei, bei denen solch ein Kristall womöglich Einsatz gefunden hatte. Ich würde Pettra anrufen, meine Daywalker-Freundin, auch eine Vampirin, aber von anderer Art, die für Einbrüche prädestiniert war. Schließlich verdiente sie damit ihren Lebensunterhalt.
„Nein!“, sagte Franklin entschieden. „Und ja!“, setzte er etwas leiser hinzu. „Wenn du an sie herankommst, bringst du sie selbstverständlich mit. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass bei dieser Aktion kein Verdacht auf die Ashera fallen darf.“
Ich grinste zynisch. „Warum sonst hättest du ausgerechnet mich um Hilfe gebeten? Das einzige Ashera-Mitglied, das nahezu unsichtbar in den Hochsicherheitsbereich des Vatikan hinein- und wieder hinauskommt.“
Meine Offenheit behagte Franklin nicht. Es war illegal, was wir hier gerade besprachen. Einbruch, Diebstahl. Aber manchmal heiligte der Zweck die Mittel. Mir hätte die Macht der Tränen als Zweck genügt, um sie den Kirchenvätern zu entwenden. Aber mein Vater brauchte noch einen weiteren Grund, um diesen Schritt zu tun.
„Ich hätte so eine Aktion nie in Erwägung gezogen, wenn nicht die aktuellen Vorkommnisse es erforderlich machen würden.“
In seinen Augen las ich nackte Angst, etwas, das ihm nicht ähnlich sah.
„Im Vatikan versucht gerade ein Sapyrion die Tränen zu stehlen.“

Diese Nachricht ließ auch in Armand jeden Widerwillen, den Fall zu übernehmen, verschwinden. Ein Sapyrion. Ein Dämon aus den Tiefen der Unterwelt. So absolut böse und verdorben, dass sich selbst andere Dämonen von ihm fernhielten. Diese Kreaturen waren Ausgestoßene, und dem Himmel sei dank waren die Tore zur Menschenwelt normalerweise für sie verschlossen. Was mich zu der Frage brachte, wie dieser Sapyrion es geschafft hatte, ein Dimensionstor zu durchschreiten. War er einem anderen Dimensionswandler heimlich gefolgt? Unwahrscheinlich, die Hitze dieser Wesen machte es ihnen unmöglich, sich unerkannt einem anderen Wesen zu nähern. Pyro – das Feuer – der Bestandteil ihres Namens war mehr als bezeichnend. Ihre Haut glühte rotschwarz, was sie berührten erlitt Brandspuren – je wütender ein Sapyrion war, desto schlimmer die Verletzungen, die er hervorrief. Außerdem konnten sie Feuerbälle werfen. Nicht gerade tolle Aussichten für Armand und mich. Ausgerechnet Feuer – das Einzige, was uns wirklich schaden konnte. Aber jemand musste dieses Wesen aufhalten, und vor allem verhindern, dass es die Tränen in die Hände bekam, wenn ich auch noch nicht wusste, wie wir das anstellen sollten.

Armand und ich entschieden uns, noch in dieser Nacht die Lage auszukundschaften. Der Sapyrion war schon seit fast einer Woche in den Mauern des Vatikan unterwegs. Möglicherweise war er den Tränen näher, als uns allen lieb sein konnte. Was würde solch eine Kreatur mit dreiundfünfzig Tränen Luzifers anstellen? Die Welt in eine zweite Hölle verwandeln? Lava-Ströme? Feuerwände? Flammen, die ohne Brennmaterial überleben konnten? Alles war möglich mit diesen Kristallen.
Im Zentrum des Vatikan herrschte Hochbetrieb. Die Schweizer Garde schien in Komplettbesetzung Dienst zu tun. So viele rot-gelb-blau gestreifte Uniformen hatte wohl selbst der Papst noch nie auf einem Haufen gesehen. Wir verharrten auf dem Dach des Petersdoms und beobachteten den kleinen bunten Ameisenhaufen unter uns.
„Ich denke, denen ist es lieber, wenn sie dem Dämon nicht begegnen“, meinte Armand und seine Stimme triefte vor Sarkasmus. „Die wissen so gut, wie wir, dass sie weder mit ihren Hellebarden, noch mit ihren Sturmgewehren etwas gegen dieses Ding ausrichten können.“
Ich schwieg, konnte Armand gedanklich aber nur zustimmen. So kampfesmutig sie auch alle taten, es war diesen Männern klar, dass der Gegner, der hier in den Schatten lauerte, nicht von dieser Welt war. Und dass eine Begegnung mit ihm den Tod bringen konnte. Franklin hatte mir berichtet, dass schon sieben Gardisten gestorben waren und etliche weitere mit Brandverletzungen in der Klinik lagen. Dennoch weigerte sich der Vatikan wie immer beharrlich, die restliche Welt in die Vorgänge innerhalb seiner Mauern einzuweihen. Man war schließlich so was wie die Macht Gottes auf Erden. Da würde man doch mit dem Teufel klarkommen. Ich lachte bitter. Mit ihrem Teufel hatte der Sapyrion wenig gemein. Gegen seine Bosheit war der christliche Satan ein Klosterschüler. Neid und Gier und Zerstörungswut waren die Natur des Sapyrion. Die schwarzverkohlten Stellen an einigen Außenwänden und der Brandgeruch, der über dem Vatikanstaat lag, waren ein deutliches Zeugnis für seine Anwesenheit und sein Handeln.
Plötzlich erklang ein ohrenbetäubendes, unmenschliches Kreischen, wie von einem riesigen, wütenden Stier, direkt unter uns.
Der Sapyrion war im Petersdom.
Das Splittern von Holz und Bersten von Gestein kündete von seinem Wirken. Er würde das verdammte Ding auseinandernehmen.
Unter uns stoben die Schweizer Gardisten wie ein aufgescheuchter Fliegenschwarm in die entgegengesetzte Richtung davon. Armand und ich konnten ihren Angstschweiß riechen. Gegen diesen Feind würde keiner von ihnen den Kirchenstaat verteidigen.
„Welch Ironie, dass ausgerechnet eine Hexe als Retterin der katholischen Zentrale fungieren soll“, meinte ich zynisch. Armand antwortete mit einem breiten Grinsen und sprang dann einem Schatten gleich vom Dach in die Tiefe. Ich folgte ihm lautlos.

Schon von Notre Dame kannte ich den Prunk, den die Kirche so gern zur Schau stellte, aber der Petersdom raubte mir wieder einmal den Atem. Trotz der herabgestürzten Fresken und der drei zertrümmerten Sitzreihen. Von dem Sapyrion selbst war nichts zu sehen.
Ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da erzitterte die Erde unter unseren Füßen und wir mussten uns beide an den Kirchbänken festhalten, um nicht zu fallen.
„Er ist unter uns. Bei den Gräbern“, sagte ich.
In Sekundenschnelle durchquerten wir das Kirchenschiff, schritten die Stufen zu den Grabmalen hinab und dort stand er – der Sapyrion. Zwei Meter hoch, mit schwarzen, gezackten Flügeln, die knochig wirkten, nur mit einer lederartigen Haut bespannt. Sein Torso glühte in pulsierendem Rot, Arme und Beine waren ebenfalls lediglich Knochen mit einem flexiblen Gewebe überzogen. In der klauenartigen Hand hielt er eine steinerne Schatulle, deren Deckel halb geöffnet war. Regenbogenfarben leuchteten uns daraus entgegen.
„Verdammter Mist, er hat sie gefunden“, rief ich.
Der Kopf des Sapyrions schoss herum, als er meine Stimme hörte – schwarze Kohlestücke statt Augen und ein Raubtiergebiss hinter verschrumpelten Lippen. Er riss sein Maul weit auf, roter Geifer tropfte von den langen Zähnen und wieder erklang dieser markerschütternde Schrei, den wir schon oben auf dem Dach vernommen hatten. In der nächsten Sekunde flog uns ein Feuerball entgegen. Geistesgegenwärtig stoben Armand und ich auseinander, die Kugel schlug in der Wand hinter uns ein, ließ einen Teil des Mauerwerks zusammenstürzen und verglühte dann. Der Sapyrion stob an uns vorbei nach oben ins Kirchenschiff, heißer Wind verbrannte uns die Gesichter, doch wir folgten ihm sofort. Ein zweiter Feuerball begrüßte uns, als wir den Altarraum wieder betraten. Auch diesem wichen wir gekonnt aus. Ich erhaschte einen genaueren Blick auf den Torso unseres Gegners – unter der Lederhaut des Brustkorbes konnte man das rotglühende Herz schlagen sehen. Ich realisierte, dass dies seine einzige verwundbare Stelle war.
Mein Blick wanderte von dem brüllenden Dämon durch den Innenraum des Doms, der Bronzethron des Hochaltars war durch den Feuerball zerstört, der hölzerne Sitz, der lange Zeit als Bischofsstuhl des Petrus gegolten hatte, zersplittert. Da sah ich plötzlich das Taufbecken mit den beiden Marmorengeln.
‚Geweihtes Wasser!? Wasser und Feuer. Das könnte klappen’, dachte ich und sammelte meine geistigen Kräfte. Armand folgte meinem Blick aus seiner sicheren Deckung heraus. Das Becken hob sich aus seiner Verankerung, Schweißperlen traten mir auf die Stirn, ich war einfach zu ungeübt in diesen Dingen. Da kam mir Armand, der erkannt hatte, was ich plante, zur Hilfe. Gemeinsam schleuderten wir das marmorne Gefäß gegen die Brust des Sapyrions. Ein lautes Zischen, der Dämon kreischte vor Schmerz auf, ließ seine Beute fallen und ging in die Knie, doch noch ehe ich triumphierend jubeln konnte, war er auch schon wieder auf den Füßen. Das war daneben gegangen und hatte ihn nur noch wütender gemacht. Sein Zorn schlug uns in einer Hitzewelle entgegen, gefolgt von weiteren Feuerbällen, denen wir nur durch unsere vampirische Geschwindigkeit entkamen. Wie Eichhörnchen an einem Baumstamm klammerten wir uns an den Wänden fest und sprangen von einer Freske oder Balustrade zur nächsten. Der Sapyrion richtete sein Hauptaugenmerk dabei auf mich.
„Distrais-le. Lenk ihn ab“, rief Armand mir zu.
„Was hast du vor?“
„Lenk ihn einfach nur ab!“
Einfach nur ablenken. Na prima. Sollte ich mich als Brathähnchen anbieten? Armand sprang mit einem riesigen Satz Richtung Hauptportal, sofort riss der Feuerdämon den Kopf herum und schickte sich an, einen Feuerball gegen meinen Liebsten zu werfen. Das konnte ich nicht zulassen.
„Hey, Glühwürmchen“, rief ich ihm entgegen. „Mein Elektroherd wird heißer als du.“
Ich bezweifelte zwar, dass er auch nur ein Wort von dem, was ich sagte, verstand, aber zumindest verlagerte sich seine Aufmerksamkeit wieder von Armand auf mich. Doch statt einen neuen Feuerball zu werfen, ging der Sapyrion diesmal in die Knie und stieß sich kraftvoll ab, um vor mir auf der Empore zu landen. Meine Haare knisterten unter der Hitze, ich spürte, wie sich erste Blasen auf meiner Haut mit Flüssigkeit füllten. Lebendig gegrillt zu werden entsprach nicht grade meiner bevorzugten Todesart. Kurzerhand ließ ich mich einfach fallen und landete vor dem zerstörten Hauptaltar. Ein heftiger Windstoß brachte mich kurzzeitig ins Wanken, er kam vom weit geöffneten Hauptportal. War Armand noch zu retten? Er konnte diesem Biest doch nicht auch noch die Tür aufmachen. Wenn das Vieh erst mal draußen war, würden wir es nie wieder kriegen. Allerdings war es auch äußerst fraglich, ob wir es hier drinnen besiegen könnten, ehe es uns mitsamt dem Dom zu einem Häufchen Asche verbrannte.
Meine Haut spannte sich schmerzhaft, obwohl die Heilung bereits einsetzte, der scharfe Geruch nach meinem eigenen verbrannten Fleisch ließ Übelkeit in mir aufsteigen. Alles in mir schrie nach Flucht. Ich spürte die zunehmende Hitze wie eine Druckwelle, als der Sapyrion wieder nach unten sprang, schaffte es gerade noch rechtzeitig aus der Gefahrenzone, ehe seine klauenbewehrten Füße auf dem Boden aufkamen und zwei tiefe Löcher ins Gestein drückten. Jeder Atemzug schien meine Lunge zu verbrennen. Da wurde es plötzlich merklich kühler. Auch der Sapyrion bemerkte die Veränderung und hielt verwundert inne. Wir blickten beide Richtung Ausgang, wo Armand konzentriert und angespannt stand, über ihm eine riesige dunkelgraue Wolke voller Regenwasser. Woher…? Doch dann wurde es mir schlagartig klar. Der Brunnen auf dem Petersplatz. Armand hatte einfach meine Idee aufgegriffen und sie mit einer riesigen Menge Wasser umgesetzt. Die Wolke näherte sich dem Sapyrion, der mit drohendem Gebrüll langsam zurückwich. Doch seine Beute lag zwischen ihm und der Wolke. Ohne sie wollte er diesen Ort nicht verlassen. Wir hechteten beide auf die Schatulle zu, ich war schneller, erwischte sie mit dem Fuß und brach mir schmerzhaft die Zehen, als ich sie außerhalb seiner Reichweite stieß. Im selben Moment erreichte uns die Regenwolke und öffnete ihre Schleusen. Das Zischen von hundert Dampfkesseln erfüllte den Raum, der anschließend in undurchdringlichem Dunst lag. Die Schmerzensschreie des Sapyrions hallten von den Wänden, seine Haut nahm eine grauweiße Färbung an, er zitterte und brach auf dem Boden vor dem Altar zusammen. Ich reagierte instinktiv, ohne nachzudenken, ignorierte den Schmerz in meinen Händen, als ich den Dämon an den Armen packte, die noch immer heiß waren wie ein aktiver Vulkan, und schleuderte den geschwächten Körper Richtung Altar. Der Sapyrion spreizte seine mächtigen Schwingen genau in dem Moment, in dem sein Torso auf den Überresten des Bronzethrons aufschlug. Ein spitzer Pfahl vom gesplitterten Bischofs-Sitz des Petrus ragte aus seiner Brust, hatte das Herz durchbohrt. Ungläubig starrte der Sapyrion das blutverschmierte Holz an, seine Klauen umfassten das Ende und rissen es heraus. Blut strömte aus der Wunde und floss zischend zu Boden. Noch einmal schlug der Dämon mit seinen Flügeln, kam mit aufgerissenem Maul auf mich zu, und brach dann zusammen. Sein Körper schlug auf dem Steinboden auf, er zuckte noch einmal, dann löste sich die Gestalt in Rauch und Nebel auf. Es folgte eine beängstigende Stille.
Suchend blickte ich mich um, sah die offene Steinschatulle unter der halb zerbrochenen Figur der heiligen Veronika. Einige Kristalle waren aus dem Behältnis gefallen. Ich sammelte sie mechanisch ein. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Armand zu der Stelle ging, wo der Sapyrion zusammengebrochen war. Er kniete sich hin und untersuchte den dunkelroten Fleck, der das Ableben unseres Gegners markierte. All das nahm ich nur verschwommen wahr. Mein Blick war fest auf die schimmernden Kristalle in meiner Handfläche gerichtet. Die Macht, das Schicksal der Welt zu beeinflussen. Meine Hand zitterte, die Tränen schienen zu leben, sie bewegten sich, funkelten in allen Farben, ich konnte sie flüstern hören: „Wage es, wage es, das Schicksal liegt in deiner Hand.“
Ich hatte nicht bemerkt, dass Armand schon wieder zu mir getreten war. Mit seiner linken Hand umfasste er sanft mein Handgelenk. Mit der anderen schloss er meine Finger über den Kristalltränen.
„N´y pense même pas Mel. Denk nicht einmal daran. Leg sie zurück und lass uns die Schatulle zu Franklin bringen, ehe die gestreiften Ameisen hier wieder auftauchen. In den Händen der Ashera werden die Tränen sicherer sein und keinen Schaden mehr anrichten