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Vincent Persey und der Verfolger

Von barb am 12. April 2010 veröffentlicht
Thema: Gruseliges

„Was will der Mann in der Stretchlimousine?“
Als Mr. Vincent Persey sich heute Abend auf den Weg nach Hause machte, wollte er, wie gewöhnlich, die U14 der Londoner U-Bahn vom Bahnhof Princeline nehmen, um nach Westbridge zu fahren, ein Vorort von London, der so furchtbar-spießige Menschen beherbergte, dass das erste herabfallende Blatt im Herbst zu wilden Diskussionen am Gartenzaun führte. Würde es nicht sofort beseitigt werden, so bestünde schließlich die leicht nachvollziehbare Gefahr, dass das Blatt auf das Nachbargrundstück fallen könnte und dann dort beseitigt werden müsste.
Normalerweise beendet Mr. Persey seine täglichen Aufgaben bei Slummings & Partners punktgenau um 18:00 Uhr, fährt mit der U14 um 18:12 Uhr los und kommt exakt um 18:59 Uhr vor seiner Haustür in der While-Lane in Westbridge an. Heute war jedoch ein besonderer Tag im Büro und er musste auf Grund eines ausländischen Investors wesentlich länger bleiben. Er war für die Finanzierungsgeschäfte bei Slummings & Partners verantwortlich. Solche Unregelmäßigkeiten mochte Mr. Persey gar nicht gern. Er hasste Sie.
Als die geschäftlichen Gespräche beendet waren, zeigte seine Uhr, dass es bereits nach 23:00 Uhr war. Seiner Frau hatte er zwischenzeitlich eine SMS geschickt (eine der wenigen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts, dem sich Mr. Persey nicht absolut verschlossen gegenüberstellte – sein Handy, dass er nach vehementen Forderungen seiner Frau Mrs. Lenore Persey nun immer bei sich trug).
Als er aus der Eingangshalle bei Slummings in den Abend hinaus schritt, stellte er fest, dass es schon dunkel war. Auch das war einer der Umstände, warum er gern pünktlich Feierabend machte. Nur seine Frau und einige wenige enge Freunde kannten ein Geheimnis von ihm, denn er hatte im Dunkeln unvorstellbar schnell Angst.
Er Schritt also in Richtung Bahnhof Princeline. Die dauert für gewöhnlich nur fünf Minuten. Es gab jedoch eine Baustelle, weshalb er einen kleinen Umweg machen musste.
Er bog also nicht wie gewohnt rechts in die Crossroad ein, sondern ging geradeaus in die Becketstreet, um dann die nächste rechts zu nehmen. Als er an der Ecke ankam, die seine Abbiegung in die gewohnte Richtung bedeutete, sah er auf der anderen Straßenseite einen Mann neben einer Luxus-Limousine stehen. „So ein Schmog“, dachte Mr. Persey, aber als er genauer hinschaute erkannte er, dass es sich um einen Chauffeur handelte, der scheinbar auf seinen Auftraggeber wartete. Mr. Persey bog ab und ging eilig weiter, denn die Abfahrtszeiten der U14 um diese Uhrzeit waren ihm fremd. Kaum war er 15 Meter gegangen hörte er hinter sich ein Fahrzeug mit leicht quietschenden Reifen wenden. Da dies in der Londoner Innenstadt keine Seltenheit war, maß er diesem akustischen Ereignis keine weitere Bedeutung bei und ging weiter ohne sich umzudrehen. Erst als er feststellte, dass dem Geräusch nicht die üblichen Bewegungen von Scheinwerfern folgten, stieg das erste Gefühl von Panik in ihm hoch. Er drehte sich um und sah, dass der Chauffeur nun nicht mehr neben seinem Auto stand, sondern langsam in seine Richtung fahrend hinter dem Steuer der Stretchlimo saß. „Das kann nichts Gutes bedeuten“, dachte Mr. Persey und beschleunigte seine Schritte zum Bahnhof. Helle Lichter begrüßten ihn schon nach wenigen Metern und er fühlte sich wieder ein wenig sicherer.
Als Mr. Persey die Treppe in den U-Bahn Tunnel hinabstieg dachte er noch mal kurz über den Fahrer der Stretch-Limousine nach und im Nächsten Moment schon einen Bettler, der in einen alten, fleckigen Mantel gekleidet auf Knien die Passanten um Geld anbettelte. Einem Schild entnahm er, dass der Mann Taub und Blind war. Das war Mr. Persey egal, denn er hatte nie viel übrig für das Leid anderer. Außer beim Absterben seiner Hortensien im heimischen Garten hatte er nur am Grab seiner Mutter geweint, die im vergangenen Jahr im Alter von 96 erfüllten Lebensjahren an Herzversagen gestorben war.
Im Tunnel angekommen las er das Hinweisschild der U-Bahn auf dem der als nächstes eintreffende Zug stand. Hier stehen im Regelfall die Zuglänge, die Ankunfts- und Abfahrtszeit und einige der kommenden Haltestellen inkl. der Zielhaltestelle. Nun zeigte das Schild jedoch die Meldung, dass der nächste Zug erst wieder am kommenden Morgen gegen 4:32 Uhr fahren würde. Mr. Persey war fassungslos. Er stand wie angewurzelt da und starrte einige Sekunden die Anzeigetafel an und ging dann wieder die Treppen hoch zum Bahnhof. Er würde nun ein Taxi nehmen müssen, denn anders konnte er nicht nach Hause kommen. Er hatte es sich abgewöhnt mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren, nachdem er im Vorjahr zusammen mit seinem Steuerberater festgestellt hatte, dass er rund 5% seines Nettolohnes pro Monat für Parktickets ausgegeben hatte. Davon waren zwar die meisten Kosten entstanden, weil er als Falschparker entlarvt wurde, jedoch seiner Ansicht nach, waren es zwei unverbesserliche Politessen, die nichts Besseres zu tun hatten als kontinuierlich durch die Queststreet zu laufen in der die Firma Slummings Ihren Sitz hatte und dort ausschließlich seinen alten Mercedes mit Falschparkzetteln auszustaffieren.
Oben angekommen drehte er sich in Richtung Taxistand, den er im Vorbeilaufen schon oft gesehen hatte, jedoch stets zu geizig war eines zu nehmen. Auch jetzt ärgerte er sich über das Geld, welches er gleich Verschwenden würde.
Da war er wieder, der Chauffeur in seiner Stretchlimousine. Nun stand der Mann im Licht. Er sah gar nicht so gefährlich aus. Mr. Persey konnte ihn nun recht gut erkennen. Er musste zugeben, dass der kleine Mann, der einen Schnurrbart trug und einen absolut akkurat sitzenden Anzug einen recht sympathischen Eindruck machte. Er musste eh in seine Richtung gehen, da der Mann direkt vor allen Taxis geparkt hatte und wollte sich bei dieser Gelegenheit das Auto mal genauer anschauen, natürlich nur, wenn der Chauffeur dies zu lies. Gutes Benehmen war Mr. Persey schon immer sehr wichtig. Daher fragte er den Mann, als er nur noch wenige Meter entfernt war, ob er sich das Fahrzeug mal genauer anschauen konnte. Der Fahrer willigte ohne Widerworte sofort ein und bat Mr. Persey sogar an, sich den Innenraum mal anzuschauen. Diesem Angebot konnte Mr. Persey nicht wiederstehen und drehte zunächst eine Runde um den Wagen. Wie der Chauffeur auf seine Nachfrage hin bekannt gab, handelte es sich um das neueste Modell eines Ford Lincoln Town Cars in der so genannten L-Version, was bedeutete, dass dieses Auto besonders lang war.
Nachdem Mr. Persey sich auch den Innenraum angeschaut hatte war er völlig begeistert. Es gab eine Bar in dem Wagen, mehrere Fernsehre und eine eindrucksvolle Lichtanlage. Mr. Persey fand die Lichter zwar beeindruckend, jedoch waren diese nicht sein Geschmack.
Er bedankte sich bei dem freundlichen Fahrer und wollte gerade zu einem der Taxis gehen, als der Chauffeur sich an ihn wand und sagte, dass er ihn ebenfalls gerne nach Hause fahren könnte. Mr. Persey hatte für diese Idee nichts Übrig und blockte ab. Das Geld, das er gleich für das Taxi ausgeben würde täte ihm schon weh und so hoffte er dem Fahrer gut erklärt zu haben, dass sein Angebot zwar verlockend, jedoch unerschwinglich für ihn war.
„Diese Stretchlimousine mieten kostet sie nicht mehr, als mit einem der Taxis dort zu fahren, das garantiere ich Ihnen!“
Nach dieser Aussage war Mr. Persey ziemlich platt. Er hatte damit gerechnet, dass gerade ein solch neues Fahrzeug nur für Stars und Sternchen der Theater- und Kino-Szene würde bezahlbar sein.
Er willigte sofort ein und fuhr mit der Limousine nach Westbridge.
Diese Fahrt hatte er auch Jahre später noch nicht vergessen, als die Firma Slummings & Partners einen Mitarbeiterparkplatz baute und alle Mitarbeiter, die länger als 5 Jahre der Firma angehören kostenlos einen Parkplatz in der Londoner Innenstadt erhielten. Mr. Persey fuhr dennoch täglich mit der U-Bahn. Den freundlichen Chauffeur hat er leider nicht mehr gesehen, aber nach dieser Fahrt hat er oft die Limo durch die Stadt fahren sehen. Es ist wahrscheinlich wie mit so vielen Dingen, erst wenn man sich diese bewusst macht, sieht man sie erst im alltäglichen Leben.