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Wahrsager der Liebe

Von Augur am 22. Juli 2009 veröffentlicht
Thema: Märchen

Es gab einmal ein Land, in dem drei Prinzessinnen lebten. Ihr Alter lag nicht so weit auseinander, sodass alle drei von demselben Lehrer unterrichtet wurden. Dieser war ein sehr weiser Gelehrter, der sich in vielen Dingen auskannte. Gleichzeitig galt er als Hellseher und Prophet. Seine Vorhersagen waren stets gut durchdacht und beruhten selten auf reinem Bauchgefühl. Vielmehr versuche dieser Wahrsager, bei seinen Prophezeiungen stets die Vernunft einzuschalten. Das war auch dringend ratsam. Schließlich baute der König höchstpersönlich auf seine Meinung.

Die Schwestern vertrauten dem Gelehrten, ebenso wie der König. Als die drei Mädchen langsam in das heiratsfähige Alter kamen, wollten sie stets in Erfahrung bringen, wer ihr zukünftiger Gemahl sein könnte.

Der Wahrsager versuchte sein bestes, doch in Liebesdingen ward er nicht bewandert. So sehr er seine Quellen auch bemühte, das Einzige, was er vom zukünftigen Liebesleben seiner drei langsam erwachsen werdenden Prinzessinnen zu sehen bekam, war Dunkelheit. So traf er den Entschluss, allen Schestern das Gleiche zu für die Zukunft zu versprechen, nämlich die Erfüllung aller ihrer Wünsche. Im Zweifelsfall funktionierte das immer. Schließlich hatte er es mit richtigen Prinzessinnen zu tun. Natürlich würden alle ihre Wünsche erfüllt werden. So war das schon immer, in ihrem gesamten Leben.

Die Jüngste wünschte sich einen starken Krieger als Gemahl. Er sollte die Armeen des Landes anführen können und sie bei Gefahr beschützen.
Die Zweitjüngste wünschte sich einen Schönling, der gut reden und tanzen konnte. Sie hoffte, dass ein geselliger Prinz viel mehr Zeit für sie übrig hat.
Die Älteste wünschte sich einen reichen Kaufmann. Der würde ihr täglich Schmuck und andere Geschenke kaufen.

Wie das Schicksal es wollte, bekam jede der Prinzessinnen ihren gewünschten Verehrer. Schließlich wandte sich der König an den Wahrsager. Es sollte prüfen, unter welchem Stern diese sich anbahnenden Romanzen standen. Schließlich ging es um die Zukunft des Königreiches.

Der Gelehrte traute sich nicht, dem König auch nur das zu erzählen, was dieser hören wollte und machte sich auf dem Weg zu einem geheimen Liebesorakel. Dieses war nur wenigen Eingeweihten bekannt und sollte angeblich stets einen passenden Orakelspruch bereithalten.

Doch die Antworten des Liebesorakels waren gar nicht das, was der Wahrsager sich erhoffte. Er erhielt die widersprüchlichsten Prophezeiungen. Nur selten ergab die vorausgesehene Zukunft einen Sinn. Sie rannte regelrecht davon, wenn der Wahrsager sie zu erfassen versuchte.

Schließlich kehrte der Gelehrte heim zu dem König und den drei ungeduldig wartenden Prinzessinnen. Alle wollten sie wissen, was der kluge Hellseher in Erfahrung bringen konnte. Dieser dachte lange nach, bevor er den Prinzessinnen wie auch dem König seinen Segen gab. Und das tat er ohne Bedenken. Er hatte zwar keine Ahnung, wie sich die Ehen der Schestern entwickeln sollten, doch er wusste, dass Liebe im Spiel war. Denn nur diese konnten eine alte Einrichtung wie das Liebesorakel derart zum Rotieren bringen, wie es der Fall war, als der Wahrsager die Partnerschaften der drei Prinzessinnen vorhersehen wollte.