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Kurzgeschichten mit Links

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Vogelperspektive

Von fantastixx am 20. Oktober 2011 veröffentlicht
Thema: Märchen

Die Sonne ging gerade auf an der Küste. Das Rauschen von den Wellen war ruhig und sanft. Am Strand rollten die Wellen über den marmorfarbigen Sand und der weiße Schaum löste sich am Ufer auf. In Porto Cristo machten sich die ersten Händler daran, ihr Tagewerk zu beginnen. Die Fischer hatten in der Nacht reiche Beute gemacht und fuhren nun langsam in den Hafen ein. Hinter ihnen flog eine kreischende Schar von Möwen her. Ihre Schreie konnte man schon von weitem am Festland sehen. Wenn die weißen Vögel so tief über dem Wasser flogen und kreisten, war es ein gutes Zeichen für die Bewohner der kleinen Hafenstadt. Das Schiff hatte nicht den Meeresgrund in der Nacht berührt und die Männer würden hoffentlich mit einer guten Ausbeute zurück kehren. Kurz bevor das Schiff den Hafen von Porto Cristo erreichte, stürzten sich einige der Möwen senkrecht ins Meer. Während sie ins Wasser eintauchten, wie Pfeile, fischten sie nach dem was die Fischer über Bord warfen. Eine dieser Möwen sah, wie einem der Seeleute ein Fisch mit seinen letzten Zuckungen versuchte, zurück ins Wasser zu gelangen. Mit einem letzten Flossenschlag hüpfte er tatsächlich über Bord. Pfeilschnell, wie ein Torpedo legte die Möwe die Flügel an, um sich die Beute nicht entgehen zu lassen. Der Aufschlag bremste sie, doch bevor der noch benommene Fisch entwischen konnte, packte sie mit dem Schnabel zu. Sie tauchte aus dem aufgepeitschten Wasser auf und verschlang ihn gierig, ehe eine ihrer Artgenossen ihr den Fisch entreißen konnte. Dann drückte sie sich mit aller Kraft vom Wasser ab und erhob sich zurück in die Luft. Sie kreiste noch ein paar Mal über das Boot, aber erkannte, dass es heute nicht mehr allzu viel geben würde.

Von den Winden gestützt, begann sie an der Küste entlang zu segeln. Unter ihr türmte sich das Meer und die weißen Wogen sahen für einen Normalsterblichen gefährlich aus. Die Möwe kümmerte sich nicht weiter darum und segelte an der Insel entlang. Der Berge im Inneren der Insel waren von einigen Bäumen bewachsen, aber auch felsige Steinwände waren zu sehen. Die Insel, die so beliebt war bei den Menschen und doch so unterschiedliche Eindrücke hinterließ. Mallorca, wurde sie genannt, sie war so vielseitig wie ein Smaragd, der je nach Lichteinfall anders erstrahlte. Unter der Möwe eröffneten sich Sandstrände, die den Teil der Insel säumten, wie einen Streifen. Bald erschien unter ihr eine weitere Hafenstadt: Cala Ratjada, die Rochenbucht. Umsäumt von grünen Hügeln lag die Stadt direkt am Meer und die letzten Fischerboote brachten gerade ihre Ladung herein. Am frühen Morgen war es hier angenehm. Die meisten Besucher der Stadt schliefen noch. Die weiß getünchten Häuser leuchteten in der Morgensonne und der Hafen strahlte eine Ruhe aus. Hier hatte die Möwe manchmal des Nachts auf einem Masten der Schiffe geschlafen und den klaren Himmel und den Mond betrachtet. Tagsüber war hier zu viel Rummel, um Fische zu fangen. Menschen fuhren mit ihren Segelbooten hinaus, Schiffsverkehr herrschte. Manchmal, wenn die Möwe es wollte, flog sie an den Kai herunter, wo Touristen sie mit Brot fütterten.

Unweit von Mallorca, lag die kleinere Insel, der Ort, an dem die Möwe einst geschlüpft war. Menorca war so anders als die große Insel. Weniger Menschen strömten zu ihr, mehr Ruhe wahr hier. Die Insel war von einem grünen Teppich aus Bäumen überzogen. Nur im Norden der Insel ragten schroffe und steile Küstenhänge aus dem Wasser. Hier donnerte die Brandung gegen den Fels und hinterließ ein lautes Echo, dass nicht einmal die Möwe mehr etwas hören konnte. Wenn die Möwe über die Insel flog lagen unter ihr alte Bauernhöfe oder weite Wiesen und die Insel war ein Ort der Ruhe. Während die Möwe ihre Runde über Cala Ratjada drehte, dachte sie an diesen Ort. Als der Wind sich drehte, drehte auch sie ab, weg von der Rochenbucht, fort von Mallorca. Unter ihr lag nur das tiefe Blau des Meeres. Ein paar kleine Schiffe fuhren zwischen den Inseln herum. Die Sonne war mittlerweile hoch am Himmel und das Wasser glitzerte und spiegelte ihre Strahlen. Begleitet vom Rauschen des Meeres und des warmen Südwindes flog die Möwe zurück zu ihrer Heimat.